Freitag den 24. Januar. 1902. — Nr. 13. H ■? ME ie Menschen denken über die Vorfälle des Lebens nicht so verschieden, als sie darüber sprechen. Lichtenberg. (Nachdruck verboten.) Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) „Daß dieser in wildem Jähzorn den eigenen Bruder erstochen", erzählte die Fürstin weiter, „dieser Verdacht erhob sich sofort und erhielt Bestätigung durch Alexis Jwano- witschs unmittelbar darauf erfolgte Flucht. Diese schien so belastend, daß die weltliche Gerechtigkeit ihn sofort verfolgte. Man sei seiner auch vor der Grenze habhaft geworden, wobei er, sich verzweifelnd wehrend, den Tod gefunden haben soll. So erzählten wenigstens die einen, andere dagegen meinen, er sei ins Ausland gekommen und noch ändere wollen wissen — doch schweigen wir davon, lassen wir die Toten tot sein. Alexis Ornatoff ist jedenfalls tot für Rußland. Hier unseren Kreisen war er übrigens zu entfremdet, als daß sein Geschick lange das allgemeine Interesse zu fesseln vermocht Hätte, und zudem läßt die Rücksicht für Frau v. Ornatoff in dieser Gesellschaft jede Frage, jede weitere Behandlung des Themas verstummen, da offenbar eine höhere Hand — Wera Sergewna erfreut sich nämlich noch aus. Jnstitutszeiten her der besonderen Gönnerschaft einer unserer Großfürstinnen — ihr behilflich war, den Vorgang auf dem einsamen Steppengut derart in Dunkel zu lassen, daß wirklich kaum zu sagen bleibt, was Wahrheit, was Fabel an der Geschichte ist. Behaupteten doch einige geradezu — nur eines politischen Vergehens wegen habe Alexis Iwanowitsch Verbannung getroffen, wobei man aus Schonung für den Namen Ornatoff kurzen Prozeß gemacht —" Frau v. Sarafin hielt hier jäh inne, erschrocken über die eigenen Worte. Soweit hatte sie sich nicht äußern wollen, war jedoch vom Schwünge ihrer Rede fortgerissen worden. Sie hatte darüber auch gar nicht bemerkt, wie Clarita neben ihr totenbleich geworden und nun mit geschlossenen Augen neben ihr saß. Wie aus weiter Ferne klangen nur noch der Sprecherin letzte Worte zu it)r; sie kämpfte mit einer Ohnmacht. Es war zu viel gewesen; zu schreckliches hatte die schnelle Zunge der eleganten Plauderin ihr mitgeteilt. Alexis — ihr Alexis ein Mörder! eilt Brudermörder! und dies erzählte man gleich einer Dagesneuigkeit ihr — seiner Gattin. Stumm, mit starrem Blick saß sie dabet und hörte zu, immer zu, bis es in ihren Ohren klang und ihre Augen sich schlossen. Nun erst, da die Fürstin sich rasch gegen sie wandte, be-, merkte sie den Eindruck, den ihre Erzählung gemacht. „Um aller Heiligen von Kiew willen, was ist Ihnen, meine Liebe? Was haben Sie?" rief sie heftig aufspringend und entsetzten Blickes ihr Riechfläschchen hervorziehend. Der starke Duft des exotischen Parfüms belebte Claritas Nerven; ihre Willenskraft that das klebrige. Sie zwang sich, zu lächeln: „Es ist nichts, gnädige Fürstin — nur eine augenblickliche Schwäche, sie schwindet rasch — sie ist wohl noch eine Folge meiner Reise hierher, aus der ich mich etwas ermüdet." „O, Himmel! Sie waren angegriffen, und ich habe Ihnen so viel vorgeplaudert, daß Ihnen der Kopf schmerzt!^ „Nein" — wehrte Clarita hastig, „nein gewiß nicht; ich danke Ihnen sehr für die interessanten Mitteilungen und speziell noch für Ihre gütige Fürsorge um mich. Ich bin Ihnen tief verpflichtet dafür —" „Also — Sie willigen in der Gräfin Chilkow Anerbieten ein?" „Verzeihung, gnädige Frau", unterbrach sie jedoch die Gefragte hier leise, „Sie sehen, meine Gesundheit ist nicht die kräftigste — ich fürchte, den Anforderungen, die solch ein geräuschvolles, rasch strömendes Leben an mich stellt, nicht' gewachsen zu sein. Eine etwas ruhigere Lebensweise würde mir, wenigstens für diese erste Wintersaison, mehr zusagen. Ich möchte daher den Wunsch der Fran v. Orna- toff in Erwägung ziehen." Die Fürstin war verblüfft; das hatte sie nicht erwartet. Sie konnte nicht verstehen, wie man jene bescheidene Stellung der in dem fürstlichen Palais der Chilkows vorziehen konnte. Jedoch die lebhafte Frau, deren eigener Kopf voller Launen saß, verfiel wenigstens nicht in den Fehler, andern ähnliche Rechte abzusprechen. Echt leichtlebig hielt sie mehr an der Ansicht: Jeder nach seinein Geschmack, und demgemäß blieb sie ancb huldvoll gegen Clarita. Weiter plaudernd, meinte sie: Unter den Verhältnissen möge es ja ganz zweckmäßig sein, daß Clarita ein wenig über die Schatten in dem Ornatoff'schen Hause orientiert sei, und da sie sich vor denselben nicht fürchte, könne sie ja immerhin Frau v. Ornatoff den gewünschten Besuch machen. Die Wahl bleibe ihr doch noch; denn sie werde vorläufig der Gräfin noch keine Absage erteilen. „ _,, , „Freilich", meinte sie, laut denkend, zum Abschied — „hätte ich Sie Eudoxia Petrowna am liebsten gegönnt, da ich Sie, meiner treuen alten Verteuil wegen, nicht selber haben kann; gewinnt indes die Ornatoff Ihre Zusage, so habe ich mich Nikolai Pawlowitsch gefällig erwiesen, den es. immer der Mühe lohnt, sich zu Dank zu verpflichten. Wissen Sie — Herr v. Karin ist der Vormund des kleinen Feodor Iwanowitsch und Frau v. Ornatoffs treuer Freund! Das ist entschiedene Wahrheit. — Karin ist ein vollendeter Edelmann. Lch gkaub's schon, daß er in jungen Jahren Wera Sergewna geliebt und dies der Grund ist, weshalb er, so lauge der alte Adelsmarschall lebte, allen Verkehr mit ihr mied. Doch jetzt, da sie wieder frei ist — nun Sie wissen, die Franzosen haben nicht umsonst ihr altes Wort: Man kommt immer auf die alte Liebe zurück. Hier mag's zutreffen, und Wera Sergewna als reiche, unabhängige Frau vielleicht das Glück erreichen, nachdem sie als armes, vermögensloses Fräul->in vergeblich gestrebt; denn bei allen sonstigen guten Eigenschaften bedarf Nikolai Karin doch auch des Geldes. — Aber mein Gott, — ich werde heute des Plauderns nicht müde,' meine Beste, jedoch, es schadet nichts — nehmen Sie nur immerhin auch diesen Wink mit in das Ornatoff'sche Haus Endlich aber vergessen Sie das meinige nicht — bringen Sie Mir bald Nachrichten! — Also, auf Widersehen! . ± Endlich war sie gegangen. Unten durch die stille Straße jagten die ungeduldigen Pferde, die so lange hatten warten müßen, mit einem Feuer dahin, daß des bärtigen Kutschers volle Kraft dazu gehörte, sie im Zügel zu halten, aber er wehrte ihrem Ungestüm nicht, da die gnädige Barinitscha Vber irhm zugerufen hatte: „Fahr zu wie der Wind, Wassili!" ' „Sie hatte ja über dem Streben, ein gutes Werk zu Ihiln, zil viel ihrer kostbaren Zeit verplaudert, deren sie noch gar sehr bedurfte, um alle die Freuden zu durchkosten, die das heutige Tagesprogramm aufwies. ,, Elarita aber, die Fürstin glücklich im Wagen sehend, schlich m ihr Zimmer; sie schloß hinter sich ab — sie mußte allein, ganz allein sein. . Erschöpft sank sie in die Knie. War ihr Gatte wirklich ettt Verbrecher? ein Mörder? Gerade das Letztere gewann in Anbetracht seines rasch hegten und rasch verrauchten Zornes einige Wahrscheinlichkeit für sich. Sie wußte das wohl. Im Mvinente des Zornes konnte er einer raschen That fähig gewesen sein — Und dw Veranlassung zu solchem Zorne? Schimmerte sie ihr nicht wieder in grellem Lichte entgegen, durch die Fabck, die eine fremde Dame mit ins Spiel brachte. Alexis mochte dem älteren Bruder seine geheime Ehe gestanden haben, was diesen möglicherweise zu Worten geführt, welche den leidenschaftlichen Mann toll gemacht! O du lieber Gott stöhnte Clarita schmerzlich, „zeigt sich mir denn immer aufs neue meine Schuld, meine Schuld!" Und dann fiel ihr erst em, daß Alexis selber, nach der einen Lesart, welche die Fürstin erwähnt hatte, in verzweiflungsvoller Gegenwehr gefallen fern sollte. Auch das war möglich; es erklärte sogar Um ersten sein gänzliches Verschollensein; denn seinen eigenen j Worten nach konnte ja nur der Tod sie trennen. War der äber^emgetreten, was sollte dann all' ihr Forschen auf XL Zwei Fr au e n. Sich zum Meister seiner Zunge und seines Gesichtes zu machen, daß sie nicht die Geheimnisse des Herzens verraten — dies ist eine Kunst. Christine v. Schweden. Genau zur festgesetzten Stunde fuhr Clarita folgenden Tagev nach dem Ornatoff'schen Hause. Sie hatte ihre Fassung wieder errungen, obgleich eine schlaflose, fieberhaft durchwachte Nacht,hinter ihr lag. Vor sich selbst war sie erschrocken, als sie an jenem Morgen in den Spiegel cw- schant und ihr eigenes Antlitz kaum wiedererkannte. So farblos und durchsichtig erschien dieses, daß deutlich die blauen Schläfadern durchleuchteten, neben welchen ein Paar tiefliegende, kummervolle Augeu ihr matt entgegeublickten; alles Feuer schien darin erloschen. Wenn sie gewußt hätte, wie vorteilhaft diese Schatten, welche ihren jugendlichen Liebreiz verdunkelten, sich zur Erlangung der gewünschten Stelle erweisen würden, so würde sie sich ihrer gefreut haben — aber sie dachte nicht daran. Ein Raine erfüllte ihr Smn und Herz. Alexis! Sie betrat fein Elternhaus. und freudlos überschritt sie die Schwelle, der er entflohen — entflohen mit dem Kainszeichen auf der Stirne, wie die Menschen sagten! - Doch die Menschen logen! Sie glaubte ihnen nicht. - Wie viel Unwahrheit wußte die Welt isicht zu erzählen? Wie viel Lug und Trug spritzte das vielköpfige Uiigeheuer Man sagt" nicht täglich in die Welt! Während sw m ihrer Einsamkeit darüber nachgesonnen, war W die bedeutungsvolle Fabel eingefallen, welche erzählt, daß Wasser, Feuer, Wind und Wahrheit einmal eine Unter- ^edung zusammen gehabt und bevor sie sich getrennt, davoir gesprochen hatten, wo sie sich int Falle der Not wieder finden konnten? Das Wasser erklärte: es sei zu finden, wo Binsen wuchsen, man brauche daselbst nur ein wenig die Erde mit dem Svaten aufzugraben; das Feuer beteuerte: man werd« ™ ben 5^selsteinc.i finden, wenn man zwei aneinander fcylage; und der Wmd sagte: er könne auf den Blättern der ■ ®tilupe wahrgenommen werden. Aber die Wahrheit be- kannte: Sw könne keinen Ort angeben, wo sie gewiß anzu- treffen, jet; denn unter den Menschen herrsche die Lüge. ' l u „ Jur die gleiche Ansicht hatte Clarita sich entschieden, wahrend sie die lange Nacht hindurch über die Mitteilungen der vornehmen Plauderin uachgegrnbelt, bis kurzer Schlaf ihr dte müden Augen zu gedrückt und der Traum sie zurück- getragen hatte m eine glückliche Zeit, wo sie an dem Ufer des alpenumkranzten Lago-Maggiore an der Seite des ! teueren Gatten lustwandelte, der ihr in süßem Liebeston Worte wiederhol die das abgerissene, durch Dimitri n,-. ubersanite Notizbuchblatt enthielt: „Was immer man Dir von mrr sagen mag, glaube es nicht; vertraue mir! ich! bin uns^nldig!" . ~A „ Dies eine Wort wog alles auf. Alexis hatte es gesagt: sie hielt daran fest. d 1 a f Ihr Geist klammerte sich auch jetzt daran, da sie die breiten Treppenstufen des altertümlichen Hauses hinanschritt. Er nahm sich völlig anders ans, als vor wenigen Tagen in dem Abenddunkel. Die mit ihm vorgegangene Veränderung! st>rach zu seinen Gunsten. Mit dem Erschließen der Läden war Licht und Leben in die inneren Räume gedrungen, in: • welchen emsige Menschenhände binnen kurzer Frist unqlaub- ..^d^^^ekeistet. Ein gewisses, altes Gepräge war freilich! überall geblieben, womit sich indes ein Behagen fördernder Prunk der Neuzeit nicht unangenehm verband und jene Vor-i nehmheit hervortreten ließ, die guter Geschmack und reiche Geldmittel schnell hervorzuzaubern vermögen. „Clarita übersah dies alles mit prüfendem Blick; zn- nachst hatte sich dieser dem Diener zugewandt, der ihr den Wagenschlag öffnete, ihr alter Bekannter, den kürzlich! der verschleierte Besuch mit Gespensterfurcht erfüllte, war es nicht. Seine Stelle nahm ein gewandter Kammerdiener em, der Fräulein de la Para sofort in französischer Sprache benachrichtigte, daß die gnädige Barinitschi sie erwarte.; Demgemäß führte er sie zu einem eleganten Gemache, wo sie einen Moment zu verziehen gebeten ivurde- Clarita benutzte den Moment, sich innerlich zu sammeln, um mit äußerer Ruhe derjenigen gegenüber zu treten, die ihrem Alexis die Heimat freudlos gemacht/ und vielleicht die einzige war, die genaue Auskunft über des armen Verschollenen Geschick geben komite, wenn sie nur wollte. ' Eiue Seitenthür öffnete sich, schwere Portieren fielen zuruck, und der dahinter sichtbar werdende Diener bat einzutreten in ein luxuriöses Boudoir, wo eilte schöne Frau in schwarzem Sammetgewand leicht hingegossen aus einer niedern Causeuse lehnte, und mit jemand sprach: der ber dem Geräusch der zurückgeschlagenen Portiere aufsprang. Es war Herr v. Karin. Er verbeugte sich mit ritterlicher Höflichkeit vor der Eintretenden, die an ihm vorüber der Dame des Hauses entgegenschritt. Mit einer leicht an Herablassung streifenden Artigkeit begrüßte diese ihren Gast. Sie dankte Fräulein de la Para für ihr bereitwilliges Kommen, wobei sie sich einiger herkömmlicher Redensarten bediente, welche Nikolai Pawlowitsch Karin geschickt zu nutzen verstand, um, sich in das Gespräch eitimischend, Clarita zu fragen, wie ihr die Abendgesellschaft bei der Fürstin bekommen sei? — Ton und Haltung dabei waren so fein und gewählt, als betrachte er die junge Fremde völlig zu dem Gesellschaftskreis gehörig, in dem er ihr begegnet. Frau v. Ornatoff sah dies sehr gut. Vielleicht dieserhalb, vielleicht weil Clarita's ruhige Vornehmheit ihr Eindruck machte, lieh sie schnell den etwas nachlässigen Ton in ihrem Wesen ausklingen^ besonders da Nikolai Karin sich zu verabschieden wünschte. Sie bot ihm freundlich ihre sorgsam gepflegte, juwelengeschmückte Rechte, ihr strahlendes Auge lächelte ihm dabei zu: „Auf Wiedersehen, Nikolai Pawlowitsch, vergessen ©ie nicht, pünktlich zu fein!" Er versprach fein bestes und zog sich zurück- Die Thure schloß sich hinter seiner hohen, stattlichen Gestalt — 51 — die beiden Damen waren allein. Sie saßen einander gegenüber, und sprachen in leichtein französischen Ton; mit dem Blicke des Geistes aber prüfte die eine die andere, als möchte sie ihr gleich hineinschauen bis auf des Herzens Grund. Warum? das wußte wohl eine rede selbst am besten. Clarita sand Alexis Schilderung zutreffend. Wer« Sergewna war jung und schön; sie mußte einen seltsamen Gegensatz zu dem greisen Gatten gebildet haben, dessen Söhne ziemlich in einem Alter mit ihr gestanden. Roch mochte sie die Dreißig kaum überschritten haben, ihre ganze Haltung war die der vornehmen, weltgewandten Dame. Etwas Hochfahrendes lag in ihrem Wesen, unverkennbarer Stolz in ihrem schönen kalten Antlitz. Sobald dieses sich jedoch belebt zeigte, wurde seine Schönheit eine bestechende, blendende, wie z. B. vorhin, da sie Nikolai Pawlowitsch zum Abschied zugenickt. Es lächelte alsdann der reizend geformte Mund mit den frischen Lippen, der sonst ihn umspielende, auf entschiedenen Eigenwillen deutende Zug trat zurück, der unruhige Blick schwand aus den schimmernden Augen, deren Farbe fast meergrün erschien, voll solch unbestimmbaren Lichtes, daß sie un- willkiirlich an die am sernen Rheinesgestade besungene Loreley erinnerten. Auch das goldene Haar hatte Frau v. Ornatoff mit jener gemein. Ja, dies leuchtende blonde Haar, die wie Diamanten in wechselndem Farbenlicht, unter den langen, auswärts gebogenen Wimpern glanzenden Augen gaben der elfenartigen Gestalt Wera's etwas .Sirenenhaftes, das seine alte lockende Macht bewähren mochte, sobald die verwöhnte Frau liebenswürdig fein wollte. Ihre eigenartig reizende Erscheinung mußte einen Ungewöhnlichen Eindruck machen, aber — war er wohl- thuend? (Fortsetzung folgt.) Das alte obere Heidelberger Schloß?) Bon Palatinus (Heidelberg). (Nachdruck verboten.) Ein Heidelberger Schloß wird zum ersten Male im Fahre 1225 urkundliche erwähnt, als der Bischof von Worms den ersten Pfalzgrafen aus dem Geschlecht der Wittelsbacher, Ludwig, mit Stadt und Burg belehnt. Ueber die Vorgeschichte dieser bis dahin bischöflich Wormser Burg ist nichts bekannt. Das eine aber ist sicher, daß vor den Wittelsbachern kein Pfalzgraf, auch nicht der Hohenstaufer Konrad, auf ihr residiert hat. Wie späteren Zeugnissen zu entnehmen, lag diese Burg auf dem kleinen Gaisberg, der Stätte der heutigen beliebten Wirtschaft „Zur Molkenkirr". Der kleine Gais- berg bietet die topographischen Voraussetzungen für eine mittelalterliche Burganlage; auf drei Seiten durch das steil abfallende. Gelände sturmfrei, mußte er nur gen Osten, dem Königstuhl zu, durch Graben, Schildmauer und Bergfrid befestigt werden. Wie diese Burg des 13. Jahrhunderts im emzelnen aussah, wissen wir nicht. Das kleine Bildchen in Sebastian Münsters Kosmographie (1526) gestattet keine Schlüsse. Doch verwahrt die Städtische Kunst- und Altertümersammlung eine zweifellos echte Tuschzeichuung aus dem Jahre 1537, „arx superior in haidelberch", welche von keinem Geringeren signiert ist als dem Pfalzgrafen Otto Hernrrch, dem Erbauer des heute viel umstrittenen Glanzstückes der neuen Schloßanlage. Darnach hatte das Hauptgebäude, der „Palas", — hoch auf starken, durch Strebs Pfeiler gestützten Mauern ruhend —, zwei zweigeschossige Flügel, überragt, wohl im Süden, von einem hohen, viereckigen Turm, zu beiden Seiten kleinere Gebäude. Nach Errichtung der Residenz drunten auf dem Jettenbühl, diente im 15. und 16. Jahrhundert das alte Schloß nur als Zeughaus. In das aufgestapelte Pulver schlug 1537, unter der Regierung Kurfürst Ludwigs V., der Blitz und zerstörte dre Burg wohl fast völlig. Kurz vor der Katastrophe hat Otto Heinrich durch seine Skizze ihren Anblick der Nachwelt bewahrt. Auch das neue Schloß litt Schaden durch die Explosion. Während des 30jährigen Krieges lagen Pfälzer m den Ruinen verschanzt, bis Tilly sie vom Gaisberg aus *) Die alle Welt zurzeit beschäftigende Frage: Wieder- oder nur Restaurierung des Otto Heinrichsbaues des Heidelberger Schlosses? veranlaßt uns zur Wiedergabe vorstehender Auslassung. D. Red, be;choß und vertrieb. Ein Stadtplan aus dem Jahre 1622 S"chnetdort,wo heute die Molkenkur steht, Bastionen ein, wohl Phantasiegebrlde. Von da ab wurde die „Schanze"' gleich den Kirchen- und Klosteranlagen drüben auf dem Heurgenberg, als Steinbruch von den Heidelbergern aus- gebeutet. Der verdiente Verfasser der „Geschichte und Beschreibung der Stadt Heidelberg" F. P. Wundt konnte 1804 hier wenrg mehr sehen. Eine ftanzösische Emigrantin aber entdeckte die großartige Aussicyt, die sich von da nach. Rheinebene, Neckarthal und Odenwaldbergen erschließt. Ein findiger Wirt, Wagner, folgte nach, erwarb um die Mitte vorigen Jahrhunderts die Osthälfte des Terrains vom Fiskus und richtete die weitbekannte „Molkenkur"-Restauration ein, die jetzt den Endpunkt der Bergbahn bildet. Diesem Neubau fielen fast die letzten oberirdischen Reste der Burg zum Opfer, um eine ebene Fläche zu gewinnen. Die letzten Zweifel, daß auf dem kleinen Gaisberg eine mittelalterliche Burg gestanden, sind nun neuerdings in bejahendem Sinne gelöst durch die voin Heidelberger Schloß- verem unternommenen, von Professor Dr. Karl Pfaff geleiteten Ausgrabungen. Ihr Ergebnis hat Pfaff in der jüngsten Generalversammlung des Schloßvereins ver- osfentlicht. Ein hiesiges Blatt berichtet darnach: Oestlich der Molkenkurwirtschaft wurden drei im rechten Winkel auf ernanderstoßende Mauerzüge aufgedeckt, welche eine» rechteckigen Raum umschließen. An den zwei östlichen Ecken sind schräg gestellte, mächtige Strebepfeiler sichtbar, die im festen Verband mit den erwähnten Mauern stehen und darauf deuten, daß schwere Lasten auf diesen Mauern geruht. Die Nordmauer läuft gen West bis zum Writschaftsgebäude, unter der Nordostecke desselben hindurch bis zum Geländerand. Wieviel zum Teufelsloch abgestürzt oder durch Steinbruchbetrieb abgebaut worden, läßt sich nicht feststellen. Die Südmauer ist heute etwa halb so lang, wie die Nord-, die Ostmauer etwa so lang wie die Südmauer. An wenigen Stellen reichen diese Mauern und Strebepfeiler über den Boden empor; an anderen Stellen ruht späteres, flüchtiges Mauerwerk auf dem tüchtigen Fundament. Innerhalb des von den drei Mauern umschlossenen Raunres fanden sich nur an der Südmauer einige augenscheinlich alte Fundamentreste. Der Gründer der Molkenkirr hat oben östlich der heutigen Wirtschaft Felsen und damit auch Grundmauern beseitigt, um im Westen auszufüllen. — Diese, somit nicht ganz ergebnislosen Ausgrabungen brachten zugleich für dre Federzeichnung Otto-Heinrichs Bestätigung und Erklärung: Sie stellt die obere Burg von Norden dar. Der Nordflügeh des Palas ruhte mit seiner Nordfront auf der Osthälfte der oben erwähnten Nordmauer (daher hier auch noch zwei rechtwinklig anstoßende Strebepfeiler), der Flügel sprang nach der „Klinge" zu in den Hof. Der Graben lag östlich; dre heutige Fahrstraße liegt in ihm. Ueber ihn führte zwischen zwei Türmen eine Zugbrücke in den Palas oder in den inneren Burghof. Westlich des Palas-, in der Gegend! der heutigen Molkenkurwirtschaft, lagen Wirtschaftsgebäude, auch eine (noch erhaltene) runde Cisterne, vielleicht unter ernem niederen Rundtrrrme. Fremdenzimmer. Plauderei von Herbert Steinlein. (Nachdruck verboten.) Ein Fremdenzimmer giebts wohl in den meisten Häusern,, und wenn auch nicht gerade der schönste Raum in der Wohnung dazu benutzt und das beste Mobiliar hineingestellt wird, so ist's den Logiergästen doch immer noch lieber, als wenn man sie in dem Salon einquartiert. Denn daun heißt's früh aufstehen, damit besagtes Prunkgemach nicht allzulange seiner sonstigen Bestimmung entzogen wird; nun, und „Morgenstunde hat Gold im Munde" ist an: Ende nicht jedermanns Wahlspruch. Außerdem könnte es einem unglücklichen Gast auch zustoßen, daß er einen Kaffeefleck auf die gute Sophagarnitur macht oder den guten Svphatisch mit Stearin betropft, was entschieden nicht dazu dienen würde, das freundliche Einvernehmen mit der Hausfrau zu befestigen — kurz, das Logieren im Salon hat entschieden seine Schattenseiten. Ich für meine Person würde es wenigstens bedeutend vorziehen auf dem Treppenabsatz odev in der Rumpelkammer zu schlaft». „Aus dem Treppenabsatzfragt vielleicht der eine oder ändere verwundert. 52 gtitn ja, warum nicht? Die Podeste au wenig benutz, Treppen sind in manchen Häusern sehr beliebte Fremd, Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verla-, der Brühl'schm Universitäts-Buch- und SteindruSerei (Pietsch Erben) in Gießen. Gruppenrätsel. Nachdruck verboten. anc, fen, har, hen, hof, htm, mac, nar, ren, reu, und, zum. Vorstehende Buchstabcngruppen sind so zu ordnen, daß sie im Zusammenhang gelesen, ein bekanntes Sprichwort ergeben. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Kreuzcharade in vor. Nr.: me Name, Erle, Erna, Meer, leer, le 9tiut ja, warum nicht? Die Podeste au wenig benutzten manchen Häusern sehr beliebte Fremdenzimmer; sie werden durch Bettschirme und Vorhänge sorgsam von der Außenwelt abgeschlossen und vermittelst der Flurlampe erhellt; dann schläft man dort wie in Abrahams Schoß, notabene, sofern man jene lobenswerte Eigenschaft besitzt, von der der Volksmund behauptet, sie wäre zwar eine Zier, doch käme man weiter ohne „ihr". Und was nun gar die Rumpelkammer anbetrifft, so gießt sie geradezu eiu ideales Fremdenzimmer, vorausgesetzt, daß sie nicht für gewöhnlich einer §unbefamitie zum Aufenthalt dient; denn in diesem Fall kann man allerdings mancherlei Unangenehmes erleben. Ich weiß das aus Erfahrung, weil ich einmal in einer logiert habe. Sie sah reizend aus, meine Gastfreunde hatten sich mit ihrer Dekoration die größte Mühe gegeben — rosenrote Draperieen an den Fenstern, rosenrote Draperieen an den beiden Kisten, die als Wafch- und Nachttisch dienten, und rosenrote Draperieen an den als Puffs, respektive Tabonrets frisierten Fässern — kurz, rosenrote Draperieen überall. Eine Prinzessin wäre von diesem rosenroten Fremdenzimmer entzückt gewesen, und ich war es auch, bis — ich einznschlafen versuchte. . Denn just in -diesem Augenblick ließ sich ein klägliches Wimmern in einem Winkel des Raumes vernehmen — ein Wimmern, so nachhaltig, daß ich aufstand und nach dem Lichte — dieses steckte, beiläufig bemerkt, in Ermangelung eines Leuchters, in einer vor rosenrotem Seidenpapier umhüllten Flasche — griff, um nach dem Ursprung der unheimlichen Laute zu forschen. Von einem Spirit rührten sie glücklicherweise nutzt her, sondern von einem allerliebsten jungen Hündchen, der weitverzweigten Familie Pintscher angehörend. Vermutlich war das Tierchen hier durch Zufall eingeschlossen worden. Ich setzte es also behutsam zur Thür hinaus und legte mich wieder zu Bett. Wer kaum, daß der Schlafgott aus seinem Mohnftengel die ersten Körner auf meine müden Lider zu träufeln begonnen, wurde ich abermals durch die nämlichen Laute aufgeschreckt. Siehe da, wieder ein junges Hündchen und zwar wieder ein Pintscherchssu. Doch, wozu soll ich meine Leser durch die so und so vielte Wiederholung des gleichen Vorganges ermüden — genug, daß ich in jener Nacht zehn junge Pintschercheii herausgeworfen habe, einander so ähnlich, tote ein Ei dem andern. „Sagen Sie in aller Welt, was machen Sie mit den vielen jungen Hunden?" fragte ich am nächsten Morgen meine Gastfreunde. „Siele junge Hunde?" meinten fte höchlichst erstaunt. „Wir besitzen nur einen." . , Als ich ihnen nun mein nächtliches Abenteuer geklagt und wir uns in langer Prozession nach meinem Schlafzimmer begaben, stellte es sich heraus, daß die Thür unten ein Loch hatte, gerade grog genug, um dem Pintscherchen den Eingang zu gestatten. Ich hatte folglich denselben jungen Hund zehnmal hintereinander hinausgetoorfen! Daß er vordem mit seiner Mama in der Rumpelkammer gehaust hatte, brauche ich wohl kaum zu berichten. Die Moral von dieser Geschichte ist, daß man nie einen Gast in einem Raum unterbringen soll, den man nicht zuvor genau nach gesehen hat, gleichviel ob er sonst andern Zwecken zu dienen pflegt oder von Anbeginn die Bestimmung eines Fremdenzimmers gehabt hat. , Denn beständig hat man doch nicht Logiergäste im Hanse, und eine kluge und praktische Hausfrau mag selbstverständlich ein jegliches, über das sie ihr Seepter schwingt, ausnützen. Sie kann z. B. in dem Fremdenzimmer Wäsche trocknen, Schinken und Würste aufhängen, Blumen ziehen oder ihren Wintervorrat von Aepfeln auf dem Fußboden ausbreitett. Dagegen ist ja auch nichts zu sagen, wenn die Dinge nur vor Ankunft des Gastes fortgenommen werden. Im übrigen aber darf auch der Gast sich nicht die Laune dadurch verderben lassen, wenn das Fremdenzimmer kleine Nebel stände auf weist. Die Hauptsache muß ihm die freundliche Gesinnung sein, mit der seine Gastfreunde ihm die Stätte, darin er doch nur für kurze Zeit rastet, traulich und heimlich zu machen gestrebt haben. Eine Base mit Blumen, die ihn bei seinem Eintritt grüßt, verrät ihm die schon allein, ein liebes Bild, ein Buch, in dem er beim Einschlafen liest! Das sind so Kleinigkeiten, die dem Gast oft mehr toerfind, als Prunk und alle mögliche Bequemlichkeit. Das Recht zum Sterben. Das wohlihätige Wirken des Arztes am Beite eines. Sterbenden, wo er mit betäubenden oder schmerzstillenden Mitteln der letzten Lebensstunden des SchwerleidendeN erträglich macht, ist gewiß eine schöne Aufgabe. Diese' -1 hohe Pflichterfüllung aber würde über die Grenzen der Moral und des Rechts hinausgehen, wenn die Lebensdauer durch den Eingriff der ärztlichen Kunst, selbst auf den Wunsch desKrankenhin, auch nur um eine geringe Zeit verkürzt würde. Hierüber finden wir in der von Professor Dr. Martin Mendelsohn heraus- gegebenen Monatsschrift „Die Krankenpflege" (Verlag Georg Reimer, Berlin) eine sehr mhaltreiche und eingehende Abhandlung, in welcher von juristischem Standpunkte aus diejenigen Grundsätze und gesetzlichen Vor- « schriften entwickelt werden, welche klar erkennen laßen, daß der Arzt nie etwas anderes thnu darf, als' Hilfe in Krankheitsfällen zu leisten. In keiner Weise wird es dem Arzte gestattet sein, auch nicht mit Rücksicht darauf, daß der durch Krankheit ohnehin dem nahen Tode Verfallene die Absicht äußert, ihn von längerem Leiden zu erlösen, diesem Mittel zum Selbstmorde zu reichen oder doch zum Selbstgebrauche zü verschaffen. Die gegenteilige Handlungsweise, welche man vielleicht nur mit dem Gefühl des Mitleids zu entschuldigen versucht sein könnte,, wird strafrechtlich verfolgt; und der bekannte Retchs- gerichtsrat Dr. jur. Stenglein in Leipzig, welcher diese Ausführungen in der „Krankenpflege" giebt, möchte keinessalls den von verschiedener Seite gemachten Gesetzesvorschlag befürworten, welcher eine Aendernng in der bestehenden Rechtsauffassung schaffen, und so das menschliche Leben als Rechtsobjekt in ferner Wertschätzung herab- toürbigen müßte. Gemeinnütziges. Wie lernt man seinen Ob ft bäum richtig schneiden? Der Obstbaumschnitt, besonders der Schnitt des Formobstes in den mannigfachsten Gestalten, scheint unaemein schwer. Gr ist es aber gar nicht, wenn matt Wirkung und Ursache des Schnittes kennt, wenn man weiß, durch diesen Schnitt wird ■ das, durch diesen jenes hervor- gerufen. Damit man dies Wissen bekommt, ist nur eine Kenntnis von der Bewegung des Saftes rm Baume notwendig. Herr A. Pekrun, ein Obstliebhaber, und allbekannter Meister des Schnittes, der durch sich selbst gewissermaßen beweist, daß man kein Fachmann zu fern braucht, um formvollendete Bäume zu ziehen, zeigt dies wieder im „Erfurter Führer im Obst- und Gartenbau". Er schildert dort m Nr. 40 tu seiner lebhaften, eingehenden Weise den ganzen Baumschmtt und macht ihn so verständlich, daß jeder ihn verstehen muß, der seine Abhandlung liest. Da Nr. 40 des „Erfurter Führer im Obst- und Gartenbau" unseren Lesern postsret zugeschickt wird, wenn sie die Nummer Mittels Postkarte vom Geschäftsamt des „Erfurter Führer" verlangen, so verweisen wir darauf. Fettflecken aus Stoffen zu entfernen. Man nimmt dreifach zusammengelegtes Löschpapier, auf welches der Stoff mit der Fleckenstelle glatt auSgebreitet und gehörig mit Benzin befeuchtet wird, hierauf kommt eine zweite Lage Löschpapier, welche man mit der Hand ober, eurem anderen Gegenstand fest aufdrückt. Der Fettfleck wird aus diese Weise gelöst und von dem Papier rein aufgesogen, so daß keine Spur mehr davon verbleibt. ,r y „Prakt. Wegweiser", Würzburg. Na