Freitag den 24. Moder. ■K <,-Ä b i'jrra xS(4 1902. — Nr. 158. uÄÄM\i Mi-WWWff ; Mil. JUll (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. R e v e l- (Fortsetzung.) 47. Kapitel. Trotz allen Verlockungen Monte-Carlos und seinem heimlichen Wunsche, sein Geld wiederzugewinnen, kehrte Sanftleben nach Mschickung der Depesche wieder in das Hotel de Paris zurück, packte seinen Koffer und benutzte den Nachtzug, wie es vereinbart worden war. So konnte er übermorgen schon zu Hause schlafen, und vollständig ausgeruht um neun Uhr morgens mit freiem Kopf wieder in sein Bureau gehen. Hesekiel, der ihn während seiner Abwesenheit vertreten hatte, erwartete ihn bereits, um ihm Rechnung abzulegen und Bericht zu erstatten. Sanft- leben hörte seinem Vortrage zu, und nachdem er über die verschiedenen Angelegenheiten, mit denen sich die Agentur momentan beschäftigte, genügend informiert war, fragte er ihn: „Ist der Herr, den Sie am Tage meiner Abreise bei mir gesehen haben, gestern hier gewesen?" „Herr Georg Rakenius? Der Maler? Jawohl, Herr Direktor. Er hat gestern hier vorgesprochen." „Sie wissen also seinen Namen?" „Da ich Ihr Vertreter war, glaubte er mir Vertrauen schenken zu dürfen, und teilte mir mit, wer er sei." „Hat er meine Depesche erhalten?" „Ja. Er schien sehr verdrießlich darüber, sehr verstimmt. Er hat mir gesagt, daß er heute morgen rechtzeitig Herkommen würde, um mit Ihnen zu sprechen und etwas zu beschließen." „Gut. Haben Sie heute morgen nichts Wichtiges zu thun?" „Nein, Herr Direktor. Ich erwarte nur Ihre weiteren Anweisungen." „So — dann begeben Sie sich sofort in die Augsburger Straße; versuchen Sie dort irgendwie herauszubekommen, ob nicht in diesem Hause ein Zimmer zu vermieten wäre. Das Haus hat die Nummer — —" „In dem Hause, in dem der Mord geschehen ist?" „Ganz recht, in demselben. Ich sehe, daß der Rakenius mit Ihnen über den Fall gesprochen hat." „Aus einigen Worten, die er darüber fallen ließ, habe ich begriffen--" „Also, wenn Sie die Sache verstanden haben, so handeln Sie von diesem Augenblicke an mit aller Vorsicht. Wenden Sie sich nicht an die Portierfrau. Ziehen Sie Ihre Erkundigungen auf indirekte Mt ein. Also gehen Eie jetzt. Herr Rakenius kann jeden Augenblick kommen, Und ich muß vorher oder während er noch hier ist, wissen, woran ich bin." Kaum war Hesekiel weg, als sich Sanftleben an seinen Schreibtisch setzte, seine Briefe erbrach und einige veant-. wortete. Als er mitten im Schreiben war, trat Georg ein. „Sie haben also keinen Erfolg gehabt?" waren die ersten Worte des Malers. „Nein, leider nicht", antwortete Sanftleben. „Trotz aller meiner Bemühungen war Müller nicht zu überreden. Sein Platz ist gut, und er will ihn um keinen Preis ver-. lassen und aufgeben." Rakenius den eigentlichen Grund, weshalb sich Müller geweigert hatte, mitzuteilen, hielt er für überflüssig. Er fürchtete, daß sein Klient eine schlechte Meinung von einem Menschen bekäme, der in Monte-Carlo ein System! spielte, und daß er sich gesagt hätte, ein solcher Narr wäre so vieler Mühe, Geld und dreier verlorener Tage nicht wert gewesen. Doch darin hätte er sich getäuscht-, Georg Rakenius, der vor allem Künstler war, hätte die Leidenschaft eines Müller sehr wohl verstanden und entschuldigt. . Georg, dem seine Schwester gestern die zu ergreifenden Maßregeln vorgeschrieben hatte, fuhr fort: „Der, den wir haben wollten, ist nicht zu bekommen. Das ist zwar ein Pech, aber läßt sich weiter nicht ändern, Aber könnten Sie nicht, wenn Sie genau nachsuchen wollten, eine andere Person finden, auf die man sich verlassen! könnte?" „Ich habe diese Frage erwartet, Herr Rakenius", entgegnete Sanftleben, „und ich habe meine Antwort schon parat. — Ich habe hier unter meinen Händen einen arbeitsamen, strebsamen, jungen Mann, der mich auch während meiner Abwesenheit vertreten hatte, Herrn Hesekiel. Er hat allerdings nicht die Routine eines Müller, aber ich könnte ihn immerhin leiten, ihm die Mt und Weise des Vorgehens vorschreiben, und diese den verschiedenen Umständen und Verhältnissen anpassen. Ich will gleichzeitig hinzufügen, daß er überhaupt bei mir zum ersten Male arbeitet, daß er sich noch in keiner wichtigen Angelegen- heit blamiert hat, und auch nicht, glaube ich, „ungebrannt^ werden würde, wie wir zu sagen pflegen. Und das ist schon ein großer Vorteil. Diese Minna kann ja vielleicht schon einmal mit der Polizei zu thun gehabt haben, und würde auch unter Verkleidung einen meiner früheren, älteren Bediensteten oder einen Kriminalbeamten erkannt haben. — Solche Pflanzen haben meistens, — das muß man ihnen lassen — eine eigene Nase und riechen ihren Braten, — verzeihen Sie diesen Ausdruck." „Na, dann versuchen Sie es einmal mit Ihrem Menschen, wenn Sie Vertrauen zu ihm haben." „Schön! Ich erwarte ihn jeden Augenblick. Ich habe ihn weggeschickt, lint eine absolut notwendige Information einzuziehen. — Ah, das wird er sei«. W hat eben geklingelt." Gleich darauf ivnrde au die Kanzleithür geklopft. „Herein!" rief Sanftleben lebhaft. 630 48. Kapitel. Hesekiel befolgte getreulich alle Vorschriften, die ihm sein Chef erteilt hatte, nur mit kleinen Aenderungen in den Details, die er für unerläßlich nötig erachtete. Nachdem er aus Herrn Sanftlebens Kasse die zu seinem Feldzug nötigen Gelder empfangen hatte, ging er nach Haus, in die Adalbertstraße, und teilte seinem Portier mit, daß er auf einige Tage verreise, kletterte auf sein Zimmer, und suchte einen alten, mit allen möglichen Eisenbahnetiketten beklebten Koffer hervor, den er im Vorjahre auf seiner Reise aus seiner Heimat nach Berlin benutzt hatte. In diesen packte er nun alles, was er an Kleidern und Wäsche besaß, trug ihn mit Hilfe eines Nachbarn hinab, nahm einen Wagen und ließ sich auf den Friedrich- straßen-Bahnhof fahren, wo er seinen Koffer in der Gepäckaufgabe abgab. Tann schickte er den Wagen weg, und ging zu Fuß in die Augsburger Straße 174. „Ich komme eben aus der Provinz an", sagte er zu der Portierfrau, „um den Rest des Winters in Berlin zu verleben, möchte aber nicht im Hotel leben. Jemand hier nebenan hat mich hierhergewiesen und gesagt, Sie hätten noch eine kleine möblierte Wohnung zu vermieten. Wie teuer ist sie?" „Zweihundertfünfzig Mark fürs Quartal, mein Herr, das ist beinahe geschenkt. Dasselbe würden Sie auch für ein Hotelzimmer zahlen, und hier haben Sie dafür eine komplete Wohnung, sehr schön möbliert, sehr gemütlich und sehr riuhig. Wollen Sie vielleicht die Wohnung ansehen?" „Ja, ganz gern." Sie stiegen hinauf und besahen sich die Räume; Hese- lielt behauptete, sie wären nach seinem Geschmack, nur wäre ihm die Miete zu hoch. Man handelte dann noch eine Weile, und einigte sich schließlich auf zweihundert Mark für das Quartal. „Man sieht wohl, daß Sie aus der Provinz kommen", meinte sie lachend. „In Berlin handeln so schöne Herren wie Sie nicht so lange wegen ein paar lumpige Mark." „Ter Grund liegt darin, liebe Frau", sagte Hefekiel, „daß Sie hierbei nicht an jene Person dachten, die sich die Mühe gegeben hat, mir die Wohnung zu zeigen und dieselbe zu vermieten. Ich habe dabei nicht für mich gehandelt. Hier haben Sie dreihundert Mark", fügte er hinzu und zog seine Brieftasche heraus. „Behalten Sie nur die ganze Summe. Da wir den Preis zu zweihundert Mark vereinbart haben, bleiben die anderen fünf Goldfüchse für Sie." Tie Portierfrau war begeistert und fand sofort, daß die Herren aus der Provinz die Berliner weit überträfen. „Und wer wird Ihre Bedienung übernehmen?" fragte sie. „Mein Dienstmädchen. Sie kommt morgen früh mit dem Personenzug. Sie begreifen wohl, daß sie nicht mit dem Expreß zu fahren braucht wie rch. Tas kommt dies zu hoch." „Ja, ja — ich verstehe, aber — —" „Was?" „Ich meinte bloß man — ich habe eigentlich darauf gerechnet. Ihnen die Wirtschaft zu führen." „Wieviel hätten Sie dafür gefordert?" „Zwanzig Mark im Monat. Tas ist fo, was ich für 'gewöhnlich bekomme." Hesekiel trat ein, und karn auf einen Wink seines Chefs weiter nach vorn. „Also ist dort, wo ich Ihnen gesagt habe, ein Zimmer zu vermieten?" „Nein, Herr Direktor. Wer die eine Partei, die eine der beiden kleinen Wohnungen fünf Treppen bewohnt hatte, ist gestern nach dem Süden verzogen, und hat die Portiersfrau beauftragt, ihre Wohnung, möbliert wie sie ist, auf drei Monate zu vermieten." „Sie sprechen von dem Hause in der Augsburger Straße?" fragte Georg. „Jawohl", antwortete Sanftleben. „Sie iverden mir zugeben, daß es von unerläßlicher Wichtigkeit ist, um Minna, die unter Krankheitsvorwand niemals ausgeht, zu überwachen, daß unser Mann in ihrer Nähe, sechs Treppen, irgendwo in einem Dienerzimmer wohnte." „Es ist aber keines frei", sagte Hesekiel. „Sie täuschen sich. Es muß eins frei sein", bemerkte Georg, „und zwar das, welches zu der Wohnung in der fünften Etage, die ja vermietet werden soll, gehört. Warum mieten Sie dann also nicht diese Wohnung?" „Gut, wenn Sie die Auslagen nicht scheuen —" ,^Jch habe Ihnen bereits gesagt, daß mich keine Ausgabe schreckt. Wer sagen Sie einmal, heißt dieser Mieter, der jetzt verreist ist, nicht etwa Keßler? Ist das nicht der Zeuge, der behauptet, Herrn von Sempach erkannt zu haben?" „Nein, mein Herr", entgegnete Hesekiel. „Man hat mir einen anderen Namen genannt. 1 Man hat mir sogar noch gesagt, es fei die Wohnung neben der des Herrn Keßler." „Gut. Abgemacht. Wir mieten also diese Wohnung. Wer aber soll darin wohnen." „Hier, Herr Hesekiel. Er sieht gut aus, hat ein sicheres Auftreten, und kann sich leicht für einen Lebemann irgendwo aus der Provinz ausgeben, der seinen Winter in Berlin verbringen will. Die Hotels sind zu teuer und zu lärmend. Und deshalb sucht er sich eben eine kleine, ruhige, möblierte Wohnung. Er spricht mit der Portiersfrau, und nachdem er erst lange herumgehandelt hat, wie's ein richtiger Provinzler thun muß, — wird er schließlich mit ihr oder dem Wirt handelseinig. Auch der Lebemann aus der Provinz handelt. Sie wird sich natürlich anbieten, ihn zu bedienen. Das schlägt er ab. Er hat das Restaurationsleben satt, und will bei sich zu Hause essen. Er braucht eine Bedienerin und will sich deshalb in eine Ge- sindevermittelungsanstalt begeben. Trotz seiner Ordnungsliebe und Sparsamkeit zeigt er sich gegen bre Portiersfrau sehr freigebig, um bei ihr gut angeschrieben zu sein. Dann geht er weg, kauft einen beliebigen Koffer, stopft ihn voll, womit er will, giebt ihn dann bei der Paketfahrt auf irgend einem Bahnhof auf, und läßt ihn sich dann schicken. Man darf keine Vorsicht außer Acht lassen und muß selbst die Kutscher täuschen, die oft beim Kofferabladen gerne plaudern. Sie verstehen mich wohl, Herr Hesekiel?" „Ich habe keine Silbe von dem Gesagteil verloren, Herr Direktor." „Haben Sie dann den Koffer auf dem Wagen, lassen Sie sich nach der Augsburger Straße fahren, und ziehen dann ein. Es fehlt Ihnen dann nur noch das Dienstmädchen. Sie kennen meine Angestellten so gut wie ich selbst, Herr Hesekiel. Haben wir im Dienste ober unter den Bewerberinnen irgend eine Person, die sich für die Stelle eines solchen Dienstmädchens eignete?" „Da wäre die Anna Kreisch, die sich , in voriger Woche zur Familienbewachung angeboten hat." . »Ja, richtig, ich entsinne mich. Die scheint mir ganz intelligent und gerieben. Ihre Adresse müssen wir ja gebucht haben. Sie werden sich mit ihr sofort ins Ein- vernehmen setzen, damit sie sich 'gleich morgen in der Früh bei Ihnen vorstellen kommt. Sie geben ihr das Zunmer oben sechs Treppen, und geben ihr den strengsten Auftrag, jede Bewegung und Handlung Minnas zu be- obachten und Sie von den leisesten Umständen zu benach- rrchtigen. Nach dieser Zusammenstellung befände sich also Mmna zwischen zwei Feuern: dem aus der Dienerstiege und dem auf dem Herrschaftsaufgange. Sie kann somit weder ausgehen noch jemand empfangen, ohne daß Sie es wußten und sofort Ihre Maßregeln ergriffen. Selbstredend hindert Sie nichts, mit ihr näher anzuknüpfen. Sie sind hübsch — sie ist jung, und Vice versa; das sind alles ganz natürliche Sachen. Nur verlieren Sie nicht Ihr kaltes Blut, und fangen Sie sich nicht in den eigenen Stricken. — Das wäre schlimm." Damit wendete er sich zu Georg, der stillschweigend zugehört hatte, und fragte: „Scheint Ihnen dieser mein Plan annehmbar, Herr Rakenius?" „Soviel ich davon verstehe, finde ich ihn einfach famos." Sanftleben stand auf, steckte eine würdevolle Miene auf, die eines Weltgelehrten würdig wäre, und wendete sich an seinen Untergebenen: „Herr Hesekiel, ich betraue Sie trotz Ihrer Unerfahrenheit mit einer schwierigen Mission von höchster Wichtigkeit. Ich hoffe, Sie werden sich meines Vertrauens auch würdig zeigen. Von dem Erfolge hängt Ihre Zukunft ab." „Und auch Ihr Vermögen", hielt Georg für geeignet hinzuzufügen, in der Ueberzeugung, daß das jedenfalls nichts schadete. 631 „Da ich eS gaüz begreiflich finde, daß Sie auch Ihren kleinen Nebenverdienst haben, und da Sie ja schuldlos daran find, daß ich bereits eine Bedienung habe, will ich Ihnen trotzdem monatlich zehn Mark geben. Sind Sie mit der Hälfte zufrieden?" „O gewiß, gnädiger Herr, ich danke auch, vielmals. Ich werde Ihnen das schon wieder auf andere Art einbringen. Ich will gern von Zeit zu Zett Ihrem Mädchen etwas nachhelfen." „Tas wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, und ich sehe, daß wir uns schon vertragen werden. Ich bitte Sie, mir eine Empfangsbestätigung auf den Namen Herms aus Posen auszufertigen. Ich gehe inzwischen mein Gepäck vom Bahnhof abzuhvlen und ziehe dann in ein oder zwei Stunden ein. Za, richtig. — Tas Wesentlichste hätte ich beinahe ver- gessen. Sie haben doch noch irgendwo eine Kammer für mein Mädchen?" „Aber nur eine ganz kleine. Sie begreifen, für die Wohnungen von der fünften Etage —" „Wenn sie nur irgendwo unterkommt. Wählerisch ist fie nicht." „Und dann könnte sie ja der gnädige Herr in feiner Wohnung schlafen lassen, in dem großen Kabinett, das ins Worderzimmer führt. Wenn man einmal krank wird, ist es immerhin bequem, jemand ganz dicht bei sich zu haben." „Tas ist ein Gedanke. Ich werde ja noch sehen." r— l . (Fortsetzung folgt.) Das Bergschlotz Ulrichstein. Aus dem Nordabhang des Vogelsbergs, vor dem Südweststurm durch den überragenden Schloßberg geschützt, an den es sich förmlich wie ein Schwalbennest anklebt, liegt Ulrichstein. Ulrichstein, ein ominöses Wort für den Hessen aus den meldereu Gefilden Starkenburgs und Rheinhessens, der dabei eine Gänsehaut bekommt, krampfhaft und unter dem lebhaft geäußertem Verlangen nach einem Kognak die Arme zusammenschlägt und resigniert die wohlbekannten Verse Tatterichs citiert: Ich war in Rom und Glückstadt sein Gefährte, drum will ichs nun in Ulrichstein ihm sein. Aber Ulrichstein ist wirklich besser als sein Ruf. Ein rauhes Klima besitzt zwar das Städtchen und die nächste Banstation ist jetzt noch drei Stunden weit entfernt, aber es läßt sich auch in Ulrichstein ganz gut leben, man muß nur einen etwas abgehärteten Korpus und nicht allzuviel städtische Passionen haben, und zumal der Naturfreund kommt bei der herben, etwas melancholischen Schönheit der Landschaft erst recht auf seine Rechnung. Tie beide»! Dinge, die im Mittelalter den Stolz und den Rühm Ulrichsteins ansmachten, sind allerdings verschwunden. Man brennt fernen Fruchtbranntwein mehr dort, mit dem ehernals die rüstige Wirtin vom „Wirtshaus an der Lahn" rauhen Fuhrleuten und wanderfrohen Gesellen die ausgetrockneten Kehlen netzte, und auch das umfangreiche Schloß, das vor Zeiten den Cchloßberg krönte, ist nicht mehr. Und das letztere ist ganz besonders zu bedauern! 'Tenn, nach den auf unsere Zeit gekommenen Abbildungen zu schließen, war die hochinteressante Burg auch im Aufbau äußerst stattlich und beherrschte weit hinaus das Land. Obschon der Untergang der Burg erst im zweiten Viertel des vergangenen Jahrhunderts erfolgte, war bis vor kurzem wenig mehr von ihr bekannt. Die Kuppe des Schloßbergs stellte sich als eine grasüberwachsene, unregelmäßige Fläche dar, aus der hier und da niedrige Mauerreste zusammenhanglos auftauchten; das Vieh weidete dort und gleichmütig ging der wackere Ulrichsteiner an den spärlichen Resten der Vorzeit vorbei. Ein Vortrag, den Professor Dir. Röschen in Laubach anfangs der neunziger Jahre in Ulrichstein über die Geschichte des Städtchens und der Burg hielt, änderte die Sache in erfreulicher Weise. Interesse an der Erhaltung des wenigen noch auf dem Schloßberg Bestehenden, an der Nachforschung nach dem Verborgenen erwachte in Ulrichstein, weitere Kreise interessierten sich, dann nahm sich die Grvßh. Staatsregierung — der Staat ist Eigentümer des Burggebiets — der Sache an. Auf Grund einer im Mai v. I. durch höhere Baubeamte vorgenommenen Besichtigung erhielt das Großh. Hochbauamt Alsfeld zunächst zur Vornahme umfassender Ausgrabungen Auftrag. Mit denselben wurde im Juli v. I. begonnen; man arbeitete in der Weise, daß entlang den vorhandenen Mauerresten kleine Gräben gezogen wurden und den Quermauern, auf die man dabei stieß, wiederum nachgegangen wurde. Fortwährend fanden dabei Ausmessungen der neu ausgegrabenen Mauerzüge und entsprechende Eintragungen im Grundrißplan statt; man hatte hierdurch immer eine genaue Uebersicht über den Stand der Arbeiten vor Augen, was eine wesentliche Erleichterung bedeutete. Tie Ausgrabungen gingen im April dieses Jahres zu Ende und es war gelungen, den Grundriß der gesamten Burganlage genan festzustellen, in Verbindung mit den vorhandenen historischen Notizen ergab sich so ein klares Bild ihrer Geschichte. Tas Bergschloß bestand in seiner Vollendung aus Kern- und Vorburg. Erstere, auf der höchsten Spitze des Schloßbergs erbaut, umfaßte drei größere, um einen kleinen Hof, der den Brunnen enthielt, gruppierte Gebäude, die sich an die 1345 erbaute Ringmauer anlehnten; Bauzeit: 1340, 1484, 1494. Ein alter Wartturm, wohl das erste Bauwerk auf dem Schloßberg, ist bei Erbauung des zweiten Wohngebäudes (1484), das sich nun über seine Fundamente iveg erstreckt, des beschränkten Raumes halber abgerissen worden. Tas älteste Wohngebäude nebst der Ringmauer wurde von Johann, bezw. Heinrich zu Eiseubach erbaut, deren Familie das Amt Ulrichstein von Landgraf Heinrich II. zu Lehen erhalten hatte. Nach dem 1399 erfolgten Verzicht der Familie Eisenbach wurde das Amt von den Landgrafen in eigene Verwaltung genommen und das Schloß war Wohnung der Amtmänner. In dem Raum zwischen Kern- und Vorburg, nächst dem Haupteingang von Ulrichstein aus, wurde bei den Ms- grabungen die Schloßkapelle, einschiffig mit Chor und Sakristei, vorgefunden. Tieselbe wird schon im Jahre 1367 erwähnt. Unmittelbar an der Kapelle schließt sich der Friedhof an, der zuletzt zur Ausnahme einer Massenbestattung, vielleicht infolge" der Pest, gedient hat. An 200 Leichen sind dort beigesetzt, regelmäßig in Reih und Glied mit gefalteten Händen und gekreuzten Beinen, Männer, Frauen und Kinder jeden Mters. Tie Skelette tragen sämtlich auf dem Gesicht einen Tachschiefer, liegen eng bei einander, so eng, daß Särge nicht benutzt worden sein können; da sich auch keinerlei Reste von Kleidungsstücken, Knöpfe u. dgl. gefunden haben, war die Bekleidung der Leichen wohl mir die notdürftigste. Nach dem Tod Philipps des Großmütigen (1567) gelangte das Amt Ulrichstein an die Kinder aus dessen Nebenehe mit Margarethe von der Saale, die Grafen Tietz, von denen der Graf Christoph Ernst aus dem Schloß Wohnsitz nahnr. Er führte die Ringmauer der Vorburg mit ihren kräftigen Bastionen und dem inneren Thorbau an dem Haupteingang auf. Tie Ringmauer ist sehr ausgedehnt und erstreckt sich in unregelmäßigem Viereck um die ganze Kernburg; in ihrer nächsten Nähe, innerhalb des Burg- gebieks, wurden die Reste mehrerer zu Zwecken der Landwirtschaft errichteter Gebäude (Scheunen, Stallungen, Keller) vorgefunden. Christoph Ernst, der einen nichts weniger als tugendhaften Lebenswandel auf Ulrichstein führte, wurde 1570 von seinen Halbbrüdern, den Landgrafen Ludwig von Marburg und Georg von Darmstadt, nach Erstürmung der Bergveste gefangen nach der Festung Ziegenhain geführt, wo er bis zu seinem Tode blieb. Tas Amt Ulrichstein kam an Hessen-Marburg, nach dem Tode des Landgrafen Ludwig (1604) an Hessen-Darmstadt; das Schloß wurde wieder mit Amtleuten besetzt. Im dreißigjährigen Krieg hatte Ulrichstein viel auszuhalten. Tas Schloß wurde 1622 von Christian von Braunschweig, 1646 von General Geyfo eingenommen, die Vorburg erlitt dabei schwere Schäden, die zum Teil nicht wieder ausgebessert wurden. 1759, im siebenjährigen Krieg, besetzten Franzosen das Bergschloß, Hessen-Kasseler nahmen es mit stürmender Hand wieder; die wackeren Hessen, die sich nach einem noch erhaltenen Bericht vorzüglich geschlagen hatten, verloren dabei 22 Tote, deren Massengrab man jetzt auch unmittelbar neben dem Haupteingang aus- gefunden hat. 1762 wurde die Burg wieder von Franzosen besetzt, jedoch, bald danach geräumt. 1813 übernachtete Blücher hier, aus der Verfolgung Napoleons nach der Leipziger Schlacht begriffen. Und dann kam das für uns heute geradezu Unbegreifliche. Tas Amt Ulrichstein wurde ausgehoben, das Schloß stand leer, man hatte keine Verwendung dafür. Und so wurde dasselbe Schloß, das die Stürme der mittelalterlichen Fehden, des dreißigjährigen, siebenjährigen und Freiheitskrieges im ganzen wohlerhalten überdauert hatte, auf den Abbruch verkauft, und zwar 1827 — 632 — Litteramsches. marsch! marsch!" gegen den ganz verdutzten Pointer vor, trreoen trjn vom Graben zurück und verfolgten den mit eingekniffener Rute zurückweichenden Hund unter den5zälsen der Pferde durch weit über die Chaussee fort. Ich muß gestehen, daß wir zunächst einen Augenblick sprachlos waren. Dann erfolgte ein kräftiges Rusen: Pfui, Nimrod! — Schone! u. dgl. m., obgleich nichts von alledem eigentlich nötig war, va ver Hund gar nicht daran dachte, irgendwie ängreifend vorzugehen; er war viel zu sehr eingeschüchtert durch die Hühner, die ihm mehrmals geradezu an den Kopf „sprangen", als wollten sie ihn die Spitze ihrer Schnäbel fühlen lassen. — Erst als sich der Hund von hinten her dem Wagen näherte, strichen die beiden wackeren Grauen davon und dem Lupinenschlage zu, wohin ihre Lütten inzwischen Deckung genommen hatten. — Ein lautes ,-Bravo!" kam fast unwillkürlich von unseren Lippen, und wenn ich mich nicht irre, lüftete Freund W. achtungsvoll den grünen Hut. ---Wir fuhren weiter, den Fall be- Fahreszeiten-Postkarten. Im Verlag.der Hofbuchdruckerei Eisenach (H. Kahle) erschienen kurz- licki 4 Fabreszeiten-Postkarten nach Aquarellen des be- den geschmackvoller Landschaften seien dwse Jahreszeiten Karten, die in Umschlag zum Preise von 35 Pfg. durch die Hofbuchdruckerei Eisenach zu beziehen sind, bestens em- fprechend. Die folgenden Blüten amerikanischen Humors entnehmen wir den „Münchener Reuest. Rachr.": „Ich habe das Gedicht, das Du mir gewidmet hast, meinem Vater gezeigt, und er war darüber sehr erfreut." „Wirklich?" „Ja, er sagte, er sei glücklich, daß Du kein Dichter seiest, die brächten es gewöhnlich nicht weit im Leben." — „Wie wissen Sie, daß die Ehe des Ehepaares Scribble eine so glückliche ist?" „Sie liest alles, was er schreibt, und er ißt alles, was sie kocht." — „Meinst Du, daß das Färben der Haare in der That so gefährlich sei, wie viele Aerzte es darstellen?" „Gewiß, ein reicher Onkel von uns hat erst im vorigen Jahre begonnen, sich das Haar zu färben, und heute ist er bereits mit einer Witwe, die Buchstabenrätsel. (Nachdruck verboten.) Der Erste sitzet tief im Kohle, , Hoch steht der Zweite beim Kamm? Die nächsten Zwei zeigt die Pistole, Die letz'.en Drei such' in Berlin. <— Das Ganze soll willkommen sem, Bringt's guten Wein und — Sonnenschein. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Füllrätsels in vor. Nr>: Anst-r, Or-eu, Lauge, Lenau, Ausdauer Remsch«'d, SpiUM. Aus den Augen, aus dem Srnn. pfohlen. v-emucht... । jss äs; 4 Todesmutige Rebhühner. Der „Tägl. Rundschau" Bildnissen, einem^^XL^nenband^llE^Mk-^Jnhalt: erzählt ein Leser: Der Jagdwagen rollte auf d« Ehauflee bildungen. Mus ar ton Sixt und Klärchen. Gandalin. Das na ch R. dahin; meine Hündin lag zu meinen Fußen; d^ 3 Germ? der Adelige. Das Sommer- Hund eines Bekannten galoppierte voraus, bald rechts,, bald I ^Ermarchen. «aum) Hann und Gulpenheh. Der. links am Weggraben eine Rase voll Wmd holend. Plötzlich I marchen (Des 4 . ^mervonte. Tie Wasserkufe. 4. Ge- entsteht ein Mordsgezeter; der Kutscher pariert die Gaule I Bogelsang. Sämtliche hier aufgenommenen Dich- und ruft: „Da, da!" - Wir richten uns auf und sind schichte der ^beritem ^^tvvlleu Be- Zeugen folgender Szene. Rimvod ist rechts am Chaussee- I tun gen ®^an^ g 9 Schrifttums und sollten von jedem graben einer Rebhuhnfamilie gefährlich dicht auf geruckt, flau den de s d ß) ^lhelm Bölsche, ein feinsinniger und da es für die Kleinen kein Entrinnen mehr gab so Gebadeten gekannt sem. °vne Esführliche und stürzten sich die beiden Alten — in des Wortes eigenster Kenner Wielands, h rt9nt bie selbständigen Wert Bedeutung — dem vermeintlichen Wuber ihrer Kinder mit gehaltvolle ®tn^e^tung »orange leui, m i i a £Ä.« S «wem: M» und MM Nt ÄSSS wörd-n"den not feinem jähen Unscheiden tolten|et batte und de sen deutsche Uebersetzung seit dem 1. Oktober käUtiftosiMSe ÄS’ W Trevfus bis ins Einzelne analoge Justtzafsaire,. die »um AusaangsMukt für einen wuchtigen, .nieder- besten Werken erreicht hat. einen I Ä 35 schließlich Grund und Boden 820 Guldeit das . z hj ,T^ £ltrner anfragen, die hat in beiden Farben Schuchard brach es zum größten ^.ell ab,, ba-> gern 1 ~ ^vahr, daß Barbara mit dem Material wurde verkauft und öuReubautm verwert . | ',L ^re§ Katers entlaufen ist?" „Das ist eine bösstehen gebliebenen Mauerreste wurden, auch uochn ck I ■ Berleumdung. Barbara würde etwas so Unmo- 1853 erfolgten Wiedererwerbung der nunmehr gen Ruine tmlUge ^rieumoti g bem Chauffeur durch den Staat, von den Bauern als Stembruch benutzt gWÖX’J Er: „Tie schönsten Mäd- und verschwanden so, tote schon erwähnt, nahezu gl z ) Giraten gewöhnlich die größten Dummköpfe." Sier wieder aus der Erde aufgetaucht. Rach Beendigung; ö I Geaend?" O nein, so oft ein Chasseur sich hier Ausgrabungen erhielt das Großh. Hvckchauamt Alsfeld t V'n toir ^it, bevor er Unheil anrichten seitens Großh. Staatsregierung den danllM'U . ,-s j „ _ Aohlenstreiks und Kohlennot. Mrs. Brack (zum trag zur Vornahme bescheidener Restauraimisarbeiten,d Dienstmädchen): „Anna, gehen Sie etlvas Kohle kaufen", unlängst zu Ende gegangen srnd^Me versunkenen Mauern -ZNMnavW." „« ,^a w ^Et". - „Ist es wahr ÖTÄffiÄ *»£ -» -K XIS Suft schwerte Besucher kann sich jetzt ein einigermaßen zutreffendes Bild davon machen, wie es etnstmills auf dem Schloßberg ausgesehen hak. Und ein kleiner Ersatz für die Prächtige Fernwirkung, die das alte, hohe Bergschloß gehabt haben muß, wurde auch erreicht. Die Kuppe des Schloßbergs zeigt jetzt ein straffes, scharfgekantetes Profil, ^gekrönt von unregelmäßigen Mauerzügen, die auf well hinaus die stiuiue kennzeichnen und den wetterharten, genügsamen Vogelsberger, den rüstigen Touristen an die alten Zeiten und an — die Vergänglichkeit 9Cq t $ 1 1 3 1 1 < 1 Redaktion: Curt Vlato. — Rotationsdruck und Verlas der Drüdl'schen UniversitätS-Buck« und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in G" H-=n HTguycglS'