Nr. 11. Montag den 20. Januar. Btt! LSMK &Ä'ä^ituaat.^HVm ein Volk hat dir vieles gegeben, cs verlangt dafür ebensoviel von dir. Es hat dir den Leib behütet, den Geist'geformt, es fordert auch deinen Leib und Geist für sich. Wie frei du als Einzelner die Flügel regst, diesem Gläubiger bist du für den Gebrauch deiner Freiheit verantwortlich, gleichviel ob er als milder Herr dein Leben friedlich gewähren lüszt, oder ob er cs sich mit hoher Mahnung in einer Stunde fordert. Gustav Frey tag. (Nachdruck verboten.) Verschollen. Original-Erzählung von M. Lud-olff. (Fortsetzung.) Arme Clarita! Die leichtsinnige Sorglosigkeit, mit der sie es einst versäumt, sich über Alexis ungern besprochene, heimatliche Verhältnisse zu vergewissern, die büßte sie jetzt schwer. Ihre völlige Unkenntnis vergrößerte die schwierige -Lage bedeutend, und es gehörte in der That ein gut Teil geistiger Spannkraft und festen Willens dazu, um nunmehr Schritt, für Schritt mühsain das Versäumte nachzuholcn. Langsam verhallte der Glocke Ton- Clarita lauschte auf deren Verklingen in dem öden Gebäude. Nichts regte sich darin, kein Lichtschimmer erhellte eines der Fenster — nur ein Hund schlug an. Es war ein kläffender, bissiger Laut, doch berührte er die angstvoll Harrende angenehm. Aufmerksam beobachtete sie die Seitengänge neben dem freistehenden Hause, aus oessen innerem Hofraum der Ton kam- Stallungen und Dienerschaftswohnungen mochten dort liegen. Aber auch dort blieo es still. Clarita läutete zum zweiten Male, kurz, scharf, befehlend. Das blieb nicht ohne Wirkung. Ein Windlicht erschien in den Seitengängen, es kam ihr langsam entgegen. Unter seinem Scheine erkannte sie alsbald die Gestalt eines alten Mannes; er trug den Kopf etwas vorgebeugt, sein Bart und Haar waren zu Schnee gebleicht- Das Windlicht hoch haltend, trat er zu dem Gitterthor, jedoch ohne es zu öffnen. Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete er die davor stehende Dame- Sein Staunen war so groß, daß er darüber seine Frage vergaß. Clarita hatte den Schleier fester gezogen. In ihrem besten Russisch fragte sie gerade in sicherem, festen Ton: „Bis wann wird Madame d'Ornatoff in Petersburg erwartet?" Ihre sichere Sprechweise ftihrte den Mann irre. Obgleich er die Fremde ebenso neugierig wie mißtrauisch betrachtete, befliß er sich doch xiner gewissen Höflichkeit. „Ich rann es nicht sagen, wann die gnädigen Herrschaften hier eintreffen werden, es mag in einigen Tagen, vielleicht auch erst in ivenigen Wochen sein. Noch befinden sie sich im Ausland Im Auslande! Eigentümlich tönte das Wort in Claritar Ohr. Lieber Himmel, wie leicht hätte sie dort, etwa an einem Badeort mit jenen zusammentrefHn und sich diese angstvolle Reise ersparen können, die nun wenigstens vorläufig nutzlos schien. Die junge Frau faßte eine der Eisenstangen wie spielend, in Wirklichkeit aber als Halt, sie mußte mehr erfahren. „Also noch im Ausland" — sagte sie gedehnt. — „Ich glaubte, sie seien zurück, Hütten sich aber möglicherweise direkt nach Ornatoffsko ' begeben?" Aufs Geratewohl nannte sie das Stammgut, wo der alte Herr v. Ornatoff seine letzten Lebenstage verbracht. „Nein", — versicherte darauf der alte Dwornik*) — „die gnädige Barinitschi**) geruhen diesen Winter nach Petersburg zu kommen, doch ist die Zeit ihrer Ankunft ; mir noch nicht bekannt gegeben." „Und der junge Bärin***) Wladimir Iwanowitsch — ist | er nicht zurückgekehrt?" Erschrocken fuhr der alte Mann zurück. Der Schlüsselbund siel aus seiner Hand klirrend auf den Boden, indem er sich dreimal rasch bekreuzte. „Was Madame?" — stotterte er. „Sie fragen nach einem Toten! Wladimir Iwanowitsch ist gestorben, wenige Tage nach unserem alten gnädigen Bärin, es war eine jammervolle Zeit für Ornatoffsko." Der Greis war derart erschrocken und ergriffen, vielleicht auch von abergläubischer Furcht erfaßt, daß er vergaß, die Fragen der Fremden mit gleicher Münze zu zahlen. Scheu staunte er die in einen toeiten Mantel gehüllte Gestalt an, die da draußen im Sternenschein vor den: Gitter stand und nach einem Toten fragte. Und gar nach diesem Toten, der schon über ein Jahr in der Gruft seiner Ahnen schlummerte. Es mochte Unglück für das Ornatoffsche Haus bedeuten, solche Nachfragen! Die bei dem russischen Volke so große Neigung zu Aberglauben und Gespensterfnrcht machte sich hier geltend- Sie nahm dem greisen Dwornik seine Ueberlegung; nach seiner Meinung mochte die verschleierte Fremde mit der eigenartig klingenden Sprache selber eine zurückgekehrtö Verstorbene, ein ruheloser Geist sein! Unter neuer Bekreuzung bückte sich der Alte vorsichtig, um seine Schlüssel aufzuheben und sich selber sachte zurückzuziehen. Nicht um alle Schätze der Welt wollte er jetzt das Thor erschließen. — Indes, draußen der ruhelose Geist war nicht gewillt, ihn schon entschlüpfen zu lassen- Clarita lag noch eine Frage zu sehr am Herzen- Aber gerade deshalb fehlte ihr der Mut, sie entschieden zu stellen. Doch es mußte sein, die Gelegenheit durfte sie sich nicht entgehen lassen, welche Deutung auch der Frage in ihrem Munde beigelegt werden konnte. Verblümt mußte sie gewagt werden. „Ist augenblicklich denn gar niemand vorr *) Art Portier, Wächter, ***) Herr, Gebieter. 42 den Herrschaften auf Ornatoffsko? Auch Alexis Iwanowitsch nicht?" 921111 aber richtete der Gefragte sich gerade auf und betrachtete voll neuen Mißtrauens die Fragerin. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er, die Achseln zuckend, erklärte: „Uttfer gnädiger Bärin — Gott wolle ihn segnen — ist gleich nach den trauervollen Ereignissen auf Ornatoffsko vom Auslände zurückgekehrt. Ueber seine Rückkehr weiß ich nichts. Auch steht es mir überhaupt nicht zu, so viel über die gnädigen Herrschaften mit fremden Fragern zu reden —" schloß er brummig; denn Mißtrauen und Furcht vor etwas geheimnisvoll Geisterhaftem, das sich an diesen abendlichen Besuch knüpfte, stritten noch bei ihm miteinander, doch war er fest entschlossen, komme, was wolle, keine Rede mehr zu stehen. Clarita erkannte dies recht gut, da sie mit aller Willenskraft mehr über Zeit und Umstände von Alexis' Abreise, sowie dessen Reiseziel und Aufenthaltsort zu erforschen strebte. Vergebliche Mühe! Kein weiteres Wort als: „Ich weiß es nicht!" kam mehr über die bärtigen Lippen, und es wurde Clarita bald klar, daß sie sich durch weitere Fragen nur der Gefahr einer Beachtung aussetze, vor der sie bis dahin der Aberglaube des alten Burschen geschützt hatte. Den Vorteil galt es zu wahren. Deshalb hielt sie den bereit gehaltenen Rubel in der Hand, und trat rasch von dem Gitter zurück, um eilig in die dunkle Seitenstraße einzubiegen, an deren Ende der auf sie wartende Jswoschtschik hielt- Sobald sie glücklich wieder im Wagen saß> und die Pferde in schnellem Lauf sie durch kreuz und quer laufende Straßen dem fernen Stadtviertel zuführten, da schlug sie die zitternden Hände vors Gesicht, um das flimmernde Licht der Straßenlaternen nicht mehr zu sehen. Cs schwindelte ihr, es wurde düster vor ihren Augen, wie vor ihrem Geiste. Eine ganz dunkle Stunde kam über sie. In dem, was sie vernommen, lag etwas, was als grelles Licht vor ihrem Geistesblick hin und her tanzte. Wladimirs Tod machte ihren Gatten zum Bärin, zum Stammhalter der Ornatoffs, dessen Erbe und Rechte Alexis wohl nimmer geglaubt hatte, sein zu nennen- Welchen Einfluß konnte daher dieser unerwartete Wechsel seiner Lebensstellung aus ihn selber geübt haben? Konnte er ihn Reue gelehrt haben über die voreilige, heimliche Ehe? Schämte er sich etwa der Gattin — der Tochter eines einfachen Seemannes^ — aus welche die russische Aristokratie herabsehen würde! Aehnliche Gedanken, wie sie sich einst blitzähnlich Schwester Stefanie aufgedrängt, kamen ihr jetzt- Konnte es sein, daß Alexis sie absichtlich einsam gelassen, ihre Hilflosigkeit benutzt hatte, um sich ihr gegenüber eine Täuschung zu erlauben? War gar die ganze Mitteilung, wonach man ihn eines Verbrechens zieh — nur schlau erdacht, um sich von ihr zu befreien, sie an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie geschieden seien fürs Leben? Unruhig arbeitete Claritas aufgeregter Geist, die argwöhnischen Gedanken strebten die Herrschaft über ihn zu gewinnen. Sie schweiften zu Dimitri zurück; das machte die Sache nicht besser; !es verstärkte den aufkeimenden Verdacht. Dimitris Verschwinden, vorher nur unerklärlich, Erschien ihr Heute verdächtig. Er mochte es mit seinem Herrn halten und mit diesem wieder auf Reisen gegangen sein- Aber konnte dies alles sein? Warum nicht? glaubte Clarita! höhnend die Welt zu hören: bist du etwa die erste, die sich hat bethöven lassen durch eine glatte Zunge, ein schönes Gesicht und ein — falsches Herz? Falsch ! schlecht! nein, Alexis ist es nicht! tausendmal nein! schrie es dagegen laut in Claritas geängstigter Seele auf. Ich werde das nimmer, nimmer glauben, es sei denn, daß sein eigener Mund Wir sagt; „Ich habe dich betrogen! Meine Augen haben dir gelogen, mein Herz ist falsch! Welcher Gedanke! O Gott, seufzte die arme Frau dagegen, bewahre mir meinen Verstand vor solcher Verirrung! Set barmherzig! Laß mich Alexis finden, und sei es nur, Um im Exil mit ihm zu leben, und in Kummer und Elend ihm das zu sein, was ich am Mare gelobt — eine treue Gattin. > j Der Kampf in Claritas Seele war ausgestritten, glorreich ging ihre Liebe als Sieger daraus hervor, — die Lieb«, welche das, was ihre Hoffnung und ihr Trost ist, um so fester Umschließt, je verlassener sie sich fühlt, und je drohender die Gefahren, die sie umgeben. Das Herz der starkmütigen Frau war zur Ruhe gekommen, ehe der Wagen das bescheidene Haus Frau RustockZ erreichte, zu welcher eine der Wiener Empfehlungen sie zuerst in Petersburg geführt hatte. Bildeten jene Empfehlungen überhaupt ein treffliches Gut, so schloß die au die bescheidene Frau Rustock keineswegs den geringsten irr sich; denn sie hatte der Heimatlosen sofort ein paffendes Asyl verschafft. Frau Liska Rustock war die Witwe eines kleinert Tschinowinks * *) und arm- Seit sie ihre einzige Tochter nach dem Innern des Landes verheiratet hatte, lebte sie zurückgezogen in einer der Vorstädte Petersburgs, wo sie eine kleine eigene Dascha**) besaß, dies half ihr für sich! und einen kleinen Enkel den Unterhalt zu gewinnen durchs Aufnahme von Kostdamen. — Claritas Ankunft war ihr bereits vorher durch ihre polnische Verwandte aus dem! Kloster zu Wien gemeldet worden, worauf hin die alte! Dame mit wohlthuender Zuvorkommenheit die Fremde bei sich ausgenommen hatte, während Clarita ihrerseits sich gleich nach dem ersten Eindruck beglückwünschte, solch gesichertes Plätzchen in dem nordischen Babel gefunden zu haben. Zu diesem freundlichen Asyl von ihrer Entdeckungsfahrt zurückgekehrt, ruhte sie geistig und körperlich in dem traulichen Zimmerchen ihrer Hauswirtin aus und lauschte sinnend dem Rauschen des Samowar, unterdes Frau Rustock ihr sorglich Thee bereitete, und in mütterlichem Tone zusprach/ wie notwendig es für sie sei, nach der weiten Reise zu ruhen, wobei indes gleichzeitig die freundliche Dame, ihrem eigenen guten Rate zum Trotz, sich ihrer Vorliebe gemäße ins Plaudern verlor. Clarita war dies erwünscht; sie hörte gern zu, um allruählich ihre Fragen anbringen zu können, doch — sie erzielte damit keinen Erfolg. Frau Rustock, die nie in der! großen Welt gelebt, und nun schon seit Jahren in stiller! Zurückgezogenheit ihre Tage zubrachte, wußte von einer! Familie Ornatoff nichts, als eben den Namen, der —! wie sie selbst gestand, nur aus ferner Zeit herüberklinge^ Da war nichts zu erfahren, kein Wink für die Zukunft zu erhaschen; müde zog sich Clarita endlich zurück. Von dein Fenster ihres hochgelegenen Zimmers aus schaute sie nach der vor ihrem Blicke sich prächtig aus- dehnenden Zareustadt. In der kalten, klaren Nacht hoben! sich deutlich deren Umrisse ab; unter dem Helle funkelnden Sternenhimmel bot selbe ein prachtvolles Bild- Esj Es mochte ein trauliches Bild dem fein, der unter dem tausend Dächern eines wußte, das seine Lieben barg; was aber war das starre, steinerne Häusermeer für jene, die! sich sagen mußte, sie fei überall fremd — in jeder Mratzefj vor jeder Hausthür! ' „Kein Mensch, der mich kennt, keiner, der mich grüßt — keiner, der mich liebt! Allen bin ich ein Fremdling!"! seufzte Clarita daher schmerzlich. Und dies war ihr erster Abend in Petersburg. . IX. Vielleicht. Vielleicht! o aus Barmherzigkeit Laßt mir das eine Wort: Vielleicht! G- v. Dhh errn'-i Der neue Morgen brachte neuen Mut. Die Aussicht, daß Frau v- Ornatoff, wie der alte Dwornik gesagt, in Petersburg erwartet werde, belebte Clarita, spornte sie rastlos! zu weiteren Schritten an- Sie hatte ja noch zwei Empfehlungen sich nutzbar zu machen, vielleicht halfen sie zu besserem Erfolg bei ihren Erkundigungen. So sehr es! sie jedoch dazu drängte, ihre zarte Natur behauptete diesmal ihr Recht, und sie mußte einige Tage sich pflegen, bis! sie soweit gekräftigt war, um weitere Schritte Unternehmern zu können. Zunächst fuhr sie zu Maestro Magini, beim berühmten Violinisten und Komponisten, an den ihr Wiener! Musiklehrer sie gewiesen. Seine Empfehlung hatte treffliche! Wirkung, und als der Maestro erst Claritas Stimme gehört, wllligte er ein, für die junge Fremde noch eine MUsik- stunde zu erübrigen und sie als Schülerin anzunehmen-i Er stellte sie auch seiner Frau vor, die, obwohl nicht mehr jung, doch noch die ganz« Lebhaftigkeit, eines heißblütigen! *) Beamten-; i • **\ Petersburgs LatzdtzauK., — 43 — Naturells besaßt daher der jungen Fremden mit dem südländischen Typus sofort ein gewisses Interesse schenkte. Bei den ausgedehnten Bekanntschaften, welche die Mäginis in den verschiedensten Gesellschaftskreisen besaßen, versprach Clarita sich mit der Zeit von dieser Seite eine wohlzuschätzende Hilfe, mehr jedoch erwartete sie solche noch von der Gattin des Legationsrats Triber, an die ihre dritte und letzte Empfehlung lautete- Gleich dem besten Trumps hatte sie diese bis zuletzt behalten, und ihr Herz klopfte schneller, während der Wagen mit ihr die Newa entlang, über den Admiralsplatz hinrollte, um endlich in eine der vornehmen Straßen einbiegend, vor dem Hotel des Legationsrats zu halten- Leicht war dies zu ftnden gewesen, doch zu ihrer Enttäuschung fand Clarita es um so schwieriger, bei der Baronin angenommen zu werden. Dieselbe war leidend: sie empfing nur Besuche bevorzugter Freundschaft. Fremden gegenüber hatte der Diener nur eine bedauernde Miene mit der stereotypen Phrase: „die gnädige Frau nehme keine Besuche an". So leicht ließ sich Clarita indes nicht abschrecken; sie wies den Diener an, ihre Karte, auf der sie den Wunsch bemerkte. Grüße aus dem Wiener Kloster persönlich zu übermitteln, der Baronin gleich zu überbringen. Dadurch erreichte Clarita ihren Zweck; sofort wurde in höflichster Form ihr Besuch angenommen; ja mehr als das, mit liebenswürdiger Freundlichkeit empfing sie die junge Deutsche in ihrem hübschen, eleganten Boudoir. Freilich, die verschwenderische Pracht, wie Clarita sie später in den Räumen der russischen Aristokratie sehen sollte, spiegelte sich hier nicht wieder; denn es war zwar ein elegantes, aber mehr wohnlich als kostbar eingerichtetes Gemach. Teuere Spielereien, kostbare Luxusartikel, Raritäten von unermeßlichem Werte — die fehlten hier gänzlich, nur frische, lebende Blumen machten es zu einem kleinen Wintergarten. Die deutsche, junge Frau glich darin selbst einer zarten Blüte, die man aus fernem Lande in ein fremdes Klima versetzt, an das sie sich erst gewöhnen mußte. Sie hatte noch wenig von der Fremde angenommen, heimatliche Gewohnheiten waren ihr noch völlig eigen- So kam sie mit ausgestreckter Rechten der Fremden entgegen, die ihr Grüße aus der Heimat von einer geliebten Schwester brachte. Solchen Gast wußte sie nicht herzlich genug zu bewillkomnen- Nichts verbindet ja so schnell als die Fremde. Daher auch die beiden Damen sich rasch nahe kamen; zu plaudern hatten sie miteinander genug, die eine zu fragen, die andere zu berichten, zu erzählen. Frau V- Triber war glücklich, von fernen Lieben zu hören, ihr junges Herz hing eben noch mit allen Fasern an der Heimat- (Fortsetzung folgt.) Bon Fred. Hood. (Nachdruck verboten.)' Der Badeschwamm, welcher Rauhheit und Weichheit M sich vereint, hat schon im frühesten Altertum die Rolle eines unentbehrlichen Werkzeugs zur Hautpflege gespielt- Daß er diese Rolle bis zum heutigen Tage behauptet hat, verdankt er vornehmlich seiner Fähigkeit, sich ganz mit Wasser vollzusaugen, und dasselbe, je nach dem Druck, welchen die Hand aus ihn ausübt, wieder loszulassen, sowie seiner Widerstandsfähigkeit gegen Säuren und Alkalien aller Art- Es giebt auch kein anderes Naturprodukt, welches dieser Aufgabe im gleichen Maße zu entsprechen vermag, wie der Badeschwamm, der mit der Seife sehr beachtenswerte, durchaus' saubere Bezieh- ,1111 gelt unterhält. Die Badeschwämme gehören zu den Hornschwämmen, das ist eine Gattung der Meeresschwämme, welche man früher meist zu den Pflanzen, dann zu den Urtieren oder Protozoen zählte, während sie jetzt fast allgemein als höhere Tiere anfgefaßt werden- Die echten Badeschwämme gehören alle der Gattung Euspongia an, und was wir .kurzweg als „Schwämme" bezeichnen, das ist nichts anderes, als das von allen Weichteilen befreite Skelett dieser Tiere, das aus einem sehr elastischen, sehr porösen Kanälen durchzogenen Gerüst von Hornfaserstoff besteht. Daß man die Schwämme lange Zeit für Pflanzen hielt, ist sehr natürlich; denn sie wachsen auf dem Meeresgründe oder festen Körpern im Meere fest, ohne besondere Kennzeichen tierischer Wesen zu zeigen, Ivie Empfindlichkeit und Beweglichkeit. Das Studium ihrer Entwickelungsgeschichte hat aber ihre tierische Natur außer Zweifel gestellt, wenn sich auch die Gelehrten über die Frage noch nicht ganz einig sind, ob sie eine besonder« Klasse im Tierreich bilden, oder den Korallen und Quallen zuzuzählen sind. Am höchsten geschätzt werden die Badeschwämme des Mittelmeers, während die nichteuropäischen meist von geringerer Qualität sind. Hauptzentren dieser Industrie Und, außer den Inseln und Küsten des Mittelmeeresj, die Ostküsten Amerikas. Doch bestehen auch an den Küsten von Florida, Yukatan, Cozumel, sowie in Neu-Caledonien Schwammfischereien. Im Handel unterscheidet man recht viele Sorten. Am bekanntesten sind die großen, flachen und lockeren „Pferdeschwämme" mit sehr weiten inneren Kanälen, die kleinen schüsselförmigen und braunen „Zimoccaschwämme" mit harten Fasern und die feinen Badeschwämme, welche besonders an der Dalmatischen Küste und an der Südküste des Mittelmeeres Vorkommen- Letztere sind wegen ihrer runden, vollen Form, und ihren feinen Poren und weichen Fasern besonders beliebt- Für viele öde Inseln des Mittelmeeres bildet di« Schwammfischerei einen Haupterwerbszweig der Eingeborenen, welche mit außerordentlicher Kühnheit und Ausdauer, unter steter Gefährdung ihres Lebens diesen vielbegehrten Toilettenartikel aus den Tiefen des Meeres emporholen- Sie tauchen bis zu 18 Metern Tiefe, und können es in der Regel drei Minuten unter Wasser aushalten. Die Schwammfischerei beginnt in der Regel im Juni, und endet im September. Außer diesen Tauchern, welche entkleidet ins Meer steigen, und die Schwammfischerei noch in derselben Weise betreiben, wie ihr« Kollegen im Altertum, giebt es solche mit Taucheranzügen, die von obenher mit frischer Luft versorgt werden, und länger in der Tiefe ausharren können- Um die Zeit der Fischerei Kimmen viele Barken mit griechischen Schwammfischern nach Beirut, Tripolis oder anderen geeigneten Punkten, und diese gehen meist im Aust trage eines Unternehmers an ihr Werk. Etwa fünf bis sechs Fischer arbeiten stets gemeinsam; sie fahren mit ihrem kleinen, leichten Fahrzeug aufs Meer, jedoch nur bei ruhiger See, da sie nur dann bis auf den Meeres^ gründ zu sehen vermögen — denn die feinsten Schwämme befinden sich in der größten Tiefe. Ist das Wasser zur bewegt, so wird Oel darauf gegossen, wodurch eine ruhig« durchsichtige Wasserfläche erzielt wird. Diese Anwendung des Oels war scyon den Schwammfischern des Altertums bekannt- Der Taucher füllte seinen Mund mit Olivenöls welches er dann aus der Tiefe emporsteigen ließ, um von oben her Licht zu bekommen. Die Taucher der syrischen Küste bedienen sich heute eines anderen merkwürdigen Leuchtmittels in der Meerestiefe. Sie tauchen, indem sie eine schwere weiße Marmortafel über ihren KopH halten, welche an ein oben befestigtes Seil geknüpft ist. Der Marmorblock dient nicht nur als Leuchtkörper, sondern auch als Senkgewicht, und schützt den Kopf vor manniK- fachen äußeren Angriffen. Wir haben hier den interessanten Fall, daß ein simpler Stein gleichzeitig einem dreifachen Zwecke dient — eine Anwendung, welche etwa an di« primitiven Instrumente der Urvölker erinnert, die sowohl als Waffen wie als Wertzeug benutzt wurden- Die Taucher gehen bis zu 20 Faden tief, und halten es in der Regel zwei bis drei Minuten unter Wasser aus- Der groß« Druck in der Tiefe bildet nicht selten die Ursache, daß ihnen das Blut aus Mund und Nase strömt; indessen ist doch das Tauchen mit nacktem Körper minder gefahrvoll als dasjenige mit Taucheranzug (Skaphander-) Di« schnelle Abkühlung, welcher der erhitzte Körper beim Ablegen des Kautschukanzuges ausgesetzt wird, fordert ständig Menschenopfer, und bei den ersten Einführungsversuchen des Skaphanders irrt Jahre 1876 erlagen Hunderte von Tauchern schweren Lungenkrankheiten. Der Körper der Freitaucher wird aber schon in jungest Jahren abgehärtet, und hat sich meist als völlig geeignet erwiesen, der schweren Arbeit zu widerstehen. Wenst dennoch Leute, welche in Skaphanders tauchen, mehr gesucht sind, und besser bezahlt werden, so geschieht dies,, weil sie in derselben Frist weit mehr gute Schwämme zu finden vermögen, als oie Freitaucher. Denn der mit Luftzusührung und elektrischem Licht ausgestattete Taucherapparat gestattet nicht nur länger in der Tiefe zu ver-, Keilen, sondern auch die besten wertvollen Schwämme uuszuwählett. Biele Schwammfischer, so unter anderen die Bewohner der griechischen Insel Crapano, welche fast ausschließlich dieser Industrie dienen, benutzen zum Losreißen der Schwämme eigentümlich gestaltete eiserne Gabeln. Dir Beute kommt dann in ein Netz, tvelches der Taucher vor seiner Brust trägt;. Das Losreißen nicht zu tief liegender Schwämme von den Klippen geschieht auch vielfach von den Booten aus. Man bedient sich zu diesem Zwecke langer drei- bis sechszinkiger Gabeln, deren Spitzen mit Widerhaken versehen sind. Aus größeren Tiefen fischt man die Schwämme auch mit einem Grundnetz, das mit einein schweren Rahmeneisen versehen ist, mittelst dessen man beim Anziehen der Netzstricke die Schwämme und alles sonstige Getier vom Meeresboden losreißt. Die Schwämme kommen als rundliche, schleimige Klumpen von grünlicher,' schwärzlicher oder dunkelvioletter Färbung an das Tageslicht. Nun werden sie durch Waschen und Kneten von den Weichteileir und allen gallertartigen Substanzen befreit. Hierauf begießt man sie mit einer siedend heißen wässerigen Sodalösung und, legt sie in verdünnte Salzsäure, wodurch etwa uoch vorhandene kalkige Stoffe beseitigt werden. Durch Bleichen in einem Bade aus unterschwefligsaurem Natron und Salzsäure erhalten sie ihre bekannte bräunliche oder hellgelbe Färbung, — Etwas anderes ist das Verfahren bei den Amerikanern, welche die Schwammfischerei an der Küste von Florida betreiben. Sie. sortieren und beschneiden die gewonnenen Schwämme, sobald sie gewonnen sind, und setzen sie der Einwirkung der heißen Sommersonne aus. Dies Verfahren lockert die Rinde, welche die Poren verschließt, und legt das Innere frei. Dann kommen die Schwämme in ein großes Wasserbecken, und erst nach einigen Wochen, wenn alle fleischigen Teile herausgewaschen oder herausgefault sind, werden die Schwämme aus dem Bade herausgenom- men, ausgebreitet, getrocknet und gebleichte Die für den Toilettentisch bestimmten Schwämme werden übrigens noch mannigfachen anderen Bleich- oder Färbeverfahren ausgesetzt, um ihnen einen angenehmen Ton zu verleihen. Die für chirurgische Zwecke bestimnlten Schwämme werden sorgfältig gereinigt, wobei dieselben häufig uoch 30 Prozent ihres Rohgewichtes verlieren — denn die Schwämme werden häufig in betrügerischer Absicht künstlich mit mineralischen Stoffen beschwert. Haupthandelsplätze des Großhandels sind Tripolis und Smyrna — ersterer für das westliche, letzterer für das östliche Mittelmeer-Gebiet. Die wichtigsten europäischen Märkte sind Triest, Venedig, Genua, Livoruo und Marseille. Nicht nur im Haushalt und in der Chirurgie finden die Schwämme umfassende Verwendung, sondern auch in der Technik, denn man bedient sich ihrer auch zu Polsterungen, zum Filtrieren von Wasser usw. Wirklich gute und feine Schwämme stehen hoch im Preise und bilden einen guten Handelsartikel, da sie ohne Konkurrenz sind und durch kein Surrogat ersetzt werden können. Zur Heilung der Gicht. (Nachdruck verboten.) Experimente am eigenen Körper hat Geh. Rat Dr. Konrad Küster, der bekannte Schöpfer der Reformburschen- schaften, seit einigen Jahrzehnten zu seinem Leidwesen gemacht. Es handelt sich um Beobachtungen über die Gicht- Zu Nutz und Frommen der Mitleidenden teilt Küster seine Erfahrungen in der „D. Med- Wchschr." mit. Er schreibt da unter anderem: Bet erblich stark Belasteten, wie ich es bin, ist die Aussicht auf vollständige Verhütung von Anfällen eine wenig günstige. Immerhin hat aber diätetisches Verhalten auf Schwere und Häufigkeit der Anfälle einen unzweifelhaften Einfluß. Bei denjenigen Leidenden, die nicht erblich belastet sind, sondern sich die Krankheit durch unzweckmäßige Lebensweise erworben haben, wird ein diätetisches Verhalten sogar im stände sein, weitere Anfälle zu verhindern. Die unzweckmäßige Lebensweise besteht darrn, daß man einerseits zu viel ißt und zu viel alkoholhaltige Getränke trinkt, was leider eine sehr weit verbreitete Sitte ist, anderseits eine »licht geeignete Nahrung zu sich nimmt. Küster ist zur Ueber- 44 zenguug gekommen!, daß einseitige Fleischkost die Gicht- anfälle befördert, und hat sich selbst zu einer mehr vegetarischen Kost bekehrt. Er genoß sehr viel Gemüse und Salats unter Vermeidung der Essigsäure, der auch ein unheilvoller Einfluß zugesprochen wird. Ein Einfluß ivar unverkeunbar, wenn auch! teilt vollständiger. Die Anfälle kamen nicht mehr so häufig, auch nicht mehr so heftig. „Indes blieb mein Kämpfen für vollständiges Verschwinden der Gichtanfälle vergeblich. Erblich bin ich« unzweifelhaft mit dem die Gicht begünstigenden Chemismus bedacht, mit der sauren Diathese. Saurer Moselwein oder Selter ruft sofort starkes Sodbrennen hervor, ebenso Kaffee, auch Bier und Rheinwein, weniger Rotwein, regen Magensäure an. Der Magen arbeitet aber sonst vorzüglich, ja eigentlich zu gut. Mes, was in den Magen kommt, wird energisch verwertet. Ohne ein starker Esser zu seiu — ich kann wie in den Feldzügen mit sehr wenig Nahrung auskommen — habe ich Neigung zur Fettleibigkeit und zu kräftigem. Fleischausatz. Dabei kasteie ich mich vom Morgen bis zum Abend. Ich habe meine ziemlich umfangreiche Praxis von Anfang an nur zu Fuß erledigt, ich habe gebraust, wasche morgens den ganzen-Körper ab, nehme Luftbäder, schlafe bei offenem Fenster, treibe Zimmergymnastik, bin ein flotter Tänzer und ein tüchtiger Wanderer, und trotz alledem, esse ich einmal etwas stärker als gewöhnlich, oder gönne ich mir zur Sommerzeit auf dem Lande einmal mehr Ruhe, sofort wird der Körper umfangreicher. Mau könnte auf den Gedanken kommen, daß der so vorzüglich arbeitende Magen durch den erzielten lieberschuh die Ursache der Gicht ist, und ganz ohne Einfluß wird das nicht fein; aber es muß doch noch! eine andere Ursache vorhanden sein; denn es gießt auch eine Gicht der Armen; es leiden Leute an Gicht, die so wenig essen, daß. es kaum für die Ernährung reicht. Diese weitere Ursache ist trotz aller Forschungen uoch nicht erfaßt. Und diese ist es, die einett erblich Belasteten auch immer wieder mit Gichtanfällen bedenken wird." Zur Beherrschung des akuten Gichtanfalles empfiehlt Küster int Gegensatz zu allerhand neuen Mitteln das altbewährte Eolchicum, das nur fetten oder unzweckmäßig cmgewendet werde. Er verschreibt sich Colchicum-Mark- Pillen, und hat dann erreicht, daß, während er früher mindestens 14 Tage liegen mußte, und drei weitere Wochen steif und elend war, er jetzt, wenn überhaupt, nur einen Tag zum Liegen kommt, seine Praxis einige Tage noch humpelnd versieht, aber in 8—10 Tagen wieder ganz beweglich und leichtfüßig ist. Gsmeinnützrges. Verquollene Fenster schließen nicht und sind im Winter besonders unangenehm. Vermeiden läßt sich dieses Verquellen, wenn man dieselben an den nicht angestrichenen Flächen mit einer Lösung bestreicht, die aus Benzin und Paraffin besteht. Man nimmt soviel Benzin, wie nötig ist und schabt in dieses Paraffin bis zur Sättigung. So das Holz noch trocken ist, wird es damit bestrichen; das Benzin verflüchtet und hinterläßt den Parafsiu-Ueberzug, der nicht nur gegen das Eindringen der Feuchtigkeit schützt, sondern die.Flächen auch so glättet, daß das Oeffrien und Schließen der Fenster keine Schwierigkeit macht. „Prakt. Wegweiser", Würzburg. Charade. (Nachdruck verboten.) Das Erste macht in fremden Sprachen Dem kleinen Schüler oft Beschwer, Niemand ist gern zu ihm gekommen, Doch die Juristen schätzen's sehr. Das Zweite dient bei Sonn' und Regen, Und immer zeigt sich's überspannt; Oft schlicht ist's, doch von Spitzenfalten Umwallt ziert es der Schönen Hand. Das Ganze dient dein kühnen Streben Jn's ungemess'ne Aethermeer; Und leicht laßt cs zur Tiefe schweben, Was sonst hernicderschmettert schwer. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Anagramms in vor. Nr.: Basel, Base, Labe, Salbe, Elba, Elsa, Abel. Wrdaklion: E. Burkhardt, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.