Morttag den 20. Mtober. W mi 1902. — «r. 156. ■ ■f ■l ■wäXk-A UMS !^WN^ 'ÄW’'^ vuz'tv ■•* ■■ ’; •••>• ■ .iiZ \ (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel. (Fortsetzung.) ,,Wir werden schon rasch handeln.' Darin liegt die Schwierigkeit nicht. Was aber sollen wir thun? Haben Sie darüber nachgedacht?" zzSct. Minna müßte streng beobachtet werden- Sie dürfte jetzt nicht mehr so viel Borsichtsmaßregeln gebrauchen wie vordem. Tie Untersuchung ist zu Ende. Deshalb braucht sie nicht mehr dieselbe Angst zu haben. Ein lebhaftes, leichtes Geschöpf wie sie begeht doch einmal irgend eine Unvorsichtigkeit. Sie wird doch früher oder später ihren Gehilfen Wiedersehen, sei es, daß er zu ihr oder sie zu ihm geht. Es handelt sich also darum, sre zu ertappen." „Wer wird sie aber ertappen können? 'Da müßte man sie ja ununterbrochen, jeden Augenblick beobachten lassen. Ain wen sollen wir uns da wenden?" „Warum nicht an Wilhelm?" schlug Georg vor. „Nein", antwortete Herr von Sempach „Ter ist nicht mehr jung genug, eine solche Rolle durchzuführen. Es bedarf hierzu einer großen Agilität, Geschicklichkeit und einer gewissen gewerbsmäßigen Uebung." ' „Dieses Gewerbe betreibt eben die Polizeiagentur", bemerkte Georg. „Und Tu sagst ja selbst, daß die Polizei —" „Ja, es gießt aber zwei Arten von Polizei: eine echte und eine unechte. Tie erstere versieht den Dienst der Sicherheit und handelt nach den Befehlen der Justiz. Tre letztere aber steht im Dienste von Privatparteien, dre sie bezahlen." „Ah so — Du willst also von diesen Geheimagenturen sprechen," fiel Georg ein, „von Privatdetektiven?" . „Ganz recht. Es ist immerhin bedenklich, sich ihrer rn emer Privatsache zu bedienen oder wenn der Zweck, den man verfolgt, delikater Natur ist. Ich für meine Person habe stets jene Ehemänner getadelt, die ihre Frauen durch solche Leute bewachen ließen. Es liegt dann rm Interesse der letzteren, die Betreffenden schuldig zu smden, und deshalb verleumden sie manchmal oder übertreiben, was sie gesehen haben. — In unserem Falle aber Uegt die Sache anders. Ich bin dabei nicht mehr allein im Spiel. Die ganze Welt ist gespannt darauf, einen Uebelthäter, einen Mörder entdeckt und verhaftet zu sehen. Es handelt sich hier um einen Kriminalfall, in dem die Polizei wohl auf ihrem Platze ist, aber nur die Rolle spielt, die ihr obliegt. In jedem Falle wäre es besser, wenn wir wirkliche, glaubwürdige, in vieler Hinsicht fachmännische Tetektives haben könnten. Man wird sie uns über nicht geben. Wir haben nur das Recht, uns an ihre .Stellvertreter, ay ihre zweite Auflage zu wenden." „Waren sie nicht oft im 'Dienste des Präsidiums"» fragte^Georg, „ehe sie ein eigenes Unternehmen grihtn „Oft nicht; aber schon manchesmal. In Ungnade bei ihren Borgesetzten, aus der oder jener Ursache unzu-i frieden oder in der Hoffnung, besser bezahlt zu werden^ gingen sie aus einem Feld in das andere über, aus dem großen in das kleine." „Und man kann ihnen vertrauend fragte Bertha.. „Ihrer Geschicklichkeit, Wachsamkeit, ausdauernden Beobachtung und Geduld unbedingt. Und das' ist alles, was wir brauchen." „Wo kann man diese Menschen finden? Ich habe nämlich von den Sachen keine Ahnung." „Tas kann Euch- mein Rechtsanwalt am ödsten sagen." „Ah ! Sie haben sich- einen Rechtsanwalt genommen?" „Ja, Rechtsanwalt Grünbäum, dessen Talent weitbekannt ist, und seine Rechtschaffenheit so sehr wie sein Talent. Ich werde ihn von meiner Unschuld überzeugen^ und er wird mich verteidigen, tote ich verteidigt werden will, ohne es zu versuchen, die Geschworenen zu rühren, sondern nur versuchen, sie zu überzeugen. Ich will nichts! rhrem Mitleid zu verdanken haben — ich will bloß Gerechtigkeit. — Ich bitte Dich, Georg, suche ihn heute sofort auf und beauftrage ihn, meine Sache sobald als möglich in die Hand zu nehmen und herzukommen, um sich- mit mir zu besprechen." „Abgemacht. Tu kannst auf mich rechnen." „Soll mein Bruder von dem Verdacht sprechen, den wir hegen — von unseren Plänen?" fragte Bertha. „Nein, man muß erst abtoarten, bis sich dieser Verdacht verstärkt — bis wir Aussicht haben, unsere Pläne zu verwirklichen. Ich halte dafür, daß sich mein Verteidiger bis auf weiteres darauf beschränkt, die Akten, wie sie vorliegen, zu studieren und zu versuchen, daraus! so viel Vorteil als eben möglich zu ziehen. Wenn ich ihm hingegen Hoffnung mache, die Schuldigen auszu- liefern, — und ich sie dann nicht ausliefere, würde er alles Vertrauen in seine Sache, respektive in die meinige, verlieren. Handeln wir deshalb einsüveilen heimlich, und wir werden ja dann schon sehen." Sie waren bereits seit einer Stunde beisammen, und sie mußten sich sagen, daß sie die Freundlichkeit des Ge- fangenhausdtrektors, der ihnen sein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte, nicht länger mißbrauchen durften.. Herr von Sempach- war der erste, der von der Notwendigkeit sprach, sich zu trennen. „Leider, die Stunde ist gekommen", sagte Bertha traurig. „Uebrigens bleibt Georg gerade noch so viel Zett, sich zum Rechtsanwalt zu begeben, und von dort nach! dem Detektivbureau, das er ihm angeben wird." „Nimm jede Bedingung dieser Agentur an," bevollmächtigte Herr von Sempach noch seinen Frund, „spar»! — 622 — W .Manz richtig, der Mater." ’ „Somit stehen Sie gewiß auch' in Verbindung Itttt vielen Journalisten?" „Mit einigen." „Tann werden Sie so freundlich sein, falls ich den Schuldigen entdecke, die Herren zu veranlassen, zu veröffentlichen, daß ich derjenige war, der ihn entdeckt hat. Es ist mir schon so oft gelungen, die Kastanien aus dem Feuer zu holen, so daß ich wirklich gerne sie einmal auch selber essen möchte." „Tas sollen Sie haben. Ich verspreche es Ihnen- — Doch Sie fürchten sich vor Entdeckung. Werden Sie dadurch nicht um so leichter entdeckt werden?" „Ich riskiere den Handel. — Mem Gott, die Eckel- keit des Berufs. — Und dann: die Geschichte interessiert mich Sie bringt etwas Abwechselung in das Einerlei des Tages. Aber kommen wir aus das Thema zuruck. — Ihrer Meinung nach ist also Ihr Freund unscyrudig an dem Verbrechen, dem er es verdankt, daß er vor dav Schwurgericht gestellt wurde?" „Vollkommen unschuldig." „Tas ist sehr leicht möglich. — Ich verstehe mich etwas auf - Prozesse, und als ich die Zettungsberrchte las, sagte ich mir sofort: „In der Geschichte ist etwas nicht ganz klar." Versuchen wir also Licht in die Sache zu bringen." „Fragen Sie." Herr Sanftlebeii, an seinem Schreibtisch sitzend, die Ellbogen auf dem Tisch, den Kopf in die Hande gestutzt, fing wieder an: , „ , , , , „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, so glauben Sie infolge Ihrer Unterredungen mit dem Angeklagten, i Ihrer eigenen Reflexionen und verschiedener anderer Beobachtungen, daß das Stubenmädchen Minna, eine Zeugin im Prozesse, in dem Verbrechen irgend eme aktive Rolle spielt und geholfen hat, es zu begehen." Er machte emige Notizen. "und^Sie^agen sich: ,Jch möchte über alle Beweg- I unaen und Handlungen dieses Mädchens auf dem Laufen- I den bleiben, möchte ihre Gewohnheiten und Verbindungen kennen lernen und sie, wenn möglich, mit ihrem Mit- | schuldigen ertappen'." „So ist es." Sanftleben schwieg einen Augenblick, dachte nach und Wieso?" 1 "Na, das ist doch sehr einfach. Wenn es mir wirklich gelingt, Ihren Auftrag zu erfüllen und den Mörder der Frau von Sanden zu entdecken, so beweise ich den Kommissaren, der Staatsanwaltschaft, allen Richen haarscharf von A bis Z, daß sie nichts verstehen und daß ich stärker als sie bin, daß chnen meme bescheidene Agentur gewaltige Konkurrenz macht. „Und was ist dabei, wenn Sie ihnen das beweisen? ] „Ja, Sie reden von Ihrem Standpunkt aus. Ich muß Ihnen offen sagen, daß ich mich dabei ungemein Schwerem aussetze. Man liebt es nicht höheren Orts, daß wir uns mit Fällen abgeben, die die Krinnnalbehorde angehen. Um mir beizubringen, mich ruhig zu verhalten, wird die Verwaltung sich alle Mühe geben, mir zu schaden, und mir allerlei Unannehmlichkeiten zu bereiten, danke. Ich habe ohnedies schon solche bis über den M'oVf/z ja. Sie mögen gewiß recht haben. Aber rechnen Sie andererseits die Genugthuung und Eitelkeit für nichts, die Sie empfinden werden, wenn es Ihnen gelingt, da durchzudringen, wo andere es nicht vermochten, — einen unseligen Irrtum zu zertrümmern, und der Wahrheit Mm Siege zu verhelfen?" „Gewiß, gewiß — ich bin dafür sicher nicht unempfänglich. Tenn wäre ich es, dann würde ich Ihnen gleich von vornherein gesagt haben, daß ich die Sache nicht übernehme. Ich sage Ihnen bloß: ich riskiere viel, sehr viel." „Und wir sind Ihnen eine Entschädigung schuldig, das ist vollkommen richtig. Bestimmen Sie selbst den Preis. Herr von Sempach ist sehr reich, und ich bin selbst etwas vermögend. Sie kennen mich vielleicht dem Namen nach. Ich heiße Georg Rakenius." „T>er Maler?" sagte endlich: ., . , . . „Ja, unglücklicherweise kenne ich keinen einzigen Menschen, dem man eine so delikate und schwierige Mission anvertrauen könnte. Ihre Minna muß eines jener gerissenen Frauenzimmer sein, die allem und Witt Menschen mißtrauen. Um sie zu überwachen und m flagranti zu ertappen, brauchte ich einen Menschen, der sich in all diesen Spitzfindigkeiten und Geriebenheiten auskennt, einen Menschen von Geschick und Msdauer. Es ist noch nicht so lange her, daß ich einen solchen gehabt habe — doch der ist mir ausgekniffen. Es war dies ein gewisser Müller, ehemaliger Sicherheitsinspektor noch zu Zeiten des früheren Polizeipräsidenten. Ws sem Chef seine Entlassung einreichte, hielt er sich für verpflichtet, auch die seinige einzureichen. Ich bot ihm dann sofort an, in meine Dienste zu treten. Ich hatte ihm jedes Gehalt gegeben, das er nur verlangte. Leider war er gerade nach Monte-Carlo abgereist." „Er ist Spieler?" fragte Georg auflachend. „Gott bewahre, nein! Er kennt aber all die Kniffe der Falschspieler, der „Griechen" und „Philosophen", wre man sie nennt. Ehe er in den Kriminaldienst trat, war er ! beim Präsidium angestellt, im Requisitionsbureau, ui der Abteilung für Glücksspiele. Die Direktion von Monte- Carlo, der ihn sein früherer Chef anempfohlen hatte, dachte, er könnte dort, ganz gut von Nutzen sem, um verdächtige Spieler zu bezeichnen, und ihnen das Wiederbetreten der SpielsälZ zu verbieten — eventuell sie jit überwachen — wenn sie eingetreten wären. Und daraufhin ließ sie ihn hinkommen." , „Ich glaubte", warf Georg ettt, „daß man weder bei ! Roulette noch bei trente et quarante falsch spielen könnte.■ „Ja, es ist nicht leicht. Wer der „Grieche" wagt j alles. Abgebrannt und aus seinem Klub hinausgeworfen, | denkt er sich einfach: „Dort in der Menge bemerkt mich | kein. Mensch". Er schmuggelt sich ein und erwischt bald 43. Kapitel. Theodor Sanftleben, der Direktor der halbpolizeilichen Agentur, au den Georg empfohlen worden war, beeilte sich, seinen Besuch nach einem raschen, prüfenden Blick m das Zimmer zu geleiten, das ihm als Bureau diente. Georg nahm Platz und erklärte ihm die Beweggründe, die ihn hierhergeführt. „Verdanrmte Geschichte", sagte Sanftleben, nachdem er ihm aufmerksam, ohne ihn zu unterbrechen, zugehort hatte. „Sie machen mir also den Vorschlag, mich rn offenen Kampf mit dem Polizeipräsidium oder vielmehr Mit der Justiz einzulasfen?" nichts! Ich werde die Beweise meiner Unschuld niemals i ±u teuer bezahlen." „Seien Sie ohne Sorge", sagte Bertha. Plötzlich ergriff fie, mit dem Entschluß, ihm zu sagen, was ihr auf dem Herzen lag, Sempachs Arm, zog ihn beiseite und sagte ihm mit leiser, hastiger und aufgeregter ^'^,We'nn es uns aber nicht gelingen sollte, wenn wir beit Schuldigen nicht erwischen können, sind Sie auch dann immer noch entschlossen, zu schweigen?" "|n. U—0£©ie verstehen mich ganz gut-, Nötigen Sie "mich nicht, mich deutlicher auszudrücken." Ja Ich werde immer schweigen , antwortete er, ihr di? Hand pressend. „Es ist meine Pflicht. Ich bitte Sie, Kindchen, in diesem Punkt nicht weiter in Mich zu dringen. Sie würden mir wirklich Kummer bereiten. s „Es ist gut", sagte sie, wie dumpf entschlossen. , Sie trennten sich unter tiefer Bewegung, Thranen in den Augen, und während die beiden Besucher, nachdem sie einen Hof durchschritten hatten, dem Ausgange zu- gingen, kehrte der Gefangene, von einem Schließer begleitet, in seine Zelle zurück. An demselben Tage um sechs Uhr konnte Georg mit Herrn Grünbaum, der die Verteidigung Sempachs übernommen hatte, sprechen, und dieser versprach ihm, sich den folgenden Tag zu Sempach zu begeben, um sich mit ihm zu unterreden. , _ , ,, Nachdem er sich dieses ersten Auftrags entledigt hatte, begab sich Georg zu dem Ches jenes Tetektivbureaus, dessen Adresse er soeben erhalten hatte. Durch den Eifer und seine Bemühungen, seinen Freund zu retten, hoffte er das Unrecht gegen ihn zu verringern und seine Gewissensbisse zu betäuben. - 623 irgend eine Gelegenheit, bald da, bald dort ein Geldstück zu stehlen oder „Waisen" einzukassieren." „Waisen?" fragte Georg erstaunt. „Ja, so nennt man ausgegebene, herrenlose Summen, die auf dem Spieltisch von irgend einem Spieler, der nicht wußte, daß er sie gewonnen hatte, zurückgelassen wurden." „Und dann — Ihr Mann also — Müller, glaube ich — ist beauftragt--" „Die Polizei der Spielsalons zu vertreten. Und da diese Stellung sich ganz gut rentieren dürfte, zweifle ich sehr, daß er sie aufgiebt." „Wenn man ihm jedoch eine große Summe als Schadenersatz und weit mehr noch für etwaigen Erfolg anbieten würde — er braucht ja nicht seine Stellung gleich aufzugeben. Er kann ja wegen wichtiger, unvorhergesehener Ereignisse von größter Dringlichkeit einen Urlaub nehmen. Ich habe dort genug Verbindungen und genügend Einfluß, ihm seine Stelle wieder zu verschaffen, falls er zu lange fernbleiben sollte." „Ja, ja", bemerkte Sanftleben, „dies ließe sich ja schon alles einrichten. Mer welche Unmenge Zeit wir indes verlieren! Man muß schreiben, die ganze Geschichte auseinandersetzen, seinen Einwendungen, die er machen wird, wieder antworten, — —' wir werden damit gar Nicht fertig werden." „Also reisen Sie hin. Holen Sie ihn persönlich ab'." „Was! <Äe wollen, daß ich —" „Warum denn nicht? Sie sprechen Müller, erklären ihm den ganzen Sachverhalt, widerlegen seine Einwendungen, und wenn er einwilligt, uns zu helfen, nehmt Ihr beide beit Nachtexpreß, so daß Ihr in vier Tagen ganz gut zurück sein könnt. Tas ist gar nicht so schwierig. Ich habe genau dieselbe Fahrt vor drei Jahenr gemacht, als meine Schwester so schwer erkrankt war, daß ich sie nach dem Süden bringen mußte." „Und die Arbeiten, die ich gerade unter den Händen habe?" bemerkte Sanftleben, schon etwas schwankend, aber noch immer zögernd. „Diese Sache ist wichtiger als alles andere. — Entschließen Sie sich sofort. Es ist sechs Uhr. Sie haben nur noch eine Stunde Zeit." „Tas ist mehr, als ich brauche. Ich bin an solche plötzlichen Abreisen gewöhnt. Tvch möchte ich noch meinen Leuten bestimmte Weisungen zurücklassen, und augenblicklich ist kein einziger zur Stelle. Mle arbeiten an verschiedenen Orten." Eben diesen Augenblick ertönte die Klingel der Ein- gangsthür, und man vernahm das Geräusch von Schritten im Vorzimmer. „Wenn das nur Hesekiel wäre", rief Sanftleben und eilte in das vor dem Bureau liegende Zimmer. Wenige Minuten später kam er schon wieder zurück und sagte zu Georg: „Es war gerade mein erster Beamter Hesekiel. Ich habe ihm noch einige Aufträge zu geben, dann reise ich ab." „Brauchen Sie Geld?" „Nein, danke, wir werden später abrechnen. — Verzeihen Sie, wenn ich. Sie verlasse. Ich muß nur rasch mein Gepäck fertigmachen." „Lassen Sie sich nicht aufhalten. — Wollen Sie mir übermorgen abend eine Depesche senden, um mir mitzuteilen, ob Müller zugestimnit hat?" „Gut, eine Depesche mit versteckten Worten und von einem Phantasienamen unterzeichnet. Ich depeschiere dann die dort gebräuchliche Wendung: „System hat gewonnen", oder „System gesprungen". Tas soll heißen: „Müller nimmt an, oder er lehnt es ab." Ich werde mich mit Cerevis unterzeichnen. Bitte um Ihre Adresse." „Halensee, Villa Rakenius." „Gut, idEii will sie nicht vergessen. — Adieu — also, Herr Rakenius." Georg ging sofort nach Hause, um mit Bertha zu speisen und ihr das Resultat seiner beiden Gänge zum Rechtsanwalt Grünbaum und zum Tirektor des Detektiv- Instituts mitzuteilen. Nach Tisch aber eilte er zur Gräfin Doroukoff, die er bereits eine Ewigkeit — nämlich den ganzen Tag über nicht gesehen hatte.. (Fortsetzung folgt.) Meine Puppen?) (Nachdruck verboten.) Ich erinnere mich noch meiner ersten Puppe, einer prachtvollen Puppe, die für mich viel zu groß war, und vor der ich mich fürchtete, trotz ihrer gelockten Haare, ihrer glänzenden Augen, ihres Seidenrockes, unter dem zwei kleine ä jour gestrickte Strümpfe und Schnallenschuhe hervorsahen. Nachdem ich sie genügend bewundert, verbannte ich sie in die Tiefe eines Schrankes, wo sie inmitten alter Spielsachen mit ausgebreiteten Armen, die lebhaften Augen zur Wand gekehrt, liegen blieb. Von Zeit zu Zeit nahm ich sie heraus, betrachtete sie und legte sie dann schnell in die Schachtel zurück, ohne mich entschließen zu können, mit ihr zu sprechen oder zu spielen. Ich hatte nach ihr noch viele andere, schlecht gemalte Puppen, welche beim ersten Tropfen Wasser die rosige Farbe ihrer Wangen verloren. Welche Verzweiflung, wenn ich die Puppe nach dem ersten Waschen entfärbt und meine Finger rot von ihren frischen Farben sah! Man tröstete mich: „Wenn sie trocken ist, kommt die Farbe wieder. Und zehnmal im Tag eilte ich, tiefe Reue im Herzen, zu dem kleinen Opfer meiner Reinlichkeitsliebe, welches, sorgsam an einen Stuhl gelehnt, den resignierten Blick ins Leere richtete. Ein weißer Fleck wie von einer schlecht getrockneten Thräne entstellte ihr eine Wange, und das Herz blieb mir schwer für lange Zeit. Auf den Teppichen umhergeschleift, vom Tisch gestürzt, auf den Stühlen liegen bleibend,' ging die Puppe endlich zu Grunde, die blauen Augen verblaßten, der Mund verlor sein hübsches Lächeln, die Arme ihre abgerundeten Formen, doch wenn irgend ein Festtag mir eine neue Puppe brachte, blieb die andere, mit dem zersprungenen Kopf, den zugenähten Gliedern, immer noch mein Liebling. Diese Vorliebe entsprang einem Gefühl der Zärtlichkeit, als riefen mir diese Verletzungen all die schönen Stunden des Spiels und all meinen, bei jedem neuen Unfall leicht erregten Kummer zurück. Noch kannte ich die Eitelkeit nicht; noch erfüllte mich ganz und gar nur unerfahrene Zärtlichkeit, das beglückende Gefühl des Beschützens, denn meine größte Wonne war, mein Püppchen in seiner Wiege aus Weidengeflecht zur Ruhe zu bringen, auf die Gefahr hin, ihr Spitzenhäubchen mit den bunten Bändern zu zerknittern. Eines Abends hntrbe ich von dem Schaufenster eines Puppenladens mächtig angelockt. Wir mußten eintreten, und wählten bei dem Lichte der eben angezündeten Gaslampen eine der niedlichen Puppen mit den durchsichtig schimmernden Porzellangesichtern. Meine Erwählte hatte feines Haar, das naß gekämmt iverden mußte, ein Kleid von demselben Schnitt wie mein eigenes, und ein Batist- schürzchen. Wenn ich jetzt daran denke, erscheint sie nur recht einfach und nüchtern. Keine Seide, kein Schmuck, kein Schildkrotlorgnon, keine Schleppe, keine Puffen. Aber sie sah aus tote ein kleines Mädchen und flößte mir mütterliche Gefühle ein. Für sie habe ich die ersten Tüllrestchen und Bandendchen gesammelt, für sie zu arbeiten begonnen in jener Fensternische, in jener traulichen Ecke, wo das Licht gedämpft hereindringt, tote in einen mit Vorhängen drapierten Alkoven. Ich versuchte zuzuschneiden; und dank der Ungeschicklichkeit der kleinen ungeübten Hände brachte ich es dahin, aus dem schönen, lebhaft nuancierten Stoff, der für ein ganzes Puppenkleid' gereicht hätte, einen Keinen Kreis herauszuschneiden, gerade groß genug, um einen runden Hut zu überziehen.! Ohne mich dadurch entmutigen zu lassen, versuchte ich das Mhen. Allmählich gewöhnte ich mich an das ruhige Sitzen, lernte ich den Zauber der Regentage und der geduldigen Arbeit kennen, welche die Stunden kürzt, die Minuten mit dem regelmäßigen Geräusch der Stiche füllt. Tie kleinen Hände machten den Saum zu grob, mein Faden verwirrte sich, ich wurde ganz rot vor Aufregung, verlor meinen Fingerhut, meine Schere, der Knäuel tollte zur Erde und verwickelte sich, als hätte ein junges Kätzchen damit gespielt. Tann hieß es den Arbeitstisch öffnen, und mit behutsamer Hand zwischen all diesen mit winzigen Gegenständen gefüllten Kästchen und Schächtelchen wählen, bereu Ge- *) Mit Genehmigung des Verlags Herm. Seemann Nachf. in Leipzig, dem kürzlich erschienenen Buch von Madame Alphonse Daudet „Pariser Kinder und Mütter" (Preis 3'Mk.) entnommen. 624 daß Ke „Davie" schon avr 8. Seht, bekannt wohin", abgereift sei. aus Gleichklang. Nachdruck verboten. WaS ist das wohl? Ma» tritt'S mit Füße«», Und doch flieht es uns festen Stand. ' Der Kaufmann toirb’8 am Beutel büßen, Der's nicht mit seiner Ware fand; Und auch im Schreiben stellt stch'S ein. WaS kann das fein? (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Geduld ist die Kunst zu Hoge». Erstaunen erfuhr er nun, daß Ke „Dame" schm am 8 Sept, plötzlich, und zwar „unbekannt wohin", abgereift sei. Trotzdem fand es der Juwelier für geraten, noch einige Dnae LU warten, und er erstattete erst am Samstag die Strafanzeige Das Sicherheitsbureau stellte sofort fest, daß die vornehme" Kundin des bezeichneten Juweliers mit der von Am Berliner Landgerichte abgestraften Josephine Farkas identisch sei und leitete ihre Verfolgung ein. In dem erlassenen Steckbrief wird unter anderem angegeben, daß die Flüchtige einen schwarzen Zwergrattler mit sich Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Berlag de>- Brühl^chW..UniversltätS-Buch^Md StfindruMei (Pirttzh geben, sie werde ihn gelegentlich „im Borbergehen bezahlen. Da die Kundin bis dahin alle ihre EinWufe pünktlichst bezahlt hatte, hegte der Juwelier keinerlei Argwohn und übergab ihr ohne irgendwelche Bedenken sofort die ausgesuchten Gegenstände. Als einige Dage »-ergangen waren, ohne daß sich „Engelhardt" blicken ließ, suchte der Kaufmann die Wohnung derselben auf. Zu seinem großen Kur mimikristischen Tierfärbung hat der amerikanische 1 Künstler und Naturforscher Thayer sehr interessante Experimente anaestellt. Es war Thayer, wenn er auf der Jagd 1 Mar, vielfach ausgefallen, daß mimikristisch gefärbte Tre^e, I wie Rebhühner, Trappen, Hasen rc. fast wesenlos erscheinen, I men» sie sich toten am in ihrer normalen Umgeb urig be- | wegen. Thatsächlich geht bei ihnen allen die lichte, blaulrch- kalte Färbung des Bauches ganz allmählich m dre warme, | duntte, bräunliche Färbung des Rückens über. Auch dre I Fische, welche oben warm-dunkel, unten kalt-hell gefärbt sind, werden dadurch den Blicken ihrer Feinde entzogen, I wenn diese etwa in gleicher Höhe mit ihnen schwimmen und also von der Seite aus nach ihnen hmsehew Gegen I tief schwimmende, von unten heraufschauende Raubfische I kann die hellere Unterseite keinen Schutz geben; denn gegen beit hell leuchtenden Himmel gesehen, muß sie sich stets I sehr deutlich abheben. Doch halten sich die Frsche mit ihren | Feinden meist auf gleicher Höhe. Thayer hat nun dre an I bett Tieren gemachten Erfahrungen, die ihre Erklärung m I alten, den Malern längst bekannteir Licht- und Farben- I Wirkungsgesetzen finden, zu einem neuen Verfahren ver- I wendet, indem er einen wirklichen Batt tn der Werse bemalte, daß derselbe als Körper verschwindet. Hierzu muß I die to-bere Zone mit einem warmen, dunkeln, der Boden- I färbe gleichen, grünlich-braunen Don bemalt werden, der I untere Teil dagegen mit einem hellen, kalten, werßlichi- | blauen Ton, und die Seiten sind so zu bemalen, daß dre I dunkle Farbe der Oberseite allmählich in die helle Farbe I der Unterseite übergeht. Ein so bemalter Ball erscheint I aus einiger Entfernung vollständig unkörperlich flachen-i haft und undeutlich; ein neben ihn gestellter, gleichmäßig I gefärbter Batt springt sofort scharf in die Augen. j Die Verlobung der Frau Farkas. In Berlin I machte vor einigen Jähren ein Prozeß, dessen Heldin dre I 39jährige Josephine Farkas, eine gebürtige Budapesterin, war, mel Aufsehen. Josephine Farkas hatte em em sehr reichen Berliner Fabrikanten 200 000 Mk. entlockt und büßte eine vierjährige Gefängnisstrafe ab. Vor einiger Zeit tauchte Josephine Farkas, die sich mittlerweile dre Namen „Engelhardt" und „Wolfersdorf" beigetegt hatte, m Wien auf, wo sie in der Börsegasse eine komfortable Wohnung mietete und den Anschein einer reichen Dame zu erwecken wußte. Eine ältere Frau, die immer in Begleitung der Farkas erschien, wurde als ihre „Mutter" ausgegeben, doch dürfte letztere eine bezahlte Figurantin, eine sogenannte „Anstandsdame" gewesen sein. Bor etwa sieben Monaten wurde Josephine Farkas die Kundschaft eines Juweliers tn der inneren Stadt, von dem sie wiederholt Eteinere Schmuck- gegenstände kaufte, die sie immer prompt bezahlte; darum brachte der Kaufmann der elegant auftretetiden „Dame", deren Adresse ihm übrigens bekannt war, volles Vertrauen entgegen. Anfangs vorigen Monats kam die Farkas wieder zum Juwelier, dem sie sich unter einem falschen Namen vorgestettt hatte und erzählte ihm, sie habe sich verlobt^ sie wolle ihren Bräutigam mit einem schönen Geschenk überraschen und suche daher passende Herrenschmuckgegenstande. Daraufhin wählte sie Juwelen im Werte von 2600 Kronen aus und ersuchte den Kaufmmtn, ihr die Sachen mitM- geben, sie werde ihn gelegentlich „im Vorbeigehen" be- brauch sich mit wachsender Geschicklichkeit lernt, bis man eAzu stände bringt, ohne sich zu stechen, ,in eurem gangn Hundert Nadeln zu suchen und ganz allem, an der Lehne eines Sessels, eine Strähne Wolle zu entwirren. Die Spulen austvickeln, die Nadeln eitfiadeln dresi Fertigkeit der Hände und Schärfung des Blickes verdanke ich meiner Puppe. So sehe ich sie vor rnrr am Eingang meines Frauenlebens, wie in dem engen Rahmen einer m der Perspektive sich verengenden Allee, gerade groß genug, um mit der Silhouette eines glücttichen Kindes meinen ganzen damaligen Horizont auszufüllen. Vermischtes. führe. Ein gleicher Tausch. Es herrschte eine Herne Verstimmung int Klub. Herr Bernstein, der Millionär, hatte einen Künstler geärgert, und beide waren nun gereizt. Ter Millionär hatte versucht, großartig und gönnerhaft zu sein, und der Künstler hatte sich, dagegen verwahrt. 5 „Ich brauche Ihre Protektion nicht", sagte der Maler der auf der letzten Kunstausstellung die goldene Medaille »W fragt« d«r WiMoa-r „«-sind doch ein Künstler, und em Künstler bedarf der Pro te£ti°Sn Maler hat wohl wenig Wert in Ihren Augen? Es gehört Verstand dazu, ein Künstler zu fern , erwiderte t“ natürlich", -ntg-gn-t- d-r WiMm-r in Überlegener Weise. „Ich gebe zu, es gehört Verstand k Sie müssen ihn verkaufen, um zu leben. 6 „Aha! Wer Ihr Gott .ist das Geld. Sie haben keinen anderen", sagte der Künstler. Der Ihrige ist ta auch das Geld , sagte oer jjcu lionä? „Sie verkauft Ihren Verstand, wenn Sie wem Geld für Ihre Bilder annehmen". Nun", versetzte der Maler, „wenn ich Ihnen Verstand für Geld gebe, so ist es eben em gleichwertiges i Tausch ; denn jeder erhält dabei das, was er am meiste I braucht." _____________ Ltttevarisches. des Friedens", Roman von A. von Mncköwström. E. Pierson's Verlag, Dresden, 1901. Zwei I ^"^Eine^Jnsel^^des Friedens" wollen sie schaffen, Jan I bau der Brügge und En gelle Vrieß, dieses seltsame Paar. Er, der Poet, der die gelähmte Schwester seines Freundes I Weibe genommen, sie, die stille, , milde, die eine I Atmosphäre des Friedens um sich berbrmtet Siegrunden ein Armen-Krankenhaus auf rhrer Besitzung, wo uber^ | gawvt alles nach den Grundsätzen sensitivster Hummnlar gecwdnet ist. Trotz seiner Bemühungen um ihr Wohl 1 :ra