Samstag den 23. August. 1902. — Nr. 125. BÄä&kKt T//77? (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-Jork. Bon Heinrich Lee. (Fortsetzung.) Mister Hitchock erhob sich. „Bell", s agte er, dicht an sie herantretend, „Bell, hüten Sie sich. Sie sind hart und grausam gegen die Menschen geworden. Und doch —• es nützt Ihnen nichts. Sie meinen, Ihren Mann zu hassen. Sie reden sich sogar ein, daß Sie ihn verachten, obwohl Ihnen Ihr Verstand doch sagen muß, daß das Opfer, das er Ihnen bringt, sein Vergehen schon hinreichend gesühnt hat. Wer, meine liebe Bell,' wie sehr Sie ihn auch zu hassen und zu verachten glauben und denken, ihm nie vergeben zu dürfen — bei alledem sage ich Ihnen, daß Sie ihn noch in Ihrem Herzen tragen, daß Sie ihn noch lieben — noch! jetzt, noch immer." „Genug!" unterbrach sie ihn totenblaße die Hand gegen ihn erhebend, wie gegen ein Gespenst, das auf sie eindrang, und tonlos fiel es von ihren Lippen: „Wer hat oas gesagt?" „Das sagen mir, liebe Bell", antwortete der alte Mann, „die hohlen, rauschenden Vergnügungen, dieser öde Flitter, diese ganze Gesellschaft, mit der Sie sich umgeben. Dinge alles, die Ihnen im Grunde doch genau so fremd sind, wie sie es Ihren: Vater waren. Befriedigt Sie das Leben, das Sie führen? Nein, denn das wäre bei Ihrer Natur unmöglich. Sie wollen sich betäuben, liebe Bell- Das ist es. Weil sich Ihr Herz zerquält in Kummer, in Gram um das Verlorene." Sie starrte jetzt düster vor sich hin. Während Mister Hitchock sprach, hatten ihre Züge wieder ihren früheren steinernen Ausdruck angenommen. Es war dunkel geworden. Aus dein Garten strömte schwer und berauschend der Duft der Blumen herein und aus dem Salon nebenan klang das Plaudern und Lachen der Gäste. Mister Hitchock sagte nichts mehr. Er ivartete jetzt- „Und wäre es wahr", sprach sie'endlich mit bebender Stimme vor sich hin, „hätten Sie recht und hätte ich ihn bis zu diesem Augenblick noch nicht ganz aus mir vertilgen können — nun gut, so haben Sie wohl daran gethan, es mir zum Bewußtsein zu bringen." Sie richtete sich! hoch! vor ihm auf und die Worte, mit denen sie jetzt fortfuhr, klangen wie die Schläge eines Hammers: „Ich bin noch schwach gewesen. Ich will's jetzt nicht mehr sein. Hören Sie, Mister Hitchock, ich w t l l nrcht mehr- Und darum will ich ihn auch nicht mehr sehen. Niemals wieder will ich ihn sehen. Das schreiben Sie ihm!" „Das ist. Ihr letztes Wort?^ fragte Mister Hitchock nach einer Pause. „Mein letztes!" Mister Hitchock nahm seinen Hut. „So leben Sie wohl." Es 'gab eine Thür in diesem Zimmer, die direkt, itt den Garten und von da auf die Straße führte. Durch diese Thür empfahl er sich Er konnte es so vermeiden, noch einmal mit den müßigen Leuten nebenan zusammenzutreffen. Bell war mit sich! allein. Sie stand am Fenster und ihre Augen folgten seiner sich entfernenden Gestalt, bis sie im Dunkel verschwunden war. Was hatte der alte Mann zu ihr gesagt? Auf den Grund ihrer Seele hatte er geleuchtet, sodaß sie hineinsehen mußte — in ihre tiefste Tiefe. Er hatte ihr gesagt, daß sie ihn noch liebte, — noch jetzt, noch immer, wenn sie sich auch selbst darüber belog. Sie schloß die Augen wie vor einem Abgrund, der sich plötzlich zu ihren Füßen aufthat. Und besser, sie lag. unten mit zerschelltem Gebein, als daß es wahr sein sollte, was der alte Mann gesagt. Aber es war nicht wahr. Nur ein Schreckbild hatte der alte Mann vor ihr heraufbeschworen. Es w a r nicht wahr, denn vor sich hielt sie jetzt, wie einen Schild, ihren Willen ausgestreckt. - ... Gold, Gold, hieß der Zauber, der in ihrer Macht war, und er sollte ihr für ihr verlorenes Leben büßen. Ein wüster Rausch, ein Bacchanal sollte ihr dies Leben nur noch! fein, in oem sie nicht mehr zur Besinnung kam. Nur Eines nrcht — „denken"! War sie nicht schön? Und wenn die Narren ihr von Liebe sprachen — über sie lachen! Droben glänzten die Sterne. Bon ferne rauschte das Meer. Es war derselbe Klang, wie damals auf der deutschen Insel. Bell merkte nicht, wie sich die Thür leise öffnete. Erst als sie ihren Namen hinter sich flüstern hörte, wandte sie sich hastig um. Es war Fred. „Hitchock hat Dir Nachricht gebracht", stieß er hervor, „von ihm!" „Ja", sagte sie. Niemand konnte an ihrem Tone merken, auch Fred nicht, ivas in ihrem Herzen vorgegangen war. „Du bist frei!" „Noch nicht. Aber ich hoffe es bald zu werden." „Bell", flüsterte er, und weil es dunkel und kein Zeuge anwesend, so sank er vor ihr auf die Kniee. „Bell, Du hast mich von Dir geschickt. Ich habe es nicht ertragen." Sie hatte es im Voraus gewußt, daß Bessies Mühe um ihn vergeblich sein, daß er zu ihr zurückkehren würde, wie er von ihr gegangen. Nun legte er ihr seine Leidenschaft von neuem zu Füßen. Er war ein Mann. Warum streß sie ihn nicht von sich wie die anderen? „Man wird auf mich warten", sagte sie kurz, „laß da- und steh' auf. Wir wollen hinein." Er erhob sich, aber indem sie gehen wollte, hrelt er sie zurück. 4- Mister Hitchock schrieb aber noch etwas, und mechanisch nahm er das Blatt wieder auf. „Wenn Sie indessen meine Meinung hören wollen", so lauteten die nachfolgenden Zeilen, „so ist es die, daß Sie trotz dieses Bescheides auf die Zuneigung Ihrer Frau immerhin noch rechnen dürfen. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß sie Ihnen diese trotz allem, was geschehen ist, bewahrt hat und daß sie sie nur im Gefühl der durch Sie erlittenen Kränkung zu unterdrücken sucht. Mein Rat wäre der, daß Drei schreckliche Tage. Bon Fritz Heine. (Nachdruck verboten.) Jin „Berein der Freunde" hatte ich ihn kennen gelernt, den bleichen, ernsten Mann mit der schwarzen Künstlermähne. Ich wußte nichts von seiner Vergangenheit, doch erzählte man sich, daß er ein gar bewegtes Lehen hinter sich habe. Sie trotzdem kommen. Was Sie dann, hier angelangt, zunächst zu thun hätten, und wie Sie sich bn-' Frau Baronin nähern wollen, das müßte Ihnen allerdings ganz überlassen bleiben." Frau Lütjens, die alte, rundliche Dame, bei welcher Herwarth wohnte, saß eben in ihrer Epheuecke am Fenster, strickte Strümpfe und sah' dabei voll stiller Zufriedenheit in den am Fensterrahmen hängenden Spiegel, der ihr die Vorübergehenden zeigte, ohne daß sie dabei selbst gesehen wurde, als es plötzlich an der Thür klopfte und zu ihrem Erstaunen ihr Zimmerherr hereintrat. „Frau Lütjens", sagte er, „morgen oder übermorgen werde ich verreisen. Es wird einige Wochen dauern. Schreiben Sie mir «also bitte meine Rechnung auf." Wenn ihre anderen Zimmerherren verreisten, so sagten sie Frau Lütjens wenigstens: warum, wieso, wohin. Ihr jetziger Zimmerh'err hielt dies nicht für notwendig. Dazu war er zu vornehm. Er war eben Baron und außerdem noch bei der preußischen Regierung — denn Frau Lütjens war eine alte Dänenfreundin und deshalb unterschied sie zwischen zwei Regierungen, einer dänischen und einer preußischen. Noch im Lause desselben Nachmittags begab sich Herwarth zu seinem obersten Vorgesetzten, um sich einen sofortigen ‘ Urlaub zu erbitten, „in dringenden Familienangelegenheiten", der ihm von dem ihm wohlgesinnten Manne auch gewährt wurde, und am nächsten Morgen, nachdem er, einem dunklen Gefühl in sich nachgebend, alle seine Habseligkeiten in Kisten und Körben geordnet und sie seiner Wirtin zur Aufbewahrung übergeben hatte, reiste er ab — zuerst nach Hamburg. Er wollte diese Stadt nicht verlassen, ohne Carla gesehen und ihr Lebewohl gesagt zu haben. Es war ihm wie einem Menschzen zu Mute, der sein Testament zu machen hatte. (Fortsetzung folgt.) Aber unablässig und ohne Ende drückte die Last auf ihn weiter, bis er sich darüber klar war, daß er so das Leben nicht länger ertragen konnte. Es war ihm, als müßte sie das Mal auf seiner Stirn auslöschen, als müßte sie zu ^ihm sprechen: „Ich verzeihe Dir!" und als müßte er dieses Wort, um daran glauben zu können, von ihren eigenen Lippen hören. Und deshalb, nur um dieses Wort von ihr zu Hörem eine Reise über den Ozean? Es war Wahnsrnn, mußten alle klugen Leute sagen. Vielleicht war er auch schon wahnsinnig, wenn Wahnsinn heißt, nur den einen einzigen Gedanken zu haben, gegen den alles andere nicht in Betracht kommt, für den man alles andere hin- giebt. Er ertrug diesen Zustand nicht mehr. Er mußte" zu einem Entschluß gelangen. Er hatte mit Mister Hitchock, obwohl die ganze Angelegenheit auch von seiner Seite in den Händen eines! Anwalts lag, schon mehrfach, korrespondiert und die Briefe „Sag', daß ich diese Menschen wieder fortschicken soll", sprach er. „Sag', daß sie nremals wiederkommen sollen. Nur mich laß um Dich sein." Sie kümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie schritt auf die Thür zu und er folgte ihr. :-- Seit Herwarth nach dem Abenteuer seiner Heirat den diplomatischen Dienst mit dem der Regierung vertauscht hatte uud aus seinem komfortablen Berliner Junggesellenheim nach Flensburg in ein bescheidenes Chambre garni übergesiedelt war, wie es sich für einen mittellosen Assessor, der nur von seiner knappen Gage lebte, eben gehörte, führte er n>rr noch ein Leben stillster Zurückgezogenheit. Da aber die Geschichte seiner Heirat auch in seinem neuen Wirkungskreise kein Geheimnis geblieben war, so wurde er in dieser Beziehung von seinen Vorgesetzten verstanden und man ließ ihn in seinem Wesen, das ihn zur Einsamkeit zog, rücksichtsvoll gewähren. Hatte er keinen Dienst, so machte er bei dem prachtvollen Herbstwetter, das gekommen war, stille Spaziergänge für sich, am liebsten hinauf nach dem alten Friedhof, wo von Anno Vierundsechzig her die gefallenen preußischen und dänischen Soldaten begraben lagen und wo man eine herrliche Aussicht über die Stadt und die blaue von Schiffen aller Art belebte Föhrde hatte bis hinüber nach den fernen grünen Wäldern von Broacker und Alfen. Oder er fuhr mit dem Dampfer nach Glücksburg hinüber und ließ auf verborgnen Waldwegen, die fich um das alte, schmucklose, mitten in einem Weiher stehende Schloß wandten, die alten Buchen und Eichen über sich rauschen. Nur wenige Monate erst lag das Geschehene hinter ihni und doch war er in dieser Zeit ein völlig anderer geworden. Er kannte sich manchmal selbst nicht wieder und wenn er über sich nachdachte, so fielen ihm alte Märchen ein mit zauberhaft verwandelten Menschen, und er glaubte, nicht mehr er selbst zu sein. Eine große Stellung in der Welt, Auszeichnungen, Orden — das war einst das Ziel seines Strebens gewesen. Nun war es von ihm abgefallen, wie die gelben Blätter, die auf dem Waldboden schon hie und da vor ihm hinraschelten. Jetzt, heute wußte er, was sein Glück gewesen war. Nicht Glanz und Rang, sondern sie, die er verloren, war sein Glück gewesen. Er hätte sie nicht verdient, darum war es auch gerecht, daß er sie verloren. Er hatte sich mit seinem Schicksal abgefundeu. Er wünschte sich ja nichts mehr. Nur eine einzige drückende Last lag noch auf seiner Seele, die Marter und die Qual, unter der er sich nicht mehr erheben konnte — das war die Verachtung, die sie ihm ins Gesicht geworfen hatte. Es war das Mal, das ihm auf die Stirn gebrannt war, wenn es auch niemand sonst kannte, als er selbst. Er hatte es im Voraus gewußt — und doch sank das Blatt aus seiner Hand und glitt auf den Teppich. Mister Hitchock schrieb aber noch etwas, und bei Dir. 9hm hast Du niemand mehr. Laß mich bei Dir!" Sie bat ihn, er möchte ihr ganzes Geld nehmen und er konnte ihr nicht begreiflich machen, warum das nicht anging. So setzte sie es wenigstens bei ihm durchs daß sie in eine andere Pension kam — nach Hamburg, wo sie wenigstens in seiner Nähe war. dieses Mannes halten ihm em bestimmtes Vertrauen ein- geflöst, Wenn er Mister Hitchock also um seine Vermittlung anging? So setzte er sich eines Tages hin und schrieb an ihn." Zwei Wochen vergingen, und mit jedem Tage konnte nun die Antwort Mister Hitchocks da sein. Wenn er vom Dienst kam und zu Hause in seine Stube trat, so konnte Mister Hitchocks Antwort aus dem Tisch! liegen, ein Brief mit einer amerikanischen Marke, und dieser Bries enthielt sein Urteil — vielleicht sein Todesurteil. Und trotz seines Bangens und Harrens- atmete er jedesmal, wenn er den Tisch leer fand, auf. Es war an einem prachtvollen Septembermorgen und eben trat er auf die Straße hinaus, als der Briefträger auf ihn zukam. Herwarth wußte sogleich, was er ihm brachte. Er öffnete den Brief erst, als er vom Dienst zurückkam. Vorher schloß er in seiner Stube hinter sich die Thür ab. Er las die erste Zeile in einer Ermattung, die seinen ganzen Körper ergriff; er mußte sich auf einen Stuhl niederlassen. Mister Hitchock schrieb, daß er sich seines Auftrages entledigt, daß aber die Frau Baronin das gewünschte persönliche Zusammentreffen mit allem Nachdruck abgelehnt habe. Er dachte kaum noch an etwas anderes. Er dachte Nicht an Ottilie und was aus ihr geworden war, und selbst Carla kam ihm selten in den Sinn, und doch wußte er erst seit seinem Hochzeitstage, mit welcher Liebe sie an ihm hing. Erst hatte sie das Geschehene nicht fassen können, dann, ohne daß sie jemand halten konnte, stürzte sie davon — zu Bell. Aber Bell war nicht mehr da — und da»-» hing sie an seinem Halse, ihre Arme um ihn schlingend | „Herwarth", bat sie und er fühlte ihre Thränen, „laß mich 498 ■ 499 Wir waren Freunde gewordm. Eines Abends, als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, faßte er sich ein Herz Und begann von seinen Schicksalen zu berichten, während er von Zeit zu Zeit einen Schluck aus dem Glase heißen Thees nahm, welches ihm meine Frau soeben vorgesetzt hatte. „Ich habe eine schwere, traurige Zeit dnrchgemacht — ich spreche nicht gern davon — aber Ihnen, meinem Freunde, möchte ich nicht wie ein Rätsel erscheinen. Ich will Ihnen von einer Episode meines Lebens erzählen, welche mich und meine Frau dem AbgruNd nahe brachte. — Es war ein kalter, düsterer Tag. Ein dicker Nebel lastete über der Stadt und hüllte alles in graue Dämmerung. Ich stieg in trauriger Stimmung zu unserer Dachskammer empor. Else kam mir aus einem Winkel langsam entgegen. „Wieder ein Tag dahin und wir sind um keinen Schritt weiter", sagte ich traurig, als ich das bleiche Gesicht küßte. „So kann es nicht weiter gehen. Es muß etwas geschehen." Ich entzündete die kleine Lampe auf dem Tische. Das gelbe Licht flackerte auf, und ich sah, daß die Augen meines armen, klernen Weibes gerötet waren und ihre Wangen Thränenspuren zeigten. Diese Erkenntnis war niederschmetternd für mich. Sie, die ein luxuriöses Leben aus Liebe zu mir geopfert hatte, einen Vater verlassen hatte, der sie vergötterte, Und der sie dennoch verstoßen und enterbt hatte, weil sie mir, dem armen Musiker, gefolgt war, sie kostete jetzt die Bitterkeit Äußerster Armut bis zur Hefe. Oh, welch eine qualvolle Pein! Damals war ich noch als Künstler geschätzt; es hielt wenigstens nicht schwer, ein Engagement zu finden. Ich war Monate lang krank gewesen — hatte meine Stellung verloren — nun war ich vergessen. Und dieser schwere Schlag so kurze Zeit nach den berauschend schönen Flitterwochen ! „Tu mußt nicht den Mut verlieren", sagte sie mit einem schwachen Versuch, mich zu trösten, „es wird alles noch gut werden. Wenn ich zu meinem Vater ginge —" „Nur das nicht! — Zu Deinem Vater darfst Tu nicht gehen! — — Ja, er würde Dich wohl wieder aufnehmen — wenn Du mich für immer aufgäbest." „Tas werde ich niemals thun, Hans", erwiderte sie fest, als sie sich zu mir setzte und ihr zartes Köpfchen auf meine Schulter legte. Ich las die standhafte Treue in ihren klaren, blauen Augen. Wie hübsch sie war! Die weiße, von einer Mlle brauner Locken beschattete Stirn, die zarten Konturen der Wangen, die zitternden Lippen! Ich nahm die Zeitung zur Hand, um zum hundertsten Male nach, einer geeigneten Stellung zu suchen. „Ach, hier ist etwas Passendes!" rief ich aus, als meine Augen die Spalten zum zweiten Male überflogen. „Achj, wenn ich wenigstens diesen Posten erhalten könnte! Gewünscht wird ein tüchtiger Klavierspieler für eine reisende Sängergefellschaft. Gehalt 100 Mk. monatlich. Meldungen sofort Ritterstraße 129 bei Wagener. „Ich will gleich hingehen", sagte ich, die Zeitung auf den Tisch legend und meinen Hut nehmend. „Auf jeden Fall — meine letzte Chance." „Deine letzte Chance? Wie meinst Tu das, Geliebter?" fragte Else. „Wenn ich die Stellung nicht erhalte, so — so will ich lieber betteln gehen, als mitansehen, — wie krank und elend Tu wirst." Ich küßte sie, und sie flüsterte mir leise Worte der Ermutigung und des Trostes in die Ohren. Dann ging ich Ein feiner Sprühregen fiel, und als ich über die Janno- witz-Brücke ging, blies mir ein kalter Wind entgegen, der mich bis ins Mark erstarren machte. Ich eilte vorwärts und erreichte eine Wiertelstunde später Mein Ziel. „Sie haben eine Vakanz angezeigt", sagte ich „Wenn es noch nicht zu spät ist —" Der Mann, welcher nachlässig zurückgelehnt in seinem Lehnstuhl saß, nahm die Pfeife aus dem Mund und maß mich mit kritischen Blicken. „Thut mir leid — Sie kommen zu spät — die Stelle ist besetzt! Vielleicht treffen Sie es ein andermal besser." Ich schlich sfill hinaus und schloß die Thür, Ein Bleigewicht schien aus meinem Herzen zu lasten, ein Nebel- schleier trübte meinen Blick. Ich bis; die Zähne in die Lippen, bis sie bluteten. „Tu bist der Mühlstein", sagte ich mir, „der fie in die Tiefe reißt. Ist sie frei, so kann sie zu ihrem Vater zurückkehren und vergessen lernen." Ich erschauerte. Eben jetzt ging ich wieder über die Brücke und stand einen Augenblick still, um die feurigen Schlangen zu beobachten, welche die Gasflammen auf das schwarze, sfille Wasser da unten warfen. Alles war schon still ringsum, die Nacht war hereingebrochen, aber in meiner Brust stürmte und tobte es. Himmel, hilf mir! Tie Wer- H,ung war stark. Drüben stolperten zwei Betrunken^ che sich untergefaßt hatten, über die Straße; sie wankten einer Kneipe zu, vor welcher ein trübes, rotes Lämpchen flackerte. Eine arme, gebückte Frau, welche auf der andern Seite der Brücke entlang schlich beachtete mich nicht. Ich legte meine Hand auf das Geländer. — Plötzlich war mir, als ob der Boden unter meinen Füßen wankte — mich schüttelte der Frost — ich verlor den Halt und meine Stirn schlug laut auf die Granitfliesen der Brücke. Als ich wieder erwachte, befand ich mich in einem freundlich ausgestatteten Zimmer. Ich war allein und lag in einem großen bequemen Bette mit blendend weißen Bezügen. An der Wand über demselben hingen zwei gekreuzte Rapiere, Fechthandschuhe und eine Fechtmaske. Die übrige Ausstattung des Zimmers bestand aus einem Spiegel- schrank, einem Tische drei Stühlen, einem Divan und einigen sehr feinen Kupferstichen. Tie Thür zum Nachssarzimmer stand offen, doch konnte ich dasselbe von meinem Lager uns nicht vollkommen über», schauen. Ich sah nur das eine Fenster — davor einen großen mit Papieren besäten Diplomatenschreibtisch an welchem ein kräftig gebauter, jugendlicher Mann mit breitem Rücken und blondem Haar eifrig arbeitete. An der Wand, mir gegenüber, stand ein Glasspind, welches eine ganze Reihe merkwürdiger Apparate und Instrumente enthielt, deren Nickelteile im Sonnenlicht blinkten. Oben vom Schrank sahen einige Menschen- und Tierschädel auf mich herab, die dort regelrecht aufgereiht waren. Ich richtete mich neugierig in meinem Bette auf, um einen größeren Teil des Nachbarzimmers überschauen zu können. Das Bett knarrte; der Herr, welcher mir bis dahin den Rücken zugewandt hatte, erhob sich sofort und kam an mein Lager. Er hatte ein volles, sympathisches Gesicht, das mir nur überaus ernst, säst möchte ich sagen kummervoll erschien. Als er sich nach meinem Befinden erkundigte, fragte ich ihn ohne Umschweife, wie ich hierher gelangt. Er erzählte mir, eine Frau habe mich vorgestern abend auf der Brücke ohnmächtig zusammenbrechen sehen und ihn zur Hilfeherbeigerufen. Tann habe er mich unter dem Beistand einiger Passanten hierher nach seiner Wohnung getragen. „Ich sehe, Sie meinen es gut mit mir", sagte ich!, „aber Sie hätten besser gethan, mich liegen zu lassen, denn ich bin so elend und unglücklich und aller Mittel entblößt, daß das Leben keinen Reiz mehr für mich besitzt. Ich war im Begriffe, mich in das Wasser zu stürzen, als meine Kräfte infolge der laugen Entbehrungen plötzlich zu schwinden begannen und ich bewußtlos auf das Pflaster fiel." „Es ist richtig, daß Sie unter schweren Entbehrungen gelitten haben müssen. Sie leiden, wie ich bereits konstatieren konnte, an einer schweren Erkrankung des Gehirns, welche Nur durch einen operativen Eingriff beseitigt werden kann. . Tas ist wohl auch die Ursache, daß Sie Ihre Lage für so völlig hoffnungslos angesehen haben." Ich war durch dieses neue Unglück ganz fassungslos. „Oh, wenn ich doch tot wäre •— dann wäre alles vorüber — dann wäre meine arme, unglückliche Frau gerettet." „Sie sind verheiratet — hm — dann will ich, nicht in Sie dringen, das Anerbieten anzunehmen, welches ich Ihnen machen wollte." „Ein Anerbieten — ?" „Jawohl! Sie wollten Ihr Leben für nichts hinwerfen. Ich aber wollte Sie dem Leben zurückgewinnen und Ihnen außerdem eine Prämie von 8000 Mark, sagen wir 10 000 Mark zahlen, wenn Sie sich der Operation unterwerfen wollen, welche ich für notwedig halte," 500 „Um Gottes Willen — 10000 Mark r- was bewegt Sie zu diesem großmütigen Antrag?" „Horen Sie, die Operation ist eine höchst gefahrvolle — — sie ist noch nie ausgeführt worden —, aber ich habe,, infolge eifriger Studien, während der letzten Monate, die Ueberzeugung gewonnen, daß sie mir gelingen und mich zu einem der berühmtesten Aerzte machen muß. Ich, würde den Beweis liefern, daß diese schreckliche Gehirnkrankheit- welche inan bisher für unheilbar hielt, geheilt werden kann. Tas tvürde die Rettung Tausender bedeuten. — Ich will es Ihnen nicht verschweigen: Sie müssen sterben, wenn Sie sich der Operation nicht unterziehen, und Sie können durch dieselbe gerettet "werden. Mißlingt das Experiment aber, so will ich die 10 000 Mark Ihren Hinterbliebenen zahlen — ich verpflichte mich dazu. — Andere Aerzte werden Ihnen sagen, daß die Operation in jedem Falle aussichtslos sei. Darum müssen Sie mir, wenn Sie einverstanden sind, eine Vollmacht unterschreiben — sonst darf ich es nicht thuu." Ich war anfangs völlig ratlos, was ich auf dieses An- erbieten erwidern sollte. Tann dachte ich an Else — an ihr Elend — an Unsere gemeinsame Not — und endlich traf ich die Entscheidung. Tas sichere und entschlossene Auftreten des jungen Arztes hatte Michl völlig gewonnen, und wenn idj auch sterben mußte — hatte ich nicht.schon den Tod vor einigen Stunden gesucht? „Ich, muß mich!", so begann der Arzt aufs neue, „vor einer falschen Darstellung im Falle eines verhängnisvollen Ausganges der Operation sichern. Ich bitte Sie daher, ein Schreiben zu verfassen, rn welchem Sie mich zu dieser Operation autorisieren, welche infolge einer schweren, geistigen Störung sich notwendig erwiesen hätte." Aus einem Schubfach seines Schreibtisches nahm er ein Paket Banknoten. „Hier ist das Geld", fügte er hinzu, indem er es in die Tasche meines Rockes steckte, welcher aus dem Stuhl vor dem Bett lag. „Ich gebe zu, daß die Bedingungen sonderbar sind, doch es geschieht zum Besten der Mensch,- hett." Ich ergriff die Feder, die er mir hinhielt, und als ich sie ihm zurückgab, hatte ich die geforderte Autorisation geschrieben und unterzeichnet. Meine Bewegungen waren mechanisch, wie die eines Menschen, der im Schlafe wandelt. Tas Ganze erschien mir wie ein gräßlicher Traum. „Ich vertraue Ihnen, — ich bin überzeugt, daß meine Frau die 10000 Mark erhält, wenn mir etwas zustößt", sagte ich. „Sie werden ihre Adresse in meinem Notizbuch finden. Ich bin völlig in Ihren Händen, doch ich hoffe, oaß mein Vertrauen nicht getäuscht wird." . Er ergriff meine Hand, schüttelte sie mir treuherzig und gebot mir, mich anzuziehen und ihm in das anstoßende Zimmer zu folgen. Darauf klingelte er und befahl dem erscheinenden Diener, einen Krug mit heißem Wasser zu bringen. Ich kann nicht alle Einzelheiten dessen erzählen, was nun geschah. Ich sehe noch die elektrischen Lämpchen am Kopfende des mit Riemen versehenen Operationstisches, das Etui mit blitzenden Instrumenten, welches geöffnet neben mir auf dem Tische lag und die ernsten Gesichter des Arztes und seines Gehilfen. Ich lag auf dem Rücken, meine Glieder waren festgeschnallt; meine Sinne wären wie umnachtet. Eine engschließende Kappe wurde auf mein Gesicht gelegt, und ein widerlicher Geruch erfüllte meine Nase. Mein ganzes Leben flog in wechselnden Bildern an meinem geistigen Auge vorüber. Ich, sah entzückende, blühende Land- schafieu — Gestalten meiner Kindheit, welche ich, längst vergessen hatte. Dann dachte ich an Else — an ihre große Liebe. Ach — wenn auch mein Leben wertlos für mich, war, so hatte es doch! vielleicht Wert für sie. Ich wollte aufstehen — mich erheben und diesen schrecklichen Ort verlassen. — Die Augen traten mir fast aus den Höhlen. Ich wollte leben — das Verlangen nach dem Leben würde nun wieder mit jeder Sekunde lebhafter, mächtiger, gewaltiger in mir. Ich versuchte, mich nochmals aufzurichten, doch die Riemen und eine starke Hand hielten miet), nieder. Ich flüsterte leise den Namen meiner geliebten Frau. Meine Pulse flogen, ein blutiger Schleier legte sich vor meine Augen — doch ihr fliehendes Gesicht schimmerte durch! den Nebel hindurch^ — Wieder versuchte ich, aufzustehen. Ich wollte leben — leben — um ihretwillen. Eine Stunde im Verein mit ihr gegen Armut und Hunger zu kämpfen war viel besser, als der ewige Schlummer — die endlose, ewige Nacht. Jetzt klopfte es an die Thür; e$ klang lauter als das! Sausen des Blutes in meinen Ohren, lauter als das Brausen in meinem Gehirn. Ich hörte Stimmen und verstand unep- klärlicher Weise, was gesagt wurde. „Kommen Sie schnell mein Herr. Eine Frau ist vor der Thür und verlangt nach ärztlicher Hilfe." Ter Arzt zog die Kappe von meinem Gesicht. „Bringen Sie ihn wieder zu sich- Franz", sagte er. „Ich kann die Operation nicht vornehmen, bevor ich! nach der Frau gesehen habe." Er verließ das Zimmer, und ich trank in vollen Zügen die reine Lust, welche meine erschütterten Nerven bald wieder belebte. Als er nach einigen Minuten zurückkam!- hatten seine Züge einen merkwürdig schmerzlichen Ausdruck angenommen. „Bringen Sie diesen Mann in das andere Zimmer"- sagte er halblaut zu dem Diener. „Die Operation muß auf unbestimmte Zeit verschoben werden." Ich ging in das Schlafzimmer zurück. Eine Lampei mit grünem Schirm stano -auf dem Tisch und warf einen dämmerigen Schein auf das Bett, das ich! kurz zuvor verlassen hatte. Ich taumelte zurück, als mein Blick auf das blutlose Gesicht fiel, welches dort auf den Kissen lag. „Else! Mein Liebling! Mein armes, unglückliches Weib!" Und dann fiel ich auf die Kniee, und meinen Kopf dicht neben den ihrigen auf das Kissen legend, weinte ich bittere Thränen der Angst und Reue. „Hans !" Es war nur ein gebrochenes Murmeln, nichts! weiter, aber es war genug. Ich wollte sie in meine Arme schließen; doch her Arzt hielt mich, zurück. „Kommen Sie jetzt fort", sagte er mit heiserer Stimme. „Es ist meine Schwester, meine arme, unglückliche Schwester; — ich weiß alles — alles — gehen Sie —. Die Aufregung könnte ihr gefährlich werden. Doch danken Sie dem Himmel aus den Knieen, daß sie hierher gekommen ist. Tie langen Entbehrungen — die heftigen Aufregungen haben sie ganz vernichtet. Sie hat ruhelos zwei Tage lang nach Ihnen gesucht — ohne Schlaf — ohne Speise und Trank." Nach einigen Wochieu war Else vollkommen wieder hergestellt. Durch Verwenden ihres Bruders wurde ich! Mitglied der Kapelle des Friedrichj-Wilhelmstädtischen Theaters^ wo ich noch beschäftigt bin. So hat die Not ein Ende ge- nommen, denn auch mein Schwiegervater hat sich nach diesem schweren Kampfe versöhnen lassen. Ueber das Abkommen mit dem jungen Arzte habe ich bis heute Stillschweigen bewahrt. Ich habe inzwischen die Ueberzeugung gewonnen, daß ich als Verlorener an jenem Tage der Wissenschaft geopfert werden sollte, — daß meine Gehirnkrankheit nur in der Phantasie des jungen Arztes existierte. Sie wissen jedoch- daß derselbe heute einer der größten deutschen Anatomen ist und daß feine kühnen und glücklichen Operationen seinen Namen berühmt gemacht haben. Auch er wird heute dem Himmel Dank wissen, daß ihn ein gütiges Geschick vor einem Verbrechen bewahrt hast Bilderrätsel, Auflösung des Sinnrätsels in vor. Nr.r Stoß.______ (Auflösung in nächster Nummer.) Reaktion: Curt Nlato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversitätZ-Buch- und Stcindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.