19 1902. — M. 43. faTZpM ä®S»S NU 0 n«9Tt fit guten Zeiten — wo sind sie?" „Die biedern Leute — wer find't sie?" So klagt ein alter Spruch. Mir deucht, es gibt wohl noch immer genug Bon beiden — Man muß sich nur bescheiden. R. Waldmüllcr-Duboc. (Nachdruck verboten.) Tobias Breeden. Von Luise Westkirch. (Fortsetzung.) Ter schritt weit aus, hielt die Hände in die Taschen und pfiff. Er wollt's dem Begleiter zeigen, daß er für ihn nicht vorhanden war. Wilm ging schweigend neben ihm und hielt Schritt, was für Bogenlinien jener auf dem weichen Wiesengrund auch beschreiben mochte. So oft Ebba auf ihrem Weg durch die Dünen sich angstvoll zurück- wandte, sah sie die zwei schwarzen Gestalten in dem flimmernden Nebel wandern, schweigsam, eilig, dunkel wie zwei Schatten. Endlich bogen sie um den Fuß der vorspringenden Düne. Des Mädchens Blick erreichte sie nicht mehr. Ta stellte Wilm plötzlich, unerwartet seinen Begleiter. Nu mang us twee! Wahr' dine Ohren, du Schelm!" „Ti jökt wol de Puckel? — Musikante, wat wuttst?" „Ja, du hest't höllschen inn Munne! Ich prahl' un gröhl nich vor Fruenslüe, man up'r Ms' herüm danzen laut ik mich nich!" Mit raschem Griff faßte er den andern um den Leib. Jan Jürgens war ein Bär an Stärke, aber Wilm besaß die Geschmeidigkeit einer Pantherkatze, und auf einen so jähen Angriff war der Schiffer nicht vorbereitet gewesen, er hatte ihn dem verachteten Gegner nicht zugetraut. Er konnte keinen festen Fuß wieder gewinnen. Er taumelte, er glitt; fluchend stürzte er. Wilm faßte ihn bei den Ohren," drückte sein Gesicht ins feuchte Gras und bearbeitete mit kräftiger Faust seinen Schädel. „So! To heft bu de Quittung sor dien „Landratt"! Mark di't". Und mit einem letzten kräftigen Schlag ließ er der. Zerdroschenen los, und sprang in raschen Sätzen dem Dom zu. Brüllend rieb jener feinen Kopf. Die Lust zur Verfolgung war ihm vergangen. Mer er ballte knirschend oie Fäuste. „Tat will ik di ankrei'en! Dat schallst du mi betalen!" Seine Augen schillerten grünlich. Auf seinen Lippen stand Schaum. Ter andre hatte schon die Ortschaft erreicht. Fröhlich hallte,: seine Schritte auf den Backstemstergen, bte sich durch den tiefen Sand der Straße zogen. Im letzten Häuschen hatte die Witwe Mahren dem Burschen em Kammerchen abaelassen, ein kleines Gelaß mit weißgetünchten Wanden, das nichts enthielt, als ein sauberes Bett und den nötigsten Hausrat. Aber Wilm Jansen hatte seiner Kahlhert einen Anstrich von Persönlichem, Wohnlichem gegeben. Vor bette Fenster standet: Blumen und ein Bauer mit einem Kanarnn- vogel. Tie Ziehharmonika hing an der Wand neben der treuen Flinte und dem Briefbeutel. Wilm zündete ein winziges Lämpchen an, und zog eine Kerbschnitzerei aus einer Lade. Seine Wangen hatten s:ch gerötet, und er lachte fröhlich auf in der Erinnerung an d:e ausgeteilte Züchtigung. Dann setzte er sich an die Arbeit. „En fein Präsent für Ebba! Paß auf, Deern! 'n Tämelak bin ich nich. Hätt' ich zu sagen bei Marinkamoh, sie müßte mir das Haus mit Gästen vollstopfen b:s unters Tach, ttnd Ebba sollte für sie kochen. Wenn eine ein Haus hat und Gärten, und 'ne Kaffeewirtschaft und kömmt auf keinen grünen Zweig! — 's is doll! Halt' ich man zwer- hundert Mark! Ich wollt' 'nen Laden aufthun, an Sommergäste verkaufen, was sonst auf'm Eiland nich zu kriegen:s. Hier sind die Leut' all wie eingefchlafen! ,Antje, bet'" heißt's, ,'t Speck ward us stöhle::." Wer ich bin mch von der Sorte. Töw, Ebba, töw! Ter Anfang ist gemacht. Fünfzig Mark stehen auf der Kasse in Norden. Weun's erst zweihundert sind —" , m , Er sprang auf, nahn: sein Instrument von der Wand und sich auf die Fensterbank mitten zwischen die blühenden Blume,: in den Mondschein setzend, spielte er ein feunges Inzwischen trat Ebba in ihr Haus. D:e Mutter inckte am Küchenherd über einem schwarze,: Strickzeug. „Büst da, Wicht? Ik meen', du knmmst vundage n:ch töebbet !z/ „Moder, mit Jan is dat nich to't: Uthollen!" „Wat deiht he di denn?" „He frijet na mi. So'n riven Patron! Ick hew em min Lewdag nich tieben könnt!" „Frijen? — Dat Helt all ’n attner besorgt." „En anner!?" „Tobias Breeden." „So." „Vor Niklas." So " "<£>o, so! — Is bi be Mund to wussen, Deern?"- "v/Moder!" . „Jo, jo, ich seh't all kamen. Hest n:x in'« Koppe as die,: mojen Jong, dien Wilm Jansen! Dat ik br an de ©trat in be Bredouille siite, bat mkommodeert bt W Tweemal hett de Gerichtsbot' nafraat un to Ostern mutt wi ut'n Huus. Di is't gltekveel. Aber:k! - Ach, wenn miet: Sühn Jörk noch leevde, to-eer ik mch so n arm ver- laaten Wif!" 170 gezeigt. Ihr Helles Kleid macht sich ja recht festlich, unöi Niklas geht neben ihr, als hätte er in der Lotterie gewonnen. Einem ist die Verlobung ganz gewiß nicht recht, — dem Wilm Jansen! Und der muß dem Brautpaar zum Tanz aufspielen! Wie ihm die Augen funkeln! Wie zwei in sich glühende Kohlen, schwarz von außen, aber inwendig glimmt das verzehrende Feuer. Man hat ihm seinen Stuhl auf den Tisch gesetzt, damit er nicht umgetanzt wird. Ein Seidel Bier steht auf der Platte zwischen seinen Füßen; eine Zigarre! hält er zwischen den Zähnen, die Mütze sitzt ihm ein wenig! schief. So spielt er, und spielt Walzer und Ländler, und die Glutaugen starren über Tänzer und Tänzerinnen, über Niklas und Ebba hinweg grad in die Wand gegenüber, als! wollten sie sie durchbohren. Um seinen Mund zuckt's, als! spielte er einer Leiche den Abschiedsgruß auf ihrem Wegs zum Grabe. Ob er die Harmonika nicht noch in Fetzen reißt? Ja, schlimm ist's, wenn man lassen muß, was man lieh hat. Tie Trina könnte auch davon reden. Armer Junge! „Na nu! Paß doch Achtung!" — Ein derber Schlag auf die Schulter schreckte die Kellnerin auf. Ter, an den sie dachte, stand vor ihr. „Jehs', Jan Jürgens! Büst Tu denn nich in Emden?'< „Tösbattel! Heft keen Dogen in'n.Koppe, bat de fragst? — Giv mi'n Genever. Jk hev Een'n up'n Kiker." "Wat fielt mutt, mutt fielt. Karnickel hett anfungen." Liegt's in der Luft? Der Jan hat wasserhelle Augen von Natur, und auch in ihnen scheinen heute glühende! Kohlen zu stecken Aber seine Augen kennt die Trina, weiß, was jeder Blick daraus bedeutet. „Jan Jürgens, ich bitt' dich —" murmelt sie, während sie ihm das Getränk eingießt. Die geübte Hand ist un- aeschickt, es quellen ein paar Tropfen über den Rand. „Anke nich! Js dick nich 'n grote Ehr', dat ik Webber-, kamen bün, to di kamen, mien Schatz?" „Dien Schatz! — Du bist so falsch, tote Schaum up'M SßMtcx u „Holl dien Muul!" Jan Jürgens ließ seine Blicks durch den Saal schweifen. „Tunuerslag! Trtentje, Help tut ut'n Droom! Js dat liefhaftig Niklas Breeden, de sren Beenknaken smitt as'n Storch in'n Kohlfeld? Wat vorn ! Teern quirlt he denn da rümmer?" . „Weist jo, dat he mit Ebba Jürgens Berspreek Hollen hett." । Jan brach in ein wieherndes Gelächter aus. „Berspreek! i Wat man 'n richt'gen Berspreek heet? Uit dat tuet Ebbck I Jürgens! — Trientje, noch'n Glas Beer. Tarup mutt tk eenen drinken." , „ , , „Tu supst as'n Heiden. Hüt' dt, Jan, de Schandarin is up't Eiland!" ; „Schall ik dorüm dröge sitten, he? Er deutete zu Wilm hinüber. „De Keerl speelt as'n ©tont. Smret mal Een de Musikanten 'rut." — Auf einer Bank der Thür gegenüber saß Ebba zwischen den Brüdern, Mutter Marinka in ihrem schwarzen Kirchen- kleid wehmütig würdevoll daneben. Ungern war das Mädchen zum Tanz gegangen, hatte Niklas abgeredet nach I besten Kräften. „Hast in Jahren nich getanzt, 9cma8. I Schenir dir nich. Ich kann meine Füße wohl still halten. I Aber Tobias hatte entschieden: „Tanzen hört sich vör I wna Volk. König David hett ook danzt. Un Niklas danzt höllisch smartig, lütt Ebba." Also tanzte sie. Sie meinte, fte hatte Schwereres vermocht. Nun sie hier war, fand sie doch, dies fet ba^ Schwerste. Wilm sitzen sehen, starr, nut verglastem Blick, I und tanzen, tanzen, während er aufspielt! Wissen, et geht I übers Meer und er bekommt das Fieber; du siehst ihn me, nie wieder! Und zu antworten: „Ja, Niklas", und »danke/ lieber Niklas", und zu hüpfen, zu springen. Der Atem I versagte ihr, sie wußte nicht mehr, wohin; fte trat auf! I ihr eigenes Herz bei jedem Schritt! Aber Tobias in seiner behaglichen Bruderliebe lachte: „Js'u bannigen Keerl, use Niklas! He, Jurgensch, wat meent Se? So'n jong, quick Mäken as ehr Ebba kann Ä I nich gegen an. Jo, toi Bresbens sund ut hart Holt makt« I Wi blift twintig Johr'n länger jong denn annere Lue. I Als Ebba Jan Jürgens eintreten und mit seinen! I glühenden Augen zu dem Aufspielenden hinüberstarren say> I immer hinüber zu dem einen, ohne den Blick zu wenden, da I sank ihr völlig das Herz. „He hett en Pik np Wilm. „Moder! — Ick woll, dat dien Jörk hier bi di up'm i Stövkeu sei', un ick leg Bitten in de See." | „Jo, man nu liggt he bi de Fisken buten un du büst'r I bleeveu." , , t Tas Mädchen ging hastig in der Küche auf und nieder. Ihr gestreiftes Kleid rauschte, indem es an den Einrichtungs- I gegenständen hinstrich. Aufgeregt schlug sie die Hände vor I ihr weißes Gesicht. I „Wat fall ick dohn, wat fall ick dohn!" „Toh na dien Sinn", murrte die schwarze Frau, I und stand schwerfällig auf. Ik bün en oll, unnütt Fru. Tienen Will'tt mußt hebben." Damit nahm sie die Lampe und ging schlurfend hinüber in die Kammer. Ebba kauerte auf einem Schemel an der Feuerstätte I nieder, die Ellenbogen auf den Knieen, das Kinn in den I Händen. Ter Mond, der silbern durchs Fenster schien, I erinnerte sie an Wilm Jansens Liebesworte. D, harr ik I Tid! Harr ik Tid! Man een enkel Johr Tid! Wilm is'n I fmarteü Song, he schall wol flott Warden!" Dann schüttelte I sie in bitterer Verzweiflung den Kopf. „Un as ik teihn I Johr tötoen wull, ik toeet too’t geiht: de to’n Esel geboren is, kummt nich up't Perd!--Niklas Breeden --Niklas Breeden--He is nich so slimm öS Jan. 1 Ik macht ent immer geern lieben —. Jo, ik mutt I klook fien — klook fiett--". Plötzlich warf fie ihre Arme auf den Küchentisch und den Kopf auf die Arme, I und brach in wildes Schluchzen aus. „Jk glöv, he hett I mi'n Mixtur ingeeveu, bat ik nich von em los kann. £, Milm! Wilm! Mien eenzigste Jong!" Sonntag abend. Glutrot ist der Souuenball untergetaucht, nicht in die Wellen in eine schwarze Bank, die sich langfatn höher und höher schiebt, während von Norden und Westen kleine Wölkchen heranschweben, wachsen, sich I verbinden, ausbreitett, verdichten, der Vortrab einer gedrängten Heeresmasse. Im erlöschenden Abendrot schimmern die bunten Fahnen I an den hohen Masten, die fast vor iebent der kleinen I Backsteinhäuschen aufgepflanzt stehen. Der Nordwest hält te sämtlich stramm nach einer Richtung ausgebreitet. Oed iegt der wettgedehnte Wattstrand, schmutzig grau glänzend n der Tiefebbe unter den grauen Wolken. Und deutlich m scheidenden Tageslicht taucht das Sagenland herauf, :>aS Wunderland int Westen, die werdende Insel. Ur- prünglich eine Sandbank, verloren im weiten Meer, ein ;esürchtetes Riff; aber allmählich rundet sie sich, hebt ich aus den Wellen langsam, unaufhaltsam. Jeder Wogenschlag, der die Küste peitscht, führt ihr eine Handvoll Sandkörner zu, und der Nordwest, dessen keuchender Atem nimmer anssetzt, schiebt unb preßt bie angeschwemmten Massen zusammen, schichtet sie, hält sie unlöslich verbunben. Muscheln und Seesterne umkränzen den Rand, der nur bei Tiefebbe aus den Wassern steigt. Ssevögel rasten, nisten auf den werdenden Tünen; denn schon erheben sich winzige Dünen im Osten; der Strandhafer durchzieht sie mit seinen zähen Wurzeln. Wer das erste Samenkorn auf das Riff getragen hat? Wind oder Wellen, eine Möve im Flug. Wer es haftet, es gedeiht, gedeiht, unbeschützt, unbehindert von Menschenhand. Andre Keime folgen. Bald schlagen die ersten Blumen ihre leuchtenden Augen auf. In zwanzig Jahren wird die Sandbank ein Eiland sein, tote die Schwestern rechts und links, die Schöpfung der Wellen, das Erzeugnis einer Laune des Weltmeeres, das eigenwillig hier blühendes Land weg- reißt, begräbt unter feinen Wogen, dort neue Welten hervortreibt aus seinem geheimnisvollen Schost Beim Eschenwirt war Freitanz. Ein paar Badegäste, die sich nach einer neuen Unterhaltung sehnen, haben die Anregung gegeben. Ter hellhörige Wirt ist derselben gefolgt und macht gute Geschäfte. Natürlich! Die Einheimischen dürsten vom Springen, die Fremden vom Schauen. Fast die ganze Badegesellschaft drängt sich im Nebensaal. Da müssen oie Kellner fliegen, und die rote Trina weiß kaum, wo ihr der Kopf steht. Würd' selbst gern ein wenig zuschauen, hätte sie bloß Zeit, denn es giebt heut etwas zu schauen. Jürgensens Ebba geht zum erstenmale feit ihrem Verspruch mit Niklas Breeden aus. 'S ist wahr, Glück hat sie, das spinnige Ting. Breedens sind angesehene Leute auf der Insel. Ob ihr selbst ihr Glück gefällt? Blaß ist ihr scharfes Gesicht schon auf der Schulbank gewesen, und was sie nicht zeigen wollte, hat sie schon darnalA nicht 171 ttn ik kann em nich Behüben Ml nich behüben. He süht mi jo nich mal icutt. Wat schall ik dohn?" Niklas kniff ein Ange zu und sprach davon, wie sie's mit der Hochzeit halten wollten, und Tobias machte Witze dazu, über die ein wohlerzogenes Mädchen erröten oder sich erzürnen mußte. Ebba that beides nicht! Sie saß wie aus Stein gehauen. Mutter Marinka zupfte sie endlich am Kleid. „©egg doch ook wat." „Jo, Moder, jo, ik segg wat. Ik glöw — et gift to'r Nacht en Unwedder.--Höör bloß, wo he Wind Brunst —" In diesem Augenblick brach Wilm mit gellendem Mißton ab, warf die Harmonika auf den Tisch und sprang von seinem erhöhten Sitz. „Pause!" schrie der Wirt. (Fortsetzung folgt.) Zu Rad durch Korsika. Nach einem Vortrage in der Sektion Gießen des <• Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins. (Nachdruck verboten.) Mit der Abenddämmerung des 6. April 1901 , war das französische Messagerieboot, das unsere vierköpsige Reisegesellschaft von Nizza nach Korsika bringen sollte, in See gegangen, und schon um 4 ,Uhr morgens verriet das Gepolter über uns, daß der kleine Dampfer eben in Ile Roufse landete. Noch herrschte Finsternis, sodaß man vom Lande nichts zu erkennen vermochte; doch verließen wir der Kajüte drangvolle Enge, um unsere Räder zu schützen vor der Rotte von Leuten, die auf Deck stürmten, um "auszuladen, jedoch wenig rücksichtsvoll umgingen mit allem, was ihnen in den Weg kam. In der Dunkelheit nahmen wir noch an Bord unseren Kaffee, aber sobald es tagte, schulterten wir die Räder und stiegen die Schifss- treppe hinab. Da standen wir denn auf dem Boden von Korsika! Vorläufig sah es hier genau so aus, wie irgendwo anders: etwas Wasser, etwas Sand, ringsum dichter Nebel. Wir stiegen auf, und nach wenigen Minuten tauchte aus dem Nebel der kleine Ort Ile Ronsse. Kaum einen Menschen gewahrte man auf der Straße; dazu war es noch zu früh am Morgen, und dann hatten wir heute Ostersonntag, an dem man auch in Korsika gerne ruht und sich etwas Gutes gönnt, wie wir noch genugsam im Laufe des Tages erfahren sollten. Die Straße läuft von Ile Rousse in westlicher Richtung nach Calvi, von der Eisenbahn begleitet. Allgemach verzog sich der Nebel, es wurde hell und warm. Tie Gegend bot anfangs nichts Besonderes: links Hügelland mit cin- zelnen Dltoenbäimteit, rechts das Meer und der flache, mit zerstreuten Felsblöcken besäte- Strand. Doch die Szenerie änderte sich bald. Schneebedeckte Gipfel ragten über die Hügelreihe, schroffe niedere Bergketten mit scharfen Profilen schlossen sich daran, ein prächtiges Höch- gebirgspanorama that sich im Süden auf, die Gegend des Monte Rosso, wie ein des Weges kommender Eingeborener uns belehrt. Die Hänge am Wege waren bedeckt mit der berühmten Macchia, dem für Korsika charakteristischen Buschwald, der hier meist bestand aus dem immergrünen Strauche einer Lorbeerart, baumartigem, weiß- blühendem Heidekraut, Myrten, immergrünen Eichen und der Cistrose, einem ebenfalls immergrünen Strauche mit weißen, der Heckenrose ähnlichen Blüten. Dieses Strauchwerk, das übrigens ein vorzügliches Versteck bietet, sowie die großen Rosmarinbüsche hauchten einen so starren Duft aus, daß er uns förmlich einen schweren Kopf verursachte, und wir uns erst nach einigen Tagen daran gewöhnten. In flotter Fahrt ging es zwischen Meer und Bergen entlang. Die Eigenart der korsischen Landschaft trat immer mehr in die Erscheinnng. Aus dem Meere steigt schroff das Gebirge empor, oft ist die Straße eingesprengt oder von Klippe zu Klippe aufgemauert; Buchten schneiden ins Land, fast stets wo aus einem Gebirgsthal ein Bach zum Meere rauscht. Hin und wieder zeigt sich ein Fischerfahrzeug in einer Bucht, sonst aber kaum eine Spur von Leben auf Straße und See. In etwa 11/2 Stunden waren die 24 Kilometer bis Calvi zurückgelegt. Die kleine Hafenstadt bezeichnen die Bewohner als den Geburtsort von Christoph Kolumbus, und ihr Stolz ist ein Denkmal des Seefahrers. Ebenfalls dem großen Manne zu Ehren, aber auch weil der Touring-Club. de Avance es bevorzugt, wandten wir uns in das Hotel Christophe Colomb. Madame hatte schon den Federhut auf, um zur Messe zu wandeln, empfahl uns jedoch der Fürsorge des Gemahls, der sich denn auch angelegentlich unserer annahm und ein recht gutes Frühstück herrichtete, dazu einige. Siphons und Wein herbeiholte. Der erste korsische Wein, den wir probten, schmeckte fast, wie der Buschwald roch, ungemein schwer und voll; infolgedessen mußte er, als fürs Rad nicht geeignet, gestrichen werden, und wir griffen zu leichterem Landwein, der sich als recht gut erwies. Die Besichtigung der Stadt nahm wenig Zeit in Anspruch: hohe, schmucklose Häuser, ganz in italienischem Stil, am Hafen einige Kneipen, ein paar Soldaten vom Fort am Wasser, die angelten oder mit Wäsche beschäftigt waren. Spionenfurcht herrscht hier nicht; wir stiegen zu dem Fort hinauf und wandelten um die Mauern herum, ohne irgendwie gestört zu werden. Der Fels, auf dem die Befestigungen thronen, war bis zum Meer mit mächtigen stacheligen Opuntien bewachsen, für Glacis gewiß eine empfehlenswerte Bepflanzung! Auf den Straßen Calvis begegneten uns auch gravitätisch mit Turban und Burnus einige Araber, gefangene Rebellen aus Algier, wie sie an verschiedenen Orten Korsikas interniert sind und beschaulich als Staatspensionäre leben. Die Rast in Calvi war uns recht nötig, denn hier sollte die Fahrt in das Gebirge ihren Anfang nehmen. Bald hinter dem Orte begann das Schieben der Räder, woran wir zum Glück durch unsere Fahrten' im Schwarzwald alle gewöhnt waren. Auf dem Col de la Rocca bassa am Cap Cavallo steht ein Seezeichen und erfreulicherweise auch ein Wirtshaus, in dem man wenigstens Brot und Wein haben konnte. Hätten wir gewußt, was folgte, wir hätten uns hier tüchtig vorgesehen; so aber saßen wir, der Schnelligkeit unserer Maschinen vertrauend, bald auf, und bergab ging es zum Thale des Fango hinunter. Der Kern des korsischen Gebirges mit seinen höchsten Häuptern breitete sich vor unseren Blicken aus. Kurz hinter der Fangobrücke erschien noch ein Bergwerk mit einigen Gebäuden, dann wurde es immer einsamer und wilder; der Weg hatte sich gewandt, und wir fuhren dem Innern des Landes zu. Zwei Cols (Paßhöhen) von nicht unbeträchtlicher Erhebung waren nach unserem Reiseplan noch zu überwinden, ehe wir den ersten bewohnten Ort Osani erreichen würden; doch am Wege sollten ja einige Cantinieras liegen, Wohnungen der Straßenwärter, welche gleichzeitig auch Wirtschaft betreiben. Vorhanden waren diese Cantinieras freilich, allein keine Menschenseele ließ sich blicken; sämtliche Bewohner benutzten den Osterfeiertag, um ihrer Einsamkeit zu entrinnen und wieder einmal unter Menschen zu weilen. An langen, steilen Berglehnen windet sich die Straße — übrigens wie alle korsischen Staatsstraßen in vorzüglichem Zustande — zur Höhe, die Berge bis hinauf mit dem dichten Buschwerk besetzt, tief unten rauscht der Bach durch fein Felsenbett. Kein Dorf, kein Haus liegt auf der Straßenseite, nur jenseits der Schlucht, drüben am Hang zwischen Busch und Felsen, steigt hin und wieder Rauch! auf, scheinbar aus Steinhaufen; doch es sind kleine Dörfchen, die da am Berge kleben, zwischen Felsen eingeklemmt und nur aus eilt paar Häusern bestehend, soweit man überhaupt von Häusern reden darf. Denn jene viereckigen,- kaum mannshohsn, roh aus Steinbrocken geschichteten Kasten, bereit plattes Dach mit Erde zugestampft ist, die als einzige Oeffnung die Thüre zeigen, oder höchstens noch ein Loch als Fenster, machen kaum den Eindruck menschlicher Wohnungen. Jetzt erkennen wir diese Ansiedelungen ganz deutlich, und auch wir werden bemerkt; die Bewohner kommen aus ihren Höhlen, man sieht, daß die ungewohnte Erscheinung von 4 Radlern ihre Aufmerksamkeit erregt. Hinüber zu gelangen aber wäre unmöglich, das Thal mit steilen Wänden trennt uns. Mittag war vorüber. Die Seeluft hatte Appetit gemacht, unser Frühstück von Calvi war längst verarbeitet, das Stück Brot auf Rocca bassa war kaum zu rechnen. Die erste Cantiniera hatte sich als geschlossen erwiesen. Eifrig trat der Gummibecher in Thätigkeit, denn am Wege standen, so oft eine Quelle sprudelte, schöne, in hohem Bogen auf- gemauerte Brunnen. Wie haben wir diese am ersten öfter* tag schätzen gelernt! . , .. Hinauf geht's zum Col de Parma; schon zeigt sich der Kamm des Berges, und am Paß eine Canttniera. Also 172 vorwärts! Zwar windet sich der Weg noch endlos durch zahlreiche Bergeinschnitte — Tobeln nennt sie der Schwarz- Wälder — aber ab und zu kann ein Stück flache Steigung gefahren werden. Endlich ist die Höhe gewonnen; der Schweiß steht auf Stirn und Rücken, aber die Cantiniera winkt, und sie wird erreicht. Abermals alles verschlossen, Klopfen und Rufen vergebens: der Cantiniere ist mit Weib, Kind und Hund ins Thal gestiegen. Ein Brunnen rinnt in der Nähe, wir rasten; edelmütig teilt der botanische Professor sein letztes Stückchen Boot in 4 Teile, Wasser wird mächtig getrunken. Eine Hoffnung: auf der Randmauer der Straße erscheinen einige dunkle korsische Ziegen, vielleicht ist Milch zu haben. Der Ziegenhirte ist bald entdeckt, er naht, von Neugier getrieben. Wer auf unser freundliches Ersuchen um Brot erklärt er, keines zu haben, und seine Tiere kann er nicht melken, wie er behauptet, trotzdem wir einige Franken funkeln lassen. Darum aufgesessen und hinunter so schnell als möglich dann abermals hinauf zum Coldelacroix! Ist der erst erreicht, so sollen die paar Kilometer bis Osani in wenigen Minuten gefahren sein. Doch bis zum Paß sind eben nach 12 Kilometer zu überwinden in langer Steigung, genau wie vorher; auch die Gegend ist genau dieselbe; jenseits der Schlucht einzelne Wohnungen, diesseits die Straße im Busch, die sich durch eine Menge von Dobeln zur Höhe schlängelt. Weine Reisegefährten gestehen, noch nie solchen Hunger verspürt zu haben, ich kaue friedlich Holz und ziehe den Gurt fester in Erinnerung an manch ähnlichen Marsch vor 30 Jahren. So wird der letzte Eol erreicht, ein Schwung in den Sattel, und im 20 Kilometer-Tempo geht es bergab. Bald zeigt sich Osani, ein kleines Nest, ähnlich denen, die wir seither gesehen. Doch auch, es liegt von der Straße ab, und so ist der allgemeine Wunsch, lieber noch die 4 Kilometer nach Parti- nello zu fahren. Junge Mädchen, die am Brunnen Wasser holen und sich uns in den Weg stellen, finden nicht die Beachtung, die wir sonst ihnen geschenkt hätten. Wirbelnd drehen sich die Pedale, da liegt bei einer Biegung des Weges vor uns Partinello, und gleich an der Straße das! Hotel Cecaldi. Das „Hotel" sah genau aus wie eine Räuberherberge im Märchenbuch. Wir standen vor einem unheimlich düsteren Steinkasten, der zwar dreistöckig war, aber verwahrlost im höchsten Grade. Keine Scheibe im Hause schien mehr ganz, soweit überhaupt noch in den wenigen Fenstern Glas vorhanden war; eine Reinigung hatten diese Fenster wohl nie erlebt, Läden und Bruchteile solcher hingen in malerischer Abwechselung umher. Augenscheinlich aber hatten wir das einzige Wirtshaus des kleinen Ortes vor uns, sonst zeigten sich nur Hütten von der schon erwähnten primitiven Bauart. Es galt also kein Besinnen, und wir traten ein. Monsieur Cecaldi erwies sich als ungemein gefällig und aufmerksam, eilig schleppte er auf unfern Notschrei Brot, Salami, Käse und Wein herbei, und mit gediegenem Eifer machten wir uns darüber her. Auch die weiteren Verhandlungen hatten befriedigende Ergebnisse. Zwei Betten waren vorhanden, infolge ihrer Breite genügten sie. Fürs Abendessen machte der brave Cecaldi den Küchenzettel: Hasen- braten mit noch einigen Gerichten; wir warens zufrieden, und bald fühlten wir uns in dem Räuberschlosse ganz gemütlich. Freilich auf Boden, Wände und Fenster durste man nicht schauen, allein von unserer Fahrt durch italienische Nester waren wir gegen solche Kleinigkeiten längst abgehärtet. Auf der Straße bildete sich um unsere Maschinen eine kleine Volksversammlung, denn Radfahrer sind in dem Gebirgsdörfchen selten. Huldvoll mischten wir uns unter das Volk, und rasch war unsere Popularität gesichert; die Kinder kamen und gaben Händchen, und der Herr Briefträger und andere Notabeln Partinellos würdigten uns ihrer Unterhaltung. Ein herrlicher Sonnenuntergang mit Ausblick auf die Berge und das Meer, das durch eine Schlucht herauf- glänzte, belohnte uns zum Mschlnß dieses schweren Tages, dann krochen wir auf unsere eisernen Bettstellen. lieber uns baumelten die Salamis, Zwiebel- und Knoblauchsbündel, neben dem Bett lehnte die Flinte des Hausherrn, und durch die zerbrochenen Fensterscheiben strich der Nachtwind. In aller Frühe waren wir bereits munter, prüften die Räder, und nach! Begleichung der mäßigen Rechnung schüttelten wir dem Herbergsvater die Hand und rollten unter den Grüßen der Einwohner zum Orte hinaus. Bald hatten wir die See wieder neben uns, oben führte der Weg her, und wir schauten hinab in die engen Buchten und Felseneinschnitte, an deren Fuß die Wellen leise anschlugen. Hier und da erhob sich auf vorspringendem Felssporn der wohlbekannte Genuesische Turm als Wächter irgend eines kleinen Hafens, in dem ein einsames Schiff schaukelte. Diese Verbindung von Meer und Gebirg hat viel Aehnlichkeit mit den norwegischen Fjords, nur daß hier alles in prächtigere Farben getaucht ist: die steilen Granitwände rot und gelb in der goldenen Sonne strahlend, das Meer wunderbar blau, dazwischen immergrünes! Strauchwerk, in der Luft der kräftige Geruch der an den Halden blühenden Kräuter. Tief unten wurde der lebhafte Hafen von Porto sichtbar, unzweifelhaft der landschaftlich hervorragendste Punkt der Westküste, der Ort selbst ist klein. Von hier, wollten wir die berühmten Felsgruppen der C a l a n ch e beim Dorfs Piana besuchen. Allerdings mußte das Rad um 438 Meter Höhe geschoben werden, denn auf Korsika hat man im Thal fast genau Meereshöhe. Der Tag war heiß, etwa tote bei uns im Juni. Doch an dem Flüßchen, das in den Hafen von Porto mündet, lag eine Mühle; der Molinaro saß . es war zweiter Feiertag —• rauchend vor seinem Besitztum; gern erklärte er sich auf Anfrage bereit, unser Gepäck aufzubewahren, und da wir denselben Weg wieder zurücknehmen mußten, so packten wir ab. Emsig schoben wir die erleichterten Räder bergauf, immer ausspähend, wann die Calanchs beginnen würde. Aber vergebens. Die Höhe ward erreicht, schon konnten wir einzelne Strecken fahren, und bererts! machten wir uns mit dem Gedanken vertraut, hereingefallen zu fein, als plötzliche das Bild sich änderte. Es waren nc der That merkwürdig zerklüftete und verwitterte Gebilde,! wie man sie wohl zuweilen in den Dolomiten findeft -eine seltsame Galerie wild zerrissener, durchlöcherter und zu allen möglichen Formen und Mißgestalten verzerrter Granitfelsen, durch die 1800 Meter lang der Weg teilweise in kleinen Tunnels sich durchwand. Jäh zum Meer abstürzende Schluchten boten malerische Durchblicke., So waren wir denn von unserem Slbstecher ungemein befriedigt, und selbst ein scharfer geologischer Streit über die Entstehung der wunderlichen Gesteinsmassen vermochte die Stimmung nicht zu stören. „ , , , Nach kurzer Rast in Prana konnten wrr auf dem Rückweg noch einmal das Panorama in umgekehrter Folge! genießen, und bequem rollten wir die 10 Kilometer hinab. Der Müller saß beinr Feiertagsskat, er übergab uns das aufbewahrte Gepäck und nahm dankend emige Sousstucke in Empfang. Am Flüßchen entlang, fuhren wir ostwärts! ins Gebirge hinein. Bald jedoch hieß es absitzen, denn Evisa, unser heutiges Ziel, liegt 842 Meter hoch, und der Weq steigt in vielen Biegungen durch finstere, aber großartige Schluchten an den Bergabhängen mühsam aufwärts. Es begann schon zu dämmern, als wir nut einem „Gottlob in Evisa einrückten, der Herr Psarrer wies uns freundlich zum Hotel Gigli, wo wir gut aufgehoben warem Denn Evisa ist seiner hohen Lage wegen korsikanische Somm-r- srische, daher auf Fremdenbesuch wohl eingerichtet, und so schliefen wir seit zwei Nächten endlich wieder einmal grund- (Schluß folgt.) A r i t h m o g r i p h. Nachdruck verboten. 183456 7 888 beliebtes Vergnügen. 8 7 5 8 biblischer Name. 3 2 8 1 schmackhafter Fisch. 4 2 7 2 8 5 Nänkespiel. 5 8 3 2 weiblicher Vorname. 6 5 7 5 8 atmosphärische Erscheinung. 7 2 8 8 Spielzeug. 8 8 7 2 spanischer Feldherr. 8 2 12 fremdes nützliches Tier. 8 2 11 Haustier. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.r C y l i n d e r. lich Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.