Freitag den 20. Juni. Nr. 90. AO A Bl i W» fas Höchste bleibt ein freier Wille, Der, nnverwirrt von Fleisch und Blut, Fest und getreu in Sturm und Stille Das Gute, weil es gut ist, thut. Geibel. (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. i I (Fortsetzung.) Die Musikkapelle intonierte eben die „heimliche Liebe". „Kennen Sie diese Melodie?" fragte Camill Stauffen j seine Dame mit einem vielsagenden Blick. Die Frage lvar an und für sich überflüssig, denn jeder Leierkasten in Leipzig spielte damals die „heimliche Liebe". „O", rief Traute übermütig, „das ist die schönste Melodie im Himmel und auf Erden!" Camills Hand, die mit Trautens vereint in dem kleinen schwarzen Affenmuff steckte, drückte dieselbe innig. „Ja, es ist wirklich die allerhöchste Melodie — es giebt nichts Besseres, Süßeres, Himmlischeres als die heimliche Liebe." Wieder einer jener Blicke, die Traute einen Wonne- schauer in das Herz jagen. Das blühende Rot ihrer Wangen verliest sich zu Pupurglut und verrät, daß sie Wort und Blick verstanden hat. Ihre Hand in dem kleinen Affenmuff bebt leise. Sie ziehen jetzt langsame Bogen am Rande des Deiches hin, unter den bereiften Sträuchern. Camill drückt die bebende Hand, bis Traute zusammenzuckt, denn es thut „Traute!" flüsterte er, „darf ich Sie manchmal bei diesem Namen nennen, der Name ist so süß — der schönste Name, den ich kenne, und Sie sind die einzige Traute, die ich kenne, er paßt auch nur für Sie, — einzige $rante!" Traute antwortet nicht, aber ihr ganzer Körper zuckt und bebt, und Camill fühlt das Hämmern ihres Herzens, denn sie laufen mit kreuzweis verschlungenen Armen, Seite an Seite. „Einzige, süße Traute!" flüsterte er hingerissen, und die beiden Verliebten in ihrem Wonnerausch. sehen nur sich, sie sehen niemand von der Menge, die sie umgiebt, und vergessen, daß sie gesehen werden, oder es ist ihnen auch ganz gleichgiltig. Musik, Sonnenschein, die klare, herzstärkende Winterluft, das frohe Treiben umher, das alles vereinigt sich nur mit ihrem Glück, um ihnen ein Hochgefühl von Lebensgenuß und Lebensfreude zu gewähren, wie es nut Menschen von tiefer Glücksfähigkeit oder starkem Begehren kennen. In diesem Augenblick kreuzten Paul Lehmigke und Alma Janisch ihren Weg. Paul zog grüßend den Hut vor Trante, diese blickte zerstreut und gleichgiltig auf, nm den Gruß überrascht zu erwidern. „Wer ist das?" fragte Alma, die mit einem einzigen Blick' Traute so genau gesehen hatte, daß sie ihr einen Steckbrief hätte schreiben können. Außerdem hatte sie die Situation, in der sich das Paar befand, sofort erfaßt. „Fräulein Velten", antwortete Paul kurz, mit einem so schroffen, ablehnenden Klang der Stimme, daß Alm« sofort wußte, wer in Frage stand. „Ah —" sagte sie leise, und laut fügte sie hinzu: „Ein schönes Mädchen, aber, wie es scheint, nicht auf gutem Wege." Paul zuckte die Achseln, es war ihm unerträglich, mit Alma über Trante zu sprechen, obgleich er nicht ahnte, daß diese etwas Näheres wußte. „Ein junges Mädchen, das sich mit diesem Herrn einläßt, verliert seinen Ruf", fuhr die unerbittliche Alma fort, indem sie mit spitzen Fingern den Schnee von ihrem Sealskinpaletot klopfte, der von einem Baum auf sie herabgefallen war. „Warum?" fragte Paul rauh. Er wollte doch gern mehr wissen. t , „Es ist ja stadtbekannt. Ein alter Mensch von drei- nndzwanzig Jahren, der hier noch die Schulbänke drückt, um sein Abiturinm zu machen. Ein Graf Stauffen, der Erbe eines der reichsten preußisch-schlesischen Majorate, der sich hier in der Verbannung von seiner Familie so schadlos tote möglich hält. Man erzählt sich tolle Sachen von ihm. Er soll es zu Hause so arg getrieben haben, daß man ihn in die Strafverbannung schickte in dem guten Glauben, es fehle ihm hier jede Chance zu Exzessen. Früher lief er alle Tage mit drei großen Hunden in der Grimmaschen Straße herum — er hat es auch einmal versucht, mir nachzulanfen, aber ich habe dem Herrn Grafen bald seine Wege gewiesen. Jetzt habe ich ihn lange nicht gesehen — es scheint, er hat jetzt andere Unterhaltung gefunden/ „Jedenfalls eine gute Partie", sagte Paul Lehmigke ttocfen. „Gute Bertie? Ja, aber nicht für Fräulein Velten/« „Tas ist Fräulein Veltens Sache." „Der Ruf einer jungen Dame ist Sache der Oesfent- lichkeit." Alma Jäuisch gehörte zu den Wesen, die immer alles über andere wissen und stets eine treffende Antwort zur Hand haben, was Paul Lehmigke nicht leiden konnte an Frauen, obgleich er Intelligenz und scharfen Verstand im allgemeinen so hoch schützte. . „Wer war der Herr?" hatte auch Stauffen bei Pauls ^,Das ist ja der jetzige Besitzer von Brantikow", er- ividerte Traute eifrig, „ich hätte nicht gedacht, den heute hier zu treffen." , „Ah, das berühmte Panlchen?" rief Stausfen lebhaft 358 Interessiert, dem Armin die ganze Geschichte von der ver- unglückten Werbung als guten Witz erzählt hatte. Auch wenn Hulde und Traute in heiterer Laune waren, mußten Vater und Sohn Lehmigke noch ost als Zielscheive für ihren Humor herhalten. „Den Kerl, der die Unverschämtheit hatte, Sie zu seiner Frau Schnapsfabrikantin machen zu wollen, uruß ich mir doch mal bei Lichte besehen! Kommen Sie, wir laufen durch die Brücke und dem interessanten Paar noch -einmal entgegen." Gesagt, gethan, und als sie unter der Brücke hervor, nm die kleine,Landzunge des vorspringenden Ufers biegend, hart an Lehmigke und seiner Dame vorbeiliefen, rief Stauffen laut genug, um gehört zu werden: „Wer Paulch-en, nur nicht bange!" Traute war doch ein wenig erschrocken über diesen Scherz. „Er hat es gehört — das hätten Sie nicht thun sollen!" „Warum nicht? Man muß den Schuapsritter seine Lächerlichkeit fühlen lassen, wenn er zu borniert ist, um sie von selbst zu begreifen." Paul Lehmigke hatte das Wort gehört, und Mma Janisch hatte es ebenfalls gehört. (Sine dunkle Blutwelle schoß in Pauls Gesicht, das gleich darauf erdfahl wurde. „Mir scheint, man macht sich da über Sie lustig", sagte Alma sehr erfreut über Stauffens Scherz, der ihr Gelegenheit Lot, Pauls heimliche Wunde mit Nadelstichen unerträglich git machen. Seitdem sie Traute gesehen hatte, verdoppelte sich ihr Verlangen, Paul Lehmigke als Gatten zu besitzen. Der Triumph, eine solche Nebenbuhlerin in einem Herzen zu besiegen, reizte sie, und Schwierigkeiten pornten ihre zähe Energie. Paul sagte kein Wort, aber ,e sah die Wut in seinen Zügen und frohlockte heimlich. „Haben Sie noch nicht genug?" fragte ihr Kavalier ungeduldig, „man wird ja schwindlich von diesem ewigen Kreislauf. „Ich denke, wir gehen jetzt nach Hause." Alma willigte sofort ein, in der Bretterbude auf ihren Vater zu warten. Als beide die Holztreppen hinaufgingen, kniete Stauffen aus den schmutzigen Dielen der Estrade vor Traute, um ihr die Schlittschuhe abzuschnallen. Alma verabschiedete Paul und schickte ihn fort, er war heute ungenießbar, und sie wollte Muße haben, bis ihr Vater kam, um Traute aus nächster Nähe beobachten zu können. Es fand sich zu dem Zweck ein geeignetes Plätzchen in her Bude, wo sie sich die Schlittschuhe abschnallen ließ. Ke Wort, kein Blick zwischen Traute und Camille Stauffen entging ihr, und ebenso lebhaft interessierten sie Lillian uno Armin, als sie deren Zugehörigkeit zu Traute be- merkrc. Als die jungen Leute paarweise fortschlenderten, war ;>e wriig m ihrem Urteil. Von Traute hatte sie nichts meyr z'.i befürchten. Die war ja ebenso dumm und leicht- sinnig — nent — liederlich wie schön. Und furchtbar hoch- mung dazu. „Schüler- und Studentenliebschaften, das sind mir t-ic rechten", dachte sie achselzuckend und sie fühlte dw ganze tiefe Geringschätzung, die Geldmenschen stets mit der vornehmen Armut haben. ' Trautens jubeivolle Stimmung ivurde daheim etwas durcy hausltche Widerwärtigkeiten beeinträchtigt. Auguste, die Kuchenfee, hatte das Mittagessen wieder einmal nicht FCCWU Zoit fertig. Solche Unregelmäßigkeiten konnten übersehen werden, so lange die Familie unter sich war, aber Mdem man Pensionäre im Hanse hatte, war man zur Pünktlichkeit verpflichtet. „Wir müssen einen zweiten Dienstboten nehmen, Auguste allein kann es nicht leisten", sagte Frau Velten, als ihr Gatte zankte. „Einen zweiten Dienstboten? Da geht jeder Prosit, den die Pensionäre bringen, verloren." „Ja, aber ich bitte Dich, wie soll denn Auguste fertig werden, wenn sie alle Zimmer reinmachen, -einkaufen und kochen muß?" Es kam Frau Velten gar nicht in den Sinn, ihren Töchtern etwas von der Hausarbeit zu Überträgen. Hulde hatte den ganzen Vormittag an dem täglichen, zwölf Seiten langen Brief an Egon geschrieben, sie hielt das für ihre nächste Pflicht, deren Unterlassung ihr wie ein Treubruch erschienen wäre. Ihre Mutter fand dies selbstverständlich. Und daß Traute in die Malstunde und auf das Eis ging statt in die Küche, war nicht weniger selbstverständlich. Auch Herr Velten hätte sie um keinen Preis davon zurückhalten Mögen, weil sie dort die beste Gelegenheit hatte, Äauffen mehr und mehr an sich zu fesseln. Es war auch ein wenig mit Rücksicht auf Stauffen geschehen, daß er Armin hatte Korpsstudent werden lassen, und Jurist. Die Liebe zu seinen Kindern, und der brennende Wunsch, dieselben in bevorzugter Lebensstellung zu sehen, ließen ihn kein Opfer scheuen, das seiner Meinung nach ihnen Vorteile bringen konnte. Aber die schweren Sorgen waren unausbleiblich, die diese Opfer mit sich brachten. Der zweite Dienswote wurde gemietet in Gestalt der ältesten Tochter des Hausmannes, einer robusten Sechzehnjährigen, und- vorläufig atmete man auf über diese Erleichterung im Haushalt. Neuntes Kapitel. Bis auf die drückenden Sorgen, die sich ab und zu fühlbar machten, und ihre Schatten über den ganzen Haushalt breiteten, gestaltete sich das Leben ganz erträglich in der Veltenfchen Familie. Tie Jugend wußte allem die beste Seite abzugewinneu. Miß Buxton und Lillian erlagen vollständig dem Zauber der Veltenschen Liebenswürdigkeit, und verfeinerten Lebensart. Miß Buxton selbst war aus guter Familie und gehörte zu den Engländerinnen, denen Wohlerzogenheit und gute Manieren eine Art Religion sind. Sie war tadellos taktvoll, und verlor nie ihre stille, etwas hoheitsvolle Würde. In Homöopathie sympathisierte sie mit Frau Velten, und Herr Velten fand stets eine willige Zuhörerin in ihr, sodaß -er in dem Vergnügen schwelgte, ihr aus den Taget: seines Glanzes zu erzählen. Mr. Hopkins wußte Frau Veltens schrankenlose Güte und Großmut als Haussrau genügend zu schätzen. Es kam Frau Velten gar nicht in den Sinn, dem tigerartigen Appetit von Mr. Hopkins gewisse Schranken aufzuerlegen. Sie hatte eben nie in ihrem Leben rechnen gelernt. Mit der größten Liebenswürdigkeit leistete sie seiner Eßlust Vorschub, und sah darin weiter nichts, als eine Quelle täglicher Heiterkeit für sich und ihre Kinder. Man lachte so gern, und war so gern lustig im Familienkreise. Man überbot sich in Bemühungen, Mr. Hopkins förmlich zu stopfen, und ihm fast unmögliche Portionen anzubieten, um feine Leistungsfähigkeit auf die Probe zu stellen, und nur Miß Buxton steckte dem Ueberinut der Jugend seine Grenzen, indem sie dem Geistlichen eine stets zarte, freundliche Aufmerksamkeit widmete, und die Meinung über ihn verbreitete: „He is deep". Hopkins fühlte sich in dieser Atmosphäre von Gastlichkeit und Hochachtung so unbändig wohl, daß er täglich an Gesundheit und gutem Appetit zunahm. Ebenso zufrieden war Lillian mit dem Wechsel ihres Aufenthaltes. Es war gar zu lustig bei Veltens, man amüsierte sich den ganzen Tag vortrefflich. Man ging in die M-alstunde, man lief Schlittschuh, man machte zu vieren, Lillian, Traute, Stauffen und Armin, Bummelspaziergänge in die Stadt, oder in das Rosenthal, man naschte Süßigkeiten bei Felsche, und iah sich dort die illustrierten Journale an. Nach den Abendessen vereinigte man sich zu heiteren Gesellschaftsspielen im Salon, an denen alle Hausgenossen teilnahm-en, und die Stauffei: als Arrangeur, wie Hopkins als komische Figur, sehr angenehm zu beleben wußten. Und die blonde Lillian wurde von allen verzogen, und von Armin vergöttert. Di-e beiden Dienstboten, Auguste und Hausmanns Emma, that-en kräftig ihre Schuldigkeit, die Last der häuslichen Arbeiten allein zu bewältigen, und- wenn auch Auguste nicht immer so akurat war, wie man wünschen mochte, sich die langen Leipziger Saucen und den Bliemchen-Kaffee durchaus nicht abg-ewöhnen konnte, und zuweilen die Messer ung-eputzt auf den Tisch brachte — und wenn auch die unternehmende Emma stahl, wie ein Rabe, sodaß die Familie des Hausmanns, die int Souterrain wohnte, den Winter über wenig Kohlen, Kartoffeln, B-rot und Butter zu kaufen brauchte, so wußte man die ersteren Unzulänglichkeiten des Haushaltes den Mietern durch die übrigen gebotenen Annehmlichkeiten zu versüßen, nnd von den letzteren wußte man nichts. Frau Belten trieb sogar ihre Harmlosigkeit und Güte so weit, Emmas kranker Mutier täglich Reste aus ihrer Küche zu schicken, und die Leute, die sie bestahlen, mit Wohlthaten zu überschütten. Die besuchte die Kranke oft und behandelte sie mit Homöopathie, ahnungslos, wie wenig Dank sie dafür erntete. Die Landsleute von Brantikow hatten sich in allen Krankheitsfällen vertrauensvoll an die Guts- 859 Betritt gewandt, und gläubig und dankbar die homöopathischen Tropfen geschluckt, hier in der Stadt war man skeptischer. „Das ist ja man bloß Wasser", sagte Frau Neubert, die Hausmannsfrau, verächtlich, und goß die homöopathische Medizin in den Eimer. „Das kostet nichts, und man thut sich wer weiß wie dicke damit. Wenn sie mich keinen gelernten Doktor bezahlen will, soll sie mich vom Leibe bleiben mit ihre Tropfen." „Und wenn Emma ihr ein Krankensüppchen von Frau Velten brachte, fragte sie unwirsch: „Haste nichts Besseres?" Dann kramte Emma wohl die gestohlenen Kartoffeln, gestohlene Butter, Milch und Kaffebohnen aus, und die Mutter ließ sich ein ordentliches Kännchen Kaffee kochen. Wenn es recht gut schmeckte, sagte sie grimmig: „So 'ne gute Bohne trinkt das Rackerzeug, und für unsereinen ist Wassersuppe gut genug!" Ahnungslos kam Frau Belten wieder mit ihren homöopathischen Fläschchen und ihren christlichen Grbauungs- büchern, woraus sie der Kranken vorlas, um sie zu trösten, und in Geduld zu stärken. Es kam sogar vor, daß sie arglos zu Frau Neubert sagte: „Wie seltsam, Sie haben ganz dieselben gestreiften Bettbezüge wie ich für meine Leutebetten, die ich nach eigener Angabe weben ließ. Ich dachte nicht, daß dieseA Muster sonst irgendwo existiert, es ist so apart." Frau Neubert war innerlich empört über diese „Sticheleien", wie sie es nannte, und trug Entma auf, ihr in der nächsten Wäsche den gestohlenen Bezug umzutauschen, weil die „olle Spürnase" Witterung bekommen hätte. Nichtsdestoweniger waren Neuberts vor den Augen der Familie Velten kriechend, höflich und unterwürfig, loeil der Hausbesitzer ja seinem Hausmann oder Vizewirt jeden Augenblick den Kontrakt kündigen konnte, sie wünschten nicht, eine Stelle zu verlieren, die ihnen eine nicht so leicht wiederkehrende Gelegenheit bot, sich auf Kosten ihrer Herrschaft zu bereichern. Tiefe Unterwürfigkeit that dem früheren souveränen Beherrscher von Brantikow so Wohl, oaß er Neuberts für eine „höchst anständige Familie" erklärte, und damit das schrankenlose Vertrauen seiner Frau bestärkte. Herr Velten hatte im übrigen viel Aerger mit seinen Mietern, die ihm durchaus nicht den Respekt und die Rücksichten zeigten, die er in seiner früheren Stellring gewöhnt war. Die Handwerkerfamilien im dritten und vierten Stock waren alle Sozialdemokraten, und wenn sie die Miete schuldig blieben, so überschütteten sie ihren Wirt, der sein gutes Recht forderte, noch mit Hohn itnb Frechheiten. Und wenn Herr Velten einmal vergaß, daß er nicht mehr Gutsherr von Brantikow, sondern Hauswirt in der Stadt der Intelligenz, Leipzig, war, so bekam ihm das gewöhnlich sehr schlecht. In Brantikow hatte er stets einem respektlosen Knecht oder widersetzlichen Arbeiter die Reitpeitsche um die Ohren gehauen und die ungehorsame Magd geohrfeigt, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Als er aber hier einmal im Zorn thätlich gegen die Frau eines Mieters wurde, die den böfesten Mund im ganzen Hause hatte, und ihm auf unglaublich freche Weise und mit den schnödesten Redensarten den Schlüssel zu der gemeinschaftlichen Waschküche des Hauses verweigerte, die sie ungebührlich lange für sich in Benutzung hatte, zog er sich dadurch einen Prozeß zu. Frau Klinke legte sich ins Bett und ließ sich ein ärztliches Attest ausstellen, daß sie infolge körperlicher Mißf- handlung von feiten ihres Hauswirtes erkrankt sei. Sie klagte, und die paar blauen Flecke, die sie aufzuweisen hatte, kamen Herrn Belten teuer zu stehen. Thatsächlich war Herr Welten durch den Aerger und die Aufregung des stattgehabten Konflikts kränker als die Frau. Er verlor seinen Appetit und seinen Schlaf, die Wut über die erlittenen Injurien und die Spannung auf den Ausgang des angesetzten Termins, in dem er zur Verantwortung gezogen werden sollte, ließen ihm Tag und Nacht keine Ruhe. Seine Frau hatte schwere Tage, denn weder Homöopathie noch christliche Erbauungsbücher wollten ihre Schuldigkeit thuu, dem Gatten Gesundheit und Frieden der Seele wiederznbeben. Er sprach über nichts anderes als über den möglichen Ausgang des Prozesses, der bloße Gedanke, er könne feiner Gegnerin gegenüber den kürzeren ziehen, versetzte ihn in unbeschreibliche Wut. Hundertmal wurden täglich alle Möglichkeiten für und wider einen glücklichen Ausgang des Termins durchgesprochen und Beweise für das gute Recht seiner Handlungsweise gesucht. Ein Rechtsanwalt, der teuerste int ganzen Leipzig, wurde genommen, und das Aktenmaterial tn dieser Angelegenheit erreichte einen ungeheurlichen Umfang. In Ruhepausen saß Selten wie ein gebrochener Mann in seiner Sophaecke, und seufzte ab und zu mit tragischem Pathos: „Tahin ist es gekommen!" oder: „Von alten Weibern muß man sich beschimpfen lassen!" Und in Momenten einer Anwandlung erhabenen Schmerzes: „Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo — rückwärts, rückwärts, rückwärts, stolzen Cid!" Die ganze Familie sehnte den Tag des Termins herbei, um endlich wieder Ruhe zu bekommen, und man fing an, Herrn Veltens Gesellschaft zu meiden, weil, wie Armin sich ausdrückte: „die dicke Frau Klinke mit samt dem Waschküchenschlüssel und ihren blauen Flecken jedem zum Halse hinaus war." (Fortsetzung folgt.) Vulkanausbrüche. Bon F. M. Feldhaus. (Nachdruck verboten.) Die Naehrichteu von dem Unglück, das zwei der kleinen Antillemuseln durch Vulkanausbrüche getroffen hat, lenkt die Erinnerung einerseits auf die Mitwirkung vulkani-i scher Vorgänge bei der Gestaltung der Erdoberfläche,! andererseits aber auf das viele Elend hin, das die feuerspeienden Berge schon über die Menschen ans-- schütteten. Die Mitwirkung vulkanischer Thätigkeit bei der Veränderung der Oberfläche unseres Planeten erkannte zuerst der schwedische Gelehrte Celsius in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. An der Küste seiner Heimat hatten die Bewohner schon lange ein Zurückweichen des Meeres! beobachtet. Celsius fand diese.Annahme jedoch in Widerspruch mit derjenigen der Bewohner der gegenüberliegenden dänischen Küste, die eher eine Steigung des Wassers beobachtet haben wollten. Er erkannte daraus, daß die Veränderung des Wasserspiegels nur eine scheinbare sei, daß der Boden sich vielmehr durch vulkanische Vorgänge hebe, beziehungsweise senke. Solche Vorgänge vollziehen sich jedoch nicht immer ruhig. Tie unterirdisch brodelnde Feuermasse hat sich Schlote gebildet, durch die sie mit der Oberfläche in Ber- bindung steht. Wir kennen heute deren noch viele Tausende, die 323 vulkanischen Herden augehören. Aus den: Umstaude, daß in Europa nur drei solcher Vulkane in der geschichtlichen Zeit bekannt iuaren, und daß diese drei nur in sehr großen Perioden in Thätigkeit traten, ist es herzuleiten, daß wir uns das schrecklichste aller Naturereignisse kaum vorzustelleti vermögen. Regen und lieber- schwemmung, Blitz und Feuersbrunst, Kälte und Dürre, Krieg und Seuchen vermögen nicht in so kurzer Zeit die gewaltigen Wirkungen hervorzubringen, die der Ausbruch der uuteri- irdischen Gluten des Gottes Vulkanos mit ihren, alles erschütternden Gewalten leider zu oft gezeigt hat. Kein anderes Naturereignis vernichtet aber zugleich so vieles Leben auf einmal, ohne daß dem Menschen die Möglichkeit einer Abwehr bliebe. Uns sind die Vorgänge des Vesuv, jenes majestätischen schwarzen Berges am Golf von Neapel, am meisten bekannt Als einziger des europäischen Festlandes, ist er geologisch insofern bemerkenswert, als er entgegen der allgemeinen Regel, vereinzelt auftritt. Der älteste geschichtlich bekannt Ausbruch ist der vom Jahre 7'9 nach unserer Zeitrechnung. Er zerstörte die Städte Pompeji, Herknlaneum und Stabil, und vernichtete über 30000 Menschenleben. Der berühmt Schriftsteller Plinius kam bei den Betrachtungen dieses Ausbruches, der das Interesse des Gelehrten mächtig anregte ums Leben Man fand ihn später unter Asche verschüttet die Aufzeichnungen, die sein gleichnamiger Neffe als Unterlage zu einem sehr guten Briefe über den Ausbruch verwertete, in der Hand haltend. Dem eigentlichen Auswurf dieser Berge geht meistens eine ErderschLtterung oder ein dumpfes unterirdisches Rollen vorauf. Anzeichen für eine nahende Katastrophe gießt es keine sicheren. Beim Vesuv achtet mein genau auf die Farbe und die Menge des auf-- steigenden Rauches. Besonders ein Versiegen des letzteren gilt als ein ungünstiges Vorzeichen, weil man daraus eine Verstopfung des Schlundes befürchtet. Ebenso ungewiß wie die Vorzeichen einer Katastrophe sind die Perioden, nach denen eine solche eintritt, und der Verlauf, wie die Begleiterscheinungen derselben. Der Ascheregen, den der Schlund ausschleudert, ist meist ungefährlich. Die Asche ist abgekühlt durch den langen Weg durch die Luft. Sie fällt allerdings oft mehrere Zoll hoch je nach dem Winde, und schadet dann den Pflanzungen. Bei diesem Aschenregen, der 1860 auf Reunion 300 Millionen Kilo betragen haben soll, und der vom Vesuv aus schon bis nach Konstantinopel getragen wurde, bleibt es aber nicht immer. Oft folgen Gesteinstrümmer aus Trachht und Granit, es regnet Bimsteinstücke, Schlacken und Lavabomben bis zu 10 Zentimeter Dicke. 1832 fand man am Vesuv solche Stücke von 2y3 Zentnern. Die Wurfhöhe erreichte oft 2000 Meter-, und man fand solche Trümmer schon 10 Kilometer weit. Während der Eruption schwankt der Boden oft auf ungeheure Entfernungen, der naheliegende zerklüftet sich, Gebäude und ganze Orte stürzen ein. Dio Quellen ver- fiegen und neue thun sich auf. Durch die Erdverschiebungen verändern Flüsse ihren Lauf oder bilden Seen, denn oft heben sich plötzlich ganze Länderstriche, wie die Küste von Chile, die sich im Jahre 1822 auf eine Strecke von 150 Kilometer um drei bis sieben Fuß erhöhte. Nach Plinius sank dagegen der Berg Cybolus und die Stadt Kusis in Kleinasien hinab. Die Reste des ehemals so herrlichen Tempels des Jupiter Serapis zu Puteoli bei Neapel zeigen an den drei noch stehenden Säulen deutliche Spuren von Bohrmuscheln. Diese Trümmer sind also ehemals mit dem ganzen Gelände unter die Meeresoberfläche gesunken und später durch vulkanische Gewalten wieder gehoben ivorden. Diese herrliche Gegend zeigt überhaupt unheimliche Veränderungen in ihrer Oberfläche, und es bedarf die Bevölkerung des ganzen wunderbar träumerischen Geistes der Neapolitaner, um auf solchem unsicheren Boden ihr dolce far niente zu bewahren. 1538 entstand hier auf einmal ein neuer Berg, der Monte nuove. Furchtbar war das Ereignis, welches dieses Paradies im Jahre 1631 am 16. Dezember traf. Seit einem halben Jahrtausend galt der Vesuv für erloschen, um dann mit ungeheurer Macht sein Unheil über 40 blühende Orte zu ergießen. Sieben Tage dauerte das Unglück, und noch bis zum März des nächsten Jahres lobte der Berg im inneren, lieber 4000 Menschen und 10 000 Stück Herdenvieh kamen dabei um. Zeitgenössische Chroniken schildern das Ereignis furchtbar. Mau sandte Boten aus, um das Ende der Welt zu verkünden. Das Volk aß er lag vor den Altären, und der damals so leichtsinnige und genußsüchtige Adel wandelte mit dem Bettler in langer Prozession zur Maria bei Carmine. Wer unter diesem prächtigen Himmel kann der Mensch nie lange traurig sein, und mag Neapel noch tausendemale dieSchrecken des Höllenschlundes zu kosten haben, so lange nur wird der Eindruck anhalten, bis der Vulkan seine gewöhnliche Ruhe wieder angenommen und friedlich rauchend feine Rauchwolken gegen den ewig blauen Himmel sendet. Im Jahre 1861 brach der Vesuv nahe an seinem Fuße auf und sandte ungeheure Lavamassen über die Gegend. Die Lavaströme sind eine zähflüssige aber nicht allzu heiße Masse, die meist durch ihren ungeheuren Druck die Wände des Kraters durchbricht und sich dann über die Abhänge in feurigen Strömen ergießt. Ter im Jahre 1669 Catania zerstörende Lavastrom des Aetna erreichte eilte Länge von 27 Kilometer bei einer Breite von 11 Kilometer. Derselbe Krater sandte 1819 einen Lavastrom von solcher Masse und Temperatur aus, daß dieser erst nach sieben Monaten gänzlich erkaltete. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese glühende Flutwelle fortbewegt, ist z. B. am Vesuv im Jahre 1774 in der Minute über zweihundert Meter gewesen. Den Auswürfen folgen oft ungeheure Lufterfchütterungen, so wurden 1822 die Decken des Palastes zu Porlici dadurch gesprengt. Der Anblick der Sonne wird oft durch den dichten Rauch und den Ascheregen so sehr verhüllt, daß man in Quito bei den Ausbrüchen des Pichincha mit Laternen über die Straßen ging. Aber auch das Meer, ait t 860 — dem ja fast älle Vulkane liegen- hat die Schrecken der Erschütterungen, die im Jahre 1827 in Nengranada fünf Minuten dauerten, zu kosten. Seefahrer glauben, aufgefahren zu sein, das Meer steigt hoch auf. Bei den Antillen bildeten sich 1755 Wasserberge von 7 Meter Höhe, bei Chile wich das Wasser dagegen 1822 und entblößte den Grund. Weil sich die vulkanischen Gebirge, wie gesagt, längs den Küsten, oder als Küsteninseln erheben, ist es naheliegend anzunehmen, daß sich Meerwasser in den Feuerherd ergießt. Merkwürdig ist der Fischauswurf der Vulkane des Hochlandes von Quito, von denen Humboldt berichtet. Ein Höhlenfisch, eine Art Wels, wird zu Tausenden durch den Vulkan ausgespien. Erreicht die Lava das Meer, wie z. B. im Jahre 1803 bei Neapel, dann bedecken viele tausend Fischleichen die heiße Oberfläche. Wer auch ganze Flüsse werden verpestet, wie der Magdalenenfluß im Jahre 1827. Denn diese Lavamasse ist oft eine ungeheure. Der Mauno-Loa auf den Sandwichinseln schleudert oft einen glühenden Lavastrom von 30 Meter Dicke, wie eine Fontaine auf 350 Meter Höhe senkrecht in die Lust. Solche Feuermassen bilden dann über Felsen stürzend, wunderbare Feuercascaden. Finden solche gegantischen Evolutionen unter dem Meere statt, dann bilden sich Hebungen und Senkungen des Bodens, durch die beispielsweise die Insel Sabrina am 30. Januar 1811 in den Azoren, und 1831 Nerita bei Sizilien gebildet wurden. Doch verschwinden diese lockeren Bildungen wieder durch die Meeresbrandung. Die plötzliche Verdichtung der Dämpfe, die der Vulkan in die kältere Außenluft schlendert, verursachen eine gewaltige elektrische Spannung, Blitze fahren ans dem wild- tobenden Chaos empor, und Donnerschläge unterbrechen das wilde unterirdische Getöse. Zum Schluß geht meistens ein gewaltiger Regen vom Berazipfel hernieder, der oft für einen Wasserauswurf angesehen wurde. Wir Mitteleuropäer "haben ja stellenweise auch alten vulkanischen Boden unter unfern Füßen, aber vor den Schrecken solcher Evolutionen bleiben wir wohl bewahrt. GsmeLnnützsgss. Einstülpung des Augenlides beim Hunde. Eine beim Hunde häufig vorkommende Erkrankung ist die Einstülpung des Augenlides. Dasselbe legt sich mit seinen behaarten Teilen nach innen und reizt dadurch das Auge zu Entzündungen und zum Thränen, auch zu Eiterung, n. Wenn das Auge nicht dauernd geschwächt werden soll, greife mail sofort ein. Da es sich hier um eine Verkürzung des! Schließmuskels handelt, ist durch eine kleine Operation leicht nachgeholfen. Ist kein Tierarzt zur Stelle, und besitzt man eine sogen. Knopfschere, das ist eine Schere, die an einem Balten in einen Knopf ausläuft, so kann man die Operation auch selbst ausführen. Der Hund wird auf einen Tisch gelegt, gehalten, eventuell wird ihm das Maul verbunden, und dann führt man den Knopf unter das Lid und macht einen Einschnitt von 1—1 pz Zentimeter Länge. Ter Muskel längt sich und die Stülpung ist behoben. Nach der Blutstillung legt man einen weichen, feuchten Verband auf das Auge und umwickelt ihn leicht mit einer Woll- binde. Von zwei zu zwei Stunden wird gewechselt ) dabei gebadet. Binnen einigen Tagen ist die Wunde verheilt. (Prakt. Wegweiser, Würzburg.) L e s e f r ü ch L e. „Es geht den Büchern wie den Jungfrauen. Gerade die besten, würdigsten bleiben oft am längsten sitzen. Aber endlich kommt doch noch einer, der sie erkennt und aus dem Dunkel der Verborgenheit an das Licht eines schönen Wirkungskreises hervorzieht." (F e u e r b a ch, „Schriftsteller und Mensch".) Geheimschrift. (Nachdruck verboten.) Zwschnhtndmrgnstnlngfrst Lrnschnllbsrgnddnchmntrbst. Vorstehende Buchstabeureihen sind in Gruppen zu zerlegen, die sich durch Einfügung passender Vokale zu sinngemäßen Wörtern bilden lassen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Anagramms in vor. Nr.: Abel — Elba — Labe. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Unwersitäts-Bnch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.