Freitag den 23. Mai. lil 1902. — Nr. 75. lHES ikM UkMM tM U^D 'UmMil kM> -"-7,5 ' ME 'er eines Menschen Freude stört, Der Mensch ist keiner Freude wert. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Die Finsternis senkte sich 'mehr und mehr durch den Nebel herab. Sie zitterte vor Kälte. Mehrmals hatte sie einen sehnsuchtsvollen Blick nach den auf den Bock geworfenen Decken entsandt, aber sie konnte sich nicht entschließen, sie zu nehmen — er kam wohl bald. Endlich erhob sie sich doch, holte eine der warmen Hüllen und wickelte sich hinein. Es war ihr, als umschlösse sie Thomas' fürsorgende Liebe. Abermals traten ihr die Thränen in die Augen. Alle Erinnerungen aus Ostholmstrup brachen über sie herein und zauberten eine Reihe wechselnder Bilder vor ihren Blick. Menn sie nun seine Gattin gewesen wäre, wenn sie nun da draußen im Mühlhofe säße, in der warmen Stube mit den schweren, grünwollenen Mintergardincn, den blanken Möbeln, dem knisternden Feuer im Ofen, — wenn sie nun dort säße und auf ihn wartete, der mit den Weihnachtseinläufen nach Hause kommen sollte. Sie riß sich gewaltsani aus dem Gedankengewebe los. Nein, nein, nein! Tausendmal lieber wollte sic daheim Weihnachten feiern mit §urtger und Tod! Dort war das Bethesda ihrer Liebe, wo sie gelitten und gekämpft, geliebt und gehofft hatte, wo ihre Seele in gesunde Wasser getaucht worden war. Helene mußte an die ersten Jahr ihrer Ehe zurückdenken, wie stark Böse gewesen war, und wie sicher sie sich unter den Schwingen seiner Liebe gefühlt hatte. Wie eigenartig hatte das Leben sie doch geführt! Wer hätte denken können, daß Böse und sie so in die Brandungen des öffentlichen Lebens hiueingezogen und in seinem kochenden Sprudel umhergeschleudert werden sollten, der ja freilich — das mußte sie zugestehen — so viele Seelen erweckt itrtb adelt und sie als freie Menschen wieder ans Land setzt, der aber in so vielen anderen die Raubtiertriebe aufacht, ihnen die Lebenskraft raubt, ihnen Faden auf Faden von der geistigen Kleidung entreißt und sie schließlich als nackte, vom Tode gezeichnete Krüppel an den Strand treibt. Wie schwer war ihr Leben mit ihm während der! letzten Jahre gewesen! Zu Zeiten war er kraftlos zu-, sammengebrochen und hatte wie geistesabwesend zu Boden gestarrt; zu andern Zeiten dagegen kochte es in ihm vor Groll und Haß gegen Gott und die Menschen, gegen das Schicksal, das ihn betroffen. Welch eine Arbeit hatte es sie gekostet, die Ueber^ reste seines Christenglaubens zusammenzuhalten und dem toten Körper Geist einzublasen! Welche Mühe war es ihr nicht gewesen, ihn zur Einsicht zu bringen, daß sich im Meltengange ein Weisheitsprinzip verbirgt, das sich mächtig hinter der Außenseite des Daseins regt, eins ewig wirkende Macht, die Spuren des Weltenlaufes hinterläßt und im Geheimen in dem Leben der Völker und der einzelnen Menschen arbeitet — alles mit dem Ziel der Ewigkeit vor Augen und mit der Forderung an jede Seele, sich selbst zu verleugnen, zu glauben, zu streben! Durch tägliche Unterhaltungen, durch ihr ermunterndes Lächeln, durch die Ausdauer, mit der sie ihr Heim aufrecht erhielt, hatte sie seine geistige Persönlichkeit nach und nach unter ihren Einfluß gebracht, seiner körperlichen Krankheit gegenüber aber war sie machtlos. Zuweilen konnte es einen Tag ein wenig besser mit ihm sein, dann wagte er sich an einem Paar Stöcke auf die Straße hinaus, sonst saß er den Tag hindurch in einem Lehnstuhl am Fenster, in seinen dünn getragenen blauen Havelock gehüllt, von Palmen und Kaunas umgeben. Menn sie von draußen herein kam und ihn dort sitzen sah mit einem milden Glanz in den Augen, da konnte sich ihre Kehle zusammenschnüren, aber sie bezwang sich. Munter reichte sie ihm die Hand: „Nun, wie geht es?" „Ach, danke!" Dann setzte sie sich neben ihn, nahm seine Hand in die ihre, und nun fingen sie an, einander Sand in die Augen zu streuen. — Er sähe weit besser aus. — Ja, wenn nur erst der Frühling käme, dann würde auch alles wieder gut. Aber zuweilen, gleichsam in einem unbewachten Augenblicke, konnte die Wahrheit sich Bahn brechen und Ausdruck in einem lairgen, durchbohrenden Blick finden, in dem sich Seele und Seele in. der erdrückenden Gewißheit begegneten: Neber ein kleines werden wir uns nicht mehr sehen! In den letzten Tagen hatte er so entsetzlich ausgesehen, saft wie eine Leiche. Sie war cntf alles vorbereitet- Da hatte sie am Morgen Thomas auf der Landstraße vorüberfahren sehen, und im selben Augenblick war ein Entschluß in ihr gereift. Wieder und wieder hatte sie an Pastor Tomsens Rat gedacht, sie hatte ihn aber mach, durchführen können, teils weil es ihr so schwer war, Thomas unter die Augen zu treten, teils weil sie nicht wußte, woher das Geld zu der Reise nehmen. Jetzt aber sollte es gei 298 -- sch eh en. Wenn es ihr gelänge, ihn mit hinaus zu bringen, wenn er die Hand zur Versöhnung ausstreckte! Es war ihr, als würde ihr der Abschied von Böje dann leichter werden. Und jetzt saß, sie da und wartete und wartete. Drüben im Gastzimmer wurde ein Streichholz angezündet, eine Hand langte nach einem Gasarm hinauf, und im selben Augenblick brach ein starker Lichtschein durch den Tabcksqualm, so daß einige rote Gesichter erkennbar wurden. Dann sah sie einen großen, breitschultrigen Mann eine große, blanke Münze aus den Tisch, werfen, woraus er sich, eine Zigarre in dem einen Mundwinkel, erhob, den Aermel herunterzog, und den Arm in den mit Lammfell gefütterten Reisemantel steckte. Aber — war das nicht Thomas? Ja, jetzt wendete er ihr das hell beleuchtete Gesicht zu — es war rot, aufgedunsen, hatte aber noch die alten, lieben Züge. Sie sprang auf, warf die Decke auf den Bock und ordnete ihr Haar. Ihre Kniee zitterten, ach, wie sollte sie es nur fertig bringen, ihn anzureden! Die Thüre öffnete sich, von einem lauten Getöse umschwirrt, trat er heraus, und näherte sich dem Wagen. Ihr Herz pochte in der Brust wie mit Keulenschlägen; eine Weile stand sie da und verbarg sich hinter den Pferden, als fürchte sie, gesehen zu werden. Ein wenig unsicher trat er an die Pferde heran, um zu sehen, ob die Zügel richtig angelegt seien. Der Hausknecht, der auf seinen Holzpantoffeln herangeklappert kam, stand grinsend da. Thomas ergriff die Zügel. „Na, denn muh ich wohl sehen, oaß ich nach Ostholms- trup komme; da, Jörgen! Ach, gieb mir 'mal den Arm, während ich aufsteige." Der Knecht fragte, ob er mit dem Frauenzimmer gesprochen habe. „Mit was für einem Frauenzimmer?" „Hier war eine Frau oder ein Mädchen, ich weih nicht — da ist sie ja!" Sie war um den Wagen herumgegangcn und näherte sich dem Trittbrett, auf dessen unterste Stufe Thomas bereits einen Fuß gesetzt hatte. Das Licht aus dem Zimmer fiel hell auf ihr Gesicht und spiegelte sich in einer schwarzen Nadel, die ihren Shawl zusammenhielt. Er wandte den Kopf um und schaute in ein Paar große, klare Augen. „Guten Abend, Thomas." Er sah sie einen Augenblick an. Sie reichte ihm die Hand und richtete sich auf. Thomas schwankte vom Trittbrett herab. „Das ist ja, weih Gott!--" Er ergriff ihre Hand, preßte sie, lieh sie wieder los, nahm die andere und zog sie mit sich nach dem halbdunklen Schauer. Der Knecht sah ihnen nach, nickte ein paarmal und warf dann den Pferden die Decken über. Keins von beiden vermochte ein Wort hervorzubringen. Er hielt ihre beiden Hände in den seinen und schwenkte sie hin und her. „Ich will lieber wieder gehen", flüsterte sie und suchte ihm ihre Hände zu entziehen. Aber er hörte es nicht. „Helene! Warum wurde nicht ein Paar aus uns beiden?" „Thomas, sprich nicht mit mir von dem, was gewesen —, ach, ich bin so unglücklich !" „Unglücklich?" „Hans hat wieder seine alte Krankheit bekommen, und es ist wohl bald aus —" Sie beugte sich zu ihm hinüber und weinte. „Ich wollte nur so gerne um etwas bitten, und Du darfst nicht nein sagen, Thomas," fuhr sie fort, ihn mit der ganzen Innigkeit ihres Herzens anschauend. „Willst Du mit mir kommen, und ihm die Hand reichen, ehe er stirbt?" Wie sie auf den Wagen kamen und worüber sie unterwegs sprachen, das war für ihn gleichsam in einen Nebel gehüllt. Er entsann sich später nur, daß die Decke mehrmals heruntergeglitten war, und dafx sie sie ihm fürsorglich wieder über die Beine gebrettet hatte. Sie hielten vor Helenes Wohnung. Er warf den! Pferden die Decke wieder Über, und sie ließen di« Köpfe gleich wieder in die alte hängende Stellung sinken.^ „Ach, Sie sind es!" rief Madame Hansen, die mit einem Licht in der Hand in der Thür erschien. „Die Kinder sind zu Bett! Sie haben eine tüchtige Portion! Kartoffeln mit Mehlsauce bei mir vertilgt!" „Danke, liebe Madame Hansen! Wie mag es Böjtz gehen?" Sie zuckte die Achseln. „Ja, wie mag es ihm gehen? Er ist gewiß in die Klappe gekrochen." Thomas, der jetzt mit den Pferden fertig geworden! war, kam herzu, als Helene die Thür öffnete. Das Zimmer war dunkel und kalt. Er hörte, tote: die Tapete an der Wand sich in dem Zug mit raschelndem Laut ansbauschte. Der Lichtschein aus dem gegenüberliegenden Hause erhellte das Zimmer soweit, daß er die schwachen Umrisse einer Gestalt erkennen konnte, die sich aus dem Lager in der Ecke aufrichtete. Helene eilte auf das Bett zu. „Du kannst Dir nicht denken, wer hier kommt!" Eid sprach in heiterem Tone, Böje aber fühlte, wie das Bett bei Berührung ihrer Kniee zitterte. „Es ist Thomas ans Ostholmstrup." „Ja, ich wollte mich doch mal nach! Dir umsehen", begann der Müller. „Ich hörte in der Stadt, daß Du krank seiest." Helene, die ein Licht angezündet hatte, sandte ihm einen warmen Dankesblick hinüber. Böje richtete sich völlig auf und reichte Thomas die Hand. „Das hätte ich nicht von Dir geglaubt, Thomas!" Thomas stutzte beim Anblick des knöchernen Gesichts, das beim gelblichen Schein des Talglichts zu ihm ausschaute. Ein paar Thränen erglänzten in den Augen des Kranken. Um ihn her wurde es hell, und es war ihm, als gewänne seine Hand Leben durch all das warme Fleisch, das sie umgab; aber die kleine Szene ergriff ihn derartig, daß er sich sofort wieder legen mußte. „Wie geht es sonst mit Deiner Gesundheit und dem Ganzen?" fragte Thomas. „Ach, danke, es geht so einigermaßen." Jetzt blickte Thomas zuin erstenmal um sich. „Es scheint mir hier ein wenig feucht zu sein?" „Ja", erwiderte Helene, „wir haben in der letzten Zeit nicht genügend acht auf den Ofen gegeben." „Helene ist so viel aus", fiel Böje ein, „und dann vergesse ich, nachznlegen." Am Fußende des Bettes stand ein braun ange- strichener Holzkasten mit einigen Betten und alten Shawls, in dem die Kinder schliesen. „Sind denn die gesund?" fragte Thomas. Das wären sie, gottlob! Es seien ein paar Prachtkinder, so lebhaft und so begabt; leider wären sie nur ein wenig mager. Thomas wollte auf einem Stuhl am Bett Platz nehmen; Helene mußte ihn aber warnen, sich in acht zu nehmen, die Rücklehne sei ein wenig wackelig. Er sah sich nach einem anderen um, konnte aber keinen entdecken. Schnell schob sie Böjes Lehnstuhl ans Bett, aber Thomas mochte sich nicht hineinsetzen, er roch so eigentümlich nach $*£ entfielt. Mehrmals fragte Helene nach ihrem Vater, erhielt aber stets nur kurze Antworten. Er wurde immer schweigsamer und sah sie unverwandt an. „Du hast auch mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen gehabt," begann Böje. „Ich weiß, daß ich mit schuld daran war; Du kannst mir glauben, das hat mtch oft gequält." , , „Ja, wir haben so viel Mitleid mit Dir gehabt, Thomas! Wenn Du doch alles vergessen und wieder so recht tiott Herzen glücklich werden könntest!" „Hm, ja —" er senkte den Blick. „Es muß eben gehen, so gut es geht." Helene, hatte sich im voraus wohl zehnmal überlegt, was sie zu ihm sagen wollte, aber jetzt, wo es so wert war, konnte sie kaum ein Wort hervorbringen. Böje fragte, ob er denn gesund sei. 299 Ja, gesund sei er, aber es wären ja verdammt schlechte Zeiten. „Ja, Du hast gewiß viel durchzumachen gehabt!"' Thomas arbeitete mit dem Munde und suchte nach einem Spuckbecken; endlich erblickte er ein kleines Thon- gefätz mit gelbem Sand, das dicht neben ihm stand. Er strich sich den Bart. „So ganz, ohne widrige Winde ist es ja nicht gegangen." „Thomas", sagte Helene, „erinnerst Du Dich der Möwe?" „Der Möwe?" „Ja — weißt Du, die wir draußen in der Kjöger Bucht sahen? Erinnerst Du Dich nicht, damals, als wir ini Gewitter hinaussegelten?" „Ach ja!" „Ist es nicht sonderbar, daß ich sie niemals habe vergessen können? Es giebt einzelne Dinge aus der Kindheit, die einem stets so lebendig vor Augen stehen." Thomas hatte das längst vergessen, jetzt aber tauchte die Erinnerung wieder in ihm auf. „Ich sehe noch so deutlich, wie sie kämpfte, ach, wie sie kämpfte! Es ging nur langsam, aber sie kam doch ans Ziel." Thomas schaute traurig auf, als wolle er sagen: Der widrige Wind kann aber auch zu stark sein. (Fortsetzung folgt.) Englische Kolonial-„Mdenthatm". Ein zeitgemäßes Kapitel von Franz Büttner. (Nachdruck verboten.) Die Kolouialgeschichte ist mit Blut geschrieben . Es giebt auch Beispiele friedlicher Kolonisation, aber sie sind selten. In der Regel gestaltet sich die Geschichte einer größeren Koloniebildung zu der eines erbitterten Vernichtungskampfes gegen die eingeborene Bevölkerung, welche früher oder später unterliegen muß, weil die Kolonisten naturgemäß einer geistig fortgeschritteneren Klasse angehören. Dabei tritt nun seltsamerweise die beschämende Thatsache hervor, daß die höhere Kultur ihre Träger durchaus nicht zu den besseren Menschen gemacht hat. Im Gegenteil — die Kolonisten wetteifern vielfach mit den von ihnen besiegten oder ihrer Gebieter beraubten Wilden an Grausamkeit und Bestialität, ja übertreffen sie darin und lassen sich in der Behandlung derselben von keiner humanen und gerechten Regung leiten. Die Verantwortlichkeit hierfür trifft nur zum geringsten Teil die betreffenden Regierungen. Vielmehr trägt wohl der Umstand die Schuld, daß es meist nicht die besseren Elemente sind, welche ein Land nach neuen Kolonien abgiebt; Abenteuersucht, Habgier, Zügellosigkeit treibt einen Teil der Menschen in neue Kolonien, die ruhigeren, solideren Kolonisten folgen in der Regel erst nach, wenn sich die Verhältnisse bereits etwas abgeklärt haben und der anfängliche Zustand der Anarchie demjenigen einer größeren Sicherheit und Gesetzlichkeit gewichen ist. Die deute vom Schlage eines Cecil Rhodes! sind es, welchen die Kolonialgeschichte ihre blutige Färbung verdankt, ihr Gott ist der Mammon, und die Regungen des Gewissens empfinden sie nicht. Dicke Bände würden nötig fein, um die Greuelthaten zu beschreiben, welche seit Anbeginn der historischen Zeit von Kolonialvölkern, Phöniziern, Römern, Portugiesen, Spaniern, Holländern, Engländern u., begangen wurden. Für heute haben wir uns die Aufgabe gestellt, uur ein paar der „Kolonialheldenthaten" der Engländer zu schildern, weil diese zur Zeit des noch immer nicht beendeten Burenkrieges im Vordergrund des Interesses stehen. Wir beginnen aus letzterem Grunde mit der Kolonie, welche vor- wiegeud an diesem Kriege beteiligt und interessiert ist. Die Kapkolonie kam ,1795 zuerst in englischen Besitz, definitiv wurden die Engländer jedoch erst 1806 Herren des Landes, das ihnen 1815 auf dem Wiener Kongreß endgültig zugesprochen wurde. Vorher waren die Holländer die Besitzer, und leider muß hier die traurige Wahrheit ausgesprochen werden, daß diese gegen die armen Hottentotten und Kaffern mit geradezu unbeschreiblicher Brutalität ver- uhren. Diese waren in ihren Augen gar keine Menschen, ie machten sie zu Leibeigenen, raubten ihnen unter uich- :igen Vorwänden ihre Herden, verbrannten ihre Ernte und chossen sie zusammen gleich wilden Tieren. Ao unendlich die armen Buren von heute zu bemitleiden sind, so geschieht ihnen doch nur dasselbe Unrecht, das ihre Väter in noch stärkerem Maße an den armen Wilden begangen haben Da die Engländer die für ihr Vaterland kämpfenden, in regelrechtem Kriege mit ihnen befindlicbeu Buren sogar als Rebellen und Verbrecher behandeln' und zum Tode verurteilen, so kann man sich nicht wundern, wenn sie vor 90 Jahren mit den Anführern der mit ihnen Krieg führenden Kaffern und Hottentotten nicht besser verfuhren/ Der erste Hottentotte, welcher sich sür die Rechte seines Stammes erhob, Stuurmann, und dessen sich die Engländer durch Verrat bemächtigten, wurde gegen alles Völkerrecht als Sträfling in eine Verbrecherkolonie gesandt, ebenso erging es später dem tapferen Kaffernhäuptling Mokanna. Die Engländer hatten einen bloßen Unterhäuptling, Namens Gaika, als Führer der Kaffern anerkannt, diesem wollten sich die anderen Stämme nicht unterwerfen, sie bekämpften und besiegten ihn. Das war eine rein interne Angelegent- heit der Kaffern, welche der Kolonialregierung ausdrücklich erklären ließen, daß sie nichts Feindliches gegen dis Engländer im Schilde führten. Trotzdem rückten die englischen Truppen gegen sie aus, metzelten sie nieder oder jagten sie in die Wälder und führten 23'000 Stück Vieh mit sich fort. Ihrer Subsistenzmittel beraubt, griffen die Kaffern, von Mokanna geführt, zu den Waffen, 9000 Mann stark, griffen sie mutig Grahamstadt an, mußten aber, nachdem 1400 von ihnen niederkartätscht und noch viel mehr lebensgefährlich verwundet waren, die Flucht ergreifen. Wieder rückten jetzt die Kolonialtruppen gegen sie ins Feld> sengten und mordeten, und drohten mit gänzlicher Vernichtung, wenn Mokanna und die ersten Häuptlinge nicht ausgerottet würden. Was that nun dieser edle Häuptling? Damit seine Landsleute nicht länger für ihn büßen sollten — denn ausgeliefert hätten sie ihn nicht — stellte er sich freiwillig im englischen Lager. „Man sagt", erklärte er, „ich habe diesen Krieg entzündet; so laßt sehen, ob meine Selbstauslieferuug meinem Lande den Frieden zurückgeben wird." Der wackere Patriot wurde als Verbrecher nach der Robbeninsel gesandt, um dort in Ketten in den Schieferbrüchen zu arbeiten; als er nach einiger Zeit zu entfliehen versuchte, ertrank er im Meere. Der übrigen Häuptlinge konnte man nicht habhaft werde:: und rächte sich durch den Raub von weiteren 30 000 Stück Vieh, auf diese Weise Tausende von Weibern und Kindern dem Hungertode preisgebend. Dies nur ein Pröbchen aus der Kolonisations- geschichte des Kaplandes, wo eine Bevölkerung von einer Million Hottentotten auf etwa 50 000 Köpfe zusammen- schmolz. Das Verfahren in Australien glich den: Erzählten aufs Haar. Vor allem während der ersten Jahre betrachteten die Deportierten, ja auch die freien Kolonisten, die Schwarzen als wilde Tiere. Man machte förmlich Jagd auf sie und schoß sie tot. Die Journale von Sidney machten sogar den r ationellen Vorschlag, die Eingeborenen in Masse zu vergiften. Man schnitt ihnen Nasen und Ohren oder auch die Finger ab, ganze Dörfer verschwanden von der Erde. So ging die Zahl in kurzen: derart zurück, daß man die Ureinwohner 1877 nur noch auf etwa 56 000 Köpfe schätzte. Die Eingeborenen Tasmaniens, welche im Jahre 1815 noch 5000 Köpfe zählten, sanken innerhalb der kurzen Zeit von 45 Jahren auf 16 Köpfe. 1876 erlosch der ganze Stamm der Tasmanier mit einer Frau — und 1803 war die Insel erst von England besetzt worden! Jeder Beschreibung spotten die Greuelthaten der Engländer in Indien; besonders unter der Herrschaft der ost- indischen Kompagnie behandelte man die unglücklichen Eingeborenen mit beispielloser Willkür und Brutalität. Die Steuern preßte man durch grausame Foltern heraus; so war es üblich, den unglücklichen Frauen derjenigen Männer, welche ihre Steuern nicht bezahlten, mittelst einer Art Presse die Brüste zusammenzupressen. Diese gräßliche Marter hatte zur Folge, daß der Brustkrebs in Indien geradezu epidemisch auftrat. Am bestialischsten benahm sich die englische Soldateska 'während des großen Aufstands! im Jahre 1857. Die eingeborenen Regimenter empörten sich und bald griff die Revolution derart um sich, daß die englische Herrschaft in ernstlicher Gefahr wär. Die fanatischen Inder gaben ihren lange genährten Groll gegen ihre habgierigen Unterdrücker in furchtbaren Blutthaten Ausdruck, die von den christlichen und hochkultivierten Eng-, ländern uodj. Bewältigung des Aufstandes verübten Re- — 800 — pressalien übertreffen aber an Raffinement und Teuflisch- reit womöglich noch die Handlungen der Eingeborenen. Hier eine kleine Mütenlese. „Oberst Nicholson ließ von 120 gefangenen Indern 40 vor die Mündungen von Kanonen binden und sodann Feuer geben, sodaß die unförmlich zerfetzten Stücke der Toten weit umherflogen und die ganze Umgebung der widerliche Geruch verbrannten Fleisches eu- füllte. Am 30. Juli 1857 wurden 1237 Gefangene erschossen, wahrend 50 in ihren Gefängnissen erstickten oder verhungerten. Am 28. August metzelte man ohne Gnade 650 von 870 flüchtenden Sipahis nieder. Nach der Einnahme von Delhi, am 23. September, erschoß General Hudson eigenhändig mittelst eines Revolvers drei Prinzen der königlichen Familie, die sich ergeben hatten, darunter den präsumtiven Thronerben, außerdem wurden 300 Gefangene, darunter 29 Angehörige der königlichen Familie, erhängt oder erschossen. Am 16. September bedeckten — wie Berne in einer Darstellung des Aufstandes mitteilt — in Laknau die Leichen von 2000 erschossenen Sipahis einen Raum von 150 Meter im Quadrat. „Nach dem Massakre in Kampur zwang Oberst Neil die Berurteilten, bevor er sie dem Galgen überlieferte, je nach ihrer Kaste, jeden Blutfleck, der sich noch in dem Hause vorfand, zu reinigen und mit der Zunge abzulecken" — für die Inder eine "schimpfliche Entehrung. Unaufhörlich folgten sich die Hinrichtungen, ganze Mauern von Menschenfleisch sanken zur Erde, cutt 9. Mürz 1858 wurde ein Gefangener von den Shiks unter den Augen der englischen Offiziere lebendig geröstet. Die englischen Soldaten schonten selbst die Verwundeten nicht, und man schätzte zu Anfang des Jahres 1859 die Zahl der hingeschlachteten Inder auf mehr als 300 000! Am meisten hat sich England aber wohl an dem unglücklichen Irland versündigt. Die englischen Barone besitzen den Grund und Boden, während die rechtmäßigen Eigentümer des Landes als ihre Pächter ein kummervolles Leben fristen, ganz abgesehen von den übrigen Bedrückungen und Grausamkeiten, mit denen man Seiten füllen könnte. Infolgedessen ist die Zahl der Einwohner denn auch innerhalb 50 Jahren von 8 200 000 auf 4 700 000, also um co. 31/2 Millionen gesunken. Eine versunkene Stadt. In Northwich in der Grafschaft Cheshire, Unweit Liverpool, geht es jetzt ähnlich zu, wie seinerzeit in Eis- leben. Die Stadt steht auf einem Boden, unter dem sich große Steinsalzlager befinden, die in der Art ausgebeutet werden, daß die Soole'durch gewaltige Pumpen aufgezogen wird. Darin liegt gewöhnlich, wenigstens zunächst, keine Gefahr, da das Wasser in der Nähe der Salzschichten mit Salz gesättigt ist und daher auf das Steinsalz nicht weiter einwirkt. Wenn nun aber die Soole fortgesetzt in ungeheuren Mengen fortgeschafft wird, so wird sie durch frisches ersetzt, das nun wieder an dem Salz zu nagen beginnt und die Pfeiler angreift, auf die sich das Gewölbe der darüber liegenden Schichten stützt. So kommt es, daß sich der Boden über der Stelle, wo die Soole ausgepumpt wird, zu senken beginnt. So werden in der Regel die Minen in den oberen Schichten eines Salzlagers durch nachfließendes Wasser zerstört, indem die Salzpfeiler fortgenagt werden. Die Stadt Northwich leidet aber besonders daran, daß der Boden der Stadt nachsinkt, schon wenn di auf dem obersten Salzlager gebildete Soole fortgepumpt wird. Die Stadt bildet an einigen Stellen einen höchst merkwürdigen Anblick, wie sich einer in der Londoner „Nature" veröffentlichten Abbildung entnehmen läßt. Die Schaden begannen damit, daß sich kleine Risse in den Häusern bildeten, und die Thüren und Fenster nicht mehr schlossen. Schließlich gießt der Boden unter dem Hause nach und dieses versinkt teilweise, sodaß es zuweilen in eine ganz merkwürdige Stellung gerät. Die Baumeister der Stadt haben keinen anderen Ausweg gewußt, als die bedrohten Häuser auf ein Balkenwerk zu setzen, auf dem das Gebäude durch Schrauben wieder in seine frühere Lage zurückgebracht wenden, kann, wenn es zu versinken droht. Allmählich wird auf diese Weise vielleicht die ganze Stadt ein moderner Pfahlbau sein, und in dieser Hinsicht vielleicht einzig in seiner Art. Auf den Kölner Blumenfestspielen ist ein Scherzgedicht von R. Schmidt-Cabanis „Biel- liebchen", das in der im Herbst erscheinenden 4. Auflage der Gedichtsammlung: „Lachende Lieder" von R. Schmidt-Cabanis (Verlag Boll u. Pickardt, Berlin) erscheinen wird, preisgekrönt worden. Wir geben nachstehend das Gedichtchen wieder: Listig mit Amor im Bunde handeln Die Mandelbäume. Wenn sie oft paarweis' betten die Mandeln In engste Räume, Da sich dann dicht aneinanderschmiegen Die süßen Kerne, Und sich in lieblichen Träumen wiegen. Ach, wie so gerne! Plötzlich beim schäumenden Sektpokale Das Flügelbübchen Sprengt ohne Gnade die Doppelschale . . . „Schau, ein Vielliebchen! Jst's nicht, als ob sich die Kerne küssen Eng im Umfassen —?! Werden nun doch von einander müssen Und sich verlassen!" Feurigen Blickes fragt „Er" voll Verlangen: „Gilt es Vielliebchen?!" Schweigend nur nickt „Sie"; doch zeigen die Wangen Neckische Grübchen. Flugs, arme Kerne, lernt durch die Lippen Scheiden und meiden; Und — euch zum Abschied — am Kelche nippen Lächelnd die beiden! — Ach, aber die unter Lust und Scherzen Heute euch trennen: Morgen schon spüren sie tief im Herzen Schmerzliches Brennen! Was aber wirkt — wer möcht' es wohl wähnen? So jähen Wandel —? Unwiderstehlich zieht stilles Sehnen Mandel zu Mandel! Ob sie die weitesten Pfade durchmessen Zu fernsten Ländern; Können einander doch nie vergessen — 's ist nicht zu ändern! Ruh' findet keines, wo sie auch weilen. Wo sie auch wandern: Rastlos treibt es sie, vorwärts zu eilen Eines zum andern! Können, ach, nimmer, die armen Mrrchen, Nimmer gesunden. Eh' die zwei Hälften vom Mandelpärchen Sich nicht gefunden! Amor aber, der tückische Knabe, Schabt ihnen Rübchen. . . Hütet euch vor seiner schlimmsten Gabe — Vor den „Vielliebchen"! Heiteres aus der Schule. Leseübung. Jörgle liest stotternd: „Meister, hier ist gu-gu-gut sein. Wi-wi-willst Nu, so wo-wo-woll-wollen wi-wir drei Hü-Hü-Hütten ma-ma-machen." — Lehrer: „Jörgle, paß auf, sonst giebt's Ohrfeigen!" — Jörgle liest weiter: „Dir eine, Mosi eine und Elia eine." B i b e l a u s l e gu n g. Lehrer: „Friedrich, Gott sprach zu Adam: „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Tu Dein Brot essen." Was ist damit gemeint?" — Schüler: „Man soll so lange essen, bis man schwitzt." Buchstabenrebus (Nachdruck Verboten.) (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Charade in vor. Nr.: Schattenriß. Redaktion: I. V.: R. Tittmann. — RotationLdruck und Verlag der Brnhl'schen UnirersttätL-Vucb- und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. di v! al st so se m B kc w bi u al bi V ei ni bi ir g E C b C