(Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) 76. Kapitel. Müller hatte Julien keineswegs etwas vorgelogen, als er ichr sagte, daß er hoffte, Querzewski wiederzufinden. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, den er sofort ausführen wollte. Er begab sich schleunigst zu Georg Rakenius, teilte ihm die neue Verhaftung mit und sagte: „Ich möchte gern erfahren, wie es der Farkas gelungen ist, bei der Gräfin als Kammermädchen einzutreten, wer sie empfohlen und wer für sie gutgestanden hat." „Ihre Frage setzt mich nicht in Verwunderung", entgegnete Georg, „und ich habe bereits dieselbe Frage an die Gräfin gerichtet. Sie hatte eingewilligt, dies Mädchen aufzunehmen, weil sie ihr der Haushofmeister, ein alter, treuer Diener, anempfohlen hatte." „Woher kannte er sie denn?" „Tas allerdings kann ich Ihnen nicht sagen?" „Könnte ich ihn vielleicht sofort persönlich sprechen?" „Nichts einfacher als das. Begleiten Sie mich in das Palais Toroukoff." Auf die Fragen, die dem Haushofmeister eine halbe Stunde nachher gestellt wurden, antwortete dieser offen und ehrlich: „Ich hatte seit einigen Monaten die Bekanntschaft eines höchst ehrenwerten Mannes gemacht, der mir einige Gefälligkeiten erwiesen hatte. Als Gegenleistung hatte er mich ersucht, eine gewissenhafte Person, die er protegierte, in einem guten Hause unterzubringen. Und so habe ich sie hier bei uns eintreten lassen." „Wo haben Sie die Bekanntschaft dieses bewußten ehrenwerten Herrn gemacht?" „Am Wilhelmsplatz, wo wir uns täglich trafen." „Wissen Sie seine Adresse?" „Ja, mein Herr, Zimmerstraße.---Ich hatte ihm früher mehrere Besuche gemacht. Ich komme soeben von ihm." „Wie? Was sagen Sie?" „Gewiß. Als ich erfuhr, daß sich die Gräfin über das Müdchen zu beklagen hatte, so werden Sie wohl einsehen, daß mir die Sache sehr unangenehm war. Und so ging ich denn sofort zu ihrem Protektor und machte ihm die heftigsten Borwürfe." „Na, da können Sie wenigstens das Bewußtsein mit sich nehmen, da etwas Hochgeistreiches gemacht zu haben!" schrie fetzt Müller, total wütend geworden. Er schickte den Haushofmeister weg, und mit Georg allein geblieben, sagte er M diesem: Nr. 175. 1902 i ii „Sie haben begriffen, nicht wahr? Dieser Mensch war unbedingt Paul Querzewski. Ohne den Besuch dieses Dummkopfes hätten wir jetzt unseren Burschen. Jetzt natürlich läuft er schon zum Teufel. Wer weiß, ob wir ihn je wieder finden!" Plötzlich aber hielt er inne und schloß weiter: „dtun denn, nein! Er kann uns nicht entwischen! EI ist schon zum zweiten Male, daß mich diese Idee frappiert, und sie kann nicht grundlos sein. Lassen Sie uns überlegen. Warum hat er seine Geliebte, die Farkas, hier in den Dienst treten lassen? Bloß'um sie den Nachforschungen zu entziehen? Ta wäre sie bei ihm in der Zimmerstraße genau so gut verborgen gewesen. Er mußte somit einen anderen Zweck, einen seit langem gefaßten Plan verfolgen, der sich an eine andere Geschichte anschließt. — Als ich vor zwei Jahren beide hier verhaftet habe, wollte ich sein Zimmer, das er bewohnte, von unten bis oben durchstöbern. Ter Prinz Tschigorin nämlich war bestohlen. Sein Sekretär, der frühere Geldfälscher Querzewski, hatte an des Prinzen Stelle mittels gefälschter Wechsel eine Million erhoben, die in verschiedenen großen Bankhäusern von Berlin deponiert war. — Was ist aus dem Gelbe geworden? Ter Prinz hatte aus gewissen Gründen, um einem Skandal aus dem Wege zu gehen, keine Anzeige erstattet. Querzewski aber hatte ich erst als Flüchtling und entsprungenen Zuchthäusler zu verhaften gehabt. Somit hatte ich weder etwas zu sagen, noch etwas zu thun. Aber es wäre heute wichtig, zu erfahren, ob sich das gestohlene Geld noch innerhalb des Palais befindet. Sie werden gleich begreifen, weshalb. — Ich glaube, Sie habe» mir gesagt, daß sich die Farkas im Atelier der Gräfin versteckt hatte?" „Ja." „In welcher Etage befindet sich das Atelier?" „In der zweiten." „Ganz recht. Es war auch die zweite Etage, in welcher der Sekretär des Prinzen Tschigorin gewohnt hatte. Sonach mußte wahrscheinlich auch dessen Zimmer herhalten, um das Atelier auszubauen?" „Sehr wahrscheinlich." „Nun", rief Müller aus, „dann wollte ich wetten, daß man dort oben, wenn man genau nachsucht, einen Schatz entdecken würde. Ich möchte gerne im Interesse unserer Sache Gewißheit darüber haben. Wenn die Million wirklich noch im Palais ist, werden wir auch Querzewski hier im Palais wbfangen. Wird mir die Gräfin die Erlaubnis geben, ihr Atelier genau zu untersuchen?" „Ich will sie fragen gehen. Erwarten Sie mich hierin 77. Kapitel. Tie Gräfin erteilte eiligst die Erlaubnis, um welche Müller gebeten. Sie war selbst begierig, zu erfahren, ob sie thatsächlich als unwissentliche Hüterin dieses Schatzes mehrere Jahre bei sich eine Million beherbergt hatte. Sie wollte selbst bei den Nachsuchungen anwesend sein, undi 698 Vielleicht hegte sie neben ihrem Entschluß auch Den heimlichen Wunsch diesen Beamten der Kriminalbehörde mit seiner wirklich unvergleichlichen Geschicklichkeit persönlich kennen zu lernen. So also erhielt dieser Tag seine volle Ergänzurig: des Morgens hatte sie dadurch daß sie die Farkas an der Flucht gehindert, das Wild aufgehalten, und des Abends machte sie die Bekanntschaft des Jägers in Person. Sobald Müller in dem Atelier war, begann er, ohne Um irgend eine Auskunft zu bitten, erst die Mauern zu untersuchen, indem er mit dem Finger auf die die Wände überziehenden Tapeten klopfte. Als er vor den Winkel kam, worin sich Julie versteckt hatte, rief er: „Ta ist ein Hohlraum." „Jawohl", erwiderte die Gräfin, die sich keine seiner Bewegungen entgehen ließ, „diese Tapete verbirgt ein Kabinett." „Tas ich früher einmal genau kannte, als es noch zur Wohnung Querzewskis gehörte; ich hatte es aber damals nur oberflächlich untersucht. Dars ich es jetzt gründlicher durchstöbern?" „Ganz wie Sie wünschen." Er hob den Gobelin in die Höhe, steckte ihn hoch und trat ein. Nach einigen Sekunden flüchtiger Prüfung des Raumes bemerkte er, daß in einer Ecke das Tapetenpapier abgerissen war. Ter Riß schien ihm noch ganz frisch zu sein. „Gut", sagte er sich, „eben hatte Julie ihr kleines Geschäft begonnen, als sie darin unterbrochen wurde." Er setzte seine Untersuchung fort, pochte an die bloßgelegten Zregel und bemerkte, daß einige nicht ganz fest faßen. Er zwängte ein Stemmeisen zwischen zwei Ziegel, und es gelang ihm, den einen herauszubrechen. Tie beiden andern wurden noch leichter entfernt, als der erste — und alsbald kamen vier in Papier eingewickelte Pakete zum Vorschein. Er nahm eines heraus und öffnete es. Ein mächtiger Stoß vollkommen erhaltener Banknoten lag darin. Tie drei anderen tvaren ebenso dick und mußten demnach Wohl dieselbe Anzahl von Banknoten enthalten: jedes zwei- hundertfünfzig Stück. Sein erster Gedanke ivar: „Wieviel unfruchtbares Kapital!" — Ter Gedanke, daß niemand außer Querzewski die Anzahl dieser Banknoten kannte, und daß nur ein Paket von diesen, selbst nur dessen Hälfte, für den Entdecker dieses Schatzes ein Vermögen ausmachen würde, kain ihm einmal in den Sinn. Tenn er allein hatte ihn doch ohne die Hilfe eines Menschen, bloß basierend auf Logik und ans Nachdenken, geleitet von seinem Scharfsinn, entdeckt. Mit diesen Paketen beladen und sie an die Brust drückend, trat er m das Atelier zurück und sagte in seiner schlichten Weise zur Gräfin Toroukoff und zu Georg Ra- kenius: „Ta ist die Million." „Wirklich! Bei Gott, das ist zu wunderbar!" rief die Gräfin aus, die ihre Bewunderung nicht länger zurückhalten konnte. „Und Ihnen ist es gelungen, diesen Fund zu thun —" „Ganz einfach, Frau Gräfin, indem ich mir sagte, daß bei dem Charakter einer Julie Farkas, wie ich ihn an ihr kenne, sie gute Gründe gehabt haben mußte, in dieses Hans ivieder zurückzukehren und sich in dem Kabinett zu verstecken." „Sie fütb wirklich von einer unfaßbaren Geschicklich^- keit, mein Herr, und ich mache Ihnen mein Kompliment. Aber was sollen wir mit dem Gelbe anfangen? Es gehört nicht mir. Es gehört dem früheren Eigentümer des Palais, dem Prinzen Tschigorin." „Wollen Sie die Güte haben, Durchlaucht, es wenigstens für den Augenblick auszubewahren und mir Zeit zu lassen, meine Meldung zu erstatten. Ich würde mich fürchten, eine so große Summe aufzuheben." „O, man könnte sie Ihnen unbesorgt ant) er trauen. Man weiß wirklich nicht, was man an Ihnen mehr bewundern soll: Ihre Geschicklichkeit oder Ihre Ehrlichkeit." „Meinen Geist und Verstand, Durchlaucht. Ich habe mir !yn tnpige von Hebung und langjähriger Praxis erworben. Tie andere Eigenschaft, von der Sie sprechen, ist ja ganz natürlich — und man muß mir dafür keinen Tunk wissen." Nach diesen Worten, die ihm wohl erlaubt waren, zog er sich zurück. Er war stets mehr Mann der That als des Wortes. Tie Entdeckung, die er gemacht hatte, so wichtig sie auch an sich war, freute ihn wirklich nur aus dem einen Grunde, da er sich sagte: „Jetzt bin ich sicher, meinen Querzewski wieder zu erwischen. Er wird und muß zu seiner Million zurückkehren!" Auch in diesem Punkte täuschte er sich nicht. Seine Erfahrung und Menschenkenntnis bei gewissen Personen unterstützten und halfen ihm darin. Seit mehreren Jahren lebte in dem Verbrecher nur mehr der einzige Gedanke, seine Million wiederzuerlangen und sich durch diese alle erdenklichen Genüsse zu bereiten. Tiefe fixe Idee hatte ihm, wie er seiner Geliebten stets versichert hatte, das Elend eines Zuchthauses ertragen helfen und hatte ihn die Gefahren einer kühnen Flucht überstehen lassen. Wäre der Vergleich nicht ziu gewagt, könnte man ihn mit jenen frommen Schwärmern vergleichen, die sich allen Schmerzen und jedem Opfer unterwerfen, die Augen gen Himmel erhoben, bloß in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Aus ein solches besseres Leben zu verzichten, allerdings ein Leben auf dieser Welt, voll von materiellen Genüssen, die er sich schon so lange erträumt hatte, war Paul Querzewski, Der entlassene Sträfling, nicht der Mann hierzu? Wozu auch sollte er verzichten? Weshalb auf halbem Wege stehen bleiben? Weil er jetzt großen Gefahren entgegenlief? Er sah diese Gefahren nicht. Tas Einzige, was er durch den Haushofmeister der Gräfin Toroukoff wußte, war, daß Julie aus dem Hause gejagt worden war, weil man sie auf einer Neugierde ertappt hatte. Weiter nichts. Von ihrer Verhaftung wußte er nichts. Er tpar überzeugt, daß sie ihn jetzt suchte. Und wenn sie ihn noch nicht gefunden hatte, so lag der Grund darin, daß er aus übertriebener Vorsicht aus der Zimmerstraße verzogen war und auch diesen seinen lebten Zufluchtsort verändert 4^ 144.4. V. Er wußte auch, daß er auf Julien nicht mehr rechnen durfte, daß der Plan von dieser Seite mißglückt war. Wer schon seit langem hatte er den Fall vorausgesehen und alles vorbereitet, selbst ^u handeln, falls der .Handstreich feiner Geliebten nicht glücken würde. Nachdem er drei Tage verschwunden ivar und im Osten von Berlin zugebracht hatte, kehrte er zurück, um in der Umgegend des Palais herumzustreichen und stellte sich endlich unter das Portal jenes Hauses, in dem Müller vor einigen Tagen das Erscheinen Juliens abgeivartet hatte. Tort sollte er um eine gewisse Stunde einen Kammerdiener der Toroukoff treffen, einen großen Kartenfrennd und Schürzenjäger, der auch zur Trunkenheit neigte und leicht trunken zu machen war, mit dem er sich seit einiger Zeit befreundet hatte. Es handelte sich jetzt darum, ihn eines Abends in eine dazu hergerichtete Wohnung zu locken, ihn dort nach Lust spielen, essen und trinken zu lassen und dann, wenn er vollkommen trunken und besinnungslos war, dessen Livree anzuzieheu, seine Bewegungen nachzuahmen, seine Stimme anzunehmen und an seiner Stelle in das Palais der Toroukoff zurückzukehren. Dieser Plan war verwegen, die Ausführung voller Gefahr — aber Querzewski, den seine fixe Idee leitete, die ihm keine Ruhe mehr ließ, besonders, da er keine Ahnung von der Rückkehr Müllers, von seinen Entdeckungen und Schritten hatte, war entschlossen, endlich einmal ein Ende zu machen und zu handeln. (Schluß folgt.) Eine Jugettbsteundschast Kaiser Friedrichs in. Im Novemberheft der „Deutschen Rundschau" (Berlin, Gebr. Pätel) macht Frau Emma Ribbeck, geb. Baeyer, ans Grund von Briefen und eigenen Erinnerungen höchst fesselnde Mitteilungen über eine Jugendfreundschaft Kaiser Friedrichs III. aus den Jahren 1816—48. . Als znni Umgang für den damals etwa 15jährigen Prinzen geeignet vom Direktor des Friedrich-Wilhelm- Gymnasinms 'vorgeschlagen, erfreute sich Eduard Baeyer, Sohn des damaligen Oberstleutnants, späteren Präsidenten des Geodätischen Bureaus, Baeyer, bald des innigsten Freundschaftsverhältnisses mit dem gleichaltrigen Prinzen. Beide machten gemeinsame Kahnfahrten auf der Havel, Spazierritte bei Potsdam, Reisen ins Gebirge und an die See, liefen zusammen Schlittschuh, spielten Theater »sw. 699 Tie Mürztage des Jahres 1848 aber zerstörten auch diese Idylle. Der Prinz mußte nach Potsdam flüchten und schrieb von dort seinem Freund, der als Primaner bewaffnet und dem Studentenkorps zugeteilt war, folgenden Bries über die Eindrücke jener Prüfungszeit: „Potsdam, den 22. März 1848. Lieber guter Baeyer! Diesen dlugenblick erhielt ich Deinen lieben Brief, den ersten, seitdem ich Berlin verlassen! Wie mir zu Mute ist, kannst Tu Dir denken. Was ich seit dem Samstag bis heute erlebt habe, hat mich um viele Jahre älter gemacht, und ich muß ?gestehen, das alles scheint mir jetzt ein böser Traum zu ein. Tie furchtbaren Szenen des Sonntags und die heldenmütigen Truppen am Samstag (18. März. D. R.), Das ich alles vom Schlosse aus gesehen, brauche ich Dir nicht zu erzählen. Tu weißt es ebenso gut, wenn nicht besser als ich. Als ich aber Berlin verließ Sonntag-Abend um 7 Uhr, und aus dem Schloß durch die Bürgergarden ging, blutete mein Herz. Zum Glück fand ich noch in den meisten Fluren Soldaten, was mir noch ein beruhigender Anblick war. Vielfache Beweise von Anhänglichkeit seitens der Offiziere wurden mir noch erwiesen, bis ich in unserem Wagen die Linden herunter nach dem Hause des Major Oelrtch's in der Potsdamerstraße fuhr. Mit mir war noch meine Schwester (die jetzige Großherzogin von Baden. D R.); meine Eltern blieben noch beim König. Wir fuhren dann nach Potsdam und sind vor der Hand sicher. Den Abend dachte ich zu träumen; den schauderhaft entsetzlichen Anblick der Äeichenprozession! Und der Ausmarsch der Truppen aus dem Schloß, wo auf einmal dasselbe fast unverteidigt war, war ganz schrecklich. Und was für eine Erniedrigung für unfern teuren König und die arme, kranke Königin (Königin Elisabeth, Schwester König Liidwigs I. von Bayern. D. Rch vom Volke gefordert, auf dein Balkon die greulichen Leichen, unter Geheul, Geschrei und Drohungen ansehen zu niüssen. Diese Geschichte ist mir fürchterlich, und nie mag ich wieder den Schloßhof betreten. Ueberhaupt, Berlin ist mir auf ewig zuwider! Samstag war ich von 4 Uhr ungefähr an bis Mitternacht auf dem Schloß und habe die Kämpfe unserer braven Soldaten angesehen. Mit welcher Tapferkeit die sich geschlagen haben, dafür können Worte liicht hinreichen. Gott sei Dank, sind im Verhältnis mit der Kanaille wenig geblieben; jede Nachricht von einem Verwundeten ivar mir schrecklich. Dies war der erste mörderische Kampf, dem ich beiwohnte; nun kann ich in die Schlacht gehen, und der Lknblick wird mir nicht neu sein. Sonntag ist der gräßlichste Tag meines Lebens bis jetzt gewesen. Als ich den Morgen unser Haus verließ und nach dein Schloß fuhr, sagte mir eine Stimme: Du kominst fürs Erste nicht wieder! Und wie steht's! Meine meisten Sachen waren schon und sind rn Sicherheit, vieles auch schon in meinen Händen. Von dem Augenblick an, !vo ich das Schloß betrat und viele Offiziere meines Reginients mir in der tiefsten Rührung die Hand drückten, bis ich wieder abends fortfuhr, hörte das furchtbare Geschrei iiicht auf und tönt mir die Nacht noch lange stets in die Ohren. Meine armen Eltern sind wohl und in Sicherheit. Papa geht nach England im Auftrage des Königs, flieht aber nicht. Ich habe beide gesehen. In Potsdain ist alles iit der größten Ruhe und Sicherheit. Tie hiesige Schutzkommission benimmt sich musterhaft. Meine anderen jüngeren Verwandten, mit Aus- uahme meines Vetters Friedrich Karl und meiner Schwester, suw rn Sicherheit, aber nicht mit uns. Tie arme Charlotte z (Prinzessin Charlotte von Preußen, älteste Tochter des Prinzen Albrecht, Schwester des Regenten von Braunschweig, spatere Gemahlin Herzogs Georg von Meiningen. D. R ) ist, außer sich und fast durch ein Wunder entkommen. Mann ivtrb ihre Einsegnung stattsinden können?! Und die meimge! Gott allein weiß es. Ich habe aber den Mut noch lauge nicht verloren. Auf Gott vertraue ich- er wcrd's ivohl machen. Für heute muß ich schließen. ' Ich habe Dir so ausführlich wie möglich alles erzählt, was surr r gerade durchs Herz ging, aber entsetzlich gekritzelt, rsch hoffe. Tu wirst es aber lesen können. Daß Du jetzt so froh bist und das Vorgefallene vergißt, ist erklärlich bei der jetzigen Aufregung. Ich aber kann nicht froh sein, erkenne aber gehorsam die neuen Maßregeln des Königs an, die gewiß mit Gottes Hilfe segnend sein werden. Lange, lange wird es währen, ehe ich wieder froh sein kann! Sobald seht Ihr mich nicht in Berlin. Nun lebe wohl! Verzeihe die Wechte Hand und grüße alle Freunde aufs Herzlichste. Sage ihnen, sowie auch unsere,r Lehrern, daß ich stets an alle dächte, in Sicherheit wäre und auf Gott m allen Dingen vertraute, und das schwere Unglück, das über uns ausgebrochen, als von Gott kommend mit Mut und Fassung trüge. Teile den Freunden aus dem Briefs mit Vorsicht mit, was Dir gut dünkt, nichts oder alles; ich überlasse es Dir. Betet alle für uns, so wie ich es für euch thue. Gott segne euch alle und gebe, daß wir uns recht bald Wiedersehen!! Dein ewiger treuer Freund Friedrich Wilhelm. Ich bitte Dich um Gottes Willen, nimm Dich mit diesem Brief in Acht und hüte Dich, ihn jemand zu zeigen. Teile lieber mündlich daraus mit, was über unser Schicksal beruhigen kann, nicht aber, was ich von Gedanken ausspreche. Glaubst Tu, den Brief nicht wohl verbergen zu können, so verbrenne ihn. Niemand darf ihn lesen, wenn nicht Schellbach (Prof. Schellbach, Mathematiker am Friedrich Wilhelm-Gymnasium in Berlin, Lehrer des Prinzen. D-. R.), den ich übrigens schon gesehen und ausführlich gesprochen habe, und unter vier Augen, denn glaube mir wahrhaftig, es steckt alles voller Spione und Emissäre, daß man sich mit jedem Wort in Acht nehmen muß! Ich weiß es zu genau! Nimm Tich nur selbst recht in Acht!! Nun lebe wohl und denke an Vorsicht in allen Tingen. F. W." Ms Eduard Baeyer am 25. März den Prinzen in Potsdam besuchte, fand er ihn besser, als er erwartet hatte. „Der Augenblick des Wiedersehens", schreibt Eduard, „war vielleicht der schönste meines Lebens". Die Vorgänge vom 18. März wurden aber von den beiden Freunden ganz verschieden beurteilt. Eduard neigte der Demokratie zu, der Prinz natürlich nicht. So kam ein anderer Ton in das Freundschaftsverhältnis, wenn auch zunächst, wie ein Brief des Prinzen vom 15. Juli 1848 beweist, die ursprüngliche Unbefangenheit immer wieder durchbrach. Als im November die bewegten Tage eintraten, wo die Nationalversammlung nach Brandenburg verlegt wurde, spitzten sich die politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Prinzen lind Eduard mehr und mehr zu. Eduard stand ganz auf Seiten der Nationalversammlung und machte dem Prinzen gegenüber kein Hehl daraus. Arn 10. November schrieb er an Friedrich Wilhelm u- n.: „Ich weiß sehr wohl, daß Tu keineswegs mit mir übereinstimmst, und es thut mir von Herzen leid. Ich habe Tir aber auch in dieser Beziehung, wie schon in mancher anderen, rückhaltlos mein Herz ausgeschüttet, ich will kein Geheimnis vor Dir haben und habe auch keins. Um Eins bitte ich Tich nur: Begegne mir mit derselben Offenheit wie ich Tir. Glaubst Du, daß unser so schönes Verhältnis nicht mehr bestehen kann, so sage es mir offen. Ich thue es mit blutendem Herzen, aber ich will es lieber, als daß uh ein Heuchler würde. Ich aber sage Dir, sollte ich Dir auch das größte Opfer, meine Ueberzenaung, zum Opfer bringen müssen, ich bleibe Tir treu bis in den Tod." Tie Antwort des Prinzen hierauf war zwar eine Einladung Baeyers nach Potsdam, aber am 13. November folgte ihr ein Brief, in dem Friedrich Wilhelm riet, „ja recht zu überlegen", bevor Baeyer so entschieden gegen dre Schritte der Regierung sich ausspreche. Indessen, schloß der Brief: „Glaube nicht, daß unsere sehr verschiedener« Ansichten irgendwie unser inniges Verhältnis zu einander auflockern sollten, denn Tas wäre keine rechte Freundschaft. Fahre nur fort, sobald cs die Umstände erlauben, mir wieder zu schreiben, und behalte lieb Deinen treuen Freund." Jedoch der Militärgouverueur des Prinzen, General v. Unruh, schickte Eduards Briefe vom 10. und 12. November an Eduards Vater und fügte hinzu, er wünsche eine solche Korrespondenz nicht weiter fortgesetzt. Den Umgang Eduards mit dem Prinzen wollte der General, wie er Eduard mündlich erklärte, nicht abgebrochen wissen. Eduard erschien infolgedessen weiter in Potsdam, merkte aber wohl, wie sehr die Verschiedenheit des politischen Standpunktes ihn von dem Prinzen entfernte. Noch deutlicher zeigte sich dies, als beide die Universität Bonn bezogen: ilieber den äußeren Verhältnissen nach, noch innerlich paßte der Burchsenschaftler Baeyer in den Kreis des Korps Borussia, nur gelegentlich sahen sich die beiden Freunde. Nachdeni Baeyer die juristischen Examina bestanber hatte und, Assessor geworden war, stellte sich im Laufe der Zeit die innige Harmonie zwischen dem Prinzen unH ihm in um so höherem Grade wieder Her, als Friedrich! 700 Wilhelm sich nach der liberalen Seite hin entwickelt hatte. Eines Nervenleidens wegen mußte Bacher schon 1861 ans dem Staatsdienst treten; er starb am 18. September 1873. ____________ Redaktion: Curt Plato - Rotatioutdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Tuch- und Steindruckcrci (Pietsch Erben) in Gießen. vermischte». Bäckergeselle und Professor. In Wien wird z. Z. lebhaft erörtert, ob ein Bäckerlehrling, der Gehilfe werden will, das Recht habe, in seinen Mußestunden Studien zu betreiben, oder eine Mittelschule zu besuchen. Den Anlaß zu dieser Erörterung bot die seltsame Haltung der Bäckergenossenschaft, die einem Lehrling, der die Realschule besuchte, die Freisprechung verweigerte, und die sonderbare Entscheidung der Handels- und Gewerbekammer, welche sich gleichfalls auf den Standpunkt der Genossenschaft stellte. In Anbetracht dieses Vorfalles dürfte folgende Reminiszenz von aktuellem Interesse sein: Am 14. Juni 1900 wurde an der Wiener Universität ein ehemaliger Bäckerlehrling, der neben seinem Gewerbe wissenschaftlicher Autodidakt war, zum Doktor der Philosophie graduiert. An diesem Tage gab es zwei interessante Promotionen an der Wiener Universität. Unter den Kandidaten befand sich eine Dame, Fräulein Cilla Wendt, welche die strengen Prüfungen aus Mathematik und Physik mit Auszeichnung bestanden hatte, ferner der erwähnte frühere Bäckerlehrling Konstantin Horna. Als Sohn eines Bäckermeisters in Saaz, war er, nachdem er die Volksschule verlassen hatte, von seinem Vater, dem Bäckergewerbe zugesührt worden. Er war in der Bäckerei seines Vaters drei Jahre als Lehrling und vier Jahre als Gehilfe thätig. Doch in dem jungen Manne war der Trieb nach Bildung und Kenntnissen in ungewöhnlichem Maße rege. Er benützte die freie Zeit, welche ihm sein Beruf als Bäckergeselle übrig lreß, zu gründlichen Studien und bereitete sich zur Prüfung über die vier unteren Gymuasialklasscn vor. Er genoß hierbei keinen gründlichen Unterricht durch Lehrer, sondern er schöpfte sein Wissen nur aus Büchern, die er sich zu diesem Zwecke verschafft hatte und in denen er gleichzeitig mit einem die Schule besuchenden Gymnasiasten studierte. Thatsächlich bestand er sodann die Aufnahmsprüfung für die fünfte Gymnasialklasse mit gutem Erfolge an dem deutschen Gymnasium seiner Vaterstadt und besuchte hierauf die Anstalt bis zur Ablegung der Maturitätsprüfung, die er mit Auszeichnung bestand. Der frühere Bäckergeselle setzte dann seine Studien an den Universitäten in Prag und Wien fort. Zur Zeit seiner Promotion stand er im 31. Lebensjahre und war bereits seit zwei Jahren als Gymnasialsupplent für Latein, Griechisch und Deutsch thätig. Tie greisen Eltern des Herrn Horna hatten freudestrahlend der Promotion beigewohnt. Weihnachtsbücher. Weltgeschichte. Unter Mitarbeit von 33 Fachgelehrten herausgegeben von Dr. Hans F. H e l m o l t. Mit 51 Karten, 48 Farbendrucktafeln und 136 schwarzen Beilagen. Acht Bände in Halbleder gebunden zu je 10 Mark oder 16 broschierte Halbbände zu je 4 Mark. Zweiter Band. Ostasien und Ozeanien. Der Indische Ozean. Von Max v. Brandt, Dr. Heinrich Schurtz, Prof. Dr. Karl Weule und Prof. Dr. Emil Schmidt. Mit 10 Karten, 6 Farbendrucktafeln und 16 schwarzen Beilagen. Leipzig und Wien. Bibliographisches Institut. 1902. Großoktav; XVI, 630 Seiten. Preis: gebunden 10 Mk. Ter sehnlichst erwartete, nun vorliegende 2. Band der Helmolt'schen „Weltgeschichte", der fünfte in der Reihe des Erscheinens, zeugt, wie seine beiden Nachbarn zur Rechten und zur Linken: Band 1 und Band 3, beredt von der Ueberlegenheit der hier zum erstenmal befolgten Anordnung. Weil diese „Weltgeschichte" auf ethnographischem Grunde sich aufbaut, ist ihr der Vorwurf gemacht worden, sie verletze dadurch das oberste Gesetz der Geschichtschreibung, die zeitliche Abfolge des historischen Geschehens. Dem gegenüber ist wiederholt zu betonen, daß in keinem andern ähnlich betitelten Werke der Strom der berichtenden Erzählung von den grauesten Zeiten bis auf die Gegenwart so ununterbrochen fließt, wie innerhalb der Hauptabschnitte der Helmoltschen „Weltgeschichte". — Der Wege, um vom Erdteil Amerika über den Stillen Ozean hinweg (Bd. 1) den Uebergang nach Ostasien zu finden, gab es drei: int Norden von Alaska über die Beringstraße nach Ostsibirien, in der Mitte entlang der Dampferlinie San Francisco-Yokohama nach dem Britannien des Großen Ozeans und im Süden über die weithin verstreute Jnselslur Polynesiens nach Australien. Ta der äußerste Norden mit geschichtlichem Eigenleben gar zu dürftig ausgestattet und Neuhollands beglaubigte Geschichte bei aller Vielseitigkeit verhältnismäßig sehr jung rst, ist der mittelste Weg vorgezogen, d. h. der vorliegende Band mit der Geschichte Japans, Chinas und Koreas (Exzellenz v. Brandt, Weimar) begonnen worden. Diesem Abschnitte durften am ungezwungensten Hochasien und Sibirien (Dr. Heinr. Schurtz, Bremen) folgen; dahinter fand am besten die fast ausschließlich den letztvergangenen Jahrhunderten angehörige Geschichte des fünften Erdteils mit seinen zahlreichen Anhängseln (Prof. De Karl Weule, Leipzig) ihren Platz. Tie dreiteilige zweite Hälfte des Bands wird vom indischen Kulturkreis in seiner Gesamtheit ausgefüllt: Vorder- und Hinterindien (Pros. Dr. Emil Schmidt, Jena), der Malaiische Archipel (Schurtz) und der Indische Ozean (Weule) bilden in ihrer ganzen Vergangenheit eine innerliche geschlossene Einheit, die nicht zerrissen werden durfte. Im Schlußabschnitte, der von den Randländern des Indischen, Meeres handelt, werden wir bereits so oft mit westasiatischen und afrikanischen Völkern zusammengeführt, daß sich nunmehr der Zugang zu den Thoren des dritten Bandes gewissermaßen von selbst öffnet. Damit ist also das gesamte Nicht-Europa, sämtliches Ausland in einer ferner Bedeutung entsprechenden Weise zusammenhängend behandelt. Von den auch diesem Bande wieder in gedre- genster Auswahl und Ausführung beigegebenen 10 Karten und 22 Tafeln müssen wir namentlich die Chromos „Helden und Heldinnen der chinesischen Geschichte" und „Melanesische Schnitzwerke", die Geschichtskarten „Mongolenrerchtz vom 12. bis 15. Jahrhundert" und „Ostindien 1001—1788", die Aetzungen „Mltchiuesisches Steinrelief" und „Thor von Kiu-yung Kwan", endlich die Holzschnitte „Inneres ernes Tfchainatempels" und „Säulengang im Hindutempel auf Rameswaram" als Glanzleistungen deutscher Technik hervorheben. Vortrefflich ist auch diesmal wieder das ausführliche Register. Leicht abznhelfen. Zur Mutter spricht der alte Arzt: „Tie Krankheit ist im Schwinden. Ihr Söhnchen wird sich auf dem Weg Ter Bess'rung bald befinden. Er ist so munter wie zuvor In längstens zwei, drei Wochen. Sie müssen ihm zur Stärkung nur Recht kräft'ge Suppen kochen." Tie Mutter seufzt: „Herr Doktor, ja, Das will ich gern. Indessen — Was mach ich nur? — er weigert sich Beständig, sie zu essen." „Sie wird ihm wohl nicht schmecken", sagt Ter Doktor da mit Lachen. „In diesem Falle müßte man Sie eben schmackhaft machen. Daß er die Suppe essen wird, Tas kann ich garantieren, Wenn Sie mit Maggi-Würze nur M mal dabei probieren." Charade. (Viersilbig.) (Nachdruck verboten.) In der Sterne schimmerndem Tanze Steh'n die Ersten mit ewigem Glanze. Fremd der Letzte an Sprach und Brauch, Fühlt sich doch als Deutscher auch. Das geeinigte Ganze nennt Ein Ereignis am Firmament. (Aufiösung in nächster Rümmer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.r W.r Kc8, Db4, Lb2, BfS, g4, h5. — Schw.: Ke6, Lg8, BhG, n7. 1. Lb3—a3, beliebig. — 2. Dreifach matt.