Samstag den 20. Dezember. W ifl M 1902. — Nr. 189. W^WMW “r-3? L i ;WÄ rWTFHM-WFTTT si LLWUM ^.NyMnIW (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original - Roman von Georg Bu st. Ql®'. (Forschung.) Im ersten Augenblick war Alexandra Michailowna über diese Worte sprachlos. Sie hatte solche rebellischen Gedanken bei ihrer Tochter gar nicht vermutet. Aber sie faßte sich. „Tu vergißt", sagte sie mit möglichster Ruhe, „daß Eltern ihren Kindern an Erfahrung weit überlegen sind. Wer bei Jahren ist, hat Lebensklugheit gewonnen und ist im Beurteilen von Menschen vorsichtiger und treffender geworden. Von einer glatten bestechenden Erscheinung und von schönen Worten läßt er sich nicht blenden, wohl aber legt er Wert auf die inneren Vorzüge, nach ihnen sein Urteil abwägend." Tatiana blickte auf. Ihr fielen die Reflexionen ein, die sie vor wenigen Tagen unbestellt, und deren Schluß der gleich einer Phantasmagorte auftauchende Cherubim mit den Worten übernommen hatte: „Das wahre Schöne liegt im edlen, festen Charakter, nicht in der Form, die Nur zu oft das Häßliche umschließt." „Ehrenhafte Gesinnung", fuhr die Mutter fort, „ist mehr wert, als imponierende Gestalt und elegantes Benehmen. Aber auch! die solide materielle Grundlage ist unbedingt erforderlich- denn sonst erstickt die Liebe in Not und Elend." „Nun, die solide materielle Grundlage könnte doch Papa schaffen", spottete Tatiana. „Aber sein Gedanke ist: „Gebe ich einmal, so muß der Schwiegersohn ein Dutzendmal geben. Jede Partie, die mir vorgeschlagen wurde, war einzig und allein bestimmt vom Geldstandpunkte." „Ich denke, daß Tu noch vernünftig werden wirst", entgegnete Alexandra Michailowna, sich erhebend. „Jetzt zu streiten, bat um so weniger Zweck, als die Reise bevvrsteht und Dein Vater geschont werden muh. Erfülle Deine Pflicht als Tochter und denke an das schöne Wort: Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser". Sie schickte sich an, nachdem sie einem Schranke einige Papiere entnommen hatte, das Zimmer zu verlassen. Auch Tatiana hatte sich erhoben. Ihr Blick fiel wieder aus die Skripturen. „Nicht wahr, er hat studiert?" fragte sie. „Ja!" antwortete Alexandra Michailowna, von der Plötzlichkeit der Frage überrascht. „Er wollte Ingenieur werden." Eine Fortsetzung des Gesprächs schien ihr nicht erwünscht, wenigstens nahmen ihre Züge einen unruhigen und ängstlichen Ausdruck an. Zum ersten Male hatte Tatiana das Empfinden, daß sich mit dem Verstorbenen irgend ein Geheimnis verband. M mußte etwas sein, das in feinen Wirrungen die Jahre überdauert hatte und noch jetzt Sorge erweckte. Auch dis Reise schien hiermit im Zusammenhänge zu stehen^ „Vielleicht werde ich in Moskau Klarheit gewinnens dachte fte, während ihre Phantasie die im Dunkel der Zeit verfließende Gestalt des Bruders in eine feste, be- stimmte Form zu bringen suchte, ohne jedoch ein wirklich zutreffendes Mld zu gewinnen. „Nach vierzehn Jahren — es ist unmöglich", gestand sie sich; „ich würde chrh falls er zu den Lebenden zurückkehrte, nicht wieder erkennen." — Seit der Katastrophe im Gogol-Theater war Titian« mit Boris Mitrofanowitsch nicht mehr zusammengetroffen. Sie hatte erfahren, daß er wieder Besuche empfangen konnte. Ihm noch vor ihrer Abreise persönlich zu danken, erschicn ihr als eine unabweisbare Pflicht. Ihr Gefühl sträubte sich, in seinen Augen als teilnahmslos dazustehen; fte hatte das Bedürfnis, in seiner Erinnerung ein ungetrübtes Andenken zu hinterlassen. Kurz entschlossen ging sie zur Klinik. „Tatiana Jefimowna, Sie erinnern sich meiner noch?^ rief er freudig überrascht, als sie ins Zimmer trat. ' „Halten Sie mich, für eine Undankbare, die Ihren Mut und Ihre Opferwtlligkeit vergessen könnte?" fragte sie ernst. „Ach! reden Sie nicht von mir", wehrte er ab. „Ich habe Ihnen zu danken für Ihre gute Kameradschaft."" „Schöner Kamerad", lächelte sie, „der es zugelassen hat, daß Sie in dieses und nicht in unser Haus gebracht wurden. Bet uns hätten Sie sich' jedenfalls weniges vereinsamt gefühlt." „Vereinsamt — ich? Oh, von solchen sentimentalen Anwandlungen bin ich frei. Ich kenne eine gute Arznei dagegen — sie heißt Arbeit. Hinter meinen Büchern und Zeitschriften ist mir die Zeit im Fluge vergangen." „Ja, arbeiten", erwiderte sie mit einem leisen Anflug« von Schwermut, „ich möchte auch gern arbeiten, aber die Tochter von Jefim Godunow ist dazu verurteilt, die Hände tn den Schoß zu legen." Er schaute sie verwundert an. „Wenn Sie den festen Willen haben", meinte er, „kann Ihnen die Ausführung doch nicht schwer fallen. Freilich, um ntateriellen Gewinn zu arbeiten, haben Sie nicht nötig, aber ich denke mir, daß Ihre Arbeit sich darauf richten muß, ein warmes Behagen im Hause zu verbreiten. Und solche Arbeit, die aus der Pietät gegen die Eltern erwächst, ist die schönste^ die eine Tochter unter Ihren Verhältnissen leisten kann.- Sie schwieg eine Weile und schaute verlegen vor sich hin. Schon wieder war das Wort „Pietät" gefallen, das sich auflehnte gegen ihre Liebe. „Zwei Herren kann man doch nicht dienen", dachte fte. Ihre Befangenheit niederkämpfend, sah sie ihm fest in die gefürchteten Augen, und ihre Brust hob sich unter tiefem Atem, als wollte fte allen Zwang a ('schütteln. „Boris Mitrofanowitsch", sagte sie mit Festigkeit, „Sie — 754 — haben mich unter Verhältnissen kennen gelernt, die Sie vielleicht veranlassen, mich falsch zu beurteilen. Mrr ist es in Wahrheit um ernste, ehrliche Arbeit zu thun, Die materiellen Gewinn bringt, denn solchen werde ich in Zukunft bedürfen. Aber leider geht es mir wie so dreien Töchtern aus reichen Häusern: Ich habe arbeiten nicht gelernt und bin gezwungen, das Versäumte nachzuholen. Das ist schwer, aber ich denke, daß die Triebfeder meines Entschlusses alle Hindernisse überwinden wird." Ein Anflug von Verstimmung hatte sich über sein Gesicht gelegt. Ihr nächtliches Abenteuer schwebte rhm vor, und er brachte es in Zusammenhang mit ihrem jetzt geäußerten Entschluß. „Sie liebt ohne Wissen und Willen ihrer Eltern einer: armen Mann", kombinierte er richtig, „und will, um sein Los teilen zu können, arbeiten." Wie der Mttz war ihm dieser Gedanke gekommen, und er war ihm ein Tarn geworden, der ihn ftadh „Ssudarinja", antwortete er mit einer Stimme, dre von einer leichten Trübung nicht frei war, „Sie baben freimütig Ihr nächtliches Wenteuer erwähnt, und ich darf also darauf zurückkommen. Nun, ich, nehme an, daß dieses Wenteuer Ihren Eltern unbekannt geblieben ist, und ihnen keine Freude bereiten würde." Obgleich er sah, wie auf ihrem Antlitz brennende Röte auftauchte, fuhr er unentwegt fort: „Ihre Absicht, um materielle,: Gewinn zu arbeiten, verstehe ich so, daß Sie sich vom Elternhause emanzipieren wollen, und ich vermute, sie ist demselben Grunde entsprungen, der auch Ihr nächtliches Abenteuer veranlaßt hat. Leben heißt, Gefühl und Verstand in möglichst harmonischen Einllang setzen. Mir aber scheint — verzeihen Sie diese Offenherzigkeit — Ihre Handlungsweise von jener Wahrheit abzuirren. Nur dem Gefühl zu folgen, ist verderblich, denn man gelangt schließlich zur Verkennung seiner Pflichten und zur blinden Leidenschaft, die Gutes und Böses nicht mehr zu unterscheiden vermag. Ter Verstand, , nicht das Herz, rst das erkennende Element, das uns im Verein mit dem Pflichtgefühl den rechten Weg weist. Selbst in der Liebe ist der Verstand der Lotse, der zwischen den hochschlagenven Wogen des Gefilhls sicher hindurchsührt. Und so ist mein Rat, wenn Sie eines solchen bedürfen: Tragen Sie nicht nur dem Gefühl, sondern auch dem Verstände und der Pflicht Rechnung; lassen Sie sich nicht durch irgend welche leidenschaftliche Aufwallungen zu unüberlegten Schritten hinreißen, die Sie vielleicht später tief beklagen müßten." In ihren Mienen prägte sich Ueberraschung über die Klarheit aus, mit der er die Situation erkannt hatte. Sie verstand vollkommen, was er meinte, itwb sie bedauerte jetzt, nicht vorsichtiger gewesen zu sein. Mft einem Male hatte sie das Gefühl, ihm den Einblick in ihr Inneres verwehren zu müssen, und gerade ihn am Allerwenigsten wissen zu lassen, wie es mit ihrem Herzen bestellt sei: denn sie fürchtete — ihm wehe zu thun. „Ich bin Ihnen dankbar für Ihren Rat", sprach sie möglichst ruhig, „wenn er auch mehr theoretischer Art ist. Es scheint mir schioer zu sein, so zu handeln, daß stets die Harmonie zwischen Gefühl und Verstand gewahrt bleibt; ich glaube sogar, daß wir Frauen uns nicht zu schämen haben, wenn wir das Herz über den Verstand siegen lassen; denn dieser ist nüchtern und kalt, und wandelt die Wege des berechnenden Egoismus, während jenes selbstlos ist, den Reiz der Poesie ins Leben zaubert und die großen Leidenschaften erzeugt, die erschüttern oder zum Höchsten hinanziehen. Mag es auch unklug fein, daß wir dem Herzen den Vorrang einräumen, so haben wir doch die Genugthuung, gerade um deswillen seit Jahrtausenden von den Tichtern gepriesen zu werden." Neber sein Gesicht flog ein Lächeln. „Ja, gepriesen werden von den unpraktischen Menschen, den Tichtern", fpottete er, „die immer dabei sind, wenn es tragische Konflikte und Unheil giebt." Ernster werdend, fuhr er mit leiser Stimme fort: „Es würde mir bitter leid thun, Ssudarinja, wenn auch Sie einen Dichter finden sollten. Verzichten Sie auf solchen romantischen Ruhm und halten Sie daran fest, daß Sie als denkender Mensch hie unabweisbare Pflicht haben, ihre Gefühle durch den Verstand richtig zu wägen und zu leiten." „Ich weiß Ihre Gesinnung gegen mich zu würdigen, Boris Mitrofanowitsch, und ich werde bestrebt sein", entgegnete sie lächelnd, „den Tichtern nicht in die Hände ? Erwägung, daß der Nams Patent stand, denn der wirkliche Tie Abreise nach Moskau war um eine Woche verschoben worden, da Jesim Godunow noch Geschäfte zu erledigen hatte. Tatiana harrte in Ungeduld des Tages/ da der Aufschub sein Ende finden würde. Von Timitry hatte sie die Mitteilung erhalten, daß sich ftohe Aussichten eröffneten, denn das Patent auf den Akkumulator sei erteilt und bereits veröffentlicht worden. Mit Freuden las sie immer wieder den Patent-Anzeiger, den er seinem Briefe beigelegt hatte. Groß und deutliche stand dort gedruckt: „Ten Herren Ilja Popow und Timitry Kalnssoff in Moskau ist ein Patent auf einen neu und eigenartig hergestellten Akkumulator für elektrischen Straßew« bahnbetrieb im Bereiche Rußlands erteilt worden", und weiter folgte eine genaue Beschreibung des MkumulatorH mit einigen Mbildungen. . „,ri Freilich, in ihre Freude schlich em lesier Muston, hervorgerufen durch die Erwägung, daß der Nams Timitrys zu Unrecht im Patent stand, denn der wirkllchS Erfinder war doch Ilja Popow. Me wäre sie stolz gewesen, wenn Timitry das Verdienst der Erfindung gebührt hatte.: „Wer er ist ja kein Elektrotechniker", tröstete sie sich/ „sondern Kaufmann, und als solcher wird er wenigstens bei der Verivertung des Patents seine hervorragenden Fähigkeiten beweisen können." Auf ihrem Gesicht lag wieder feit langer Zeit freundlicher Sonnenschein, so daß Alexarchra Michailowna erleichtert ausatmete, und ihren Gatten auf die günstigS Veränderung aufmerksam machte. „Wird Wohl wegen der Reise sein", meinte Jesim. „Mir wäre eine größere Anhänglichkeit ans Haus lieber/« Jefim war zum letzten Mal ins Geschäft gegangen.; Er erwartete seine Tochter, um mit ihr einen Abschiedsbesuch zu machen. Als sie im Privatkontor erschien und so frisch und leuchtend dastand, regte sich in ihm der Stolz des Vaters, und mit Wohlgefallen ließ er seinen Blick über ihre elegante Gestalt schweifen. Während er noch einige Arbeiten erledigte, vertiefte sie sich in eine Zeitung. Tann wurde er ins Lagerhaus gerufen „Warte und gieb Acht", sagte er beim Hinausgehen. , Tatiana befand sich, allem — allein im Privatkonto«/ in dem der Geldschrank stand Sie legte die Zeitung fort und blickte gespannt auf. Keine Täuschung — der Geldschrank war offen, und oben in dem kleinen Stahlthürchen, hinter dem sich die Kassette mit dem Wechselportefeuille befand, steckte der Schlüssel. „ , „ Ja, jetzt war der rechte Moment gekommen! Sie. sprang auf und eilte zur Thür, die sie vorsichtig zuriegelte. Und sie stürzte zum Schrank, schloß in fliegender Eile Las kleine Thürchen auf, nahm die KasieitS heraus und ergriff das Portefeuille. Ihre Hände zitterten/ ihre ganze Gestalt erschauerte, und aus ihrem Gesicht war alles Blut gewichen. Sie durchsuchte das Portefeuille in angstvoller Hast. Ta — das war der Wechsel — vierzigtausend Rubel — acceptiert von Gebrüdep Kalussoff! Krampfhaft hielt sie das Papier in der Hand/ währeno ihre Augen sich unwillkürlich schlossen und ihrs Brust sich stürmisch hob, als wollte sie zerspringen. Durch ihr Hirn raste eine Flut von Gedanken, ein Heer von Gestalten, ein wirbelndes Durcheinander, und aus ihm heraus trat mit ernstem Blick Boris Mitrofanowitsch, zu fallen. Und nun leb->n Sie wohl! Ich reise mit Papa auf einige Zeit nach Moskau; wenn ich Wiederkehre, werden Sie wahrscheinlich ' illig genesen sein und die Klinik! schon verlassen Haben." „Nach Moskau", rief er überrascht. „Nun, dann isi es möglich, daß wir uns nochmals Wiedersehen, den« in einigen Wochen hoffe ich auch dort zu sein. Sollte; es nicht geschehen, dann wird nichtsdestoweniger" — seine Stimnie dämpfte sich etwas — „das Bild meines tapfer» Kameraden fest in meiner Erinnerung hängen bleiben/« Er sah sie mit seinen bezwingenden Augen eins Weile an, als wolle er sich ihre Züge für immer ein- prägen. „Gebe Ihnen Gott Gesundheit und langes Leben"/ sagte sie in tiefer Bewegung, während sie sich langsam; erhob. „Ihrer auch in der Ferne zu gedenken, wird miv die Dankbarkeit gebieten." Sie wandte sich und schritt zur Thür. Ms sie draußen; war, fühlte sie, daß in ihren Augen Thränen standen. —i fte mit milden Worten mahnend, die Pietät gegen die Eltern zu wahren und Verstand und Pflicht über das Gefühl siegen zu lassen. Sie öffnete die Augen und sah "^„Dch bringe es nicht fertig," flüsterte sie. „es geht über meine Kraft. Mer um so teurer will ich Dimitry Mihängen!" t „ Sie legte mit zitternden Händen den Weisel rn Has Portefeuille zurück, brachte Alles schnell wieder in die ftühere Ordnung und riegelte die Thür wieder auf. Ms Jefim Godunow nach wenigen Minuten ins Privatkontor zurückkehrte, starrte er tief bestürzt in das leichenblasse Antlitz feiner Tochter, die erschöpft in einen Sessel gesunken war. Auf seine angstvolle Frage klang ihm gedämpft die Antwort entgegen: „Mich überfiel plötzlich eine Schwäche, aber ich habe sie überwunden." Wassily Schischkin hatte soeben einen Brief aus Kiew erhalten, der ihn lebhaft interessierte. Je werter er den Inhalt las, um so größer wurde sein Erstaunen, und um fo gespannter verfolgte er Zeile für Zeile. „Tas ist toll", rief er, nachdem er zum Schluß gelangt war. In seiner bisherigen Praxis als Wvokat hatte er nur wenige Fälle erlebt, die so eigenartig gewesen waren wie der, den er jetzt zum Austrag bringen sollte. Langsam legte er den Brief auf den Tisch Bequem im Sessel zurückgelehnt, begann er über das Gelesene Nachzudenken. „Rätselhaft kommen sie mir schon längst vor", gestand er sich. „Es sind schwankende, schwer definierbare .Gestalten. Popow prahlt und ist eine lebendige Phraseologie, während seine schöne Schwester sich als Pianistin aufspielt, um Zwecke zu verfolgen, die das volle Licht des Tages nicht zu vertragen scheinen. Für ihn ist charakteristisch der Redeschwall, mit dem er sein geringes Wissen zu verdecken sucht, und für sie das Älitzfeuer der Äugen, das über das mäßige Klavierspiel und die schlechten Kompositionen hinweg täuschen soll. Ich bedauere lebhaft, daß Glinka in ihre Netze geraten ist. Als Freund werde ich ihn bet Zetten warnen." Nachdem er eine Weile überlegt, griff er zu einigen Gesetzbüchern und suchte in ihnen nach Paragraphen, die für den vorliegenden Fall zutreffend sein könnten, aber er fand nicht einen, auf Grund dessen sich ein erfolgreicher Einwand oder gar eine Klage erheben ließ. „Er ist leichtsinnig gewesen, der gute Boris Mitrofanowitsch Lyschnin", dachte er. „Wie konnte er einem solchen Menschen in seine Ersindung Einblick gewähren, bevor er sich diese durch Patent gesichert hatte. Nun ist Popow ihm zuvorgekommen und hat sich mit edler Dreistigkeit das patentieren lassen, was in Wirklichkeit geistiges Eigentum eines anderen ist. Tie Rolle Dimitry Kalussoffs bei der Geschichte ist nur die untergeordnete eines Geldgebers, der das Patent ausnutzen will. Vom moralischen Standpunkte ist Popow zu verurteilen, vom gesetzlichen läßt sich nichts gegen ihn unternehmen. Niemand vermag es ihm zu beweisen, daß er nicht auf dieselbe Idee wie Boris Mitrofanowitsch kommen konnte. Fülle, in denen Erfinder auf denselben Wegen zu denselben Ergebnissen gelangten, sind zwar selten, aber immerhin nachweisbar. Tas Beste ivird sein, ich warte mit irgend welchen Schritten, die sich ja versuchsweise unternehmen lassen, bis mein Mandant in Moskau ein- getroffen ist." Wenige Stunden später befand sich Schischkin im Klub. In seiner Vermutung- daß Glinka kommen würde, täuschte er sich nicht. Der Erwartete erschien mit der Miene eines Mannes, der sich in gehobenster Stimmung befindet, und die Welt' im rosigsten Lichte sieht. „Ich wette, daß ihn nicht die Maisonne so vergnügt macht", schloß Schischkin, „sondern ein Feuerblick der schönen Milica Popow. Greife ich nicht energisch ein, so kommt es zur Heirat — und das wäre schabe um Glinka!" Nachdem sie gespeist und sich in den Nauchsalon zurückgezogen hatten, kam das Gespräch auf Dimitry Kalussoff, der am vorhergehenden Wend beim Spiel wieder kolossales Glück gehabt hatte. „Tem Fürsten Trojanow hat er sogar einen Traber mit elegantem Gigg abgewonnen", lachte Schischkin, „und ischrin. „Was hat »issen, Archip Petro-, amen Sti! Beweise für Ihr« sein Elektrophon vorführen. Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, dann helfen Sie mir freundlichst, eine Anzahl Billets unterzubringen, damit nicht vor leeren Bänken gespielt wird." m , Schischkin sah zu den wallenden Wolken seiner Papy- ros empor und schwieg eine Welle, als sie ihm die Antwort peinlich!. „Das kann ich nicht, Archip Petrowitschi sagte er endlich mit möglichster Ruhe. Auf Glinkas Gesicht prägte sich unverhohlenes Erstaunen aus. Offenbar hatte er eine solche abweisende Antwort nicht erwartet. , , „Und warum nicht?" fragte er, ohne ferne Erregung bemeistern zu können. „Tas will ich als Freund offen gestehen", gab Schischkin zurück, während er ihn fest ansah. „Weil id) Grund habe, Popow nicht für fair zu halten." , ... Glinka fuhr auf. „Haben Sie Be nun fährt et hohnlächelnd vor den Fenstern des Fürsten mit oem edlen Renner spazieren." „Unter uns gesagt, mir kommt sein Glück verdächtig vor", meinte Glinka leise, während er sich vorsichtig umsah. „Er schaut die Rückseiten der Karten immer so scharf an, als ob er sich jede Linie des Musters einprägen' möchte. Noch verdächtiger ist mir, daß er am Mittelfinger der linken Hand einen Ring trägt." „Wieso einen Ring?" fragte Schischki" der mit den Karten zu thun? Sie wsi. . . . .. „Beruhigen Sie sich", sühr Schischkin fort. „Den Beweis könnte ich erbringen, wenn er nicht gedeckt Ware durch das Amtsgeheimnis. Immerhin darf ich sreund- schaftlichst warnen, sich mit Popow einzulassen. Früher haben Sie ihn anders beurteilt, und ich vermute, daß Ihre Ansicht sich nur unter dem Einfluß schöner Augen unberechtigt zu seinen Gunsten gewandelt hat. Ist. Ihnen ein Freundeswort etwas wert, dann folgen Sie meiner Warnung, ehe es zu spät ist." „Archip Petrowitsch", fuhr er nach einer Pause eindringlich fort, „wir kennen uns schon seit unserer Studlen- zeit in Charkow und Petersburg. Sie werden also verzeihen, wenn ich ohne Rückhalt rede. Ich würde es als großes Unglück ansehen, falls Sie Milieu Popow Ihre Hand reichten. Gewiß, sie ist eine Dame von bestechendem Aeußern, aber ich glaube nicht, daß sie noch weitere Vorzüge besitzt. Sie werden meine Worte kühn luden, aber als Freund glaube ich berechtigt, ja, verpflichtet zu sein, Ihnen rückhaltlos meine Meinung zu eigen." „Ihre Worte haben mich überrascht", entgegnete Glinka, während er mit Mühe seinen Gleichmut zu bewahren suchte^ „da ich gar keine Veranlassung dazu gegeben habe, witsch, ich spiele nicht." „Nun, gewisse Pariser Spieler, die aus dem Hazar- dieren ein Gewerbe machen, legen einem solchen Ring große Bedeutung bei, denn er besitzt einen kurzen, haar- ~ ist, mit dem sich in die Kartenecken feine, kaum merkliche Löcher stechen lassen. Hierdurch entsteht in der betreffenden Ecke eine Unebenheit, die das Tastgefühl des Spielers herausfindet, so daß er sofort weiß, diese oder jene Karte erhält jetzt dieser ober jener Partner. Selbstverständlich erfordert der Tric große Gewandtheit und Uebung, tote überhaupt das Korrigieren des Zufalls beim Kartenspiel nicht leicht ist. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit, ich beobachte Kalussoff scharf, und bestätigt sich mein Verdacht, so fliegt er hinaus." „Beteiligt sich auch Popoto am Spiel?" warf Schischkin mit scheinbarer Gleichgiltigkeit hm, während er sich eine Papyros drehte und anzündete. „Nur selten. Mir scheint, daß er mit feinen Mitteln haushalten muß und sich! auf die Fährnisse des HazardS nicht einlasfen kann." „Was halten Sie von ihm?" forschte Schischkin. Glinka schaute fein Gegenüber mit einer Miene an> als wollte er sagen: Tu kennst ihn doch ebenso gut wie ich. Mit einer gewissen Zurückhaltung meinte er» „Heber seine elektrotechnischen Leistungen maße ich mir kein Urteil an; jedenfalls scheint sein Instrument ein« ehr beachtenswerte Erfindung zu fein. Daß er nach Ruhm bürstet und gern von fick reden machen möchte, siegt auf der Hand und ist auch wohl verzeihlich. Sie wissen/ in den nächsten Tagen wird er im Saale des Adelsklubs 756 Meine Beziehungen zu Popow sind sehr kühler Art, und in seiner Schwester verehre ich nur dre Schönheit, bte sich bewundern läßt, nicht aber das Weib, das Empfin- duna besitzt. Ich leugne nicht, meiner Bewunderung für sie in lebhafter Weise Ausdruck gegeben zu, hab en, aber zwischen Bewunderung und Liebe ist doch ein gewaltiger Unterschied. Mso seien Sie unbesorgt, daß ich den Weg, den ich wandele, sehr gut zu beurteilen weiß. Er stand auf und empfahl sich mit einem Gruße, der so förmlich war, daß Schischkin glaubte, ihn als eine Aufkündigung der Freundschaft deuten zu müssen. . „Acchip Petrowitsch", rief der Advokat, „noch em Wort'" „Und?" fragte Glinka, während er sich umwandte. „Ich habe es gut gemeint!" "Tas bezweifle ich nicht Aber Sie können von einer verletzenden Schärfe sein!" _ Ach was, unter Freunden kennt man keine Scharfe! Er reichte Glinka die Hand, die dieser halb versöhnt ergriff und schüttelte. (Fortsetzung folgt.) Merkwürdige Bsote. Won Arnold Rohde. (Nachdruck verboten.) E. C. Rost, dem wir eine Reihe interessanter Reise- Serichte verdanken, veröffentlichte kürzliche im „Seientific American" beachtenswerte Mitteilungen über merkwürdige (-ahrzeuge, denen er in verschiedenen Ländern begegnete. Namentlich bietet nach Rost's Schilderung der erste Anlick von Manila, wenn man den Pasig-Fluß auf einer let kleinen Barkassen in der Richtung nach der Mündung Kassiert, ein malerisches! Bild von den vielen Fahrzeugen 4er sonderbarsten Art. Hier finden wir ungeheure, schwere Boote, welche die Frachtgüter der großen, in der Bucht vor Anker liegenden Dampfer aufnehmen und ans Land schaffen. Diese großen Boote, welche man „Gasgoes" nennt, sind mit einem zerlegbaren, leicht zu entfernenden Bambusbache versehen. Ueber dem Hinterteil des Bootes ist das Dach beträchtlich erhöht und bildet so eine geräumige Kabine, in welcher der Schiffer mit seiner Familie wohnt. In solchen Booten wurde der größte Teil der amerikanischen Truppen an Land befördert. Nicht wett von dem Bureau des Hasenkapitäns an her Landungsstelle gelangt die Barkasse auf ihrem Wege jtact) dem Zentralhasen, oder dem alten Hafen von Manila in den Mnondo-Kanal. Aus diesem Kanal werden sehr sonderbare Fahrboote benutzt. Dieselben find klem, aus schweren Holzbalken erbaut, und mit hölzernen, Dielen bedeckt; auf diesen ruht ein Holzgestell, welches em Bambusdach trägt. Jedes Boot kann etwa 15 Passagiere aufnehmen und wird von dem einheimischen „Fletero" (Bootsmann) geschickt mittels einer langen Stange, welche er auf den Grund stößt, fortbewegt. Früher war unter dem Bambusdach eine kleine Blechbüchse befestigt, m welche der Fahrgast eine Kupfermünze zu werfen hatte. Kurz pach Landung der amerikanischen Truppen machte man Aber die Entdeckung, daß gewisse Personen statt einer Münze einen kleinen Stein, Nägel oder bergt m bte Büchse geworfen hatten, und seitdem giebt man der sonst Mühen Methode des Einkassierens den Vorzug. — Auf j>em Flusse vier begegnet man auch vielen, mit Gemüsen, Webten, Futtergras usw. beladenen Kanoes, ioelche aus ms gehöhlten Baumstämmeii b estehen und von den Eingeborenen sehr geschickt mit dem Strom, wie auch gegen die schnelle Strömung mittels Ruder fortbewegt werden. Rost fand Gelegenheit, südlich von Manila mit General Bateson zu reifen, als dieser ohne Blutvergießen den Vertrag mit dem Sultan von Jolo schloß, welcher V/s Millionen Menschen beherrscht, die zu den geschicktesten Philippinenbewohnern gehören sollen. Zuerst legten sie bei Jloilo auf der Insel Panay an; der Ort war von den Eingeborenen verbrannt worden. Die Insel ist als das größte Zentrum des Zuckerexports des Archipels berühmt, hier werden die Fährboote mit doppelten „Ruderstützen", welche außerhalb' des Bootes angebracht sind, verwendet Diese Fahrzeuge gehören zu den größten Seltsamkeiten der Philippinen. Sie sind aus ungeheuren Baumstämmen hergestellt, welche durch Werkzeuge ausgeböhlt ober ausgebrannt sind. Sie [titb mit Masten und zwei bis vier Segeln ausgestattet. An jeder Seite des Fahrzeuges befindet sich eine Ruderstütze aus Bambus, wodurch sich dies« Boote von anderen an der pazifischen Küste unterscheiden, )te nur eine Ruderstütze besitzen. Ta das hohle Bambusrohr im Innern viele Querwände besitzt, so ist es in der That eine Röhre mit vielen luftdichten Abteilungen, und da das Bambusrohr ferner eine außerordentliche Stärke, bis zu 18 Zoll im Durchmesser, erreicht, so sind diese langen luftdichten Röhren int stände, ein bedeutendes Gewicht über Wasser zu halten. Bei großen Booten ist, bisweilen das Bambusrohr aus jeder Seite zu Bündeln zusammengebunden, welche an Querbalken aufgehängt sind und aus dem Wasser ruhen. Es ist fast unmöglich, eins dieser sehr schnell fahrenden Boote zum Kentern zu bringen. Sie würden jedes andere Boot einholen, welches dieselbe Segelfläche besitzt. Diese Ruderstützenboote werden von den Eingeborenen auch für die Perlenfischerei benutzt, eine Industrie, die nächst der Hanfkultur die wichtigste Industrie dieser südlichen Inseln darstellt. Tie Unterthaneu des Sultans von Jolo, dis Moros, sind tüchtige Schiffer und als ein gefährlicher Volksstamm bekannt; denn noch bis vor kurzem trugen diese Inseln aus den Seekarten das WarnungS- zeichnen „Piraten". Ter Moro fährt in seinem Ruder- stützen-Boot viele Meilen weit von Insel zu Insel; sem Boot und seine Ruder sind fein wertvollstes Eigentums selbst seine Frau nicht ausgenommen, die in Wirklichkeit nichts weiter als seine Sklavin ist. Wenn man von Manila etwa 700 Seemeilen über das chinesische Meer fährt, begegnet man nicht nur interessanten Fahrzeugen aller Art, sondern man macht auch die merkwürdige Beobachtung, daß fast alle einheimischen Boote von Frauen geführt werden; die Frauen dienen den großen Schiffen, die in den Hafen von Hongkong eittfafrrett, auch als Lots en. Es ist nichts Ungewöhnliches, eine Frau am Steuer zu sehen, welche einen großen, schirmförmigen Hut trägt, während auf ihrem Rücken ein Kind befestigt ist. Diese Boote sind aus Holz und Bambusrohr erbaut und mit einem Mast und Segeln ausgestattet. Sie befördern auch landwirtschaftliche Erzeugnisse und Jndustriewaren von Ort zu Ort. Die Familien ber weiblichen Schiffer wohnen auf diesen kleinen Booten, ja, sie verbringen fast ihr ganzes Leben auf dem Wasser. Tas Ruder ist sehr lang und wird in geschickter Weise von den Frauen gehandhabt. Tie sonderbarsten Fahrzeuge, denen Rost auf seinen Reisen begegnete, waren die ,,Balsas" des Titicacasees in Bolivia und Peru. Tiefe „Balsas" werden aus einem! im Wasser des Dees wachsenden Gras hergestellt. Dis. Methode, nach welcher sie von den Aimara-Jndianerns erbaut werden, liefert einen Beweis für ihren Scharfsinn., Ein Bündel Heu schwimmt natürlich auf dem Wasser, und je nach der Quantität des zum Baudes Bootes verwendeten trockenen Grases, schließen sie aus bte Tragfähigkeit deS Bootes. Tieselben sind ebenfalls mit einem Mast und Segel ausgestattet unb tragen zuweilen 8 bis 10 Personen. Tie Indianer legen in diesen Booten weite Strecken auf dem großen Binnensee zurück, dessen Spiegel sich be- kauutltch mit dem Gipfel der „Jungfrau" auf gleiche« Höhe befindet. ( Eauschrätsel, (Nachdruck verboten.) Name, Rabe, Ritt, Mahl, Reis, Leier, Halm, Baden. Bon jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umtausch einer Buch« staben« an beliebiger Stelle ein neues Hauptwort zu bilden und zwar derart, daß die neu eingefügten Buchstaben im Zusammenhang gelesen einen Teil des Jahres bezeichnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.k Bai, Bau, Bad. Redaktion! Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch, und Steindrucken! (Pietsch Erben) in Gießen.