1902 Nr. 44 Samstag den 22. Mär;. i Äl KM rnuitnv>M|H| jNW |j MN Sie zu verhackstücken. Kommenden Montng will ich's aufS Emdener Gericht festmachen un ^m Geld un Gut de« Kindern verschreiben. Denn haben sie da mal spater rem« Schererei um. — Un bat schult Se ook dohn. segg, ©e. 1" Tie schwarze Frau seufzte. „Nahber, wat schall't helpect, dat he sowit vorutdenkt? ’t kummt doch all anners. PaA he Achtung, ’t kummt all anners." Inzwischen hatte Ebba Wilm auf dem Hof eingeholt, sie klammerte sich, an seinen Arm. „Wilm!" ---- ’ (Nachdruck verboten.) Tobias Breedcn. Von Luise Westkirch. (Fortsetzung.) i Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen, flvg auch Ebba vom Stuhl, sah Jan an, sah Wilm an, und stürzte vorwärts. Ebba! — Deern!" . , , , "Jo, Moder. Lat mi doch! — Mi mt ts so benaut | ^Und "durch die Thür, durch die Wilm aus dem Saal I gestürmt war, rannte auch sie, unbekümmert um den Verlobten, den Schwager, dre Zuschauer. Mutter Marrnka seufzte und schwieg. Tobias, in ferner unbegrenzten Hochk- schätzung von Bruder Niklas' Vorzügen, war (eder erser- üchtiaen Regung unzugänglich. Aber Niklas wuroe unruhtg. ^ enaut is ehr? Marinkamöh, schall ik ehr nrch na- । ga^n?- An Gehorsam gewohnt, sah er Tobras an. ü „I, worüm denn?" wehrte Frau Jurgens ab. „Laut ehr tofreden." Sie fürchtete, daß ihre Tochter rm Ungestüm ihrer Erregung den erwünschten Frerer noch nachtraglrch mit einem Korb heimschicken könne. zz Auch Tobias mahnte: „Laat ehr, Nrklas. Mer zum erstenmal in fernem Leben gehorchte Ntklas dem Brrrder nicht. Nur hatte er durch den rnneren Kamstf, den solch ungewohnte Auflehnung ihn kostete, ermge Minuten Zeit verloren, und als er nun aus dem .Haus trat, fand er die Gesuchte nicht sogleich. Tobias sah ihm lachend nach. „Seh Se bloß, Nahber ch, wo he lobt! Wo he sik dünne makt un mang de Mmschen dördrängelt! Ik segg, he gliekt Wilm Jansen. Vun achtern schult man de Twee nich ut enanner kennen. — un nu, Ärgenfch, wo wir twee allein sünd, — Ich hab was mit angsam und kaum vernehmbar teilt Die wellcnlose Flut der Kiel; r In meiner Seele zittert nach Der Ton aus einem Saitenspiel. Horch! Vieser sanft gedämpfte Laut, Der Erd' und Himmel mild versöhnt . . . Das Abendläuten ist's, das fern Bon der Kapelle nicdertönt. Bescheiden von dem Fclsgrund sieht Sie übcr's Meer, so endlos weit; — So schauet wobl ein fromm' Gemüt Hinüber in die Ewigkeit. v Heinr. Leuthold. „Wahr dich, Jan Jürgens is^hier. Er sieht Blutt Auf dich hat er'n Pik! Ich bitt dich, Wrlm, hüt dich. „Weiter willst nichts?" „O, Wilm, wenn er dir was zu leid that! „Büst een Seel' vun eener Teern! Zu leid! Er! — Und du! Tu hast mir wohl mx zu leid gethan he? „Du weißt nich, Wilm — wrr müßen zu Ostern aus ttt .Haus — und — ich inüßt' in Dienst gehn, 6et fremden Ja dazu bist du zu hochmütig, um ein, zwei ^ahr lang bei rechtschaffenen Lenten zu dienen, bts tch zitsammen- hab', was wir brauchen. Aber dich zu verkaufen ""kLetb und Seel' an Niklas Breeden, dazu btst demütig genug! „Meinst, ich hält' sie verhungern lassen, deme Mutter- Wenn sie sich auch vor der Arbert scheut, wte 'ne Katz vor m Wasser? — Prahl' nich noch mit deinem schlechten Herzen. Mach dir kein Verdienst aus deiner Falschheit un Rafftgkettt _ Mir brauchst nich Samtpfötchen zu machen. Ich will nich sündigen gegen das zehnte Gebot. Was etnes ander« ist, das begehr' ich nicht. Geh' hm zu demem Schatz. „Wilm", murmelte sie, „Wilm, geh mcht allem an.den Strand, nicht allein in die Dünen. Bleib mcht betm Tanz — schließ dich ein in deine Kammer — tch bttt dtch Er schob sie rauh aus seinem Weg. „Nich einen Schritt weich' ich ihm aus! Sie glitt an ihm nieder auf die Kniee. „O, Wrlm. LW mit Ä» «m. W* telriigen. j.,. betrüg' nich! Glaub mir aech. -^cb bab' aemeint, ich könnt', was andere können, meme Liebe bezwingen - aber sie is zu groß. Ich seh's ietzt. Metn H-x. aeht mit Dir, Wilm, ich' mag wolleit oder mch, mit Di?allein, und immer, und bis ans End' der Welt und _ und - ich will's Niklas sagen, auf der Stelle, gleich sag' ich's ihm -! Was da auch nach komme« mag! Du I sollst mir nicht sterben, Wtlm! — Sttrb mtr mcht - Tas Paar stand in einem Winkel, den der Stall und die Scheune der Schenke mrtemander bildeten Dunkel war der H mmel, dunkel die Erde, die Wetterfahnen aus 174 dem Dache kreischten im Nordwest. Das Brausen und Rauschen der Menschenwogen im Saal erstarb im Donner der Brandung, die jenseits der Dünenkette den Strand peitschte. Hinter der vorspringenden Stallecke stand Niklas Breeden. Vergebens hatte er seine Blicke durch die Nacht geschickt, daß sie ihn letten sollten; sein Ohr führte ihn an den rechten Ort. Als die Stimmen der beiden jetzt zum Flüstern herabsanken, lauschte er uicht länger. Mit einem Aufstöhnen brückte er die Fäuste an seine Stirn und rannte vorwärts, blindlings gradaus, den Dünenhang hinauf. Nur jetzt vou keiuenl gesehen werden, nur jetzt keiner Stimme Trostspruch hören! Ihm war jainmervoll zu Mut. Blendend wie eine Sonne war diese späte Liebe in seinem Leben aufgegangen; nun sie schwand, ließ sie ihn in einem Dunkel zurück, so schwarz wie die Nacht, die über der Insel brütete. Er hatte es ja gewußt, gefürchtet von Anfang an! Jugend hält zu Jugend. Er dachte nicht groß von sich; er sah sein Bild nicht in der Verklärung, womit seines Bruders Liebe es umwob. Nicht einmal zürnen konnte er der Treulosen. Wilm Jansen, ja, solch einen mochte ein Mädchen wohl lieb haben. Und für die Mutter und aus Not wollte sie sich dein Niklas Breeden geben--armes Ding! So gutmütig, so kindertreuherzig war der Sinn dieses Mannes, daß er in all seinem Schmerz, seiner bittern Enttäuschung, erwog, ob er der Kleinen nicyt dennoch beispringen, nicht doch ihr aus dem Elend helfen könne, wenn sie auch nicht seine Frau wurde. Dabei schämte er sich seiner Weichheit, seiner Thränen, die ihm unaufhaltsam aus den Augen rollten, und den geblümten Sammet seiner Bräutigamsweste netzten. Er stand jetzt auf dem Grad der Düne. Von vier Seiten brandete unter ihm die See; schwer hingen die schwarzen Wolken darüber; und kein Lichtstrahl weit und breit, als das matte Schimmern der weißen Wogenkämme, als das düstere Glutauge des Leuchtturmes, der auf seinem Tünensockel thronte, inmitten des Rauschens, Heulens, Pfeifens und Brausens wie ein ungeheures Götzenbild auf seinem Altar. Ter einsame Mann riß den Rock über seiner Brust weit auf und lief mit. ausgebreiteten Armen den Hang hinunter, den heranrollenden Wellen, dem Sturmwind entgegen. Sie mochten's für ihn, den Stummen, hinaufheulen, hinaufdonnern zum verschlossenen Himmel, was er litt, was unaussprechlich ihm das Herz zusammenschnürte! Am Strand blieb er aufatmend stehen. Er war kein Philosoph, mit Worten hätte er den Grund nicht angeben können, warum das oft gesehene Schauspiel ihn besänftigte. Aber wie Welle auf Welle auf den Strand zischt, mit zornigem Brausen zerstiebt, zerrinnt, gewesen ist, wie die Molken über ihm hinschießen, pechschwarz, drohend, und sich auflösen und Tunst sind, da fühlt er den Schmerz in seinem Herzen langsam zusammenschrumpfen neben der gewaltigen, gleichgültig grausamen Größe von Meer und Himmel, da will es ihn bedünken, als seien die einzelnen Menschen mit ihrem heißen Begehren auch nur Wellen, Molken. Aber weshalb denn so bitteres Leid tragen um einer Wolke, einer Welle Versprühen? Der gebrochenen St eine neue, und wieder und nochmals in endloser' ge. Das Meer lebt, oft auch seine Wellen sterben. Niklas dachte es nicht mit Worten und Begriffen, aber eine stille, große Ergebung kam über ihn. Die Seele wurde ihm frei und weit wie damals, als er mit dem Bruder und der sterbenden Mutter das Abendmahl empfangen hatte. Er fühlte ganh, seinen Schmerz; aber der Schmerz überwältigte ihn nicht mehr. Morgen würde er der Braut das Geständnis von den Lippen nehmen, den Verspruch lösen. Tann war der Traum ausgeträumt und das Leben setzte ein, wie es gewesen war, wie es bleiben würde, bis die kleine Welle, Niklas Breeden, verrauschte in den Schoß der Ewigkeit. Und wärend er stand, brach plötzlich fern über der Meeresfläche ein leuchtender Stern aus den Wolken, ein einziger am weiten, dunklen Himmel. Dem Schauenden erschien er wie eine Verheißung. Ta fuhr er herum. Eine Stimme, eine schreckliche Stimme, heiser von Zorn, Haß und Trunkenheit überbrüllte ekel und gellend die Brandung und den Sturm: „Hund! Ick sla di dod!" Ten letzten Abhang der Düne herab! Wer den breiten, weißschimmernden Strand kam ein Schatten dahergejagt, der etwas über seinem Haupte schwang. „Ick sla di dod!" All die von der Bitterkeit der Stunde zurückgedrängte heiße Lebenslust des gesunden, kindlich frohen Menschen wachte auf bei dem Ruf. „Gott! Gott! Worüm denn? Wat heb tk di dahn?'« „Ick sla di dod", heulte der Mensch mit der Hartnäckigkeit der schwer Betrunkenen immer den einen Satz wiederholend. Niklas flüchtete zwischen die Strandkörbe, er verschanzte^ versteckte sich hinter, in ihnen. Wer wie ein Ball überflog sein Verfolger jedes Hindernis. Die Axt wirbelte über seinem Kopfe. „Ick sla di dod! Ick sla di dod!" Niklas erkannte ihn endlich. „Jan Jürgens! — Jan Jürgens! Heft du denn ent Pik up mi? Ick weet 'r nix dun — — Man ick will'b gliek maken. Jan Jürgens, ick bib die um Gottes willen! — To mi nix to leed!" Ter sprang unaufhaltsam näher. Nur von der Geschwindigkeit seiner Füße durfte der Angegriffene Rettung hoffen. Er wandte sich, er rannte den Abhang hinauf, atemlos zitternd. Hinter ihm keuchte der Verfolger. Einsam der Strand, einsam die Dünen! Zu weit das Dorf, und die Glieder zu steif, als daß er hoffen durfte, es rechtzeitig zu erreichen. Und niemand, niemand, so weit die Stimme hallte! Aber von der Höhe herab schimmerte tröstlich das Licht des Leuchtturmes, der einzig helle Punkt in der Verschwimmenden Dunkelheit von Land, Meer und Himmel. Und wie die Motte zum Licht, so strebte der Unglückliche in seiner Todesnot hinauf, der Flamme entgegen, als wär' sie eine schirmende Gottheit. Sein Fuß sank, tief in deu losen Sand, er strauchelte, er glitt, er raffte sich auf. Und weiter, ohne Rast, ging die fürchterliche Jagd den Dünen- hang hinauf. Niklas Breedens Brust keuchte zum Zerspringen, seine Kniee wankten. Hilfe! Hilfe! — Jan Jürgens, vermoord mi nich! Jan Jürgens, ick will di ook mien Kompaß schenken, de di sv in de Oogen steckt hett — Ick will — Jan Jürgens! — Gott/ erbarm' Dich meiner!" Da sauste die Axt durch die Luft. Ohne einen Laut fiel Niklas Breeden vornüber. Ueber ihm flimmerte der Leuchtturm, brauste der Nordwest. Unten rauschte die See, und die Dunkelheit war so dicht, daß der Mörder den Blutstrom nicht sah, der aus dem gespaltenen Schädel in den Sand rann. Aber er beugte sich nieder in trunkener Neugier. Er wollte wissen, ob der genug hatte? Und strauchelnd fiel er; seine Hand glitt im Sturz über die Brust des reglos Liegenden und er blieb verblüfft, blödsinnig starrend halb aus den Knieen liegen. Was seine Finger da griffen, war doch Sammet. — — Er konnte sich nicht besinnen, aber etwas war hier gewiß nicht in Ordnung. Sammet — Sammet? Nein. Trug Wilm denn Sammet? Hastig packte er den Hingestreckten an der Schulter, drehte das Gesicht herum, beugte sich tief darüber, mit weit aufgerissenen Augen die Dunkelheit durchbohrend. Und plötzlich stieß er einen gräßlichen Fluch aus und sprang auf seine Füße. Ein Schauder schüttelte den rohen Gesellen vom Kopf bis! zu den Zehenspitzen, und seine Zähne schlugen aufeinander. Er hatte sich geirrt! Tie Hände an die Schläfe pressend, sprang er in weiten' Sätzen über die Dünen zurück ins Dorf. Vor der Thür beim Eschenwirt stand die rote Trina, die nach ihm ausschaute. Drinnen tanzten sie. Er faßte ihre Hand, ritz sie mit sich in den Schatten. „Trina! Deern! Geld! Geld! — Giv mi Geld!" „Nee — du fällst hüt dich mehr drinken!" „Trinken! drinken! ’t geiht üm't Leeden, Wichts Ein Lichtschein aus dem Saal fiel auf seine Gestalt. Trina schrie laut auf. An den Aermeln klebte Blut. „O, Jan, wat heft du dahn?" „Anke nich! Dahn ts dahn! Ick wull, ick harr't nich dahn! — Du mußt mi helpen, Deern. Ick bün di jümmer goo to west. Ick! frije di —" „Ah, lög nich!" „Ick swör't di! Ick will verdarben, äs' ick nich wohr segg! Mien lees, mien best Trientje! Help mi man dit eenmal ut de Sopp, in de ick sitt! ---Ah, wi snackt 175 — un snackt, itn de Tid versrriekt —! Wüllst nti vermoorden, falsche Katt?! Geld! Geld! Giv mi Geld!" — Trina lief die Treppe hinauf in ihre Kammer, raffte ihren ganzen Münzvorrat zusammen und schob ihn dem Harrenden in die Hand. „Um mich verdient hast du's nich. Aber ich hab' dich 'mal gern gehabt, das! $antt ich nich vergessen. Da! De Slüssel is vun use Boot. De Eschenwirt sien Nam' steiht'r in. ’t findt sik Webber an. Nu lop, lop!" sFortsetzung folgt.) Zu Rad durch Korsika. Nach einem Vortrage in der Sektion Gießen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) ' Am andern Morgen war es angenehm frisch auf der Höhe von Evisa, und flott ging es die Wegwindungen hinab durch den kleinen Wald von immergrünen Eichen, dann wieder bergan durch Kastanienhaine, die teilweise gut gepflegt aussahen. Kleine Züge von störrischen Maultieren, Eseln und unansehnlichen korsischen Pferden, auf denen Mann und Frau gemeinsam sahen, begegneten uns. Wagen sieht man selten im Gebirge, daher ist denn auch der Zustand der Straßen vortrefflich. Wer Gebirgsfahrten macht, darf sich das Radschieben Nicht verdrießen lassen, und so landeten wir auch! ganz vergnügt auf dem C o l d e S e v i, 1101 Meter hoch. Von dem Pah fällt der Weg so jäh ab, daß selbst unsere bewährtesten Bergfahrer abwärts erst etwa 100 Meter zu Fuß zurücklegten, und das um so lieber, da sich ein reizendes Alpenpanorama vor uns ausbreitete: die Gruppen des Monte Ro- tondo und Mte. d'Ovo schauten mit schneebedeckten Häuptern ins grüne Thal von Vico. Behaglich schnurrten wir von 1100 auf 400 Meter die immer noch recht steile Straße hinab bis Vico. Dann wieder etwa 100 Meter Steigung, und bergab geht es zur Küste. Wir sind in der Sumpf- und Fieberniederung angekommen; große Eukalyptusbäume säumen den Weg und bedecken die Ebene; die gerissene Rinde hängt wie ein zerlumptes Bettelgewand um die Stämme, und die Blätter haben ein lederartiges Aussehen, aber nützlich ist der Baum als Fieberschutz. In S a g o n e, einem unbedeutenden Hafenorte, machen wir Rast; selbst Schenke und Menschen machen den Eindruck der Versumpftheit. Darum schleunigst weiter, und bald liegt die Sumpfregion hinter uns, die Ausläufer des Gebirges, besetzt mit hübschen Dörfern und Häusern, rücken wieder näher. Vor Calcatoggiv schieben wir die Räder ins Gebüsch und halten einen gediegenen Mittagsschlaf. Jenseits des Dorfes winkt wieder einmal ein Col von 415 Meter, genannt San Sebastiano; denn oben steht eine kleine Kirche dieses Heiligen, ihr zur Seite ein sehr ursprüngliches Wirtshaus. Daneben sitzt ein Biedermann, der die Vorüberkommenden anbettelt. So geschah auch uns; zur Strafe schenkten wir ihm den Rest des köstsich!eu Weines, den wir eben beim Wirt erstanden hatten. Abwärts führt die Straße bald durch eine wohl an- gebaute Landschaft. Orange- und Citronengärten mit ihren goldleuchtenden Früchten, Wasserleitungen, Bahnen und endlich selbst Radfahrer lassen ine Nähe der Stadt Ajaccio erkennen. Am Hasen entlang führt unser Weg, eine ansehnliche Torpedoflottille liegt vor Anker. Am Bahnhof vorüber kommen wir in die Stadt auf breiter Straße mit hohen, kahlen und unsauberen italienischen Häusern; erst am großen Platze mit dem Reiterstandbild Napoleons I. beginnt ihr Aussehen freundlicher uitb wohnlicher zu werden. Hier steht aud), das Hotel de France, das uns für einige Tage aufnehmen soll. Ajaccio >i'st Winteraufenthalt in der Art wie die Riviera, der südwestliche Stadtteil besteht aus schönen Pensionen und Villen und macht ganz den Eindruck eines guten Kurortes. Von Fremden sind es meist Engländer, neuerdings auch Deutsche, die sich hier aufhalten. Schön rst der Platz am Strande mit dem Denkmal, der einen freien Ausblick aufs Meer gewährt, und die Palmenall-ee, die auch neben unserem Hotel herführt, giebt der in Monte Carlo wenig nach. So faßen wir bald in dem eß eiter Erd e auf dem Fußsteig befindlichen Cafe und belustigten uns an den Streichen einiger Gassenjungen. Mittwoch war Ruhetag, denn die Fahrt nachj Ajaccio, nahezu 100 Kilometer und dazu eine Steigung auf 1100 Meter, war eine anständige Tagestour gewesen. Wir benutzten die Gelegenheit, ein Bad zu nehmen; die Anstalt wurde von Napoleon III. der Stadt geschenkt; zwar sind die Wannen von Marmor, aber alles übrige ist höchst primitiv. Vor dem Fenster der Badezelle schnattert es in rasendem Tempo, denn mit dem Bade ist die öffentliche Waschanstalt verbunden, und der Sprechmechanismus korsischer Wäscherinnen scheint eine noch höhere Uebersetzung zu haben als der unserer heimischen. Der Besuch der Stadt bot eigentlich wenig Bemerkenswertes. Sobald man sich der Gegend nähert, in toeitler das „Haus der Bonaparte" liegt, heftet sich ein Schwarm junger Korsen an unsere Fersen und erbietet sich, diese Sehenswürdigkeit zu zeigen. Sehr gefallen hat uns, daß, als die Buben anfingen zu betteln, ein älterer Bürger sie wegjagte mit dem Bemerken, sie sollten sich schämen, sie feien Franzosen! Wie anders in Italien! Am Nachmittag folgte ein kleiner Radbummel der Küste entlang nach dem Cap de la Parata Schroff fällt der Felsen des Kaps zum Meer ab, nur durch einen schmalen Weg mit dem Lande verbunden, und vor ihm ragen aus der See ein PaM Pon den Wogen zernagter Fels-i brocken, die Jles sanguinaires. Kap wie Inseln tragen Seezeichen und Leuchtturm; es mag recht nötig sein, denn die Ecke sieht gefährlich genug aus. Das Wetter war trübe geworden, und wir strebten nach der Stadt zurück; aus einem Cafsgarten an der See grüßte eine Kellnerin mit deutschem Zuruf, vergebens, wir fuhren vorüber, denn es drohte Regen. Abends besuchten wir das Konzert. In den drei Cafss trat abwechselnd eine neapolitanische Sängergesellschaft auf. Schmunzelnd schleppten uns oie Kellner, sobald wir erschienen, die großen Vierzehntel-Gläser mit trefflichem Münchener herbei, während die guten Einheimischen das edle Getränk aus einer Art Weingläser genossen. Die Vorstellung ging auf dem Fußsteig der Straße, der vom Cafö eingenommen wurde, vor sich. Es war das übliche Mandoline- und Guitarregeklimper, Ziehharmonika, Santa Lucia usw. Auf deut Fahrdamm stand die liebe Jugend und vergnügte sich; aus ihr ragte würdevoll der Polizeisergeant, in der Hand ein kräftiges Lattenstück; wurde ein Zaungast zu üppig, so setzte es damit seitens des Ordnungswächters ein paar Hiebe. Der letzte Tag unseres Aufenthaltes sollte zu einem Wagenausflug nach der Punta Pozzo di Borgo benutzt werden. Hoch oben am Berge haben die Grafen Pozzo di Borgo sich einen eigenartigen Palast errichtet; er ist ganz aus Werksteinen der abgebrannten Pariser Tuilerien, genau nach dem alten Vorbild aufgeführt, so daß jetzt ein Stück dieses historischen Baues von dem kovsischen Bergrücken wieder ins Land schaut, rings umgeben von einer weiten Parkanlage mit den mannigfaltigsten Koniferen und Laubbäumen. Von der Höhe über dem Park (780 Meter) hat man eine prächtige Rundsicht über Insel un& Meer. Auf der Heide fanden wir blühende Asphodelospflanzen von höchst unscheinbarem Aussehen und pflückten einige weiße Narzissen, die hier in Menge wuchsen und ungemein stark dufteten. Auch Araber kamen in Sicht, die in der Nähe untergebracht sind. Der Freitagmorgen sah uns auf der Bahn, um unsere höchste Bergtour auf Korsika anzutreten, zum 1162 Meter hohen Col de Vizzavona, und da das Dampfroß bis zu 900 Meter hinaufsteigt, wollten wir uns soweit das Radschieben ersparen. Etwas sorgenvoll schauten wir durch das Fensterchen ins Freie, es trübte sich immer mehr. Auf einer Station kaufte ich von einer Frau, die mit einem Korbe voll großer, not gesottener Panzerkrebse hausierte, um anderthalb Frauken eine Languste („Hummer ohue Schere") und teilte diese Delikatesse mit dem Professor der Chemie; wir fanden sie von gutem, hummerähnlichem Geschmack. Je höher das Bähnchen kletterte, um so düsterer wurden die Wetteraussichten, und bei Ankunft in Vizzavonä! regnete es ganz gemütlich. Zwei Hotels waren hier oben vorhanden, eines nahe der Station, das andere etliche Kilometer weiter aus der Paßhöhe. Der Wirt des letzteren hielt mit einem kleinen Wagen am Zuge und lud uns in deutscher Sprache ein, mitzufahren; trotzdem trieb uns der Regen unter das nächste Dach> und als einzige Gäste des Hotels Vizzavona kamen wir recht willkommen. Der groß« Speisesaal war unwirtlich kalt, man merkte nichts mehr vom südlichen Klima, das Lesezimmer besaß zwar einen Kamm, 176 Auf die Abfahrt am andern Morgen hatten Wir uns umsonst «gefreut: Schnee bedeckte die Straße und die grünen ! Buchen. An Fahren war nicht zu denken, wir drückten die Räder zur Bahn und bestiegen den Zug nach Corte. Und schwerlich hätten wir vom Wege aus diese merkwürdigen Einblicke" in die wilden Bergschluchten gehabt; es war eine Gebirgsfahrt, die sich in mancher Hinsicht mit der Reise durch' den Gotthard vergleichen darf. Unterwegs kam dre Sonne endlich zum Vorschein, und in die einstige Korsenhauptstadt rückten wir wieder hoch zu Rad bei prächtigem Wetter ein. Corte, überragt von der auf steilem Felsen thronenden Citadelle, macht einen höchst malerischen Eindruck. Der berühmte korsische Diktator Paoli hatte die kleine Stadt zum Sitze der demokratischen Regierung gemacht, und auch eine Universität daselbst gegründet; beides ist längst dahin. Nach dem Essen machten wir einen Abstecher in das Thal der R a st o n i c a, welches uns ungemein gerühmt worden war. Der ohnehin schlechte Weg stieg bedeutend. Zwei Rerse- gesührten erklärten deshalb unterwegs Zurückbleiben und unsere Rückkehr erwarten zu wollen. Der Botaniker und ich ließen daher die Räder in der Obhut der beiden Herren und drangen noch ein gut Stück weiter vor. Allein trotz hübscher Ausblicke auf schneebedeckte Ketten empfanden wir doch einige Enttäuschung und wandten endlich um. Friedlich lehnten unsere Räder allein an der Felswand-. Bald hatten wir die vorausgefahrenen Genossen im Hotel Paoli wieder erreicht. Es war bereits 4 Uhr geworden; 72 Kilometer waren von Corte noch bis Bastia zurückzulegen. Und soweit sollten wir planmäßig noch an diesem Samstag gelangen; denn wir schrieben den 13. April, und am 15. ging unser Schiff. Da hieß es also nicht säumen. Einige kleine Cols mußten überwunden werden, dann radelten wir der Ebene und dem Meere zu; d-er recht schönen Gegend konnten wir leid-er diesmal nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Als wir um i/ä9Uhr Bastia erreichten, war es längst finster, von Straßenbeleuchtung kaum eine Spur, unsere Acetylenlampen waren eigentlich- die einzigen Lichter. Der Eingang zur Stadt sah' wenig vertrauenerweckend aus: hohe, düstere Häuser und im Straßendunkel etwas fragwürdige Gestalten. Mit geringer Hoffnung auf anständiges Unterkommen ftlhren wir vorsichtig weiter. Doch- im^nnern der Stadt wurde die Beleuchtung besser, die Wohnungen freundlicher, und unser Hotel de France erwies sich als em recht guter Gasthof; wir waren glückliche die Berne von den Pedalen rrehmen und unter einen gedeckten Tisch strecken Auflösung des Arithmogriphs in vor. Nr.: Maskenball; Mel, Salm, Kabale, Elsa, Rebel, Ball, Alba, Lama, Kamm. zrr können. Der folgende Morgen sah uns wieder zu Rad. Die Fahrt -ging am Meeresstrande entlang in der Richtung nach Cap Corse, der Nordspitze der Insel Wir gelangten bis San Severa am Ausgange eines lieblichen Thalev, wo Reben, Orangen und Citronen in Menge gedeihen. . Hier machten wir Mittag und legten »ns dann dm Meere in den Sand, nur bedauernd, daß Zert und Schicklichkeit ern Bad nicht zuließen. Der Nachmittag war der Besichtigung von Bastia gewidmet, es ist der wichtigste Halidelsplab und mit seinen 23 V00 Einwohnern die größte Stadt Korsikas. Sehr interessant ist der alte Hafen mit Jemen schmalen, hohen Häusern, über denen oben am Felsen die alten Befestigungen sich hinziehen. Da es Sonntag war, herrschte -em lebhaftes und vergnügtes Treiben am Strande. Einen belustigenden Anblick bot die Mannschaft eines griechischen Schwammfischers, welche, der Kapitan an der Spitze,, mit großem Eifer sich einem heimatlichen Spiele hmgab, ernem Mittelding zwischen unserem Reiterball und „Dritter Mann", wobei die Spieler sich gegenseitig auf dem Rucken herumturnten. Am Abend stießeii wir zum letztenmal m Bastia vier große Münchener zusammen, unter besch-au- 1 lickenl Rückblick auf die Erlebnisse der vergangenen Woche. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen. aber diese vortreffliche Heizeinrichtung rauchte wohl, er- wärmte aber kaum. Allmählich brachten wir uns indessen doch in ganz gemütliche Sftmuuing und dinierten mit Behagen. Bizzavona ist Hochsommerfrische iind Ausgangspunkt für Hochtouren; in 7 Stunden erreicht man den Gipfel des Monte Rotondo (2625 Meter). Für Korsen und Italiener bietet der Aufenthalt etwas b-esonders Anziehendes, was iedoch auf uns weniger Eindruck machte: Buchen- uud Tannenwald bildet die unmittelbare Umgebung, und inan könnte sich in den Taunus oder Schwarzwald versetzt wähnerl, ivenn nicht am Wege und an den Felsen Alpenveilchen, Krokus und Anemonen blühten, und ivenn nicht zivischen den Regenwolken die Schueefelder und Fels- zacken des Hochgebirges herunterleuchteten, von denen die Wasser donnernd zu Thal stürzten. Graue Schlerer flogen um die Berggipfel, doch bis zur Paßhöhe wollten wir wenigstens Vordringen. Die Regenkapuzen wurden um- gehängt, und auch der Himmel hatte ein Einsehen, es tropfte nur noch sachte weiter. Das kleine Gasthaus am Eol mag zur Sommerzeit gewiß sehr schön sein, heute sah es traurig । aus. Der Frühling hatte sich auch hier spat eingestellt, so - war man noch im Einrichten begriffen. Durch die öden Wirtsräume wurden wir jedoch in ein behagliches Zimmer geführt, das auf uns sogleich- einen anheimelnden Eindruck machte, und siehe, die Bild-er an den Wänden stellten Ansichten aus Dänemark und Deutschland dar. Hier mußten Stammverwandte hausen! Die bald erscheinende Wirtrn bestätigte diese Vermutung, sie war Dänrn und sprach gut deutsch, der Gatte war Schweizer. Ju der Unterhaltung berührten wir ein sehr interessantes Thema: korsische Brr- ganten. Frau Wirtin gab einige charakteristische Bilder aus dem Leben dieser Würdigen, sie hatte Gelegenheit gehabt, einen der ersten Vertreter des Brigantentums kennen zu lernen. Bellacoscia hieß der bei seinen Landsleuten höchst berühmte und geehrte Herr. Hier am Mte. Rotondo hat der „König der Berge", wie er sich selbst nannte, lange gehaust und aller Versuche der Gendarmen, ihn zu fangen, gespottet. Während diese Diener der Gerechtigkeit da, wo wir jetzt saßen, ihren Wein tranken, lag der gesuchte Brigant friedlich auf einem nahen Felsen. Das Gasthaus hat er öfters besucht, und die Wirtin besitzt noch« Briefe, m denen er sich Lebensmittel bestellte. Schließlich hat die französische Regierung mit dem Manne unterhandelt, daß er freiwillig außer Landes ging, dafür aber eine Pension bezog. Er ist dennoch zuweilen wieder in die Heimat gekommen und auch dort von einem Amerikaner porträtiert worden. Echt korsisch! Befriedigt trollten wir wieder bergab nach unserem Hotel in Bizzavona. Bastia vier große Münchener zusammen, um« n lichem Rückblick auf die Erlebnisse der vergangenen Woche. Um 10 Ubr des anderen Morgens sollte das Boot uns Wied?? vori der schönrn Insel entführen. Es war ern imiitmikckier Rubattrno-Tampfer, Mit dem wir dre ?)ayrr nach Livorno machen wollten. Wie wir nach früheren Erfahrungen es uns zur Gewohnheit gemacht hatten, saßen mir eine gute Stunde vor der bestimmten Abfahrt mt Sattel un? fuhren dem Hafen zu. Allem der Wmd wehte von der See her so heftig, daß wrr abstergen mußten. Als wir nach Verladen der Räder mit der üblichen Trrnkgeld- verabreichung den Kapitän fragte«, wann sich nun der Dampfer auf den Weg machen würde, erklärte er gemutlrch. wenn der Wind Nachlasse; -es sei nicht möglich, aus dem enaeu ftafert zu kommen, -er müsse gewärtigen, daß ihm d«is Sckrifs an die Mole geschleudert, und wir sämtlich Sbe&feÄ ^i^^Mtck mi?MftKdsL!L tefilÄfuS Hatte™’MWA-MD-Ä»- überhaupt immer zuzunehmen. Die See war noch recht bewegt; ab uni'M.klatschte eine kräftige Welle über das Teck hm. Korsika mit fernen I stolzen, schneeglänzenden Bergketten verschwand allmählich ISS, die Felseninsel Capraia tauchte auf ftrnher rmifcfe das berühmte Eiland Elba. Die Turme uno ff“L S breitete sich die ganze große Handelsstadt vor uns aus. Es dunkelte bereits, als unser.AiMpftr im __ Anker ging, und wir den italienischen Boden betraten.