(Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-Aork. Won Heinrich Lee. (Fortsetzung.) Bell war, als man ankam, nicht zu Hause. Auch in ihrer Jacht war sie heute nicht. Robinson, der schwarze Diener, sagte, daß sie ausgeritten war. Bessie hatte sich sofort, um Toilette zu machen, auf ihr Zimmer verfügt, und Fred sich in seine Wohnung begeben, um dort gleichfalls seinen Anzug zu wechseln. Als er eine halbe Stunde später in Bells Hause eintrat und ihm Robinson die Thür zum Gartensalon öffnete, fand er dort, in den Anblick eines Gemäldes versunken, Mister Hitchock. Mister Hitchock war Bells Rechtsanwalt. Es war schon ein ziemlich alter Herr, seinem Wesen nach als äußerst schweigsam, dabei auch etwas knurrig und kurz angebunden bekannt, was daher kam, daß er Dank seiner erprobten Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit eine sehr große Anzahl Klienten besaß, die seine ganze Zeit in Anspruch nahmen. Mister Hitchock war gleichfalls erst soeben eingetroffen. Er kam von Newyork und wartete nun. Fred begrüßte ihn. „9hirr, Wie steht die Sache?" fragte er dann ungeduldig, Womit er den Verlauf von Bells Scheidungsprozeß meinte, >,Wie lange Wird Bell noch zu warten haben? Bringen Sie ihr eine gute Nachricht?" Mister Hitchock antwortete nicht, sondern vertiefte sich Wieder in das Studium des Gemäldes. Fred stampfte mit dem Fuße auf. „Warum diese Verzögerung? Nach den Gesetzen unseres Landes wäre Bell schon - zehnmal frei. Was haben wir uns hier um dieses Deutschland zu bekümmern?" Seit Bells Heirat gehörte Fred zu der Klasse junger Männer seines Landes, die England ihre Freundschaft und Deutschland ihren Haß zukommen ließen. Nicht nur der ganze Stolz, sondern auch! der ganze Hochmut des amert- kanischen Bürgers steckte in ihm. Außerdem War er Mitglied eines Klubs, in dem die chauvinistischen politischen Tendenzen noch ganz besonders stark kultiviert wurden. .Es War gerade um die Zeit, als die ersten Anzeichen des Konflikts mit Spanien Wegen Cuba am Horizont aufstiegen, und Fred trat in den Versammlungen als einer der enragier- testen, aber auch besten Redner aus. Mister Hitchock brummte etwas vor sich hin, was un- tzefähr so klang, daß sich jeder um seine eigenen Angelegenheiten bekümmern möchte und daß fremde ihn nichts an- gingen, und Fred gab den Versuch, aus diesem Mann etwas LerauSzubekommen, ärgerlich! auf. Es War die Stunde, um Welche Bell sonst von der Aacht zurückkam und Visiten empfing, und deshalb waren Fred und Mister Hitchock bald Freitag Len 22. August. . n.LMlr- 1902. — Nr. 124 8 U li » MW !.r. w nicht mehr allein. Sarah Ward, Bob Till, Dobby Wilson kamen — alle drei vom Polo-Platz, und Bob, der nur im Vorübergehen vorsprechen Wollte, sogar noch in seinem Clan-Anzug, dste bauschigen Kniehosen in gelben Stiefelschäften, das Hemd und dre Mütze in den Farben des Clans. Auch Bessie trat jetzt ein und endlich war auch Herr Richard Westheim zu sehen. Man plauderte, man sprach mit Eifer von beit neuesten Ereignissen, von der Affaire des alten Vanderbilt in Baden-Baden, Wo man ihn mit einer; Varistssängerin am Arm gesehen hatte, von seiner Tochter/ jetzigen Herzogin von Marlborough, und dem Besnch, den der deutsche Kaiser ihm in Windsor gemacht hatte, von einem Boxer, der jetzt in Newyork bewundert wurde, von dem Stand gewisser Börsenpapiere, von den jetzt aufgekommenen TheebLoern, die der Schönheit so förderlich sind, von dech letzten Washingtonfest bei Astors, wo alle Wände voll mit einer neuen Sorte Rosen besteckt waren, das Stück einen Dollar, man plauderte von Cuba und man plauderte von dem High-Kicking-Klub, zu dem sich- einige Damen in Newport zusammengethan hatten, darunter natürlich auch Bessie. „High-Kicking" — das War das Neueste. Bessie hatte darin den Rekord errungen. Sie kam auf so und soviel Fuß nnd soviel Zoll. Herr Westheim, der den Damen wieder viel Stoff zur Heiterkeit gab, hätte Miß Bessie gern einmal in dieser Kunst bewundert, aber das ging natürlich nicht, denn Bessie hatte das betreffende Kostüm dazu nicht an. Herr Westheim hatte in der Gesellschaft aber einen Feind, denn er war Deutscher und darum haßte ihn Fred. Außer- dem bewarb sich dieser Mister Westheim ganz offenkundig um Bells Gunst. Das war also für Fred noch ein zweiter, besonderer Grund. Eine plötzliche Wendung nahm aber die Unterhaltung, als man jetzt Herrn Hitchock entdeckte. Er hatte sich in ein kleines Seitenkabinett zurückgezogen, WO es ein Paar reich mit Goldbronee montierte und von Boneot bemalte Vasen aus Sevres zu bewundern gab. Zwar ließ sich Mister Hitchock nicht stören, das Thema aber, dem sich jetzt eben das Gespräch zukehrte, War damit gegeben — Bells Scheidung. War denn die Sache n o ch nicht perfekt? Da sah man die Langsamkeit Europas. „Ist es denn wahr, meine Damen", fragte Herr Westheim, „daß in Chieago auf dem Bahühof die Schaffner ausrufen: Die Herrschaften, die sich scheiden lassen Wollen, zwanzig Minuten Aufenthalt — und Wer sich beeilt, daß der sich, bis der Zug abfährt, auch gleich wieder frisch verheiraten kann?" Alles lachte. „Schade", fetzte Herr Westheim hinzu, „daß die Frau Baronin von unseren Gerichten einen schlechten Begriff bekommen Wirb." „Meine Cousine ist keine Baronin", rief Fred Von dem kleinen Spieltisch aus, an dem er stand, „meine Cousine rst Amerikanerin. Wir in Amerika, Wir sind Plebejer. Wir sind Kinder des BvlkeK, Das ist unsere Stärke, darin lregk 494 unsere Zukunst, und ein Kind unseres Volkes soll meine Cousine bleiben." Bessie seufzte für sich. Sie dachte an die verloren,« Liebesmühe, die sie an den Undankbaren verschwendet hatte, und rief nun laut: „Jetzt wird er eiferfüchtig — auf die Deutschen!" Fred warf ihr einen kalten Blick zu und zu Mister Westheim gewendet, fuhr er fort: „Unser SU)et — das sind unsere Mädchen, unsere Frauen!" Ein Beisalljubel belohnte ihn, aber mit finsterer Miene ließ er feine Stimme darüber schallen: „Ich meine nicht die vielen Närrinnen, die es in Unserem Lande giebt. Ich meine die, welche die Kraft unserer Rasse haben, ihre Reinheit, ihre Trene, deren Leib so schön und so gesund ist, wie ihre Seele. Die meine ich!" Närrinnen? Von den Anwesenden konnte er damit natürlich niemand gemeint haben. Nur in Bessie erhob sich ein schnöder Verdacht, aber sie hütete sich, ihn auszusprechen. Und neuer Jubel folgte seinen Worten. „Fred will weiter reden!" rief eine Stimme. Fred hatte sich Herrn Westheim genähert. „Was aber geschieht?" sprach er mit einer unverkennbaren Bezugnahme auf gelvisse Menschen und Vorgänge weiter, „Fremde, Ausländer kommen und sie stehlen sie Ans!" Freds Augen funkelten vor Haß, die Damen schrieen fuftiß auf, die Herren suchten ihn zu besänftigen und Herr Westheim erwiderte stotternd: „Herr Bennet, das ist nicht schön von Ihnen." In diesem Augenblick — Mister Hitchock zog eben seine Uhr, er war ungeduldig geworden, er hatte keine Zeit und wollte nicht länger warten — geschah glücklicherweise etwas, was diesem Auftritt, der noch zu wer weiß welchen Folgen führen konnte, ein Ende machte. Aus dem Garten dröhnte ein Schuß. Einige der Damen fließen einen Schrei des Schreckens ans. In der offenen Thür stand lachend, noch in ihr Reitkleid gehüllt, schön in ihrer strotzenden Kraft wie eine Göttin, in der Rechnen noch den rauchenden Revolver — Sie hatte die Laune gehabt, an diesem Nachmittage ein- Mal auf die Vogeljagd zu gehen — weit draußen am Strande _ an einer einsamen, entlegenen Stelle, wo um hie Felsen die Möven, Seeschwalben und Regenpfeifer schwirrten. Zu ihren Passionen gehörte jetzt auch der Pistolensport und im Garten hatte sie sich einen eigenen Schießstand einrichten lassen. Nur ihr Reitknecht hatte sie auf dem Ausflug begleitet. Draußen im Garten auf einer immergrünen Korkeiche hatte hoch oben ein ahnungsloses Eichkätzchen gesessen. Das hatte sie heruntergeschofsen. Es lag draußen blutig und tot auf dem Rasen. Bell lachte. „Ist jemand, meine Herrschaften, erschrocken?" rief sie Ms. „Guten Tag!" Tie Heiterkeit, die sie, indem sie die Gesellschaft begrüßte, zur Schau trug, hatte etwas Dämonisches. In »hren Augen leuchtete ein eiskalter Glanz, eine Art von der Grausamkeit, mit der sie soeben die unschuldigen Tiere »iedergeschossen hatte. Noch immer hielt sie den Revolver in der Hand, als hätte sie erbarmungslos an Beute noch nicht genug. So stand sie da, umringt wie von einem Hofstaat, der ihr zujubelte — in der ganzen Pracht ihrer Rasse, von der Fred gesprochen hatte, beseelt von jenem großen Zuge, der durch ihr ganzes Volk ging — der Kraft des! Willens, der aus dem öden Boden plötzlich jene Riesenstädte zaubert, der alle jene ungeheuren Wunder schafft an Bauten, Merken, Unternehmungen — das Weib als Herrscherin und Königin. Auch Bessie und Fred bemerkte sie jetzt. „Nun, seid Ihr wieder da?" sagte sie, „Ivie habt Ihr .Euch unterhalten?" „Es ist nichts mit ihm anzufangen", klagte ihr Bessie ins Ohr. Fred machte ein finsteres Gesicht, aber sie konnte sich jetzt nicht um ihn bekümmern, und selbst Herr Westheim schien heute darauf verzichten zu müssen, ihr seine Huldigungen zu Füßen zu legen, denn plötzlich rief fie: „Mister Sie hätte ihn bemerkt und' eilte auf ihn zu. Es wär, als existierte in diesem Augenblick kein anderes Wesen mehr in diesem Saal für sie. '< „Sie bringen mir Nachricht?" raunte sie ihm zu. „Ja", erwiderte er. Tie Diener reichten jetzt Champagner und Limonade herum. „Kommen Sie!" sagte sie. Sie ging ihm voran. Man trat in ein kleines, in japanischem Geschmack ausgestattetes Gemach. Unter einem weißjblühenden Malwenbusche, der am Fenster in einer riesigen Vase stand, ließ sie sich nieder. „Nun?" begann sie, „Sie bringen mir meine Freiheit! Endlich!" Mister Hitchock hatte auf einem Stuhl ihr gegenüber Platz genommen. Sein schmales, langes, glattrasiertes, von hundertFalten durchfurchtes Gesicht mit den klugen Augen, dem aber das Weiße Kopfhaar etwas Ehrwürdiges gab, blieb unbeweglich „Tas nicht", erwiderte er. Bell fuhr zornig auf. „Noch nicht?" rief sie, „wie lange soll ich noch warten." „Zuerst beruhigen Sie sich', fuhr Mister Hitchpck trocken fort. „Sie werden sich eben so lange zu gedulden haben, als es notwendig ist. Dagegen bringe ich Ihnen eine andere Nachricht." „Von ihm?" „Jawohl — von ihm. Ich habe einen Brief von ihm bekommen. Kurz und gut, er hat mich beauftragt, Ihnen ein Anliegen zu unterbreiten. Er wünscht noch einmal eilte1 persönliche Unterredung mit Ihnen. Er würde zu diesem Zwecke, wenn Sie ihm seinen Wunsch gewähren wollten, eigens herüberkommen. Ich soll ihm nun antworten, ob! Sie dazu bereit sein würden oder nicht." Bell war blaß geworden. Sie atmete schwer. „Was will er?" fragte sie endlich in hartem Ton. „Tas hat er mir in seinem Briefe nicht geschrieben. Ich vermute deshalb, daß er das Ihnen ganz allein zu sagen hat." Bell stand auf. Sie Ivar offenbar bewegt. Unruhig ging sie auf und ab. Endlich vor denr Malwen- strauche blieb sie stehen. „Ich habe nichts mehr mit ihnt zu schaffen", sprach fie schneidend, „schreiben Sie ihm das!" Gelassen war Mister Hitchock auf seinem Stuhle fitzen geblieben. „Davor werde ich mich in Acht gehmen", erwiderte er in vollster Seelenruhe. „Was soll das heißen?" „Tas soll heißen, daß er kommen wird und daß Sie ihm diese Unterredung bewilligen werden." Bell richtete sich hoch auf und ein Zug von abgrundtiefer Verachtung, von triumphierendem Hohn spielte um ihre Lippen. „Ich verstehe", rief sie, „er hat Ihnen gedroht. Die Trennung ist ja nur mit seinem Einverständnis möglich und diese Unterredung, diese Entrevue, das ist die Bezahlung, die er dafür verlangt?" „Nein", antwortete Mister Hitchock unerschütterlich, und und in demselben Tone fuhr er fort: „Wenn Sie nicht blind sind, dann müssen Sie auch wissen, daß er nicht der Mann ist, der so handeln würde. Er hat in der ganzen Angelegenheit von Anfang bis zu Ende jedes Opfer für Sie gebracht. Das Rechst, das gesetzliche, ist auf seiner Seite. Sie haben sich von ihm getrennt — aus eigenem Antriebe. „Böswillige Verlassung" heißt dieses Argument in Deutschland. Er hatte das Recht, einen Rückkehrbefehl gegen Sie zu erlassen. IN Ihrem Sinne hat er darauf verzichtet. Das Gesetz giebt ihm Ansprüche an Ihr Vermögen. Er weist diese Ansprüche, gleichsam als eine Beschimpfung für ihn, zurück. Wäre er kein Deutscher, sondern ein Amerikaner, so würde er klüger sein. Das alles wissen Sie, aber weil Sie ihm nicht vergeben können, so wenden Sie die Augen davon ab. Der Haß verblendet Sie." Während er sprach, hatte sie sich dem Fenster zu gekehrt, wie um ihr Gesicht zu verbergen. Jetzt wandte sie sich um. Ter Ausdruck in ihrem Gesicht war unverändert. 495 „Ich verbiete Ihnen, so mit mir zu sprechen", sagte sie befehlend. Mr st er Hitchock lächelte ganz leicht. „Mrr verbieten Sie nichts, meine liebe Bell", erwiderte er. „Ich war der Freund Ihres Vaters. Ich habe Sie ans meinen Knieen gehalten, als Ihre kleinen Hände noch mit dem Ruh aus Ihres Vaters Werkstätte beschmutzt waren. Deshalb vertrete ich jetzt seine Stelle vor Ihnen, ich fürchte mich vor Ihnen nicht und darum wiederhole ich Ihnen, Sie werden die Bitte Ihres Mannes erfüllen — hören Sie! Tie Bitte!" Mister Hitchock legte auf dieses Wort einen besonderen Nachdruck, und gleichsam, als ob es in ihrem Herzen einen Widerhall fand, aber nicht denjenigen, auf den es Mister Hitchock abgesehen, so rief sie in wildem Triumphe aus: „Also bitten kommt er! Betteln! Gleichviel um was! Ein Bettler er vor meiner Thür!" (Fortsetzung folgt.) Das Auskunstsbureau der Verbrecher. (Nachdruck verboten.) Die großen Diebe sind in der Regel keine Anfänger. Sie sind der Polizei bereits gut bekannt, und darum pflegen sie nach einem erfolgreichen Coup sich schleunigst und auch möglichst weit vom Thatorte zu entfernen. Und mit derselben Geschwindigkeit streben sie auch, ihre Beute möglichst wert aus dem Gesichtskreise der Polizei zu schaffen. Um sicher und unauffällig zu verschwinden, muh man vor allen Dingen mit den Eisenbahnverbindungen durchaus vertraut sein. Diese Information zu erteilen, bildet, wie Tit-Bits zu berichten wissen, die Spezialität eines Ehrenmannes, der dieses Geschäft mit großem materiellem Erfolge betreiben soll. Früher pflegte ein Verbrecher nach Veriibung einer That von London nach Newyork via Liverpool zu entfliehen, wodrrrch der oft gehörte Witz entstand, daß sich rn Liverpool und auf dem Wege dahin mehr Geheimpolizisten befänden, als Verbrechen in England begangen würden. Heutzutage aber haben die Herren, welche es ratsam finden, plötzlich das Land zu verlassen, die Wahl, irgend einen beliebigen Hafen schnell und auf Routen zu erreichen, von denen der Durchschnittsreisende keine Ahnung hat. Der Empfehlungsbrief eines Herrn, dessen Vorleben nicht näher geprüft wurde, verschaffte einem Korrespondenten des genannten Blattes Zutritt zu dem Londoner Bureau des Mstr. Blank. „Bald sah ich', so berichtet er, „in einem bescheidenen Bureau, unweit der Waterloo Station, in einer Straße, wo jede zweite Thür das Messingschild eines Theateragenten oder eines dramatischen Lehrers trägt. An einer Seite des Raumes befanden sich eine Menge Fächer, während die übrigen Wände buchstäblich bedeckt waren mit den unter Glas gebrachten Eisenbahnkarten vieler Länder. Beinahe bevor ich den Mund öffnen konnte, kündigte das Klappen der Auhenthür den Eintritt eines Besuchers an. „Geben Sie acht", sagte Mr. Blank leise zu mir, „Er ist ein sehr alter Kunde von mir." Dann in den Vorraum tretend, rief er aus: „Holla, Tom, ein bischen verreisen? Wohin gehts denn diesmal?" „Ich denke, nach Marseille", erwiderte eine merk- würdig feine Stimme, „doch ich muh vor morgen früh übers Wasser sein, auch wünsche ich nicht, Paris zu berühren. Von Marseille niöchte ich eine nette, ruhige Ueber- fahrt nach Newyork, wenn möglich nut einem Segelschiff." „Von Marseille nach Newyork per Segler ist ein ziemlich schwieriger Auftrag und wird etwas kosten", versetzte mein neuer Bekannter, „aber ich denke, ich kann es einrichten; sprechen Sie in einigen Stunden wieder vor, ich werde mein Bestes für Sie thun." Seinern Wort getreu, beförderte Mr. Blank den unbekannten Herrn mit der feinen Stimme mit dem Zug 2 Uhr 45 Min. nach Boulogne, von dort nach Amiens, rvo er zu Lokallienien übergehend, direkt auf die Marseiller Route gelangte, ohne Paris zu berühren, und unauffällig mit einem Lokalzuge in Marseille eintraf. Mr. Blank beschränkt seine Aufmerksamkeit nicht nur auf Eisenbahnen, er ist ebenso vertraut mit dem Dampfer- Verkehr, sowie mit den weniger benutzten Segelschiffen, und weiß seinen Kunden Plätze aus diesen Schiffen zu verschaffen. Im Laufe der Unterhaltung erfuhr ich, daß zuweilen die empfangenen Honorare sehr hoch seien, obgleich die Gebühr für eine gewöhnliche Auskunft nur 5 Mk. beträgt. Der größte Teil dieses Geschäftsverkehrs wird auf folgende Weise erledigt: Auf einem numerierten Formulare verzeichnet der Künde die Einzelheiten der gewünschten Auskunft. Auf ein mit derselben Nummer versehenes Formular wird die Antwort geschrieben, welche entweder mit der Post an eine gegebene Adresse gesandt oder auch abgeholt wird. Auf diese Weise kann die Person des Auskunftsuchenden völlig geheim bleiben. Mit alten Künden natürlich, die anscheinend unbegrenztes Vertrauen in Mr. Blank setzen, wird die Sache nicht so formell gehandhabt. Oft, wenn besondere Auskunft gewünscht wird, die viel Mühe und Scharfsinn erfordert, fällt das Honorar außerordentlich hoch aus. Eine weitere Spezialität Mr. Blanks besteht auch darin, Logis nachzuweisen, und in seinen wohlgefüllten Fächern sind die Adressen von geeigneten Leuten in aller Herren Länder enthalten. Diese Leute gewähren jedem der Fremden bereitwillig Unterkunft und bekunden einen bemerkenswerten Mangel an Neugier; sie sind über das plötzliche Eintreffen oder die ebenso plötzliche Abreise ihrer Gäste niemals erstaunt. Natürlich ist Mr. Blank den Polizeibehörden wohlbekannt; doch kann kein Einwand erhoben werden gegen sein völlig erlaubtes Gewerbe, Auskunft zu erteilen, Könnte man ihm nachweisen, daß er er einem Verbrecher auf der Flucht behilflich gewesen, so würde man ihn schon fassen. Er besitzt aber ein einfaches Eisenbahn-Auskunftsbureau, und er ist ja nicht verpflichtet, sich nach dem Thun und Treiben seiner Geschäftsfreunde zu erkundigen. Stärke liegt, wie ich schon betonte, in der Geheimhaltung seiner Geschäftsverbindungen. Nur in einem Punkte versagt merkwürdirgerweise die Unparteilichkeit, mit welcher Mr. Blank seine Auskünfte erteilt. Er hegt eine unüberwindliche Abneigung gegen Anarchisten. Obgleich er in den meisten Fällen vorgiebt, nichts über die Person seiner Klienten zu wissen, so braucht nur ein bekannter Anarchist oder ein sonstiger Herr, dem er Neigung zum Bombenwerfen zntraut, um Auskunft zu ersuchen, und er kann gewiß sein, daß Mr. Blank ihm unerbittlich das höchste Honorar abfordern wird. Er kennt die meisten dieser Herren und sprach fich über dieselben in so starken Ausdrücken aus, daß ich ihn mit der Bemerkung verließ, wenn ich Polizeidirektor wäre, so würde ich ihm die Vollmacht zur Ausrottung der Anarchisten erteilen." ' Hd. Pariser „Schönheitsdoktoren". Zu einem großen modernen Berufszweig, in dem oft Vermögen erworben werden, hat sich der des Pariser „Schönheitsdoktors" in der letzten Zeit entwickelt. Diese Schönheitsdoktoren wohnen in den eleganten Stadtteilen von Paris; sie machen sich geschickt die Eitelkeit und Leichtgläubigkeit thörichter Frauen und sogar Männer zu nutze und werden aus ihre Kosten reich Heutzutage gießt eH nur junge und alte, und zwar sehr alte Frauen. Die Frau von vierzig Jahren, die sich früher ihrem Alter gemäß kleidete, sieht jetzt, so weit es in ihrer Macht steht, Wie eine junge Frau aus. Sie kleidet sich wie eine solche, und keine Mode ist zu jung für sie. Heute kleiden sich Mütter und Tochter gleich und dieser unstillbare Wunsch jung zu erscheinen, bildet das Geheimnis des Erfolges, den die Schönheitsdoktoren in Paris haben. Jugend, behaupten sie nämlich kann wiederhergestellt und bewahrt werden, wenn man Gesicht und Figur richftg behandelt, und da diese Lehre der Mehrzahl der Frauen gefällt, wird ihr Glaube den Urhebern der Lehre zu einer Quelle des Reichtums. Tie Runzeln glättet der Schönheitsdoktor, die kleinen Falten um die Augen verbannt er durch ein quacksalberisches Schönheitswasser, die rosige Farbe der Jugend stellt er wieder her, die Stulpnase macht er gerade und sogar römisch und die häßlich geformten Ohren verwandelt er in zierliche Ohrmuscheln. Es gießt nichts, was diese Doktoren nicht — versprechen. Sie geben den Augen Glanz, den Lippen das Rot, die Zähne machen sie zu vollendeten Perlen, „spatelförmige" Müde vet- 496 tu ans ein sie in die „konischen" oer Aristokraten, die Daille verengen sie ans Wunsch, Hals und Arme machen sie vollkommen. _ Ihre aus allen Klassen bestehende Kundschaft, von der reichsten Aristokratin bis zum einfachsten Ladenmädchen ist ungeheuer groß, und die Preise richten sich natürlich nach> den: Stand der Kundin. Eine reiche Frau hält nur ein teures Mittel für wirksam, während das Ladenmädchen auch für das wunderbarste Schönheitsmittel keinen hohen Preis bezahlen kann. ■ Es giebt zwei Klassen von Schönheitsdoktoren. Tie einen behaupten, Mängel durch koswetische Mittel, falsche Zufügungen und andere Tricks zu verbergen, während die anderen sie durch Behandlung heilen wollen. Letztere verachten die ersteren und nennen sie „Charlataue", während die „Charlatane" ihre Methode für die einzig wirksame erklären. Jede Klasse hat blind ergebene Anhänger. In einem der elegantesten Pariser Stadtteile wohnt eine sehr kluge Frau, in deren berühmtem Schönheits^- salou wunderbare Präparate zum Kauf augeboten werden. Sie behauptet, die Geheimnisse Marie Antoinettes und ihrer Hofdamen zur Erhaltung und Erhöhung der Schönheit geerbt zu haben. Ihre Erzeugnisse werden viel gekauft: sie behandelt nicht nur Gesicht, Hände und Hals, sondern stellt alle Arten Seifen, Parfüms, Waschwasser,' Schwämme mit Zauberkraft, Gesichtsmasken, Pasten und endlose Schönheits- mrttel her, die alle „nach Rezepten Marie Antoinettes" gemacht sind. Ein Stück Seife für die Haut, d. h. gewöhn? lrche Seife, kostet 2.50 Mk.; die authentische „Marie Autoi- nette-Seise" kostet 3 Mk. und ein kleines Stück „Beauth- lme"-Seise 2 Mk. Die gewöhnliche Hautseife soll ein durclu aus reines antiseptisches Schönheitsmittel sein, das der Haut Kraft und Schmiegsamkeit giebt, Unreinheiten, schwarze Punkte und andere Fehler, sowie die schlechten Wirkrmgen änderer Serfen, SchöuheitsUrittel oder Puder beseitigt, der HE Farbe giebt und sie weich, geschmeidig und jugendlich durchsichtig macht." Natürliche werden tausende Stück Seife ?".,E?^8Lupcheu Schönen von Paris verkauft. „Schön- heitsbader" kosten in derselben Anstalt 8 Mk. das- Bad sie ™ Körper „wie Sammet, sodaß er eine zauberhafte Wiedergeburt erfährt." Für Leute mit härter Haut giebt es „werch machende Sachets" zu 12 Mk. die Schachtel, für Leute mit fettiger Haut, die leicht Runzeln bildet, „Auti- ruuzel-Sachets", die die Gefichksmuskeln so anregen, daß i)fe Runzeln wie durch einen Zauber verschwinden. Eine teurere Schachtel dieser „Antirunzel-Sachets" verursacht ogar das Schwinden der Runzeln bei „älteren Leuten": ihr Preis steigt,mit dem Alter. Tausende dieser Schachteln werden in Paris, London und anderstvo verkauft, und der Gewinn betragt 50 bis 100 v. H. Sogar für das Baby giebt es schon, alle Arten Sachets. Damit die Haut bei kaltem Und heißem Wetter vorbereitet wird, giebt es ein antiseptisches Toilettenwasser, die kleine Flasche zu 8 Mk. Damit wird das Gesicht im Sommer nnS Winter vor dem Ausgehen eingeriebeu. Tas „Antiermüdungs"-Waschwasser kostet ebensoviel, es verhindert, daß das Gesicht Ermüdung zeigt, und der,„Autirunzel-Creme" verhindert, daß jemals Runzeln erscheinen. Für tiefliegende Runzeln giebt es ein i!i Waschwasser zu 8 Mk., „Beautyliue-Creme" zu Mk. und , Beautyline-Baudelette" zur Massage für 16 Mk. Aue Flasche Puder für 20 Mk. entfernt überflüssiges Haar, und das Rezept zum „ungarischen Wasser" zu 20 Mk ftammt von der Königin Maria Theresia. Tie Schachtel Lippensalbe kostet 8 Mk. Tie Liste der kostspieligen anderen Toilettenartikel ist gar nicht aUfzuzähleu. Um dem Gesicht jugendliche Schönheit zu verleihen, nimmt die Schönheitsdoktoriu zu Beginn ^^"Ederfolgende Behandlungen vor. Jede dauert t '2 Stunden, kostet je 28 Mk. in der Anstalt und 40 Mk. Patientin; dazu kommen noch die dabei ge- brauchteu Schönheitswasser und Präparate. Nach diesen Behandlungen bewahrt die Kundin ihr frisches neues Gesicht ein uahr laug, wenn sie unter Leitung der Speziu- listin die Behandlung fortsetzt, was etwa 200 Mk. monatlich toftet. Handmassage und viele Parfüms verdoppeln die Summe. Diese Zahlen zeigen, warum die Schönheitsdoktoren in Paris so große Vermögen anhänfen . . . Vermischtes. Stilblüten. Im „B. B.-C." finden wir eine hübchse Stilblütensammlung, zu der besonders Theater und Vereine ihre freiwilligen Beiträge beigesteuert haben. Da heißt es: ' „Auf vielfachen Wunsch geht morgen zum letzten Male „Marie, die Tochter des Regiments in Szene". (Bericht eines Vereins über seinen Festabend). „Im ersten Teil des Programmes bezeugte ihre Beliebtheit Frau N. vom Hoftheater in Mannheim, desgl. Frau Prof. M., sowie eine junge latent« und tempera«, mentvolle Schauspielerin Fräulein 3E., Schülerin der bekannten dramatischen Lehrerin Frau Z. gefiel besonders durch ihre ernste und heitere Vorträge. Nachdem Herr N. ein selbst verfaßten Prolog gesprochen trat zum ersten Male, ein, aus Mitgliedern des Vereins, unter großen Opfer und Mühe, von dem Dirigenten Herrn I. gegründeter Gesangsverein auf, welcher trotz! feiner erst viermonatlichen Bestehens Vorzügliches leistete, ferner erfreuten sich ihrer Beliebtheit der Thonkünstler Herr A., Herr Violin-Virtuosen B„ der Konzertsänger C, &der Dialektdichter Herr D. Der zweite Teil forderte d en Tanz in s ein e Re cht e, bei der darausfolgenden Kaffeetafel brach auch! der Humor durch!, nachdem der I. Vorsitzende Herr E. die Festteilnehmer begrüßte ivurden die Anwesenden durch die hochgeschätzte und beliebte Frau F. sowie durch die Herren T., ?). und des Kunstpfeifers Z. in sehr fröhlich launiger Stimmung versetzte ufw. „Er schloß mit einem Hoch auf die freifitnnigen Wähler und das deutsche Vaterland, in w elches die Festversammlung begeistert einstimmte." „Alle Sehenswürdigkeiten des Rheins werden den Rheinfahrern in erprobter Naturschönhett vor Augen treten." Das Ballfest des „Schiller-Thaters", das in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag in den Räumen des Neuen Opern-Theaters (Kroll) seine fröhlichenSchwtngen regte, war von einem glänzenden Erfolg begleitet." „Zum Besten des Vereins findet im Bureau des Vereins der Verkauf einer Anzahl der neuen Frauen-Wand- kalender mit den Bildern der Führerinnen statt, die zu diesem Zweck für den ermäßigten Preis von 1.50 Mark pro Exemplar zur Verfügung gestellt sind. Als im vergangenen Winter ein parlamentarisches Diner beim Reichskanzler stattfand, erbot sich ein Berichterstatter mit folgenden Worten, darüber zu schreiben: „Verehrliche Redaktion! Heute abend bearbeite ich das Essen beim Reichskanzler Graf Bülow. Zur schnelleren Beförderung an die Zeitungen bitte ich Sie, zu veranlassen, daß ein Bote um 11 Uhr abends vor bem' Cafs Käiserhof wartet. Um die angegebene Zeit wartet an dieser Stelle mein Bote, der e s Ihrem Boten ans - händigen wird." Sinnrätsel. (Nachdruck verboten.) Was ist das wohl? Man kann cs geben, Doch spürt man's mehr, wenn man's bekommt. Die Erde giebt's und Felsen stürzen, Doch kommt's auch oft mit Seufzern an. Es ist von Holz, Papier und Münzen, Es ist von Waren mancherlei; Doch niemals strebt eS in die Breite, Nein, immer gcht'S zur Höhe nur. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.r Lord Orden Honolulu Eidam Not» grenadiex itual Irene Nitrat Lohgrin — Telramund. Redaktion: tzZrt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der BrÜbl'schen Uuiversitats-Buch- und Cteindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.