Nr. 173. Freitag den 20. November. 1902. ^ÖFo^r.aute. H.NOII. Glissen WM» (Nachdruck verboten.) Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) öfgct, Dovonkoff unterbrach jetzt ihre Träumerei, um einen Blick auf die große Stutzuhr aus der Zeit des sechzehnten Ludwig zu werfen, die vor ihr stand, und je weiter die Zeiger rückten, desto mehr verfinsterte sich nach und nach ihre Stirn — ihre Lippen verloren ihr Lächeln — Unruhe schien sie zu quälen. Ta vernahm sie in dem Gang, der nach dem Atelier sührte, ein Geräusch. Sie sprang empor, eilte diesmal ohne jede Schlaffheit oder Mattigkeit nach der Thür und schloß auf. Es war Georg Rakenius. Er schloß die Thür hinter sich, nachdem er eingetreten war, und ließ den Vorhang fallen. Erregt und von Freude gerötet, eilte sie ihm entgegen; er schloß sie voll inniger Liebe in seine Arme. „Tu hättest früher kommen sollen. Woher kommst Du „Aus dem Justizpalast. Alles geht für unseren Freund nach Wunsch. Ter Untersuchungsrichter glaubt jetzt mit Sicherheit die Namen der Schuldigen zu kennen." „Tas Stubenmädchen Minna und den Zeugen Keßler." „Ja, oder vielmehr Julie Farkas und Paul Quer- zewski. Leider hat man sie noch nicht." „Vermutet man, daß sie sich ins Ausland geflüchtet haben?" „Nein. Müller, der Kriminalinspektor, der uns momentan von so ungeheuren! Werte ist, behauptet, sie hätten Berlin noch nicht verlassen. Er vermutet, daß sie sich in irgend einen geheimnisvollen Schlupfwinkel zuruckgezogen haben, den er jetzt Tag und Nacht sucht" „O weh! Berlin ist groß!" „Tas wohl. Wer in zwei bis drei Vierteln hat er seine ernstesten Nachforschungen bereits beendet. Müller war heute morgen bei mir, nm mich um einige Auskünfte zu bitten — und ich muß ihn heute noch einmal treffen. Man kann sich auf den Eifer und die Klugheit dieses Mannes blind verlassen. Durch einfache Logik und mit Hilfe alter Erinnerungen kam er so weit, die Schuldigen unter ihren angenommenen Namen zu erkennen — und er setzt eine Ehre darein, die Verbrecher der Justiz auszuliefern zum Beweise dessen, daß er sich nicht getäuscht hat." Julie beobachtete nicht mehr. Ihr Ohr gegen den Vorhang gelehnt, horchte sie mit Beben. „Toch ist es immerhin möglich, daß dieser Kriminalinspektor tvotz all seiner Klugheit und seines Eifers keinen Erfolg hat", warf die Gräfin ein. „Was wird dann geschehen?" „Franz wird dann trotzdem in beiläufig vierzehn Tagen citgeurteilt werden. Tie Schlußverhandlung ist unbermeiü» lich. Bon dem Augenblick an, daß ein Angeklagter vor das Schwurgericht geschickt wurde, hat er auf alle Fälle vor dem Richterstuhl zu erscheinen, selbst in dem Falle, daß neue Thatsachen seine eklatanteste Unschuld erweisen. Wer das ist jetzt nur mehr Formsache. Tie Staatsanwaltschaft zieht jetzt die Anklage zurück und fordert Freispruch, den die Geschworenen auch eiligst bestängen. Später entspinnt sich ein neuer Prozeß, in dem dann die wirklich Schuldige« gerichtet und auch verurteilt werden." „Wenn Sie aber noch nicht verhaftet worden sind?^ „Tann werden sie in contumaciam verurteilt." „Auch von meiner Seite habe ich einen wichtigen Schritt unternommen, der mir auch geglückt ist", sagte die Gräfin. „Morgen, vielleicht schon heute, wird unser Freund auf Ehrenwort auf freien Fuß gesetzt werden." „O", zuckte Georg zusammen, der plötzlich gedankenvoll wurde. „Tu hast Angst?" fragte sie ihn, einen Arm um seine« Hals schlingend, ihre Augen tief in die (einigen senkend. „Nein, nicht das. Ich habe vollkommenes Vertrauen. Aber sein erster Besuch wird entschieden Dir gelten. Was! wirst Tu ihm sagen?" „Tie volle Wahrheit." „Ja, es muß sein. Wer es wird ihn furchtbar Hartz treffen." „Weniger hart, als Du denkst." „Wieso?" , „Weil es unmöglich ist, daß er nicht durch das Opfer Teiner Schwester, durch ihre edle Bereitwilligkeit, mit der sie die That vollführt hat, gerührt worden wäre." „Und Tu glaubst?" „Daß er sie lieben wird, —--wenn er sie nicht schon geliebt hat." „Tas ist unmögliche Er hat nur Dich geliebt." „Mich geliebt? Vergleiche ich Deine Liebe mit der (einigen, dann zweifle ich daran. Seine Eitelkeit war durch mich gefangen, seiner Einbildung geschmeichelt. Sein Herz aber, davon bin ich fest überzeugt, gehörte schon seit langem seiner Jugendfreundin, die er Tag für Tag sah und deren tiefe Anhänglichkeit er erraten mußte. In jedem Fall, wenn er mich noch liebt, werden ihn die Geständnisse, die ich ihm zu machen habe, und der Schlag, den ich, führen muß, für immer heilen, sei dessen versichert." „Ja, vielleicht. — Was aber wird er von mir denken? Nicht sein Zorn ist's, den ich fürchte. Ich fürchte nur, daff unsere Intimität darunter leidet, daff unser brüderliches! Verhältnis zusammenbricht." „Deine Schwester wird es wieder zusammenknüpfem Und dann — muß denn nicht sein Groll bei dem ®ei danken an alle die Dienste, die Du ihm geleistet hast, weichen? Hast Tu jemals an ihm gezweifelt, als ihn die ganze Welt verurteilt hat? Hast Du ihn nur einen Augew< blick verlassen? Wieviel Schritte hast Tu gethan, welch,« • 690 ist jemand!' 72. Kapitel. „Nein, Sie befahl er. „Warum?" ihren Körper. „Lassen Sie ries die Gräfin geblieben war. fragte sie, und ein neues Zittern befiel doch das Mädchen gehen, mein Lieber!" von dem Platze aus, auf dem sie stehen „Sie ist nicht wert, daß Sie sich mit ihr existiert?" „Man hatte vermutlich vergessen, den Vorhang ganz herunterzulassen. Ich bemerkte dieses Versteck und--" ’ „Es ist gut. Gehen Sie. Suchen Sie meinen Kammerdiener Josef aus. Er wird Ihnen Ihren Lohn auszahlen, und Sie verlassen das Palais binnen einer Stunde." Julie durchschauerte ein Entzücken. Sie hatte nicht gehofft, so leichten Kaufes davonzukommen. Tie Sache war zwar mißglückt, sie hatte nicht so viel Zeit gehabt, sich der Million zu bemächtigen, aber sie bewahrte immerhin ihre Freiheit. Sie konnte auf diese Art Paul Ouerzewski sofort ausfuchen, ihm alles wiederholen, was sie eben vernommen hatte, und dann mit ihm sofort entfliehen. Mit gesenktem Haupte, als ob sie ihre That tief bereute, eilte sie nach der Thür. Beinahe hatte sie sie schon erreicht, als sich. Georg, der bis dahin geschwiegen hatte, ihr in den Weg stellte. ~ werden das Zimmer nicht verlassen!" abgeben." „Ich bitte gehorsamst um Entschuldigung, Frau Gräfin", -entgegnete Georg, der Julie nicht aus den Äugen verlor. „Sie täuschen sich in ihrer Person. Tas ist kein gewöhnliches Kammermädchen, das man aus Neugierde oder einem Verrat ertappt hat. Tas ist eine gewesene Zuchthäuslerin. Noch in diesem Augenblick hatten wir über sie gesprochen. Vor kurzem noch hieß sie Minna. In Wahrheit aber heißt [ie Julie Farkas." „Ah!" rief die Gräfin näbertretend. „Ich — ich! Sie — Sie irren sichst, versuchte die Erkannte zu stammeln. „Was das anbelangt, so erkenne ich Dich", erhärte Georg Rakenius. „War ich nicht am selben Tage mit D« vor dem Gerichtshof? Meinst Tu etwa nicht, daß ich jene Unermüdliche Thätigkeit, welchen Eifer hast Du entfaltet, ihn zu retten! Und wem hat er es denn zu danken, wenn seine Unschuld erklärt wird?" „Größtenteils Dir. — Deine Geständnisse waren es, die endlich dem Untersuchungsrichter die Binde von den Augen genommen haben." , „Sei es drum! Ich rechne darauf, daß er mir vergrebt, wie er auch Dir vergeben muß. Wir haben uns geliebt — wohl, das ist wahr, aber ohne daß wir aufgehört hätten, ihn zu lieben." Bald sprachen sie nicht mehr über Franz von Sempach Sie sprachen über tausenderlei Kleinigkeiten und Intimitäten, wie sie eben nur Liebenden wertvoll urib wichtig erscheinen, als sich mit einmal die Gräfin aus seinen Armen losriß. Bleich, mit bebender Stimme rief sie: „Wir sind nicht allein. Tort — hinter dem Vorhang Nach einigen Sekimden schon hatte sie sich wieder gefaßt. Tann ging sie, ohne Zögern, der Gefahr mutig ins Auge zu schauen, festen Schrittes aut das dunkle Kabinett zu, das einen Teil des Ateliers ausmachte, und hob den .Vorhang empor. Tort erblickte sie, in einem Winkel zusammengekauert, beinahe zusammengerollt, totenblaß, am ganzen Leibe zitternd, ihr Kammermädchen, Julie Farkas. Tie Gräfin sah sie erst an, ergriff sie dann, nachdem sie sie erkannt, sich zu ihr niederbückend, beim Arm und zerrte sie in die Mitte des Ateliers. „Was machen Sie hier?" herrschte sie sie an. Julie hatte schon wieder ihre ganze Sicherheit wiedergesunden. „Verzeihen Sie mir, Frau Gräfin", antwortete sie. -Mein Verbrechen war nur Neugierde. Tas Gesinde hat mir so viel von den Gemälden und von den wundervollen Tingen gesprochen, die hier sein sollten. Ich ging eben über den Gang, fand da die Thür offen und trat ein, um einen Blick hineinzuwerfen. Plötzlich vernahm ich Schritte und eine Stimme. Tie Frau Gräfin kamen nach dieser Seite. Ta packte mich die Angst, und ich stürzte in das Kabinett." „Woher wußten Sie, daß hier überhaupt eines Zeugen, die derart belastend gegen meinen besten Freund aussagten, wie mit tausend Augen beobachtete? Jawohl', Tu hast keine Ahnung davon gehabt, daß Herr von Sempach hier bekannt war, und wolltest Tich gerade in jenem Hause verbergen, das das allergrößte Interesse daran hatte, Tich zu entlarven und Tich auszuliefern." „Ah, das ist sie also!" ries die Gräfin. „Ta giebt es nichts mehr zu zögern, ich werde sie einfach verhaften lassen." Wie vom Donner gerührt, zu Tode erschrocken, brachte Julie erst kein Wort hervor; sie fühlte, sie war verloren. Doch das Gefühl der Angst verlieh ihr wieder Kraft. Mit einem Satz sprang sie zurück, lief mit erstaunlicher 53 hendigkeit um Georg herum und erreichte die Thür. Tie Bewegung war eine so unerwartet plötzliche, daß es ihr vielleicht wirklich "gelungen wäre, zu entkommen, wenn diese Thür wenigstens nur halb offen gestanden hätte, aber während sie sie zu öffnen versuchte, hatte sie Georg bereits eingeholt, bei den Schultern gepackt und in das Atelier zurücigeschleudert. „Wollen Sie klingeln!" sagte er gleichgilttg zur Gräfin. Julie jedoch versuchte auf einem anderen Gebiete mit neuen Waffen zu kämpfen. Ta sie sich physisch besiegt fühlte, wollte sie sozusagen moralisch weiter kämpfen. Eben als sich die Gräfin einer elektrischen Klingel genähert hatte, rief sie aus: „Hüten Sie sich wohl vor dem, was Sie thun wollen! Wenn Sie rufen, wenn man mich verhaftet, so bringe ich Sie beide ins Verderben!" „Was willst Tu damit sagen?" fragte Georg, ihr drohend auf den Leib rückend. „Ich will sagen", zischte Julie kreideweiß, mit pfeifender Stimme, mit ihrer Zunge pfeilgeschwind über ihre Lippen streichend, mit jener Zunge, die sie wieder ui die giftige Viper verwandelte, „ich will sagen, daß ich in diesem Gobelin von meinem Versteck aus ein Loch geschnitten habe — sehen Sie sich's nur an, Sie können es noch bemerken — und daß ich durch dasselbe Ihre Geheimnisse entdeckt habe. Ah! Und da konnte man ganz hübsche Dinge sehen und hören! Beim Satan! Sie können es noch besser als ich. Tie große Dame, deren Tugend weltberühmt ist, würde in nichts hinter mir zurücksteheu. Und ich sollte mich doch darin auskennen! Eigentlich war die Sache ganz famos! Anfangs machte mir die Sache riesigen Spaß, aber man ist auch nicht von Stein, und ein blöder Seufzer hat mich verraten! Wenn Sie mich nicht hinauslassen, wenn Sie mich verhaften lassen, so erzähle ich alles, alles, alles, jede Kleinigkeit!" ,Nun, Schurkin", erwiderte die Gräfin mit vollkommenster Ruhe, „Tu sollst sehen, ob ich diese ganze Welt fürchte." Ihr Finger wollte eben auf den Knopf der elektrischen Klingel drücken, als Georg rasch auf sie zutrat, sich zu ihr herabbeugte und leise in ihr Ohr flüsterte: „Klingeln Sie nicht. Rufen Sie nicht, nur fallt eben etwas ein. Wenn wir sie verhaften, so entgeht nns ihr Komplize. Machen Sie so, als ob Sie Angst vor ihr hätten, und lassen Sie sie weggehen. Ich werde sie verfolgen lassen. Nur sehen Sie zu, daß wir Zeit gewinnen. Halten Sie sie wenigstens noch eine Stunde int Palais zurück. Mit lauter Stimme, um von Julie gehört zu werden- füate er bei * „3cf) flehe Sie an, Gräfin Olga! Es handelt sich um Ihre'Ehre. Sie wären verloren." Als ob sie zögerte, ihm zu willfahren, antwortete fier „Es ist aber meine Pflicht, diese Elende den Gerichten auszuliefern." . „ /v „Denken Sie zuerst an sich — an uns beide. _ „Wenn ich sie aber freilasse, wer sagt wir, daß sie nicht spricht?" _ Julie, die am anderen Ende des Ateliers, an die Mauer gelehnt, ihnen angstvoll und atemlos zuhörte, schöpfte wieder etwas Hoffnung und sagte: . „Was für ein Interesse hätte ich daran, zu sprechen? Wenn Sie mir nichts Uebles thun, so habe ich keine Ursache mehr, mich zu rächen." Noch immer schien die Gräfin zu schwanken, endlich sagte sie, als ob sie sich schließlich gefügt, hätte: „Gut denn! Sie soll gehen! Tie Polizei wird sie schon wiederzufinden wissen. Aber in meinem Atelier, auf meinem! Tisch haben wichtige Papiere gelegen und Briefe in der Lade. 691 Wer weiß, ob sie diese nicht vor meinem Erscheinen gestohlen und sie irgendwo für sich selbst versteckt hat. —> Gut, ich will jetzt, daß sie geht, aber sie soll mit leeren Händen gehen." „Untersuchen Sie mich!" rief Julie. „Ich habe nichts genommen." „Tas iss nicht unsere Sache", entgegnete die Gräfin. -Meine Leute werden das übernehmen. Mein lieber Herr Rakenius, thun Sie mir den Gefallen, mir meinen vertrauten Kammerdiener heraufzusenden. Sie kennen ihn ja, den Joses. — Er hält sich immer unten im ersten Stockwerk auf. Ihm werde ich dann dies Mädchen anvertrauen, um somit dem Geschwätz der Dienstboten auszuweichen. Teshalb auch habe ich nicht geklingelt. — O, gehen Sie nur! Haben Sie keine Angst, mich mit diesem Frauenzimmer allein zu lassen. Ich fürchte nichts!" ! , 73. Kapitel. < : Einige Minuten verstrichen. Gegen die Teppiche lehnend, die die Eingangsthür verdeckten, aufrecht stehend, verhinderte die Gräfin Julie am Entwischen. Tiefe, in einem Winkel des Ateliers gekauert, wild und rachsüchtig, wie sie war, warf lange, bedeutungsvolle Blicke auf ihren Kerkermeister. Eine bizarre Idee schoß ihr selbst einen Augenblick imrcEj das Gehirn: warum sollte sie sich nicht auf die Gräfin stürzen, mit ihren Händen, Nägeln, Zähnen den Schlafrock und auch jene selbst in Stücke zerfetzen? Gräfin Liga, nur in diesen Schlafrock gehüllt, der sie vor fremden Blicken schützte, müßte dann, wenn man eintreten würde, die Thür, die fie jetzt verteidigte, verlassen, ihren Posten aufgeben und sich hinter einem Schirm des Ateliers verbergen. Tann wäre ihre Flucht möglich. Mer wozu denn jetzt entfliehen? Man dachte ja nicht mehr daran, sie zu verhaften; man wollte sie nur unter» e. Und was lag ihr daran? Tie Million schlummerte : noch an ihrem Platze; sie hatte sie ja nicht an sich Nehmen können. Tie Blicke aber, die die Gräfin auf Julie warf, waren Nicht von Haß erfüllt. Sie studierte mit Neugierde und einem gewissen Interesse, vom künstlerischen Standpunkte aus, dieses waghalsige, verdorbene, lasterhafte Geschöpf, diese Verbrecherin von zwanzig Jahren. Tie große Dame fand ihre Situation originell. Sie in einem Tete-a-tete mit einer gewesenen Zuchthäuslerin! Ihre noch etwas verwirrten Gedanken gefielen sich in dieser Zusammenstellung. Juliens Laster und Verbrechen ließen sie ihr größer erscheinen; sie sah in ihr nicht mehr das Kammermädchen. Hatte Olga Doroukoff aus diesem Verbrechen nicht nur ihren Vorteil gezogen? War die Tötung der Frau von Sanden nicht Veranlassung zu ihren Beziehungen mit Georg Rakenius gewesen? Wenn sie nun nach jahrelangem Suchen und Erträumen eine wahre, tiefe Liebe endlich gefunden hatte — wem verdankte sie das alles? Ter, die vor ihr stand, die in diesem Zimmer vor ihr war. In einigen Augenblicken wird sie sie der Polizei aushän- drgen. Tas war ihre Pflicht. Aber ein Gefühl des Haffes gegen jene fühlte sie absolut nicht. (Fortsetzung folgt.) Gefährliche Jagdabenteuer. (Nachdruck verboten.) Es dürfte bekannt sein, daß das Nashorn ein träges, gutmütiges Tier ist, das keinem Menschen etwas zu Leide thut, wenn man es ungeschoren läßt. Wird das Rhiuo- zeros aber gereizt, dann wird es sehr wild, greift mit Horn fumb Hufen feinen Gegner an, und es ist sicher, daß dieser dann sehr wenig Aussicht hat, mit dem Leben davon- Wkommen. Es dürste daher als ein großes Wunder erscheinen, daß Oswell, ein Freund Livingstones, sogar Mveimal in seinem Leben ans dem Kampfe mit einem Rhinozeros mit knapper Not davongekommen ist. Er hatte einigen Elefanten erfolglos nachgespürt, und auf dem Heimwege zum Lager erblickte er ein weißes Rhinozeros, e dicht am Wege. Tas Fleisch int Lager war gerade st, feuerte er und verwundete das Tier, welches eiligst in bas Gebüsch floh. Tarum feuerte er schnell ob" zweiten Schuß ab, denn seine Erfahrung hatte ihm gelehrt, daß das weiße Rhinozeros gewöhnlich schnell das Weite sucht, wenn es verwundet iss. Er war deshalb int höchsten Grade überrascht, als das Tier stehen blieb, um sich plötzlich gegen ihn zu wenden. Er wartete noch immer, weil er jeden Augenblick dachte, das Tier würde zusammenbrechen. Er wartete aber zu lange, und als er endlich, die Gefahr in ihrem vollen Umfange erkennend, fein Pferd zu wenden suchte, gehorchte dieses weder Zügel noch Sporen. Tas verwundete Rhinozeros kam heran, bohrte sein Horn unter die Flanke des Pferdes und schlenderte Roß und Reiter in drehendem Wirbel in die Luft. Beim Fallen riß die Kante des eisernen Steigbügels ein großes Stück der Kopfhaut des Pferdes mit hinweg. Ter Reiter machte sich von dem Körper des Pferdes los und sah auch schon das Rhinozeros über sich stehen, dessen Horn sich ihm am Knie« ins Bein gebohrt hatte. Mer irgend etwas mußte die Aufmerksamkeit der Bestie ablenken; es drehte sich plötzlich um und kehrte in' das Gebüsch zurück. Jetzt kamen auch die Gefährten Oswells heran; er lieh sich von einem derselben eine Flinte, bestieg trotz seiner Verletzungen ein kleines Pferd, verfolgte und erlegte das Rhinozeros und nahm das Horn desselben als wertvolle Trophäe mit nach seiner Heimat. Major Vardou fand seinen Freund bald nachher, .„unter einem Busch sitzend, seinen Kops mit den Händen haltend", wie er später seinem Freunde Livingstone berichtete. Oswells zweite Erfahrung auf diesem Gebiete kam ihm bedeutend teurer zu stehen. Er war dieses Mal zu Fuß, als das Rhinozeros ihn angriff und ihn wieder wie das erste Mal auf das Horn nahm. Er fühlte im ersten Moment, daß er von dem Tier fortgeschleudert war, daß er durch die Luft flog, und dann vergingen ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, saß er aus seinem Pferde, welche! von einem Eingeborenen geführt wurde, während ein anderer feine Flinte trug. Er ritt langsam wie im Traum weiter und begegnete einigen Leuten, die eine Art Tragbahre mit sich führten, welche ihm auf der Reise als Bett gedient hatte. Auf seine Frage, warum sie ihm entgegenkämen, antworteten fie, fie hätten gehört, daß er von einem Rhinozeros getötet worden sei und wären gekommen, seine Leiche zu holen. Tann legte er seine Hand mechanisch auf den Schenkel und fühlte, daß seine Kleider naß waren; er blickte auf seine Hand und sah, daß sie mit Blut bedeckt war; aber die Hand zeigte sich unverletzt. Er untersuchte sein Bein durch einen Riß in seinen Beinkleidern, und dieses war so empfindungslos, wie er später selbst erzählte, daß er bis auf den Knochen in eine tiefe, acht Zoll lange Wunde faßte, ohne den geringsten Schmerz dabei zu fühlen. Ter verwundete Nimrod mußte einen ganzen Monat lang das Bett hüten. Tie chirurgische Behandlung war aber sehr einfach, und die Heilung erfolgte schnell und vollkommen. Im Jahre 1895 wurde Peel mit einer kleinen Jagdgesellschaft in Somaliland von einem von ihm verwundeten Rhinozeros angegriffen. Die Jäger retteten sich indem sie seitwärts ins Gebüsch sprangen, bis auf einer Shikari (Ob erjag er), den man den Berg hinunterrafen sah, verfolgt von dem wütenden Tiere, das ihm dicht au* den Fersen war. Peel eilte ihnen nach und schrie dem Mann zu, er solle einen Seitensprung machen. Der Rat wurde befolgt, aber der Mann stolperte, während er zur Seite sprang, die Bestie holte ihn ein und nahm ihn mit dem Horn auf und führte, als er fiel, eine Anzahl furchtbarer Stöße gegen feinen Kopf und seine Seiten. Peel getraute sich nicht, auf das Rhinozerus zu schießen, weil er fürchtete, den Mann dabei zu töte«. So warf er nu: mit Steinen nach dem Tier, bis es endlich aufhörte, den Jäger zu maltraitieren; es lief plötzlich davon. Peel folgte dem Rhinozerus, erlegte es und kehrte dann zu dem Verwundeten zurück. In einer Schilderung, welche er später veröffentlichte, schrieb er wörtlich: „Ich nähte seine Wunden zu und verband alle Tage seinen Kops von neuem,, und so erreichte ich, daß er endlich wieder Aehnlichkeit mit feinem früheren Selbst gewann; aber er war Zeit seines Lebens nach diesem Unfall nicht mehr viel wert." Daß er überhaupt mit dem Leben davonkam, verdankt«» der Shikari nur dem Umstande, daß das Horn des Rhi nozeros kurz und abgerundet und nicht lang und juger spitzt war. 692 staben. Rings an den Fenstern ward es hell. 'Tie Kleine, müd' von Lauf und Spielen, Lag mir am Fuß im Bärenfell. Erinnerung. Ter Abend kam. Tie Schatten fielen. Redaktton: Curt Plato — Rotationsdruck und Werlos der Brflhl'fchen UniversitölS-Wuck. und Cteindruücrei (Pietsch Erben) ht Gießen. Weihnachtsbücher. Wolkenfchatten und Höhenglanz. Gedichte von Gottfried Schwab. (Verlag von Lampart u- Cie. in I Augsburg. 1902. 136 S.) Eine liebenswürdige Tichter- I gäbe, die jedem, der für gute Lyrik Verständnis und I wahres Interesse besitzt, viel Freude bereiten wird. Schwabs I Gedichte, denen die Verlagshandlung eine geschmackvolle I äußere Ausstattung verliehen hat, verdienen in den wen- I testen Kreisen, in denen man echte Lichtung zu schätzen I weiß, gelesen zu werden und eignen sich zu einem schönen I Weihnachtsgeschenk. Licht und Wärme. Genieinfaßlich dargestellt von I Ri.). Herm. Blochmann. Mit 81 Abbildungen. 272 I S. gr. Oktav. Geh. 3.80 Mk., in eleg. Lwdbd. 4.60 Mk, in feinein Originalbd. (Naturwiss. Hausschatz II. Physik II) I 5 Mk. Leipzig 1902, Verlag von Carl Ern st Poes ch er. I Ja äußerst geschmackvoller und gediegener Ausstattung I liegt oieser Band vor uns, der den 2. Teil einer „Physik" I darstellt, wie sie wohl selten für den Gebrauch eines grüße-- > rett Leserkreises geschrieben wurde. Der uns bereits durch I den ersten Band oieser „Physik" (Mechanik und Akustik) I und durch eine vor einigen Jahren erschienene „Stern- I künde" vorteilhaft bekannte Verfasser zeigt sich auch in dem I vorliege tden Werke wieder als Beherrscher desjenigen Tones, I der von den weitesten Kreisen als der einzig richtige zur I Belehrur g des Gebildeten über naturwissenschaftliche Tis- | ziplinen anerkannt und geschätzt wird. Indem wir das I Buch durchblättern, überzeugen wir uns, daß auch sein I Inhalt in jeder Beziehung Anerkennung erheischt. . In der I überaus vorsichtigen Auswahl des Stoffes liegt einer der I Hauptvorzüge des Buches. Alles Unwesentliche ist ver- I mieden, alles Interessante und uns im Leben begegnende I finden wir gründlich behandelt. Besonders fesseln unter 1 anderen die Betrachtungen über die atomistische Zusammen- I setzung der Materie, oder die geschichtliche Entstehung des | Thermometers, dann das neue Lindesche Verfahren zur I Erzeugung flüssiger Luft; in der Optik ist es vor allem das I Zustandekommen der Spiegelbilder und die Wirkungsweise I der Linsen und anschließend der Ferngläser. Selbst in das I schwierige Gebiet der Lichtinterferenz, der Beugung, der I Doppelbrechung und der Drehung des Lichtes werden wir I vom Verfasser eingeführt. Es ist ein Weihnachts-Ge- I schenk, das allen Gebildeten nur warm empfohlen wer- | den kann. Die ästhetische Bildung des menschlichen Körpers | von Oskar Guttmann. Tritte, verbesserte Auflage, j Mit 98 Textabbildungen. In Originalleinenband 4 Mark. I Verlag von I. I. Weber in Leipzig. — Tie ästhetische Gym- I nastik bildet das ABC der Mimik, und ohne sie ist keine Kenntnis der letzteren möglich. Aber ohne vorhergegangene pädagogische Gymnastik ist auch keine ästhetische denkbar. Soll jedoch die pädagogische Gymnastik richtig und heilbringend ausgeübt werden, so sind wiederum anatomische Kenntnisse nötig. In dem vorliegenden Lehrbuch zum Selbstunterricht für alle gebildeten Stände, insbesondere für Bühnenkünstler, gehen der Mimik deshalb Kenn- nis der menschlichen Anatomie und Physiologie voraus. Ta die Kenntnis der Tanz- und Fechtkunst zur Erreichung der körperlichen Bildung unerläßlich ist, so hat der Verfasser I Tie nackten Beinchen hochgezogen,. Hielt sie in kleiner Hand den Stift Und füllte meinen schönsten Bogen Mit Häkchen einer Runenschrift. Rings war's so still, wie zum Gebete; Ter ems'ge Stift nur raschelt leis . . 4 Es schrieb kein Tichter und Prophete Sein Weisheitsbuch mit größrem Fleiß! Da plötzlich schmeichelnd mit den lieben Aeuglein mein Kindchen zu mir schltch: „Weißt du, Papa, was ich geschrieben?' „Ein Briefchen?" — „Ja." — „An wen A — „An dtch! — „Goldkind, an mich? Was steht darinnen? Ter Abend macht die Augen trüb . . Und sie nach lächelndem Besinnen: „Daß ich dich lieb hab', furchtbar lreb! - Es floß ein leichter Sonnenschimmer Ums Köpfchen ihr mit goldnem Hauch „Tas schreibst du mir im selben Zrmmer? Sag's mir doch laut, dann weiß ich's auch. Ta sah mich an das kleine Wesen Und reicht das Blatt mir lächelnd hinr „Behalt's Papa, dann kannst du's lesen, Wenn ich mal nicht im Zimmer brn. . . . . . . O bittres Wort aus lieben Zeiten, Das du der Sehnsucht Flügel leihst! Es schlug die Stunde längst zum Scheiden^ Und dieses Zimmer ist verwaist. Und dieses Herz, die Sorgen machen's Oft müd' und schwer auf banger Fahrt; Und kaum ein Echo deines Lachens Hat sich sein Kämmerchen bewahrt. Von deinem Jauchzen, deinem Lieben, Von all dem, was sich nie vergtht. Ist nur ein Blatt zurückgeblieben, Tas wirr und kraus bekritzelt ist . .;; Und in der Stille heil'ger Stunden. Ruht lang mein Blick auf dem Paprerr Tann brechen auf die alten Wunden, Und meine Seele weint nach dir. Tann will ein heißer Duft mich streifen Aus meines toten Früblings Gruft, Und zitternd meine Hände greifen In leere Luft. „„ „ _ Rudolf Presber. (Ans „Media in vita“, Preis geb. Mk. 2.50. Werlag der I. C.otta'ichen Buchhandlung Nachf. in Stuttgart.) Gleichung. (Nachdruck verboten.) (a _ b) + c + (d — e) = x. . & Altrömische Göttin, b Ausruf, c Fürwort, d Behältnis, e Rückstand, x Edelstein. (Auflösung m nüchster Nummer.) Auflösung des Rätsels in vor. Nr.r Nichts. I die Grundsätze beider mit ausgenommen, sowie eine Ab- , I Handlung über die Prinzipien der Bekleidung folgen lassen Eine ungewöhnliche Hochzeit. Aus Parts wird I un& zam Schlüsse die Anwendung der Regeln für das berichtet: Eine ungewöhnliche Hochzeitsfeier hat hier statt- I bürgerliche Leben und den Salon in einem besonderen Abgefunden. Der zweite Sohn des chinesischen Botschafters schnitt behandelt. Langjährige Ausübung in der drama- in Paris Charles Hsing-Ling vermählte sich mit einer Fran- I tj sch eit Kunst sowohl, als auch in der pädagogisch-ästheti- zösin, der Klavierprofessorin Fräulein Genovefa Denen, M)en Gymnastik, ein vieljähriger Unterricht in beiden und Beide sind 23 Jahre alt. Der Gatte, dessen Mutter, Lady tzas tiefste Studium der besten Werke über alles dahin Duzen, Amerikanerin ist, hatte sich schon früh zum Ka- I Gehörende berechtigten den Verfasser, ein solches Werk für tholizismus bekehrt. Nach der Ziviltrauung auf der Mairie I hie Bühne und das Leben zu schreiben. des achten Arrondissements fand in der Philippskirche die religiöse Trauungszeremonie statt, welcher nebst dem Personal der chinesischen Botschaft zahlreiche Persönlichkeiten der diplomatischen Welt beiwohnten. Tie chinesischen Beamten erschienen, wie der Bräutigam selbst, in reichen Nationalkostümen. Ter chinesische Botschafter unterzeichnete im Trauungsprotokoll die Namen mit chinesischen Buch-