Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) XXIII. D i e Z a r i z a. All' . mein Leben Soll ein Wandern sein nach Dir, ein Ringen Mit der Welt um Dich! ich will nicht rasten, Bis den Tod ich oder Dich gesmiden. Geibel. Und muß dies unser Scheiden sein? O nein, ich liebe Dich auch nach dem Tode. Campbell. Tie Energie der jungen Frau hatte alle Hindernisse überwunden, die wichtigen Urkunden lagen in ihrer Hand. Ter um eine Audienz bittende Brief war ihr bereits voraus an eine der Ehrendamen der Kaiserin geeilt. Sie selbst, ihm unverweilt folgend, harrte auf dem Bonner Bahnhofe des Zuges; die innere Unruhe hatte sie viel zu frühe kommen lassen. Sie verließ den schwülen Wartesaal, und wollte eben den Perron entlang schreiten, als der Kammerdiener ihr, von einer Neuigkeit ganz erfüllt, eilig meldete; „Wissen Mademoiselle, daß Herr von Karin hier ist? Ich sah ihn soeben!" Wirklich, Nikolai war wieder in Bonn. Hätte Wera auch nur eine Ahnung davon gehabt, ihr Bekenntnis wäre wohl nie abgelegt worden; selbst die Angst hätte es ihr nicht entrissen. — Marita wurde durch des Dieners Meldung weniger überrascht; sie hatte ja einst gehört, wie Nikolai Lisavetten seine Absicht ausgesprochen, im Sommer nach Deutschland, nach Ems zu gehen. Freilich vergaß Clarita dessen später vollständig, jetzt aber fiel es ihr, wie das ja so leicht mit den Erinnerungen zu gehen pflegt, augenblicklich ein. (Sme Hoffnung knüpfte sich rasch daran. Nikolai Karin konnte ihr nützlich fein; er hielt sich vielleicht noch in Ems auf, oder kam gerade von dort und konnte ihr schätzenswerte Auskunft geben. „Wo haben Sie Herrn von Karin gesehen, Paul?" fragte sie daher eilig. „Er schlug soeben den Weg nach der Kastanienallee ein, Mademoiselle!" Clarita nahm denselben Weg. Unter den prächtigen Freitag dm 21. Februar. wf R. | Ä 1902. — Nr. 28 imsM Ms 'VÄVH M em in gewissen Situationen der Witz nicht ausgeht, der liefert damit den sichersten Beweis, daß er kein Gemüt hat. Eduard von Hartmann. Bäumen, in der schattigen Allee trafen die beiden richtig zusammen. Karin erfüllte das Wiederseheir mit wehmütiger Freude: er war natürlich der zumeist Ueberraschte, nimmer hätte er vermutet, Clarita um diese Stunde zu begegnen. Er war eben nur wieder zu dem Professor gekommen, um Erkundigungen über Feodor einzuziehen. Nach der ersten Begrüßung mit Clarita fragte er auch jetzt lebhaft nach jenem. Clarita gestand die augenblicklich große Aufregung ' des Kranken. „Wir haben eine wichtige Entdeckung gemacht, Herr von Karin!" sagte sie dabei rasch auf ihr Ziel steuernd. „Und dieserhalb bin ich soeben auf dem Wege nach Eins zu Ihrer Kaiserin. Vielleicht könnten Sie mir einen großen Freundschaftsdienst erweisen, indem Sie mir helfen, eine bereits nachgesuchte Audienz möglichst rasch, vielleicht heute noch zu erlangen?" Karin versprach gern, dazu behilflich zu sein. Dies schien ihm sogar leicht; denn er befand sich zurzeit noch in Ems mit seinem alten Verwandten, General Romanzow, der zum Hofe in naher Beziehung stand. Langsam schritten die beiden die in der Morgenfrühe stille Allee entlang, es war noch Zeit im Ueberfluß, der Zug noch gar nicht signalisiert. Clarita faßte einen raschen Entschluß. „Nikolai Pawlowitsch", sagte sie weich, „ich möchte ihnen meine Mission anvertrauen, und Ihren Rat hören. Ich gehe zur Zariza, um durch sie möglichst rasch die Befreiung eines unschuldig nach Sibirien Verbannten zu erlangen." „Meinen Sie damit Alexis Ornatoff?" „Ja!" Groß schlug sie dabei ihre schönen, seelenvollen Augen zu dem eifrigen Frager auf: „Ja, es ist Alexis Ornatoff, mein Gatte. Die Beweise für seine Schuldlosigkeit an dem ihm zugedachten Verbrechen sind in meiner Hand." „Ihr Gatte?" Seine Stimine bebte: „Ihr Gatte —1 Alexis Ornatoff — verstehe ich Sie recht?" „Gewiß; Sie sollen mich völlig verstehen. Ich vertraue Ihnen mein Geheimnis. Vor etwa drei Jahren sind Alexis Ornatoff und ich zu Santa-Cruce auf Teneriffa heimlich' getraut worden. Als seine Gattin kam ich nach Rußland, um den geliebten Verschollenen zu suchen." Und nun erzählte sie mit geflügelten Worten ihre verhängnisvolle Geschichte bis zu der gestrigen Entdeckung von Wladimirs Brief, der erwies, daß der Unglückliche keinem Morde, sondern einem verhängnisvollen Ehrbegriff zum Opfer gefallen war. Nikolai war tief erschüttert, aber er spannte alle Willenskraft an, seine Empfindungen zu beherrschen, und den Erklärungen Maritas aufmerksam zu folgen. Er durchschaute die Sachlage schnell. Finster fragte er endlich: „Und Wera — wußte sie um jenen verhängnisvollen; Brief?" „Ja — sie hat ihn entdeckt." „Wann?". — 110 — Hart und schneidend klang es, dieses kurze Wörtchen: „Wann?" „Tas fragen Sie sie selbst; ich habe keine Antwort darauf. — Nikolai Pawlowitsch, werden Sie mir helfen? Werden Sie der armen, angstvollen Gattin, Ihres einstigen Freundes ein Freund sein?" „Immerdar!" Es war fast, als ob eine Thräne durch den leuchtenden Blick des Mannes schimmere, der bewundernd die junge, hochherzige Frau betrachtete. „Immerdar", wiederholte er innig. „Gestatten Sie niir jetzt für Sie zu denken, für Sie zu sorgen, Ihnen die Wege zu ebnen. So schnell als möglich soll Ihnen die Audienz bei unserer gütigen Fürstin gesichert sein." „Und soll ich dieser unsere heimliche Vermählung vertrauen? Raten Sie mir?" Nikolai sann einen Augenblick nach; dann sagte er bestimmt: „Sagen Sie der Zariza alles — erzählen Sie der hohen Frau aufrichtig Ihre ganze Geschichte." Nikolai Karin hielt Wort. Sobald die beiden Ems erreicht hatten, bahnte er Clarita die Wege. Seine Bemühungen hatten ein glänzendes Resultat. Bereits folgenden Morgens nach dem Brunnengange beschied die hohe Tame die junge Fremde vor sich. Clarita stand vor der Zariza. Deren Huld und Güte verscheuchte jegliche Befangenheit — ihr alter Mut kehrte zurück. Sie wußte ja, wessen Sache sie führte. Sie sprach für ihren Gatten. Warm und innig quollen ihr die Worte aus dem Herzen, die wiederum tief eindrangen in das kaiserliche Herz der hohen Dame. Eine Frau sprach zu der der andern, eine Gattin zu einer Gattin. Die Geschichte, der Mut, die Ausdauer Claritas bewegten die Zariza, sie fühlte sich selbst ergriffen dadurch, aber sie prüfte doch genau die wichtigen Schriftstücke, und drohende Schatten finsteren Unwillens lagerten sich auf ihrer hohen Stirn bei der notwendigen Erwähnung von Wera's Anteil an der Sache. Die Kaiserin haßte die Jntrigue, über ihr ganzes Antlitz flammte daher eine jähe, zornige Röte, als sie durchdringend sagte: „Ich denke, Wera Sergewna Maffowsky wird sich hüten, noch einmal vor meinen Augen zu erscheinen. Unsere Ungnade ruht auf ihr. Das von ihr angerichtete Unheil möglichst auszugleichen, wird indes meine Sorge sein. Sie, wie der arme kranke Feodor Iwanowitsch, sollen nicht vergeblich unsere Vermittelung erfleht haben. Sie sind -eine treue, starke Frau von seltener Standhaftigkeit bei Ihrer Jugend." Wohlgefällig ruhte der Blick der hohen Frau auf der schönen, bei jenem Lob tief errötenden Clarita. „Gewiß", nickte die huldvolle Zariza, deren Interesse durch die gewinnende, jugendliche Erscheinung der jungen Fremden noch erhöht worden. „Sie sind Unserer Hilfe versichert. Heute schon soll eine Depesche nach Petersburg abgehen. Binnen kurzem wird Ihr Gatte frei, und Werden die nötigen Schritte eingeleitet sein, ihm alle seine Rechte zurückzugeben." — Ueberaus gnädig bot sie der lieblichen jungen Bittstellerin ihre feinen Fingerspitzen zum Kusse dar. „Kommen Sie in acht Tagen wieder nach Ems, um sich selbst die neuesten Nachrichten aus Petersburg zu holen, Frau, von Ornatoff." — Ein freundliches Lächeln, ein huldvoll gnädiger Wink, und Clarita von Ornatoff war entlassen. — Die Zariza hatte sie zuerst Frau von Ornatoff genannt, der Name, die enthaltene Anerkennung, das ganze über alles Erwarten glückliche Resultat — zu dem allerdings des alten Romanzows gestriger, Nikolai Karin abgelauschter Bericht tapfer vorgearbeitet hatte, — überwältigte Clarita. Wie fie aus dem Audieuzzimmer durch die eleganten Vorgemächer kam, wie sie sich von der dort harrenden Ehrendame verabschiedete, und in dem weiten Flur an all' den dienstthuenden Posten vorüber gelaugte, um sich endlich draußen in den Anlagen der vier Türme Nikolai Karin gegenüber zu finden, der sie sorglich zu einer Bank führte --- das alles wußte sie nur wie im Traum. Füglich hätte sie mit Goethe's Tafso ausrufen können: „Im Glück verläßt sie mich, die Kraft, die standhaft mich dem Unglück, stolz dem Unrecht begegnen ließ." Kaiserliche Botschaften flogen durch die Lande. Die Ordre der Zariza bedurfte nicht langer Zeit, um ihren Weg nach Petersburg, uni» von dort nach den sibirischen Minen zu finden, wo der Name des verurteilten Alexis Ornatoff zu einer Nummer herabgesunken war. Aus allerhöchsten Befehl suchte man nun die Nummer, und fand sie — in der Totenliste. Ahnungslos, welch ein Bescheid sich für sie vorbereitete, verbrachte Clarita die Tage voll spannender Erwartung am Krankenbette Feodors. Sie hatte ihm alles mitgeteilt, auch ihr Geheimnis. Wie sie vorhergesehen, war er selig darüber — er nannte sie seine süße Schwester. Voll tiefen inneren Glückes ries er der an seiner Pflege beteiligten Schwester laut jubelnd zu: „Denken Sie, welche ein Glück! Nicht nur der Bruder wird mir wiederNegebeu> gleich dazu noch eine Schwester, und diese Schwester ist — meine Clarita!" Weniger enthusiastisch nahm Wera die Mitteilung auf, Tie alten, feindseligen Gefühle schlummerten nur in ihr, und zwar leicht genug, wo sie der Schonung von feiten der Kaiserin versichert war, und es mit Feodor anscheinend! besser ging, sich auf's neue zu regen. Sie beneidete Clarita, und fürchtete sie. Als Alexis anerkannte Gattin stand dieselbe reich und geehrt der Welt, insonderheit dem Gesellschaftskreis gegenüber, den sie selbst durch ihre Schuld erniedrigt, meiden mußte. Indes eben das Bewußtsein dieser Schuld blieb bei ihr doch noch mächtig genug, um dem bösen Geiste in ihr die Wage zu halten, und sie vor jeder Aeußerung ihrer mißgünstigen Gefühle zu bewahren. Ter Ueberreizung ihrer Nerven war ohnehin eine gänzliche Abspannung gefolgt. An Stelle der nagenden Ruhelosigkeit hatte sich nun, da der entscheidende Schritt geschehen war, eine Art Erschlaffung ihrer bemächtigt, Claritas hochherziger Rücksicht, der Geduld, mit der dieselbe die peinliche Gegenwart der schuldigen Frau ertrug, und deren Kind mit unveränderter Liebe pflegte, dem allem begegnete sie wie stumpfsinnig. Stumpf und teilnahmslos ließ sie die Dinge um sich her ihren Gang nehmen. So schlichen die Tage hin bis zu Claritas zweiter Fahrt nach Ems. Pünktlich zu der bezeichneten Stunde fuhr sie da- felbst an den vier Türmen vor. Diesmal sah sie dre Zariza nicht selbst. Statt ihrer ernpfing sie dre Fürstin Zebotschef. Die Dame bot alles auf, ihrer trostlosen Aufgabe mit möglichster Zartheit zu entsprechen, aber welch' vorbereitende Worte sie immerhin wählen mochte, einmal mußte der Schlag fallen, einmal mußte sie es der jungen Frau sagen, daß ihr Gatte dem sibirischen Klima erlegen, daß kein Mensch, selbst die Zariza nicht ihn ihr zurnrck- geben könne. Doch, dank der eigentümlrch voraus. schon unerklärlich das Gemüt bedrückenden Atmosphäre, in der all die traurig klingenden Präliminarien zu trüber Kunde dem Herzen des Zuhörers entgegen tönen gleich jenen Glocken, von welchen Eichendorf singt: „Was gehen die Glocken heute Als ob ich weinen müßt? Tie Glocken, die bedeuten, Daß mein Lieb gestorben ist?" senkte sich auch allgemach auf Claritas Gemüt eisig jenes vorahnende Gefühl kommenden Leides nieder, ehe dre Trauerbotschaft in ihrer ganzen Größe sie traf. So war denn all' ihr Hoffen, all' ihr Ringen umsonst gewesen — fie sollte Alexis nicht Wiedersehen! — Sie schloß einen Moment die Augen, aber sie schrie nicht auf, noch sank sie, wie die Zebotschef befürchtet hatte, tn Ohnmacht, sie jammerte nicht einmal. Tie Größe ihres SchmerzeI machte sie stumm. Desto beredter bemühte sich ihre Trösterin zu sein. Sie versicherte sie der kaiserlichen Teilnahme und Huld, sie wiederholte ihr mehrfach int Namen der Zariza, wie alles geschehen solle, um Alexis Ornatoff's Namen von jeglichem Verdacht zu reimgen, und ihr — seiner Witwe — alle ihr zustehenden Rechte zuzuweisen. ©ie versprach dabei, daß Clarita noch genaues Bericht über die letzten Tage des Geschiedenen zugehen werde, und dann war auch dies vorbei, und der Fürstin Zebotschef schwere Mission beendet. Clarita drängte es, fort zu kommen, fort aus dem glänzenden Badeort mit all' den aufgeputzten, lachenden Menschen. Sie fuhr direkt nach Dem Bahnhof. Nikolai Karin erwartete sie dort. Gr kannte bereits ihr Unglück; ihm stumm die Hand. Besorgt fragte err sich stark genug für die Fahrt, Frau voN nannte sie jetzt Frau von Ornatoff, wie alle Name gehörte ihr, sie war ja Alexis, Witwk sie drückte „Fühlen Sie Ornatoff?" Auch er Welt. Ter ' 111 (Fortsetzung folgt.) sich selbst; er nur: „0, Gott „Ich verlange zu Feodor zu kommen", erwiderte sie leise. Meine Kraft reicht dazu aus. Paul, der Diener, hat bereits die Billete besorgt. Die Fahrt wird mir einige Stunden völligen Alleinseins gewähren. Das' ist, was ich zunächst brauche". t Karin wich nicht von ihr, bis er sie wohlgeborgen im Wagen sah- Sie dankte ihm für alle seine Bemühungen; denn sie nahmen ja Abschied' für immer. Ob er es ahnte? Noch lange starrte Karin dem dahinbrausenden Zuge nach; sein Gemüt war heftig erschüttert durch den Gedanken, daß. Clarita nun frei sei! Frei, und doch ihm verloren; denn hatte sie ihm nicht einst gesagt: ihre Liebe gehöre einem andern durch unlösbare Bande, die selbst der Tod nicht zerreiße. Unterdes lehnte Clarita tief in dem Wagenpolster zurück; sie wußte nichts mehr von der Außenwelt, sie blickte nach Innen. Sie betete leidenschaftlich, indem sie an Feodor dachte; „O Gott — nimm uns alle heim!" „ n Etwas von der starren Auflehnung, wie ste selbe vor Zeiten bei der ersten Nachricht durch Dimitri über Alexis empfunden hatte befiel sie wieder; heftiges wildes Weh versuchte sie, aufs neue mit dem Himmel zu hadern. Sie hatte so sicher, so fest darauf gerechnet, heute — heute die Erhörung ihres heißen Gebetes zu finden, daß sie voll stürmischer Bitterkeit wiederholte: „Ich mag nicht mehr leben!" ,c Doch nicht vergeblich hatte sie die Schule des Leidens durchwandert; tief in ihrem Innern warnte sie eine treue Stimme, ähnlich wie einst Judith den Fürsten Be- thuliens: „Was ist das für eine Rede? Das ist keine Sprache! Wer seid denn Ihr, daß Ihr dem Herrn eine Zeit bestimmt zum Erbarmen, unb nach Eurer Willkür ihm einen Tag festsetzt!" In Schmerz und Kampf halte Clarita gelernt, jener ittnern Stimme zu lauschen, sie verhallte auch jetzt nicht ungehört. Ihr starker Wille siegte gegen beugte sich. Demütig und heiß flehte sie — hilf mir, erbarme Dich meiner!" Drahtlose Telegraphie quer über das Weltmeer. Der größte technische Fortschritt des Jahres 1901. Bon Dr. Kurt Rudolf Kreuschuer. (Nachdruck verboten.) Das Jahr 1901 ist nicht zu Ende gegangen, ohne auf technischem Gebiete noch in den letzten Tagen die Vervollkommnung einer Erfindung zu zeitigen, welche von fachmännischer Seite als eine kulturhistorische Errungenschaft ersten Ranges bezeichnet werden muß. Von Pythagoras geht die Mähr, daß er nach Auffindung des auf seinen Namen getauften geometrischen Lehrsatzes eine Hekatombe den Göttern geopfert habe. Der vielgenannte italienische Erfinder Marconi, der jetzt die vor wenigen Jahren von ihm entdeckte und ausgearbeitete Telegraphie ohne Draht in so ungeahnter Weise vervollkommnet hat, ist nicht so blutdürstig gewesen; wenn er aber, wie telegraphisch bep richtet wurde, in dem Augenblicke, als quer über den atlantischen Ozean das verabredete Zeichen auf freien elektrischen Wellen herüberkam, um feinen Experirnentiertisch getanzt ist, so hatte er, dem so unerwartet Großes gelang, in der That alle Ursache zur höchsten Freude; denn noch vor wenigen Wochen mußte das jetzt von ihm geleistete, wenn auch nicht für unmöglich, so doch für im höchsten Grade aussichtslos gelten, und wenn jetzt die Zweifel an dem Gelingen der hochfliegenden Hoffnungen vor der Wucht der Thatsachen verstummen müssen, so gestattet man gern, daß der jugendliche Erfinder bet modernen Gegenwart für die ihn bewegenden Gefühle einen andern und jedenfalls sympathischer berührenden Ausdruck findet, als der in mystischen Verzückungen schwimmende Philosoph des griechischen Altertums, dessen Charakterbild wenigstens im historischen Bewußtsein unserer Herren Gymnasiasten mindestens ebenso schwankt, wie nach dem Ausspruch Schillers dasjenige des großen Friedländers in der Geschichte. Es ist tm Publikum wenig bekannt, daß auch die Erfindung der Telegraphie ohne Draht nicht fertig wie Pallas Athene" aus dem Haupte des Zeus entsprungen und keineswegs als reife Frucht dem ersten, der sich damit ernstlich versuchte, in den Schoß gefallen ist. Bevor Marconi das Problem in befriedigender Weise löste, hatten schon Wil- loughby Smith, Granville, Edison und manche andere an dieser Aufgabe gearbeitet, und auch das kaiserlich-deutsche Telegrapheningenieurbureau hat schon im Jahre 1896 mit Hilfe der elektrischen Induktion Verständigungen bis zu einer Entfernung von 18 Kilometer erzielt. Der von Marcony erzielte Fortschritt beruhte daraus, daß er zum Telegraphieren ohne Draht sich der von dem Bonner Elektriker Hertz erfundenen elektrischen Wellen hon hoher Schwingungszahl (250 Millionen Wellen in einer Sekunde- bediente und diese elektrischen Wellen, damit sie eine weite Wegstrecke überwinden konnten, von sogenannten Antennen aussandte, die nichts anderes sind, als senkrecht hängende Drähte, welche au einem hohen Mastbaum hoch in der Luft befestigt sind, oder durch einen Flugdrachen oder einen kleinen Luftballon nach Bedürfnis hoch in die Lüfte gehoben werden. Marconi nahm nun anfangs an, daß die Strecke, über die hinweg mau ohne Draht telegraphieren, könne, im geraden Verhältnis zu der, Länge der Antennen stehe, ohne daß er für dasselbe ein allgemein gültiges physikalisches Gesetz angeben konnte. Die Folge davon war, daß man zu immer riesigeren Sendapparaten gelangte; nach Versuchen, welche aus freier See vorgenommen wurden, hielt man sich zu dem Schluß berechtigt, daß das sünshunderrsache der Antennenlänge dis größte erreichbare Entfernung für das wirksame Telegraphieren sei, und so kam man zu dem Resultat, daß zur Ueberwindung der 1700 englische Meilen (2700 Kilometer) lanaen Meeresstrecke von Pencance bei Kap Landsend in Cornwallis nach St. John in Kanada Antemien notwendig wären, welche eine Länge von über 5000 Meter haben müßten. An der Möglichkeit, solche Antennen, hinter denen die Höhe des Montblanc noch um 200 Meter zurückbleibt, in die Luft zu heben, scheiterten alle Hoffnungen auf eine transozeanische Verständigung, und man begnügte sich damit, die geniale Erfindung für kürzere Strecken praktisch zu ver- iverten. Marconi erkannte jedoch bald selber (und andere bestätigten dies), daß das Gesetz der Antennen überhaupt nicht in dieser Allgemeinheit gültig sei. Es stellte sich heraus, daß ein verhältnismäßig kurzer Sendedraht über einer Wasserfläche auf viel weitere Entfernungen wirksam ist, als ein bedeutend längerer, mit dem man über eins von Wäldern, Hügeln, Bergen Gebäuden und anderen Unebenheiten bedeckte Landfläche telegraphiert. Ebenso war die senkrechte Lage der Antennen keine unbedingte Notwendigkeit. Dagegen zeigte es sich, daß die Aufstellung des ganzen Sendeapparates auf hochgelegenen Punkten der Ueberwindung großer Entfernung förderlich war, und daß letztere besonders von der gesteigerten Energie der elektrischen Wellen abhängig ist. Trotz alledem herrschen nach den kurzen, bisher ein- getroffenen Mitteilungen über die technischen Einzelheiten der letzten so erfolgreichen Maroonischen Versuche noch viele Unklarheiten, und die Fachwelt wird sich behufs eines klaren Verstehens bis zum Eintreffen genauer Berichte gedulden müssen. Wieso jedoch so glänzende Resultate möglich waren, wird dem Laien vielleicht an der Hand der nachfolgenden Betrachtung über den elektrischen Zustand der die Erde umgebenden Lufthülle etwas klarer werden. Daß die Erde eine mit Elektrizität geladene Kugel ist, dürfte jeder schon von der Schule her wissen, als ihm die Erklärung über die Wirkungsweise der Magnetnadel gegeben wurde. Aber auch die Atmosphäre ist der Sitz der lebhaftesten elektrischen Vorgänge, und man kann sich die erstere in eine große Reihe von einander umschließenden Kugelschalen zerlegt denken, von denen jede höhere die nächst tiefere samt der Erde einschachtelt. Innerhalb jeder einzelnen herrscht ein anderes Potential, d. h. eine andere Arbeitsfähigkeit, die elektrischen Wellen fortzupflanzen, wahrend natürlich in den einzelnen Teilen einer und derselben Kugelschale das Potential das gleiche ist. Während nun über großen Ebenen und Meeresflächen diese Kugelschalen, welche man auch Niveauflächen nennt, annähernd mit mathematischer Regelmäßigkeit in bestimmten Abstanden übereinander gelagert sind, liegen sie auf hochgelegenen Punkten 112 einer unregelmäßig gestalteten Landschaft, auf Bergspitzen, Kirchturm-Mastspitzen ic. dicht übereinander, und sind überhaupt vielfachen Unregelmäßigkeiten unterworfen, welche sich als Hemmnisse den sich ausbreitenden elektrischen Wellen entgegenstellen, und diese dämpfen, zersplittern, auffangen und reflektieren. .Höhere Luftschichten haben nun auch im allgemeinen ein höheres Potential, und es ist deswegen ohne weiteres verständlich, daß zwischen zwei hochgelegenen funkten zu beiden Seiten einer Meeresfläche ungleich viel essere Vorbedingungen' für eine Telegraphie ohne Draht herrschen, als im Binnenlande. Eine von den hohen Getreidefelsen der englischen Steilküste abgesandte elektrische Welle eilt sonach nicht in gerader Linie oder Ebene, sondern in der Krümmung derjenigen Kugelschale fort, welche der Höhe des Absendeapparates über dem Erdboden entspricht, und zwar ist die Entladungsgeschwindigkeit und das Lei- tungsvermögen um so größer, in je größerer Höhe sich der Sender befindet. Allen diesen Vorbedingungen war bei den jüngsten Mar- conischen Versuchen aufs beste Genüge geleistet. Es müssen aber außerdem noch besonders empfindliche Empfangs- apparate in Thätigkeit gewesen sein; und daß ausnahmsweise günstige atmosphärische Verhältnisse dem Gelingen gewaltigen Vorschub leisteten, geht schon daraus hervor, daß Marconi seine Versuche nicht nur, um in Cornwallis eine neue und stärkere Station zu bauen, sondern auch wegen des Eintritts von schlechtem Wetter abbrach. Jedenfalls steht so viel fest, daß, als an dem von Marconi vor seiner Abreise von Europa vereinbarten Tage die englische Station zu sprechen anfing, jenseits des Ozeans tn Canada der verabredete Buchstabe S sehr deutlich vom Empfänger in Morsezeichen ausgeschrieben wurde, ein Versuch, der auch an den nächsten Tagen mit Erfolg wiederholt wurde. Eine internationale Kabelgesellschaft, die sich begreiflicherweise durch Marconis Erfolge aufs höchste beunruhigt fühlt, setzt auch bereits alle gesetzlichen Handhaben in Bewegung, um dem Erfinder die Fortsetzung der Versuche auf canadischem Boden zu verbieten, was natürlich nur die Folge haben kann, daß diese auf anderem Boden wiederholt werden, wo der Eigennutz der Gesellschaft ohnmächtig ist. Mag bis znr praktischen Verwertung der Erfindung für den transozeanischen telegraphischen Verkehr auch immerhin ziemliche Zeit vergehen, so kann man doch ihre Tragweite kaum überschätzen, und Marconi hat Recht, wenn er sich in berechtigtem Stolze dahin äußerte, daß seine Errungenschaft für die ganze Menschheit ein hohes Weihnachtsgeschenk bedeute. Inzwischen hat auch die Indienststellung der Telegraphie ohne Draht für den öffentlichen Verkehr erfreuliche Fortschritte gemacht. In den Sumpfgegenden des Peiho, die irrt vergangenen Jahre der Schauplatz der chinesischen Unruhen waren, waltet sie als Zwischenglied der Telegraphenstrecke Tientsin-Peking. Eine bedeutende Anzahl Stationen befindet sich im Gebiete des Kongostaates, und im Sandwicharchipel sind Hilo, Honolulu und Lanai in dieser Weise mit einander verbunden. Die eigentliche Domäne der Erfindung sind jedoch die Schiffsmeldestationen, wie Borkum, ferner Leuchttürme und Marinesignalstationen. So ist z. B. der Roter- sandtnrm an der Wesermündung mit dem Kaiserdock in Bremerhaven, Cuxhafen mit den Feuerschiffen der Elbmün- dung und mit Helgoland auf diese Werse in Verbindung gesetzt. Sturmwarnungsstationen an den Meeresküsten werden in steigender Anzahl mit den notwendigen Apparaten zur ununterbrochenen Abgabe von Wetterwarnungen an die außer Sehweite oder bei nebligem Wetter vorbeifahrenden Schiffe eingerichtet, und ebenso ist bereits ein großer Teil der Kriegsschiffe unserer deutschen und fremder Marinen entsprechend ausgestaltet. Die längste im Betrieb befindliche Linie funktioniert zur Zeit aus der Strecke von Kap Lizard in Cornwallis nach St. Chatarine's Point, auf der Insel Wight, wo eine Wasserstrecke von 300 Kilometer zu überwinden ist. Am originellsten ist aber die Einrichtung von Marconistationen auf den zwischen Ostende und Dover verkehrenden Postdampfern, welche dadurch in dauernder Verbindung mit ihren Ausgangshäfen bleiben. Es liegt nicht außerhalb des Bereiches der Möglichkeit, daß durch Schaffung besonders kräftiger Stationen auf den überseeischen Schnelldampfern auch diese auf ihrer langen Fahrt über den Atlantischen Ozean in di« Lage gesetzt werden können, mit dem Festlande zu sprechen. Tie vieltägige Abgeschlossenheit von den Weltereignissen, welche in unserer anspruchsvollen Gegenwart von den Schiffspassagieren unangenehm empfunden wird, dürft« damtt ihr Ende erreichen, und der Reifende auch mitten aus dem Ozean Fühlung mit der übrigen Menschheit behalten. Unabsehbar sind endlich die Folgen für einen Zukunftskrieg zur See. Während früher manche , stolz« Flotte vernichtet worden ist, weil man sie vom Heimats- lande aus nicht vor dem Herannahen eines übermächtigen Feindes warnen konnte, eröffnet sich jetzt die Möglichkeit, das heimische Geschwader, auch wenn man dessen Aufenthaltsort nicht genau kennt, mit allen wünschenswerten Nachrichten zu versehen, so daß es entweder Zeit zur eigenen Rettung gewinnen oder an einen wichtigen Punkt entsandt werden kann, wo es zurzeit von unberechenbarem Nutzen ist. ______________ Die Lampe und ihre Behandlung. „Ich weiß nicht, woran es liegt, daß Ihre Lampen stets hell brennen, während meine Lampen stets Anlaß zu Klagen geben; wir haben doch das gleiche Fabrikat und brennen dasselbe Petroleum." So redete eine Nachbarm zur andern. Letztere war gleich bereit, das Geheimnis zu lüsten. Sie wußte sehr wohl, schreibt der „Praktrsche Wegweiser", Würzburg, daß ihre bequeme Nachbarin sich herzncp wenig um ihre eigensten Angelegenheiten kümmerte, sondern alles vertrauensselig ihrer Magd überließ. Deshalb setzte sie ihr auseinander, wie sie sich die Besorgung und Rernrgung der Lampe sehr angelegen sein lasse; denn die beste Lampe kann nicht hell brennen, wenn sie nicht sorgfältig rem gehalten wird .Das Reinigen darf aber nicht abends kurz vor dem Anzünden geschehen, sondern am Hellen Tage, um die Unreinheiten besser sehen zu können. Die Zuglöcher müssen vollständig frei sein, damrt dte Luft ungehindert zur Flamme kommt. Cylrnder und Glocke müssen recht klar geputzt sein; der Docht muß in gleicher Höhe über dem Rande stehen. Von Zeit zu Zeit muß auch das Petroleumbassin gereinigt werden. J®tc Lampe, in dieser Weise behandelt, wird Helltgkeit verbrerten. Ein gutes, helles Licht ist aber nicht bloß wichtig für alle Arbeiten, es ist auch heilsam für die Augen und macht das Zimmer freundlich und anheimelnd. A. B. Zimmcrgiirtnerei. Eine sehr leichte Methode, Topfgewächse zu vermehren, ist diejenige durch Ableger. Selbstredend fehlt es tm Zimmer an Platz, ganze Zweige niederzulegrer, und unter die Erde zu bringen, deshalb bringen wir bre Erde an bie Zweige, indem wir dieselben dort, wo wer durch euren kleinen Einschnitt Wurzeln hervorbringen wollen, mit ent re starken Papp-, Staniol- oder Blechdüte umgeben und drese mit der stets feucht zu haltenden Erde, Moos re. füllen. Ist dieses Erdbällchen von Wurzeln durchzogen, ,o schnreden wir das Zweigstück unter dem Tütchen einfach vollends durch, und pflanzen es nach Ablösung des Tütchens mit dem Ballen in einen Blumentopf. Auf drese Wrese können wir die widerspenstigen Pflanzen zur Vermehrung bringen. Tie Haupterfordernisse sind aber Geduld, Beobachtung des Lebens der Pflanzen und Liebe zu denselben. Zahlenpyramide. (Nachdruck verboten.) 1 1 2 3 12 12 3 4 3 12 4 5 Vokal. Ausruf. Werk. Fluß in Frankreich. Stand, 6 5 1 2 3 4 Frucht. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.r Moder — Mode. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrci (Pietsch Erben) in Gießen.