Ar. 76. Samstsg den 24. Mai. 1902. SW ■i'i ii ■Äa1- TÖT® S@lsStJ HM' hüte die Gedanken, die bn l ast! Ein leichtes Wort, das achllos ausgesprochen, EZ wächst oft, bis es mit Lawinenlast Zuletzt ein ganzes Mcnschcnglück zerbrochen. E. Echcrenberg. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Böse fand auch, daß er etwas sagen müsse. Mit widrigen Winden hätten wir alle zu kämpfen, aber die Art und Weise, wie wir dagegen angingen, sei so verschieden. Einige kehrten gleich um und gäben das Ganze auf, wenn ihnen der Gischt ins Gesicht spritzte, andere ständen still, und wüßten weder aus noch ein, wieder andere sammelten Kräfte uned gingen frisch drauf los. Das letzte sei ja das, was wir alle thun sollten. Thomas senkte noch immer den Blick und trommelte mit den Fingern auf seilt Knie. Ein erdrückendes Gefühl des Mitleids erfüllte Helenes Brust. „Das Gute ist", sagte sie, „daß man, ivenn man kämpft, so gut man kann, doch schließlich stets ein wenig weiter kommt. Und dann ist da immer irgend jemand, der liebevoll an uns denkt, und ein gutes Wort für uns einlegt." Er hielt inne mit denr Trommelt: und sah aus, als lauere er. „Bei jeglichein Unglück", fuhr sie fort, „ist es für mich das Schlimmste, wenn ich die Veranlassung dazu bei ntir suchen muß. Wer die Ueberzeugung hat, daß er in dem Punkte, von dem das Unglück ausging, richtig gehandelt hat, der wird stets eine Stütze in seinem guten Gewissen haben." Es war, als sei plötzlich ein erlösendes Wort gesprochen. Thomas lauschte. Ohne es zu wissen, hatte er bett Blick wieder auf sie gerichtet, und konnte ihn nicht von ihr abwenden. Es garte in ihm, er fühlte, daß er es nicht lange in diesem Hause aushalten könne. Er erhob sich und reichte Böje die Hand. „Ich will Dir gute Besserung wünschen. Und dann mußt Du Dir das, was gewesen, aus dem Kopf schlagen." Helene stand daneben und konnte nur mit Mühe ihre Gefühle bezwingen. Eine wunderbare Freude machte sie bis ins Innerste erzittern. Wie hell war es in ihrem Stübchen geworden! Jetzt wollte sie arbeiten, wie nie zuvor; sie ioollte Böje mit einer Ausdauer pflegen, di« Wunderwerke verrichten sollte. Als sie Thomas am Wagen lebewohl sagte, schlang sie die Arme ttnt seinen Hals und schmiegte sich an seine Brust. „Hab' Dank, Thomas!" „Hm, — ja! Hab' selber Dank, Helene, daß Du mich hierher brachtest!" Er stieg auf den Wagen, seine Hand zitterte so, daß die Zügel hin und her flogen. Es war, als habe sich eine Schar unsichtbarer Mächte über ihn erbarmt und ihn aus seinem alten Dasein gerissen. Jetzt tummelten sie ihn umher, ohne daß er selber wußte, wo sie ihn niedersetzen würden. Die Pferde zogen an, und dahin ging es die Landstraße entlang. Die kahlen Eschen, die ihre Zweige wie zwei Reihen großer Besen zum Himmel emporstreckten, wiegten sich in unruhigen Träumen, während der kleine See im Finstern dalag, und nur von Zeit zu Zeit eine Welle matt aufblitzte. Am nächsten Morgen saß der Redakteur Rabe daheim auf seinem harten Sofa, eine Krücke an der einen, einen Stock an der andern Seite. Die Frau, die seinen Haushalt besorgte, war eben gegangen, und der alte Mann hatte sich mit einem seiner großen Bücher hingesetzt. Da trat Thomas ein und brachte ihn in eine nicht geringe Aufregung, indem er ihm Helenes Grüße ausrichtete. Der Alte blickte mit feilten rotgesprenkelten Augen auf und lauschte, während Thomas von seinem Besuch in Böses und Helenes Heim berichtete. Als aber Thomas mit einer leisen Andeutung kam, daß es jetzt an der Zeit sei, Helene die Hand zu reichen, da schoß der Greis auf alte Weise Blitze mit den Augen die Kreuz und die Quer über den Tisch hinüber. „Es tont, weiß Gott, nichts nützen, Schwiegervater, jetzt müssen wir aitdere Saiten aufspannen." Der Alte stutzte über den bestimmten Ton, mit dem diese Worte ausgesprochen wurden. „Thomas!" rief er endlich aus, indem er ganz in das Sofa zu versinken schien, „ich kann ja nichts für sie thun, selbst wenn ich es wollte, ich bin ja selber arm und hilflos." „Ja, ja, da findet sich wohl Rat." Thomas war spät in der Nacht heimgekehrt. Während der ganzen Fahrt waren ihm die Gedanken durch den Kopf gebraitst wie die schnurrenden Räder unter dem Wagen. Als er in sein kaltes, ungemütliches Schlafzinmter gekotnmeit war und die Lampe angezündet hatte, setzte er sich an den Tisch, stand aber gleich wieder auf und entnahm dem kleinen Schrank, der über seinem Bette hing, eine Rumflasche. Es fror ihn, daß alle seine Glieder zitterten. Nachdem er eine Weile mit der Flasche da- 302 wenn er alle seine Gläubiger betrügen sollte, ihr wollte er Hilfe bringen. Mit diesen und ähnlichen Gedanken war er, als der Morgen graute, zum Redakteur hinübergegangen. „Ja, ja, wir müssen einmal sehen, was sich machen läßt. Du wirst begreifen, daß ich ihr kein Geld schicken kann, Du aber kannst es thun — ja, ja, hör' mich jetzt einmal an. Du kannst ein paar Worte schreiben, daß jetzt, was die Sache betrifft, daß das jetzt alles vergessen sein soll, und dann kannst Du ihr dies hier senden." Er nahm fünf Zehnkronenscheine aus seinem Taschenbuch. „Sie weiß ja sehr gut, daß ich nichts zu verschenken habe." „Dann können wir ja schreiben, daß wir unerwartet in den Besitz einer größeren Summe Geldes gelangt seien, wie viele solcher Enten hast Du nicht früher in Deiner Amtszeitung veröffentlicht, Schwiegervater! Und dann ist es ja auch gar nicht einmal eine Lüge! Du bist jal ganz unerwartet zu diesem Gelds gekommen!" Der Alte war nicht mehr der Alte. Nach einigem Sträuben und Räuspern schrieb er die drei höchst sonderbaren Worte: „Meine liebe Tochter." Ja, das stand wirklich da! Er mußte es zugeben, daß diese drei Worte im Grunde ein wenig nach Feigheit schmeckten, aber was thut man nicht für sein Kind! Jni übrigen wurde der Brief kurz und steif, er wollte doch seine Würde nock> nicht ganz einbüßen. Daß Brief und Geld richtig angekommen waren, bezeugte Helenes Antwort, die einige Tage später eintraf. „— Was soll ich Dir schreiben, lieber Vater? Ich kann nur weinen. Jedesmal, wenn ich die Feder aufs Papier setze, muß ich den Kopf über den Arm beugen. Büje sagt jeden Augenblick: „Fass' Dich, fass' Dich, liebe Helene V*1 Aber ich kann es nicht. Erst dies mit Thomas und nun mit Dir! Tausend Dank dafür! Wir bedurften gerade in diesem Augenblick einer kleinen Unterstützung, wegen der langen, bösen Krankheit. Ich bin so fröhlich und hoffnungsvoll geworden; es ist mir, als sei cs mit einem Schlage so herrlich bei uns geworden! Du solltest nun hören, wie die Kohlen im Ofen prasseln, und sehen, tote strahlend meine beiden Kinder sind. Sie stehen nebett mir und verzehren jedes ein großes Stück Brot mit Schmalz und geräuchertem Pferdefleisch. Es ist gar nicht zu glauben, wie die Kinder essen können! Aber es ist gut, denn dann werden sie groß und stark —" Thomas war wie ein Tier aus seinem Winterschlaf erwacht. Alle im Hofe merkten, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Seine Augen, diese toten, vorstehenden Kugeln, die so glasartig in ihrer schlaffen Fassung sahen, konnten zuweilen ein Leben haben, das an seine thatkräftigste Jugendzeit erinnerte. Früh des Morgens sprang er aus den Federn. Die Mahlgänge wurden gereinigt, das Stallgebäude gestützt und dicht gemacht, der Düngerhaufen überrieselt, überall zeigte sich sein Schaffens- drang. Mas aber die größte Verwunderung erregte, war der Umstand, daß nur noch selten das Entkorken einen Flasche in seinem Schlafzimmer gehört wurde. Der alte Müller rieb sich die Hände; jetzt würden sich die „Konturen" heben! Von diesem Greis muß noch berichtet werden, daß er jetzt seinen Krankenwagen verlassen hatte, nnd an einem Stock umherhumpelte, der ihni jedoch nicht allzu große Dienste zu leisten schien, da er nie Schritt mit deu Beinen halten konnte, sondern stets eine Strecke hinterdrein schleppte. Uebrigens schienen feine Knochen in irgend einem chemischen Prozeß begriffen zu sein und festere Formen anzunehmen, wenigstens hielten sie so tapfer mit ihm stand, daß er, wie er sich ausdrückte, mit einigen leichten „Konstitutionen" davon kam, als er an seinem 85. Geburtstage die Bodentreppe herabrollte. Des Abends pflegte Thomas auf feinem Zimmer zu sitzen, einen Haufen Papiere vor sich, mühsame Berechnungen in seinem Taschenbuchs vornehmend. Es gab Tage, an denen seine alten, schwermütigen Gedanken aufs neue erwachten. Ein solcher Tag war der 15. Januar, sein Geburtstag. Ein Holzhändler in gestanden hatte, nahm er ein paar lange Züge und setzte sich dann wieder an den Tisch. Erst jetzt sah er eine Schmiederechnung, die im Laufe des Tages gekommen sein mußte; er stieß sie mit der Hand von sich. Seine pekuniäre Lage war ganz verzweifelt. Freilich hatte er heute ein paar hundert Kronen in der Tasche, die er fiir Schweineschmalz gelöst hatte, aber wie lange hielt das vor? Eine ganze Reihe von Nachbarn und Freunden hatten die Zinsen von den letzten Terminen gut, die Leute hatten ihren Lohn nicht ausbezahlt bekommen, Handwerker und Kaufleute drängten mit ihren Rechnungen. Es durchschauerte ihn bei dem Gedanken, daß der Tag nicht fern sei, da er das Ganze verlassen und seinen Vater und den anderen Alten dem Armenwesen übergeben müsse, lind was das Schlimmste bei dem Ganzen war — er selber trug die Schuld an seiner unglücklichen Stellung, er hatte sich der Verzagtheit hingegeben! Wieder und wieder hatte er einen Anlauf genommen, mit dem Laster der Trunksucht zu brechen und den Kampf wie ein Mann aufzunehmen; der Wille war aber stets erlahmt unter deut Druck der Schwermut, und die guten Vorsätze erstickte der Wein- und Rumdunst. Zuletzt war es so weit mit ihm gekommen, daß die Schlaffheit seinen letzten Rest von Widerstandskraft verzehrt hatte, willenlos ließ er sich vom Schicksal forttreiben, wie ein toter Körper, den der Strom mit sich führt. Und dann war dies gekommen! Es gab Augenblicke, in denen ihn der Gedanke durchzuckte, daß es noch eine Zukunft für ihn gäbe, aber jedesmal, wenn er diese gaukelnde Hoffnung festhalten wollte, verschwand das Trugbild, und eine tiefe Verzagtheit überkam ihn. Die Nacht verging ohne Schlaf. Thomas wendete und drehte sich auf dem Lager wie ein Kranker, der alle möglichen Stellungen ausprobiert. Seiner alten Gewohnheit gemäß hatte er die Flasche vors Bett gestellt, aber es war sonderbar — ein gewisses Etwas in ihm schob sie jedesmal beiseite, wenn er sie an den Mund setzen wollte. Dies heimliche Trinken während der Nacht pflegte sonst eitten eigenen Reiz auf ihn auszuüben. Langsam aber sicher versenkte ihn die Ruhe in die weichen Daunenkissen. Es lag etwas Süßes, Verlockendes für ihn darin, so zu liegen und sich langsam unter diesem toten Gewicht dumpfschmerzlichen Selbstaufgebens ersticken und ganz allmählich in die Welt der Bewußtlosigkeit hinübergleiten zu lassen, wo sich gedämpfte Töne in der Luft wiegten, während bläuliche Feuerpunkte sich wie langsam herabschwebende Staubkörner durch die Finsternis stiller Abgründe senkten. Er hatte mehrere Minuten im Halbschlummer da- Ä, schlug aber plötzlich die Augen ans nnd erzitterte n Gedanken, daß Helene heute abend an seiner Brust geruht hatte — heute abend! Er richtete sich aus und blickte um sich. War es denn wirklich möglich? Unzählige- mal hatte er sich den Augenblick wieder zu vergegenwärtigen gesucht, und doch kam der Gedanke jetzt toteber auf ihn eingefahren wie eine lähmcnbe Ueberraschung, eine Stimmungswelle nach sich ziehend, die sein ganzes entschwundenes Liebesglück nnd all den zehrenden Schmerz, der ihm gefolgt war, umschlost Er preßte die Knöchel gegen seine brennenden Augen, und drückte sich tief in die Kissen hinein. Nein, er konnte es nicht aushalten! Er griff zur Flasche, leerte sie in wenigen Zügen und warf sich auf Ivin X/Uycr. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Er bemühte srch, an gleichgiltige Dinge zu denken: an die Drainringe, die er gelegt, an die Mühle in Malmö, — seine Gedanken schweiften von einem Gegenstand zum andern — es waren aber nur wenige Sekunden verflossen, als er schon wieder rn Helenes Heim stand, diesmal mit einem Gefühl unerträg- lrcher Pein. Sie, litt Not! Ach — der Gedanke, daß Helene geradezu Not litt! Sie hatten sich bemüht, ihm ihre Armut zu verbergen, aber er hatte nur zu gut gesehen, wie ihnen der Hunger aus den Augen sprach. Ein unklarer Gedanke, daß hier Hilfe geschafft werden müsse, hatte sich mehrmals in ihm gerührt; aber erst jetzt gewann er die festen Umrisse eines Vorsatzes. Ja, und wenn er sich selber des letzten Groschens berauben, 303 der Stadt, dem er ein paar Tausend Kronen für Holz und Dachsparren schuldete, hatte ihm am heiligen Drei- königstage sagen lassen, daß, wenn er nicht binnen acht Tagen die Waren bezahlt oder doch wenigstens den noch unverwendeten Teil zurückgesandt habe, die Sache dem Gericht übergeben werden würde. Heute hatte er die beiden ersten Fuhren zurückgesandt. Und dann war ein Brief von Helene gekommen. Der Redakteur hatte ihn zu ihm hinübergeschickt. Er enthielt einen herzlichen Glückwunsch, aber noch etwas anderes daneben. — Er sitzt wie gewöhnlich in fernem Lehnstuhl am Fenster. Ich kann sehen, wie die Schmerzen ihn quälen, nie aber kommt mehr eine Klage über seine Lippen. Er ist glücklich, wenn ich nur bei ihm bin. Vater, Du ahnst nicht, wie ich diesen Mann liebe. Ich könnte ihm wie ein.Hund zu Füßen liegen und stundenlang zu ihm auf- schauen.^ Als er am Abend in sein Schlafzimmer gekommen war, muhte er daran denken, wie sie ihm an diesem Abend vor sieben Jahren Gutenacht gesagt und ihm sanft die Wange gestreichelt hatte, und wie er sie damals voller Entzücken an sich gepreßt. Jetzt war ein Jahr aufs andere gefolgt, eine Kette verzehrender Gemütsqualen. Und was hatte ihn: die Zukunft zu bieten? — Eine zitternde Hoffnung, in ein ent Rausch geboren, gleich einer Eintagsfliege in einer heißen Sommernacht, war kürzlich in ihm aufgetaucht — die Hoffnung, daß sie aus dem Ueber- sluß ihrer Liebe so viel für ihn übrig haben würde, daß sein Leben eine Stütze an dem Gedanken finden könne, daß er einen Anteil an ihr habe, selbst wenn sie einem andern gehörte. Ach, die Hoffnung war vergebens! Ein Herz läßt sich nicht teilen. Heute war sein Gebnrtstag. Er hatte das neue Jahr mit zwei Fuhren eingeweiht — ja, so würde sich die Zukunft von nun an gestalten — ein einiges Fort- sahren von Hoffnungen, bis er selber einmal fortgefahren wurde. Ehe er es selbst recht wußte, schrie ein Kork unter seinen Fingern. Einen Augenblick stand er im Kampf mit sich selber, sein Hals brannte nach einem Labetrank, er fühlte in Gedanken den Rum durch die Kehle spülen und sich selber in einen weichen, seligen Schlummer versinken. Dann setzte er die Flasche an den Mund und warf sich darauf mit seinem ganzen Gewicht aufs Bett. (Fortsetzung folgt.) Der Preisrichter. Skizze von Georges d'E s p a r b s s. Nachdruck verboten. „Wie ist es bentt nur möglich!" . . . murrte die alte Frau, „ivie kannst Dn scherzen und Unsinn treiben! eine Stunde vor der Entscheidung!" Das junge Mädchen, dem diese Worte galten, lachte hell auf und rief: „Aber Großmütterchen, soll ich mich vielleicht als Trauernde vor den Herren präsentieren, das willst Du doch gewiß nicht! Und dann, denke nur, was würde wohl die Königin des Wettbewerbes, die frische Rose, die wir malen sollen, dazu sagen! das wäre ja gerade, als wenn Mehlthau auf ihre Farbenpracht fiele ... ich kann mich ihr doch nicht mit einem traurigen Gesicht gegen» übersetzen!" Die Sprecherin war weit davon entfernt, traurig auszusehen. Im Gegenteil, liebreizend und frisch wie ein Heckenröschen war die junge Malerin; in ihrem Blondhaar schien sich die Sonne gefangen zu haben, und wie Sonnenschein leuchtete es auch in ihren Augen. Fräulein Alice von Olstadt hatte mit ihren neunzehn Jahren die Kinderschuhe zwar noch nicht lange abgeftreift, aber als Malerin war sie doch schon so weit bekannt, nm einige Schülerinnen täglich unterrichten zu können. Der Wettbewerb, von dem die beiden Frauen sprachen, war von einem Maler testamentarisch festgesetzt worden. Er bestimmte einen Preis von jährlich 3000 Francs an „Bewerber oder Bewerberinnen von 18—25 Jahren für ein Stillleben, Früchte oder Blumen zu verteilen". Zum ersten Mal war der Preis ausgeschrieben, ein Mitglied von der Akademie hatte in der Prüfungskommission den Vorsitz übernommen. Achselzuckend hatten die Herren die lange Liste der Konkurrenten betrachtet: 50! die eine Rose malen wollten! Die armen Blumen. „Heute kommt es mir so recht zum Bewußtsein, wie ärmlich es bei uns ist", grollte die alte Frau wieder . . . „dreh' Dich 'mal mir zu. . . Nein, so kannst Du nicht mit dem Hut gehen, warte 'mal, ich werde wohl noch an meinen Hauben eine Schleife haben." Und eilig trippelte die alte Frau davon. Dann wurde der Hut zurecht gemacht. „Und Dein Kleid? . . . Hier die Falte sitzt nicht gut." Das junge Mädchen ließ sich wie eine Puppe hin- und herdrehen, und lachte die Großmutter freundlich an. „Hör' doch nur auf mit Deinem Lachen, mir luirb ganz Angst dabei!" „Großmütterchen, wie altmodisch Du bist! Glaubst Du denn, daß ich die fremden Herren so anlachen werde! O nein! Ganz feierlich werde ich mich da benehmen, sieh einmal so . . ." Und die Schelmin wollte gerade an die Ausführung eines feierlichen Grußes gehen, da schlug die Turmuhr und die Großmutter rief ängstlich: „Es ist die höchste Zeit! Ich sag's ja, ioenn man für Zwei denken muß! Deine Pinsel, Deinen Malkasten . . . so, nun noch einen Kuß!" Sie umarmten sich, dann zog die junge Malerin mit allerliebster Koketterie den Schleier herunter und ging hinaus in den lachenden Sonnenschein. Frau von Olstadt blieb allein, und plötzlich war alle Regsamkeit von ihr gewichen. Sie faß am Fenster in ihrem Lehnstuhl und sorgte sich. „Na, schließlich", dachte sie, „so schwer wird das doch nicht zu malen sein! Und 3000 Francs! Wenn es Alice nur glückte, . . . Gott, wenn eine Rose das Leben zweier Frauen beeinflussen könnte!" Beeinflussen, ja, das war das richtige Wort. Nicht nur durch die 3000 Francs, nein, durch die Auszeichnung, die folgen würde: „Preisgekrönte Mallehrerin!" Konnten da die Schülerinnen fehlen! Das Atelier würde bald zu klein für die Anzahl werden... ja, ja, das war noch mehr wert als das bare Geld; mit dem Preis Ivar die Zukunft gesichert. Die alte Dame hatte die Hände über den Knieen gefaltet und spann ihre Pläne für künftige gute Tage; die Stunden verrannen, ohne daß sie sich dess-en bewußt wurde. „Ja, ja", sagte sie sich in einer Art Halbschlaf, „bann finbe ich boch noch meinen Lohn bafiir, daß ich, die eingefleischte Aristokratin, feiner Zeit meinem Stolz Schweigen auferlegt habe... als das Kind durchaus Mallehrerin werden wollte, da hat's manch Scharmützel zwischen uns gegeben . . . eine von Olstadt einem Beruf nachgehen! Aber das Kind hat gelacht und gemeint: „Ei- Großmutter, von Olstadt oder Oldorf, das ist ganz gleich, die Zeiten sind andere als zu Deiner Jugend! Laß mich arbeiten! Arbeit schändet nicht... da habe ich sie denn mit ihren Pinseln hantieren lassen . . . Und wie fleißig ist das Kind gewesen. . . . Die Herren von der Kommission sollten ihr nur den Preis geben... sie verdient es. . ." Fran von Olstadts Kopf war ganz gegen die Lehne zurückgesunken, fie schlief. Als das junge Mädchen gegen Abend heimkchrt-e, lag es tote Sorgen auf ihrem Gesichtchen. „Du scheinst nicht zufrieden!" sagte die Großmutter. „Ach, Mütterchen, ich glaube, es wird Nichts. Das Modell war zwar schön genug ausgesucht! Eine große „Gloire de Dijon", ganz frisch, und Du weißt, wie ich gerade diese Art liebe! Mir däucht, ich habe den richtigen Ton getroffen, aber der eine der Herren, der die Inspektion übernommen hatte, ist dreimal an meiner Staffelei vorübergegangen, ohne einen Blick darauf zu werfen. Ich hatte den Platz Nr. 9. Bei vielen anderen ist er stehen geblieben, um fie zu bewundern, besonders Nr. 34 schien ihm zu gefallen. O, ich hätte weinen können!" Nun wurde aber die alte Dame böse und schalt: „Was das für Ideen find! Setz' Dich, meine liebe Nr. 9, und laß uns essen. Wenn wtr auch nicht gerade mit Krösus verglichen werden können, habe ich Dir heute abend em Bischen extra bereitet, . . . Herr Gott, ich habe ja keine Gabeln hingelegt! ... der Herr von der Inspektion ver- 804 steht gar Nichts, ich möcht' ihm wohl meine Meinung sagen können!" „Die anderen Herren haben aber auch kernen Blick für mein Bild gehabt." Und eine große klare Thräne zitterte einen Augenblick an den langen Wimpern des holden Mädchens. „Weine doch nicht, Herzblatt, hier, ih lieber von der Speise. . . . Wer sind denn die Preisrichter." Die junge Malerin nannte einige Namen. „Ich werde zu ihnen gehen", sagte die alte Frau sehr energisch. „O, Großmutter! Nein, o nein! . - . morgen rst übrigens schon die Entscheidung . - „Und Du bekommst den Preis!" „Nein. Ich weiß, wer ihn bekommt. Da war eine junge, blasse Dame, links von mir hatte sie ihren Platz; die hat eine ganz blasse, matte Rose gemalt, die den Herren besonders zu gefallen schien. . . ." „Ach, nun hör' aber auf! . . . Wenn die Herren die Nr. 9 näher betrachten, wirst Du schon den Preis erhalten. Jetzt aber komm zu Bett, mein Kind, es ist schon spät." Und die beiden Frauen gingen zur Ruhe. Am anderen Morgen waren in dem Rathaussaal die Preisrichter mit der Prüfung der 50 Bilder beschäftigt. Bei der ersten Besichtigung wurden gleich fünfzehn als ungenügend ausgeschieden. Nach weiterer strenger Begutachtung erlitten noch zwanzig andere dasselbe Schicksal: das waren die Mittelmäßigen; es verblieben fünfzehn. Man wählte davon sieben aus und hiervon wiederum drei. Auf den Staffeleien stehend, schienen die drei Rosen gleich hiibsch. Wer sie dursten doch einmal nicht gleich gut sein, einer mußte den Vorzug gebühren. Große Verlegenheit! „Ich", sagte der eine der drei Preisrichter, „ich bin für Sir. 22." „Nein, es sind Zeichenfehler darin", entgegnete der andere. „Nr. 9 ist mir zu nüchtern in der Auffassung, wie soll ich recht sagen? zu einfach! Nr. 18 ist individueller aufgefaßt: ich stimme für Nr. 18." Der Dritte der Herren, ein Gärtner, der laut den testamentarischen Bestimmungen zu den Preisrichtern gehörte, hatte noch kein Wort gesprochen; er sah nur abwechselnd die Bilder Nr. 22, 9 und 18 an- „Ich möchte Vorschlägen", begann der erste Sprecher wieder, „daß wir den Preis teilen und zwar keinen ersten, zwei zweite und einen dritten Preis aussetzen." In diesem Augenblicke flog durch das offene Fenster über den Köpfen der Herren ein kleiner, weißer Schmetterling in den Raum, er flatterte auf eine der gemalten Rosen und zwar blieb er mit seinen feinen Füßchen an der noch frischen Farbe von Nr. 9 hängen- „Ich stimme für Nr. 9", sagte da der Gärtner energisch. Und Nr. 9 wurde der Preis zuerkannt; der Schmetterling mußte doch wohl Nr. 9 für die beste Blume gehalten haben! ... „Ei", rief die Großmutter, als sie das kleine Zwischenspiel erfuhr: „Auszeichnung und 3000 Francs, unter den Flügeln eines Schmetterlings." Als die junge Malerin um die Erlaubnis gebeten hatte, ihren Wohlthäter, den Schmetterling, aus seiner Gefangen- heit zu befreien, war das Tierchen tot gewesen. Nun trägt das junge Mädchen das kleine Insekt in einem Glasmedaillon an ihrem Armband. Wenn die feine Hand den Pinsel führt, dann ist es gerade als flattere der Schmetterling über die Malerei, und in halbem Mber- glauben sucht Alice von Olstadt bei ihm Inspiration, wenn sie einmal unschlüssig ist. Der lebendige Mond. Es hat lange als ein unumstößlicher Satz gegolten, daß der Erdenmond gewissermaßen eine wandelnde Leiche unter den Gestirnen des Sonnensystems darstelle, indem seine Oberfläche starr und keinen Veränderungen irgend welcher Art mehr unterworfen sei. Zuweilen sind wohl schon Beobachtungen gemacht worden, die auf thatsächliche Umgestaltungen der Kraterbildungen auf dem Monde hingewiesen haben, aber im Wesentlichen ist diese Anschauung bisher nicht erschüttert worden. Jetzt scheint jedoch ein Wechsel der Auffassung bevorzustehen. Der Astronom Wells hat erst kürzlich jahreszeitliche Veränderungen auf der Oberfläche des Erdtrabanten beobachtet, die er als Er-, scheinung einer Vegetation von sehr schnellem Wachstum und Verschwinden erklärt hat, und nun kommt ein so namhafter und geachteter Gelehrter wie Professor Pickering von der Harvard-Sternwarte und berichtet uns mit noch größerer Bestimmtheit, daß der Mond nicht tot sein könne. Mit Professor Lowell zusammen hatte Pickering zunächst fünf Jahre lang an einem für die Himmelsbetrachtung unvergleichlich günstigen Platz Beobachtungen des Planeten! Mars unternommen und sich dann, da die vorzüglichen Errungenschaften der bisherigen Forschungen den besten Erfolg versprachen, dem Mond zugewandt. Seine Erwartungen sind nicht getäuscht worden, denn Pickering weiß in einem längeren Aufsatz des „Century Magazine"- bereits ein Bündel wichtiger Entdeckungen zu bringen. Vor! allem glaubt der Astronom nunmehr sichere Beweise dafür zu haben, daß die vulkanische Thätigkeit auf dem Mond noch nicht ganz erloschen ist. Die zweite und vielleicht am meisten überraschende Ankündigung bezieht sich aus das Vorkommen von Schnee auf dem Monde. Es ist beobachtet worden, daß manche Krater von einer weißen Masse eingerahmt sind, die in der Sonnenbeleuchtung stark erglänzt, und eine ähnliche Erscheinung ist auf einigen höheren Bergspitzen bemerkt worden. Von anderer Seite ist dieses Phänomen mit der Anwesenheit großer Felder von vulkanischen Glassplittern erklärt worden. Die dritte Beobachtung bezieht sich auf veränderliche Flecken! in gewissen Mondgegenden, deren wechselnde Beschaffenheit Professor Pickering ebenfalls nur durch Annahme einer dem organischen Leben ähnlichen Vegetation deuten kamu Der Gelehrte schließt: „Die neue Mondbeschreibuug besteht danach nicht mehr in der bloßen Verzeichnung der kalten toten Felsen und isolierten Krater, sondern in einer Erforschung der täglichen Veränderungen, die iw kleinen besonderen Gebieten stattfind-en, wo wir wirkliche lebendige Wechsel finden, die nicht durch gleitende Schatten oder durch Schwankungen des Mondkörpers erklärt werden können." Wie treibt man seine Außenstände em? Von Karl Schlegel. Verlag von Hugo Steinitz in Berlin SW. 12. (Preis 1 Mk.) Die im Buche beantwortete Frage ist eine gar wichtige für Tausende und aber Tausende aus allen Schichten der Bevölkerung, besonders auch der Gewerbetreibenden und! Kaufleute. Es sind deshalb auch schon mehrere ähnliche Schriften erschienen. Dem Verfasser ist es aber durchaus gelungen, den Gegenstand gemeinverständliche und für den praktischen Gebrauch geeignet zu behandeln. Es werden besprochen: Voraussetzungen der Zwangsvollstreckung, Ausführung der Zwangsvollstreckung, Arten der Zwangsvollstreckung, besondere Vollstreckungsmittel und die Anfechtung von Rechtshandlungen des Schuldners. — Das Buch ist jedem, der Außenstände einzutreiben hat, zur Belehrung zu empfehlen. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten,-. Auflösung des Buchstabenrebus in vor. Nr.t Standesvorurteil. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) ,n Gießen.