Nr. 108. 1902 ^nn fidlt CH ?/z „Allerdings — das unterliegt keinem Zweifel. Wer er kann sich selbst nicht so verraten, daß er sie sofort an die Luft setzt. Du mußt natürlich einen triftigen Grund für Deinen Abgang ersinnen. Es ist Dir irgendwo eme Stellung mit Stellung mit glänzenden Aussichten angeboten. Oder Dein Gesundheitszustand zwingt Dich!, Deine Thatrgkert hier aufzugeben, und eine Erholungszeit bei Verwandten 4 1t fllffiptt „Ich muß es überlegen", erwiderte Traute tonlos. „Wir Müssen zu einem Resultat kommen, ehe ich fortgehe." „Wann gehst Du?" „Ich kann wohl nicht die Nacht hier bleiben?^ „Nein, nein, das geht nicht. Nicht in seinem Hause, als sein Gast." _ „Dann ist es am besten, ich benutze den Wagen, " mich hergebracht hat, gleich wieder zurück." /Hast Du Mama und Hulde gesehen?" „Ja/sie waren nicht sehr überrascht; Deine Mutter schien erfreut ’ und! sagte, sie habe bestimmt erwartet/ daß ich kommen iviirde.<-< (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marte Stahl. (Fortsetzung.) Traute strich sich mit der Hand langsam über die Stirn. Ja, sie mußte wissen, was sie zu thun hatte. Mer — barmherziger Gott! warum war.ihr denn zu Mut, als sollte sie ein Stück von ihrem Leben lassen? Sie glaubte ja nicht an Camills Verdächtigungen, sie glaubte kein einziges Wort davon! Nem, er — ihr Wohlthäter — war frei von jedem Borwurf — aber sre, sre selbst war die Schuldige! Und war er wirklich! ganz frer? Ja, frei wie sie selbst von jeder Wsicht, von jeber bewußten Schlechtigkeit — aber war er noch, frer von der ^Scrfii(f)UTtn ? ' Blitzartig flogen diese Gedanken ihr durch den Sinn, mit grellem Smn das Dunkelzerreißend, das ihr bisher Ifien eignen Seelenznstnnd de^hüllt Antte. llttb eine angst packte sie an der Kehle. ,Was thun, um Gottes willen, was thun?" sagte sre heiser, indem sie krampfhaft die Blätter einer Weidengerte abriß „wir sind heiinatlos, obdachlos, existenzlos, sobald ivir hier fortgehen." _ , „Wir?" fragte Camill mit scharfer Betonung. „Derne Mutter und Schwester können ja ruhig hier bleiben. Ihnen wird das edle Paulchen wohl nichts anhaben. Und was Dich betrifft, so braucht Dir nicht bange zu sein. Ich will schon dafür sorgen, daß Du ein standesgemäßes Unterkommen und eine angenehme Beschäftigung findest. „Aber, wenn ich gehe — wird er sie hrer be- ,M wird leicht sein, Mama klar zu machen, daß Du mein Hierbleiben nicht wünschest, obgleich sre den wahren Grund nie ahnen wird. Sie denkt immer nur! an das nicht Standesgemäße, die arme Mama." , i „Um so besser. Ich. werde sofort Schrrtte thun, em anderes Unterkommen für Dich, zu finden. Ich habe bereits einen Plan. Ich weiß eine Dame, eine entfernte Verwandte von mir, die an Stelle ihrer kürzlich ver^ heirateten Tochter eine junge Dame als Gesellschasterrni wünscht, die sie wie eine Tochter behandeln würde. Wann denkst Du hier fortzukommen? Bist Du kontraktlrch ge- bunbett ?ZZ‘ „Von heute auf morgen kann ich nicht fort. Ich muß mich gütlich mit Herrn Lehmigke auseinandersetzen, wenn ich die guten Beziehungen zwischen ihm und memer Familie aufrecht erhalten will, und ich. muß ihm Zeit lassen, einen Ersatz, zu finden." „Gut, wir werden dann über das wertere korrespondieren. Wer Du giebst mir Dein Wort, daß Du Dich! unter keinen Umständen bewegen läßt, hier zu bleiben." Traute blickte betroffen auf. Welch ein Recht hatte er, solch, ein Versprechen von ihr zu fordern? Er war ja ganz Nebensache, ganz glerchgiltig in diesem Fall. Ausgenommen, daß er ihr helfen sollte, em anderes! Unterkommen zu finden. „ „Bedenke, Camill", sagte sie mrt großem Nachdruck, „wenn Du etwas für mich, thust, mußt Du es selbstlos thun. Ich kann Dir keine Rechte dafür einräumen." „Selbstverständlich Darüber beunruhige Dich nur nicht." „Wollen wir jetzt nach Hause gehen?" „Wie Du willst. — W ist hübsch hier", fügte er zögernd hinzu, indem er sich umsah, „es erinnert mrch fast an das wilde Rosenthal, an das Amelungenwehr — an die schönen Tage in Leipzig. Denkst Du noch manchmal daran?" , „O — ja — aber — nein, es ermnert mich! nicht daran, es ist so ganz aüders hier, alles ist anders." , „Willst Du nicht mehr daran erinnert fern, $TOlltC ?/y Er faßte nach ihrer Hand und wollte Ur in diej Augen sehen. Sie wandte sich ab. „Nein. Es giebt nur ein Entweder — Oder.^ Sein Gesicht verfinsterte sich. „Ich hätte nie gedacht, daß Du so wankelmütig bist." Ein anklagender Blrck traf ihn. Sie zuckte die Achseln, „Zu einer großen, echten, alles überwindenden Liebe gehören zwei."- , ,, n . „So? Habe ich es etwa an mir fehlen lassen? Habe ich. Dir nicht fortgesetzt die untrüglichsten Beweise ernep solchen Neigung gegeben? Könnte ich nicht längst mrt Lori Trach.enberg verheiratet, und in den glänzendsten Ver-i hältntssen fein? Aber das rechnest Du alles für nichts^ weil ®u unvernünftig bist, weil Du, die Welt nicht temtfe 430 und leinen rechten Maßstav für meine Verhältnisse hast. Wenn Du ihn hättest, wurdest Du begreifen, wie sehr ich an Dich attachiert bin, und würdest mir wahrscheinlich nicht so mir nichts, dir nichts den Stuhl vor die Thur setzen." Traute blickte müde vor sich hin. „Du hast recht. Ich habe keinen Maßstab für Dich Es ist möglich, daß ich Dir unrecht thue, aber ich brauche eben eine andere Liebe. Die Verschiedenheit unserer Verhältnisse trennt uns. Und nun komm." Sie ging voran, ohne sich umzusehen, er folgte ihr verstimmt und mißvergnügt. Er gehörte zu den Männern, die Widerstand von feiten der Frau reizt. Seitdem Traute ihm den Abschied gegeben, war sie ihm doppelt begehrenswert geworden. Die Furcht, sie könne Lehmigke zum Opfer fallen, die er aufrichtig hegte, hatte ihn entsetzlich aufgeregt, und gereizt, und spornte ihn an, jedes Opfer zu bringen, um diesen Nebenbuhler aus dem Felde zu schlagen, denn es schien eine Schmach, gerade diesem zu unterliegen. Camill war zu leichtsinnig, um bei seiner Handlungsweise alle Konsequenzen bis in die Zukunft zu ziehen. Er hatte nur den einen Wunsch, die Beziehungen zu Traute wieder anzuknüpfen, und er hatte die Entschuldigung für sich, es sei ein gutes Werk, sie aus der Falle zu befreien, die Lehmigke ihr gelegt. Ob Traute durch die Beziehungen zu ihm gewinnen würde, machte er sich nicht klar. Wie alle Egoisten hielt er seinen eigenen Vorteil immer für den berechtigten Ans- uahmesall. In Wirklichkeit hatte er nun weder eine Verwandte, noch eine Stellung für Trautens Unterkunft, aber er sagte sich, im schlimmsten Fall müsse sich irgendwo eine alte Dame finden, die Tranten ausnähme, wenn -es sein müsse, sogar gegen heimliche Entrichtung einer Pension von seiner Seite. Und er besaß eine zu große Dosis Selbstvertrauen, um Trautens jetzige Zurückhaltung ganz ernsthaft zu nehmen. Wie würde sie ihm widerstehen können, wenn er sie zurückerobern wollte?" Er hatte freilich keine Ahnung, was ihm jetzt von Trautens Seite zur Erfüllung feiner Wünsche zu Hilfe kam, er war froh über den leichten Sieg, er hatte es sich etwas schwerer vorgestellt, Trante zum Aufgeben ihres jetzigen Berufes zu bewegen, da sie ihn mit so viel Freudigkeit erfaßt hatte. Und dieser Umstand tröstete ihn Über ihre momentane Kühle, die er für sich eine Weiberlaune nannte. Fran Velten begegnete ihm mit alter Herzlichkeit. Sie war hocherfreut über sein Kommen und hegte nun die Hoffnung, daß noch alles gut werden würde. Trautens Entschluß, mit Camill Stauffen zu brechen, hatte sie weder begriffen noch gebilligt, er hatte ihr schlaflose Nächte und Kümmer genug bereitet. Und als Camill ihr nun klar machte, daß er Traute unmöglich auf diesem Schreiberposten lassen könnte, und daß er ihr ein „standesgemäßes" Unterkommen bei einer Verwandten verschaffen wolle, war sie ganz seiner Meinung. „Sie haben ganz recht, lieber Stanffen, es war von vornherein gegen mein Gefühl. Herr Lehmigke meint es gewiß gut, und wir sind ihm ja auch! dankbar, aber man kann das richtige Taktgefühl niemals von ihm erwarten. Es ist nicht seine Schuld, das liegt an der Erziehung, er ist ja in ferner Art recht vortrefflich, aber er gehört in eine andere Gefellschaftssphäre als wir, und wir werden nie zusammen passen. Gr hat ja keine Ahnung, was sich gehört." Traute hörte dies mit bitterem Lächeln, und Camill dachte für sich: „Man kann wirklich nicht einfältiger sein als die alte Gans." Neunundzwanzigstes Kapitel. Als Camill fort war, kamen schwere, bitterschwere Stunden für Traute. Sie faßte bett Entschluß, an Paul Lehmigke zu schreiben, ihm zu sagen, daß sich ihr die glänzende Chance einer vortrefflichen Stellung draußen tn der großen Welt böte, und daß sie diese ihrer jetzigen, Thätigkett vorzöge. Sie wollte ihn bitten, sie frei zu geben, und ihn mit warmen Worten ersuchen, ihrer Mutter und Schwester fein Wohlwollen zu bewahren. ' Wer zur Abfassung dieses Briefes gehörte ein harter Seelenkampf. Die Lügen wollten nicht über ihre Feder, und nachdem sie, am Tage nach! Camills Besuch, stundenlang den Versuch gemacht, und einen Bogen Papier nach dem anderen zerrissen hatte, warf sie Feder und Papier fort, und lief voll Verzweiflung in den Garten. Es war am Abend nach Schluß der Kontorstunden/ und die alte Wassermühle stand im Feuerschein der sinkenden Sonne. Traute hatte das Bedürfnis, sich zu verstecken, sie ging in die Mühle, die jetzt, seit ein Gärtner inj Kienberg war, oft in Gang war, um den Springbrunnen zu treiben. Dort fetzte sie sich auf den hölzernen Sieg über dem Rad, sie legte die verschlungenen Arme auf einen Balken und den Kopf daraus, um mit verschlossenen Augen dem Rauschen und Klappern der Mühle zu lausen. Es klang wie ein Wiegenlied, wie im Traum, so langsam und müde drehte sich das alte Rad, so traumhaft verschlafen murmelte und gurgelte das Wasser — ach, wer dabei einschlafen könnte, sich hinüb erträumen in die Ewigkeit, wo kein Leid mehr ist, und kein Irrtum, keine Schuld und kein Schmerz! Wie öde, wie freudlos ist der lange, mühevolle Lebensweg, der noch vor ihr liegt. Der lange Weg ohne ihn, ohne seine Kameradschaft, ohne Arbeit mit ihm und für ihn, ohne ein ermutigendes Wort, eine Anerkennung von ihm für Mühsal und Streben, ohne jene fröhlichen Feierstunden, wie ihr letztes Beisammensein sie hatte, so voll tiefinneter Befriedigung und freudigem Gluck! Wi.e furchtbar, wie vernichtend rächt sich der Irrtum, die Thor- Ijeit ihrer Jugend. Zu spät, zu spät sind ihr die Augen aufgegangen, und das leichtsinnig verscherzte Glück ist für immer verloren ! Ein Lied geht ihr durch den Sinn, es ist als rauschte das Mühlenrad die Melodie dazu: „Was sonst in Ehren stünde, ■ Jetzt ist es worden Sünde — Was fang ich an?" Ach ja, die Sünde, die Todsünde treibt sie fort von hier, wo sie glaubte, eine liebe Heimat gefunden zu haben, und macht sie heimatlos. Die Sünde ist in ihrem Herzen und trotz Scham und Verzweiflung kann sie sie nicht überwinden. Camills rücksichtslose Worte haben sie aus dem Schlafwandel aufgeschreckt, und ihren entsetzten Blicken den Abgrund enthüllt, auf den sie zuschritt. Wie eine ertappte Verbrecherin kam sie sich vor. Wenn sie jetzt daran dachte, wie sie die Tage und Stunden gezählt bis zu Paul Lehmigkes Wiederkehr, dann schauderte sie vor der eigenen Verworfenheit. So weit war es mit ihr gekommen? So weit hätten sie Not und Armut, die ehrverletzenden Demütigungen der letzten Jahre gebracht, daß sie keinen Sinn mehr für Recht und Unrecht, für Pflichtgefühl und Mädchenstolz gehabt hatte? O Gott, und die Erkenntnis ihrer Schuld gab ihr nicht einmal mehr Kraft, die ehrlose Sünde auszutilgen aus ihrem Herzen. Im Gegenteil '— jetzt erst schien die Flamme entfacht zur hellen Lohe werden zu wollen — jetzt erst fühlte sie die brennende Qual ihrer schmählichen Liebe! Wo sollte sie die Kraft hemehmen, jenen Brief zu schreiben, der sie in seinen Augen herabsetzen würde, denn für wie schwach und wankelmütig, charakterlos und unzuverlässig, für wie undankbar wird er sie halten, daß sie so schnell der übernommenen Pflichten überdrüssig ist! Nein, nein, sie kann den entsetzlichen Brief nicht schreiben! Und doch — es muß fein — sie kann und! darf nicht bleiben! Ach, daß doch die alte Mühle zusammenstürzen, und sie unter ihren Trümmern begraben möchte! „Traute, Traute!" rief plötzlich Huldens Stimme durch beit Garten. Sie fuhr auf, wie geblendet starrte sie in das funkelnde Wasser, das die schrägen Strahlen der Abendsonne wie Blut färbten. „Wo bist Du, Traute? Eine Depesche für Dich — eine Depesche aus Brantikow!" Mit einem Sprung war Traute draußen bei der Schwester und im nächsten Augenblick überflog fie das Telegramm. Es enthielt Lehmigkes Rus an das Sterbelager des alten Graumann. Trautens Hande zitterten vor Aufregung, sie stand einen Augenblick wie betäubt. 431 „Ach, der arme, alte Graumann!" sagte Hulde. „Du mußt uatürlich bin. Es ist; doch sehr nett von Herrn Lehmigke, ihm den letzten Wunsch zu erfüllen."' Traute schwieg immer noch. „Und weißt Du, ich halte es sogar für besser, Du besprichst Deine Angelegenheit mündlich mit Herrn Leh- niigke. Brieflich ist so etwas viel schwerer, da könnte er es leicht übel deuten. Mündlich kannst Du Dich gewiß freundschaftlich mit ihm auseinandersetzen, er hat ja noch immer ein großes Wohlwollen für Dich." „Ja", sagte Traute tonlos, „es ist vielleicht besser." Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, sie fühlte eine ungeheure Erleichterung, daß sie den unseligen Bries nicht zu schreiben brauchte, daß das Schicksal ihr Gelegenheit gab, ohne Schuld von ihrer Seite, Paul Lehmigke noch einmal zu sehen, ehe sie Kienberg verließ. Es wäre solch ein Trost, in Freundschaft von ihm zu scheiden! Frau Velten sah Trautens Reise nach Brantikow nicht gern. Sie hatte sich so gefreut über die, wie sie glaubte, wiederhergestellten Beziehungen Stauffens zu ihrer Tochter, aber sie fürchtete Lehmigkes persönlichen Einfluß auf Traute, dem sie schon früher den Bruch mit Camill zuschrieb. Sie hatte zwar keine Ahnung von dem wahren Sachverhalt, aber Traute zeigte ja bereits seit einigen Jahren ihr unverständliche und unsympathische Anschauungen, und Lehmigke bestärkte sie nicht nur darin, sondern er hatte sie ganz gewiß gegen Camill aufgehetzt, nur weil dieser ein Aristokrat war. Aber auch sie konnte keine ernstlichen Einwendungen gegen den letzten Wunsch eines Sterbenden, eines ihrer treuesten, früheren Diener, machen, und so reiste Traute in der Frühe des nächsten Morgens ab. Am späten Nachmittag traf sie in Brantikow ein. Lehmigkes Wagen hatte sie an der Bahn abgeholt, und Alma empfing sie im Hause mit dem Bemerken, daß ihr Mann in unaufschiebbaren Geschäften abwesend sei, sie jedoch noch am Abend zu begrüßen hoffe. Traute zitterte jetzt so vor dem Wiedersehen, daß der Aufschub ihr eine Erleichterung war. Mma zeigte eine fast, übertriebene Freundlichkeit, bei der Traute seltsam unbehaglich zu Mute wurde, und nach einer kurzen Rast und Erfrischung brachte sie den Rest des Tages am Krankenbett des alten Graumann zu, den das Wiedersehen neu zu beleben schien. In später Abendstunde kam Natta, fie zu holen. Onkel Paul habe sie geschickt. Fräulein Velten solle sich nicht überanstrengen, sie solle jetzt kommen und sich erholen. Traute ging mit Natta durch den Park zurück. Diese hatte bei der ersten Begrüßung einen langen, prüfenden Blick auf Traute" geheftet, dann wär sie ihr zutraulich, säst zärtlich begegnet. Auch Traute fühlte sich zu dem schönen Kind mit dem weichen, schmiegsamen Wesen lebhaft hingezogen. Sie war stark beklommen in den Familienkreis des Brantikower Hauses getreten, und der erste Eindruck hatte diese Befangenheit nicht von ihr genommen. Nur Nattas sympathische Erscheinung iöirtte erleichternd auf sie. Und herzlich erwiderte sie Nattas Vertrauen, als diese jetzt auf dem Heimweg den Arm in den ihren schob, und ihr schüchtern sagte, wie sie sich ihrer Ankunft freue. In der Kastanienallee kam ihnen Paul Lehmigke entgegen. Er schüttelte Traute herzlich die Hand; während Natta voraus nach dem Hause lief, folgten beide langsam. „Sie scheinen sehr angegriffen und erregt", sagte aül mit warmer Teilnahme, indem er forschend in Trautens erblaßtes Gesicht sah, und einen Augenblick ihre kalte Hand festhielt. „Armes Kind, Sie dürfen sich nicht krank machen;"es geht Ihnen gewiß recht sehr zu Herzen. Der alte Mann ist in den Jahren, wo ein sanfter Tod zur Erlösung wird. Traute stammelte einige Worte des Dankes für Lehmigkes Einladung und Aufforderung zu kommen. „O", sagte er mit einem Lächeln, „Sie brauchen mir nicht zu danken, es ist mir ja eine Freude, Sie einmal ein paar Tage hier zu haben." Traute blieb stumm. O Gott, wie schwer wird er es ihr machen, ihm zu sagen, was sie sagen muß! (Fortsetzung folgt.) Die Entzündung des Blinddarms. Eine Erklärung und ein Mahn wort. In den letzten Jahren hat eine gewisse Darmentzündung für die weitesten Kreise ein großes Interesse dadurch ge- Wonnen, daß infolge dieser Erkrankung nicht wenig erschüt- ternde Todesfälle oder 'doch Fälle von langwierigem Krankenlager sich ereigneten. Es erscheint deshalb geboten, einige erklärende Worte zU geben über das Wesen dieser Er? krankung und darzulegen, wie man sie frühzeitig erkennen kann, sowie welche vorbeugende Maßregeln bei derselben von Wert sein dürften. Diese Entzündung, vielfach als Blinddarmentzündung bezeichnet, spielt sich, genau gesagt, nicht am Blinddarm selbst, sondern an dem Anhang desselben ab, einem Gebilde, das wegen seiner Gestalt den Namen des Wurmfortsatzes erhalten hat. Es ist dieser ein sogen, rudimentäres Organ, das in den Jugendjahren am ausgesprochensten entwickelt ist, um in den mittleren Lebensjahren allmählich zu verkümmern und zu veröden. Ms Tarmanhang zeigt es in seiner Wandung denselben Bau wie der Darm, also eine Schleimhaut und eine Muskulatur. Der Wurmfortsatz ist für gewöhnlich vollständig vom Bauchfell überzogen, sodaß er innerhalb der freien Bauchhöhle liegt, ©eine gewöhnliche Länge ist 8—10 Ctm., seine Dicke entspricht derjenigen eines dünnen Bleistifts. Die Schleimhaut enthält viele Lymphgefäße und Drüsen, wodurch dieses kleine, anscheinend harmlose Organ so leicht der Sitz von Entzündungen wird. Jede entzündliche Reizung des Blinddarms, der der Innenfläche der rechten Beckenschaufel aufliegt, geht somit gern auf den Wurmfortsatz über. Wenn dann derselbe entzündlich zuschwillt und in ihm eine stärkere Absonderung statt- findet, so staut sich der entzündliche Inhalt in seinem Innern und ruft zunächst nur leichte Schmerzen hervor, die sich der Lage des WuMfortsatzes entsprechend in der Tiefe des Leibes über dem rechten Leistenband bemerkbar machen. Es muß aber bemerkt werden, daß der Wurmfortsatz auch nach oben geschlagen sein kann oder daß er nach links hinüberreicht, dann werden eben die Schmerzen in der Lebergegend oder in der linken Bauchhälfte empfunden werden. Solange die Entzündung sich nur in der Schleimhaut des Wurmfortsatzes abspielt, ist keine unmittelbare Gefahr vorhanden, greift sie aber auf die Muskelschichit und den Bauchfellüberzug über, so können diese geschwürig zerstört werden, Und nun tritt der entzündungserregende Inhalt des Wurmfortsatzes in die Bauchhöhle aus', um hier eine neue Entzündung zu bedingen. Geht dieser Durchbruch langsam vor sich, so pflegen meistens die benachbarten Darm- schlingen miteinander zu verkleben Und bilden so einem schützenden Wall. Es erfolgt dann der Durchbruch nicht in die freie Bauchhöhle, sondern in einen kleinen abgeschlossenen Bezirt -derselben. Geht aber der Durchbruch sehr rasch vor sich, ehe der schützende Wall zustande kam, so ergießt sich der Tarminhalt in die freie Bauchhöhle und ruft hier sehtz rasch eine allgemeine Bauchfellentzündung hervor. In den aller seltensten Fällen tritt die Erkrankung ohne jeden .Vorboten auf. Wenn man näher nachforscht, bekommt man von den Kranken immer zu hören, daß sie schon längere Zeit ab und zu an leichten Schmerzen in der Blinddarmgegend gelitten haben, aber diese zunächst weiter uichI beachteten, bis dann scheinbar, tote ein Blitz ans heiterem! Himmel, unter heftigen Schmerzen die schwere Erkrankung in die Erscheinung trat. Wie kommt es nun, daß man in den letzten Jahren so viel von der Blinddarrnentzzündung hört? Es ist nicht bloß von Laien, sondern auch von Äerzten die Ansicht geäußert worden, unser modernes Emaillegeschirr trage daran dis Schuld: feine Emaillesplitter sollen sich hier festfetzen und die Tarmwand entzündlich reizen. Es ist aber nicht em- zusehen, warum diese Splitterchen sich gerade am Wurmfortsatz festsetzen sollen, auch sind dieselben bei den zahlreichen Operationen, die man heutzutage allerortens bei dieser Erkrankung macht, noch nie gefunden worden. Stiel näher liegt es, Unsere gegenüber von früher veränderte Lebensweise ins Feld $u führen. Wir alle pflegen «W mehr mit der Behaglichkeit wie unsere Eltern zu Tifche zu sitzen; hastiges Essen, mangelhaftes Kauen und die Nichtachtung -auf eine regelmäßige Entleerung des Darmes tragen sicher die Hauptschuld. Auch braucht man nur darauf hinzuweifen, daß das klassische Land der Wurmfortsatzenk- — (Nach dem LekanUtält Heißschen Lehrbuchs der 'dBtoil gtebt der basilidische Arzt Serenus Sammonicus folgende Vorschrift zur Anwendung der Zauberformel: „Inscribes chartae, quod dicitur Abracadabra, His lino nexis oollum redimire memento. zündung Nordamerika ist, wo das' „Zeit ist Geld" selbst bei ben Mahlzeiten dnrchgeführt wird. Also nicht Wechsel der Kochgeschirre, sondern ein Wechsel unserer Lebensweise verf- mag einen gewissen Schutze gegen die Entzündung des Wurmfortsatzes zu bieten: langsames Essen, gutes Turchkauen der Speisen und die Sorge für die regelmäßige Darmentleerung. Wer aber trotzdem in der Blinddarmgegend einmal stärkere Schmelzen bekommt, möge sich alsbald an seinen Hausarzt wenden und ja nicht auf eigene Hand kurieren wollen. Solche Schmerzanfälle gehen oft mit Verstopfung einher, sodaß der Laie von einer gründlichen Entleerung alles Heil hofft. Mer nichts ist verkehrter wie ein Abführmittel oder eine Massage des Unterleibes vorzunehmen, indem dadurch die Entzündung gesteigert und weiter verbreitet werden kann. Bis zur Ankunst des Arztes lege man sich, zu Bett, mache einen Prießnitzschen Umschlag, enthalte sich jeder Nahrungsj- aufnahme (nur etwas kalter Thee ist gestattet), die weitere Behandlung hat allein der Arzt zu übernehmen. Es ist so dringend zu hoffen, daß durch eine achtsame Lebensweise die Häufigkeit der Blinddarmentzündung wieder abnimmt. (Schjv. M.) - Vermischtes. Philipp am Telephon. Aus dem Taunus berichtet die Taunuszettung folgendes heitere Vorkommnis: Am Sonntag war Turnfest in einem freundlichen Taunusorte. Unter den vielen auswärtigen Vereinen befand sich auch ein solcher, dessen Heimatsgemeinde mit dem Festorte sich des Segens telephonischer Verbindung erfreut, und ein eifriges Mitglied der Ausgerückten versäumte nicht, die in der Heimat Zurückgebliebenen über den Verlauf des Festes telephonisch auf dem Laufenden zu erhalten. „Alleweil stoße mer «Storni!" — „Jetzt sin mer an der Geräte-Jwung; Unsere Aussichte sind nur prima!" — „Der Schorsch is ewe 9 Punkte wett gesprunge. — hurra!" So ähnlich lauteten die kurzen, inhaltschweren Mitteilungen, die mit kurzen Zwischenräumen sich im Laufe des Tages folgten und jedesmal große Begeisterung hervorriefen. Da, gegen Mend, als man mit großer Spannung auf die Nachricht von der Preisverteilung wartete, ertönte plötzlich der Wecker mit besonderer Schärfe: ,>Hier Tornverein, wer dort?" — „Hier Philipp, — alleweil raufe mer uns !" — Gut Heil! „Abracadabra." Ein Mitarbeiter der „Franks. Zig." lenkt die Aufmerksamkeit der Leser auf eine seltsam lautende Bezeichnung aus dem Wortschätze der modernen französischen Sprache. Das Wort heißt „abracadabrant“; man bezeichnet damit etwas- was außergewöhnlich! merkwürdig und verblüffend ist. — Ein Mitglied des französischen Instituts der Wissenschaften gab über die Herkunft des Wortes folgende Erklärung ab: „ Abracadabrant seltener abracadabresque kommt von Abracadabra, das angeblich aus dem Griechischen stammen soll. Dieses mystische Wort, manmäl als Losungswort bet geheimen itzesellschaften gebräuchlich, spielte in der Heilkunst des zweiten Jahrhunderts eine ziemlich große Rolle, weil man es als Mittel gegen gewisse Fiebererscheinungen verwendete. Man schrieb es in dreieckiger Form etwa wie folgt: abracadabra bracadabr r a c a d a b a c a d a c a d a auf Pergament, hing es dem Kränken um, der es näch einiger Zeit, ohne es anzuschauen, rückwärts in ein nach! Osten fließendes Wasser werfen mußte. Manche Aerzte schrieben es auf Papier und ließen dieses sodann von den Kranken verschlucken." Man hielt das Wort bisher für ebenso sinnlos, wie das bekannte Hauptwort „Hocuspocus“, nach einer Auskunft aber, die ein im Orient bewanderter Herr gab, ist Abracadabra gutes Arabisch und heißt zu Deutsch: /Möge es genäsen machen, wahrlich, es hat schon genesen gemacht!" In dem Mund arabischer Aerzte und zu arabischen Kranken gesprochen, bedeutete Abracadabra mithin den Versuch einer Heilung durch Suggestion, während es den des Arabischen Unkundigen allerdings wie ein sinnloses Zauberwort erscheinen mußte/« Hier wird das Wort äls eine hübsche Aufgabe zur Kombinations- und Permutationslehre wie folgt aufge-- schrieben! j . i Abracadabra Abracadabr Abraoadab Abracada A b r a c a d A b r a c a A b r a c A b r a A b r A b A Wenn man von einem der A links beginnt und nach rechts wagrecht oder schpäg aufwärts geht, kann Man das Work auf 1024 (d. h. zwei, zehnmal mit sich! selbst multipliziert) Verschiedene Weisen lesen; geht man von rechts aus auch schräg abwärts, so steigert sich die Zahl der verschiedenen Lesarten noch ganz beträchtlich, . : ! I Der Zitherspieler.*) Hans Fröhlich! wollte lernen Das edle Zitherfpiel; Won allen Instrumenten Zumeist es ihm gefiel. Er nahm sich einen Lehrer, Doch, wurde nichts daraus; Der pünktliche Professor Traf niemals ihn zu Haus. Hans Fröhlich zog zur Kneipe Vom Morgen bis zur Nacht; Meist wo die Zither tönte, Trieb hin es ihn mit Macht. Es wär wie eine Ahnung, Die Lust am Zith erspiel. Er sollt' es endlich! lernen, Doch nicht wie's ihin gefiel. Er spielt jetzt ohne Lehrer, Auch, 'ohne Instrument. O armes Hänschen Fröhlich, Tas! nahm ein böses End! Da dü nicht lernen wolltest Der Zither Saitenspiel, Plagt dich jetzt jeden Morgen Der Hände „Zitterspiel". A Amman. *) Ans den Meggendorfer Blättern. Altrömische Inschrift. (Für unsere kleinen Lateiner.) (Nachdruck verboten.) JT ANTIQVVS SORTES P U R U 8 PARIE S (Auflösung in Höchster Nummer.) Auflösung der Geheimschrift in vor. Nr.r Wenn rings die Glocken hallen, Geht es mir dnrch den Sinn, Daß wir noch alle wallen Zur ew'gen Heimat hin. Glücklich, wer allezeit Der Erde sich entringet find Heimatslieder singet Bon jener Herrlichkeit. Friedrich Nietzsche. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.