Mittwoch den 21. Mak, Nr. 74. 1902. ÄSE -I'l ll"WW a EVM »M Men willig Folgenden führt das Geschick, Len unwillig Folgenden Seneca. schleppt es fort. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) „Dann dürfen Sie auch getrost sein! Ich glaube übrigens nicht, daß Ihr Versehen annähernd so groß ist, als Sie es sich selber ausgemalt haben." „Glauben Sie das nicht?" Sre erhob sich und machte einen Schritt auf ihn zu. t „Und ich bin auch dahin gelangt, den Fehltrrtt meiner armen Sophie milder zu beurteilen." „Ja aber — mein Vetter?" „Wenn Ihr Vetter selbst Ihre Verlobung gelöst hat, obwohl Sie den ernsten Vorsatz gefaßt und ihm versprochen hatten, ihm treu zu sein, so muß er selber die Folgen tragen und Gott für sein Leben Rechenschaft ablegen." „Ich habe oft selbst diesen Gedanken gehabt; aber wenn er nun so unglücklich ist, und ich doch weiß, daß ich die Veranlassung dazu bin?" „Tie unfreiwillige Veranlassung." „Ja, aber trotzdem —" , , r „Wissen Sie, was ich glaube, Frau Böje? Ich glaube, Sie sollten sich einmal mit ihm aussprechen." "Ja.' Sie haben sicher noch Macht über ihn, und ich bin fest überzeugt, daß Sie den richtigen Takt besitzen, nm die Worte zu finden, deren er bedarf." „Das kann ich nicht — jetzt nicht", sagte sie ,sich wieder fetzend. „Cie können sich die Sache ja einmal überlegen. Auch mit Ihrem Vater sollten Sie reden. Vergessen Sie nicht, daß es an Ihnen ist, den ersten Schritt zu thun." . „Ich möchte es ja auch so gern, aber er wohnt jct bei meinem Vetter, und dann —• ich kann Böje nicht einen ganzen Tag allein lassen." Sie erzählte von der Krankheit ihres Mannes,, erzählte in schonenden Worten von seiner Ungeduld, seinen inneren Kämpfen. . . Pastor To ms en fühlte, daß er sich in einem Heun be- .fand, wo im Verborgenen ein Kampf auf Leben und Tod aekämpft wurde. Erst jetzt bemerkte er in ihrem mageren Gesicht die Spuren all des Leidens, gegen das sie den Kamp ■ hatte aufnehmen müssen; aber er erkannte auch, daß sie eine Frau war, die viel leiden konnte, eine Frau, die sich nicht ergab, ehe das Mut in ihren Adern erstarrt war. Sie sprachen lange miteinander. Endlich erhob er sich, ging hin und ergriff ihre Hand. „Frau Böje, David spricht in einem feiner Psalmen von Frauen, die da sind wie Ecksteine, in Tempelstil gehauen. Ich glaube. Sie gehören zu diesen Frauen, und ich glaube, der liebe Gott hat Sie diesem Hause als Eckstein gesetzt. Halten Sie aus im Gebet und in der Arbeit, dann werden Sie sicherlich den Sieg davontragen." Cie wollte ihm für seine Worte danken, vermochte es aber nicht. Sie schaute ihm in die Augen und preßte ihm die Hand. „Und dann habe ich noch eins", sagte er. Er wußte nicht recht, wie er damit herauskommen sollte; es war so peinlich, das Taschentucbchervorzuholen, gerade nach allem, was vorausgegangen war; aber es mußte ja geschehen. „Ich schulde Ihnen nocy Kostgeld für die lange Seit, die sich Sophie in Ihrem Hause aufgehalten." „Herr Pastor, ich bitte Sie so herzlich —." „Sie müssen das Geld annehmen, Fran Böje. Jch'Uürde es Ihnen schon das letzte Mal gegeben haben, aber ich hatte, so wahr ich hier stehe, kaum so viel, daß ich wieder nach 8iause kommen konnte. Sie müssen mich wirklich richtig verstehen. Ich bin in Ihrer Schuld, es ist eine reine, klare "Geldschuld, die ich abbezahlen will — es bleibt dann immer noch eine Schuld, die ich nie auszugleichen vermag/' 9hnt entstand einer jener kleinen Kämpfe, die gleich peinlich für beide Teile sind; aber der Takt und der, überlegene Ernst, der in seinem ganzen Benehmen lag, bewirkten, daß sie schließlich den Schein annehmen mußte, den er ihr in die Hand steckte. „Und nun leben Sie wohl! Gott starke Sre m ^cintpf \a Sie brach in ein krampfhaftes Weinen ans, als er gegangen war. ,,, . _ Erst nach einer ganzen Weile erinnerte sre sich des Geldes, das sie auf den Nähtisch gelegt hatte. „Großer Gott — das ist ja ein Hundert-Kronen- fcbein Im selben Augenblick kam Böje. Wie sollte sie ihm dies doch nur Mitteilen? Sie faßte Mut und hielt ihm die Hand hin. „Was sagst Du dazu? — Pastor Tomsent« „Hat er Dir das gesandt?" . r „ „Er war hier und hat lange mrt mir gesprochen. Seine Stirn legte sich in Falten. „Ich wollte das Geld durchaus nidjt annehmen , fuhr sie fort; „aber er sagte, wir hätten Anspruch darauf, er' schulde es uns für den Aufenthalt seiner Tochter ber uns. Ich finde es eigentlich auch ganz in der Ordnung, daß er uns etwas dafür vergütet, sie kostete uns wirklich nicht so ganz wenig". . ,,3„ „Und mir sagtest Du immer, sie aße Nichts. „Ja, aber zuletzt hatte sie einen ganz ausgezeichneten; 294' Appetit. Und besonders an der Butter konnte ich es merken- Es kostet auf die Dauer eine ganze Menge, so eine Person mehr zu beköstigen." Er lächelte so eigenartig, erwiderte aber nichts. „Und wenn wir doch Anspruch aus das Geld haben, warum sollen ivir es dann nicht nehmen? Laß uns ehrlich sein, Hans, wir haben es sehr nötig. Nun können wir doch ein wenig von unseren Schulden abbezahlen." „Und sind dann wieder ebenso iueit" „Nun ja, kommt Zeit, kommt Rat! Er war übrigens heute sehr liebenswürdig. Es war etwas so — ich weih nicht — so Warmes in seinen Worten. Ich glaube, er hätte auch Dir gesallen." „Ich kenne die Wärme der Geistlichen." „Ja, aber es war gar nicht diese — wie soll ich es nennen? — diese Kanzelwärme, gegen die Du so viel einzuwenden hast — so mit den Armen; er war wirklich so herzlich. Die Geistlichen können doch schließlich auch ehrliche, gläubige Christen sein, wenn sie auch in Amt und Würden sind." „Es ist nur so sonderbar, daß die Ehrlichkeit dieser Herren stets ein so biegsames Rückgrat hat, wo sie aus vornehme Leute stößt, während sie sich borstenartig sträubt, wenn es sich um arme Leute handelt." „Aber Hans!" „Christus hatte eine andere Art und Weise, er nahm die in Samt gekleideten Herren ernstlich in die Schule, setzte sich aber mit den Zöllnern und Sündern aus die hölzerne Bank." „Glaubst Du nicht, daß es viel davon koinmt. daß sie fühlen, wie das Christentum lächerlich gemacht oder bei jeder Gelegenheit gehässig ausgelegt wird?" „Zum Teil mag der Grund darin liegen", räumte er ein, „aber auch auf der anderen Seite liegt viel Schuld. Das Christentum müßte mit weit mehr Achtung behandelt werden, als dies jetzt der Fall ist. Man kann seine Zweifel haben, das kennen wohl die meisten. Das Christentum ist aber im Grunde der Verteidiger aller Leidenden, Unterdrückten, d. h- wenn es in Christi Geist ausgelegt und nicht Von den Theologen der Staatskirche durchgeführt wird." Böje gestand später ein, daß die Sache mit den hundert Kronen doch, wenn er es recht bedenke, ein hübscher Zug von Pastor Tomsen sei. „Und übrigens", fügte er hinzu, „sollen die Herren Theologen in.Zukunft Frieden vor mir haben; ich habe genug an meinem eigenen Teil." Wie glücklich war sie, als sie ihn das Christentum gegenüber den gehässigen Angriffen der modernen Zeit verteidigen hörte! Es war ihr, als habe ein guter Geist fie mit neuen Kräften erfüllt und Sonnenschein um sie her verbreitet. „Ich denke so oft daran", sagte sie, „wie verkehrt so viele Menschen das Leben angreifen. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll — Du weißt, man hat so eine Art Blechdosen mit einen: Doppelgesicht". (Sie dachte an die Dose, die sie ihrer Zeit von Thomas erhalten hatte, und die sie noch in ihrer Kommode aufbewahrte.) „So ist das Leben, es hat ebenfalls zwei Gesichter." Er verstand sie nicht. „Ja" — sie setzte sich neben ihn — „wenn man das Leben wie eine Lüuterungszeit betrachtet .— denn das ist es für viele, Du kannst es nicht leugnen — und wenn man alles, was geschieht, im Licht des Glaubens erblickt, dann ist das Leben in seinen Grundzügen milde und rein, denn das Ganze sammelt sich zu eiuer großen, unendlichen Liebe, die das Beste mit uns tollt Dreht man die Dose aber verkehrt herum, und betrachtet das Leben hier auf Erden als etwas für sich Abgeschlossenes, etwas, über das wir selber verfügen und bestimmen können, das fich nach unserem eigenen Willen formen muß; — ja welch ein verzerrtes Bild bietet uns dann das Leben nicht dar! Denn es will gar nicht so, wie wir wollen." „Nein, das ist wahr!" räumte er mit einem ein. „Und es ist das Unglück so vieler Menschen, daß sie diese Dose verkehrt Herumwenden: dann geraten sie auf tausenderlei Weise mit dem Leben in Streit, sie arbeiten und mühen sich gegen das „Schicksal" ab, vermögen es aber nicht zu zwingen, und dann geben sie das Ganze auf, und stürzen sich lieber kopfüber in den Mühlenbach, Wenn doch allen unglücklichen Menschen die Augen aufgehen wollten, damit sie erkennen, daß es einen lebendigen Gott.giebt, der uns helfen kann, wenn wir ihn nur! ernstlich suchen." Böje war müde und legte sich mißmutig aufs Sofa. „Du sollst sehen, Hans, auch für uns kommen noch gute Tage." Aber die guten Tage kamen nicht. Böje wurde mager,: seine Sinne stumpften sich ab und sein Rückgrat krümmte sich. Und nun folgte die alte Geschichte mit Anleihen und Verpfändungen, mit Laufen zum Arzt und zum Apotheker,: mit Murren des Hauswirtes, mit Drohungen und Kündigung. „Sie können ja in mein Zimmer ziehen, wo der Schneider wohnte", meinte Madame Hansen. „Miete brauche ich für's erste nicht; wir kleinen Leute müssen! uns helfen, so gut es geht." „Ja, wenn wir da hinaus ziehen, sind wir dem Friedhof ein gut Stück näher", dachte Böje bei sich. Als sie bei Madame Hansen zur Ruhe gekommen! waren, mußte Helene an neue Erwerbsquellen denken, Ihre Hand zitterte jetzt zu stark, um die feinen Pinsel zu führen. Sie eröffnete einen Verkauf von Kränzen; und Leichenklcidern, aber das wollte gar nicht recht gehen. Dann fing sie an, seine Wäsche und Plätterei zu besorgen, sie mietete eine Drehrolle und hatte das! Glück, Arbeit von einigen benachbarten Familien zu bekommen; außerdem unterrichtete sie ein paar kleine Kinder im Lesen und Schreiben, wusch in einigen Häusern, ja übernahm jede Arbeit, die sich ihr bot. So ging ein Monat nach dem anderen in das große! Meer der Zeit, wo sich die Seufzer von Millionen von; Herzen mit dem Jubel anderer Millionen vermischen, während die große Kugel in dem geheinmisvollen Raum weiterrollt. Vor der Thür eines in der westlichen Vorstadt Kopenhagens gelegenen Gasthofes stand ein alter mürrischer. Bursche mit einer weißen leinenen Schürze und zerrte an ein Paar Zügeln, die sich auf eine für einen vielbeschäftigten Hausknecht höchst unangenehme Art und Weise verwickelt hatten. Zwei langhaarige Rappen standen an einer Deichsel und ließen die Köpfe schwermütig hängen bei . dem Gedanken an den sechs Meilen langen Trab, der ihnen bevorstand. Es war am Tage vor dem heiligen Abend, ein nebeliger Tauwettertag. Der Hofplatz war übersät mit Stroh, Papierlappen, Haufen von Pferdedung und andern Hinterlassenschaften der zahlreichen Fuhrwerke, die im Laufe des Tages dort eingekehrt waren. Eine ärmlich gekleidete jüngere Frau, deren scheuer Blick mit ängstlichem Spähen nach allen Seiten schweifte, näherte sich dem Hausknecht, der soeben mit dem Anspannen des Wagens fertig geworden war. „Können Sie mir wohl sagen, ob Müller Rabe, ans Ostholmstrup hier eingekehrt ist?" „Ja", antwortete er mürrisch, den Pferden die Leine über den Rücken werfend. „Ob er wohl schon nach Hause fahren will?" „Das weiß ich nicht zu sagen, aber ich nehme es an,: wenigstens hat er das Anspannen bestellt." Eines der Pferde kam einen Schritt auf sie zu und streckte ihr das Maul mit einem liebkosenden Schnüffeln entgegen. Im selben Augenblick erkannte sie die Tiere. „He!" rief der Knecht und ruckte am Zügel. Sie wagte nicht mehr zu fragen. Der Knecht klapperte mit seinen Holzpantoffeln über den Hof und ging iw den Stall. Sie empfand einen schmerzlichen Druck vor der Brust/ seufzend setzte sie sich auf eine leere Kiste und versank in ein gedankenloses Hinbrütcn, aus dem sie jedoch jedesmal wieder erwachte, wenn sie einen Menschen von der! Straße her in den Hof kommen sah. Sie war der Meinung, Thomas müsse von dort her erscheinen, ein paar große. Pakete unter dem Arm. Aus dem Seitenflügel des Gasthofes erklang lautes Lachen und das Klirren von Flaschen und Gläsern. Eine ganze Weile sah sie da, einem paar Enten zuschauend, die um einen Aalkopf kämpften. Eine von ihnen stieh gegen einen Stapel sckstveoischer Svabnkörbe, die herab.- — 295 —. rollten. Mit Leiserem Angstgeschnatter flatterten sie beide in die Mitte oes Hofes. Von der anderen Seite her ertönte in regelmäßigen Zwischenräumen das schrille, singende Klirren von Eisenbarren, die auf das Straßen- pflaster geworfen wurden: aus dem benachbarten Hofe drangen stoßweise die Töne eines Leierkastens zu ihr herüber, und in dem Stall neben dem Schauer rasselten die Ketten der an den Krippen stehenden Pferde. Sie hörte und sah das alles wie durch einen Nebel von Gleichgiltigkeit. Ach, warum mußte sie nur so unglücklich sein? Sie beugte sich tief herab, die Hand gegen die Stirn gepreßt, und kämpfte mit ihren Thränen. Endlich vermochte sie sich nicht länger zu halten — ein heißer Tropfen fand seinen Weg durch ihre Unger, aber sie richtete sich mit einem Ruck auf und trocknete die Augen. Sie hielt die graue, magere Hand. vor sich hin und betrachtete sie. Die Knöchel waren gekrümmt, wie das bei Fingern der Fall ist, die sich jahrelang um Plätteisen und Drehrolle geschlossen haben. An dem rechten Zeigefinger hatte sie eine große Wunde, wie sie zarte Hände so leicht in einem Waschzuber bekommen. (Fortsetzung folgt.) Zwei zeitgenössische Briefe über den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Ehr. Das dämonische Walten vulkanischer Naturkräfte, die -7 für gewöhnlich im Erdinnern schlummernd — bei plötzlichem Ausbruch das mühsam geschaffene Kulturwerk von hunderttausend Menschenhänden in wenigen Stunden vernichten können, hat auf der Insel Martinique so riesige Dimensionen angenonkmen, so grausige Wirkungen gezeitigt, wie sie sicher nicht zu verzeichnen sind seit dem großen Ausbruch des Vesuv vom Jahre 79 nach Christi. Diese furchtbare Katastrophe hat der Engländer Bulwer in seinem bekannten historischen Roman „Die letzten Tage von Pompeji" anschaulich geschildert: mehr freilich unter Zuhilfenahme dichterischer Phantasie, als auf Grund zeitgenössischer antiker Berichte. Der Zufall hat es nämlich gewollt, daß uns aus dem Altertum keine ausführliche, systematische Beschreibung der großen Eruption des Vesuvs und des Untergangs der drei Städte an seinem Fuße, Pompeji, Herculanum und Stabiae, erhalten geblieben ist, sondern im allgemeinen nur kurze Notizen bei Geschichtsschreibern und auch bei Dichtern, z. B. das bekannte Epigramm Martials : „Eben noch grünte Vesuv int schattigen Laube der Reben, Eben die Kufen gefüllt hatte der herrliche Saft; Bacchus liebte die Höh'n weit mehr als die Hügel die Nysa; Neulich den.Reigen noch schlang droben ein Satyrenchor; Hier war Venus so gern, noch lieber sogar als in Sparta, Herkules hatte man hier heilige Stätten geweiht — Jetzt liegt alles in Asche — verkohlt! ein trauriger Anblick! Ach! und die Götter bereun ihre zerstörende Macht!" Wer es sind uns doch zwei zeitgenössische Dokumente über die Katastrophe erhalten, die zwar nur die persön- licheir Erlebnisse von zwei gebildeten Römern schildern, aber unter den angedeuteten Umständen vom allerhöchsten Wert sind. Der große Geschichtsschreiber Tacitus bat süu die leider verloren gegangenen Kapitel seiner „Historien", die sich, mit dem Untergang der drei Städte am Golf von Neapel beschäftigten, seinen Freund, den jüngeren Plinius, als einen Augenzeugen des Ausbruchs um Material und erhielt zur Antwort darauf zwei Briefe, die Plinius nachher mit seinem übrigen Briefwechsel veröffentlicht hat. Ihr Inhalt ist auszugsweise folgender: Der jüngere Plinius, zur Zeit der Katastrophe ein Jüngling von 17 Jahren, befand sich damals nebst seiner Mutter bei seinem Onkel, dem älteren Plinius, in Mifenum, wo der berühmte Naturforscher sich aufhielt als Befehlshaber der römischen Kriegsflotte im Golf von Neapel. Der Gelehrte war an dem fraglichen Tage, dem 24. August 79 u. Ehr. gerade mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt, als ihm gegen ein Uhr nachmittags seine Schwester mitteilte, daß eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Form zu sehen sei. Plinius überzeugte sich dann auch selbst, daß über den Golf hinüber, in der Richtung auf den Vesuv, am Horizont. eine Wolke aufstieg, die einer Pinie äußerst ahnlrch sah: tn einem Stamm erhob sie sich bis zu einer riesigen Größe und teilte sich dattn nach allen Seiten in! Aeste; dre Farbe wechselte zwischen hellleuchtend und .Mald faßte der eifrige Forscher den Entschluß, Die rätselhafte Erscheinung aus größerer Nähe zu betrachten und etwa Gefährdeten Hilfe zu bringen und lud seinen Neffen ein, ihn zu begleiten; der junge Mann zog es aber — vielleicht zu seinem Glück — vor, zu Hause zu bleiben, um Abschriften für den Oheim anzufertigen. Der alte Gelehrte ging in der Richtung auf den Vesuv unter Segel. Bald begann ein dichter und heißer Aschenregen sich über das Kriegsschiff zu ergießen, zwischendurch Bimssteine. Das Meer war stürmisch bewegt und trat von seinen Ufern zurück. Unbewegt durch diese schreckhaften Er- fcheinungen notierte Plinius fleißig alle seine Beobachtungen, und dem Steuermann erwiderte er auf dessen Mahnung zu schleuniger Umkehr: „Dem Mutigen hilft das Glück; steuere nach der Villa des Pomponiauus." Dieser, ein Freund des Plinius, wohnte in Stabiae. Derselbe Wind, der den Pomponiauus an der Flucht von Stabiae gehindert hatte, trug den hilfreichen Freund mit vollen Segeln dorthin. Hier herrschte allenthalben die denkbar größte Verwirrung. Plinius suchte Mut einzusprechen und gab sich den Anschein größter Zuversicht, nahm ein Bad und speiste mit bestem Appetit ruhig zu Abend. Mittlerweile brach die Nacht herein, und nun sah man aus dem Vesuv ungeheure Feuersäulen emporsteigen, die das herrschende Entsetzen noch vergrößerten. Trotzdem legte sich Plinius, da bei dem ungünstigen Wind an" Abfahrt nicht zu denken war, mit stoischem Gleichmut zu Bett, und bald schnarchte der korpulente Mann so laut, daß man es draußen hören konnte. Da aber der Gang, der zu dem Schlafzimmer führte, sich dermaßen mit Asche und Bimsstein füllte, daß der Eingang versperrt zu werden drohte, sah man sich gezwungen, Plinius zu wecken und herauszuholen. Die Lage war jetzt verzweifelt: int Hause konnte man nicht bleiben, da ein furchtbar'es Erdbeben alles in den Grundfesten erschütterte, und draußen waren die immer massenhafter und dichter fallenden Steine zu fürchten. Zum Schutz dagegen band sich alles Kissen aus den Kopf und schlug die Richtung zum Meere ein. Obschon die Sonne längst aufgegangen sein mußte, herrschte nach wie vor rabenschwarze Nacht, die man mit Fackeln zu erhellen suchte. Die eilige Flucht hatte den beleibten Plinius so erhitzt, daß er sich am Gestade niederlegte und wiederholt kaltes Wasser trank. Die sich nähernden Flammen und ihre Ankündigung, der Schwefelgeruch, trieben alles in die Flucht, sodaß auch Plinius, auf zwei Sklaven gestützt, sich zu erheben suchte; er brach aber sofort wieder zusammen und ioar tot: der Schlag hatte ihn gerührt. Zu gleicher Zeit hatten der jüngere Plinius und seine Mutter selbst zu Mifenum, also viel weiter von der Gefahr, die größte Angst ausgestanden. Das furchtbare Erdbeben und die ägyptische Finsternis, die durch den hellen Feuerschein am Horizont nicht erträglicher wurde, hatten auch hier alles ins Freie getrieben. Aber der junge Mann kam mit dem Schreck davon und mit dem Entsetzen über das unerwartete Ende seines Onkels, dem Pflichtgefühl und wissenschaftlicher Eifer das Leben gekostet hatten. Als der Vulkan aufgehört hatte zu toben, fand man die Leiche des Gelehrten unentstellt am Meeresufer liegen. Die drei unglücklichen Städte aber waren spurlos vom Erdboden verschwunden: Pompeji und Stabiae vom Aschenregen, Herku- laneum vom glühenden Strome flüssiger Lava begraben. Erst in unseren Zeiten (seit 1737) hat man begonnen, sie im Interesse der Wissenschaft wieder auszugraben. Eine merkwürdige Insel im Stillen Ozean. (Nachdruck verboten.) Das soeben in London bei Murray erschienene Buch „Savage Island" von Basil Thomson giebt ein fesselndes Bild von einer bisher noch unerforschten Jnsel- bevölkerung im Stillen Ozean und ihren eigentümlichen Sitten. Ws nach dem Samoa-Uebereinkommen zwischen Deutschland, England und den Vereinigten Staaten, die Tonga-Inseln und andre Inseln im Stillen Ozean britisch wurden, wurde Thomson, der bei der Verwaltung der Fidschi-Inseln thätig war, hingeschickt, um den Insulanern den neuen Stand der Dinge klar zu machen. Niue oder Savage Island" liegt 1000 Meilen nordnordöstlich von Neuseeland und 300 Meilen südsüdöstltch von Samoa im Stillen Ozean. Seine felsige Küste lockt die Schiffe nicht zum Anlegen. Selten kommen große Viermaster auf boher See vorbei, noch seltener Schooner, um den Händlern neuen Vorrat zu bringen. Die Bedeutung von Niue wurde erst erkannt, als Deutschland seine Pflanzungen in Samoa begann. Die polynesischen Rassen sind leichtsinnige und bequeme Leute, die ihre Heimat zu sehr lieben, um zu reisen, und die zu indolent sind, um stetig zu arbeiten. Die Bewohner von Niuä zeigen dagegen einen etwas anderen Charakter. Sie allein widersetzten sich der Landung der Europäer, sie gehen gern als Arbeiter weit von der Heimat fort, und arbeiten auch zu Hause und in der Fremde gern. Keine andere Jnsulanerrasse hat einen so entwickelten Instinkt für den Handel. Bei einem Ritt durch die Insel bemerkte Thomson, daß auf der Seeseite der Weg mit Gräbern bedeckt war. Da gab es längliche Steingrabhügel mit einem weißen Grabstein aus Steinmörtel und gewölbte, mit der Kelle aufgeworfene Gräber, mit dem Namen des Verstorbenen in unregelmäßig geformten, sechs Zoll langen Buchstaben in Basrelief. Die Sitte, die Toten zu begraben, ist von den Missionaren eingeführt, denn früher legten die Niusaner entweder ihre Toten in Kanoes und ließen sie ins Meer treiben, oder sie legten den Leich- nanr im Busch auf eine Plattform von Steinen, bedeckten ihn mit Hiapo (Stoff aus Feigenbaumbast) und legten später die Knochen in eine Höhle. Während der Leichnam dort lag, wurde am neunten Tage eine Art Wache gehalten und in Zwischenräumen bis zum hundertsten Tage wiederholt, und der Leichnam häufig gewaschen. Der König und die Königin von Nius sind in der Kunst der Diplomatie und in der Beobachtung gewisser Regeln der Konvention noch durchaus nicht bewandert. Dies zeigt die folgende hübsche Geschichte, die Thomson erzählt. Einst besuchten sie das englische Kriegsschiff Porpoise. Sie trafen pünktlich ein, aber als das Boot sich dem Schiff näherte, begann die Königin nach einer geflüsterten Unterhaltung mit ihrem Gemahl, sich die Stiefel auszuziehen. Damit war sie noch beschäftigt, als das Boot schon lange längsseits des Fallreeps lag und neugierige Blicke aus dem Schiff sich auf das exottsche Königspaar richteten; aber der Matrose am Fuß der Leiter wahrte eine bewunderungswürdige Haltung. Dann ging die Königin in Strümpfen die Stufen hinauf, und der Matrose folgte ernst mit den königlichen Stiefeln, als wenn sie Ehrenabzeichen wären, unter der unterdrückten Heiterkeit der Schiffsinsassen, die zum Empfang der königlichen Gesellschaft aufgestellt waren. Nichts schien bei der Besichtigung des Schiffes Eindruck auf den König zu machen, weder die großen Sechszöller, noch die kleinen Dreipfünder, nur der Navigationsraum begeisterte ihn. Ec erklärte, das wäre die schönste „Küche" (!), die er je gesehen, und ließ sich auch vom Dolmetscher keines Besseren belehren. Beim Abschied wollte er dem Kapitän einen Dollar als Trinkgeld g eben, und es gelang dem Dolmetscher nur mit größter Mühe, ihn davon abzubringen. Ein Dollar nämlich war in des Königs Augen schon ein ungeheuer kostbarer Gegenstand, und daß ein Weißer ein so fürstliches Trinkgeld ablehnte, wollte ihm gar nicht in den Kopf. . . Die Bewohner von Nius haben eine Schöpfungssage, die der der Maori ähnelt. Im Anfang lag Langi, der Himmel, in den Umarmungen seiner Gattin, der Erde. Die Sprößlinge, die ihnen geboren waren, lagen in ewiger Nacht, weil Langi ihre Mutter nicht verlassen wollte. So berieten sie dann, wie dem abgeholfen werden könnte. Einige wollten beide Eltern töten, andere wollten sie nur gewaltsam trennen, aber der Vater sollte zum Schutz über ihnen bleiben und die Mutter sie nähren. So geschah es- Mit aller Macht rissen sie das Elternpaar auseinander und ließen nicht ab, bis der Himmel weit über sie gesetzt war, und Licht und Luft sich ergoß Seit der Zeit fallen die Thränen Langis auf seine Braut, und im Sommer erschreckt seine laute Klage die Ohren der Menschen. . . . Die Bewohner der Tonga-Inseln zeichnen sich durch ein merkwürdiges Schönheitsideal aus, das von dem unfern recht verschieden ist. Nur die korpulenten Frauen nämlich gelten als schön; der Hals muß kurz sein, und eine Taille ist gar der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Hat die Natur die Frauen doch mit diesem Mangel bedacht, so müssen sie Redaktion: LV.: R.Dittmann. — ihn mit Stoffen verkleiden oder werden in den Straßen Nukualofos beschimpft. Büste, Hüsten und Oberschenkel müssen kolossal sein. Die Frau, die alle diese Vollkommen« heiten besitzt, wird für ladhlike und elegant gehalten, und auf ihre Nase kommt es nicht an. Gemeinnütziges. Wirklich rationelle Düngung unserer O b st b ä u m e. Die wirklich richtige Düngung unserer Obst< bäume liegt noch sehr im Argen. Ist es da zu verwundern, wenn wir noch immer nicht mit den Ernten zufrieden sind? Wer die richtige Düngung wirkt nicht allein auf die Fruchtbarkeit unserer Obstbäume. Sie wirkt ebenso sehr auf die Gesundheit und auf die Widerstandsfähigkeit derselben gegen Pilz und Ungeziefer. Jeder Obstbaumbesitzer muh deshalb wissen, wie er richtig zu düngen hat. In einem Artikel: „Ein Signal für den ganzen Obstbau" betitelt, finden wir in Nr. 4 des „Erfurter Führer im Gartenbau" die richtige Düngung der Obstbäume auf das eingehendste beschrieben. Da wir voraussetzen, daß dieser Artikel jeden Obstfreund interessiert, teilen wir mit, daß unseren Abonnenten die Nummer kostenfrei zugeschickt wird, sobald sie dieselbe mittels Postkarte vom Geschäftsamt des „Erfurter Führers", Erfurt, verlangen. Ist der Anbau des Rhabarbers rentabel? Die Frage, schreibt der „Praktische Wegweiser", Wüchburg^ kann sowohl mit „Ja" als mit „Nein" beantwortet werden. Maßgebend sind die Wsatzverhältnisse nud die Marktpreise. Wer Rhabarber zu bauen beabsichtigt und dabei auf deni Verkauf rechnet ,muß sich vor allem über das Angebot, die Nachfrage, den Marktpreis, die Transportverhältnissck und Unkosten unterrichten und damit rechnen. Der Glaube, daß gerdae die Großstädte sichere Abnehmer sind, ist ein sehr irriger. Hier ist manchmal das Angebot so groß, daß Nebenfluß vorhanden ist und der Marktpreis unaufhaltsam unter die Produktionskosten sinkt. Man muß mit den Händlerpreisen rechnen und nicht mit dem Verkaufspreis der Verkaufsstellen, die an die Privatkundschaft verkaufen. Das gilt für alle Gemüsearten. Die Rentabilität des Gemüsebaues läßt sich am besten mit folgender Anweisung bestimmen: ,Komme mit Deinem Gemüse auf den Markt, wenn andere es noch nicht oder nicht mehr haben, dann kannst Du den Preis bestimmen!" S. In der rationellen Küche ist man längst davon abgekommen, das Suppenfleisch stark auszukochen, um eine gute Fleischbrühe zu erzielen. Durch das Auskochen wird dem Fleisch der toertvollste Bestandteil, das Eiweiß, entzogen. Jetzt legt man das Fleischstück nicht mehr in kaltes!, sondern gleich in kochendes Wasser; dadurch wird die Auslaugung des Fleisches verhindert, und das Stück bleibt saftig. In die Fleischbrühe gelangt so allerdings nur ein Teil der geschmackgebendeu Stoffe des Fleisches; erstere fällt deshalb naturgemäß etwas schwächer aus. Eine geringe — nach dem Anrichten beigefügte — Menge der altbewährten Maggi-Würze macht die Brühe augenblicklich überraschend gut und kräftig im Geschmack. So erhält man nicht nur eine vorzügliche Suppe, sondern auch eine nahrhafte Genuß-Platte. Charade. (Nachdruck verboten.) Die ersten zwei, vom Licht geboren, Sind doch dem Lichte abgeneigt; Das Dritte stört ein Ganzes immer, Ob es sich nun im Kleide zeigt, Ob im Papier, das wir benützen. Ob in den Mauern, die nns schützen. Im Ganzen, das mir wohlgefällt, Sah ch mein Liebchen dargestcllt. Auflösung des Festrätsels in vor. Nr.: Pfingsten (Pfeile, Ganges, lassen). Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Frohe P fing st en. (Nitz, Band, Stern, Essen, Gier, Osten, Eile, Bleche, Mai, Abel, Ei, Saar, gering, Rad.) Auflösung des Ergänzungsrätsels in vor. Nr.: Pfait, Wind, Singst, Treu Wein, Rose. Pfingstreise. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.