e e. > t e r c Ä •i i i \ t. \ r i Montag den 23. Juni 1902. Nr. 92. ?«b1 -///' flanzt, ihr Alien, in das Herz der Jugend MM Dicfc Lehre aus dem Buch der Tugend: V Wer ins Herz dir zielt, dich zu verletzen, Find' cs wie ein Bergwerk reich an Schätzen. Werfen Steine nach dir Feindcshände: Wie ein Obstbaum reiche Früchte spende. Sterbend hohen Sinns der Muschel gleiche, Die noch Perlen beut für Todcsstrciche. Hafis. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Das schöne Geschlecht von Brantikow machte wiederholt Versuche, ob dein neuen, gestrengen Gutsherrn nicht eine menschliche Seite abzugewinnen sei. Aber seitdem er einmal eine Magd, die als unwiderstehliche Dorfkokette bekannt ivar, und beim Reinigen seiner Gemächer ihre Reize etwas absichtliche und ausfällig zur Schau trug, mit einer Ohrfeige sofort entlief}, wurde man vorsichtig. Er nahm daraus eine ältere Frau in seinen persönlichen Dienst. Kaum hatte er die Wirtschaft ans dem Aergsteu herausgearbeitet, so begann er seine Pläne in Betreff der Neubauten und Meliorationen ins Werk zu setzen. Jetzt verdoppelte stich seine Arbeitslast. Er mußte die Nächte zu Hilfe, nehmen für seine Rechnungen, Schreibereien, Pläne Und Entwürfe, llnb er mußte nach der Stadt fahren, um sich mit Sachverständigen, mit Baumeistern, Maurern, Tech- itirern und Feldmessern in Verbindung zu setzen. Für die Landwirtschaft hatte er am 1. März einen neuen, tüchtigen Inspektor gewonnen, aber mit den Haushälterinnen hatte er Unglück. Er entließ drei hintereinander und kam endlich zu der Ueberzeugung, daß er heiraten müsse, wenn seine Hauswirtschaft nicht schweren Schaden leiden sollte. Es fehlte überall die leitende Hand der Herrin, Und er selbst konnte nicht auf die Dauer feine eigene Haushälterin fein, und Speisekammer und Borratsstuben selbst unter Verschluß halten, dazu fehlte ihm die Zeit. Heiraten mußte er — eine Landwirtschaft bedurfte der Hausfrau — aber wen? Es ivar auf einem Weg über das freie Feld, als er diese Angelegenheit überlegte. Arn Tage vorher hatte er die dritte Wirtschafterin entlassen, weil er sie ertappte, daß sie der Magd die Speisekammerschlüssel überließ, während sie sich in ihrem Zimmer Stirnlöckchen brannte. Der Heiratsgedanke rief ein Bild vor fein Auge, das er mit Hilfe seiner angestrengten Thätigkeit, die ihm keine Zeit MM Denken und Träumen ließ, aus das strengste aus feinem Gedächtnis verbannt hatte. Arbeit bis zur Erschöpfung ist das beste Mittel gegen überflüssige Gefühle. Aber plötzlich war dieses Bild da, wie mit Zaubergewalt, und ließ sich nicht bannen. Es war Traute in ihrer frischen, rosigen, lebensfrohen und lebenssprühenden Jugend, mit ihren lachenden, strahlenden Augen, wie er sie zuerst gesehen, als sie in einem Strom goldenen Sonnenlichtes in das Zimmer trat. Und diese Erinnerung überwältigte ihn dermaßen, daß sein Herz sich tote in einem körperlichen, unerträglichen Schmerz zusammenkrampfte. Der starke Mann wurde leichenblaß, und sein Schritt schwankte von dem lang zurückgedrängten, übermächtig ausbrechenden Empfinden. Er stand einen Augenblick an einer Föhre still und trocknete sich den kalten Schweiß von der Stirn. Bon dem sandigen Hügel aus lag das weite Land vor ihm int milden Abendlicht des Frühlingstages. Auf den Feldern der frische, grüne Schimmer der keimenden Saaten und über den Saaten die jubelnden Heidelerchen, die in das Sonnenlicht hinaufstiegen. So weit, so sehnsüchtig weit die große, flache Ebene, schwermütig gestimmt durch die dunkle Kiefernheide, die sie auf der einen Seite ab grenzte, durch den grauen Sand, durch die einsamen, hier und da verstreuten Windmühlen und kleinen, spitzen Kirchtürme der verlorenen Dörfer. Doch der weiche, warme Hauch des Frühlings lag über der monotonen Landschaft tote erwachende Liebe, die sich zum Leben durchringen möchte und schmerzlich um Sein und Nichtsein kämpft. Der einsame Mann unter der Föhre konnte sich dem Zauber dieses geheimnisvollen Frühings- webens nicht entziehen. In diesem Augenblick schmolz alles, was hart und kalt und starr in ihm war, und aus der Tiefe seiner Seele auoll wie ein heißer Strom, der eine Eisrinde durchbricht, die Sehnsucht nach Glück und Liebe. Flüchtig und verschwommen wie ein Traum trat ein Bild vor seine Seele, das Bild eines Daseins in Bereinigung mit Traute, dem einzigen Weibe, das je diese rätselhafte Macht über ihn ausgeübt hatte. Und dieses Bild hatte Farben von so unbeschreiblicher Süße, Innigkeit und Glut, daß ihm die Seele erschauerte. Aber in der nächsten Minute erlosch die Bision in ihrer ganzen Farbenpracht, die für einen kurzen Moment die Erde in ein Paradies verwandelt hatte, und das Leben erschien öder, grauer und freudloser als zuvor. Im Geiste sah er Traute an Graf Stauffens Seite, dem schönen, ritterlich vornehmen Kavalier, der alles besaß, was ihm äußerlich fehlte. Er sah das Liebeswerben von Stauffens Seite, und das Helle Glück in Tränkens Augen. Er wüßte, daß sie ihm verloren ivar. Und es wurde härter, kälter und finsterer in ihm als zuvor. Gut, daß er der Gefahr entgangen war, eht schönes, hochmütiges und leichtsinniges Weib zu feiner Gattin zu machen. Nie wieder sollte das Schicksal ihn schwach fiudem Und um jeder ferneren Dhorheit vorzubeugen, wollte er I Es Werfam ihn etzvaZ tote 'eine unheimliche Ahnung, daß man Bet Eheschließungen, selbst abgesehen von der Liebe, doch noch mit anderen Faktoren zu rechnen hat als mit nackten Zahlen und Mtzlichkeits-Theorien. Elftes Kapitel. Der März brachte einen frühen Lenz. Auf warme I Regentage folgte eine fast sommerliche Temperatur, so I daß es in der Natur wie in einem Treibhaus grünte, keimte und blühte. Paul Lehmigke war fortwährend zwischen Brantikvw und Leipzig unterwegs. Er hatte sich eine Brautschaft | mit Alma Janisch weniger unruhig und nicht ganz so ! anspruchsvoll gedacht. Aber die Visiten und die Teilnahme . an der Auswahl der Ausstattung wurden ihm nicht erspart,- Vst" dst die Hochzeit bereits für den Mai angesetzt war, überstürzten sich alle Vorbereitungen dazu. Er machte i gute Miene zum bösen Spiel, und sagte sich, daß er diese | acht Wochen Brautzeit opfern müsse, um hernach um so \ ungestörter seiner Berufsarbeit leben zu können. Eine Hochzeitsreise schlug er Alma ruud ab. । Es war an einem dieser sommerwarmen Märztage | voll Beilchenduft und Sonnenschein, als er zu einer etwas [ früheren Stunde als. er sich angemeldet hatte, die Villa! Janisch betrat, um seine Brant zu einigen unumgänglichen Visiten abzuholen. Gr ging geraden Weges nach dem Wohn- zinrmer,. wo er Alma zu treffen gewohnt war, doch in dem Augenblick, als er schnellen Schrittes das Vorzimmer durchmaß, wurde die Wohnzimmerthür hastig aufgestoßen, und ein junger Offizier trat hinter der Portiere hervor. Es war ein junger Sekondeleutnant, in der Uniform des Leipziger Infanterieregiments, und an und für sich war nichts Auffallendes ent seinem Erscheinen; denn Jänischs hatten in einem großen Gesellschaftskreis auch Umgang mit dem Leipziger Militär. Und seit einigen Wochen ging es wie in einem Taubenschlag in der Villa aus und ein; man kam, um zu gratulieren und seine Neugier zu befriedigen. Aber der junge Mann mit dem bildhübschen, ein wenig verlebten Knabengesicht hatte ein so geisterblasses, verstörtes Aussehen, daß Lehmigke ihn verwundert und betroffen ansah. Und er schien seine Haltung so gänzlich verloren zu haben, daß er seinerseits Paul Lehmigke fassungslos anstarrte, um endlich mit einem flüchtigen Gruß an ihm vorbeizustürzen. „Was ist denn da passiert?" dachte Paul stirn- runzelnd, indem er mit der unbehaglichen Erwartung, seine Braut allein im Wohnzimmer zu finden, eintrat. Mer sie war nicht da, sondern seine künftige Schwiegermutter saß noch auf dem Sofaplatz, auf dem sie den Besuch des Leutnants empfangen hatte, und ihre -Züge waren immer noch etwas feierlich und hoheitsvoll gespannt- Ter Ausdruck war mit einer gewissen Verdutztheit verwischt in ihrem Gesicht stehen geblieben, als sei sie plötzlich in einer Rede unterbrochen, ober jäh allein gelassen worden. „Was giebt es denn? Warum läuft denn der Leutnant davon, als ob er seinen Schneider mit der Rechnung oder sonst etwas Entsetzliches gesehen hätte?" fragte Paul. „Ha, ha, ha!" lachte Frau Janisch, so daß ihr ganzer Körper, der verfettete Typus des Wohllebens, wackelte. Aber das Lachen kam Paul nicht ganz natürlich vor. „Was haben Sie denn mit ihm gehabt?" „Aber Paul, das war ja blos der Herr von Löschnitz> der kam, zu Almas Verlobung zu gratulieren." „Na, die Gratulation scheint ihn aber angegriffen zu haben. So sieht kein Mensch aus, der blos zum gratulieren kommt." „Ha, ha, ha! Biste eifersüchtig, Paulchen? I, Herr Jeses ja! ’S sind viele, die 's nicht gerne sehen, daß unser Almachen Brant ist!" Paul machte eilte unwillige gleichgiltige Bewegung. „Wo ist denn Alma? Und warum macht Ihr denn nie ein Fenster auf? Man erstickt ja hier förmlich. Das Zimmer war sehr warnt und ganz mit dem Duft der Hhacinthen und Maiblumen erfüllt, die in prächtigen, blütenstrotzenden Gruppen im Fenstererker standen. In diesem Augenblick trat Alma in einer bezaubernden, Hellen Frühlingstoilette. ein. Aber Paul konnte nie Geschmack au ihren Kostümen finden, die ihn zu sehr an das Modejournal erinnerten, und die neueste Mode stets noch übertrieben. heiraten, so kange er nüchtern tote, heiraten mit Klugheit und Berechnung. Es gab nur ein Mädchen seiner Bekanntschaft, das allen Anforderungen seines Verstandes genügte, und das war Alma Janisch. Ihr Vermögen entsprach dem seinigen, sie war in denjelben Gesinnungett ausgewachsen wie er, und sie besaß einen für eine Frau erstaunlichen Geschäftssinn. Sie war spar, am fast bis zum Geiz, und es sollte jemand schwer werden, sie zu übervorteilen. Unter ihrem Regiment würde kein Wurstzipfel und kein Stück Zucker in Brantikow veruntreut werden. Daß er ihre rötlichen Haare und ihre scharfen, Antworten nicht liebte, war Nebensache. Solche Aeußerlichkeiten kamen ihm jetzt unsäglich unbedeutend vor. Alle Frauen der Welt schienen ihm gleich reizlos, es kam nur darauf an, welche für ihn am nützlichsten werden konnte. Und das war Alma Janisch. Mit schnellen, festen Schritten ging er heim, und noch mit dem Nachtzug reifte er nach Leipzig ab . Ns er sich am folgenden Tage in der Villa Janisch melden heg, verlangte er Herrn Janisch zu sprechen u nd nicht dessen Tochter. Seine Werbung bei dem Vater um die Hand der Tochter glich einem Geschäftsantrag. r -x 2(6ecC der alte Janisch war ganz der Mann, der Klug- h"t und Vorsicht zu würdigen verstand. Und das Heiratsi- geschaft wurde zwischen beiden Männern mit großer Umständlichkeit und Genauigkeit, in Zahlen schwarz auf weiß berechnet und zur gegenseitigen Zufriedenheit erledigt. Danach erst begab sich Paul Lehmigke zu Alma. Alma hatte indessen bereits Kunde von dem Zweck seines Besuches erhalten, und er sand sie sehr kleidsam in cng- anliegender schwarzer Sainmettoilette, den offenen Busen mit schwarzen Spitzen überrieselt uitb eine Weiße Kamelie ged'ückt^ im enTotI' in einen schwellenden Polstersessel Er blickte etwas erstaunt auf die Feierlichkeit dieses Empfanges, aber sie sagte mit einem Lächeln: „Ich will heute abeud noch in das Gewandhaus-Konzert." Sein Antrag war sehr kurz uud bündig, er konnte ntajt recht aus dem Geschäftston heraus kommen, und er blickte fast noch erstaunter ans über eine unerwartete Erregung, die ihren ganzen Körper dnrchzitterte, als er ihre Hand erfaßt hatte. Sie faßte sich jedoch und bewies 'M nächsten Augenblick, daß sie die Tochter ihres Katers sei. Mit sehr klaren und deutlichen Fragen verlangte sie Auskunft teer die Vorteile und Aussichten, die ihr durch eme Ehe mit ihm geboten würden, und setzte ihm mit großer Bestimmtheit alle Anforderungen auseinander, zu denen sie sich berechtigt glaubte. Aber das hatte Paul erwartet, md er ging bereitwillig auf diese Erörterungen ein. Als ,ie mit dieser Auseinandersetzung zu Ende und ebenfalls zu einem befriedigenden Resultat gekommen waren, wollte er sich höflich mit einem Handkuß verabschieden, da er Alma nicht in das Konzert begleiten konnte, und man die Feier der Verlobung erst für den nächsten üoiii!iitg verabredet hatte. Bis dahin hatte er vollkommen ^dulch am em Wiedersehen zu warten. Er erschrak fast, als Alma sich plötzlich bei Gelegenheit des Handkusses, mit ihrer ganzen üppigen Gestalt an ihn schmiegte und ihm mit einem unbeschreiblichen Blick die vollen, stets blutroten Lippen des ettoas großen Mundes zum Küsse bot. Zum ersten Male streifte ihn der heiße, sinnliche Hauch \ ber von diesem Weibe ausging, und zum ersten Male I dEtnerte ihm eine Ahnung, warum er das weiße Ge- i IW, die roten Lippen und grellen Augen nicht leiden i mochte. ; Und als er den unter durchsichtigen Spitzen kokett zur Scham gebotenen schneeweißen, üppigen Busen sah, überlief ey ihn seltsam heiß und kalt. Etwas wie wildes Be- gehren wollte m ihm aufflammen, aber das beleidigte Zart- gesnhl war starker und erkältete jede heiße Regung. Paul Lehmigke war vielleicht nicht immer tugendhaft gewesen, aber in semem innersten Gefühlsleben war er rein und nre.ng sittlich^ geblieben. Unerbittlich forderte er von dem -aei&e, das seine Achtung genießen wollte, ein reines Herz. ,. ,Als ex das bronzene Gartenthor ber Villa Jänisch hinter sich schloß, atinete er in ber kühlen Nachtluft tief *uf und ging nachdenklich die Plaqwitzer Straße hinunter. W7 — „Guten Dag, Pauk. Gut, baß Du Ä bist. Du sollst heute mit mir ins Rosenthal fahren. Wir wollen im Neuen Schützenhause Kaffee trinken, Papa und Mama kommen nach. Heute ist das Wetter so schön, und ich will auch ein Vergnügen von meiner Brautzeit haben, nicht nur immer Visitenhetzen und Einkäufe machen. Ich Habs satt." „Aber dazu bin ich doch nicht von Brantikow herübergekommen, um im Rosenthal spazieren zu fahren! Dazu habe ich wahrhaftig keine Zeit!" „So — dazu hast Du keine Zeit?" Alma ließ sich in einen Sessel fallen, und kreuzte herausfordernd die Arme. „Sei doch vernünftig, Mma, Du weißt, wie die Geschäfte drängen!" „O, wir haben hernach noch viel Zeit vernünftig zu sein", ries sie mit einem übermütigen Lachen, und plötzlich sprang sie auf, legte ihre beiden Hände in den langen, dänischen Handschuhen auf Pauls Schultern, und den Oberkörper ein wenig zurückbiegend, sah sie ihn lachend an. „Kannst Du mir etwas ab schlag en?" Tas Lachen machte sie seltsam verführerisch, und zum zweiten Mal wehte es Paul wie herausfordernde, glühende Leidenschaft an. Ter alte Widerwille und die alte Geringschätzung bäunlten sich auf gegen ein jäh erwachendes Begehren. Er hätte sie gern geohrfeigt, wie er oft als Knabe gethan, um dre Schwäche zu überwinden, aber er riß sie in seine Arme und küßte sie auf die zuckenden, roten Lippen. Es war wie ein wilder Rausch sie waren beide allein, Frau Janisch hatte bei Almas Eintritt das Feld geräumt, und hie Hyacinthe» dufteten betäubend. Als Alma sich plötzlich mit einem leisen Schrei aus seinen Armen riß, und mit kokettem Schmollen rief: „Bist Du wahnsinnig?" faßten ihn Zorn und Scham, weil er sich wie ein dummer Junge vorkam. Gr würgte noch an seinem Aerger, als Alma bereits kühl und heiter vordem Spiegel stand. „Wie gefällt Dir dies Kostüm? Haben es gestern bei Pölich gekauft. Tas Allerneuste. Kostet hundertfünfzig Mark. war ein Modell." „Sehr auffallend", brummte Paul, „nicht mein Geschmack". Aber er widersprach nicht mehr, als Alma dem Kutscher beim Einsteigen Befehl erteilte, nach dem Neuen Schützenhaus zu fahren. Zu derselben Stunde ging Traute mit ihrem Malkasten nach der Zentralhalle. Sie war heute allein, ohne Lillian, die eine Abhaltung hatte. An der Ecke der Zentralstraße begegnete ihr Graf Stauffen. Er war bereits im Sommerjackett, und trug ein Frühlingssträußchen im Knopfloch. „Heute halten Sie's nicht aus in Ihrer Farbenbude", sagte er zu Traute, „bei dem Prachtwetter. Kommen Sie, wir wollen lieber ins Rosenthal gehen." Traute stand still, und blickte nachdenklich zuin Himmel auf. Ach, er hatte recht. Es war nicht zum Aushalten in den Stadtmauern, wenn die schneeweißen Frühlingswolken so lustig über den blitzblauen Himmel segelten. Wie herrlich mußte es draußen im Walde sein! Aber — durfte sie allein mit Stauffen gehen?" — Camill Stauffen las den Zweifel und das Schwanken in ihren Zügen. „Einen solchen Tag dürfen Sie wirklich nicht versäumen. Er kommt im ganzen Jahr nicht wieder. Machen Sie sich nur keine Skrupel. Wer zu viel überlegt, kommt nie im Leben zu einem rechten Vergnügen. Mit Lori Drachenberg bin ich oft heimlich allein in den Wald gelaufen", redete er zu. Die Versuchung war zu stark. Mit einem schnellen Entschluß trug sie ihren Malkasten hinauf in die Zentralhalle, und ließ ihn in der Garderobe. Tann schüttelte sie die letzten Bedenken von sich, und wanderte fröhlich mit Stauffen zur Stadt hinaus. Er führte sie auf dem kürzesten Wege ins Freie. Bald waren sie mitten iin knospernden Buchenwald. „Kommen Sie, wir wollen tiefer ins Grüne gehen. Hier auf den Fahrstraßen ist cs staubig", sagte Camill, und bog in einen Fußpfad, der mitten in das Gehölz hinein führte. Traute hatte einen Augenblick gezögert, ihm zu folgen, aber da fiel ihr Blick auf eine Gruppe Anemonen, deren zarte, weiße Blütenkelche zwischen dem jungen Gras und dürren Laub des Waldbodens schimmerten, und' mit einem Jubelruf flog sie in das Gebüsch. Camill half ihr Blumen pflücken, und Blumen suchend kamen sie tiefer und tiefer in den Wald hinein. Sie hatten plötzlich Weg und Steg verloren, vor ihnen lag ein kleiner Sumpf, und als sie rechts und links nach einem Ausweg suchten, fanden sie sich ganz im Dickicht verirrt. Sie sahen sich an, und lachten. Um sie herum war der tiefe, stille Waldfrieden, in den Buchen- und Eichen- wipfeln ein leises, feierliches Rauschen und ganz in der Nähe schwatzte eine Elster vom Geäst auf sie herunter. Das grelle, schrille Schwatzen klang spukhaft und gab der Einsamkeit etwas Märchenhaftes. Ein goldgrünes Flimmern von jungen Knospen und Sonnenlicht hing in den Wipfeln und Zweigen, und zwischen den breiten, dunklen Stämmen und wucherndem Unterholz brach hie und da blitzender Sonnennebel durch eine Lichtung, Zwischen den flüsternden Baumkronen der leuchtende, tiefblaue Himmel mit den luftigen, weißen Wölkchen und überall in Farben und Tönen, in Licht und Luft die große, jubelvolle Frühlingsfreude. Hochaufatmend, wie unter einer seltsamen Bellemmung, stand Traute, die Hände voll wilder Blumen, und ihre Wangen fingen an zu brennen unter Camills Blick. Er sah sie mit trunkenem Entzücken an, und dachte, daß sie "schöner sei als der ganze blühende Lenz umher. „Traute", flüsterte er. Sie rührte sich nicht, ihre Augen hefteten am Boden, es kam wie ein leises Aufschluchzen von Wonne und ahnungsvollem Weh von ihren Lippen, doch im nächsten Augenblick wurde diesen Lippen Atem und Wort geraubt durch den ersten, langen, seligen Kuß der Liebe. Sie standen Herz am Herzen, ganz in ihr Glück versunken, von dem goldgrünen Dämmerlicht des Dickichts umflossen, gefangen, verloren in dem Zauber der Waldeinsamkeit. Wie lange? Der Begriff von Zeit und Raum schwand ihnen, sie waren allein mit sich auf der Welt, und die Welt war die blühende, knospende Wildnis, das Königreich des jungen Frühlings, aus dem kein Pfad in das graue Alltagsleben zurückzuführen schien. Engumschlungen gingen sie endlich gedankenlos weiter. In Trautens Äugen stand das Leuchten einer überirdischen Seligkeit, mit strahlendem Lächeln blickte sie zu dem schönen Jüngling auf, der ihr die zärtlichsten Liebesworte zuflüsterte. Keine Frage, kein Zweifel war in ihrem Herzen. Er liebte sie ja, und ihre ganze Seele gehörte ihm. Alles andere auf her Welt war so entsetzlich nebensächlich. Sie hatte jede 'Wertschätzung für materielle Güter, und deren Bedeutung verloren, denn ivas konnte die Welt mit allen ihren Herrlichkeiten bieten, was die Wonne und das tiefe, unsagbare Glück dieser Stunde überbot? Ohne zu bemerken, hatten sie sich endlich der Fahrstraße genähert, als das Rollen eines Wagens in nächster Nähe hörbar wurde. Sie lösten sich zwar schnell aus ihrer Umarmung, und nahmen eine förmliche Haltung an, aber die Insassen der Equipage hatten dennoch ihr trauliches .tete-ä-tete überrascht. „Ah!" sagte Alma Jänisch nur, die mit einem einzigen Blick schon von fern die Situation bis in alle Details erfaßt hatte. Paul Lehmigke sagte kein Wort. Aber er erblaßte bis in die Lippen hinein. Er hätte aufschreien mögen wie ein verwundeter Hirsch, bei dem Anblick, der sich ihm bot. Das war es, das war es ja, wonach sein Herz verlangte in den Träumen der tiefsten Nacht, wenn er es am Tage mit eiserner, brutaler Gewalt zum Schweige» brachte. Allein zu sein mit ihr, mit Traute, irgendwo, wo die Welt schön, ist, in heimlich süßer Stunde, wie — o Gott! wie jener verhaßte, fluchwürdige Nebenbuhler! (Fortsetzung folgt.) Der Roman einer Studentin. Ein liebes, herziges Mädel, gesund, hübsch, reich, schlägt ein Dutzend sogenannter guter Partien aus, macht das Abiturientenexamen und will studieren. Das ist keine alltägliche Geschichte, aber sie kommt doch vor im 20. Jahrhundert. Und wer will da ohne weiteres in Bausch und Bogen verdammen? Freilich, ein tintenbeklexter Blaustrumpf, ein Mannweib, dem die in Küche und Keller, 368 sorgende „Hausfrau" als tvertloses Gerümpel altfränkischer Zeiten erscheint, ist beinahe ebenso widerlich wie der weibische Mann, der vor „Decadence" und Nervenschwäche in lanter Stimmung zerfließt. Aber kann ein Weib nicht auch ein eigenes, nicht zu verachtendes Geistesleben entfalten, eine kräftige, selbstschöpferische Energie und Individualität entwickeln, ohne darum das ursprünglichste Wesen ihres Geschlechtes dranf- itnb dranzugeben? Artikel, Flugschriften, gelehrte und ungelehrte Whandlungen sind über diese Hauvtfrage der modernen Frauenbewegung geschrieben worden/ und nun ist ein Roman erschienen, der mithelfen will, das große Problem zu lösen. Rudolf St ratz, der moderne, aber abseits von jeder litterarischen Clique seinen Weg gehende Dichter, giebt uns in seinem jüngsten Werke den „Roman einer Studentin"; so bezeichnet er in einem Zusatze selber seine innerhalb dreier Tage sich abspielende Erzählung „Alt H eid elb erg, Du Feine". Erna Bauernfeind, das vielgefeierte, bildschöne Töchterlein eines rheinischen Großindustriellen, hat dem verwunderten Papa die Erlaubnis ab geschmeichelt, Latein und Griechisch lernen zu. dürfen. Der alte Herr ist dann gestorben; die Gattin war ihm schon geraume Zeit voran gegangen, und nun hat's Erna in dem einsamen Patrizier- Hause, von dem aus man alltäglich das Surren und Hämmern der Fabrik hört, nicht mehr aushalten können, nind ist plötzlich nach Heidelberg abgerückt. Eine prunklose Studentenbude war rasch gefunden. Tie Zimmernachbarin ist eine ernste, blonde Philologin, die sich durch Sprachstunden ernährt, und in der freien Zeit studiert. Mit dieser Meta Wiggers hat sich die angehende Studentin rasch ange- freundet, und die dritte im Bunde ist eine weitere Hausgenossin, eine kleine resolute Zahnärztin, — also es hat sich alles gleich prächtig getroffen. Und doch ist noch ein Aber für Erna bei der Sache. So viele Körbe sie auch leichten Herzens ausgeteilt hat, ein Mann hat ihr doch imponiert; ein eiserner, rastlos thätiger Geschäftsmann großen Stils, Gentleman von oben bis unten, aber von unbeugsamer, manchmal rücksichtsloser Willensentschlossenheit, der Geschäftsfreund chres verstorbenen Vaters, John Henry von Lennep. Er selbst liebt Erna mit stiller, zäher Leidenschaft, hat aber nur sarkastische Bemerkungen für ihre Studiensehnsucht übrig, und nun, da die junge Dame vom Zauber der alten Musenstadt umfangen ist, schreibt sie dem Bräutigam in einem langen, langen Briefe ab. Hier setzt der Stratzsche Roman ein. Ernas Brief bedeutet ihre ganze Vorgeschichte. Der Abgewiesene läßt sich nicht irre machen. Er reist sofort nach Heidelberg. Es folgen Auseinandersetzungen, deren. Ergebnis immer wieder ist: eine junge, nach Selbstentfaltung ringende Mädchenseele fühlt sich von dem Manne nicht verstanden, den auch sie liebt, der aber seiner ganzer; praktischen Natur nach rricht die gerirrgste Achtung vor irgend einem Fraueustridium hat. Erna wieder weiß, sie würde ihrem innersten Wesen untreu werden, toemt sie dem geliebten Manne nur die Puppe sein sollte, die ihm nach des Tages Last mit süßem Unsinn ein paar Erholungsstunden bereitete. Derrn so denkt sich Lennep das Ideal einer Ehe. Seine ruhige Ueberredungs- gabe versagt vollständig. Auch als sich plötzlich herausstellt, daß Erna längst keinen Pfennig Vermögen mehr besitzt — Lennep hat ihren Vater vor dem Bankerott bewahrt, ohne es die Braut jemals merken zu lasseu, daß auch sie seit Jahren schon eigentlich nur von der Güte des Verlobten lebt —, ändert das nichts an ihrem Entschlüsse. Sie weist jede Unterstützung ab, will ihr Brot selber verdienen, und daneben studieren. „Erinnerst Du Dich des Spruches", so spricht das starke Mädchen zu dem sie allmählich be- greifenden Manne, „den ich Dir im Anfang meines langen Briefes schrieb: „Und Mann tiitb Frau sahen einanber in die Augen und fürchteten sich nicht!" Davon sind wir weit entfernt. Roch ist zu viel Furcht in meiner Liebe, zu viel Geringwertung in der Deinen" . . . „Glaub mir: ich hab' Dich lieb! Aber mich auch! Darum, will ich nicht tut Dir zu Grunde gehen, sondern frei neben Dir stehen, ein Mensch wie Du— ganz Deinesgleichen!" Drei Jahre will Erna in Heidelberg bleiben, eine abgeschlossene Bildung höherer Art erringen, und dann, wenn er noch will, wird sie sein Weib werden. Und er will. „Ich weiß nicht, was Du 'mir angethan hast. Aber ich bin sicher: Ich werde nie eine andere Frau auf der Erde heiraten, als Dich, sondern lieber einsam bleiben. Also werd' ich ioarten und thun, was Du verlangst. Es mag sein, daß ich,'s früher nicht recht verstanden hab' — ich merke jetzt etwas an Dir— das ist mir neu! Das hab' ich bisher nicht gesehen! Und vielleicht bist Du das gerade selbst!" . . . Wie wenig es Stratz darum zu thun war, einen all- geineinen Lo'bgesang auf die „neue" ober gar „emanzipierte" Frau überhaupt anzustimmen, das beweist schon seine scharfe und schonungslose Charakteristik von Frauentypen, bei denen die ganze Frauenfrage auf nervöse Faulheit, sentimentale Duselei oder blcmstrümpfiges Dozieren hinausläuft. Ter vorliegende Roman ist somit eine Art Kompendium der Frauenbewegung; nicht trocken und langweilig, sondern frisch und lebenswahr bietet er ein interessantes Problem bet’ eigentlichen Wirklichkeit. Ter Idealismus der Heldin hat innerhalb des ganzen Zusammenhanges nichts Unwahrscheinliches, und was sie in den ersten drei Tagen ihres Heidelberger Aufenthaltes erlebt an Freude und Leid, wie ihr die ernste, die grämliche, die lustige uud die resignierte Wissenschaft in Alt-Heidelberg begegnet, wie man die „Studentin" mißtrauisch, kalt, frennb- lich und liebenswürdig ausnimmt, und wie sie in all dem Trubel der Ereignisse ihrer persönlichsten Ueberzeugung treu bleibt, — das hat Rudolf Stratz mit der ganzen Kunst eines sein philosophisch beobachtenden Talentes in deutlichen Farben geschildert. Wir haben hier einen spannenden Roman, der doch viel mehr ist, als eine bloße, flüchtige Unterhaltungslektüre. Eine „Hwrichümg" bei Barnum & Gailey. Barnums größter El e f a n t „Fr i tz" mußte in Tours mittels dicker Seile und Kloben erwürgt werden, weil er plötzlich wild wurde und nicht nur das Publikum, sondern auch seine Wärter bedrohte. Gr hatte schon früher einen Menschen getötet, und mehrere andere vertvundet. „Fritz" war der größte von den 16 Elefanten, die Barnum besaß; er war 2 Meter 60 Zentimeter hoch und ist 80 Jahre alt geworben. Die „Hinrichtung" bes Riesen fanb, da die Zirkuszelte bereits abgebrochen waren, auf einem öffentlichen Platze statt, ber von Soldaten abgesperrt wurde. Mehrere Male drohte der Elefant sich loszuretßen, bis er schließlich mit großer Mühe gefesselt werden konnte. Das Skelett des Dickhäuters, der einen Wert von 100 000 Francs gehabt haben soll, ist von Barnum dem Museum zu Tours überwiesen worden. Das höchste Haus der Welt. Der Newyorker Architekt Bruce Price, eilte Autorität auf dem Gebiete der Hochbau-Struktur, hat die Pläne für ein 1500 Fuß hohes Geschäftsgebäude fertiggestellt, das auf der Fläche eines der gewöhnlichen Newyorker Häuservierecke aufzubauen wäre. Das erwähnte Gebäude würde 125 Stockwerke mit zusammen 6000 Office-Räumen enthalten und würde den Eiffelturm um mehr als 500 Fuß übertreffen. Das Gebäude würde 10 000 Fenster enthalten, deren Scheiben zusammengelegt eine Fläche von 200 000 Quadratfuß Glas darstellen würden. In dem Riesetigebäude könnten 30 000 Personen arbeiten, welche tnittels 50 Aufzügen ihre Offices erreichen würden. Ter Kostenpreis ist mit etwa 120 Millionen Mark angegeben, und garantiert der Baumeister eine zehnprozentige Verzinsung des Geldes, Tie unbedingte Sicherheit einer solchen gigantischen Stahl- Struktur hält der Architekt für außer Frage, da, seiner Ueberzeugung entsprechend, bei dem heutigen Stande der Technik eilt solches Gebäude zu einer Höhe gebracht werden kann, welche sieben und einhalb mal beut Durchmesser ber Basis des Gebäudes entspricht. Zahlen dreie ck. Nachdruck verboten. 1 2 3 4 5 6 Speise. 1 2 3 6 4 Dichter des Mittelalters. 4 2 3 1 Gangart. 12 3 Trinkraum. 3 2 Maß. 3 Vokal. (Auflösung in ttkchster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: W. Kc6, Da3, Lf4, g4, Sh3, Bd5, e3. Schw. Ke4, Lbl, Sdl, Bb5, c5, h6. 1. Da3—c3, beliebig. 2. 7fach Matt. Redaktion: Su.rt Plato. — Rotationsdruck und Verlaa der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.