Montag den 22. Dezember. 1902. — Nr. 190. 3 W Ms K SM (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß. (Fortsetzung.) Draußen blieb Glinka einige Augenblicke sinnend stehen. Es war, als ob er nach einem festen Entschluß rang, von dem viel für ihn abhange. Dann schien er mit sich einig zu sein. „Rach Hause!" rief er dem Kutscher zu, während er in den Wagen sprang. Langsam ging die Fahrt durch! die Lubjanka, aber Glinka vermied eS, zu den Fenstern der Popow'scheu Wohnung hinaufzusehen. „Schischkin urteilt richtig", gestand er sich, „die Leidenschaft wächst mir über den Kops. Die ganze Gesellschaft besitzt, wenn ich es recht bedenke, verzweifelte Aehnlich- keit mit den Bohemiens. Eine Frau, die bald mit diesem, bald mit jenem kokettiert, hat kein Herz, und verfolgt in der Regel Ziele, die mit der Liebe nichts zu thnn haben. Daß ich gegen Kalussoff ausgespielt werde niib dieser gegen mich, ist so klar wie die Sonne. Am Besten ist es, mich zurückzuziehen. Dem Konzert werde ich unter irgend einem glaubhaften Vorwande fernbleiben, und den Vertrieb der Billets Kalussoff allein überlassen." Milica Popow wartete auf Glinka vergebens. Zwar hatte er bestimmt versichert, mit ihr noch Rücksprache wegen des Konzerts zn nehmen, aber statt seiner traf ein kleines Billct mit einigen Worten der Entschuldigung ein. Ihre Miene erheiterte sich, erst, als am Abend Dimitrh Kalussoff zu einer Art Generalprobe erschien. Sie mußte ihm sämtliche Musikpiecen Vorspielen, die sie in ihr Konzertprogrymm aufgenommen hatte. „Ausgezeichnet!" rief wiederholt ihr Impresario, wie sie ihn jetzt scherzhaft nannte. ,,©ie entwickeln eine Fingerfertigkeit, besitzen einen Anschlag, und äußern ein Empfinden, daß Ihnen der höchste Beifall nicht fehlen kann. Das würde Rubinstein nickt besser spielen!" Sie strahlte vor Vergnügen über dieses Lob, obwohl sie sich nicht verhehlte, daß ihr Impresario ein großer Schmeichler sei. Weniger einverstanden ioar sie mit einigen kleinen Freiheiten, die sich Kalussoff erlaubte. Schon wiederholt hatte er beim Umwenden der Notenblätter sich so tief herabgebeugt, daß seine Wange in bedenkliche Nähe der ihrigen geriet, und einmal, als sich Ilja Popow gerade wegwandte, hatte er sogar den abscheulichen Versuch gewagt, ihr Haar zu küssen. „Der genialen Künstlerin", hatte er dabei entschuldigend geflüstert, wahrend er zu lächelnd versuchte, aber die Leidenschaft, die in seinem Sintern tobte, nicht zu verbergen vermochte. „Bitte, verehrter Dimitrh Akimowitsch,", hatte sie ihn leise verwiesen, „wollen Sie in Zukunft solche allzu weitgehenden Aeußerungen Ihrer Kunstbegeisterung liebev unterlassen." Dimitrh Kalussoff entfernte sich-, und sie war mit dem Bruder wieder aflein. Es herrschte eine gedrückte Stimmung. Man vermied so weit als möglich, eine Unterhaltung zu führen, weil jeder eine zornige Entladung fürchtete. „In der Wohnung ist heute große Unordnung", warf er ärgerliche hin, „so daß kein rechtes Behagen aufkommen kann." „Tu weißt, wir siedeln morgen nach der Tatsche über", entgegnete sie ruhig. „Ja, Tatsche", grollte er, „sie ist so gut gewählt,, daß Glinka von der feinigen zu der unsrigen kaum fünfzig Schritte zu gehen hat." Er war aufgesprungen, und schritt im Salon hin und her. In seinem Wesen drückte sich die höchste Erregung aus. Plötzlich blieb er stehen. „Tu solltest endlich ein Ende machen", rief er mit herrischer Stimme, „ich ertrage das nicht länger!" „Ich weiß nicht, was Sie wünschen", kam es kalt und hart über ihre Lippen. „Sie werden mich doch in meiner Freiheit nicht beschränken ivollen? Haben Sie vielleicht ein Recht dazu?" „Und wenn ich zehnmal kein Recht habe", entgegnete, er mit einer Stimme, die vor Leideilschaft zitterte, „so befehle ich Ihnen doch Namens der Menschlichkeit, Ihr grausames Spiel einzustellen. Tie Folter ist längst ab- geschafft, aber Sie foltern unaufhörlich weiter und sprechen allem menschlichen Gefühl Hohn, indem Sie mir Tag. für Tag glühende Qualen bereiten. Ja, ich liebe Sie mit allen Fasern meines Seins, mit der ganzen Kraft eines Mannes, mit allen meinen Gedanken, aber Sie haben nichts als Spott und Abweisung für mich, der ich Ihnen Jahre lang diene und Ihre Launen ertrage. Unterlassen Sie wenigstens dieses Aufstacheln meiner Eifersucht, die höllisches Feuer wird, wenn ich sehe, wie Sie mit anderen kokettieren und sympathisieren. Können Sie denn gar nicht begreifen, daß es mir entsetzlich wehe thun muß, wenn Sie so unbedeutenden Leuten wie Glinka und Kalussoff mir gegenüber, der ich ein Erfinder von Ruf bin, und meinen Ruhm unablässig mehre, den Vorzug geben?" Erschöpft hatte er sich in einen Sessel geworfen, mit sprühenden Augen nach ihr hinblickend, während aus seinem Gesicht jeder Blutstropfen gewichen war. Sie hielt noch immer das Buch in Händen, als ob! sie von dem Inhalt gefesselt sei. Erst nachdem er sich ausgetobt hatte, hielt sie es an der Zeit, ihm energisch rntgegenzutreten. „Sie sind ein Thor", sprach sie leise auf ihn ein, „der nicht wert ist, daß, er unserer Partei angehört. Also das ist Ihr wahres Wesen, daß Sie Ihre versön- 758 — „Es ist Seit, Toilette zu machen", sagte sie in völlia verändertem, sanftem Ton. „Mr dürfen heute nicht fehlen. Ter Wagen wird schon warten. Bitte, geh' und zaudere nicht länger." Er gehorchte mit stummer Resignation, als ob er dem Willen dieser Frau widerstandslos unterworfen sei. Wenige Minuten später bestiegen beide das vor der Thür harrende Koupee, um, wie der Portter seinem neugierigen Gehilfen erzählte, zu einer großen Soiree zu fahren, von der sie erst nach Mitternacht zurückkehren würden. „Blaue Seide und weiße Spitzen", pries des Twornik Frau in tiefer Verwunderung. Und grollend fügte sie hinzu: „Ja, sie leben, und wir müssen arbeiten." Sie sah mit ihrem Manne dem Wagen nach, der bald im Tnnkel des Abends verschwunden war. Während sie noch standen! und gafften, löste fick) von der Front des gegenüberliegenden Hauses eine Männergestalt los. Sie schlenderte behaglich über den Straßendamm, trat an den Twornik, heran und bat höflich um Feuer. Der Dwornik beeilte sich, den Wunsch zu erfüllen. Aber die Papyros war schwer in Brand zu setzen, denn der Wind löschte die Zündhölzchen wiederholt aus. Tu sich von einem armen Manne nicht verlangen läßt, ein halbes Dützens Streichs-, Hölzchen umsonst zu spenden, so drückte der Fremde dem Retter in der Rot ein Zwanzig-Kopekenstück in die Hand. Gegenüber solcher Freigebigkeit pflegt ein Twornik seinen Mund nicht verschlossen zu halten, und so gab er auf die harmlosen Fragen des Fremden mit einer gewissen Begeisterung alles zum Besten, was er über die Mieter be®1 Hauses und besonders über die Geschwister Popow wußte. „Die Popows fahren wohl oft zu Soireen?" meinte der Fremde. ,/Jede Wioche mindestens einmal — meist an den Donnerstagen." ,Min schöner Wagen und brillante Pferde", rühmte der Fremde. „Ist das Gespann ihr Eigentum?" „Nein, sie haben es für dyr Wend gemietet." „Und fahren sie inrmer in demselben Wagen zu den Soireen?" „Ja! Und mit demselben Kutscher! Mn feiner Kutscher, sage ich Ihnen, der von der Welt 'was gesehen hat. Eigent-, sich ist er für den Bock viel zu schöbe!" „So", lächelte der Fremde, „wirklich so fein? Hat gewiß noch zartere Hände, wie die Leute, die er fährt, und spricht wahrscheinlich, so gewählt wie ein vornehmer Herr?" „Just so ist es!" beteuerte der Twornik. „Ich habe schon zu meiner Frau gesagt: „Der muß bessere Tage erlebt haben!" ,Mo hat er denn seinen Stall?" Ter Dwornik kratzte sich hinter den Ohren. ,^a, das ist so eine eigentümliche Geschichte. Der Stall liegt ein paar Werst von hier, an der Malaja, und der Kutscher schimpft immer fürchterlich, daß er zu den Popows so weit fahren müsse, aber es ginge nicht anders, denn sein Herr S. mit den Popows bekannt, die früher in der Nähe der alaja gewohnt und schon damals den Wagen benutzt hätten. Nun sie nach der Lubjanka gezogen, wollten sie dem alten' Fnhrgeschäst nicht untteu werden." „Weißt Du, wie das Fuhrgeschäft heißt? Wenn mau Mal ein schönes Gespann mieten will, laßt sich die Adresse gebrauchen!" „Nein — den Namen hat er nie genannt, aber ich werde ihn fragen, vielleicht morgen schon, denn es könnte sein, daß die Herrschaften den Wagen auch zur Fahrt nach der Datsche benutzen. Sie wollen nänttich nach Ljublino, wo sie bis zum September bleiben werden. Wenn Sie hier vorbeikommen und bei mir anfragen wollen, stehe ich gern zur Verfügung !" „Laß nur", sagte der Fremde, „ich komme hier selten vorbei, und schließlich giebt es schöne Gespanne auch bei anderen FuhrHerrentt' Seine Papyros war wieder ausgegangen, und er bat nochmals um Feuer. „Merkwürdig"/ fuhr er lachend fort, „ich habe auch eine kleine Datsche in Ljublino gemietet. Welche Nummer haben die Popows? Vielleicht werden wir noch Nachbarn?" „Ich glaube Nr. 40!" „Da liegt allerdings die meine weit ab", warf der Fremde mit leisem Bedauern hin, als misse er nicht gern die vornehme Nachbarschaft. „Ja, so reiche Leute können sich die feinsten und schönsten Datschen mieten, während unsereins schön ftwh sein muß, wenn er ganz am Ende sich en Neigun gen Und Leidenschaften dem großen Ziel, das wir mit aller Kraft und Zähigkeit verfolgen, voransetzen? Sie haben immer den Mund so voll von Volksbeglückung und von der rastlosen, unablässigen Arbeit, die der Verwirklichung dieses Ideals gewidmet werden muß, Sie spielen sich auf als ein Held von antiker Größe, der zu jedem Opfer bereit ist, wenn es gilt, für die Wahrheit zu kämpfen, Sie ballen die Hände 3U Fäusten, und lassen Ihre Augen fürchterlich rollen, aber in Wirklichkeit sind Sie nur ein Schwächling, ein nach Liebe girrender Phantast, ein erbärmlicher Phrasenmacher ! Als Sie vor Jahren verfolgt wurden, ist Ihnen zu Ihrer persönlichen Sicherheit die Rolle meines verstorbenen Bruders Ilja übertragen worden, und nun lohnen Sie diese Fürsorge mit faden Eifersuchtsszenen und dem Hervorkehren von Interessen, die der Partei und der Idee, die sie vertritt, gleichgiltig sind. Bor den Augen der Welt sind Sie mein Bruder, unter uns aber nichts weiter als mein Gesinnungsgenosse, an den mich nur die Vernunft und das gemeinsame Ziel bindet. Liebe! Liebe kann ich Ihnen nicht geben, denn sie ist in meiner Brust erstorben, nachdem der, den ich geliebt habe seiner Ueberzeugung zum Opfer gefallen ist. Glinka Kalussoff und alle die anderen, Marionetten sind sie, « ldL"uc benutze, um die Fühler unserer Partei nach allen Richtungen und in alle Kreise auszustrecken! Wir haben Verbindungen nötig, um wie auf den Sprossen einer Letter höher zu klimmen, bis unser Ziel errreicht ist. Und Sie? Sie faseln von Liebe und geben siel) wie ein bartloser Jüngling, um von Zeit zu Zeit wie ein Othello rasen. Pfui, schämen Sie sich und lernen Sie Energie von entern Weibe!" totoieg und holte tief Atem. Ihre starre Un- erbittlichkeit hatte sich in flammenden Zorn umgewandelt, chs?. T’Vr Wtlitz nahm sich! aus wie das einer rache- Mhenden Meduse, deren furchtbare, wilde Schönheit Ver- Uichtting schleudert. den Mick ihres Auges nicht aus, sondern senkte sein Haiwt wie ein Schuldiger. Er wollte aber seiner Brust enttang sich nur ein krampf- SSfiJ EWnM, und, während er sein Gesicht mit den Händen bedeckte, knickte er zusammen wie ein alter, kraftloser Mann. ,/Fassen Sie sich!" flüsterte sie, schnell zu ihm tretend Und ihn, an der Schulter rüttelnd. „Fassen Sie sich! Gerade jetzt dürfen Sie keine wetteren Szenen machen, denn Me wissen, daß in der Nacht Sitzung ist. Ermannen Die sich und suchen Sie Ihren Trost in meiner Versicherung, daß ich, sofern Sie vernünftig sein werden, unmer Ihre Schwester bleiben will." Matt ließ er die Hände von seinem Gesicht fallen, aus hem hie Verzweiflung starrte. -Ae haben ein Herz von Stein, aber daß es! weich Me Wachs werde, und in demselben Maße nach. Liebe Mett, wie ich, wünsche ich Ihnen aus tieffter Seele", keuchte er, haßerfüllt zu ihr emporschauend. „Ich wäre ein, anderer, besserer Mensch geworden, wenn mich ein wenig Liebe erwärmt hätte, aber in der Atmosphäre von KT rn welche ich! versetzt wurde, ist alles Gute in mir ttstorben. Wo die Sonne fehlt, kann nichts gedeihen und Mucht bringen — sein Los ist Untergang!" Er woltte noch etwas hinzufügen, aber sie fiel ihm iN die Rede. „Moralisieren Sie nicht toeiter", spottete sie Wt schneidender Kälte, „ich Hube Wichtigeres zu thun, 'M Monologe anzuhören, die stets dieselben sind." Unwillig wandte sie sich. ab. Schnell verließ sie das Zimmer, während ei* noch immer düster vor sich hinstarrte, eine Beute der wildesten Gedanken. Nach einer Weile kehrte sie zurück Ihr Aeußeres war erheblich verändert, denn statt des! einfachen Hauskleides trug sie eine glänzende Gesellschaftstoilette. Tiefblaue Seide umwogte faltenreich ihre junonische Gestalt, und der schöne Kopf mit dem goldigen Haar ' hob sich Ünt allen seinen Fetnhetten aus einem duftigen Spitzenkragen hervor, der in Mediei-Art von den Schultern Nach oben ^richtet war. Wer sie sch, mußte gestehen, daß in ihrer Erscheinung etwas Siegreiches! lag, dem Stand zu halten schon den Gleichmut "eines' Stoikers Ilja Popow schloß die Augen, als ob er den Anblick Nicht zu ertragen vermöge. 759 des Waldes ein bescheidenes Quartier beziehen bannt"' Und mit einem .-Gebe Gott Gesundheit und langes Leben!" schritt er freundlich grüßend von dannen. „Ein netter Mann", murmelte der Twornik, während Kr der sich entfernenden Gestalt eine Weile nachsah und dann auf das Silberstück in seiner Hand blickte. „So ein Zwanzig-Kopekenstück kann Wunder bewirken — es versetzt -in die beste Laune. Und da soll noch jemand sagen: Am Gelbe klebt das Unglück!" Ter Fremde blieb in einiger Entfernung unter einer Straßenlaterne stehen und zog, während er ein Liedchen pfiff, ein Taschenbuch hervor, um in ihm einige Notizen kinzutrageu. Später kehrte er langsam aus der anderen Seite der Lubjanka zurück, wo er plötzlich im Tunke! eines dem Popowschen Hause gegenüber liegenden Thorwegs verschwand. Kon dem Wägen, der zur Soiree fuhr, war in der Lubjanka schon längst nichts mehr zu sehen. Wer in das Innere des schnell dahinrollenden Gefährts einen Blick hätte werfen können, würde Selffames bemerkt haben. Milica Popow streifte behend ihre kostbare seidene Gesellschaftsrobe und ihren Schmuck ab und saß da im schlichten Anzüge einer Bäuerin, und Ilja Popow legte ebenso schnell seinen eleganten Ueberzieher und Frack ab, um sich als simpler Bauer 8U enthüllen. Und jeder von ihnen fertigte aus den abgelegten Kleidungsstücken ein Bündel, das er zusammen- schnürte und in die Hand nahm. Immer weiter eilte der Wagen, in der Richtung nach Petrowsky-Park, und als er an den hübschen Villen vorübergekommen war, die am Wege außerhalb der Stadt liegen, fuhr er an einsamer, menschenleerer Stelle außerordentlich langsam. Tie Insassen sprangen mit ihren Bündeln hinaus. „Vorsicht", flüsterte die Bäuerin dem Kutscher zu, ihm freundlich winkend. Aber der Kutscher blieb stumm, nickte nur mit dem Kopf und trieb die Pferde wieder zu schneller Gangart an. Bauer und Bäuerin traten schnell in das Tunkel der mächtigen Baumgruppen, welche die Vorläufer des Waldes bilden, wo sie bald verschwanden. Hinter ihnen her huschten geräuschlos wie Schatten zwer Gestalten, von Baum zu Baum Deckung suchend und findend, während Mond und Sterne hinter schweren Regenwolken standen, und der Frühlingswind stürmisch zwischen den Stämmen und durch die Aeste fuhr, daß sie unheimlich ächzten mtb stöhnten. — Der Morgen graute, als der Dwornik in der Lubjanka Wagengerafsel hörte, und sich den Schlaf aus den Augen rieb. »Ja, es find die Herrschaften", rief die Frau. „Geh' und mach auf! Auch während der Nacht müssen sie noch K^aeßem und wenn wir zur Arbeit aufstehen, legen sie Tie Glocke tönte, und er stürzte hinaus, um die Hauspforte zu öffnen. _ Milica Popow rauschte in großer Gesellschaststvilette ins Haus, gefolgt von Ilja, der im Ueberzieher und Frack sich tadellos wie ein Gentleman ausnahm. In die halb geöffnete Hand des tief sich beugenden Tworutk glitt ein Silberrubel, der mit einem unter- rhänrgen „Spassibo, Barina" quittiert wurde. Höflich leuchtete er die Treppe hinauf. Dann fiel ihm em, den Kutscher nach der Adresse des Fuhrherrn zu fragen, aber als er zur Pforte zurückgekehrt war, und auf dre Straße hm aussah, war der Wagen eben fort- gesahren. 1 „Schade", dachte er. „Wer weiß, ob er später wieder- kommt. Wenn nicht, werde ich den Kutscher vor dem September nicht mehr sprechen." Er schaute dem Wagen nach, „Merkwürdig", murmelte er, „es sah gerade so aus, als ob sich hinten ein Mensch angehängt hätte." In den Hausflur zurücktretend und den Silberrubel vorsichtig in die Tasche seiner Jacke bergend, begab er sich in seine Wohnung zurück, wo er wütend über die Herrschaften schimpfte, die ihn für lumpige zehn Kopeken um dre Nachtruhe gebracht hätten. .. »Wa^-E zehn Kopeken?" eiferte die Frau. „Für die Muhe? Gott soll ihnen einen Strick drehen, an dem sie hängen bleiben bis znm jüngsten Gericht. Gieb sie her, die zehn Kopeken!" Er reichte der Frau einige Kupfermünzen und kroch fluchend ins Bett zurück, während er innerlich freudig bewegt war und mit Hilfe seiner Phantasie die geretteten neunzig Kopeken in ein stattliches Quantum Wodka verwandelte, das er ganz allein — ja, ganz allein trinken würde. Gegen Mittag mußte der Twornik für die Herrschaften zwei einfache Lichatschi holen; er bedauerte, daß der schöne Wagen mit dem prächtigen Gespann imd bent noblen Kutscher nicht bestellt war, und sand die Popows äußerst knauserig. In dem einen Lichatsch silhren Milica, in dem anderen die beiden Dienstmädchen samt zahlreichen Gepäckstücken hinaus nach Ljublino zur Tatsche. Ilja Popow war noch in der Stadtwohnung zurückgeblieben, um zu ordnen und zu verschließen. Arbeiter kamen, um das Elektrophon einzupacken und nach dem Welsklub zu bringen. „Wohin mit dem Instrument?" fragte die Frau des Twornik. „Tie Barischnja giebt in beit nächsten Tagen im großen Adelssaal ein Konzert!" „Im Adelssaal?" rief sie erstaunt. Und verständnisinnig fügte sie hinzu: „Also darum in letzter Zeit das tolle Gedudel, daß die anderen Mieter im Hause fast rasend geworden sind und mit Kündigung gedroht haben. Aber im Welssaal — das ist 'was Großes!" Eilig lief sie die Hintertreppen hinauf, um ine wichtige Neuigkeit schleunigst in Kurs zu setzen. Während das Elektrophon die Treppe hinuntergeschafft wurde und lllja Popow besorgt die schwierige Arbeit überwachte, war einer der Leute in der Werkstatt des Erfinders zurückgeblieben. Mehr Interesse als am Ordnen und Zusammenpacken einiger abgeschraubter Teile des Instruments schien er an etwas Anderem zu haben, denn nachdem er einige Augenblicke gehorcht und sich vorsichtig nach allen Richtungen umgeschaut hatte, eilte er leise in das anstoßende Arbeitszimmer. Vor dem Bücherregal stehen bleibend, musterte er dessen Inhalt mit gespannter Aufmerksamkeit. Besondere Anziehungskraft mochten wohl die verbotenen Schriften auf ihn ausüben, denn er zog mehrere heraus, um sich ihre Titel zu notieren. Auch das Buch mit dem eingeschriebenen Namen fiel in seine Hand. Bei dem Lesen des Namens flog ein vergnügtes Lächeln über sein Gesicht und sorglich barg er den Band in seiner Tasche. Mehr hatte er wohl nicht gewollt, denn wenige Minuten später hockte er wieder im Nebenraum, wo er bemüht war, die übernommene Arbeit schnell zu erledigen. Was er getrieben, keiner von denen, die wieder hinaufkamen, ahnte es. Nach Verschluß der Wohnung geleitete Ilja Popow den Transport znm Adelsklub, wo er im großen Saale das Instrument montierte, um alsdann Milica nach der Tatsche zu folgen. — Spät am Nachmittage fuhr vor dem Hause in der Lubjanka ein aller, würdiger Herr vor und erkundigte sich beim Twornik nach Herrn Popow. „Popows — die sind heute nach der Tatsche in Ljublino übergesiedelt!" „Wohl ein weller Weg?" forschte der Herr, während er auf die Uhr sah. „Heute werden Euer Hochwohlgeboren schwerlich vor Tnnkelheit noch hinkommen, denn die Chaussee ist bei dem feuchten Wetter nicht sonderlich günstig!" „Schade!" rief der alte Herr und fuhr dankend davon. „Ter hatte mit Herrn Popow eine merkwürdige Aehn- lichkeit", meinte der Twornik zu seiner Frau. „Fast dasselbe Gesicht, nur älter und vergrämter." „Wird wohl ein Verwandter oder gar der Vater sein, der auch- zum Konzert kommen will", warf die Frau gleichmütig hin. Bewundernd fügte sie hinzu: „Nein, so wach wer hätte dsas gedacht — sie spielt im Adelsklub! Mr so berühmt habe ich sie nie gehalten. Kommt sie zurück, werde ich die Höflichkeit selbst sein, denn wer weiß- sie thut vielleicht noch etwas für unsere Olga." ---- — (Fortsetzung folgt.) 760 Vermischtes. Parlamentarische Duelle. Das Duell zwischen dem sozialistische Deputierten der französischen Kammer Ge- rault-Richard und dem Marquis Dion ruft manche andere Ehrenhändel zwischen französischen Parlamentariern in Er- innerurrg, denen es zumeist an einer humoristischen Pointe nicht fehlte. Einer der kampflustigsten Deputierten war Georges Clemenceau, der sich auch .als Schriftsteller be- thütigte. Clemenceau gilt als gefährlicher Tuellgegner. Eines Tages sollte ein radikaler Deputierter, Maurel, auf dem , Terrain mit ihm zusammentreffen Maurel hatte sich nie im Leben geschlagen und wußte kaum einen Säbel in der Hand zu halten; trotzdem bekundete er seinem Zeugen gegenüber Äen festen Entschluß, Clemenceau aufzuspießen. Robert Mitchssll, einer der Zeugen, fuhr mit ihm in einem Wagen nach Enghien, wo das Duell stattfinden sollte. Unter- wegs zog Mitchell, da es schon spät war, seine Uhr aus der Tasche. Maurel bemerkte, daß an der Uhrkette einige Medaillen hingen. „Warum tragen Sie denn so wertloses Zeug?" fragte er seinen Sekundanten. — „Diese Medaillen bringen mir Glück", antwortete dieser: — „Glauben Sie wirklich, daß diese kleinen, geprägten Silberstücke jemanden beschützen können?" — „Ich habe sie stets! getragen, so oft ich mich duellierte. Nur ein einziges Mal wurde ich schwer verwundet; damals hatte ich meine Medaillen zu Hause gelassen." — „Ich begreife nicht, wie ein intelligenter und gebildeter Mann in diesem Maße abergläubisch fein kann. Was mich betrifft, so bin ich Freidenker." — „Ich beabsichtige nicht, Sie zu bekehren, auch hätte ich! keine Zeit dazu, denn wir haben unser Ziel erreicht." — „Zeigen Sie mir mal diese merkwürdigen Medaillen!" Mitchell reichte sie ihm und Maurel steckte die Uhr einfach in seine Tasche. Zur all- gemernen.Verwunderung traf er Clemenceau mit der Säbelspitze mitten in die Brust; doch glitt das Eisen an einer Rippe ab. Auf dem Rückwege gab er Mitchell die Uhr samt den Anhängseln zurück. „Wie zerstreut ich war!" bemerkte er hierbei. — „'Aber ich werde es niemals begreifen, wie ein Mensch von Ihrer Art an solche Dummheiten glauben kann." — Bei einem anderen Duell füngierte Clemenceau als Sekundant. Damals traten sich. Gambetta und Fourton mit der Pistole in der Hand entgegen. Clemenceau regelte das Duell. Auf sein Kommando „Feuer!" ertönten gleichzeitig zwei Schüsse. Man sah hierauf, wie Gambetta seine Pistole gegen sein Auge richtete, als wollte er sich eine Kugel durch den Kopf schießen. „Senken Sie die Waffe!" rief Clemenceau, indem er ihn am Arm ergriff. „Ich glaube, daß meine Pistole nicht losgegangen ist", antwortete Gambetta. Eine Untersuchung ergab, daß sein Schuß gefallen war,, vhite den Gegner zu verwunden. „Ich hatte Gambetta empfohlen" —, erzählte dann Clemenceau vertrauliche — „erst auf „Zwei" zu Meßen. Ich habe es hierbei für unnötig erachtet, ihm mitzukeilen, daß ich Herrn Fourton denselben Rat erteilte. . ." Ein Spion. Es war zur Zeit der französischen Revolution — so erzählt Benson Hill — als die Anhänger derselben den Premierminister William Pitt als „einen Feind des Menschengeschlechts" erklärten. Sein Sekretär erzählte ihm eines Tages, daß ein Fremder wiederholt gekommen sei, um ihn zu sprechen, doch habe er ihn fortgeschickt, da er ihm nicht vertrauenerweckend schien. „Haben Sie die Güte", sagte der Minister, „die oberste Schublade links in jenem Schranke zu öffnen und mir den Inhalt zu bringen." Der Inhalt bestand aus einem Paar Pistolen und einem Saffian-Etui, welches eine mit einem Portrait geschmückte Schnupftabaksdose enthielt. „Sieht unser Besucher so aus?" fragte Pitt. „Tas ist derselbe Mann, Sir", antwortete der Sekretär. „Ha! Ich erwartete ihn seit einigen Tagen; er ist ausgesandt, um mich zu ermorden. — Wenn er wieder vorspricht, so lassen Sie ihn zu mir führen." Temgeniäß wurde der Mann, als er wieder vorsprach, in das Zimmer geführt, in welchem Pitt allein saß, eine geladene Pistole in der einen Hand, eine Schnupftabaksdose in der anderen. „Monsieur Mehöe de la Touche" sagte er ganz ruhig, „Sie sehen, ich bin in jeder Hinsicht auf Sie vorbereitet; ein Regierungsbeamter hat mich unterrichtet. Machen Sie! einen Angriff aus mein Leben, und das Ihrige ist augenblicklich verwirkt. Im besten Falle lasse ich Sie festnehme» und dem Richter überliefern." Der unheimliche Besucher war stumm vor lieber-! raschung. „Aber", sagte PitF „Sie haben noch eine anders Wahl, Sie können persönliche Macht und hohe Belohnungen erwerben. Verkaufen Sie Ihre geheimen Dienste an Großbritannien, und Sie sind vor baldigem Tode gerettet und werden freigebig bezahlt werden." — Ter Elende ging sofort auf das Anerbieten ein und verdiente sich viele Jahre hindurch das Verrätergeld eines Spions in englischen Diensten. Er wußte mit der Sache Bescheid. Er kam aufgeregt in das Annoncenhureau. „Ich wünsche", sagte er, „wegen eines verlorenen Hundes M annoncieren. Ich wünsche fetten Truck, je fetter, desto besser. Ich! setze 20 Mark Belohnung für die Rückgabe des Tieres aus." „Wann wurde der Hund verloren?" fragte man ihn. „Gestern. Er lief mit meinem Jungen fort und kehrte! nicht zurück." „Könnte Ihnen Ihr Söhnchen nicht sagen, wo ihm der Hund abhanden kam?" „Nein, er ging mit dem Hunde verloren, Und ich habe ihn noch! nicht gefunden." „Was?" rief der Zeitungsmann aus. „Und Sie wollen nur den Verlust des Hundes anzeigen?" ^Allerdings will ich das. Ten Jungen kriege ich! schon umsonst wieder. Aber den Hund giebt man nur auf Be- lvhnung zurück. Ich kenne das — die Geschichte ist mir schon einmal passiert." Das Schlimmste. Ein eifriger, sehr tüchtiger Geistlicher, dessen Beredtsamkeit rühmlichst bekannt war, vermißte in der Kirche seit einiger Zeit einen seiner fleißigsten „Wo bleibt denn unser lieber Freund, der Gutsbesitzer B.?" fragte er besorgten Tones den Küster. „Ich habe ihn schon feit drei Wochen nicht mehr gesehen. Ich! hoffte er ist kein Socinianer geworden." „Nein, Ehrwürden", sagte der Küster, „es ist etwas viel Schlimmeres." „Schlimmer als Socinianismus! Ter Himmel gebe, daß es nicht Polytheismus ist!" „Nein, es ist etwas Schlimmeres!" ,!,Jch hoffe, daß es nicht Atheismus!" „Nein, es ist sogar noch schlimmer als das!" „Schlimmer als Atheismus? Unmöglich! —i Nichts kann schlimmer sein als Atheismus!" . „Doch, Ehrwürden, es ist Rheumatismus!" LLttssalr'rsches. Ueberall, illustrierte Wochenschrift für Armee Und Marine, 5. Jahrg., Heft 12. Verlag von Boll und Pickardch Berlin. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Tauschrätsels in Nr. 179: Dame, Siebe, Kitz, Mehl, Reim, Leber, Helm, Bader — Dezember. Redaktion: Curt Plato. — NotationZdruS und Verlag der Brübl'schen Universttüts-Buch- und Eteindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.