Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) Tie Wonne des Augenblicks, das Glück des Wiedersehens, hatte die beiden überwältigt. Sie hatten beide einander so viel, so unendlich viel zu sagen, und fanden kein anderes Wort, als sich immer wieder und wieder zu versichern, daß sie einander wieder hatten; nur allmählich kam les zu weiteren Erklärungen. Alexis gelang es zuerst, sich zu fassen. „Ja, meine Clarita— ich lebe! Zweifeltest Du daran?" „Man sagte mir, Du seiest tot!" „Tot! Nein, aber begraben war ich! Eine entsetzliche Haft hielt mich fern von Dir, mein Lieb", sagte Alexis, in sich erschauernd, und dann erwähnte er in flüchtigen Morten des ihm zur Last gelegten Verbrechens,_ seiner vereitelten Flucht, seiner Transportation nach Sibirien. — Was er - dort gelitten, das erzählten seine weißen Haare. In den zwei Jahren war er um zwanzig gealtert; Entbehrung und Seelenleiden hatten ihren Stempel tief in seine schönen Züge eingedrückt, seine stolze, hohe Ge- Gestalt gebeugt, aber sie hatten ihm das Herz nicht gebrochen, die Hoffnung nicht zu nehmen vermocht. Er hatte ausgeharrt. Die Erlösung kam. Ein höherer Beamter, der die Minen zu besichtigen, die Deportierten zu kontrollieren kam, erkannte in Alexis den Freund aus jungen Jahren. In der Erinnerung daran, voll Mitleid mit dem Unglücklichen, ermöglichte er ihm ein heimliches Entkommen. Diesmal gelang die Flucht. Alexis überschritt unerkannt die Grenze, etwa um dieselbe Zeit, als die kaiserliche Botschaft betreffs seiner in den Minen anlangte, und dort die höchste Verlegenheit verursachte. Indes, man wußte sich zu helfen. Rasch gefaßt, reihte man seinen Namen in die Toteulrste ein. Nach Rußland kehrte der Flüchtling ja doch nimmer zurück. Einmal glücklich in Deutschland, ging dessen direkter Weg nach dem Lago, wo er von seinen Lieben nichts mehr fand- als Dolores! Keinem Grab. An diesem Punkte seines Be. chtes angelangt, seufzte Alexis schwerr „O, unseres Kindes Grab, Dein Verschwinden — es waren trostlose Entdeckungen für mich. Völlig Montag den 24. Februar. Nr. 30. ü WM irdischen Glückes sind. Wilhelm v. Humboldt. an muß auf nichts so wenig vertrauen und an nichts so unab- ) lässig arbeiten, als an seiner Scelenstärke und seiner Selbstbeherrschung die beide die einzigen sicheren Grundlagen des erschöpft, Und aller Mittel bar, blieb ich als einfacher Arbeiter, als Goldgräber in Castagnello — in den sibirischen Bergwerken hatte ich ja die Arbeit gelernt. Ich verdiente mir fetzt mein täglich Brot damit und niemand hier ahnte in dem fast als Bettler zugereisten Fremdling den einstigen Fürsten. Alexis lächelte bei der Erinnerung des Namens, den man ihm einst so freigebig beigelegt, unterdes er Lebhaft fortfuhr: „Zugereiste Arbeiter sind eben nichts neues hier, sie finden leicht Beschäftigung. Ich war froh, solche zu erlangen, und dies Asyl gefunden zu haben; ich vermochte nicht mehr bis Marseille zu kommen. So schrieb ich dorthin an Deinen Bankier — vielleicht traute man mir nicht, jedenfalls kam nur ungenügende Antwort zurück; wegen der erbetenen Ausklinft wollte man sich erst nach Wien wenden. Auf diese Nachrichten warte ich noch heute. Ich blieb am liebsten hier; hier erinnerte mich ja alles an Dich, meine traute Clarita. Unter der Hand forschte ich überall nach Dir, und ließ mir durch meine Mitarbeiter erzählen, von der traurigen, fremden Signora, die vor zwei Jahren in Nikolo's Hütte gewohnt, und allabendlich nach der Tocea-Brücke gewandert fei. Alle sprachen mit teilnehmendem Interesse von Dir, doch keiner wußte, was aus Dir geworden. Nach dem Tode ihres Kindes ist sie plötzlich verschwunden, verschollen — sagten sie, und einige setzten die unerwiesene Behauptung hinzu: Du habest Ruhe in dem blauen Lago gesucht!" „Ich glaubte das nimmer", fuhr Alexis fort, „ich wartete auf Dich. Das Grab unseres Kindes schien mir ein Unterpfand, daß Du eines Tages wiederkommen würdest. Täglich der Mitteilung harrend, ging ich allabendlich hierher, ich pflegte die Blumen, und dachte an Dich. Und nun — hab ich Dich wieder, ich fasse es kaum, mein Lieb! Kommst Du von Wien? Wo bist Du gewesen all die traurige Zeit?" Er betrachtete sie voll zärtlicher Sorge. Ihr schmales, durchgeistigtes Gesicht verklärte ein seliges Lächeln. Welche Wonne war ihr Vorbehalten! Wie süß däuchte es ihr, ihm die Wahrheit zu verkünden, ihm zu sagen, daß der auf ihm ruhende Verdacht geklärt, feine Unschuld erwiesen, sein Name wieder fleckenlos sei! Ihre leuchtenden Augen sprachen mehr noch als ihre Worte: „Ich war in Rußland, mein Gatte! In Ornatoffsko bin ich gewesen. Dich zu suchen habe ich die Welt durchwandert!^ „Du, Du warst in Rußland? in Ornatoffsko? Du allein?" „Gott war mit mir!" erwiderte sie leise. Nun er- Ke sie ihre ganze Geschichte, nicht müde werdend. Feo- beständige Liebe, seinen Unfall, der alten Eudotza treue Anhänglichkeit, das errungene Geheimnis, und endlich die Huld der Zariza zu schildern, die fte zuerst Frau von Ornatoff genannt. Dre Protektion der gütigen 118 Kaiserin, deren Versicherung allzeit gnädigen Schutzes, bildete ein kaum zu erschöpfendes Thema. Starr, voll namenlosen Staunens, lauschte Alexis der geliebten Gattin. Worte sind zu schwach, seine Empfind- ungen zu schildern. „Meine treue, starkmütige Frau!" war alles, was er zu sagen vermochte. Längst war die Sonne gesunken, und noch immer saßen die beiden in der friedlichen Abendstille. Clarita hatte den Heimweg vergessen, sie war ja jetzt daheim bei ihrem Gatten. Endlich mahnte sie aber doch der Gedanke an Feodors Sorge, zu der Rückfahrt. Natürlich begleitete ihr Gatte sie. Vorerst aber betrat sie mit ihn: die kleine, arme Arbeiterhütte, in der er die letzten Wochen gehaust. „Es war ein Paradies nach dem Kerker Sibiriens!" nickte er ihr zu, während sie an seinem Arine die diirftige Klause verließ. Der Wagen wartete eine geraume Weile, und mit verdoppelter Eile ging's nun durch den milden Sommerabend gen Pallanza. Tort suchte Clarita zuerst allein Feodor auf. Bei seiner schwachen Gesundheit bedurfte es der Vorsicht; nicht unvorbereitet durfte die Freude ihn treffen. Gr aber erfaßte sie rasch. Claritas strahlendes Antlitz sagte ihm schon, daß etwas — etwas besonders Frohes geschehen sein müsse. Natürlich übertraf aber ihre Mitteilung alle Erwartung. „O, laß ihn zu mir kommen! Laß mich ihn sehen, meinen Bruder Alexis, damit ich an seine Auf- erweckung von den Toten glauben kann!" ries er voll seligen Jubels. Mitten in demselben verstummte er jedoch jäh, er gedachte seiner Mutter. Mera hörte die Nachricht, und floh nach Locarno. Ten langen, tiefen See brachte sie zwischen sich und das Opfer ihrer Selbstsucht — sie konnte Alexis nicht sehen, seinen Anblick nicht ertragen! Auch er wünschte den ihren nicht; er mochte ihr nicht begegnen. Aber zu Feodor kam er, und in inniger, liebreicher Umarmung hielten sich die Brüder lange umschlungen. Es folgten darauf glückliche Stunden, die sie zusammen verlebten. Der Vergangenheit gedachte man weniger, mehr der Zukunft. Man machte alle möglichen Pläne. Feodor und Clarita waren einig darin, sich unverzüglich an ihre hohe Gönnerin, an die Zariza zu wenden, auf deren Vermittelung zu Gunsten des Flüchtlings sie fest vertrauten. Sie irrten darin nicht, wie die Erfahrung in der Zukunft lehrte. Doch auch ohne diese baute Feodor schon seine Luftschlösser. „In unserer herrlichen Steppe", rief er freudig erregt, „wirst Du das alte Ornatoffsko wieder äufbaueu, Alexis, und mit Clarita dort glücklich sein!" Aber Alexis lächelte liebreich: „Nein, mein hochherziger Knabe, das geliebte Steppengut, unser altes Stammhaus soll Dir gehören. Du wirst einst den Namen unserer Väter in Rußland repräsentieren. „Ich kehre dorthin, trotz aller Gnadenwirkungen der Zariza nimmer zurück; ich habe genug von dem großen, heiligen Rußland gehabt. Clarita und ich bauen uns unser Nest, wo immer es uns gefällt." „Und Du wirst unser Heim zu dem Deinigen machen", ergänzte Clarita rasch tröstlich, „wenn die Sommerfrische der grünen Steppe welkt, und Ornatoffsko Dir zu stille wird!" Eigentümlich blickte das Kind die Trösterin an, leise vibrierte seine Stimme: „Ich werde Ornatoffsko nicht Wiedersehen, nie mehr auf Wjatka durch unsere schöne! weite Steppe jagen!" Und rasch, als ob er die Traurigkeit abschütteln wolle, setzte er hinzu: „Aber ich werde zu Euch kommen — zu Besuch — nicht zum Bleiben; mein Platz ist bei Mama, ich gehöre zu ihr." Ja, er gehörte zu seiner Mutter; er vergaß das keinen Moment. Er mußte ferne arme, schuldige Mutter liebten. Tieselbe kehrte nach Pallanza gar nicht mehr zurück, Alexis nur in der Nähe zu wissen, flößte ihr schon solche Furcht ein, daß sie sofort Befehl gab, ihr dortiges Logis zu räumen, und selber gleich rn Locarno blieb. Clarrta brachte ihren kleinen Freund und Bruder dorthin, und dann nahmen sie von einander Abschied. Er ging ihnen Heiden sehr nah', doch der zarte Knabe lächelte durch Thränen; er wußte ja nun seine Clarita glücklich, Glücklich! wie sehr sie es war, das verriet der lange Bries, der in jenen Tagen in das still« Kloster Ku Wien flog, um der getreuen Schwester Stefanie in ihr friedlich, ungetrübt geordnetes Leben die Kunde zu reizende tragen, welch' günstige Wendung das stürmische, wechsel- volle Geschick der teueren Freundin genommen. Reine, wahre Freude erfüllte darüber Stefanies Herz. Wie tief und innig einst Stefanie das Leid ihrer Clarita mit empfunden, so nahm sie nun teil an deren Freude, Ein doppelter Festtag wurde dadurch für sie der, den man gerade im Kloster feierte, als ihr der Brief zukam. „Ist Dir nicht aufgefallen, wie frohlockend glockenklar heute abend Schwester Stefanies schöne Stimme klang?" fragte beim Plauderstündchen jenes Abends eine klein« Pensionärin die andere. „Gewiß", lautete die prompte Antwort, „ich merkte es wohl. Was sie nur haben mag, die liebe Schwester! Nie habe ich sie reiner, jubelvoller anstimmen hören: Großer Gott, Dich loben wir, bekennen Tich, und danken Dir." XXV. Sonnenschein. Nach meiner Trübsal lacht ein besseres Leben. Shakspeare. Ueber die blauen Wellen des zauberisch schönen Lago- Maggiore tanzt ein kleiner Kahn; in leichtem Wind« bläht sich sein weißes Segel, von einer sichern Hand regiert. Sie ist wettergebräunt, stark und ruhig diese sichere Hand, wie der ganze Mann, der in der Bark« hochaufgerichtet steht, und lächelnd niederblickt auf ein Kind, einen dreijährigen Knaben, der vergebens bemüht ist, strampelnd und jauchzend sich aus den Armen seiner Wärterin zu befreien, die ihn sanft, doch fest zurückhält, während er mit all seiner kleinen Macht bald nach dem flatternden weißen Segel, bald nach des Steuermanns schwarzlockigem Haare greift, das reichlich silberglänzende! Fäden durchziehen. Ter Kahn schaukelt leicht, die Wellen gehen ziemlich hoch, ein frischer Wind bläht das Segel, des kleinen Schiffes, das in bestimmter Richtung dem Gestade zutreibt, Sein Ankerplatz, sein Ziel ist dort, wo fast von den Wogen umspielt, ein hübsches Landhaus sich erhebt. Auf der Terrasse des Landhauses steht ein junges Paar, eine liebreiche, glückstrahlende Frau, und ein hoher Mann mit weißem Haar und jugendlichem Antlitz. Auch sein Auge strahlt, es ruht auf seiner Gefährtin, seiner! Clarita, die denen da unten in dem kleinen Schiffe mit einem flatternden Tuche frohen Gruß entgegenweht. Herr und Frau von Ornatoff sind's, und die reizende Villa ist ihr eigenes Heim. Vor vier Jahren haben sie sich's erbaut. „Sollen wir hier bleiben, mein Lieb, irt vieser herrlichen Natur, dieser paradiesischen Umgebung/ wo wir einander wiederfanden?" hatte damals Alexis zärtlich gefragt, und sein Weib hatte selig darauf geantwortet: „Wo immer Du willst, laß uns bleiben, Deine Liebe ist meine Heimat!" Daraus, ihrer Zustimmung versichert, hatte er das reizendste Plätzchen am See gesucht, dessen blaue Flut an die des Meeres erinnerte, das Teneriffa umspült. Tie Umgebung, alles hier schien ihm geeignet für das neue Erblühen seiner südlichen Blume, die er nimmer mehr nach dem kalten Norden verpflanzen mochte. Er hatte Recht. Unter dem Sonnenschein der Liebe und des Glückes war sie wirklich neu erblüht, und auch aus seinen von den tiefen Leiden gezeichneten Zügen verloren sich mehr und mehr dessen Spuren; selbst die Erinnerung daran! erblaßte, und mit ihr die an eine Heimat, welche er frühzeitig zu lieben verlernt. Anders bei Clarita. Ni« war die Stätte ihrer Kindheit die freundliche Haciendch in der sie, ein elternloses Geschöpfchen, weder Vater noch Mutter vermißt hatte, lebhafter vor ihre Seele getreten/ als da sie das eigene Haus bezog, das der See umwogte, wie draußen das weite Meer ihr altes Teneriffa. Aber mehr noch als der geheimnisvolle Sang der Wasser sie an einst empfangene Liebe und Güte mahnen könnt«/ mahnte sie daran das erste durchs das Haus klingend«! frohe Lallen des Kindes, welches Gott ihnen schenkte^ Sie nannte ihr Söhnchen Jose. Und so oft sie allabendlich dem kleinen Jose ihr Schlummerliedchen sang, wanderten ihre Gedanken zu dem alten, fernen Jose, des Kindes Paten, und flochten sich innerlich Ul einem Gebete, das um di« Vergebung des gekränkten Wohl-, thäters flehte. (Schluß folgt.) 119 Londoner Volks-Restaurants. Von Henry A. Davis. (Nachdruck verboten.) Wohl in keiner anderen Weltstadt hat die Privat- Jnittative in so großartiger Weise die Magenfrage der arbeitenden Klassen gelöst, als es in London geschehen ist. Es existieren da eine ganze Anzahl großer Gesellschaften- die eine stattliche Anzahl von Restaurants in allen Teilen der Riesenstadt unterhalten und daselbst für wenig Geld sehr kräftige Mahlzeiten verabfolgen lassen. Eine dieser Firmen ist in die von Pearce u. Plenty, deren großen Etablissements man überall begegnet. Es wird interessant sein, den Werdegang dieses verdienstlichen — und auch sehr gewinnbringenden Unternehmens zu verfolgen. Mr. John Pearce, heute Direktor der oben genannten Firma, sowie auch der British Tea-Table Co., fing als neunjähriger Junge an zu arbeiten, wozu ihn der Tod seiner Eltern zwang. Im Jahre 1866 richtete er eine jener fahrenden Kaffeeschenken ein, wie man sie heute noch häufig, tags und nachts, in den Londoner Straßen finden kann. Es sind dies Wagen, oder besser gesagt, Holzbuden auf Rädern, die an der gewohnten Straßenecke ausgestellt, mit wenigen Handgriffen in einen feststehenden Laden mit Ladentisch und Schirmdach, mit Regalen sür Teller und Tassen, sowie natürlich auch mit Eßvorräten und Kochmaschine, verwandelt werden. . . . Sogar ein Firmenschild leisten sich diese „Cafötrers", Und unser John Pearce nannte sein Etablissement „The Gutter Hotel" — „Hotel zur Gosse". Der originelle Name machte ihn bekannt, sein Geschäft ging gut, und nachdem er 13 Jahre hindurch jeden Morgen um 4 Uhr sein „Hotel- Restaurant" eröffnet hatte, gestatteten ihm seine Ersparnisse, einen regelrechten Laden zu eröffnen. Drei Jahre später bezog er dann das Lokal in Farringdon Road, das heute noch als eines seiner besten existiert, und wo er schon zu allem Anfang nicht weniger als 6000 Mahlzeiten per Tag verabreichte. Nicht zum wenigsten half hier wieder eine originelle (damals noch originelle) Reklame. Er brachte an beiden Seiten der Eintrittsthür zwei nach verschiedener Richtung gebogene Spiegel an, deren einer die Passanten dünn wie Zwirnsfäden wiedergiebt, während der andere sie kugelrund zeigt. Die Aufschrift besagt, daß sie so aussehen vor und nach einem Versuch seiner „Beefsteak-Puddings". Nachdem Mr. Pearce dieses Geschäft vier Jahre lang geführt hatte, nahmen einige reiche Leute ein solches Interesse an der Sache, daß sie zu einer Gesellschaft zusammentraten, die das Unternehmen so ausbauten, daß schon vor einigen Jahren 22 solcher Etablissements — kleinere und größere — existierten, die täglich an 50 000 Menschen, meist Arbeiter, versorgen. Einem Vertreter des „Windsor Magazins", einer vornehmen illustrierten Monatsschrift, machte Mr. Pearce noch folgende intereffante Angaben. Wenn man ihm irgend eine Tageslösung nennt ,so kann er sagen, zu welchem der Tage der Woche sie gehört: so verschieden ist der „Kassenbestand", Und dementsprechend auch der „Ausgabe-Etat" des Durch- fchnttts-Arbeiters. Schon in den Münzsorten zeigt sich das deutlich. Am Montag ist das Silber Trumpf. Je mehr es äber zum Ende der Woche neigt, um so kleiner werden die Silberstücke, bis am Freitag eine wahre Flut von „Half- vennies" (Kupferne Vierpfennigstücke rn die kleinste übliche Münze) die Kassen füllt. Zwei Tage sind besonders schlecht: Montag und Freitag. Am Montag bringt der Arbeiter noch ein Stück vom Sonntagsbraten mit zur Arbeit, und am Freitag ist große Nachfrage nach billigem Fleisch und Eiern. Da es eine große Anzahl von irischen Katholiken in London giebt, so könnte man meinen, oaß die Fleischtöpfe deshalb weniger Anziehungskraft hätten, aber da dieselben. Leute häufig Freitag abend zurückkommen (Freitag rst Zahltag für viele Arbeiter), und sich dann ein sichtbarlich von keinerlei religiösen Rücksichten beschränktes Mahl leisten, so ist sicher der „Wochen-Letzte" die Erklärung. Auffallend ist auch die Vorliebe des Engländers sür ein ordentliches Stück Fleisch: es muß vor seinen Augen von dem Braten heruntergeschnitten werden. Von Wüvftchen, wie sie gerade in London besonders gut auf den Markt gebracht werden, ist er weniger eingenommen. Die Beeffteak--Puddtngs, die den Ruf der Firma begründeten, und die eine so plötzliche Wandlung im Aussehen der Kundschaft (laut Spiegelbild) bewerkstelligten, sind in der That eine respektable Leistung. Sie enthalten in einer gut gebackenen Teig-Umhüllung ein halbes Pfund gutes Rindfleisch, und kosten dabei nur vier Pence (34 Pfennig). Ueberhaupt sind die Preise unglauhlich niedrig. Man bekommt eine Tasse Kaffee, Thee oder Kakao für einen Halfpenny (vier Pfennige). Für denselben Preis giebt es ein Butterbrot. Für das Doppelte wird eine sehr groß« Tasse derselben Getränke verabreicht, und ein gutes Stück Kuchen kostet das Gleiche. Dabei ist besonders der Thee ehr gut. Kaffee bekommt man in ganz London nicht gut (mit verschwindenden Ausnahmen), und der Kakao ist ein Getränk, an das man sich in London noch einmal gewöhnen muß — so verschieden von unserer Methode wird er zubereitet. Es ist ein ganz dünnes Getränk, etwas süßlich, wird aber speziell in diesen billigen Restaurants von Kakao bester Qualität bereitet, und muß als wirklich gutes Frühstück bezeichnet werden. Sehr deutlich prägt sich auch der Einfluß der Temperatur auf den Verbrauch aus. Nach Mr. Pearces Erfahrungen bedeutet ein Fallen des Thermometers ein Steigen des Verbrauchs an Brot und Butter um 25 Prozent. Dies ist eine so feststehende Thatsache, daß jeden Morgen nach dem Thermometer gesehen wird, bevor die Vorräte für den Tagesverbrauch bestellt werden. Wir lassen eine Aufstellung folgen, die einen Begriff von dem Jahresbedarf dieser 22 Etablissements giebt. An Fleisch werden verbraucht: 995 Ochsen, 1002 Schafe, 1415 Schweine und 121 Kälber. Es werden verbraucht 1870 000 Eier, 990 Tonnen Kartoffeln und 902 Tonnen Mehl. Tie Ziffern für Getränke sind 99 000 Gallonen Milch, 1314 Tonnen Kakao, 58300 Pfund Thee. An Zubehör wird verbraucht: 385 000 Pfund Zucker, 110 Tonnen „Jam" (Fruchtgelee, das in England viel statt Butter auf das Brot gestrichen wird), *£% Tonnen Pfeffer, 41/4 Tonnen Senf und 2640 Gallonen Essig. Zerbrochen werden jährlich 30 060 Tassen, 12 648 Untertassen und 27 432 Teller! Tie Etablissements der British Tea-Table Co., mit deren Einrichtung erst 1892 begonnen wurde, und die rn- zwischen die Zahl von 24 erreicht haben, sind für erw besseres Publikum berechnet, ohne jedoch an die Börse zu hohe Anforderungen zu stellen. Es werden dort täglich 15000 Mahlzeiten genommen. Im Sommer bilden den Hauptbedarf Eier, Schinken und Salat, während rnr Winter Suppen, Steaks und Kottelettes vorwiegen. Ein großer Teil der Arbeit wird sür beide Etablissements in der Zentrale in Farringdon Road geleistet, wo unter anderen allein 40 Bäcker an der Arbeit sind. Tas gesäurt« Personal besteht aus über 800 Leuten. Dieselben werden so gut behandelt, daß sich für jede einzelne Vakanz durchschnittlich 12 Bewerber melden. Einmal im Jahre, und Mar im Sommer, wird auch ein Ausflug des gesäurten Personals nach der Seekuste veranstaltet, und es giebt eine weitere Erklärung der Größe des Unternehmens und gleichzeitig der wohl durch- geführten Oekonomie, daß dieses nicht billige A^rgnirgen von dem Verkauf der Knochenäbfälle, wie Knochen, Fett usw., bestritten wird. , Ein Unternehmen von ähnlicher Große, tote das oben geschilderte, ist Lockhart's Kakao - Restaurant - Kompagnie, deren Läden gleichfalls überall in der Stadt anzutreffen sind, und die sich nicht wesentlich von Pearce u. Plenty's Geschäften unterscheiden, wenigstens was Qualität und Preise des Gebotenen betrifft. Immerhin beschranken sich aber „Lockhart's" mehr auf die leichteren Mahlzeiten, und so kann beobachtet werden,, daß diese Lokale, — besonders in Stadtgegenden, wo ein Lokal der anderen Art sich in einiger Nähe befindet, — von einem etwas besseren Publikum besucht werden. Uebrigens werden hiev direkte Anstrengungen gemacyt, um auch Leute der Mittet- Ilafse anzuziehen, besonders auch die kaufmännischen Air- gestellten, sowie Frauen und Mädchen. Für diese sind besondere Säle vorgesehen, in denen diejenigen, die den Vorzug der Billigkeit nicht um den Nachteil emer nicht immer ganz einwandsfreien Gesellschaft eintauschen wögen, ähnlich billige Sßretfe in respektabler Umgebung und peinlich sauberen Räumen finden. Man muß London kennen, wit seinen Mremen in Verpflegungssachen, seinen teuren Restaurants für m 120 besseren Klassen, und den im schlechten Sinne proleta!- rischen Speisegelegenheiten der armen Klasse, um zu Wissen, einem wie großen Bedürfnis der ärmeren Mittelklasse durch diese Etablissements abgeholfen worden ist. Außer Lockhart's Restaurants, die für eine geringfügige Differenz im Preise außer besserer Gesellschaft auch separate Räumlichkeiten, und bessere Zubereitung bieten, giebt es auch solche Etablissements, die nur eine Anzahl von Tischen im gleichen Lokale für ein besseres Publikum reservieren, was dadurch kenntlich wird, daß ein Tischtuch über die Holztische (bei Pearce u. Plcnty sowohl als auch bei Lockharts und ähnlichen Unternehmern sind fast ausschließlich — auch für die ärmste Klasse — Marmortische in Verwendung) gebreitet ist, und — daß für die gleiche Mahlzeit ein Penny (8 Pfennig) mehr berechnet wird. Tiefe kleine „Schwäche" der Leute, die, wenn auch im gleichen Lokal, so doch nicht am Tische mit den Männern in Arbeitskleidern essen wollen, spielt im Budget des Unternehmers keine geringfügige Rolle. So ein Tischtuch zu waschen kostet in solchen Großbetrieben kaum mehr als einen Penny, und so kann uns der Leiter einer über das ganze Land verbreiteten Restaurant-Gesellschaft das einfache Exempel vorrechnen, daß jedes Tischtuch bei einer Lebensdauer von nur einem Tage, und bet einem Durchschnitt von nur 40 Mahlzeiten per Tisch ihm 3i/4 Schillinge einbringt. Das Jahres-Einkommen der Gesellschaft aus dieser unscheinbaren Quelle schlägt er auf 40 000 Mark an! Wenn man berechnet, daß zu diesem Resultat schon ca. 40 offen gehaltene Tische hinreichen, so verliert unser Staunen über diese Ziffer fast ganz seine Berechtigung. Ich möchte diese Betrachtung über die Londoner Volks-Restaurants nicht schließen, ohne eines für England noch ziemlich neuen Faktors auf diesem Gebiete zu erwähnen: Der vegetarischen Speisehäuser. Obwohl das englische Klima diese Art der Ernährung nicht sehr begünstigt, so machen diese Lokale doch sehr gute Geschäfte, woran wohl die außerordentliche Sauberkeit und gefällige Ausstattung dieser Restaurants das Hauptverdienst haben. Die Bemerkung, welche man überall macht, daß im Sommer bedeutend mehr Leute sich der vegetarischen Lebensweise zuwenden, trifft natürlich auch für den heißen Sommer Londons zu. Der allzu reichliche Besuch während der Mittagsstunden ist dann das einzige, was Man an diesen Restaurants auszusetzen hat. Zu bemerken ist allenfalls noch, daß auch in der Zubereitung der Pflanzenkost die Neigung des Engländers zum Soliden, Substantiellen, deutlich hervortritt. Die schweren Mehlspeisen wiegen vor — der Zuckerverbrauch ist ein bedeutender. Auch hier ist die Billigkeit groß. Außer in wenigen, mehr dem Luxus dienenden Lokalen, findet man fast durchgängig eine aus drei Gängen bestehende Mahlzeit für „Sixpence" (50 Pfennig.) Auch in England äußert sich der Vegetarismus nicht nur in Einzelunternehmungen, sondeim er ist eine „Bewegung" mit Propaganda, Zeitungen usw. — Unter den Propaganda-Schriften ist mir besonders eine in der Erinnerung, die ich sogar neulich in deutscher Uebersetzung sah. Ihr vielversprechender Titel lautet: ^Mie inan heiraten, und von einem Schilling per Tag leben kann." ... Ich weiß mich von Mangel an Gründlichkeit frei. Ich habe mich durch alle die. aufgezählten Londoner Volks-Restaurants „durchgegessett"; — ich habe für einen Penny gefrühstückt, und für Sixpence manch reichliches Mittagsessen unter allen möglichen Sorten von Publikum verzehrt (was thut man nicht für die Wissenschaft!) — aber zum Märtyrer meiner Gründlichkeit habe ich noch nicht werden wollen, und so muß ich die Verantwortung für den verhängnisvollen Brochüren-Titel ihrem vegetarischen Autor überlassen. Den Londoner Volks-Restaurants kann ich aber meine Hochachtung nicht versagen. L e s e f r ü ch t e. „Leute, die immer über den Büchern sitzen, und sich den Kopf mit fremden Gedanken anfüllen, werden oft durch ihre Gelehrsamkeit selbst von der gesunden Vernunft abgelenkt." (Lucian.) „Was nicht wert ist, mehr als einmal gelesen 8>u werden, verdient garnicht gelesen zu werden." (Weber, „Demokrit".) Ihre Herzensgeheimniffe. (Nachdruck verboten.) „Jetzt, Maud", sagte Edgar mit selbstgefälligem Lächeln, „bin ich bereit, das kleine Experiment zu versuchen. Ich glaube sicher, daß ich im stände bin. Dich zu hypnotisieren. Versuche einmal. Dich ganz passiv zu verhalten, an nichts zu denken. Nein, sage nicht, daß Du an mich denken willst. Sei ernsthaft. Lehne Dich bequem an. So ist's recht. Richte Dein Auge auf teneH Licht, und vergiß nicht, daß Du an nichts denken sollstz Ich werde jetzt 60 Sekunden nach meiner Uhr abzählen." Tas Mädchen folgte den Anweisungen buchstäblich. Nach 20 Sekunden blinzelte sie mit den Lidern, nach 40 Sekunden waren sie geschlossen. „Ach, ich wußte, daß es mir gelingen würde", rief Edgar hochentzückt aus. „Jetzt, Maud, befehle ich Dir, mir Deine Herzensgeheimnisse zu erzählen. Wen liebst Du? Sage es mir, uh befehle es." Ein augenblicklicher Ausdruck des Widerstandes überflog das Gesicht des Mädchens; dann sprach sie eintönig: „Ich liebe Edgar Popham, und — —" „Ja, Ja!" rief Edgar vor Freude zitternd. „Fahre fort. Erzähle mir Deine Herzensgeheimnisse!" „Ich liebe Edgar Popham", fuhr das Mädchen in demselben Ton fort, „und würde ihn noch mehr lieben, wenn er nicht so knickerig wäre. Ich möchte zweimal in der Woche ins Theater gehen, und er führt mich nur dreimal im Monat dahin. Ich möchte Brillantringe, und er schenkt mir Ringe mit billigen Steinen. Ich möchte ein — oder zweimal wöchentlich eine Spazierfahrt im Park machen, und komme nie dazu. Wenn ich mir ihm ausgehe, und hungrig werde, so denkt er nie an Austern. Wenn ich — —" „Genug!" schrie der junge Mann. „Mach auf! Ich befehle es Dir." Uud er stürzte davon, ohne den Erfolg seines Befehles abzuwarten. Als die Hausthür dröhnend ins Schloß fiel, öffnete das junge Mädchen die Augen, lächelte süß, und sagte: „Ich hoffe, ich habe ihm nicht zu viel auf einmal beigebracht. Vielleicht hätte ich die Spazierfahrt und die Austern bis zum nächsten Mal aufschieben sollen."--= Tit-Bits. Schachaufgabe. Won P. Paletzky in St. Petersburg. a b d e f g h 8 7 6 5 4 3 2 1 8 7 6 5 4 3 2 1 a b c d e f g h Weiß. (10 + 7) Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge matt. Auflösung der Zahlenpyramide in Nr. 28: A A u Bau Aube Bauer Traube SW" wohlfeiles Schachspiel "MA für 20 Pfennige zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter, Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brü bl'scheu Universitäts-Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. a e n b o s 8 c i t k 1 1 I - i