Montag den 24. März. Nr. 45. 1902. 18 AM ttb das ist aller Menschcnweishcit Höchstes: Die Nichtigkeit der menschlichen Natur zu kennen. sDK- Byron. (Nachdruck verboten.) Tobias Breeden. Bon Luise Westkirch. (Fortsetzung.) Während Jan Jürgens wie ein gehetztes Wild zum Wattstrand floh, kam in fast ebenso hastigen Sprüngen der halbwüchsige Junge des Leuchtturmwächters die Dunen herab Gerade in den Tanzsaal, in dem der Nordener aufspielte, mitten zwischen die sich drehenden Paare stürzte der „Nah de Düne, Lüei Helpt! Helpt! Se hebbt Niklas Breeden vermoordt!" Mutter Marinka faltete ihre runzligen Hande. „Hev ick 't ent nich seggt, Nahber Tobias? 't kummt all anners, all anners, denn tot denkt." — Ebba trat eben in die Saalthür. Ihre Lippen brannten uoch von Wilms Küssen, ihre Hand lag in seiner Hand. Sie suchte Niklas. Es krängte sie, den unnatürlichen Bund Lit tölcu. Ta erfaßte sie der Strom der herausstürzenden Menge und riß. sie mit. Der Nordener brach mitten im Takt ab; sein Instrument unterm Arm haltend, in der Eile des Entsetzens folgte er der Schar der Tänzer. Mit der Stalllaterne lief des Wirtes Knecht, der Wirt selbst hatte tn der Eile eine Fackel ergriffen, und mühte sich im Laufen, sie onzuzünden. Allen voran stürmte des Leuchtturmwächters Sohn und zeigte Tobias den Weg. Ebba schloß sich an tote im Traum. Es summte ihr vor den Ohren. Sie verstand nicht völlig, was die Leute um sie her sagten; was sie verstand, begriff sie nicht. Niklas ermordet, ermordet! Ihr Verlobter ermordet, während sie einen andern küßte, während ihr Herz sich von ihm abwandte, in dem Augenblick, als sie ihm die gelobte Treue brach! — Sie rieb sich die Augen, zerrte an ihren Haaren. All das war ein Trauin. Natürlich! Ein schrecklicher Traum. Wer doch wach werden könnte! Aus der Brust lag's ihr tote Blei, sie wußte nicht, ob sie die Füße hob, und lief schneller, als die Männer, und folgte auf den Fersen dem führenden Knaben und Dobias. Dabei fühlte sie, wie Wilm ihre Hand faßte, sie hörte seine liebe Stimme flüstern: „Sei ruhig! Ich bitt' dich, sei ruhig!" und lächelte und nickte. Ein Traum! Warum sollte sie Nicht ruhig fein? Nur sprechen konnte sie nicht, auch nicht schreien . Wie in allen bösen Träumen war ihr die Kehle tote zugeschnürt, --s Und ietzt hielt des Leuchtturmwächters Sohn plötzltch im Laufe inne und deutete vorwärts. Ter Wtrt hob die endlich brennende Fackel; der Knecht näherte die Laterne t Und Ebba sah und sah, mit weit offenen Augen starrend, wie ein Steinbild. Dann jählings fand sie Atem und Stimme wieder in einem gräßlichen, herzzerreißenden Schrei, der weithin durch die Dünen und über das rauschende Meer hinhallte, und denen, die ihn hörten, einen kalten Schauder durch die Knochen jagte; aber den Traum zerriß er nicht. Jürgens Sie warf sich über die Leiche, griff nach dem still- stehenden Puls, preßte ihr Ohr horchend auf die Brust, in der das Herz nicht mehr schlug, ihre Wangen gegen die Lippen, über die kein noch so leiser Atemzug wehte. Und dann zerraufte sie ihre Haare und rang die Hände, irr thränenlosem Schluchzen schreiend wie eine Tobsüchtige. „Bring Se ehr Wicht weg, Jürgensch", sagte der Vorsteher ungeduldig zu Mutter Marinka, denn sie hinderte die Männer in den notwendigen Maßnahmen. „Jo", nickte die Frau, „se is't noch nich wöhnt. SÄ strüwt sik noch gegen't Leed." Milm führte die Fassungslose mit sanfter Gewalt nach Haus, und dort erst, in der trauten Umgebung, erwachte das Mädchen zum klaren Bewußtsein, zum Bewußtsein der vollen Wirklichkeit ihres Unglücks. Es kam über sie wie eine Versteinerung. Minutenlang sagte sie nichts; sie rührte sich nicht. Sie sah Wilm an mit langem, sonderbarem Blick, und ihre Hellen Augen funkelten pechschwarz vor Erregung. Dann trat sie auf ihn zu, langsam, starr wie eine wandelnde Statue, faßte seine Hände mit schmerzhaftem Druck,, betastete dann aufgeregt feine Schultern, seine Wangen, seine Haare. „— Du leevst! — Tn leevst! Jo! Jo! Du leevst!" brach's über ihre Lippen wie ein Freudenschrei. Doch sofort erbebte ihr ganzer Körper in einer Art Schüttelfrost. „— Aber er is.dod. Ich hab's gesehen. Ich hab's gefühlt! Es war kein Traum. Niklas Breeden ist ermordet. Für dich!" schrie sie wild auf, „für mich!" flüchtete in ihre Kammer und verriegelte ihre Thür. Sie hatten ihn heimgeholt. Auf einer Bahre gerade unter dem randvollen Eimer am Stubenbalken lag, was von Niklas Breeden übrig blieb. Es war alles nach hergebrachter Ordnung vor sich gegangen. Erst hatte der Arzt seines Amtes gewaltet und erklärt, daß es für ihn hier nichts mehr zu thun gab; dann nahm der Gendarm den! Thatbestand auf, stellte die Person des Mörders fest und überzeugte sich nach zweistündiger Suche, daß derselbe entkommen war. Tie Klageweiber hatten das Wort gehabu Nun war die Reihe am Geistlichen. , Neben der Bahre stand er in Amtstracht, em schlanker, hagerer Mann. Die Adlernase sprang energisch vor, und aus den grauen Augen sprach ein stahlharter Wille, ^n zwanzigjährigem Wirken auf dem weltverlassenen Etland — 178 neben der.verfallenden Kirch« bereiteten seine Landsleut« dem Erschlagenen die Ruhstatt. Mit wimmerndem Ton. läutete das Glöckchen im hölzernen Turm dazu, das Glöckchen, das am Sonntag zuvor Niklas Breeden zum Aufgebot in di« Kirche gerufen hatte. Fast die ganze Badegcscllschaft umstand das Grab. Ebba und Marinka legten so viele Kränze aus! bunten Blumen darauf, daß der Hügel davon verdeckt wurde/ und schräg über den Dünenkamm herüber schien die Sonn« auf die letzte Wohnung des guten Gesellen, der sich,harmlos! ihrer Strahlen gefreut hatte. Tobias stand im Kirchenrock steif und starr neben den schluchzenden Frauen, fast als! ginge des Pastors Rede ihn nichts an. Und als die Feier zu Ende ging, klappte er die eiserne Gitterpforte des Kirch-, Hofes hinter sich ins Schloß und schritt stramm aufgertchteh seinem Hause zu. Tie Sonnenblumenbüsche zu beiden Seiten, der Thür erinnerten ihn an seine Werbung, und er zögerte einzutreten< Aber er schüttelte sich. „In Gottes Namen." Auf der Backsteindiele saß die schwarze Katze, sah ihn aus großen Augen fragend an. „Warum kommst du allein?" Ta Tobias die Antwort schuldig blieb, fing sie an zu schreien, laut und lauter, unaufhörlich. „Holl still, dwatsche Katt", sagte der Schiffer. „Ick mutt ook still holl'n." In der Stube hatte Mutter Marinka ihm das Wend--. Brot zurecht gestellt. Er rührte es nicht an. Er nahm die Bibel aus dem Schrank und starrte auf die Zeilen, ohn« zu lesen. Da ging leise die Thür auf. Ebba stand auf der Schwelle. Tobias Breeden nickte. „Dat's mi leev, dat du kamen büst." -— Sie trat ihm gegenüber, der Eichentisch war zwischen ihnen. Und er Hub an: „Ick will di man glieks seggen/ mien Teern, du bist mi as Niklas sin' Witfru. Un du sollst sein Gut erben. Ja, du sollst ihn beerben." Ebba preßte beide Hände auf die Brust. Sie war chr seit Tagen zum Zerspringen voll von dem, was sie sagen mußte, und nicht über die Lippen bringen konnte. Jetzt aber brach's hervor. v r „Tobias Breeden, weißt du, warum er hat sterben müssen?" _ Weetst du't?" "Jan Jürgens hat ihn für 'nen andern gehalten." „'n annern?" n „Für Wilm Jansen. Dem wollt' er ans Leben. Darum — weil:—" „Warum?" »— Um mi, Tobias Breeden." Eine Weile blieb's totenstill in der Stube. Nur die holländische Uhr tickte im geschnörkelten Gehäuse. Ihres Mondes erstes Viertel schaute aus blauem Sternenhimmel auf die beiden stummen Menschen. Ebba war in die Kmee gesunken und weinte lautlos. Tobias dachte an des Toten Rede: „Paß up, Bro'er, ’t Unglück komt to'r Huusdöör rm un sett't sik bi'n Füürherd", an seine scherzhafte Antwort: „Schall wol wesen, ’t kummt jo een Wif in’t Hirns Es war wahr geworden. Mit dem Weibe kam das Unherl. „Ebba, warum hast du ihm dein Ja gegeben?" Cie stand auf. „Frag' mich nicht! - Aber wenn du darum meinen solltest, ich hätt' nich groß auf Niklas gehalten, und hätt' ihn zum Spott machen wollen vor den Leuten, un mein schwarzes Trauerkleid da war' ne Lüge, nee! Da würdst du mir zu viel thun! — Glaub A — oder glaub's nicht. Ich sag's, werl's so ist. Am, ,elbigen Abend noch wollt' ich Niklas bekennen, wie mir's ums Herz war, und alles eingestehen — un — nu weiht du s. Un weißt auch, worum ich nichts von Niklas, fernem Gut haben will. Du darfst mich nich verfluchen, Tobias Breeden. - „Nee", sagte der Schiffer langsam. „Du bust Niklas! sien Fröd un sien Glück west. Ick verfluch di mch. Tobias Breeden blieb allein. Schwer lastete die, Einsamkeit auf ihm. Wenn der Nordwest an den Dachziegeln rüttelte, hob er den Kopf. Er meinte, der Bruder muffe letzt in die Thür treten. Vor dem Kochofen glaubte er, ihn kauern zu sehen. Auf der Speichertreppe horte er seinen Schritt, und des Nachts tn seinem Wandbette floh ihn , der Schlaf, weil er auf die gleichmäßigen Atemzuge an seiner Seite wartete, die ausblieben, immer ausblreben. Nur, allmählich kam das volle Bewußtsein seines Verlustes über ihn. Niklas war der Mittelpunkt gewesen, die Achse, um die seine Gedanken und Sorgen sich drehten, die Feder im hatte er Wurzel dort geschlagen, zäh und fest wie der Strandhafer in den Dünen. Er kannte jeden einzelnen seiner Gemeinde — nicht nur von der Kirchbank. Denn er teilte ihr hartes Leben, die kurzen, abwechslungsreichen Sommerwochen, und auch die endlosen, öden Winternächte, in denen das Eiland abgeschnitten lag von der Welt, von jeder Kunde, Wochen-, monatelang hinter seinem Wall von sich türmenden Eisbergen, die das Wattmeer in eine bläulich, schillernde Gletscherlandschaft verwandelten — vergraben im Schnee, umbranst vom Nordwest, umrast von der gierigen Flut, die schon zwei Drittel seines Bestandes hinuntergerissen hatte mit Menschen und Vieh, mit Wiesen und Gärten, vier Kirchen im Laufe von wenigen Jahrhunderten verschlungen, mitsamt ihren Türmen und Glocken gebettet hatte in ihren Schoß. Dieser sprach jetzt zu Tobias. Wie Christus die Händler und Wechsler aus dem Tempel, hatte er zuvor die Gasser mit kurzen Worten mtS- der Stube getrieben. Nun nahm er die Bibel, des Schiffers alte Familienbibel, und las und sprach die Sprüche, wie der Geist sie ihm eingab. „Ter Herr hat's gegeben, der Herr hai's genommen. Ter Name des Herrn sei gelobt. Und ob auch Trübsal wie Wasserflut uns überfiele, verzagen wir doch nicht, denn wir harren des Herrn. Er ist unsre Zuflucht für und für. Ter Mensch geht dahin wie Gras, er welket wie eine Blume. Wer die Verheißung stehet von Ewigkeit zu Ewigkeit, die unser Heiland uns am Kreuze gegeben hat: Wahrlich, morgen wirst du mit mir im Paradiese sein." Tobias saß noch im Tauzstaat neben der Bahre. Tas Gesicht hatte er in sein rotes Taschentuch vergraben. W und zu schüttelte er sich, als ob ihn fröre. Oben auf dem Schrank hockte die Hauskatze, mit vergrellten Augen die Leiche anstarrend, und den fremden, schwarzen Mann davor. Der Pfarrer klappte jetzt die Bibel zu und sprach die Sterbegebete. Er wählte die längsten. Er wußte, seine Gemeindeglieder zählten und maßen die Ehren nach, die die Kirche ihren Toten erwies. Endlich war er damit zu Ende, und indem er das Buch niederlegte, fiel sein Blick aus das weiße Gesicht, von dem das Blut abgewaschen worden war, und in dem die Augenlider sich noch leise zusammenzogen, als zwinkerten sie wie einst in harmloser Fröhlichkeit. Da durchbrach der rasch uud warm empfindende Mensch in ihm die Würde des Geistlichen; seine eben noch im Gebet gefalteten Hände ballten sich. „Ein Schandstück! Ein Schandstück! — Gott verderbe den Mordbuben!" Tobias Breeden hob den Kopf zum erftenmale. „Se hebbt moje betet vor Bro'r Niklas, Herr Pastor, un eegentlich kann ick nich mihr verlangen. Man as Se mi 'n Leev dohn wull't, denn lesen Se mi doch noch mal: 4. Buch Moses, Kapitel 35, von den Städten der Leviten." Ter Geistliche nahm die Bibel wieder auf, uud indem er las, fühlte er's deutlich nach- was im Gemüt des alten Mannes wühlte. „Tobias Breeden", sagte er, als er geendet hatte, ernst, „der Rächer des Bluts, das ist bei uns zu Land das Schwurgericht in Emden." „Jo, Herr Pastor." „Enthaltet eure Hände des Bluts", spricht der Herr. >,Tie Rache ist mein. Seid getrost, ich will vergelten." Tobias Breedens Augen blitzten auf, während er mit einer raschen Bewegung die Hand auf die Bibel legte. „He helft verheeten, nich wohr, Herr Pastor? He hett't ver- heeten!" Aufrecht und stumm blieb er die Nacht vor der Bahre sitzen, wie er beim FischfanZ, auf hohem Meer manch lange Nacht am Steuerruder gewacht hatte, während die Gefährten s chliefen. Hier freilich gab's nichts mehr zu steuern. Tas Fahrzeug, an dem sein Herz hing, war hinübergetrieben in uferlose See; er sah ihm nach, das abgebrochene Ruder in der Hand, in seiner Betäubung nur das eine fühlend, daß die Planke unter seinen Füßen gewichen war, ans der er fünfundvierzig Jahre lang gestanden hatte, und daß er sank, er wußte nicht wohin? Am Morgen nahm er seine Geschäfte auf. Er war zu stolz zum Weinen, zu hart zum Klagen. Erregtheit klang aus seiner Stimme nur, wenn er sich beim Vorsteher erkundigte, ob Jan Jürgens gefangen und abgeliefert sei ins Amtsgefängnis zu Emden. „Tenn, Vorsteher, Recht mutt bestahn." Tann kam das Begräbnis. Auf dem kleinen Friedhof — 179 — mehr. ■ (Fortsetzung folgt.) „Hier wohnt der Frieden!" — also steht es in großen schwarzen Lettern über der Thüre des Refektoriums. — Ueberall peinliche Sauberkeit, leer die weißgetünchten Wände, keine Blume, kein Bild, kein noch so kleiner Zierat, wohin das Auge blickt, Oede, fröstelnde Oede. Schnee- feldern ähnlich. So kalt, weiß und nüchtern. Aus der kleinen Kapelle klingt eintöniges Murmeln von Gebeten, schwarze Weihrauch-Wölkchen Wirbeln empor, und ihr Duft mischt sich mit dem Gerüche brennender Kerzen. Ein feines Glöckchen klingt, — die Nachmittagsmesse ist beendet. In Paaren verlassen die Patres das Gotteshaus, die Kugeln der Rosenkränze noch zwischen den gefalteten Händen. Einer, als letzter, geht allein. Sein schönes blasses Gesicht von asketischer Hagerkeit neigt sich tief über den schwarzen Buchdeckel, welchen die murmelnden Lippen wieder und wieder küssen. — Langsam löst sich Pater Fridolin von den anderen, und wendet sich b-ent kahlen, winterlichen Klostergarten zu. Keiner beachtet ihn. Man kennt seine Absonderlichkeiten und läßt ihn gewähren, ist er doch einer der Strengsten gegen sich selbst in Askese, Beten und Fasten, ein Gelehrter in Sprachen und Schriften, der Liebling des Priors. Inmitten des bereiften Gitterwerks der Aeste steht eine Steinbank. — Dort läßt sich der Pater in die Kniee sinken, den dunklen Kopf in beide Hände vergrabend. Regungslos, einem Steinoilde ähnlich, verharrt er so, nur ab und zu hebt ein schwerer Atemzug seine Brust. Bitterer Hunger. Skizze von Emma Kinzle. (Nachdruck verboten.) Die Prüfung der Klosterschüler war zu Ende. Manche der Knaben schritten zögernd und langsam, scheu und beschämt mit schlechter Zensur einher, andere jagten in tollen Sprüngen, ihre gut ausgefallenen Zeugnisbüchlein hoch in der Luft schwenkend, den Weg entlang, und etliche schritten in ruhiger Heiterkeit und mit zufriedenem Siegeslächeln fürbaß. — Pater Florian, der Klosterlehrer, folgte der! Schar, eine Papierrolle unterm Arm, im behäbigen Bewußtsein erfüllter Pflicht, das runde, wohlwollende Antlitz von eitel Sonnenschein überglänzt. Sein Begleiter, ein schöner blasser Knabe mit dunklen Locken und großen, verträumten Sonnenaugen, gab sich alle Mühe, den langen, weitausholenden Schritten des Paters folgen zu können. — Schweigend legten die beiden den Weg bis zum Klostergarten zurück. An der kleinen eisernen Pforte machte Pater Florian Halt, und wandte fid), an den Knaben. „Nun, kleiner Fridolin, ich- fehe keine Freude ob der guten Zensur auf Deinem Gesicht!" Ein leiser Vorwurf klang aus des Paters Stimme. Fridolin zögerte eine Weile mit der Antwort. Dann hob er plötzlich die gesenkten Augenlider. „Ehrwürden, im Zeichnen habe ich nur —- gut erhalten! — Andere, die schlechter zeichnen — bekamen — sehr gut!" — Mühsam preßte Fridolin die Worte Triebwerk seines Lebens'. Als junger Mensch war er zu Schiff gegangen, um zu erwerben für die Mutter und den kleinen Bruder. Mit seiner Heuer-hatte er geknausert, er hatte sich Freuden versagt, hatte erspart, zurückgelegt — es war für den Jungen. An ihn dachte er, wenn der Schiffskiel das Meer durchrauschte, ihn wiederzusehen freute er sich, wenn der Bug heimwärts gerichtet war, feit er mit ihm zusammenwohnte in auskömmlichem Behagen, der Frucht vierzigjähriger Anstrengungen — wie hatte er sich an feiner Munterkeit erfreut, wie viele Zartheiten, die niemand dem ungeschlachten Seebären zugetraut Hätte, erwies er dem jüngeren Bruder. Er war ihm ans Herz gewachsen, wie einer Mutter ihr Kind. Er war stolz auf ihn im tiefsten Gemüt, wollt's ihn beileibe nicht merken lassen, wie stolzmeinte aber ehrlich, man könne auf solchen Prachtmenschen nimmer zu stolz sein. Nun war der liebe Junge ihm entrissen, nicht durch Gottes strenge Hand, durch ein Ungefähr, einen Zufall, nein, weniger! Ein Versehen nur, der Augenirrtum eines Trunkenboldes — und gleichgültig erschlagen wie eine Robbe lag der Mensch, für dessen Leben er, Tobias Breeden, seit vierzig Jahren lebte! — Immer aufgeregter, immer ungeduldiger klang seine Frage morgens beim Vorsteher: „Hebbt se Jan Jürgens?" Aber des Vorstehers Antwort blieb die gleiche: nein, noch hatte man den Mörder nicht. Er war auch nicht entkommen. Die Polizei sämtlicher Häfen besaß seinen Steckbrief. Entwischen konnte er nicht. „Nur Geduld! Am Ende kommt auch der schlaueste Fuchs aus dem Loch." Tobias wartete. Als der Mond dreimal am Himmel gewechselt hatte, und dreimal auf dem blauen Feld der holländischen Uhr, als die Sonne nicht mehr so früh noch so hoch über die Dünenkette heraufsti-eg, der Nordwest mit verjüngter Kraft die Mellen am Nordftrand zu Schaum peitschte, während allmorgendlich der Fuß des Leuchtturms wie besät erschien von den Leichen der süwärts reisenden Zugvögel, die von seinem Licht geblendet sich an den Glasscheiben der Leuchtkammer die Schädel einstießen, nahm Tobias Breeden den Eimer von der Decke herab und teilte seinen Inhalt in zwei ungleiche Teile. Den kleineren schnürte er mit einem Hemd und ein Paar Stiefeln in ein Bündel zusammen, den größeren schüttete er in einen Bohnensack, den er fest zuband. Dann schloß er die Thür seines Hauses und zog den Schlüssel ab. An Marinkas Küchenfenster klopfte er an. „Sorg' Se vör mien Veeh. Ick make weg." „Weg makt He? Wat fallt em in? Nahber Tobias, wo will He denn hen??" Er war schon vorüber. Er wandte den Kopf nicht Heraus, und in feinen Augen funkelten Thränen. — Zwischen den buschigen, überhängenden Brauen des Paters erschien eine Unmutsfalte. — „Zeichnen? Ha! Weißt Du, kleiner Fridolin, daß es da bei Dir gar nicht so weit her ist, wie Du glaubst?" — murrte er verdrießlich. „Weil nun der Tüncher des Dorfes Deine — kindischen Kritzeleien lobte, — ei, da meint der junge Herr schon, ein zweiter Raphael stecke in ihm! Der tausend: Mein Junge! Kopf Hoch! Mit einer solch glänzenden Zensur! — Alle wirst Du überflügeln in der Klosterschule! Die dort unten" — er deutete nach der fernen lärmenden Knabenschar, „sind nicht mit Dir zu messen! Eine Zierde unseres Klosters wirst Du werden! Mit Deinem scharfen Verstände, Deinem hellen Geiste wirst Du eindringen in die Herrlichen Schriftwerke alter Meister, die schönen Sprachen erforschen, die Tiefe und Weisheit des Buches der Bücher — der Bibel — ergründen, und eines Tages werden sich unseres Klosters Pforten öffnen, — den Pater Fridolin hinauszuschicken in die Welt, in die weite Welt, Heil und Buße zu predigen allen, die schwachen Geistes, schwankenden Sinnes sind! — Alles wird sich vor ihm beugen, „den Saum seines! Kleides küssen. Er wird sein ein Gottbegnadeter, und vor allem — ein Sühnender! Ja! Fridolin, ein Sühnender. „Die Sünde der Eltern wird sich an den Kindern rächen, bis ins neunte Glied!" Vergiß dies nicht. An Dir wird sie sich nicht rächen! Du trittst ihr kämpfend entgegen, und wirst siegen, was Deine toten, sündigen Eltern an Dir gefehlt! Und an fich!" Aufatmend strich der Pater über den Kopf des Knaben, über den schönen, schwarzlockigen Kopf, der sich immer tieser und tiefer senkte, als ducke ihn eine eiserne Faust. „Und ich soll nie mehr zeichnen?" fragte er leise, ein schüchternes Flehen in den Träumeraugen. Des Paters seistes, rosiges Antlitz schien plötzlich, wie versteinert. „Nein!" entgegnete er hart. „Nicht zeichnen, und nicht malen! Das wird in unserem Orden nicht geduldet! Die Augen, welche eitle Dinge sehen, Mensch-en, Tiere, Gräser und Blumen mit den Augen des Malers erfassen, sind sündig, und zu geistiger Arbeit nicht fähig. Laß die Natur, die Gottes ist, und das Bild des Menschen, der auch Gottes ist; das Nachäffen ist heidnisch und thöricht, eitel Stümperei, der Gotteshand gegenüber. Entschließe Dich- kleiner Fridolin. — Bon morgen ab trittst Du entweder in die Gemeinde der Armenhäusler, oder in den stillen Frieden unseres Klosters, das Dir immer Schutz gewähren, Heimatrecht geben wird. Dir, dem Kind der Sünde, dem Namenlosen!" — In des Knaben Zügen arbeitete es mächtig. — „Ich lasse Dir eine Nacht zum Ueberlegen!" Leise legte der Pater seine Hand auf des Knaben Haupt. Lebhaft ergriff sie dieser unb küßte sie. „So küßt nicht Demut!" mahnte strenge der Pater, „Da wirst Du noch viel lernen müssen!" — 180 man „Ern unprautscyer vvtn|uj - Jb. -^ura. Fesselnde Bücherbesprechungen von Heinrich Hart ;ffn ri-ritirt? Riindickiau über Kunst und Schachaufgabe. Von A. van (Selbe in Deventer. (Nachdruck verboten.) Redaktion: E. Burkhardt. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitiitS-Buch- Md Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. fenkranzes, eisige Kälte schleicht in seine Glieder, er achtet |en nicht. Er betet! Inbrünstig.--- Die Sonne ist im Sinken. Ein glutroter Ball hangt sie in dem rosa umsäumten Wolkenbette, und ihr letzter Strahl umkleidet die Aeste der Bäume mit goldenen Duft- getvändern, macht die Schwarzröcke der Rabenschar rot aufglühen. , m. Dem Pater ist der Rosenkranz entfallen. Mrt entzückten, trunkenen Blicken schaut er in das flutende Gold. Seine zitternden Finger tasten nach einem Stein unter der aLctltv„„ —rt,.ö „T„ Bank. Sie rollen ihn weg. Eine Mappe, ein Pinsel, etntge I ungen an den alten Gewandhaussaal Tiegel mit Farbe kommen zum Borschein. Das (oberste Blatt I QTTentuiiii. u w. ■ ■ -, ,, , — Maria mit dem Kinde. — In der naiven Auffassung ^^n „Ein unpraktischer Mensch" von Rudolf Hirschberg- etnes schulenlosen Dilettanten, aber durch die in unbc- l holfener Perspektive gehaltenen Züge der Gottesmutter geht I ^nd eine illustrierte Rundschau über Kunsts.... ein rührend hinreißendes Etwas, einen genialenSchöpsungs- - - " trieb bekundend. — Einige in grellen Farben gemalte Landschaften, Blumenstückty und Bleistiftumrisse von Mönchs- gesichtern! t „ I Eifrig, glühend vor Erregung, gleitet des Paters I Hand über das grobe, auf der Mappe ruhende Papier. I Sein hageres Antlitz ist verklärt, die Hand zittert vor I Schaffensfreude. — Die Welt um Fridolin versenkt. Er I spürt nicht das Murren des nach langem Fasten leeren Magens, nicht die Kälte um ihn, nicht das schwindende ßtcfi —* Plötzlich legt sich eine schwere Hand auf seine Schulter. „Unseliger!" — . Jäh taumelt der Pater in die Höhe, mtt kretdeblerchen Zügen und fiebernden Augen starrt er in das fmstere Antlitz seines Priors. Unseliger!" — Der Prior wiederholt es noch, etnmal. Unbeugsame Härte bebt aus dem Klange seiner Stimme. Mit dem Fuße stößt er verächtliche an die zerstreuten Blatter der am Boden liegenden Mappe. „Das also war Deine menschenscheue Zurückgezogenheit?" sagte er mit eisigem Hohn. „Malerblut! — Ich hätte es Voraussehen müssen!" Fridolin atmete schwer, aber er schwieg. , „Nun?" — Die Frage des Priors drang tote aus weiter Ferne an des Paters Ohr. „Ich. bitte, mein Vater, um die Vollziehung der Klosterregel!" sagte er leise. „Es soll geschehen! — Wodurch Du gesündigt, daran wirst Du gestraft! Man wird Dich blenden, und Dir die drei Finger der rechten Hand abnehmen!" — „Ich danke Dir, mein Vater!" flüsterte Fridolin und küßte den Saum des Priorkleides. Dieser aber wandte sich. ab. Schmerz und Zorn kämpften auf seinem Antlitz. Knnstqewerbe beschließen das vielseitige Heft, deisen Bilderschmuck wiederum außerordentlich reichhaltig und geschmackvoll ist. (Auflösung in nächster Nummer.) wohlfeiles Schachspiel "WA für SO Pfennige zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter. Herr mein Gott, ich. rufe in meiner Not Mn so. I „Warum, Frrdolm, HK Du nur dms gethan? - Bor kange und du hör'st mich nicht! - Laß' sie erblinden, diese sechs Jahren warnte rch Dich - Du wolltest Nicht hören, meine sündigen Augen, daß sie all das Schöne nicht mehr nun mußt Du die Strafe tragen! . fefien und ich will dich preisen! — Meine Hände, mache sie „Wenn meine Augen Nicht mehr sehen, und meine Hand Erstarren o Gott, daß sie nicht mehr sündigen, nicht mehr nicht mehr gestalten kann, — werde ich endlich Frieden Mitarbeiten am Brechen meiner Gelübde! - Ich kämpfe! | haben: - Frieden!" - erwiderte der Pater und raffte dm Blätter auf. Mit zitternden Fingern zerpflückte er sie und warf die Stücke geschlossenen Auges in den KlosterteM — Dann schritt er schleppenden Ganges, mit murmelnden Lippen nach, der Klosterkapelle. mitarbeiten am Brechen meiner Gelu „ , Kämpfe schon sechsmal zwölf Monate, kämpfe, und komme Ttidlt -HIHI ©WQC ! ■—■ Wohin ich blicke, sei es des Frühlings Pracht, oder des Winters eisiger Frost, überall sehe ich Linien, Farben, zum Festhalten, ziim Gestalten. Entzückt schwelgt mein Auge; tu trunkenem Schauen feiert es Orgien der Frenoe, die Velhagm & Klasiags Monatshefte. mich! — Tot sind für mich die Buchstaben der Bücher und i Bon Velhagen & Klasings Monatsheftes Schriften! Mit heimlichem Widerwillen habe ich sie m | das 7. Heft, mit dem ein neues Halbjahr beginnt, meine Seele ausgenommen, eine Qual, erne Marter war g(|t erzählenden Beiträgen bringt es eine höchst feinsinnige mir das Lernen, das viele Lernen, und ich habe trotzdem ymt Ernst Wichert „Konstanz.e", die allen alles bezwungen. Lllles. Nur nicht das eine! Das Sunoigen! > Verehrern des jüngst verstorbenen Dichters wehmutsvolle Vater du, dort oben, ich! habe ja sonst niemand, hilf deinem | Erinnerungen wecken wird; ferner einen großen Abschnitt Kinde! Wende meinen Sinn! Laß mich in aller Pracht I Romans „Ein Bruder und eine Schwester- der Natur vorübergehen, kalt und teilnahmslos, wie meine i bon Bernhärdtne Schulze-Smidt — neu eui- Brüder, lenke meine Hand, daß ihr alles mißlinge, daß | betenden Abonnenten wird der Anfang des Romans gratis die Finger scheußlM Fratzen, anstatt holdseliger Frauen- ^geliefert —. Höchst originell, textlich und bildlich, er- gesichter gestalten, mir selbst zum Widerwillen, den Augen f^ernt uns der Artikel „Burg-Theater-Premrsre"- eine Pein! ' Himmlischer Vater hilf!" „Nach den Briefen einer kleinen Berlinerin", eine aus- Der Pater betet. — Seine von der Kalte halb er- äetct»ettc Plauderei über das literarische Wien. Tas Heft starrten Finger umklammern das beinerne Kruzistx des I ^uthalt ferner einen farbig, illustrierten Beitrag über den Rosenkranzes, eisige Kälte schleicht in seine Glieder, er achtet I altdeutschen Krug" von Dr. A d o l f B r u n tit g dessen nicht. Erdetet! Inbrünstig.--- I und einen großen reich illustrierten Artikel über derst .... .... - i bes deutschen Kaisers" von Feodor von Zobeltitz, sowie ein historisches Essay über dre „Engelsburg in Rom" von H. Graf zu Dohna, lieber „Der britisch.e Imperialrsmus und sern« Wirkungen" berichtet, unter dem Pseudonym Politikum, ein jedenfalls sehr versierter Staatsmann, während unter der Rubrik „Vom Schreibtisch und aus dem Atelier' Prof. Carl Reinecke in Leipzig „Persönliche Erinnerungen an den alten Gewandhaussaal der- öff-ntlicht. In her Romanbeilagö beginnt °.n ««er R°. 1 6 5 4 3 2 1 b c d e f g__h abcdef g d_ Weiß. (4 + 0 steht an und setzt mit dem dritten Zuge matt.