Mittwoch den LS. Moder. JQ^ WMß 1902. — Nr. 157. OTi MWI SV! (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) 44. Kapitel. Bevor Sanftleben Tirektor eines Tetektivbureaus geworden war, hatte er auf RechMng anderer gearbeitet. Auch! war er Meister in allen Verstell mrgskünsten. Je nach! Umständen, je nach den vorliegenden Fällen, um sich den Gewohnheiten der Menschen, mit denen er viel verkehren mußte, anzupassen, setzte er sich eine Perücke, ein Hütchen, oder einen weichen oder einen Hut von hoher Fayon auf. Er zog Blouse an, Jacke, Rock oder Mantel. Er konnte sich das Aussehen eines kleinen Bürgerlichen, eines Handwerkers oder Künstlers geben. Aber nach seiner Geschmacksrichtung kleidete er sich am liebsten als eleganter, reicher Mann, als Lebemann der haute volse. Am liebsten hätte er sich den Schein eines Mitgliedes des Jockey-Klubs oder der Union gegeben, doch fürchtete er, daß ihm das am Ende doch keiner glauben würde. Da er sich nun mitten im Winter während der hohen Saison nach Monte-Carlo begab, ließ er sich nicht entgehen, seinem Lieblingssport zu fröhnen, und wer ihn so in patentem, neuem Anzug, geschniegelt und gestriegelt, eine neue Handtasche in der Hand, nach dem Bahnhof eilen sah, hätte ihn niemals für das gehalten, was er in Wirklichkeit war. Er hatte auch das sehr vernünftige Prinzip, sich nichts abgehen zu lassen, besonders wenn er auf Kosten anderer reifte; und das letztere war eben immer der Fall. Die Wagen erster Klasse genügten ihm nicht, er mußte Luxusplätze haben. Die Eisenbahngesellschaft gab ihm für sein Geld, d. h. für das Geld Sempachs, einen vorzüglichen Schlafwaggon, in dem er fast, in einem Zug schlafen konnte. Er frühstückte mit allem Raffinement im Speisewagen des Luxuszuges, versorgte sich! mit Zigarren und kam so allmählich von Station zu Station weiter, von Zigarre zu Zigarre, indes er inzwischen die herrliche Landschaft bewunderte, die sich vor seinen Augen entrollte. So gelangte er glücklich! nach zwei Tagen um fünf Uhr, wie es ihm Georg gesagt hatte, in Monte-Carlo an. Ein anderer als er hätte sich! vielleicht sofort auf die Suche nach Müller gemacht, was doch der Zweck seiner Reise war; doch der Herr Direktor Sanftleben ließ sich zuerst nach! dem Hotel de Paris fahren, dort ein Zimmer geben, wechselte Wäsche und Kleider, besprengte sich mit Parfum, ging quer über den Platze über die breite Kasinotreppe, verlangte eine Eintrittskarte und erhielt sie aus sein elegantes Mußeres hin auch sofort. 'Dann trat er ins Kasmo.. > Er machte sich sofort aus die Suche. Doch wie etz auch! den Salon nach allen Rrchtungen durchsuchte, — er konnte Herrn Müller nirgends entdecken. Ter früheres Kriminalinspektor blieb unsichtbar. „Verfluchter Kerl!" brummte er in seinen Bart. „Sollte ich! die ganze Reise gar umsonst gemacht haben? Sollte mein Mann etwa nach Berlin zurückgekehrt sein,, während ich ihn hier suche?" Er erkundigte sich eben bei emem Angestellten, als ihm ein breiter, viereckiger Rücken auffiel, der einer vor einem Roulettetisch fitzenden Persönlichkeit angehörte. Tim Polizeileute, die es in der Gewohnheit haben, Leuten zu folgen und sie zu verfolgen, haben auch einen au^ gesprochenen Sinn und Gedächtnis, sich den Rücken und die Konturen der rückwärtigen Partien zu merken, fiei nach ihrer Sprache oder von der Seitenansicht zu erkennen- und dies gelingt ihnen oft, als ob sie sie von GesiM sehen würden. „ Sanftleben bildete sich nun ein, den Rücken Mullers! erkannt zu haben. Sofort merkte er sich! den Platz, auf dem dieser Rücken saß, — es war der Weite von rechts neben dem Zylinder, — ging um den Tisch herum und prüfte jetzt von vorne das Gesicht — des Rückens. Es wär auch richtig sein gesuchter Müller mit seinem guten, ehrlichen Gesicht und seinem lebhaften Auge. Er hatte bloß eine lebhaftere Gesichtsfarbe als gewöhnlich. „Was thut er denn da? Man möchte meinen, er spielt wirklich", dachte Sanftleben. Richtig, eben setzte Müller ein Zwanzigfrancstück auf. Schwarz. „Was ist das doch für ein tüchtiger Mensch! Daran erkenne ich ihn wieder. Jedenfalls um irgend einen „Griechen" näher zu überwachen, und in ihm Vertrauen zu erwecken, spielt er auch Welche Geschicklichkeit! Welche Erfindungsgabe! — Wer wenn es eine Gerechtigkeit im Himmel giebt, muß er gewinnen. Ich will aus seinem Glück meinen Vorteil ziehen." Darauf setzte Sanftleben — als großer Herr, der nicht zu rechnen braucht, von dem Geld der anderen, das nicht ihm gehörte, einen Louis neben Müllers Zwanzrge francsstück. Rot kam heraus. , ,, ,, Müller setzte, nachdem er jein Geld verloren hatte, ohne einen Gesichtsmuskel zu bewegen, fünfzehn Francs auf Schwarz. „Ich habe mich getäuscht, er sitzt tut Pech", dachte Sanftleben. „Ich will einmal gegen ihn spielen. , Er that diesmal nicht wie Müller und setzte drei Louis auf Rot. Schwarz kam heraus. ,, <■ » Sanftleben hatte verloren, und Müller steckte das ^,Lch'biu doch! niä)t hierhergekommen, uM M spielen", brummte der Direktor des Detektivbureaus, zu, sich selM 626 „Was ich da thue, ist doch zu frunttn. Und Raken ms erwartet eine Depesche von mir." Er ging abermals um den Tisch herum, trat hinter den Rücken und berührte ihn leise. Ter Rücken, der es jedenfalls nicht liebte, gestört zu werden, wendete sich nicht um. Ta neigte sich Sanftleben herab und wisperte in das Ohr des gewesenen Kriminalinspektors: „Herr Müller, ich mutz Sie sprechen, ich San stieben." „Herr Sanftleben", wiederholte Müller, ohne sich zu verwundern, und setzte ein Geldstück auf Ungerade und eines auf Fehlfarbe. „Ja, Sanftleben, Direktor des Detektivbureaus, — Sie kennen mich ja." „ ■ „Ich weiß", sagte jener in vollkommen gleich- giltigem Ton. * Ter Zylinder wirbelte herum, und die Kugel fiel. Wild geworden, schrie Müller plötzlich: „Fünf Francs auf die letzte Sechs!" Sanftleben aber beugte sich wieder herab und wisperte ihm wieder in dasselbe Ohr: „Ich habe die Reise von Berlin hierher eigens zu den, Zweck gemacht, um Sie zu sehen und zu sprechen." „Sehr erfreut, aber in diesem Augenblick unmöglich. Ich spiele mein System." ,^Fa, ja, ich kenne das. — Furchtbar komisch ! — Wann sind Sie denn fertig?" „Bei der zweihundertsten Kugel. Hundertfünfzig hab' ich schon abgespielt. Dauert wohl noch eine Stunde." „Gut. Tann wollen wir miteinander Mittag essen- Ich erwarte Sie im Hotel de Paris. Ist es Ihnen recht?" „Tas ist mir ganz egal. Fahren Sie nur schon einmal ab. Sie machen mich ganz konfuse." 45. Kapitel. Sanftleben blieb noch einige Minuten hinter dem Krinünalinspektor a. D. stehen. Er gab sich die größte Mühe, den verdächtigen Spieler zu entdecken, den Müller unbedingt unter dem Schein, in sein eigenes Spiel ganz versunken zu sein, verstohlen beobachtete. Er war aber nicht im stände, ihn zu entdecken, und ging endlich, indem er sich sagte: „Welch großartiger Komödiant ist doch dieser Mensch! Er ist im stände, selbst mich zu täuschen. Was muß das für eine Mühe machen! Wie recht habe ich, alles dranzuwenden, um mir den Menschen zu gewinnen." Tie Dinerstunde kam heran. Die Gäste aus Nizza und Mentone hatten sich bereits auf die Bahn begeben. Man konnte sich in den Sälen schon freier bewegen, sich schon den Tischen etwas mehr nähern, um seinen Einsatz vorzuschieben, oder um das Spiel irgend eines Spielers, einer berüchtigten Spielerin besser zu verfolgen. Sanftlebeu zog die letztere Unterhaltung vor, da sie weniger kostspielig war als die andere. Er war sparsam mit deni Gelbe des Herrn von Sempach. Um ein Viertel nach sieben verließ Sanftleben, als Mann der Pflicht, vor allem die Spielsäle und trat dann in den Speisesaal des Hotel de Paris, der einen solchen Weltruf erlangt hatte. Er bestellte sein Tiner — ein sehr feines Diner, denn Sanftleben war Feinschmecker, und dann rechnete er auch auf die gute Mahlzeit, nm Müller vollständig zu überreden. Ta erschien dieser gerade- Sofort hatte er ihn erblickt, und zog ihn an einen abseits gelegenen Tisch, den er sich hatte reservieren lassen. „Sie also hier, Herr Sanftleben?" fragte Müller, indem er sich niedersetzte. „Jawohl, mein verehrtester Herr Müller — nur um das Vergnügen zu haben, mit Ihnen zu dinieren." „Zu liebenswürdig", meinte der gewesene Kriminalinspektor, ohne die Miene zu verändern, gewohnt, alles zu hören, alles zu sehen, und alles zu sagen, ohne auch Die geringste Bewegung merken zu lassen. Doch mit dieser Ruhe verband er auch Vorsicht. „Sprechen wir leiser", fügte er bei, „hier weiß kein Mensch, wer ich bin, oder vielmehr, wer ich war." „Davon bin ich überzeugt", entgegnete Sanftleben lächelnd. „Doch machen wir uns an diesen Fisch- Mr haben noch genug Zeit zu plaudern. — Sie scheinen also sich hier recht wohlzubefinden, mein lieber Herr Müller?" „Ganz famos! Ich war hier in Monte-Carlo mit einem chronischen Bronchialkatarrh' angekommen, den ich mir noch zu Zeiten meines Dienstes im Zuge der Haus- thüren geholt hatte. — Binnen acht Tagen war ich vollkommen kuriert. Das ist ein gottbegnadetes und gebene- deites Land — ein wahres Paradies." „Sie scheinen von Monte-Carlo sehr begeistert, mein lieber Müller. Ein Glas Sauterre gefällig?" „Mit Vergnügen." „Darf ich Ihnen vielleicht auch noch ein Stück von diesem Filet aufthun?" „Mit Wonne." Während des Diners, das wirklich ganz vorzüglich und ganz dazu geeignet schien, Müller in eine gute Stimmung zu versetzen, erkannte Sanftleben zu seinem Leidwesen, daß Müller leider begonnen hatte, nach einem System zu spielen, und dasselbe, wie alle Shstemspieler, für das allein richtige hielt. Er sprach mit einer solchen Begeisterung über das Spiel und die Glückschaneen, daß er nur sehr wenig Hoffnung hatte, Müller von seinem Platze loszueisen. Denn allem Anschein nach behagte ihm sein jetziger, allerdings viel bequemerer Beruf mehr als die Unbequemlichkeiten seines vorigen. Da jedoch Sanftleben bemerkte, daß die Stunde bereits ziemlich vorgeschritten war, und er endlich mit seiner Mission zu Ende kommen wollte, unterbrach er plötzlich den eifrigen Erzähler: „Mer unser Diner naht seinem Ende. Wenn es Ihnen also recht ist, so lassen Sie uns über die Angelegenheit sprechen, die mich eigentlich hierherführt." „Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Direktor." 46. Kapitel. Auf das Rebhuhn waren Spargel gefolgt, die trotz der Jahreszeit ganz vorzüglich schmeckten. Während sie Müller als Kostverständiger verzehrte, begann Sanftleben : „Lieber Freund, haben Sie vielleicht von dem Verbrechen gehört, das im Monat November vorigen Jahres bei uns in der Augsburger Straße verübt worden ist?" „Augsburger Straße? Warten Sie mal! — Ja, ja, — ja doch, — eine Frau, eine frühere Schauspielerin, die von ihrem Geliebten umgebracht wurde. Nicht?" „Ja. Oder auch von einem andern", versetzte Sanftleben. „Oder von einem andern. — Ja, das ist schon möglich. Ich erinnere mich noch, daß ich mir damals sagte: „Dahinter steckt ein Raubmord, aber darauf scheint keiner zu kommen." Stünde ich noch im Sicherheitsdienst, hätte ich meinen einstigen Chef gebeten, mir die weitere Verfolgung der Sache zu überlassen. Der Mann hatte ja großes Vertrauen zu mir. — Wie steht denn jetzt die Sache?" „Der Liebhaber, oder eher der gewesene Bräutigam dieser Schauspielerin, Herr von Sempach, wird bald vor das Schwurgericht kommen." „Sollte ich mich getäuscht haben? — Er hat also gestanden?" „Nein, im Gegenteil: er behauptet seine Unschuld, und will sie nun dadurch beweisen, daß er den Gerichten den wahrhaft Schuldigen ausliefert." „Das ist entschieden das beste Mittel, das heißt, wenn es gelingt. — Hat er also gegen eine Person Mist- trauen?" „Jawohl, und zwar gegen ein gewisses Stubeumädek. — Aber sie muß einen Helfershelfer haben, und um diesen Kerl herauszubekommen, müßte man sie beobachten und überwachen lassen." „Na, das ist doch furchtbar einfach." „Nicht so einfach, als Sie glauben. — Das ist eine ganz feine, durchtriebene und geriebene Person, und es wäre für uns von äußerster Schwierigkeit, uns mit ihr in einen direkten Kampf einzulassen." „Wenn man die Sache einer geschickten Person, einer tüchtigen Kraft--" „Das ist es eben, worum es sich handelt. Und gerade Sie sind es, lieber Herr Müller, an den ich sofort gedacht habe." „An mich?" „Gewiß. Die Sache ist für einen Kopf wie den Ihrigen hochinteressant und es wird Ihnen eine große Summe einbringen." „Wirklich — eine große Summe == —", sagte dev 627 gewesene Mimin alinspektor gelassen, seinen letzten Spargel angelegentlich betrachtend, ehe er ihn verschluckte. „Ich kann Ihnen, von dem jetzigen Augenblick an gerechnet, zweihundert Mark pro Tag garantieren", fuhr Sanftleben weiter fort, „und außerdem dreitausend Mark, wenn es Ihnen mißlingt, und zehntausend Mark, wenn Sie den Schuldigen ausliefern, natürlich ohne alle Nebenauslagen, die Ihnen separat vergütet werden. Was sagen Sie dazu?" „Ganz einfach, daß ich bedauere, es nicht annehmen zu können", entgegnete Müller mit vollkommenster Ruhe. „Was? Das Angebot erscheint Ihnen nicht verlockend?" „Früher hätte es Mich vielleicht locken können; heute nicht mehr." „Ach, gehen Sie! Ist das Ihr Ernst?" „Ob das mein Ernst ist? Ich habe soeben mit zweihundert Kugelwürfen zweihundert Goldstücke gewonnen, das Goldstück zu fünf Francs gerechnet, macht tausend Francs. Meine Morgensitzung hat mir auch schon dieselbe Summe eingebracht. In Summa zweitausend Francs, ohne das zu rechnen, was ich noch heute abend gewinnen werde. — Weshalb sollte ich denn Ihre zweihundert Mark pro Tag annehmen?" „Lieber Müller, Sie scherzen. — Man gewinnt hier nicht zweitausend Francs pro Tag. Man verliert sie: ja- — Aber gewinnen?!" „Das hängt davon ab. — Wenn man nach einem guten System spielt —" „Sie haben also ein gutes Systems „Ja, ein steigendes, — eine Geldpresse, mit einfacher und kombinierter Chance. Das ist mein neuester Berus, mein verehrter Direktor. Und wenn Sie mir vorhin aufmerksam zügehört und überhaupt eine Idee haben, was System spielen heißt, so werden Sie mir zugeben, daß es von mir ein Blödsinn, eine Verrücktheit wäre, nach Berlin zurückzukehren, um Mörder und Räuber zu beobachten oder zu fangen. Dort würde ich viel wenige« verdienen als hier, mir bei der Geschichte höchstens wieder eine neue Bronchitis zuziehen, abgesehen von Messerstichen und Revolverkugeln, denen man in dieser Branche nicht immer ausweichen kann." „Das ist also Ihr letztes Wort, liebster, bester Herr Müller? Ueberlegen Sie!" „Mein letztes Wort, Herr Sanftleben. Ich drücke Ihnen mein tiefstes Bedauern aus, Ihr Anerbieten ablehnen zu müssen. Ich danke Ihnen bestens, daß Sie bei diesem Anlaß an meine Wenigkeit gedacht haben. Da es eben neun Uhr ist, bitte ich um die Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen. Man reserviert mir am Roulettetisch einen Platz, imb es bleiben mir nunmehr zwei Stunden zum Spielen. Reisen Sie bald wieder ab?" „Um Mitternacht." „Wenn Sie nicht ivissen, was Sie mit Ihrem Abend anfangen sollen, so stellen Sie sich hinter meinen Stuhl und spielen Sie genau so, wie ich spiele. Sie werden auf alle Fälle etwas gewinnen. Dann sind Sie wenigstens nicht ganz umsonst hierher gekommen." „Das ist ein Gedanke. Ich begleite Sie." Er zahlte die Rechnung, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Würde er denn nicht nach dem System Müller wieder zu seinem Gelde gelangen? Er spielte —, gewann einige Zeit; dann aber verwickelte er sich, setzte seine Geldstücke auf manque statt aus passe, — aus die Transversale statt zu sechst und verlor, indes Müller immerzu gewann. Um zehn Uhr siel ihm ein, daß er ja Rakenius eine Depesche versprochen hatte, und schickte das vereinbarte Telegramm ab: „System gesprungen, Cerevis", was für Georg soviel zu bedeuten hatte, als: „Müller nimmt nicht an". — Für seine eigene Person hatte leider der Wortlaut richtige Bedeutung: denn er war gesprungen. (Fortsetzung folgt.) Der letzte am Stammtisch. In der Wiener „Abendpost" plaudert Paul v. Schön- than über allerlei herbstliche Wirtshaus-Beobachtungen wie folgt: Dieser Tage haben sie sich wieder am Stammtische zusammengefunden. Die meisten mit der frischen Farbe der Gesundheit — bis zum Rot der Sioux-Indianer —> auf den Wangen; einer ist bronzefarbig abgebrannt, nur die Stirn ist blaß und ein an den Wangen herabreichender Streifen vom Tschako Nnd Sturmbanb, eine Erinnerung an die überstandene Waffenübung. Aber einer der Genossen fehlt, Herr Zander, den die Gewohnheit auszeich- nete, gegen i/210 Uhr in einen leichten Borschlummer zu verfallen und selbst beim angeregtesten Tischgespräche mit dem müden Haupte jene Bewegungen auszufuhren, die man „Tunken" nennt. Jeder neue Ankömmling warf, nachdem er sich im Kreise umgesehen hatte, die Frage hin: „Na, wo ist denn der Zander?" — Darauf folgte die Erklärung: „Noch auf Urlaub, am Gardasee, oder so wo." — Und so ist es: Herr Zander „tunkt" zur Zeit einsam tm Speisesaal eines Gasthofes am Gardasee und „genießt" so seinen späten Urlaub. Tie Reise- und Ferienerlebnisse beherrschen das Tischgespräch. Jeder schwelgt in Erinnerungen. „Wo waren denn Sie, Meyer?" Darauf beginnen gleichzeitig zwei zu antworten. Meyer mit dem „y" behauptet das Feld und giebt eine sehr umständliche Schilderung einer sommerlichen Hetzjagd, die bei Waidhofen anfing und in Cortina ihr Ende fand. Die Zuhörer sind schon aus halbem Wege ermattet. Ter andere Meier will nicht zurückbleiben und rühmt das ungetrübte Glück zweier Sommerwvchen, die er in Gröbming verbracht hat. Aus Höflichkeit erkundigt sich einer, wo der Ort ist. Meier erklärt die Lage des Paradieses, aus dem er erst vor acht Tagen. Vertrieben wurde, indem er das Bierglas, eine Salzstange und den Zahnstocherbehälter entsprechend gruppiert; das Krügel ist der Dachstein, die Salzstange Gröbming, der Zahnstocherbehälter Schladming. Sie sprechen von Höhen, die nUr zum Gr ei feil vor ihren Fenstern lagen, die sie bestiegen haben, auf denen sie übernachteten, alles von 600 Metern auswärts. Mit Kleinigkeiten haben sie sich nicht abgegeben. Die Glücklichen! Sie haben in vollen Zügen genossen. Nur Herr $. ist etwas kleinlaut und bricht kurz vor 9 Uhr auf, er hat sich in Ostende einen „gastrischen Zustand" geholt, der an Ort und Stelle als „Ostendaise" bezeichnet wird und mit Kolik eine unangenehme Verwandtschaft hat; der Einpacker wartet zu Hause auf ihn, und Herr Z. ergreift den passenden Anlaß, sich gleichfalls zu erheben, da er, erst von Pystian zurückgekehrt, zur Nachmr vor dem Zubettgehen heiße Fußbäder gebraucht. Ein in reiferen Jahren stehender Stammtischgenosse rückt mit beut Geständnisse heraus, daß er auch noch immer an eilt ent Hexenschuß leidet, den er sich in Trafoi geholt hat, und schielt nach seinem Ueberzieher. — „So ist's mir in Aussee ergangen, vier Tage lang bin ich ventre a terre, d. h. auf allen Vieren gekrochen. Ich spür' ihn noch!" seufzt ein anderer. Ein Vierter ruft verschämt „Zahlenl" M hat sich in Tirol angesichts der abendlichen Langweile das frühe Zubettgehen angewöhnt. Zuletzt bleibt nur noch Einer standhaft am Tische übrig und bestellt abermals ein frisches Glas. Er ist der Einzige, der sich bei der Schilderung der genossenen Sommerfreuden und Erholungszeit schweigsam verhielt, denn er hat nichts zu erzählen, er hat ruhig in der Stadt ausgeharrt, und diese Erholung ist ihm nicht am schlechtesten bekommen. Sandelholz. Nachdruck verboten. Mit dem Namen „Sandelholz" werden Hölzer verschiedener Abstammung belegt; auch ist ihre Verwendung eine sehr mannigfache. Sie werden zu luxuriösen Arbeiten in der Architektur, zur Gewinnung von Farben für die Textil- und Lackindustrie, zu Politurzwecken, in der Parfümerie usw. verwendet. Am bekanntesten ist wohl das rote Sandel- oder Kaliaturbolz (Pterocarpus santalinus), dessen Heimat sich in Ostindien, an der Küste von Kovomandel, befindet. Tas Kernholz ist frisch geschnitten, von lebhaft roter Farbe, doch färbt sich die Oberfläche, wenn das Holz längere Zeit der Luft ausgesetzt bleibt, bräunlich; braunrot, zuweilen fast schwärzlich. Das Kernholz enthüllt einen in Alkohol löslichen Farbstoff, welcher zu gefärbten Lacken, schönen Polituren, wie in der Woll- und Baumwollfärberei verwendet wird. In neuerer Zeit ist allerdings die Verwendung des Produktes in der Färberei durch andere Erzeugnisse der Farbenindustrie sehr bedeutend eingeschränkt worden. Ein brauner Farbstoff wird dem Holze durch Kochen desselben in Wasser entzogen, während der wertvollere rote Farbstoff nur unter An- Wendung von Weingeist oder Aether extrahiert werd««. 628 futttt Nach dem Verdunsten des Lösungsmittels gewrnnt man den Farbstoff in Gestalt kleiner roter Krystalle. Nicht zu verwechseln ist dieses rote Sandelholz mit dem weißen oder gelben Sandelholz, das gleichfalls von einem in Ostindien heimischen Baum, Santalum albmn, stammt. Es war seines rosenähnlichen angenehmen Geruches wegen schon im Altertum sehr geschätzt, und fändet heute noch, namentlich im Orient, zu Arbeiten rn der Kunsttischlerei vielfach Verwendung. 'Tie Chinesen verbrennen es seines Wohlgeruches wegen in ihren Tempeln, den Göttern zu Ehren. Bei uns dient das Holz in der Kunsttischlerei nur hin und wieder als Material zu Intarsien, aber man verwendet es in umfassender Weise m der Parfümerie, zu Räucherpulvern, Likören usw. Zu dieser Art von Hölzern gehört das Bambaysandelholz, das Ma- kasiarsandelholz und das sogenannte „japanische Sandel- bolz". Letztere im Handel übliche Bezeichnung ist unzutreffend, da das Holz ja nicht aus Japan, sondern aus Indien kommt. Ter Wohlgeruch des Holzes, welcher durch Reiben oder Erwärmen desselben lebhafter hervorgerufen werden kann, beruht auf einem in den Poren enthaltenen ätherischen Oele. Zu uns gelangt dieses ostmdische gelbe Sandelholz in Form von Blöcken, welche außen rötlich- braun sind und im Innern das gelbliche Kernholz zeigen. Tas weiße westindische Sandelholz ist heller als das ost- indische, hart und sehr schwer und stammt von Rutazeen Venezuelas. Ter Geruch, dieses Holzes ist minder angenehni und auch minder intensiv, als der des ostindischen; e§ findet aber gleichfalls in der Parfümerie Verwendung, während das durch Destillation dem Holze entzogene Oel in der Medizin eine Rolle spielt. Tas afrikanische Sandelholz (Cämwood, Barwood, Cam- holz, Cambalholz, Angolaholz) ist ein von Baphia nitida, also ein aus der Familie der Leguminosen stammendes Farbholz. Es wird in der Wollfärberei zur Erzeugung brauner und rotbrauner Farben, sowie an Stelle des Kaliaturholzes zur Möbelpolitur angewendet. F. Hd. Das Kinderhemdchen im Storchnest. Eine Geschichte vom Storch, die trotz Ben Akiba noch nicht dagewesen sein dürfte, teilt der „Tgl. Rdsch." ein Leser in folgender Zuschrift mit: „Gs ist eine allbekannte Thatsache, daß Gevatter Langbein die kleinen Erdenbürger bringt. Bei diesem hochwichtigen Geschäft läßt er leider ost recht krause Launen walten: hier bringt er nichts, dort zuviel, dem einen Vater bleibt der sehnlichst erwartete Stammhalter versagt, der andere wird wohl gar mit zweien bedacht. Diesen Sommer achte er es in einem pommerscheu Torfe aber doch zu ,t. Auf der Gutsscheune stand die Wiege seiner jungen ^rut, die wochenlang unangefochten blieb. Da wurde eines schönen Abends eine lange Letter angelegt, und ein Arbeiter klomm langsam und bedächtig zur First des Daches hinan. Man hörte ihn, als! er in das Nest hineinsehen konnte, ausrufen: „Jao, hier ist's!" Plötzlich sah man etwas Weißes herrmterflattern. Zerstörte eine frevle Hand das häusliche Glück der Storchfamilie? Weit gefehlt! Der weiße Gegenstand war ein — Kinderhemdchen, das der Papa Storch auf der benachbarten Bleiche aufgelesen hatte. Zu welchem Zivecke, das ist schwierig zu entscheiden. Vielleicht handelte es sich um das Kind eines armen Mannes, das auf diese Weise das notwendigste Stück seiner ersten Ausstattung erhalten sollte, oder die von Mutter Natur geschenkte Bekleidung seines Nachwuchses erschien ihm nicht ausreichend, um mit Anstand auf Reisen gehen zu können!" Ein guter Rat. Ein Professor, der sehr langes, wallendes Haar und einen langen Bart trug, wurde eines Tages auf der Straße von einem kleinen Stiefelputzer angesprochen, der ihm seine Dienste anbvt. Das Gesicht des Kleinen war entsetzlich schmutzig, und der Gelehrte erwiderte auf seine Anrede: „Meine Stiefeln sind geputzt. Aber wenn Du gehen und Dein Gesicht waschen willst, so gebe ich Dir 50 Pfennige." „Gewiß, Herr." „Schön, so beeile Dich." Der Junge ging an einen Brunnen in der Nähe und- wusch sich. Zurückkehrend streckte er die.Hand aus, als wollte er das Geld in Empfang nehmen. Der Professor sagte: „Gut, Du hast Dein Geld verdient, hier ist esi" „Ich will Ihr Geld nicht", erwiderte der Junge. „Gehen Sie nur und lassen Sie sich- das Haar dafür schneiden.^ Weg war er. (Tit-Bits.) Litterarisches. Das altbewährte Familienblatt Daheim eröffnete soeben seinen neuen, den 39. Jahrgang mit einem großen Roman „Krach" von Hanns v. Zabeltitz. Die Leser werden in dem neuen Werk mancherlei Bezugnahme auf jüngste Ereignisse finden. Außerdem kommen im Lauf des Jahrganges Romane von Friedrich Jacobsen, Paul Oskar Höcker, Franz Rosen zur Veröffentlichung.- Die ersten Nummern bringen ferner neben einer Fülle anregender Artikel kleine feingestimmte Novellen und Skizzen von Georg v. Ompteda, A Harder, Anton von Perfall, I. C. Heer u. a. Das Daheim hat im Streben nach möglichster Vielseitigkeit seit langer Zeit eine Eigenart mit Glück gepflegt: es widmete geschlossene! Unterabteilungen des Blattes der Frauenwelt, den Kindern, den Musikliebhabern, den Blumenfreunden, den Sammlern — daneben enthält jeds Nummer in „A us derZeit — fürdieZeit" zahlreiche, von gut geschriebenen Texten begleitete Abbildungen nach Tagesereignissen. Vortrefflich ist wie stets der illustrative Schmuck. Das Daheim bringt, abgesehen von den schönen Sonderbetlagen in Tondruck nach klassischen und modernen Meistern, erfreulicher Weise regelmäßig wahrhaft künstlerische Holzschnitte, die keine der neueren Reproduktionsarten zu ersetzen vermag. Aus dem Verlage von Hugo Steinitz in Berlin liegt uns ein neues Buch: „Wie erhalten wir «ns gesunde Nerven und ei« frohes Gemüt?" von Geh. San.-Rat Tr. R. Koch vor, das wir in der heutigen Zeit, die an unsere Nerven ganz besonders hohe Anforderungen stellt, allen Berusskreisen als ein äußerst wertvolles Werk aufs wärmste empfehlen können. Ter Preis des Buches beträgt 1 Mk. För d e Buren. Vun Eduard Jürgensen-Friedenau. De Harten up! un ok de Hann'n!! Nu snell heran wer helpen kann. Grot is de Rod. Kein Brod! Kein Brod!! An alle Kanten luert de Tod. Nu blos kein Tägern, kein Besinn'« — Tat Anner ward fick späder finn'n. Sei kän'n de Nod allein nich wenn'«. Ehr Fru'ns, ehr Kinner starwen hen, Tat ganze Volk dat geiht tau Grunn', De Jammer waßt vun Stunn' tau Stunn'. Sleiht Jug kein Hart in't Liew dor btnn'n? = So'n Elend was noch nie tau finn'n. En Jeder weit, wat dat wull heit, Wenn so'n oll Kriegsmann — beden geiht, De düsend Mal so gier« dat Swerdt Hadd gegen Tod und Düwel kehrt. Sei deden't äwer sick gewinn'n — Nu lat s' ock ap'ne Harten finn'n. De Harten up! un ok de Hann'n!! Nu wis't mal, wat uns' Tntschland kann. Worüm sick't hannelt? Markt Jug't gaudr Dat Burenvolk ut plattdütsch Blaud , Dat darf nich vun de Welt verswinn'n S Tenn — ward sick allens Ainn're finn'n. F üllräts e l. (Nachdruck verboten.) -ter, Or-, L—e, L-u, A—auer, R—scheid, Sp—e. Statt der Striche find immer drei paffende Buchstaben zu atzen, |o daß bekannte Hauptwörter entstehen, die in anderer Reihenfolge bedeuten: Eigenschaft, Industriestadt, deutscher Dichter, schmackhaftes Seetrer, Auszeichnung, Aetzmittel, Infekt. Sind die richtigen Wörter gefunden, so ergeben die eingefügten Buchstabengruppen im Zusammenhang gelesen em Sprichwort. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Gleichklangs in vor. Nr.r Absatz. __________ Redaktion: Tuet Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS.Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erbeut in Gießen.