Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolff. (Fortsetzung.) Ihr herzlich natürliches Wesen ließ Clarita solch' Zutrauen fassen, daß sie eingedenk Stefanies Mahnung sich völlig geneigt fühlte, der sympathischen Frau offenherzig einen Einblick in ihr trauriges Geheimnis zu gewähren, nur zögerte sie damit, dies gleich in der ersten Stunde zu thun. Dazu mußte erst ein Moment kommen, wo das Vertrauen völlig zwanglos, und vor jeder unberufenen Störung sicher, sich Bahn brechen konnte. Zunächst beschränkte sie sich darauf, ihren Wunsch nach einer Stelle in angesehener russischer Familie auszusprechen, wobei sie allgemein bekannte Namen erwähnte und den der Orna- toffs wie zufällig einflocht. Wer diese Diplomatie half wenig; sie traf nicht die richtige Quelle. Die Baronin war noch zu kurz in Petersburg, um genauer über dortige Verhältnisse orientiert zu sein. Sie kannte wohl die meisten der erwähuren Familien doch nur durch gesellschaftliche Beziehungen, die keinen tieferen Einblick gewähren, und selbst bei diesen mochte der Name-Ornatoff ihr fremd geblieben sein; jedenfalls giirg sie völlig darüber hinweg, versprach dagegen, Claritas Wunsch so viel als möglich zu fördern. Dazu war offenbar ihr Wille der allerbeste, dennoch fühlte Clarita, wie ihre Aussicht, hier eine Auskunft oder nur einen Fingerzeig zu weiterem Forschen zu finden, sich immer mehr verflüchtigte; sie mußte sich einstweilen mit der gütigen Aufnahme begnügen, die ihr geworden. Die hatte ihr wohlgethan, obgleich ihr ersehntes Ziel wieder in Dunkelheit rückte, gerade in dem Attgenblick, wo sie fast sicher auf einen Lichtschein gerechnet, der ihr die rechte Richtung zeigen werde. Nun galt es aufs neue, sich zu fassen, mit Geduld zu waffnen, auf ein neues Vielleicht zu hoffen! Innerlich Nach jener Geduld strebend, mühte sie sich eben noch, den freundlichen Worten der Baronin zu lauschen, als dieser Die Fürstin Sarafin gemeldet wurde. Die Frau des Diplo- Maten lehnte diesen Besuch nicht ab, und während der Diener sich beeilte, dem Befehle zu entsprechen, wandte die Ba- romn fich lächelnd an Clarita: „Bitte verlassen Sie mich voch nicht, Fräulein von La-Para. Sie mögen nun gleich! eine der einflußreichsten Damen unseres geselligen Kreises rennen lernen, die zugleich sehr liebenswürdig sein kann." Mittwoch den 22. Januar. W 1902. — Nr. 12. Sw «Jii. L W l - Ä yj hm andern darf es mich nicht, daß manche die Hunde verleumden; Denn cS beschämt zu oft leider den Menschen der Hund. Arthur,Schopenhauer. Wie bereits bekannt, hatte Frau v. Triber nicht zu viel gesagt. Mit dem feinen, den russischen Damen eigenen Ton, den sie Fremden ae--'rüber zu üben wissen, schenkte die Fürstin der jungen Sünderin augenblickliches Interesse. Dereu eigentümliche Schönheit, ihr anmutiges vornehmes Mesen entzückte die leicht erregbare Frau so, daß sie eben nur von der Fremden musikalischem Talente — dessen die Baronitt diplomatisch zu erwähnen wußte — zu hören brauchte, um sofort völlig zwanglos, wie selbstverständlich, ihre neue Bekanntschaft für den folgenden Wend zu sich einzuladen. Die junge Baronin wurde dadurch wohl etlvas überrascht, Clarita aber erkannte sofort den sich darbietenden Vorteil. Sie nahm dankbar ihre freundliche Einladung au und versprach, mit Signora Magini, deren Kommen die Fürstin im Laufe des Gesprächs erwähnt hatte, zu erscheinen, mit welcher sie denn auch den fremden Gesellschaftskreis betrat, in dem wir sie bei der F. ,;in gesehen haben. So hatte binnen eines Zeitraumes von wenigen Tagen eine eigene Fügung, ein Spiel des Zufalls oder eine mächtige unsichtbare Hand Clarita in jene Bahn geleitet, die sie ihrem Geschicke entgegenführte. X. Eine Weltdame. Ein rasches Wort, es ist gar leicht gesprochen Und hat so oft ein Menschenherz gebrochen! An dem zweitfolgenden Tage nach der Abendgesellschaft bei der Fürstin befand Clarita sich allein in ihrem bescheidenen Gernach. Sie g.dachte der Menschen, die sie kennen gelernt, der Unterhaltung, an der sie teil genommen. Für sie, die an Einsamkeit Gewöhnte, würde das alles, jenes bunte, rasch strömende Leben, ihrer lebhaft angelegten Natur wegen, einen doppelten Reiz gehabt haben, hätte der eine, alles bei ihr beherrschende Fdeengang nicht ihr ganzes Sinnen erfüllt. Unsckl sag, was zunächst beginnen, verlor sie sich in alle möglichen Projekte, um alsbald eines nach dem anderen -zu vecioerfen. Sie überhörte darüber die an dem Hausthor vorfahrende Equipage und schreckte erst auf durch den ungestiimen Eintritt der nein en Natascha, die atemlos berichtet: „Die Fürstin Sarafin wolle das gnädige Fräulein besuchen." Es hatte seine volle Richtigkeit damit. Die Fürstin kam in höchst eigener Person, ihren jüngsten Schützling in ihrem bescheidenen Asyl zu besuchen. Sie folgte bereits der flüchtigen Polin auf dem Fuße. Clarita sprang hastig auf, um ihr entgegenzueilen. Der Fürstin flogen, getreu ihrer etwas enthusiastischen Weise, alsogleich die liebenswürdigen Begrüßungsworte über die Lippen: „Ich mußte selber nach Ihnen sehen kommen, beste Mademoiselle de la Para; es verlangte mich zu wissen, ob Sie sich hier behaglich eingerichtet finden, und zlveitens habe ich Ihnen gute Nachrichten zu bringen, doch davon kreis finden, wie bei der Gräfin Chilkow. Während Sie dort die Wintersaison in vollem Glanze sehen and Ihnen für den Sommer herrliche Reisen bevorstehen, finden Sie in dem Ornatoff'schen Hause nur einen engen, durch die Trauer noch ziemlich begrenzten Zirkel und im Sommer eine ertötende Langweile auf dem Lande in dem einsamen Orna-, toffsko. Man sagt zwar, Frau v. Ornatoff würde nimmer dorthin zurückkehren, sie habe einen Widerwillen, eine Furcht davor, seit —" Die Fürstin unterbrach sich selbst, einen Moment pausierend. „Nun — Sie müssen wissen, meine Liebe, dort soll sich, einem allgemeinen Gerüchte nach, vergangenes Jahr ein entsetzliches Familiendrama abgespielt haben, dem zufolge man in Ornatoffsko Gespenster sieht und das einsame Gut in der Steppe in Acht und Bann gethan hat. Indes, soviel man auch vergangene Saison eine zeitlang davon sprach, gegenwärtig ist es bereits ziemlich vergessen; denn erstens! erfuhr man zu wenig Gewisses und zweitens lebt man hier zu rasch, um sich lange mit leeren Vermutungen auszuhalten/ am wenigsten, wenn solch geschickte Hand, wie die der Orna-- toff, über das, was die Welt nicht erfahren soll, einen Schleier zu ziehen versteht. Freilich zu verdenken ist's ihr eigentlich nicht, wenn sie alles thut, um einen Flecken auf dem Namen zu verwischen oder unsichtbar zu machen, welchen ihr Söhnchen zu tragen und zu repräsentieren hat; denn, was sie selbst anbelangt, so dürfte sie geneigt sein, bald jenen Namen mit einem andern zu vertauschen unö, den Witwenschleier in der Gruft von Ornatoffsko zu versenken. Doch, Himmel! wohin verliere ich mich im Plaudern! Was liegt uns an Ornatoffsko! Sie werden es doch nimmer sehen —" „Dennoch" — unterbrach aber hier rasch Clarita die Plauderin — „dennoch möchte ich bitten, mir in Ihrer interessanten Art mehr von dem erwähnten Familiendrama zu' erzählen, das begreiflicherweise meine Neugierde lebhaft geweckt, da man mir einmal die Ehre zudenkt, mich in jener Familie aufzunehmen." Der Fürstin war diese Einwendung nicht unangenehm; sie liebte das Schwätzen viel zu sehr, um nicht gern die ausgeweckte Erinnerung zum Gegenstand einer längeren Unter-t Haltung zu machen. „Ach! meine teure Fräulein de la Para — man spricht eigentlich nicht gern von jenen Dingen. Es ist eine eigen-, tümliche Geschichte mit den Ornatoffs. Sie müssen wissen, der alte Marschall hatte bereits aus erster Ehe zwei erwachsene Söhne, als er sich in zweiter mit der jungen Werg Sergewna Massowskoy vermählte, die wohl lieber ihren schönen Jguendfreund Nikolai Pawlowitsch Karin genommen hätte, wie den alten Ornatoff. Indes, ersterer zögerte mit einer entschiedenen Werbung zu lange; der alte Adelsmarschall kam ihm zuvor. Wera Sergewna, ein im Kloster Smolna auf Kronskosten erzogenes Fräulein war arm; Ornatoff legte ihr den ersehnten Reichtum zu Füßen, der sie denn auch wohl bestimmt haben wird, jene Werbung anzu-i nehmen. Der Alte liebte sie leidenschaftlich, seine Söhne dagegen waren keineswegs über die junge Stiefmutter erbaute Beide waren schöne, lebhafte junge Männer; nur hatten sie von ihrer Mutter her zu heißes, polnisches Blut in den Adern.' Dies, wie ersichtliche Zurückhaltung seiner zweiten Fran gegenüber, entsremdete Vater und Söhne immer mehr, so! daß letztere Rußland verließen. Alsdann hörte man von beiden sozusagen nichts mehr, bis nach Jahren des alten Adelsmarschalls Tod sie heimries. Der Jüngste soll indes! seinen Papacha gar nicht mehr unter den Lebenden gefunden haben und in heftiger Aufregung alsbald mit seinem Bruder in Streit geraten sein. Wie das Gerücht geht, sollen sie beide eine schöne Dame im Auslande geliebt und dieser-i halb sich entzweit haben. Gewiß ist, daß zwischen beiden ein heftiger Wortwechsel stattfand gerade des Abends, an dem man zu später Stunde Wladrmir Iwanowitsch in seinem Zimmer tot fand — einige behaupten: ermordet, andere sagen an einem Herzschlag jäh gestorben. Welche Version die richtige ist, blieb unerklärt. Der schöne Wladimir, war tot, über seinen letzten Augenblicken aber schwebt ein geheimnisvolles! Dunkel. Ebenso über seines Bruders Geschick. WrWuW folgt.) später. Zunächst wie befinden Sie sich? Die kleine Abend- unterhaltung ist Ihnen doch wohl bekommen? Wissen Sie, Liebste, daß Sie mit Ihrem entzückenden Gesang gleich einen großen Erfolg errungen? Unferm guten General Bobrinsky haben Sie völlig den alten Kopf verdreht; hat sich's fest in denselben hineingesetzt: Sie müßten eine Prima-Donna werden, und um Sie durch mich dazu bestimmen zu lassen, hat er mir gestern eigens einen Besuch gemacht. Ist das nicht köstlich? Aber Scherz beiseite, er ist nicht ohne Sinn, der Vorschlag des guten Alten. Auch Magini und ich sind Ihres Erfolges auf der Bühne sicher, wenn sie ihre Ausbildung auf dem hiesigen Konservatorium vollenden wollten?" Clarita schüttelte lächelnd den Kopf, das Einzige, was ihr bisher bei dem Wortreichtnm ihres eleganten Besuches zu thun möglich gewesen. Nun, da Frau v. Sarafin gezwungen war, Atem zu schöpfen, wies sie bescheiden, aber entschieden jenen Vorschlag ab. „Mich verlangt nicht nach dem lauten, rauschenden Leben einer Sängerin" — sagte Clarita leise. „Ich wünsche nur, so lange meine Familienverhältnisse es gestatten, von einer gesicherten Stellung aus hier Land und Leute ein wenig zu studieren und im Austausch dafür mit meinem Talente anderen so viel zu nutzen, als ich es eben vermag." Wohlan, meine Liebe, auch in dieser Hinsicht habe ich Anerbietungen für Sie — denn ich sagte Ihnen ja schon, der Eroberungen haben Sie gleich mehrere letzten Abend gemacht. — Gräfin Chilkow bietet Ihnen ein brillantes Engagement in ihrem Hause. Deren kleine Tochter in der Musik zu unterrichten und die etwas leidende Gräfin bei ihren zahlreichen Gesellschaften zu unterstützen, resp. für sie zu repräsentieren, das soll Ihre ganze Aufgabe bilden. Und ich darf Sie versichern, Mademoiselle, es wird eine angenehme sein. In dem Chilkow'schen Palais wird man Sie mit aller Rücksicht behandeln, und Sie werden dort mehr, als irgend sonst wo, das glänzende Petersburger Leben in vielseitiger Gestalt kennen lernen. Die Gräfin macht ein großes Haus, sie bietet ihrem zahlreichen Bekanntenkreis außerordentliches trotz ihrer zarten, leicht erregten Nerven. Dieserhalb sucht sie eine geeignete Unterstützung. Solche zu leisten, sind Sie gerade wie geschaffen. Meine Freundin hat Sie bei mir gesehen Und war sofort entschlossen, Sie für ihr Haus zu gewinnen. Welche Anforderungen Sie stellen wollen, überläßt sie vollständig. Ihnen. Doch eines noch, meine Liebe. Ehe Sie mir antworten, muß ich, wenngleich Ihre Wahl kaum zweifelhaft sein kann, doch meinerseits einen Akt der Gerechtigkeit üben, um des Versprechens willen, das ich Nikolai Pawlowitsch Karin gab. Sie erinnern sich Herrn v. Karins, der Ihnen bei mir vorgestellt wurde? Nun, er hat von Ihrer Absicht, die Stelle einer Gesellschaftsdame anzunehmen, bei einer Frau v. Ornatoff gesprochen, sie daraufhin den Wunsch geäußert, Sie kennen zu lernen, um Sie eventuell als ihre Gesellschafterin zu gewinnen." Clarita stockte förmlich der Atem. Frau v. Ornatoff! Hatte sie recht gehört? 5zatte die Fürstin wirklich den Namen genannt? Sie wollte fragen und konnte es nicht. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Ihr lebhafter Besuch gab ihrem Schweigen eine andere Deutung. „Freilich" — fuhr sie eifrig fort — „nach dem Anerbieten Eudoxia Petrowna Chilkows zerfällt das der Ornatoff eigentlich von selbst; ich mußte nur seiner erwähnen, da! ich das versprach." „Lebt Frau v. Ornatoff gleichfalls in Petersburg?" brachte Clarita jetzt endlich mit gewaltsam erzwungener Fassung hervor. „Ja! Das heißt, sie will diesen Winter in der Hauptstadt verbringen. Erst vor zwei, drei Tagen ist sie aus dem Auslande zurückgekehrt, wo sie ihr Witwenjahr verbrachte. Sie verlor ihren Gatten vor etwa anderthalb Jahren auf ihrem Gut in der Steppe, wo sie die letzten Jahre lebte während ihr Haus hier verödet stand. Diese Saison wünscht sie Augenscheinlich dasselbe wieder der Gesellschaft zu öffnen, wenigstens in kleinem Maßstabe, worüber ich mich keines!- Wegs wundere. Die Ornatoff ist noch jung, und wie ich sie aus ihrer Jugendzeit kenne, mag ihr die Landeinsamkeit an der Seite tineS alten, kränklichen Gemahls schwer genug geworden sein. So entzog sie sich derselben, sobald sie konnte, um im Auslande Zerstreuung zu suchen, was sie nun hier wohl fortzusetzen gedenkt, dennoch würden Sie bei ihr lange nicht das mannigfaltige! Leben, den interessanten Gesellschaft 47 Mein Modell. Bon Marja Dnlebiankck (Nachdruck verboten.) Eines Tages empfing ich einen Brief folgenden Inhalts: „Gnädigste! In kurzer Zeit komme ich nach Warschau, tun die Bitte, die ich im heutigen Brief ganz ergebenst vortrage, zu wiederholen, und näher zu besprechen. Ich bitte, nein — ich flehe Sie an, haben Sie die Güte, mir auf Leinwand einen Engel (hier folgt Vor- und Zuname des Engels) zu verewiglichen, in dessen Augen ich unaufhörlich schauen möchte. Keiner männlichen Hand kann ich dieses zarte Wesen, diese weiße Lilie anvertrauen, die der süßeste Traum meines Lebens ist, — deshalb wende ich mich an Sie, Gnädigste. Ich bin sicher, daß Sie den ganzen Zauber dieser überirdischen Erscheinung empfinden werden; indem Sie meine Bitte erfüllen, verpflichten Sie mich nicht allein für das ganze Leben, sondern Sie verschaffen auch sich selber ein Vergnügen; denn es kann wohl für einen Künstler keinen höheren Genuß geben, als ein Ideal von Schönheit vor sich zu haben. Empfangen Sie die Versicherung usw. Witold R . . Rechtsanwalt in Lublin,^ Der Name war mir gänzlich unbekannt. Wer was lag daran? Plötzlich einen Engel anstatt eines Modells' zu erhalten, ton ein Porträt gebeten zu werden, nach welchem man sich sehnt, wie nach einem Regentropfen in der Wüste: — was sollte man sich besseres wünschen? Ich! wartete Nicht lange. ' Nach einigen Tagen erschien in meinem Atelier zwar noch nicht der Engel, aber sein Verkünder: ein kleines, hageres Männchen mit einer Brille auf den guten, grauen Ungen, und mit einer sehr leisen Stimme. „Ich bin Witold R.. ., Rechtsanwalt aus Lublin", flüsterte er, „vor einigen Tagen hatte ich die Ehre, tot Sie wegen des Porträts zu schreiben . „Ach, das sind Siel Ich gestehe, daß ich Sie mit Ungeduld erwartet habe. Ich gratuliere Ihnen zu einer so schönen . . . Freundin,' wahrscheinlich! Ihre Braut?" Er wurde ganz vot bei der Erwähnung der schönen Braut, und konnte vor Erregung lange kein Wort her- porbringen. „Gnädigste", stammelte er verwirrt, „ich kann 'Ihnen nicht sagen . . es ist etwas Ungewöhnliches. . . ■in der That . .. . Sie werden es sehen, sich Wer-, geugetr, es, ist ein Engel." Und wieder verging ein verlegenes Schweigen, bevor ich an bestimmtere Fragen herantreten konnte: wo hielt sich dieser Engel auf? wo war jener Himmel, den er bewohnte, und wann würde er meine Schwelle betretet:? „Gnädigste, es ist eine sehr zarte Angelegenheit .. , Ich weiß nicht . ob Fräulein Märtha wird posieren wollen. . , ." „Wie, Sie haben sich dessen nicht versichert?" „Nein, meine Gnädige. Erstens ... ich . . . ich würde tzs uidjt wagen, sie um irgend etwas' zu bitten . . ."- „Was ist da zu thun?" „Wenn Sie vielleicht so freundlich wären, und von sich .aus v . .?" „Wer ich kenne doch Fräulein Martha nicht; ich denke, daß sie Ihnen als ihrem Bräutigam es wohl Nicht abschlagen ivürde, ein wenig Zeit für die Porträt- sitzungen zu opfern." „Nein, aber , . eigentlich! ja . . . Fräulein Martha ist noch gar nicht meine Brut. . ? ich! stehe gerade im Begriff, mich ihr zu erklären", fügte er mit ganz leiser, unhörbarer Stimme hinzu. Das ist, eine nette Sache, dachte ich!; — womöglich bittet er mich noch, ich soll ihr in seinem Namen die Liebeserklärung machen. „Und deshalb' möchte ich eben 7. ? ich will Ihnen alles ganz kurz offen bekennen • . - daß es heimlich geschehe ... ich möchte sie überraschen . . . wem: sie mein Haus betritt, soll sie sehen, daß sie es seit langer Zert bewohnt." Durch den Vorhang fiel ein Sonnenstrahl, und beleuchtete sein Gesicht, das so sorgenvoll und ratlos in seinem Verliebtsein, war, daß ich mit ihm Mitleid MM „Nun gut, ich kann es versuchen. Ich will Fräulein Martha darum bitten, vielleicht gelingt es mir, vielleicht schlägt sie es mir nicht ab. Wo aber kann ich sie sehen?" Nach ziemlich langen Beratungen stellte es sich' heraus, daß wir gemeinschaftliche Bekannte hoben, bei denen auch Fräulein Martha verkehrte; es blieb also dabei, daß wir uns dort begegnen sollten. Bald darauf erhielt ich eine Einladung von der Familie G. mit dem Postskriptum: „Fräulein Martha wird auch dort sein". Schön, ich mache mich recht fein, und gehe hin. Als ich in den hellerleuchteten Salon der Familie G. trat, wo bereits viele Gäste versammelt waren, und musiziert wurde, fühlte ich mich von einer ungewöhnlichen Erscheinung getroffen, und blieb an der Thür stehen: an dem Flügel, der in die Mitte des Zimmers gerückt war, saß ein Jüngling mit zerzauster Mähne, und spielte. Hinter dem Klavier stand an der Wand ein junges Weib mit ohnmächtig herunterhängenden Armen, unbeweglich, bleich, wie eine in Marmor gehauene Statue, nicht wie eine lebendige Gestalt. Die Lichter am Klavier brannten nicht, nur die Wandlampe, die ziemlich hoch hing, warf Licht auf ihre Stirn, während sie aus die tiefliegenden Augen schwarze Schatten legte, sodaß diese geschlossen zu sein schienen- Die schönsten Nymphen, die je gemalt wurden, haben keine so wundervolle, goldig matte, durchsichtige Gesichtsfarbe, so purpurrot glühende Lippen, so tiefschwarzes, weich gewelltes Haar. Sie stand da, und hörte mit so stillem, fast gleich- giltigem, und doch - so beredtem Ausdruck zu, dem Ausdruck einer beruhigten, jedoch unergründlichen Tiefe. Als ich sie sah, vergaß ich) wozu ich gekommen war, vergaß Fräulein Martha, und ben ganzen Schwarm von Bekannten und Freunden . .. Als die Musik aufhörte und die Wirtin mir entgegenkam, und schon von weitem fragte: „Nun, haben Sie Ihr Modell schon gesehen?" da wußte ich im ersten Augenblick nicht, um was für ein Modell es sich handelte. „Ach so, Fräulein Martha, nein, ich hatte noch keine Zeit, sie zu suchen, da mich eine andere Erscheinung völlig gebannt hatte." Und ich zeigte ihr jene Marmorstatue, die noch auf derselben Stelle stand, jetzt aber von einem Schwarm junger Leute umringt war. „Was für eine schöne Gestalt! Wer ist das?" „Das ist doch eben Fräulein Martha." „Tas ist Fräulein Martha?! Jst's möglich?'< „Warum denn?" „Ach, wie bezaubeud! Bitte, machen Sie mich so schnell wie möglich mit ihr bekannt." O, Herr Rechtsanwalt aus Lublin, ich habe Ihnen garnicht einen so feinen Geschmack zugetraut! Aber Sie sind wohl nicht gut angenommen; denn diese Sonnenblume wird doch nicht in Ihrem bescheidenen Gärtchen blühen. Ich hatte sie so lange beobachtet, und es war mir nicht im geringsten eingefallen, daß es eben der gesuchte Engel sein konnte! Wer es ist ganz, natürlich, ich habe mir b en Engel, wenn auch nicht mit Flügeln, so boch mit einem Heiligenschein von hellen Zöpfen, mit blauen Augen, einem rosigen, süßlichen Gesichtchen, unb einem schmächtigen Körper vorgestellt. So habe ich mir ungefähr Herrn Witolds Ideal gedacht. Wer diese schöne, schwarze, dämonische Herodias, die zugleich mit der Majestät der Ruhe imponierte, hatte durchaus nichts Engelhaftes an sich. Vielleicht hat sie gerade deswegen Herrn Witold bezaubert, der selber schmächtig und unansehnlich war. Diese Betrachtungen unterbrach die Wirtin, die sich für die Porträt-Angelegenheit am meisten interessierte^ und mir Fräulein Martha soeben zuführte. Die Begrüßung, Vorstellung, ein wenig Entzücken von der einen, ein süßes Lächeln von der andern Seite —5 dieser Anfang ließ das beste hoffen. Die begonnene Unterhaltung setzten wir im andern Zimmer fort, und schlossen dieselbe auf dem kleinen Sofa, unter einer Palme, folgendermaßen: „Sie fageu, mir also einige Sitzungen zu?" "Recht bald?" „W ann Sie bestimmen." „Also morgen?" 48 „Meinetwegen morgen." Fürwahr, ein Engel — der reine Engel! Ein schwarzer zwar, aber offenbar gießt es auch solche. Ohne alle Redensarten, kurz und bündig: ja, und die Sache war erledigt. Diese, kurze, schnelle Erledigung aller irdischen Angelegenheiten war ein sehr wesentlicher Zug im Charakter des Fräulein Martha. Sie kam täglich zu mir, blieb oft stundenlang, aber sie sprach meistens sehr wenig, sehr oft garnichts. Sie Pflegte sich auf ihren Platz . zu setzen, immer gleich blaß, kalt, in Gedanken Verloren, und so wunderbar schön, daß ich mich ihr gegenübersetzte, und mit den Pinseln in der Hand, sie nur ansah, ivie man ein großes Kunstwerk betrachtet, und nicht ein lebendiges Wesen- Ich hatte einfach nicht den Mut, an die Arbeit zu gehen. Die Furcht, diese Schönheit zu beflecken, verhinderte mich, die Arbeit zu beginnen. Wenn auch nicht zum ersten Mal, so habe ich doch niemals so lebhaft bedauert, daß ich nicht ein Velasguez, Tizian oder wenigstens ein Sam- burger war. . . Manchmal wieder- regte mich die Arbeit an, ich trat au dieselbe heran mit dem Grundsatz: „Es geschehe, was da wolle", und ich vergaß dabei ihre Anwesenheit, auch daß ich kein Velasquez oder Tizian, und daß sie ermüden könnte. Sie klagte weder, über Müdigkeit, noch verriet sie irgendioelche Ungeduld. Einen sonderbaren, unbeschreiblichen Reiz hatten diese unsere Sitzungen. Das Eigentümliche bestand besonders darin, daß wir, wenn wir uns unterhielten, was doch ziemlich selten der Fall war, über Dinge sprachen, die sich nahestehende oder seit langer Zeit befreundete, mit den gegenseitigen Lebensschicksalen vertraute Personen sagen- Doch wußten wir nichts von einander. Niemals hatten !vir eine persönliche Frage berührt, sodaß ich nach längerer Bekanntschaft weder ihre Familienbeziehungen, noch ihre Verhältnisse oder ihre Jugend kannte, — also nichts, was Wirklichkeit bedeutete- Ich wußte nicht einmal, womit sie sich beschäftigte, wenn sie nicht bei mir war. Es war mir nur bekannt, und zwar nicht durch sie, daß sie sehr schön Klavier spiele. Und außerdem wußte ich auch, daß Herr Witold R- nm ihre Hand anhalten wollte. DaS war alles- Herr Witold R- kam von Zeit zu Zeit, das Bild zu sehen. Jedesmal war er von neuem bei seiner Betrachtung gerührt. „Ja, ja, das sind diese Augen - . . ihre Augen" — wiederholte er ganz träumerisch, als spräche er mit sich selber, und reiste wieder ab- Eines Nachmittags, als das Porträt beinahe fertig war, erschien bei mir ein rothaariger Herr von äußerst uuangeuehmem Aeußeru, stellte sich vor, und bat mich um die Erlaubnis, das Porträt des Fräulein Martha sehen zu dürfen; als er sah, wie sehr mich seine Bitte in Erstaunen gesetzt hatte, fügte er hinzu: „Ich erlaube mir, Sie als ein um Fräulein Martha Werbender zu bitten." Da habt ihr's! Ein zweiter Freier. „Wenn es so ist, dann bitte." Ich fiihrte ihn in das Atelier, und zeigte ihm das Porträt. Er betrachtete es unaufhörlich in der Nähe, von weitem - . . „Wieviel verlangen Sie für dieses Porträt?" „Dieses Porträt ist nicht zu verkaufen." „Wird es das Eigentum der gemalten Person sein?" „Ich wiederhole Ihnen: es ist nicht zu verkaufen." „Würden Sie mir nicht eine Kopie des Porträts machen?" „Auch das kanu ich Ihnen ohne die Bevollmächtigung der iuteressierten Personen nicht versprechen." „Und wenn diese damit einverstanden sind?" „Menn sie einverstanden sind, was ich jedoch kaum glaube, dann will ich Ihnen gern eine Kopie machen-" Er ging fort- Die in der Sache interessierten Personen waren: Herr Witold und Fräulein Martha. Meinen Vermutungen entgegen waren sie beide einverstanden. Herr Witold deshalb. weil er ein so gutes Herz hatte, das nicht im stände war, irgend jemand etwas, zu verweigern, Fräulein Marthai aus Gleichgiltigkeit, die bis an die äußerste Grenze der Möglichkeit gerückt war- Als ich mit ihr über diese Kopie sprach, fragte sie nicht einmal wozu? für wen? „Sagen Sie. mir doch", riskierte ich schließlich sie zu fragen, „heiraten Sie überhaupt, und wen heiraten Sie?"- „Jawohl, ich heirate . . . Wen? ... Ich habe einige Freier, wahrscheinlich werde ich denjenigen heiraten, der zuerst förmlich um mich anhalten wird"," fügte sie nach langer Pause ruhig, und bestimmt hinzu- Ich sprang vom Stuhl auf. „Jst's möglich? Sie überlassen das dem Schicksal? . . . Ihre Zukunft, Ihr Glück?" „Man kann iveder die Zukunft noch das Glück erraten."1 „Ja, aber wenn man mit dem Herzen wählt, so gießt man diesem Glück wenigstens einige Aussichten." „Ich liebe keinen von diesen Herren, kann also nicht mit dem Herzen wählen." „Warum heiraten Sie dann?" „Die Umstände meines Lebens fügen es so." O Menschenherz, du rätselhafte Sphinx! O Leben, deine schönsten Blumen gelangen in die Hände des ersten Besten, der da des Weges kommt; du nährst die Tugend! anstatt mit Frühlingsreizen mit Bitterkeit! Nachdem Fräulein Martha diese Erklärung gegeben' hatte, die ein bitteres Geheimnis barg, empfand ich! eine rasende Lust — da ich zwei Kandidaten kannte —‘ Herrn Witold zu veraulassen, seine Werbung zu beschleunigen. Gleichzeitig aber fühlte ich, daß ich! zu einer solchen! That kein Recht hatte. Möge das Los entscheiden! Und das Los. entschied- Aber , weder so, wie Fräulein Martha vielleicht voraussah, noch so, wie ich! es wünschte.- Fräulein Martha hat sich zwar verheiratet, aber weder mit Herrn Witold, noch mit dem Herrn mit dem roten Bart; sie heiratete — einen dritten. Ob sie ihn aus! Liebe geheiratet hat, oder weil er der erste war, der sich; ihr erklärt hat, das weiß ich nicht- In gewisser Hinsicht ist der Gerechtigkeit genug geschehen: Der eine der Kandidaten erhielt das Porträts der zweite die Kopie, und der dritte — das Originals Vklhagen & Klastngs Monatshefte. Das Januar-Heft 1902 von Velhagen & Klasingsi Monatsheften bringt unter der Rubrik: „Vom Schreibtisch und aus dem Atelier" sehr interessante Erinnerungen, des Generals der Infanterie Freiherrn Colmar von der Goltz aus den für die Türkei so bedeutungsvollen Tagen, in denen Mefer ausgezeichnete Offizier als Goltz- Pascha im Dienste des Snltans stand. Der Aufsatz heißt: „Verlorene Gelegenheiten" und handelt von dem. Handpreich in Philippopel (1885), durch den die Türkei die Provinz Oftrumelien an Bulgarien verlor. Unter den illustrierten Aiifsätzen des Heftes sei in erster Reihe der Artikel: „Künstlerfeste" von G. von Lieres und Wilkau geiiannt. Er berichtet in Wort und Bild von den interessantesten Künstlerkesten. die im Laufe der letzten Jahrzehnte von den Künstlern unserer Kunststädte als solchen oder von einzelnen Künstlern gegeben wurden. Ein zweiter Aufsatz von Dr. G. Poelchau ist dem „S ch l i t t s ch u h l a n f" gewidmet. Mit großem Interesse wird man auch von dem Artikel von Carl von Vincenti: „Die Hofbnrg in Sten' Kenntnis nehmen. Die „I llu str i e r t e Rundschau" enthält wieder viel Kunstgewerbliches. Aus dem sonstigen Inhalt des Heftes sei noch auf: „Gustav Stoßt'opf und das Elsässische Theater" hin- getoiefen. _____________ Kreuzcharade. (Nachdruck verboten.) 12 bezeichnet mancherlei, *) 3 4 trägt grüne Blätter, 3 1 für Mädchen ein 1 2, 3. 2 3 ein Teil der Erde, A 4 1 fließt in Sibirien, 4 3 sei nie dein Beutel. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Charade in vor. Nr.r Fallschirm. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.