Montag den 21. Juli Nr. 10?. W jffl H 777TM 'W/fittiöÄäM l! uHoöK: U! fl (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Frau Stroppa ging so weit zu sagen: „Natta ist nicht normal. Sie kommt mir gerade nicht wie ein richtiger Mensch vor", und dann nannte sie sie immer „Wechselbalg". Auch Almas Nerven schienen auf irgend einer Folter zu liegen. Sie war furchtbar reizbar, und ihre Untergebenen hatten böse Zeiten. Irgend eine Ungeduld oder eine große Anstrengung, die Maske äußerlicher Ruhe zu bewahren, schien sie zu peinigen. „Ist es ein Wunder?" Pflegte ihre Mutter zu Frau Stroppa zu sagen. „Pauls Rücksichtslosigkeiten können ein Lamm rasend machen!" Pauls Rücksichtslosigkeiten bestanden hauptsächliche in dauernder Abwesenheit. Eine wahre Arbeitswut schien ihn erfaßt zu haben. Von Morgengrauen bis in die Nacht hinein war er in seinem Beruf thätig, er versäumte fast täglich die Stunden gemeinschaftlicher Mahlzeiten und niemals hörte man ihn über Hitze oder Strapazen klagen. Für gesellige Vergnügungen, Ausfahrten und Besuche war er nicht zu haben, gegen die Sticheleien seiner Schwiegermutter blieb er vollständig taub oder gab ihr hin und wieder eine energische Antwort, die sie für längere Zeit zum Schweigen brachte. Es war an einem ganz besonders heißen Augusttage. Vor den Thoren des Brantikower Gehöfts heulte von früher Morgenstunde an eine Dreschmaschine und dort konzentrierte sich heute die Tagesarbeit. Paul Lehmigke stand dort bei seinen Leuten, mitten in dein erstickenden Staub und Qualm, im glühenden Sonnenbrand des freien Feldes. Er war bestaubt und tion Rauch geschwärzt wie seine Arbeiter, der Schweiß perlte ihm von der Stirn, und es kam ein Augenblick, wo er sich ermüdet auf einige Bund Stroh setzte, um auszuruhen. Und plötzlich überkam ihn eine grenzenlose Lebensmüdigkeit. Gr hatte in all diesen Wochen mit Riesenkraft jedes Gefühl niedergekämpft, er hatte sich blind und taub gemacht gegen alles, was außer dem Bereich feiner Ber- standsthätigkeit lag, aber jetzt kam die Reaktion. Gin Ueberdruh am Leben, ein förmlicher Ekel vor dieser Existenz überkam ihn wie eine Verzweiflung. Wozu dies Arbeiten und Sichmühen, wozu dies rastlose Schaffen, wenn man sich nicht eine einzige Stunde Glück damit verschaffen kann? War nicht sein ganzes Leben ein trostloser Irrtum? Von Jugend an war das Leitmotiv seines Strebens das Ringen nach dem materiellen Erfolg. Jetzt hatte er, was er wollte. Gold, nichts als Gold. Und doch muß er Hungers sterben! Der Hunger, der ihm am Marke frißt und in seinen Eingeweiden wühlt, ist schlimmer als der Hunger nach! Brot. Die stolzen Mauern des Hauses, das er auf felsenfestem Grund aufgebaut, spotten seiner. Sie werden ihm! nie ein liebes Heim sein. Er hat Güter und viele stattliche Besitztümer — aber keine Heimat. Und er hat kein Herz, das ihm gehört, ihm ganz zu eigen. Die harte, nüchterne Arbeit seines Lebens hat den Zauber von ihm gestreift, der Liebe gewinnt, jene Liebe, von der er einmal geträumt hat, und ohne die er bet seinen Geldsäcken hungert. O, die glücklichen Thoren, die nie dem harten, unerbittlichen Gott, dem Vorteil gedient haben, die nur den Dienst des Herzens und den Kultus des Schönen kennen! Sie begehen tausend Irrtümer und Thor- I)eiten, aber sie sind nimmer liebenswert, sie besitzen den Zauber, der einzig und allein den Reiz des Lebens ausmacht, und ohne den das Dasein so nüchtern und häßlich ist, wie das verdorrte, ansgekehrte Stoppelfeld, das ihn umgiebt. Stieren Auges blickte der arme, reiche Mann in das Getümmel, das ihn umgab. All diese .Hände regen sich-, all diese Menschen und Tiere plagen sich, um Geld in seinen Beutel zu füllen — Geld, nichts als Geld! Und so wird fein ganzes, zukünftiges Leben diesem Bild gleichen. Harte Arbeit in Staub und Mühsal, unter einem verschlossenen Himmel, der keinen Tropfen Erquickung, kein Labsal für ihn hat. Er dachte an sein verstorbenes Kind, an das arme, kleine Wesen, das unter einem herrlichen Marmordenkmal auf der Stätte schlief, die er als Erbbegräbnis auf dem Dorfkirchhof gekauft hatte. Er war lange nicht am Grabe gewesen, er wollte doch einmal sehen, ob es gut gepflegt war, ob der Gärtner feine Befehle in betreff der Anpflanzungen ordentlich ausgeführt hatte. Als er die Dorfstraße hinunterging, sah er den Wagen des Arztes vor Graumanns Hause halten. Frau Graumann trat eben mit dem Doktor zur Thür heraus, wo sich der letztere verabschiedete. Paul blieb stehen, und fragte grüßend, wer krank sei. ' Er erfuhr, daß der alte Graumann seit einigen Tagen an einer schweren Erkrankung darniederliegc, die er sich durch kaltes Trinken nach zu großer Erhitzung zugezogen hätte. Der Arzt hatte wenig Hoffnung für ihn. „Ach, Herr Lehmigke", schluchzte Frau Graumann, nachdem der Doktor fort war, „mein armer Mann hat nur noch einen großen Wunsch, und ich kann ihn nicht erfüllen. - „Und das wäre?" , „Er möchte so gern Fräulein Trautchen noch einmal Wiedersehen, ehe er stirbt. Er hat unser Fräulein immer so lieb gehabt, er war schon bei ihrer Taufe, und hat sie als kleines Ding auf den Armen getragen, sie ist ihm so 426 Fräulein ich da — Wie gewöhnlich saß Traute ausruhend auf dem alten Gemäuer des Brückengeländers, und freute sich ihres Feierabends nach der langen Haft im Kontor, als plötzlich eine Magd eisig über die Wiese gelaufen kam. „Fräulein", rief sie schon von weitem, „Fräulein möchten schnell nach Hause kommen, es ist Besuche da — em Herr —" Die drei Damen in Kienberg hatten unterdessen stille arbecksame Wochen verlebt. Hulde und Traute feilten iftrp W ihren neuen Beruf, und obgleich ihnen zuerst die ausdauernde Arbeit, das Mutz ihrer Vflicliten schfoer wurde, empfanden sie doch große Genuglhuung Hulde hatte die Kasse und die Wirtscbasisbücbpr fiir f außerdem alle Pflichten einer igaussrau. Die Briefe an Egon wurden nur nnrh ben ^eierabendstunden ^geschrieben, denn sie nahm ihre lttntoiffe°unher&^n6' b“ Mangel praktischer « f Erfahrungen sehr fühlbar wurde, machte ne sürs erste eme ordentliche Lehrzeit durch bei her Au,t9e Frau des Fabrikführers, eine außerordentlich ■2tl’a.^te l'and weniger Schwierigkeiten in der Aus- Fed^ unbC lw war gewandt mit der aearbeitet l^^^^ " tn ben Geschäftsstil ein- üfiSp SS; 'Vf-«ulWe lt)r die Korrespondenz und nur L9CfoS6eret bte Fabrik keine große Anstrengung, der anhaltenden Arbeit, den sie nicht i gewöhnt war, siel ihr oft entsetzlich schwer Taa Hlr ‘Sm» i von Morgens bis Abends, mit der geringen lsiiterbreckmna der Erholungsstunden, in dem kleinen Kontor der Fabrik fö Pfren and trockne Geschäftsbriefe und stahlen m schreiben, war nicht so leicht, wie sie es sich in ihrer ^ea Begeisterung für ihren Beruf vorgestellt hatte. freie, müßige Leben, das sie gewöhnt war ließ I Natur aufbäumen gegen diesen Zwang ' und ! E Mtte sie mit tätlicher Müdigkeit und Abspannung zu kämpfen. Dann wurden ihr der Schreibstuhl ui!d das । Sie war ganz außer Atem, und als sie sah, daß Traute ihrem Ruf folgte, kehrte sie um, und lief ebenso schnell davon, wie sie gekommen war. v Traute hätte fast aufgeschrieen vor Freude. Sie dachte an niemand anders als an Paul Lehmigke. Ihre Kniee versagten jedoch fast vor Schreck, als plötzlich zwischen den Weiden am Ufer Camills hohe Gestalt auftauchte. Langsam ging sie ihm entgegen. „Du hast mich nicht erwartet, Traute", sagte er, »aber, was ich Dir zu sagen habe, konnte ich nicht schriftlich abmachen." Er hielt ihre Hand fest, und beide standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber. Eine große Enttäuschung wirkte lähmend auf Traute. „Ich kann es Dir gleich hier sagen", fuhr Camill fort, ,,vielleicht find wir hernach nicht mehr so ungestört. Du hast mir den Abschied gegeben, und ich durfte es Dir mcht übel nehmen, denn kein Mädchen bringt gern ferne ganze Jugend mit Warten zu. Aber daß Du Dich von r dem Schnapsritter hier umgarnen ließest, das hätte ich selbst Deiner Unerfahrenheit nicht zugetraut." w "Was meinst Du?" fragte Traute, und ihre Stimme klang hohl. „Ich kann, nur eins meinen. Gr hat Deine Notlage benutzt, um Dich ganz in seine Gewalt zu bringen. Er war ja von jeher bis über die Ohren in Dich verliebt. Denn wenn solch ein Geldsack ein Mädchen ohne einen Wen- ans Herz gewachsen, tote ein eigenes Kind. Sie wär ja immer so sieb und gut zu uns alten Leuten. Und nun ist sie tont fort, und mein armer Mann muß sterben, ohne ihr Lebewohl sagen zu können." Paul stand einen Augenblick stumm und nachdenklich. Daun sagte er mit einem plötzlichen Entschluß: ,. "Ho- werde an Fräulein Traute sofort schreiben, daß sie sofort herkommt. Natürlich als mein Gast. Oder ich werde telegraphieren, da es Eile haben könnte." Frau Graumann war ganz überwältigt von dieser Güte. Sie erbot sich, graute bei sich zu logieren, wie sie schon einmal gethan hatte. Aber davon wollte Lehmigke Nichts wissen. d Das bringe zu viel Unruhe in ein Haus, wo ein Schwer- kranker sei, und sie habe genug mit der Pflege ihres Mannes zu thun. , t,.®r S"ig sofort nach Hause, um feinen Vorsatz aus- Sufuhren Nachdem er ein ausführliches Telegramm auf- gegebcn hatte, suchte er feine Frau auf. Er fand Alma und Natta in den Wirtschaftsräumen wo sie mit dem Ginmachen von Früchten beschäftigt waren totner e* die zornige, scheltende Stimme ”4? '* 9eto*en ei8briM™ °m«n Natta hatte eben sämtliche Etiketten zu den Reine- nfffpw" auJ Eser mit den eingemachten Pfirsichen vst,b bekam eine gehörige Lektion. Auch die Wirtschafterin heulte, denn es ging heute wieder einmal scharf I fier bte öeinfte Unordnung entging den Blicken einest Wft5 • ei-Ae süchtige Hausfrau, es war! fY,‘e U ' stDte tfjr bte Arbeit unter den Händen | Mr' 4ie ?aSt urvße Personal ihres vielseitigen Dstst, basies dirigierte, so daß jeher und alles an seinem I Btuii^«1rp?yS„etWal überrascht aus bei der Mit- bemerkte^ie? ® W ' Uttb nut etlIeln fatalen Lächeln , »Wie rührend, daß der alte Mann so aroße ©efin hießt I 6at! — 4VW vivrgen ein Zimmer für Fräulein I er6'Tt $~ben' .ltnb Pe höflich aufnehmen?" sagte | ihr Gatte itm Ton einer Frage. 1 B ! „Meinetwegen mag sie kommen, ich habe nichts da- I gegen tvar die scheinbar gleichgiltige Antwort ,Aha! sagte die Kommerzienrätin nur, als sie I bau Trautens bevorstehendem Untreffen hörte. Es war ! ein sehr ausdrucksvolles „Aha", Achtundzwanzigstes Kapitel. I Pult zu wahren Marterinstrumenten, und es war, als ob die engen Kontorwände sie ersticken wollten 9 I w Aber es gäb etwas, dV ihr inttner wieder Mut, | Ausdauer und frische Kväfte versieh. Das war der Ge- I danke an Paul Lehmigke, und sein arbeitsames Leben I und der Wunsch, seinen Anforderungen zu genügen. ' Arbeit war das Geheimnis seines Erfolges, uner- I niudliche, rastlose, eiserne Arbeitsenergie. Die traurigen Nahrungen ihres Lebens hatten sie den Wert diese« I st!Ä,tfgkeck erkennen gelehrt, und sie schämte sich ihre« I Schwache. Immer wieder raffte sie ihre Kväfte und ihre Geduld zusammen, um ihm nachzustreben, um ihm Achtung und Anerkennung abzuzwingen. I r. . Sle hatte ihn so sehr vermißt, als er Kienberg ver- I In' unb - Pe freute sich auf feinen nächsten Besuch. Gr I batte versprochen, bald wiederzukommen — ob er Wort | halten wurde? I T. wurde ihr seltsam bange in der Einsamkeit c'^«^l^nthalts. Wie vergessen und verschollen fühlte sie sich — wie gefangen und verzaubert in der schweigen- I k- 7urbe« bt®Pr Walder. Als könne sie nie wieder hinaus, das Gluck me erreichen, das große, sonnige Glück, das draußen irgendwo auf sie wartete. an. üvd eine Sehnsucht wie Fieberglut Brannte in ihren Ahrrn. Erne Sehnsucht — wonach? Nach ettoaS wunderbar ! Süßem, Seligem — aber es war eine Ahnung, ein Traum. Oft kam eine tiefe, stille Traurigkeit über sie, wie um etwas Verlorenes, das sie doch nie besessen. Dann Quälte sie das feierliche, monotone Rauschen des Wehrs, dessen gewaltige Musik Tag und Nacht nicht schwiea. sprach wie eine Schicksalsstimme in alles hinein, es gab kein Verschließen des Ohres dagegen, kein Entrinnen. Manchmal, aber das war jetzt selten, überkam sie ein last ausgelassener Jubel. Dann war alles leicht, federleicht, das Schicksal und das Leben und die Arbeit. In dieser Stimmung kam sie eines Abends aus der Fabrik, und ging ihren gewöhnlichen Weg über die Brücke dem Hause zu. Der Wend war wonnig, Wiesenduft und Wasserkühle wehten ihr auf der Brücke entgegen, Kien- berg lag in einer Niederung, und die Hitze hatte es noch nicht auszutrocknen vermocht. Mit gewaltiger Triebkraft wucherten Laub und Gras auf dem feuchten Boden, und das Flußufer war eine blühende Wildnis von Baum, Busch und hohem, blumigem Gras, in das die schrägen, roten Strahlen und langen Schatten der Abendsonne sielen. — 427 ntg Vertnögen heiraten will, so hat die Leidenschaft ihn schon HM um den Verstand gebracht. Damals wurde ihm ein Strich durch die Rechnung gemacht, aber solche Leute sind zäh, sie warten ihre Zeit und ihren Vorteil ab. Mit mathematischer Gewißheit konnte er voraus- berechnen, was kommen würde, nämlich die Decadence Deiner Familie und Deine Hilflosigkeit in der Stunde der Not. Da war der Augenblick für ihn gekommen, und er hat ihn weise benutzt. Und ungeheuer schlau ist er zu Werke' gegangen. Die Respektabilität und der Schein sind gewahrt. Der Ehrenmann nimmt ja jetzt eine bevorzugte Stellung in der Gesellschaft ein, und will sich natürlich keine Bloßen geben. Deine Mutter und Schwester müssen das saubere Spiel hier decken. Wirklich, ganz allerliebst dies Arrangement. Diese weltabgelegene Wald- tdylle, die ungestörte Einsamkeit — Deine Thätigkeit in seinem Geschäft, die er natürlich kontrollieren muß, wozu häufige Besuche notwendig sein werden — wahrhaftig, der Kerl hat keine schlechte Erfindungsgabe! Ha, ha, ha!" Traute war aschfahl geworden. „Und Du meinst, daß ich mit ihm im Einverständnis handle?" „Nein,. mein Schatz, Has meine ich nicht. Dann hätte ich den weiten Weg hierher nicht der Mühe wert gefunden. Ich kenne Deine göttliche Unbefangenheit, Du hast keine Ahnung von der Gefahr. Und er hätte wohl dafür gesorgt, daß Du nicht zu früh kopfscheu würdest. Vor Deiner Mutter brauchte er keine Angst zu haben, die ist ja noch viel naiver als Du selbst." „Du irrst Dich, Camill", sagte Traute gepreßt, „Lehmigke ist ehrenhaft, er ist keiner Niedrigkeit fähig. Er ist unser Wohlthäter, ich darf es nicht dulden, daß Du ihn beschimpfst." Warum mußte sie die Augen niederschlagen bei diesen Worten, warum fand sie nicht den freimütigen Zorn, den Eamills Verleumdung verdiente? Sie hätte sich in diesem Augenblick selbst keine genaue Rechenschaft darüber ablegen können, doch ein unbestimmtes Entsetzen erfüllte fie, als entschleiere sich ihren Blicken etwas Fürchterliches. „Das ist es ja gerade", rief Camill beschwörend, „er fängt damit an, Dich durch Wohlthaten zu verpflichten, er wird damit fortfahren, Dichß durch Wohlthaten zu kompromittieren, und wenn Du genug verpflichtet und kompromittiert bist, dann hat er Dich fest! Siehst Du denn das nicht ein?" Traute sah ganz etwas anderes. Sie blickte stumm, fast starr vor sich hin. Sie standen ganz im Grün versteckt, um sie herum nichts als hängendes Weidengezweig, hohes, üppiges Gras, und das Verlöschen des Tages in den tiefen, feuchten Sch!atten des Gesträuchs. „Hier darfst Du nicht bleiben", sagte Camill heftig, »jetzt, wo Du gewarnt bist, mußt Du wissen, was Du zu thun hast ! Sonst hast Du Dir alle Konsequenzen selbst zuzuschreiben. Ich habe Dich immer noch ebenso lieb, wenn Du mir auch den Laufpaß gegeben hast, und ich konnte es nicht ertragen, daß Du so blind in Dein Verderben gehst. Darum bin ich hergekommen." (Fortsetzung folgt.) Der „Onkel aus Amerika". AW Mme. Humbert eines Tages ihren Crawford erfand und damit ihre tiefe Kenntnis der Leichtgläubigkeit ihrer Zeitgenossen bewies, rief sie nur eine neue Spielart des berühmten „alten Onkels in Amerika" ins Leben, der schon so viel Verwirrung gestiftet, Hoffnungen erweckt und Enttäuschungen gebracht hat. Namentlich in Frankreich hat es viele berühmte Erbschaften von „Onkels in Amerika" gegeben, die niemals in die Hände der Erben gelangt sind, auch wenn sie wenigstens in gewissem Maße existierten. Vor etwa zwanzig Jahren verbreitete sich das Gerücht — in der geheimnisvollen Weise, wie Gerüchte immer, ohne daß man sagen könnte, woher sie stammen — daß ein M. Dupont, der aus der Gegend von Cvurtrai stammte, in Pennsylvanien gestorben wäre. Er sollte gegen 1824 ausgewandert sein, ein großes Vermögen erworben haben Und schon vor Jahren gestorben sein, ohne ein Testament oder einen direkten Erben zu hinterlassen,, sodaß das Kaprtal mit den Zinsen ungeheuer angewachsen wäre. Natürlich zermarterten sich! sofort alle Duponts im Norden Frankreichs und auch in anderen Gegenden den Kopf, um ihre Genealogie auf den sagenhaften Dupont in Amerika zurückzuführen, und es stellten sich ganze Scharen von Erben ern, ohne daß natürlich irgend einer etwas erhalten hätte. Drei oder vier Jahre später spüach man viel von einer anderen Erbschaft, die die ungeheure Ziffer von 60Q Millionen erreichen sollte, und die ein Mann Namens Maltet, der aus Limoges stammte und als armer Mann ausgewandert war, um sich sein kolossales Vermögen in Amerika zu erwerben, hinterlassen hätte. Auch in diesem Fall sahen die zahlreichen Erben keinen roten Heller. Zahlreiche Prozesse wurden um dieselbe Zeit um die Erbschaft Colmon g eführt; der Erblasser war als ehemaliger Brigadechef der Gesellschaft von Niederländisch Indien in Batavia im Jahre 1872 gestorben und hatte eine Anzahl Millionen hinterlassen. Eine der berühmtesten Erbschaften ist die von Thiry, einem einfachen belgischen Bauern, der irrt siebzehnten Jahrhundert nach Venedig ausMwandert war und dort im Jahre 1700 starb und ein großes Kapitalvermögen, Schlösser, Schätze und eine ganze Flotte von Handelsschiffen hinterließ. Ein Inventar, das noch existiert, wurde damals von seinen Besitztümern aufgestellt, die verkauft wurden und deren Betrag in der Bank von Venedig deponiert wurde, bis die Erben ihre Anrechte in unzweifelhafter Form nach^ gewiesen hätten. Hundert Jahre später war die Frage immest noch nicht gelöst, aber Bonaparte fand, als er durch Venedig kam, eine sehr einfache Lösung, indem er sich des Schatzes! bemächtigte und damit seine Kriegskosten bestritt. Seitdem forderten die Nachkommen der Erben von der französischen Regierung die Herausgabe der Erbschaft; aber trotz der pekuniären Unterstützung, die ihnen mehrere ausdrücklich zu diesem Zwecke gegründete Gesellschaften leisteten, verloren sie ihren Prozeß vor den verschiedenen Gerichten, an die sie sich gewandt hatten. Vor fünf oder sechs Jahren beschäftigten sich die französischen Blätter viel mit einem Prozeß, den die Erben eines in Philadelphia vor etwa einem Jahrhundert gestorbenen Franzosen gegen diese Stadt angestrengt hatten. Dieser Franzose hatte bei seinem Tode ein Vermögen hinterlassen, das auf 80 Millionen geschätzt wurde, welche die amerikanische Stadt, da sich nicht sogleich ein Erbe meldete, einstrich. Aber bevor die gesetzliche Ver-i jährung eingetreten war, stellten sich Erben ein und strengten einen Prozeß an, der — noch dauert. Es sind die Erben dieser Erben, die heute von der Stadt Philadelphia die Erbschaft heraussordern, die sich gegenwärtig auf 200 Millionen beläuft. Sie haben vor einigen Gerichten gewonnen, vor anderen verloren; aber da die ganze Reihe der Prozesse noch nicht durchgesochten ist, bleibt die Millionenerbschaft in der Schwebe und bringt immer neue Zinsen, die vielleicht eines Tages die Enkelkinder der heute Prozessierenden einfordern werden. Auch zwischen der Familie de Civry und der Stadt Genf schwÄck ein Prozeß um eine Erbschaft, der über etwa 300 Millionen geht und seit über drei Jahrhunderten dauert, nachdem er bereits vor vielen Gerichten der Schweiz und Frankreich! verhandelt worden ist. Mme. Humbert, die zweifellos die Bete. Verhältnisse vieler dieser Prozesse gründlichst studiert hatte, hat begriffen, daß!, wenn es nur einen Ausgangspunkt gab, das Prozessieren lange dauern kann, und daß es möglich sein mußte, mit ein wenig Intelligenz und Kühnheit — und über beides verfügte die Dame — einen Prozeft der sich auf einem Märchen gründete, einige Jahrzehnte hinzuziehen. Der Schuster Geil. Von Paul Quilling. Der Schuster Geil in der Neugaß war e ahler Frank- forter von ächdem Schrot un Korn, gradaus derb un e bisst sehr schdark rot angehaucht. Er war en eifriger Demokrat, un dessentwege hatten auch die Bolezei e bisst ufs der Muck gehakt. Er hatt sei Häusi in der Neugaß net weit von der Schnurgaß, un wann des Wetter einigermaße war, Hatter in der Mitte Neugaß uff feint Schusterschemel gesesse un hat fest drauf los schusteriert. Jeder, der vor- iwwer gange iß, hottem zugerufen, un mit jedem Hotter sei Schuoke gemocht. Iß emol e "Fuhrwerk gekommen, Hotter sei siwwe Sache usfgepackt, Hot sich so lang in sei tzaus- dhier gefchdellt, net ohne den Fuhrmann zu schelle. Die howwen ober all gekannt un so hat sem Käaner iwwel genomme, fie hawwe gelacht un sin weiter gefahre. Im Friehjahr 185g iß e Mords-Schnee gefalle. 428 Mer wöV^.-wls von Seite der Schdadt net fo eilig mittem Fortschaffe "wie Heini. Dene Eiwohner von der Neugaß, die ja in der Mitte sehr dies leit,' warsch Angst un Bang, wanns DHauwetter eitrete dhet, gebs e Jwwerschwemmung. Da hawwese dann e Versammelung in de Mrnberjer Hof eibernfe un hawwe e Kommission gewehlt, die bei dem domolige Bolezeirat Beer vorschdellrg Wern sellt, daß die Schneemasse aus der Neugaß eweck geschafft dhete wern. Ms Schbrecher von dere Kommission hawwese den Schuster Geil proklamiert. Der Hots aach aägenomine, un ist im annern Morjend mit e paar annern Neugässer Berjer uffs Bolezei-Amt gerickt. Der Herr Bolezeirat Beer war guder Laune un Hot den Vortrag vom Herr Geil ruhig mit aageheert, uet ohne emal zu lächeln, denn die drollig -Oort von dem redde- gewandte Schuster hotten amtsiert. Wie dann der Neddner sein Vortrag mit de Worde geschlosse hat: „Denkese nor emol, Herr Rat, wanns schnell DHauwetter gewwe dhet, deß llnglick, ganz abgesehe von der Säuerei un dem Dreck", da hat der Herr Rat gesagt: „Nun beruhigen Sie sich, meine Herren, ich werd dorfür sorge, daß der Schnee fortgeschafft wird." Da hawwe sich die Berjer bedankt, hawwe ihr Kratzfieß gemacht, un oer Letzte, der die Dhier enauswollt, war der Schuster Geil. Da hats den Bolezeirat gekitzelt, und er hat dem ihm wohlbekannte „Rote" nachgerufe: „Na, Herr Geil, was macht denn die Politik?" Da hat sich der Herr Geil mit Wirde umgedreht un gesagt: „Herr Rat, die Boledick ist mei Sach, un der Dreck in der Neugaß ist Ihne Ihre Sach." (Aus dem nächstens erscheinenden Quilling'schen Merkchen: „Krethi und Plethi".) VevMrschtss. Schmerz- und blutloses Zahnziehen. Die häufigste und dabei nicht am wenigsten gefürchtete aller Operationen, das Zahnziehen, scheint einem neuen und gewiß von vielen ersehnten Fortschritt entgegenzugehen. Der überaus heftige, wenn auch in normalen Fällen vorüber^ gehende Schmerz während des Herausbbechens eines Zahnes wird selbst von den mutigsten Männern als eine recht unangenehme Zugabe zu ihrem Lebensschicksal betrachtet, und dadurch hat sich das Streben der Zahnheilkunde frühzeitig auf seine Vermeidung gerichtet. Seitdem der Engländer Horace Wells im Jahre 1844 zum erstenmale zur Linderung des Schmerzes beim Zahnziehen Aether zur Anwendung brachte, sind unzählige Mittel zu dem gleichen Zwecke versucht und angepriesen worden. Die beliebtesten sind heute gewisse Betäubungsmittel, wie Lachgas, Cocain, außerdem besonders die Lösung, die von dem bedeutenden Chirurgen Professor Schleich gesunden und nach ihm benannt worden ist. Gegen alle diese Mittel läßt sich einwenden, daß sie teils nicht ohne Gefahr für die Gesundheit, teils in ihrer Wirkung nicht ganz zuverlässig sind. Im besten Falle erzielen sie aber nur die Stillung des augenblicklichen Schmerzgefühls, nicht aber die für Blutarme überaus schädlichen Blutungen. Der Berliner Zahnarzt Fritz Möller ist nun aus einen Stoff aufmerksam geworden, der nach den bisherigen Prüfungen zu weit höheren Erwartungen berechtigt und vielleicht eine besondere Mission in der Zahnheilkunde zn erfüllen haben wird. Es ist ein aus den frischen Nebennieren von Kälbern und Rindern gewonnenes Präparat, über dessen eigentümliche Eigenschaften Professor Rodenberg kürzlich in der Berliner Larynkologischen Gesellschaft folgendes gesagt hat: „Auf die Schleimhaut der Nase gebracht, erzeugt das Extrakt eine solche Blutleere, daß jene vollkommen weiß erscheint; auf dieser Blutleere beruht wohl auch gleichzeitige Herabsetzung der Empfindlichkeit. Zusammen mit Cocain bewirkt es eine in die Tiefe bis aus den Knochen dringende Unempfindlichkeit gegen Schmerz. Es ist ungefährlich und es scheint auch. keine Gewöhnung au das Mittel einzutreten." Diese Schilderung veranlaßte HerrU Möller zu einem Versuch des Mittels beim Zahnziehen, und er konnte alsbald feststellen, daß dadurch die Blutung sofort zum Stillstand kam und der t Schmerz, der meist nach der! Entfernung des Zähstes zst-" rückbletbt, unmittelbar und bleibend beseitigt wurde. Hesty Möller hat jetzt noch ein besonderes Rezept für die An-, Wendung jenes Mittels bet Zahnoperatronen zusammen-, gestellt ünd erprobt, das er in das Zahnfleisch einspritzt und es damit bis zur Wurze'lfpitze gänzlich blutleer und unempfindlich machst, Fehlschläge find überhaupt nicht zu verzeichnen gewesen. Auch die Heilung der Wunde ist in allen Fällen schnell und ohne jede entzündliche Störung erfolgt. Eine eingehendere Beschpeibüng hat Herr Möller in dem neuesten Heft der „zahnärztlichen Rundschau" gegeben. Neber die Gefährlichkeit der Dhrfeige. Prof. Haug aus München stellt seine Beobachtungen zusammen, welche er in über 300 Fällen von Ohrperletzungen durch Ohrfeigen machen konnte. Zumeist wird mit der rechten Hand geschlagen und dabei die linke Ohrgegend getroffen. Eine Verletzung der Ohren kommt hierbei nur dadurch zustande, daß sich verschiedene Momente vereinen. Denn nicht immer tritt das unglückliche Und ungewollte Resultat einer Ohrst verletzung ein. Es sind auch, nicht die heftigsten Schläge, welche die ungeahnte Rückwirkung Hervorrufen. Vor allem gehört einmal dazu, daß durch die schlagende Hand ein luftdichter Abschluß des Gehörganges!, und zwar nstr für eine Sekunde erfolgt. Es genügt dabei, daß sich nur ein Finger aus den Gehörgangseingang legt. Die im Gehörs gang befindliche Luftsäule erfährt dadurch eine plötzliche Volstmensänderung und wird komprimiert. Da die so komprimierte Luft sich, wieder auszudehnen sucht und nach außen durch den verschließenden Finger am Entweichen gehindert wird, so wirkt sie auf das Trommelfell und die Gehörknöchelchen ein. Es kann also einmal das Trommelfell einreißen oder aber die Gehörknöchelchen in eine starke Schwankung versetzt werden und so der Gehörnerv selbst in Mitleidenschaft gezogen werden. Es können daraus schwere und dauernde Störungen entstehen. Außer diesem Hauptmoment kann aber auch, die Erschütterung, welche der Schädel durch den Schlag erleidet, einen schädigenden Faktor darstellen., Auch die plötzliche Ueberraschung spielt dabei eine Rolle. Wir haben im Ohr einen Muskel, den Drömmelfellspanner, welcher das Trommelfell spannt und somit vor Läsionen schützt, wenn wir vorbereitet sind, daß eine stärkere Schalleinwirkung unser Ohr treffen wird; dieser Schutz fällt bei Ueberraschungen weg. Schließlich muß aber betont werden, daß die der Gewalteinwirkung zum Opfer fallenden Trommelfelle oder Gehörorgane sehr häufig schon vorher nicht ganz normal waren; denn die Widerstandsfähigkeit des Trommelfelles ist ziemlich groß, sie beträgt 1 und drei Viertel Atmosphären Druck, ehe das Trommelfell einreißt. Natürlich giebt die vorherige Erkrankung des Ohres für den Thäter keine mildernden Umstände ab. Visitenkarten sind Bequem Und oft im Leben angenehm. Wer danken will, schreib drauf p. r. Das heißt zu deutsch: Ich danke sehr. Willst ferner sagen Du adieu, So schreibst Du einfach p. p. c. Bringst einen Fremden Du iit’S Haus, So drückst Du durch p. p. es aus. Thut Dir das Leid des andern weh, Schreibst auf die Karte du p. c. Der Glückwunsch, was er auch betreff', Er lautet einfach nur p. f. Und in der Kart ein Eselsohr Bedeutet: Ich sprach selber vor. Geheimschrift. (Nachdruck verboten.) 'Wnnrngsdglcknhlln — ghtsmrdrchdnsnn Dsswrnchllwlln — zrwgnhmthin Glcklchwrllzt — drrdschntrngt Ndhmtsldrsngt — vnjnrhrrlchkt. Vorstehende Buchstabenreihen sind in Gruppen zu zerlegen, die sich durch Einfügung passender Vokale zn sinngemäßen Wörtern bilden kaffen. (Auflösung in nächster Nmnmex.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Guter Trunk macht Alte jung. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.