Ulk M 1902. — Nr. 174. bra 22' “ M _z cA) Sh (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) AuS bloßer Neugier, aus Originalität, um das lange Stillschweigen zu unterbrechen, das über dem Raume lagerte, wollte sie sie zum Reden zwingen: „Wann endlich wirst Tu aufhören, mich zu betrachten?" fragte sie. „Was sinnst Tu gegen mich? Du verzehrst mich förmlich mit den Augen." „Weil ich Sie ebenso schön von Antlitz wie von Körper linde", antwortete Julie in ungezwungenem Tone. „Und oas will nicht wenig sagen; denn Sie sind wundervoll gebaut! Welche Büste! — Welche Plastik in diesem ganzen Körper!" „Tu sagst mir Schmeicheleien und hoffst dadurch, daß ich Dich früher ziehen lasse." „Ich schmeichle Ihnen nicht. Ich sage nur, was ist und was ich allen wiederholen würde, wenn Sie mich, statt Ihr Versprechen zu halten, verhaften ließen." „Ich denke nicht daran. Aber was wolltest Tu denn sagen?" fuhr sie fort. „Daß ich schön bin? Das errät die ganze Welt." „Würde es Ihnen recht sein, wenn die ganze Welt jedes Detail Ihrer Schönheit erfahren würde?" Julie fühlte sich noch immer nicht frei von aller Angst und drohte immer noch. Tie Gräfin hörte an der Eingangsthür pochen und öffnete schleunigst. Ihr vertrauter Kammerdiener trat ein. „Josef", redete sie ihn sofort an, indem sie auf Julie wies, „ich habe dies Mädchen in meinem Atelier versteckt gefunden. Sie ist, glaube ich, nur der Neugierde schuldig. Es genügt mir, sie zu entlassen. — Ueberzeuge Dich aber, vb sie hier oder sonst im Palais nichts gestohlen hat. — Du wirst ihr Zimmer untersuchen und sie dann entlassen, wenn Tu ihr den Lohn ausgezahlt hast." Nach diesen Befehlen verließ sie das Atelier und ließ Julie Farkas etwas beruhigter zurück. Somit war Georg Rakenius die nötige Zeit gelassen worden, Müller aufzusuchen und ihn von der Sachlage zu unterrichten. 74. Kapitel. Georg, wie er es gehofft hatte, traf Müller auf dem Polizeibureau des Nollendorfplatzes, wo er gewissermaßen sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte und von wo aus er die Nachforschungen durch zwei Schutzleute, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, leitete. „Ich wußt' es doch, daß sie hier irgendwo stecken mußte", rief Müller. „Aber das hatte ich mir doch nicht gedacht, daß sie gerade im Palais Toroukoff, dem früheren Palais Tschi- -gorin, Zuflucht suchen würde. Welcher Zufall! Ta steckt entschieden etwas dahinter. Ich werde darüber noch nachdenken. Aber zuerst zu dem Wichtigsten. — Welche gute. Idee das von Ihnen gewesen, ihr die Möglichkeit zu lassen, zu entwischen! Sie wird sofort Querzewski aufsuchen, und dann haben wir gleich zwei Fliegen mit einem Schlage. Ich hoffe es wenigstens. Tenn bei diesen Schurken darf man niemals auf etwas Bestimmtes rechnen." Sofort begab er sich allein, ohne Begleitung, nach dem Palais Toroukoff und stellte sich unter das Portal eines gegenüberliegenden Herrschaftshauses. Für alle Fälle hatte er draußen einen Wagen warten lassen. Nach Verlauf einer halben Stunde trat Julie aus! einer der Gesindethüren. Um mehr Aktionsfreiheit zu haben, hatte sie ihren Koffer mit dem Bemerken, sie würde ihn s lh später holen, zurückgelassen. Sie ging quer über die Straße und warf lange Blicke nach allen Richtungen. Wen» ihr auch nichts verdächtig erschien, so hielt sie es doch für geratener, zuerst eine Fahrt durch Berlin zurückzulegen, ehe sie ihren Schlupfwinkel aufsuchte, und hielt deshalb eine eben leer vorüberfahrcnde Droschke an. Müller ließ erst einige Sekunden verstreichen und sprang dann selbst in seinen Wagen, dem er den Auftrag gab, dem ersten in einer gewissen Entfernung zu folgen. Er konnce es nicht anders einrichten, auf die Gefahr hin, Julie entwischen zu lassen. Tiefe aber bemerkte bald, daß eine andere Droschke denselben Weg verfolgte wie sie. Sollte das bloßer Zufall sein? Um sich darüber zu vergewissern, gab sie ihrem Kutscher rasch eine neue Adresse an, die diesen zwang, seinen eben zurückgelegten Weg wieder zuruckzufahren. Ter Kutscher wendete sich auf der Stelle, der zweite machte es ihm nach. Julie wußte genug. Nun versuchte sie es bei ihrem Kutscher mit Bestechung. Auf dem Vordersitz knieend, das Wagenfenster herunterlassend, bat sie ihn, umzukehren, und sagte: „Ich bin von meinem eifersüchtigen Gatien verfolgt, den ich fürchte. Fahren Sie mich, so schnell Sie können, ich beschwöre Sie. Ta haben Sie indes fünf Mark, zwanzig erhalten Sie, wenn ich ihm entkomme." Verlockt von dem versprochenen Gewinn, hieb er tüchtig auf sein Pferd ein. Aber Müller hatte auch sein Bestechungsmittel: er gab sich ihm als Kriminalbeamter zu erkennen, erklärte ihm, daß er einen wichtigen Fang verfolge, und versprach dem Kutscher seine Protektion, wenn er durch ihn gute Jagd machte. Und nun begann eine wilde Wettfahrt durch ganz Berlin — eilt Wagenrennen, dem im Hippodrom laut zugejubelt worden wäre. Während mehr als einer Stunde verfolgten sich also die beiden Droschken, immer dieselbe Distanz beibehaltend, indem sie die langen Straßen durchrasten, sich' in alle möglichen Winkelgassen warfen, oft kurz auf demselben Fleck umkehrten und sich dieselben Hindernisse setzten. 694 Tie Ditscher ergriffen Partei für ihre Fahrgäste und warfen tich wütende Blicke zu. Müller aber überlegte dazwischen: „Auf diese Weise könnte ich sie noch zehn Jahre verfolgen, ohne dabei vorwärts zu kommen. Tie fährt sicher nicht sobald in ihr Versteck. Einerseits setze ich darauf keine Hoffnung mehr, andererseits lause ich, Gefahr, sie zu verlieren, sobald die Nacht anbricht. Tas Klügste ist, sie jetzt anzuhalten. Tas Weitere werden wir ja dann sehen." „Ich habe es jetzt satt und Sie wohl auch", rief er seinen» Kutscher zu. „Wir müssen den Wagen einholen. Werden Sie das können?" „Ich denke wohl. Sein Gaul ist ja schon halb tot und meiner ist ncich so frisch, als ob er gerade aus dem Stall gekommen wäre." „Na, denn man zu! Wem: Sie ihn kapern, wird das Präsidium schon Geld springen lassen." „Schön, Herr Inspektor, rechnen Sie auf mich. Ich will auch auf Sie zählen, wenn's mir einmal schlecht geht." Er holte den andern Wagen nicht nur ein, sondern fuhr ihm sogar ein Stück vor. Tann drängte er, hocherfreut über die Protektion eines Kriminalinspektors und besonders glücklich, seinem Kollegen, der ihm eine unangenehme Konkurrenz war, einen Streich spielen zu können, den Wagen derart gegen das Trottoir, daß es dem letzteren unmöglich wurde, weiterzufahren. Während die beiden Kutscher, die endlich nebeneinander standen, gegenseitig auf sich losschimpften und sich mit den Peitschen bedrohten, sprang Müller rasch heraus, riß den Wagenschlag der anderen Troschke auf, packte die Farkas beim Arm und zwang sie, auszusteigen. Sie leistete keinen Widerstand. Sie hatte ihn erkannt: es war Müller — der einzige Mensch, den sie fürchtete — vor dem sie erzitterte. Er benutzte ihre Aufregung, sie von der einen in die andere Troschke zu schassen, ohne einen Lärm zu provozieren, ohne die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen, und schrie dann, als er einmal neben ihr saß, zum Wagenschlag heraus: „Alexanderplatz — Polizeipräsidium!" „Tas habe ich mir gleich gedacht, Herr Inspektor", bemerkte der Kutscher lachend. Juliens Kutscher aber lachte nicht. Sein Pferd zitterte noch an allen vier Beinen, und seine Insassin fuhr ab, ohne ihm die versprochenen zwanzig Mark gegeben zu haben. 75. Kapitel. Im Wagen, der jetzt etwas regelmäßiger dahinrollte, bewahrte Julie ein finsteres Schweigen. Ihre Ahnungen und Befürchtungen waren eingetrosfen — sie war verloren! Manchmal durchzuckte ihren Geist ein minder trauriger Gedanke, der Gedanke, daß Paul Querzewski — ihr Paul ■— noch frei war. Sie hoffte es wenigstens.. Er war noch frei, um sich zu retten, um in der Fremde leben zu können. Doch fern war er ihr, getrennt von ihr für die Ewigkeit! Sie sind getreirnt für immer. Sie wußte, was ihrer harrte — Gefangenschaft, — Kerker auf Lebenszeit — das Zuchthaus zur Grabstätte. Es schien so, als hätte Müller ihre Gedanken erraten, als achtete er ihr Unglück. Auch er schwieg, vermied sogar, sie anzusehen, und dies Stillschweigen schreckte Julie nur noch viel mehr. Ta er nicht versuchte, sie zum Reden zu bringen, so schwieg er nur deshalb, weil er nichts mehr zu wissen brauchte, weil er vollkommen unterrichtet war über sie und auch über Querzeivski, dessen Unterschlupf er vielleicht schon entdeckt hatte. Er ist ja so riesig geschickt. Taher war sie die erste, die das Stillschweigen unterbrach, um nicht mehr gezwungen zu sein, nachzudenken, in der Erwartung, vielleicht etwas über ihren Geliebten zu erfahren: „Warum habe»» Sie mich verhaftet? Was , hab' ich denn verbrochen?" fragte sie mit abgerissener Stimme. Ohne seine Stellung zu verändern, antwortete der erfahrene Kriminalbeamte aus seinem Wagenwinkel mit größter Ruhe: „Ich hatte bei Dir mehr Verstand vorausgesetzt, als daß Tu mir eine solche Frage stellen würdest. Tu weißt ganz genau, wessen man Tich beschuldigt. Bei mir kommst Tu an den Unrechten, die Unschuldige zu spielen." „Wenn man mich also eines Verbrechens anklagt, weshalb dann diese ganze lange Hetzjagd hinter meinem Wagen her? Ta wär es doch viel einfacher, mich sofort abzufasseü und Mich sofort zu verhaften." „Ich weiß, wo Tu hinaus willst. Na, ich will einmal >en guten Kerl spielen. Ich will Dir offen antworten, um Tir Deine Angst und Sorge zu nehmen. Ich hatte gehofft, daß Tu den Querzeivski aufsuchen würdest. Doch davor hast Tu Tich wohl gehütet. Deshalb habe ich dann mit dem geendet, womit ich sonst gleich hätte beginnen sollen." „Sie glauben also, Querzeivski wäre in Berlin?" „Noch immer? Tu willst also den Scherz immer noch weitertreiben?--Ja, er ist in Berlin, — ich bin dessen ö gewiß, wie ich die Gewißheit habe, daß er der Mörder >er Frau von Sanden ist und $n diejenige bist, die ihm! dabet geholfen hat." „Haben Sie diese ganze Geschichte erfunden?" „Vielleicht. Jedenfalls ist diese Erfindung nicht schlecht. Und deshalb habe ich mir schon einen Haftbefehl mit dem Visum der Behörden mitgeben lassen." „Ah, Sie haben den Querzewski noch nicht?" „Tas wird nicht mehr gar so lange dauern. Ich habe soeben das Mittel gefunden, ihn zu fangen." „Tas sagen Sie nur, um mir einen Schreck einzujagen/< „Wenn Tu das glauben willst--" Plötzlich blitzte in Julien eine Erinnerung auf. Ihr Blick begann zu funkeln, und Müllers Arm leise berührend, sprach sie zu ihm: „Sie wissen, daß ich mich rächen werde!" „Ach was?" machte er, ohne nur einen Blick auf ji<5 zu werfen. „An we,n denn? An mir vielleicht?" „Nein, Sie thun Ihren Tienst. Air der Gräfin Dovou- koff werde ich mich rächen. Das war Verrat! Sie hatte mir versprochen--" . „Dich ruhig Weggehen, Dich Weeder zu Deinen kleinen Handstreichen zurückgehen zu lassen. Nicht wahr? Und Tu hast es geglaubt? Das war verdammt naiv von Denier Seite." „Sie eben wissen nicht, daß ich diese Frau in meinen Händen halte. Sie hat einen Geliebten, den sie in ihrem Atelier empfängt. Ah, sie versteht sich gut darauf, die berühmte, gefeierte Gräfin! Ich werde von ihrer Liebesglut erzählen, überall und aller Welt." , „Na, überall und alle Welt dürfte doch etwas zu viel behauptet sein, mein Kindchen. Tu denkst wohl, Tu bist noch frei? Tu wirst Deine Geschichten wohl mir den Mauern Deiner kleinen Zelle erzählen können." „Und dem Gerichtshof." „Wenn Tich der Präsident überhaupt reden und nicht durch den Posten abführen läßt." „O, man wird mich trotzdem hören." , „Möglich! Aber glaubst Tu denn wirklich, daß eure so hochstehende Frau, eine so große Dame wie die Gräfin von Deinen Verleumdungen getroffen werden kann? Und noch dazu von einem solchen Geschöpf, Ivie Tu bist! An Deiner Stelle, mein Kind, würde ich, anstatt zu drohen, eine etwas demütigere Haltung annehmen. Anstatt die wilde Frau zu spielen, würde ich ganz einfach meine Mitschuld am Morde vor dem Untersuchungsrichter eingestehen. Ich aber wurde Tir raten, zu sagen, daß Tu unter dem Einflüsse Paul Querzewskis gestanden haft, daß Tu seit Deiner Jugend und Kindheit unter seiner vollkommenen Herrschaft standest. Tas ist ein Freundesrat, den ich Tir da gebe. Glaube mir, Tu hast in diesem Falle kein anderes Mittel, Dich aus der Schmiere zu ziehen. Im anderen Falle kannst Tu Deiner Sache sicher sein: Zuchthaus auf Lebenszeit. Und das ist hart für Dein Sitter. — So, da sind wir jetzt angekommen. Tu kennst ja dies Haus. Wir werden zuerst in die Perma- nenz?-Bureaus eintreten, eine reine Formsache. Tann werde ich Tich ins Depot führen, wo ich Dir eine niedliche, kleine Zelle werde anweisen lassen. Tort kannst Tu dann darüber nachdenken, so viel Tu Lust hast." (Fortsetzung folgt.) Die Ehe des Fürsten Friedrich Wilhelm von Hanau mit Auguste Birnbaum. In der letzten Nummer der Zeitschrift „Bühne und Welt" bespricht Adolf Oppenheim die Ehe der unglücklichen Schauspielerin Auguste Birnbaum mit dem Sohne des letzten Kurfürsten von Hessen. Da diese Mitteilungen auch ein politisches und kulturhistorisches Jntereste haben, wollen wir die Ausführungen Oppenheims hierhersetzenr 695 Fürst Friedrich Wilhelm von Hanau, Sohn des letzten Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Hessen-Kassel, geb. 1842, heiratete gegen den Willen des Kurfürsten in London Auguste Mrnbaum, Schauspielerin am Hoftheater in Kassel, wo auch ihr Vater, der bekannte Komiker und Regisseur Birnbaum engagiert war. Ueber diese Ehe sind so viele irrige Mitteilungen in die Oeffentlichkeit gekommen, daß eine wahrheitsgetreue Darstellung dieser interessanten Affaire willkommen sein dürste. Wir geben diese authentische Darstellung des Sachverhaltes nach den Aufzeichnungen Birnbaums, die seine Gönnerin Amalie Stubenrauch übernommen, ebenso nach den ergänzenden Mitteilungen, die Birnbaum, der sonst gegen Fremde nicht sehr mitteilsam war, der Künstlerin machte. Birnbaum hatte nicht die geringste Ahnung, daß Fürst Friedrich von Hanau, Sohn des Kurfürsten von Kassel, seiner Tochter Gunstbezeugungen erweise, da der Fürst hinter seinem Rücken mit Auguste Birnbaunr bei einer Freundin derselben zusammen kam. Eines Tages wurde Mrnbaum ins Schloß zum Kurfürsten befohlen. Dort empfing ihn der Landesvater mit den Worten: „Mrnbaum, er Canaille Tochter lasse festnehmen — einsperren, mein Sohn Filou. Auch einsperren, verstanden?" Birnbaum, welcher, wie erwähnt, keine Ahnung von der Liebelei seines Kindes mit dem Fürsten von Hanau hatte, antwortete ruhig auf die Frage, ob er die Rede des Kurfürsten verstanden, mit: Nein! Ten Kurfürst, eme aufbrausende Natur, machte zuerst die Antwort stutzig, stürzte er, die Hand zum Schlage ausholend, mit den Worten auf Mrnbaum los: „Hündischer Komödiant!" In diesem Augenblick trat zum Glück der Adjutant mit einer Meldung ein. Als er den Kurfürsten mit erhobener Hand, zum Schlage gegen Mrnbaum ausholend, sah, stürzte er zwischen diesen und Mrnbaum, der, keuchend vor innerer Erregung, mit funkelnden Angen dastand, und wie der Adjutant erzählt, hätte der Schauspieler nach seiner Meinung, wenn er einen Schlag vom Kurfürsten empfangen, sich energisch zur Wehr gesetzt. Es entstand eine peinliche Pause, dann deutete der Kurfürst mit einer energischen Bewegung nach der Thür. Mrnbaum entfernte sich ohne Gruß, aufrecht gehend, und der Kurfürst schleu- ^rte ihm wieder die Worte „Hund und Kanaille" nach. Die Fürstin von Hanau hatte von dem Auftritt gehört und ersuchte den Adjutanten, Mrnbaum nachzueilen und demselben das Wort abzunehmen, niemand von deni Vorfall zn erzählen. Birnbaum weigerte sich, das Wort zu geben, sprach aber außer später mit Fräulein Stubenrauch, mit niemand über den Vorfall, sondern eilte nach Hause und stellte seine Tochter zur Rede. Was er in dieser Unterredung mit seiner Tochter erfuhr, war derart, daß er sofort den Prinzen Friedrich in dessen Palais aufsnchte, und was er von diesem forderte, war nichts mehr und Nichts weniger, als seinem Kinde die Ehre wiederzugeben die er unter dem heiligsten Versprechen der Ehe geraubt. Prinz Friedrich, erst verwirrt, sammelte sich bald und schivor, daß er Auguste liebe, und versprach Mrnbaum, .das Wort, das er seiner Tochter gegeben, unter ollen Umstanden zu halten. Nur gab er ihm zu bedenken, daß sem Vater, nachdem er von dem Verhältnis mit Auguste erfahren, den ersteren erst recht beaufsichtigen werde niid daß an eine Verheiratung unter diesen Umständen nicht Frr „ "km sei. „Dann", erklärte Birnbaum kurz ent- schlossen, „haben Sie zwei Menschenleben auf dem Ge- wrssen, denn wenn vorher die Schande ruchbar wird, in die Sie meine Tochter gestürzt und Sie nicht zu dem Kind Vater sein wollen, töte ich meine Tochter und mich selbst ?.°rL -^hrer Thur, und ich halte mein Wort, darauf können sich Hoheit verlassen!" Ter Prinz berilhigte Birnbaum bat ihn, jedes Aufsehen zu vermeiden. Er werde •T F5«»1 rt,atttetn',unb mit Auguste aus Kassel fliehen, sofort gegen die Verfolgungen seines Vaters sicher stellen. Am selben Nachmittag noch erhielt Birnbaum durch einen Vertrauten die Mitteilung, daß der Prinz entschlossen sei, mit Auguste nach England zil ent- fliehen, uni sich „ dort mit ihr trauen zu lassen. Ter Kurfürst aber ließ seinen Sohn streng beaufsichtigen, iind es gelang diesem nur durch eine List, in derselben Nacht E bossel mit Auguste Birnbaum zu entfliehen. Als am nächsten Tage die Flucht des Prinzen Friedrich dem Kurfürsten bekannt wurde, ließ er das Paar durch Militär irnd Gendarmerie verfolgen, Birnbaum verhaften, ins Schloß bringen und ihn dort festhalten. Mindestens zehnmal während des Tages stellte sich der Kurfürst vor Mrnbaum, den er zu diesem Zweck in seinem Gefängnisse aufsuchte, und schrie ihn an: „Hündischer Komödiant! Ah Kanaille! Soll mir büßen!" Auf das Flehen der Fürstin von Hanau, sowie der Umgebung des Kurfürsten wurde der arme Schauspieler endlich freigelasseu, erhielt jedoch den Befehl, mit seiner Familie innerhalb zwölf Stunden das Land des Kurfürsten zu verlassen. Mobiliar, ja selbst die Kleider und Wäsche Birnbaums ließ der Kurfürst zurückbehalten. Diesen Gewaltakt begründete der Kurfürst damit, daß Mrnbaum dem Fürsten von Hanau Geld und Geldeswert zu seiner Flucht gegeben. Damit die Flüchtigen weiter keine Unterstützung erlangen, behält der Landesvater Birnbaums Eigentum zurück. Es blieb unaufgeklärt, wie der Kurfürst die Mitteilung erhalten, daß Birnbaum, da er wußte, daß der Fürst bei seiner Flucht nicht über viel Geld zu gebieten habe, ihm nicht nur sein erspartes Geld, sondern alles gab, was er im Notfall zu Geld machen konnte. So stand Mrnbaum, als er die Ausweisung erhielt, mittellos da. Einige Kollegeii erbarmten sich seiner, und streckten ihm heimlich so viel vor, um mit seiner Familie nach Wiesbaden reiwn zu können. Er glaubte in Wiesbaden ein Unterkommen zu erhalten, oder wenigstens dort so lange verweilen zu können, bis er ein anderes Engagement gefunden; allein auf Betreiben des Kurfürsten von Hessen wies ihn die nassauische Regierung als „mittel- und engagementslosen Komödianten" aus. — Birnbaum wandte sich mit seiner Familie nach Prag. Auch hier folgte ihm die Rache des Kurfürsten, denn nach sechstägigem Aufenthalt wies ihn auf Betreiben aus Kassel die k. k. Statthalterei in Prag wegen „Mittel- und Erwerbslosigkeit" aus dem Kronlande Böhmen aus. Ein gleiches Geschick widerfuhr dem schwergeprüften Manne in Wien, wohin er sich mit Hilfe der Schauspieler, die für ihn in Prag Geld sammelten, wandte. In seiner Not erinnerte er sich einer früheren Kollegin — Fräulein Amalie Stubenrauch. Er wußte, daß sie beim König von Württemberg viel galt. Ter alten Freundin und Kollegin klagte er brieflich sein Leid und er hoffte durch eine Empfehlung der danials allmächtigen Stubenrauch in Stuttgart eine Unterkunft zu erreichen. Amalie Stubenrauch war eine große Künstlerin und ein miG- chütiges, warmfühlendes Geschöpf. Sie nahm sich BM.- baums an, vermittelte nicht nur das Engagement, sondern gab ihm auch das nötige Geld, um sich in der schwäbischen Residenz häuslich einrichten zu können. Statt sich jedoch einzurichteu, nahm Mrnbaum das Geld und sandte es dem Fürsten Friedrich, welcher inzwischen Auguste Birnbaum in England geehelicht hatte, damit es dem jungen Paare ja» an nichts fehle, — indes der alte Mann mit seiner Familie in der vollsten Bedeutung des Wortes darbte. Ter Kurfürst veranlaßte die englische Regierung, dem jungen Paare Schwierigkeiten betreffs des Aufenthaltes in den Weg zu legen. Es flüchtete nach der Schweiz. Birnbaum machte Schulden und sandte dem Fürsten das Geld zum Lebensunterhalt nach der Schweiz. Inzwischen war der Kurfürst von Kassel nicht unthätig; er wandte sich nach der Schweiz, und verlangte die Ausweisung seines Sohnes. Ter Bundesrat lehnte das Ansinnen ab. Nachdem dieses Manöver fehl schlug, sandte er einen Vertrauten an seinen Sohn und brachte es bei dem charakterschwachen Fürsten von Hanau dahin, daß er seine bürgerliche Frau, welche kurz vorher vorzeitig geboren, unb krank lag, in einem Hotel in Solothurn zurückließ, und heimlich nach Kassel dampfte. Ein Telegramm der Tochter setzte den alten Birnbaum von dem schmählichen Verrat ihres und er sandte seiner Tochter Geld. Diese kehrte krank Mannes in Kenntnis. Wieder half die Stubenrauch aus, und gebrochen ins Vaterhaus nach Stuttgart zurück. Herr von Gall, der damalige Intendant des Königlichen Hof- theaters in Stuttgart, übernahm widerwillig, aber ans Betreiben von höherer Seite die Mission, Auguste, Fürstin von Hanau, sowie Vater Birnbaum zu bewegen, gegen eine Abfindungssumme den Fürsten frei zu geben. — Natürlich lehnten Vater und Tochter indigniert diese Zumutung ab. Tie Briefe, die Auguste an ihren Mann, den Fürsten Friedrich von Hanau, schrieb, blieben bis auf einen unbeantwortet. Nur ein Schreiben erhielt Auguste von ihrem Manne. Es bestand in wenigen, offenbar diktierten Zeilen. Ter Brief lautete: „Ich kam zur Erkenntnis, daß ich 696 Tit-Bits. 5 5 4 4 3 2 8 7 6 8 7 6 3 2 1 Schachaufgabe. Bon Dr. G. Kißling in Bremen. (Nachdruck verboten.) zu Hause, ausgenommen —" „Ausgenommen, wo?" „Ausgenommen zu Hause.' Herr zu einem andern, den er t , „ hast Tu Dich doch endlich verheiratet? Erlaube, daß ich Tir gratuliere, denn, wie ich höre, ist Deine Frau eine ausgezeichnete, hochgebildete Dame." „Allerdings", war die Antwort, „sie ist durchaus ge- , . - bildet. Sie ist vollkommen zu Hause in der Litteratur, fte >ou,. oo. r moyr. ist zu Hause in der Musik, sie ist zu Hause rn der Wissen- 1 6p1tnh, nf schäft, sie ist zu Hause in der Kunst, kurz, sie ist überall Weihnachtsbücher. Wilhelm Raabe, Gesammelte Erzählungen, Band 3. 2. Aust., geh. Mk. 4,—, geb. Mk. 5,—. Derselbe: Kloster Lngau. 2. Aust., geh. Mk. 3,—, geb. Mk. 4,—. Berlin 1902. Verlag von Otto Janke. Zu einer Zeit, wo als Weihnachtsbücher und Weihnachtslitteratur wiederum so manches gepriesen wird, was kaum die Druckerschwärze wert ist und nicht im entferntesten in Beziehung steht zum Feste der Liebe, darf der Schriften eines Mannes nicht vergessen werden, die ausnahmslos den Geist werkthätiger Liebe atmen und die ein getreues Spiegelbild von Welt und Menschen zeigen. Haben obgedachte beiden Bände zwar nicht die Verbreitung gefunden, wie Raabe's unvergleich- licher „Hunger-Pastor", der jetzt in 16. Auflage vorliegt, so suchen sie doch ebenfalls zu zeugen von der Kraft der Liebe, die allein dem Leben Inhalt und Wert zu geben weiß. Ter dritte Band der Gesammelten Erzählungen, vordem unter dem Titel „Krähenfelder Geschichten" erschienen, zeigt in: Höxter und Corvey, wie unter allem Ungemach der Zeit liebenswürdiger Leichtsinn eines relegierten Helmstedter Studenten, Lambertus Tewes mit Namen, sich zu behaupten weiß, obgleich er nichts sein eigen nennt; denn selbst sein einziger Tröster und steter Begleiter, ein Exemplar des Horaz, gehört der Helmstedter Weiß. Weiß zieht an und setzt in zwei Zügen matt. (b + « «Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Gleichung in vor. Nr.: Diamant (a Diana, b na, c man, d Tasche, e Asche). Universitätsbibliothek. — Dieser Helmstedter Studiosus der Rechtsgelahrtheit ist zwei Jahre nach der Krönung des ersten Königs in Preußen als Professor der Beredsamkeit — wozu er allerdings das Zeug hatte — zu Halle gestorben, und sein Horatius soll sich in den vierziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts in der Bibliothek des ersten Professors der Aesthetik, Alexander Gottlieb! Baumgarten, wiedergefunden haben. „Eulenpfingsten" führt über den am Vorabend des Festes ausgebrochenen Zwist zweier Väter und Nachbarn mit Hilfe der „Tante aus Amerika" zur endlichen Verlobung ihrer Kinder und zum Wiederfinden zweier in der Jugend heimlich Verlobten, die durch des Geschickes Mächte getrennt worden waren. Ihnen war seinerzeit das Eulenpfingsten bereitet worden, das jetzt auch dem jungen Paare gedroht hatte, davor es aber die nicht rostende „alte Liebe" zu bewahren wußte. „Frau Salome" liefert den glänzenden Beweis, daß Glaubensgegensätze die Menschen an gemeinsamem Liebeswerke nicht zu hindern vermögen, sofern sie nur von der rechten Lebensauffassung durchdrungen sind. „D i e I n n e r st e" handelt nach des Verfassers Worten von einem Bach und zwei Mühlen und ist wahr. Wer also an Wahrheit Gefallen findet — und wer sollte das nichts — wird auch an dieser Geschichte Freude erleben.. „Vom alten Proteus" sei verraten, daß ihm die liebende Jugend seine Einsiedelei verleidete, und daß er ihr zuliebe noch einmal in die Welt zurückkehrte, um mit ihr abzurechnen. Auch in dieser Geschichte spielt die Liebe eine Rolle, leider eine klägliche; warum? nur unter dem Drucke Ihres Vaters handelte, als ich mit Ihnen ans dem Hause meines allzeit gütigen, erlauchten Vaters floh. Ich ivollte dadurch etneit Eklat vermeiden, mit dem Ihr Vater mich bedrohte. Gewiß erkennen Sie mit mir, daß eine im Wahn und unter dem Druck herbeigeführte Verbindung unmöglich als recht bestehen kann. Ich hoffe, daß Sie ohne Zürnen memer spater gedenken, auch wenn ich ltichk, dem Gesetz unseres Hauses folgend, gestatten werde, daß Sie künftig sich.meine Gattin nennen, nachdem unsere Ehe, die ivir im irrigen Wahn geschlossen, nach den Ansichten meines Vaters und aller Juristen ungiltig ist." - Von diesem Augenblick siech e die Fürstin von Hanau vollends dahin. Der Bod erlöste sie endlich. Auf dem Friedhof zu Cannstatt, an der Ostseite der Umfassungsmauer, liegt sie begraben. Ter Grabstein trügt die Inschrift: Auguste, Gemahlin Seiner Durchlaucht des Fürsten Friedrich Wilhelm von Hanau geborene Birnbaum, geb. am 9. November 1837, gest. am 29. Juni 1862. Das ist der richtige Thatbestand der Ehe der Schauspielerin mit dem Fürsten. Karl Birnbailm, den das lück in seiner Familie gebrochen, starb bekanntlich bald darauf während der Vorstellung „Tie Karlsschüler" im Hoftheater zu Stuttgart, in welchem Stück er die Rolle des Sergeanten Bleistift spielte, am Schlagfluß. In seiner Tasche fand man ein kleines Zettelchen folgenden Inhalts: „Morgen, am Tage nach der ersten Aufführung der „Karlsschüler", wird man meinen hoffentlich rasch uni) tödlich zerrissenen Leichnam auf den Eisenbahnschienen I ©lo ft er Lu g au" spielt in den Jahren 1869/70 zwischen Feuerbach und Kornwestheim finden; ich bitte e'/ner £eutfAen Universitätsstadt, — Grund genug, sie um ein freundliches Angedenken und um em stilles, em- , cür andere Musen- und Unmusenstädte spannend zu faches Grab an der Seite niemes geliebten Kindes. Es 1 ' finbet aber ihren Höhepunkt und vorläufigen bedarf keiner Inschrift." Ter arme, schwer geprüfte Vater Abschluß im Damenstift zu Kloster Lugau, dessen Bücherei wurde an der Seite seines Kindes gebettet. I §achsenspieael bergen soll. Das aber ist nicht der ----------- einzige Schatz der dort zu finden ist, weshalb hiermit Vermifdytes* I ebenso höflich als dringend gebeten sem soll, dem Ver- “ ej; I Leben ähnliche Wege geführt hat, der begegnet auf Schritt und Tritt alten Bekannten; eine Freude, die sich feiner entgehen lassen sollte, der dafür empfänglich ist. Ueberdies kann man von jedem Menschen lernen, wie man's machen |Vl; Dem Fräulein Euphrosyne Kleynkcmer Tante Kennsiealle), die alles klein kriegt, und damit ihrem Herzen und Namen Ehre macht, wird die Lektüre deA Buches sicher aufrichtige Verehrer zusühren. Bdt, W a b c d e t g h Redaktion: Curt Plato. - Rotationsdruck und Berlag der Brübl'scken vuüerMtS-Buck,. und Eteindruckerei Metsch Erben) in Gießen.