1902. — Nr. 188. JÖSTHiW n "HOW WSSmBwä 8 XST-g^gnT m® WM (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß. (Fortsetzung.) Dankbarkeit war es auch gewesen, die sie veranlaßt patte, ihre Njannschka einige Male nach der Klinik zu enden, um für Boris Mitrofanowitsch Blumen und Er- rischungen äbzugeben und Erkundigungen über sein Bernden einzuziehen. "Tie Auskunft, daß die Brandwunden chwerer Art seien und noch geraumer Zeit zur Heilung bedürften, hatte sie tief bekümmert. Ihr Mitleid steigerte ich, je mehr bedachte, daß er die Ostertage unter Schmerzen einsam verbringen thüffe. Sonst Ivar sie den Ostern in fröhlichster Stimmung entgegengegangen, aber dieses Mal fühlte sie nichts als Gleichgiltigkeit. Ani Liebsten wäre sie weit, weit hinweggeeilt, nach irgend einer menschenleeren Gegend, um mit ihrer Trauer und ihrer: Gedanken allein zu sein. Sie versuchte zu lesen, aber die nötige Sammlung fehlte ihr, und, als Wera leise von Andrei Pawlowitsch Steinbrecht plauderte, hörte sie nur mechanisch zu. Erst beim Diner, als Jefim Godunow.erzählte, daß er zur Klinik gefahren sei uird seine Karte Boris Mitrofanowitsch hinaufgesandt habe, ivurde ihre Aufmerksamkeit gefesselt. Der Vater wußte eine Menge interessanter Einzelheiten über die Katastrophe mitzuteilen: daß der Kapitän des Rurik gleichfalls zu den Verletzten gehöre und auf dem Dampfer im Hafen liege, daß die ganze Stadt noch immer von dem Unglück rede, rind daß dieses bet weitem furchtbarer geworden wäre, wenn nicht viele der anwesenden Herren die auflodernden Flammen mit Todesverachtung erstickt hätten. „Natürlich, jetzt sind sie alle Helden", konnte sie sich nicht enthalten, ironisch zu bemerken. „Ach was", gab Jefim unwillig zurück, „Dein romantischer Kopf caprieiert sich nur auf einen einzigen Helden. Erfahrene Leute versichern aber, daß Boris Lyschnin durch das thörichte Herunterreißen der 'Dekorationen die Gefahr nicht vermindert, sondern geradezu gesteigert habe." Des Vaters beißende Entgegnung trieb chr das Blut ins Gesicht, aber sie schwieg und dachte: „Tas ist die Gerechtigkeit der Welt." — „Sie ist so merkwürdig, so gereizt und streitsüchtig in letzter Zeit", meinte nach dem Diner Alexandra Michai- lowna zu Jefim, als sie allein waren, „daß ich wirklich in Sorge bin. Ich beobachte sie, vermag aber keinen Grund für ihr sonderbares Benehmen zu finden." Jefim nickte und schob die Schuld auf seine Weigerung, Boris Mitrofanowitsch in's Haus zu rrehmen. „Die Jugend begeistert sich ungemein schnell für eine sentimentale Idee", tadelte er, „und kann nicht ertragen, wenn sich die kühle Vernunft dagegen auflehnt; sie entflammt sich für hochherzige Dankbarkeit, für alles Edle, Großch und Außergewöhnliche, ohne zu bedenken, daß sie durch solche Schwärmerei meistens in schroffen Widerspruch zum praktischen Leben tritt." Er hielt inne, merfte er doch, daß seine Frau noch irgend eine Last auf dem Gewissen trug. Fragend schaut« er sie an. Alexandra Michailowna näherte sich ihm, und während ihr Gesicht einen geheimnisvollen Ausdruck annahm, sprach sie zaghaft: „Ich muß Dir etwas anvertrauen betrifft Wera." Jefim horchte. „Sie hat mir gestanden, gestern von Andrei Pawko- witsch Steinbrecht einen Brief erhalten zu haben, in deut er bittet, bei Dir um ihre Hand anhalten zu dürfen." „Was — ein Antrag", rief Jefim überrascht, indem er aufsprang, „von dem Prokuristen in Moskau?" „Ja, Tu weißt, er hat uns jüngst besucht. Wer« hat ihn im vergangenen Jahre bei Praksins kennen gelernt. Auf mich hat er den besten Eindruck gemacht. Was Tu über ihn denkst, weiß ich nicht." Erregt schritt Jefim auf und ab. „Nun?" fragte Alexandra Michailowna in ängstlicher! Erwartung. „Meine Tochter an einen Prokuristen zu verheiraten,- erfordert ein außergewöhnliches Maß von Entsagung"^ betonte er. „Ich hatte für Wera auf einen Mann in selbständiger und hervorragender kaufmännischer Position gerechnet." „Aber Andrei Pawlowitsch soll sehr tüchtig fein",- warf Alexandra Michailowna besänftigend ein, „und Werg behcntptet ihn zu achten und zu lieben." „Ach die Liebe", rief Jefim, ironisch lächelnd, „mit ihr allein 51t fahren, ist ein Vergnügen sehr zweifelhaftes Art. Mm Besten kutschieren Eheleute zweispännig — mit Liebe und Geld! Was vermag ein Prokurist, ein Mann in abhängiger Stellung, Wera zu bieten?" „Tu könntest ihn in's Geschäft nehmen, zumal Dip in Deinem Alter eine kräftige und zuverlässige Hilfe notthut." „Tas wäre allerdings Nicht so übel", murmelte Jefim. „Von Galgant und Chinawurzeln versteht er zwar wenig, aber sonst kann ich ihm das Lob, ein respektabler Kaufmann zu sein, nicht absprechen." Nachdem er eine Weile geschwiegen, fuhr er fort: „Jedenfalls will ich mir die Sache überlegen und Erkundigungen über ihn einziehen. Am Besten wird sein, zu diesem Zweck nach Moskau zu fahren." Alexandra Michailowna atmete erleichtert auf. Sie war erfreut, daß Jefim trok feiner reizbaren Natur ihre Mitteilung mit einem gewissen Wohlwollen entgegen genommen hatte. Ihr zufriedenes Lächeln erstarb jedoch^ 150 empfinde« ?! Ich habe ihn tjür «fi» sie den Gatten nach kurzer Pause mit ernster Mene sagen hörte: „Auch ich muß Dir etwas mittellen, das leider sehr unangenehmer Art ist." Er hielt inne, dann aber entrang es sich zögernd: „■Ser Verschollene ist wieder aufgetaucht!" Es schien, als ob ein Blitz aus heiterem Himmel aus Wexandra Michailowna niedergefahren sei. Ihr Gesteht nahm einen schreckhaften Ausdruck an, und ehre Gestalt schüttelte sich, wie in durchdringendem, scharfem Frost, während ihre Hände über die Augen fuhren. Jefim aber sank wie ein müder, kranker Mann auf einen Stuhl und starrte düster und hoffnungslos vor sich hin. „Ja, er ist wieder da," grollte er, „nm un,eren geachteten Namen in den Schmutz zu zerren utib Schande aus unser graues Haupt zu häufen." Schweigend blickte sie zum Gatten, vorläufig völlig unfähig, auch mir ein einziges Wort hervorzubringen. „Er treibt sich in Moskau umher", fuhr Jefim fort, „und führt ein glänzendes Leben. Wo er die Mittel hernimmt, weiß ich nicht, jedenfalls stammeii sie aus unsauberen Quellen." . . Alexandra Michailowna hatte sich ein wenig gefaßt, obwohl die Singst noch in ihrem Gesicht zu lesen war. „Von wem hast Tu die Nachricht?" fragte sie mit ihn freudig überraschen will, sogar no wieder mahnte es milde und versöhnend: „ . vertraut und kennt träte List". Minutenlang starrte ste auf das Papier, wahrend ihre Hand nervös mit dem eleganten Federhafter spielte. Von unten rief die Mutter, sich zum Ostergottesdienste zu rüsten, und Njanuschka stürzte bereits in großem Staat atemlos ins Zimmer. Mit deni Schreiben war es vorbei. —i *— Großartig und feierlich war der Gottesdienst, bildete er doch zu den Fasten das Finale und zu den hoffnungsreichen Ostern die stimmungsvolle Ouvertüre. Vom nächtlichen Himmel blinften kalt und still die Sterne auf das Treiben der Menschen, die sich frommen Sinnes bei den hochragenden Kirchen versammelt hatten um unter Vorantritt der Geistlichkeit nut brennenden! Wachskerzen in den Händen die Gotteshäuser zu umziehen und Christus, den Auferstandenen, zu suchen. Tte gotd- ftmkelnden Ornate der langbärtigen Priester, die prächtigen^ reichgestickten, farbenglühenden Banner und wehenden Fahnen, die kostbaren Goldkreuze und Laternen, das flimmern und Flackern die"- — ieses unabsehbaren, schwankenden, leuchtenden Waldes von Lichtern, aus dem der Weihrauchs in Wolken zur Höhe wirbelte und der Chorgesang kraftvoller Männerstimmen wie überirdische Melodie empordrang, einigten sich zu einem Bilde von besiegender Macht Ein Kanonenschuß als Zeichen, daß die Mitternacht eingetreten sei, dröhnte Wer die Stadt. Alle Glocken begannen zu läuten, die Tausende von Lichtern vor den in Gold und Juwelen starrenden Heiftgenblldern der Kirchen flammten wie mit einem Zauberschlage auf, strahlende Helle übergoß die ganze bestrickende, bunte, glänzende Pracht, und vom Ikonostas iuMte m herrliches Tonfall der Priester Keich ^em AbgesandttN der 'anderen Wett die Himmelsbotschaft,: ,Mrtst ist er standen!" ttnb die Gemeinde, als ser fte allen Kummers „ÜEatiana?" fragte er. „Ja, Tatiana! Tenn die Reise wird' ihr Gemüt erweitern/' Jefim gestand sich, daß seine Frau Recht hatte. Freilich, Wera wäre chm lieber gewesen. Ihm fiel seine Hallucinaiion ein — er sah wieder Tatiana neben Dimitrh Kalussofs im Wagen an sich vorübersahren. Kalussofs wohnte in Moskau--. Bisher hatte er Alexandra! Michailowna noch nichts von seinem Erlebnis erzählt, aber jetzt überlegte er, ob es nicht besser sei, chr die merkwürdige Geschichte mitzuteilen. Das schmerzbewegte Gesicht seiner Frau bewog ihn jedoch, zu schweigen und sie zu schonen. Zu seiner eigenen Beruhigung versicherte er sich, daß er Tatiana scharf beobachten und vor Dimittch Kälussoff hüten werde. _ „Wir fahren nach der Osterwoche", sagte er. , „Selbstverständlich wird Tatiana von dem Zweck der Reise nichts Wunderbare Fügungen des Schicksals! Was die eine Stunde geschaffen, verwirft die andere; was für unerreichbar gehalten wird, gestaltet sich plötzlich zur Wirtlichkeit, und die Sorgen wandeln sich unvermutet gepreßter Stimme. „Von meinem alten Jugendfreunde Konstantin Simo- noivsky, der in engen Beziehungen zur Moskauer Polizei St. Er hat ihn wiedererkannt und beobachtet. Tas limmste Wer ist, daß die Polizei bereits ein Auge chn geworfen hat. Was ist zu machen?" „Vierzehn lange Jahre diese Qual", seufzte Alexandra Michailowna. „Tu hättest ihn nicht verstoßen, sondern barmherzig sein sollen", kam es vorwurfsvoll von ihren Lippen. „Vielleicht wäre er doch noch ein ordentlicher Mensch geworden. Mancher der in der Jugend ein Sünder war, ist im reiferem After in sich, gegangen. In Deinem Starrsinn und Jähzorn bist Du im stände, über Leichen zu gehen. Er ist Tein rechter Sohn, und ich bin seine Stiefmutter, aber ihn zum Hause hinauszutreiben, hätte ich nimmermehr fertig gebracht." ' „Ein Wechselfälscher, ein Schwindler, ein Verächter her staatlichen Ordnung ist nicht mehr mein Sohn", gab Jefim dumpf zurück „Seine ganze Jugend ist eine Kette ehrloser Handlungen gewesen. Wie soll da der Vater für den Sohn noch Liebe empsindeu?! Ich habe ihn hinausgestoßen, well die Gefahr nahe lag, daß seine politischen Umtriebe die gesamte Familie in's Unglück stürzten. ' ‘ Verlassen unseres Hauses hätte er Mensch werden können, denn "* Aber auch nach dem Ver! »wch ein ordentlicher Mensch werden können, denn an Materiellen Unterstützungen durch Vermittelung anderer Hände ließ ich es nicht fchlen. Leider ist er geblieben, wie er war, und das Beste für ihn wäre, — der Tod!" „Tu versündigst Dich", stöhnte Wexandra Michailowna entsetzt. „Wie kann ein Vater solche Wünsche gegen sein Men Fleisch und Blut hegen!" Aber Jefim fuhr zornig auf. „Glaubst Tu", rief er, räaß die Väter nur dazu da sind, sich von ihren Kindern besudeln zu lassen? Wenn ein Name Generationen hindurch rein wie Gold geblieben ist und wird dann mit einem Male befleckt, ergreift, erschüttert, packt das nicht? Verdient ein Mensch Gnade, der schnöde mißachtet und entehrt, was die Vorfahren mit höchster Sorge als ihr Heiligstes und Schönstes gehütet haben? Ist der noch des Lebens wert, dem die Ehre nur eine Phrase und der Schwindel alles ist?" Ein Augenblick bedrückenden Schweigens herrschte, in dem nur das schwere Atmen zweier kummervoller Menschen zu hören war. „!Auch seinetwegen möchte ich' nach Moskau fahren, Hub Jefim wieder an. „Er muß fort, verschwinden, gleichviel wohin, nur fort, über die Grenze, denn wenn er gefaßt und gegen ihn verhandelt wird, ertrage ich ine Schmach nicht — sie ist mein Untergang!" „Fasse Dich", mahnte Wexandra Michallvwna. „Ja, reise und bewege ihn, Rußland den Rücken zu kehren. Wer allein lasse ich Dich nicht nach Moskau, Du wirst Tatiana mitnehmen. Sollte Tir infolge Deiner schwankenden Gesundheit etwas zustoßen, _ was Gott verhüten möge, so hast Du wenigstens Deine Tochter zu Freuden. ~ . Nach Moskau! Ueberrascht war Tatiana emporgefahren. Sollte ihr heißester Wunsche so unerwartet schnell und ohne jeden Couflier in Erfüllung gehen? Sie getraute sich kaum die Mitteilung oer Mutter zu glauben. Aber es handelte sich- ja um unumstößliche, pure Wahrheit. In ihrem Innern jubelte es: „Ich werde ihn Wiedersehen!" Ihr ganzes Wesen gewann neues Leben, und ihr Gesicht strahlte vor Glück. Wäre nur nicht der Brief Timitrys gewesen . . - dieser harte, kalte Brief! In das Entzücken über dck Reise fuhr er höhnische und disharmonisch hinein. Warum der Rat, daheim zu bleiben? Noch immer nicht vermochte sie den häßlichen Eindruck über das Verschanzen hinter der Pietät zu verwinden. Tückisch fuhr die Idee durch ihren Kopf, plötzlich in Moskau vor Dinntich hin- zutreten mit den Worten: „Fort vom Elternhause, suche ich Schutz bei Tir!" Dann mußte sich sein wahres Empfinden entschleiern — — — ,, ,. . Sie wollte an ihn schreiben. Früher waren ihr die Briefe leicht geworden, aber dieser fiel chr unendlich schwer. „Von der Reise zu schweigen", dachte sie, „ist, wenn ich ihn freudig überraschen wlll, sogar notwendig." Tannj wieder mahnte es milde und versöhnend: „Die echte Liebe «» — mtb' aller Erdenschmerzen für immer enthvden, brauste in Begeisterung die Antwort entgegen: „Er ist in Wahrheit auferstanden!" Das brache sich wunderbar an den Gewölben und zitterte nach in den erregten Gläubigen, die sich ihrem Gott nahe wähnen. Tie Zeremonie war vorüber. Das Heer von Lichtern, bas so wunderbar zum nächtlichen Himmel geleuchtet, zerteilte sich, und das glänzende Bild versank in das Dunkel der Nacht. In unabsehbarem Zuge strömten die Menfchenmassen Nach Hause zum festlich bereiteten Ostermahl. Jesim und die Seinen schritten an der Klinik vorüber. Finster und kalt ragte der Bau in die Straße hinein, als sei alles Leben hinter seinen Mauern erstorben. Wie suchend ließ Tatiana den Blick über die Front gleiten; ihre Gedanken weilten bei Boris Mitrofanowitsch, dem sich kein frohes Fest erschlossen hatte. Leise grüßte sie hinauf: „Christ ist erstanden!" Und es war ihr, als schalle herab': „Er ist in Wahrheit auferstanden !" Ter Ostersonntag mit seinen Aufregungen war angebrochen. Tas Beglückwünschen, Umarmen, Küssen, Be- toentert und Besuchen wollte gar kein Ende nehmen. Selbst Jesim zeigte auf seinem so ernsten Gesicht einen Anflug von Heiterkeit und gab bei Tisch sogar einige Scherze und Anekdoten zum Besten. Am Nachmittag erschienen Iwan Sarkissow, der Pope, mit feiner Frau und eine Menge anderer Leute zur Gratulation. Auch die Herren vom Geschäftspersonal fehlten nicht. Es war ein Leben, das eine wohlthuende Unterbrechung in dem ewigen Einerlei des sonst so sticken Hauses bildete und den Salons seit langer Zeit wieder freundliches Behagen verlieh. Tatiana hatte sich, unter die Gäste gemischt. Ter prahlende Sonnenglanz und der Frohsinn des Festes spotteten aller Trübsal und ließen das Hoffen neu entflammen. Sie plauderte, scherzte und lachte so herzlich, daß Mexandra Michailowna dachte: „Die Aussicht auf die Reise hat Wunder bewirkt." Aber im Hintergründe lauerte schon wieder das Unheil. Zufällig au der Thür deA Rauchsalons stehend, hörte sie, wie der Vater mit dem Buchhalter über die Reise nach Moskau redete und leise von einem Wechsel über vierzigtausend Rubel sprach. Der Buchhalter prophezeite, daß es mit den Gebrüdern Kalussoff bald zu En-de sei. Des Vaters Munde entfuhr eine Verwünschung. „Ich nahm den Wechsel", fügte er hinzu, „nm wenigstens in den Besitz einer bevorzugten Forderung zu gelangen, aber ihn in Zahlung zu geben, habe ich nie beabsichtigt, denn faule Wechsel setzt Jesim Godunow nicht in Kurs. Sie werden um Prolongation bitten, aber bei mir kein Glück haben, und wenn zehnmal der Konkurs hereinbrechen sollte." Tatiana erfaßte bei den Worten des Vaters ein jäher Schreck, und wie Schuppen fiel es ihr von den Augen; Dimitrh befand sich in drückenden Sorgen. Wie ein Ungewitter waren des Vaters Worte aus sie eingedrungen. Eie hatte Mühe, sich unter der Wruht des Schlages aufrecht zu erhalten, und doch pries sie den Zufall, der ihr die Aufklärung gewährt hatte. Jetzt war es ja sonnenklar, daß Timitrys Mahnung, pietätvoll im Elternhause zu bleiben, nur den edelsten Absichten entsprungen war: Es widerstrebte ihm, sie in seine mißlichen Verhältnisse hineinzuziehen. Die Scham, ihn verkannt zu haben, trieb ihr das Blut in die Wangen. Der Wechsel! Oh, wenn sie ihn in Händen hätte, wie wollte sie ihn in tausend Stücke reißen! Alber der war ja in sicherem Gewahrsam. Tas Privatkontor des Vaters, der Stahltresor, die Kassette mit dem Wechselportefeuille stiegen vor ihren Augen auf — sie fand nicht die geringste Lücke, um durch diese Wände von Eisen und Stahl zu greisen und sich des Wertpapiers zu bemächtigen. „Gleichviel", versicherte sie, mit dem Fuße zornig anfftampfend, „mag auch die Katastrophe hereinbrechen und Timitry Hab und Gut verlieren, so werde ich- trotz alledem sein Weib!" Fest wollte sie ihm anhängen, den Beweis liefernd, daß sie Mühe und Not an seiner Seite nicht ftirchte. Ihr Entschluß war gefaßt, einmal in Moskau, auch dort zu bleiben und sein Los zu teilen. Sie schrieb an Timitry. Als die Feder über das Papier glitt, hielt sie es dojch Mr reizender, ihn zu überraschen und ihm die Freude des unverhofften Wiedersehens zu gönnen; von der bevorstehenden Reise erwähnte sie nichts. — Alexandra Michailowna war bereits mit den Vorbereitungen zur Reise beschäftigt. Wiederholt stieg sie zum zweiten Stocke des Hauses empor und machte , sich besonders viel in einem Zimmer zu schaffen, das sonst verschlossen gehalten und wenig betreten wurde. Es war ein stiller, melancholischer Raum, der seines Bewohners zu harren schien, denn auf dem Schreibtisch lagen Hefte und Skripturen, gelb vor Atter, und in dem großen Regal standen zahlreiche Bücher, aber alles tvohl geordnet, als sollte es sogleich wieder benutzt werden. „Tas war Deines Bruders Arbeitsgemach", pflegte Alexandra Michailowna seufzend zu sagen, „nach dem großen Unglück blieb es unbenutzt." „Was für ein Unglück?" hatte Tatiana nie geforscht; sie nahm an, daß es der Tod gewesen, der mit rauher Hand einge- grisfen hatte. Warum durch neugierige Fragen alten Schmerz auffrischen . . . Aber nun fiel ihr die häufige Anwesenheit der Mutter in dem verlassenen Zimmer, an dessen Thür sie stets mit einem gewissen Unbehagen Vvr- überging, außerordentlich aus. Was mochte der Grund sein? Leise öffnete sie die Thür und sah hinein:, die Mutter saß vor dem an der Wand hängenden Heiligenbilde, das mit einer frischen Werba geschmückt war, und starrte kummervoll vor sich- hin „Sind Sie leidend, Mama?" fragte Tatiana mit besorgter Teilnahme. Mexandra Michailowna fuhr sich über die Augen, die feucht waren, und schüttelte verneinend ihr Haupt. „Ich habe Sorge um Deinen Vater, der sich in einem Mter befindet, in dem die Anstrengungen einer Reise nicht mehr so leicht wie in jüngeren Jahren zu ertragen sind." Sie wies mit der Hand auf den Sessel vor dem Schreibtisch und fuhr, nachdem sich Tattana niedergelassen, fort: „Tein Vater hat mancherlei Geschäfte in Moskau zu erledigen, die schwieriger Natur sind und ihm bei seinem leicht reizbaren Temperament gefährliche werden können. An Dir wird es sein, ihn zu beruhigen und über ihn zu wachen, daß er an seiner Gesundheit reinen Schaden nimmt. Ich lasse chn nur ungern reisen, aber nächst Gott verttaue ich Deiner Kindesliebe, die ihm das Unbehaglichje des ungewohnten Aufenthalts mildern wird." Kindesliebe--! Tatiana zuckte zusammen. „Wie kann Kindesliebe stark entwickelt sein", dachte sie, „wenn die Elternliebe nie zum Durchbruch gekommen ist." „Tu hast Dich in letzter Zeit", nahm die Mutter wieder das Wort, „sehr verändert, so daß Tein Vater und ich uns schon nach den Gründen gefragt haben. Hast Tu etwas auf dem Herzen, das Dich drückt, so sage es, damit zwischen Teinem Vater und 'Dir alles llar ist." Solche wärmeren, vertrauensvoll klingenden Töne hatte die Mutter bisher sehr selten angeschlagen. Tatiana empfand die Weiche, milde Sprache wie eine Wohlthat; ein heißes Verlangen ergriff sie, endlich einmal durch eine offene Aussprache ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen. Aber sie bezwang sich unr Timitrys willen und blieb stumm. „Tu hast keine Antwort?" fragte Mexandra Michailowna erstaunt. „Was soll ich sagen?" rief Tatiana erregt. „Mein Empfinden ist von Ihnen, Mama, und von Papa nie verstanden worden, und wird auch wohl nie verstanden werden. So halte ich das, was mich bedrückt, lieber in meinem Innern verschlossen. Meine Pflichten gegen Papa werde ich selbstverständlich in vollem Maße erfüllen." Alexandra Michailowna sah die Tochter scharf an. „Wir haben es wohl gemerkt, daß Tu nicht offen gegen Deine Eltern bist, obwohl sie nur Dein Bestes wollen. Möge Dich Deine Verschlossenheit einst nicht gereuen!" „Kinder, die erwachsen sind", suchte sie sich zu verteidigen, „können nicht immer auf ihren Willen verzichten, um dem der Eltern gerecht zu werden. Das Gefühl der Selbständigkeit regt sich und drängt sich zur Bethättgung. Ellern, die sich das nicht sagen, haben sich die Folgen zuzuschreiben." Sie sah während dieser Worte auf den Schreibttsch, auf dem die Skripturen lagen, und sie las mechanisch Sätze naturwissenschaftlichen Inhalts/ ohne sich dabei etwas Besonderes zu denken. „Selbständig wärst Du schon längst, hättest Du nicht alle Partien, die wir Dir vorgeschlagen haben, abgewiesen , warf Alexandra Michailowna unwillig hin. „So, ich lasse mich nicht wie eine Ware verhandeln", entgegnete sie kalt und vorwurfsvoll. „Meinem Herren hat niemand zu gebieten — das ist frei wie der Bogel in der Lust; es bindet sich nur aus wahrer Liebe und heiligster Ueberzeugung." (Fortsetzung folgt.) Weihnachtsbücher. Alte Nester. Zwei Bücher Lebensgeschichten, fi. n Wilhelm Raabe. 3. Auflage. Berlin 1903. Verlag von Otto Janke. Preis: Mk. 4.—, gebd. Mk. 5.— Kabiau und Sebastian. Eine Erzählung. Von W i l h e l m R a a b e. 2. Auflage. Berlin 1903. Verlag von Ot-to Janke. Preis: geh. Mk 3.—, gebd. Mk. 4.—. Lauten schon die Titel beider Bücher ungemein anziehend, so weiß der Verfasser durch ihren Inhalt dermaßen zu fesseln, daß man sie nicht aus der Hand zu legen vermag, bevor man zum garten Ende gelangt ist. „Der Mensch, in seinem Gemäuer gefangen, besinnt sich lange nicht oft genug daraus, daß er lebt, Leben ist und es mit dem Lebendigen zu thun hat, so lange er lebt"! läßt Raabe in „Alte Nester" Fritz Langreuter ausrufen. Tarin bringt er bündig zum Ausdruck, was ihm als Zweck des ersten Buches vorschwebt. Tie Freude am Leben und alledem, was es lebens^- und liebenswert macht, ins rechte Licht zu rücken, ist des Verfassers ausgesprochene Absicht, die er wie immer vollkommen erreicht. Ist es auch kaum der Zug unserer Zeit, dem Vetter Just Everstein gleich, am Wege sinnend, auf menschliche Schicksale zu warten, so findet sie doch unbeschadet der herrschenden Geschäftigkeit Marse, am Leben und Schicksal ariderer teilzunehmen, urtd sich des Lebens überall zu freuen. Zwei Bücher Lebens - geschichten nennt Raabe in gewohnter schlichter Art das Buch. Daß es mehr denn drei Worte inh altsschtver enthält, wird jeder dankbar bestätigen, der es bestiedigt aus der Harrd legt. Auch das zweite Buch ist erfüllt von menschlichen Schicksalen. Wir lernen aus ihm, „daß die Sorge — für andere mit das Beste in und an der Welt ist", ivir erfahren, wie „Tie Liebe decket auch der Sünden Menge". Mr erkennen mit Fabian PelKmann: „Es hilft nichts, — die Wahrheit liegt am Wege, und ivir können ihr nicht ausweichen. Es ist tvohl auch am besten so!" Schließlich pflichten wir dem Verfasser bei, wenn er sagt: „Es ist zwar wieder nur eine Teure Geschichte, die wir erzählen, und sie handelt nicht vor: großen Menschen und gewaltigen Zuständen, aber zu merken ist doch auch allerlei in ihr und aus ihr." „Und — fügen wir hinzu — „sie steckt so voller Leben mrd Handlung, daß man trotz allen Leides, das einem darin entgegentritt, seine Helle Freude daran haben tmifj."; « Bdt. Paul Lacroix, Direktorium, Konsulat und Kaiserreich 1795—1815, übertragen von Oskar Marschall v. Bieber- steiu. Mit über 400 Textillustrationen, Bollbildertafeln re. Nach den berühmtesten Malern, Bildhauern, Stechern utib Architekten. 500 S. Leipzig, Heinrich Schmidt und Karl Günther. (Ein hervorragendes Weihnachtsgeschenk.) F. Ro mpel und J. D. Kestel, Im Kampf um Süd- aftika, Bd. 3. Präsident Steijn und die Freistaater im Krieg mit England. 380 S. München, I. F. Lehmann. Prof. Dr. A. O p pel, Tie Baumwolle nachGeschichte, Anbau, Berarbesturrg itttb Handel, sowie nach ihrer Stellung im Volksleben und irr der Staatswirtschaft. Mit 236 Karten und Abbildungen. 745 S. Leipzig, Tuncker mrd Humblot. Wilhelm Hauff, Lichtenstein, Romantische Sage. Mit zahlreichen Abbildungen von Karl Häberlin, G. A. Cloß und Walter Zweigle. Mit dem Bildnis des Dichters. Stuttgart, Deutsche Werlagsanstalt. Karl Larsen, Sechzehn Jahre, Roman. 205 S. Verlag von Mb. Langen, München. Tristan Bernard, Ein Musterjüngling, Roman. 245 S. ebenda. Sven Lauge, Die stillen Stuben, Schauspiel. 150 (bettelt. Sven Lange, Sommerspiel, Novelle. 220 S. ebenda. Deutscher Jugendhain, Ein FaMuch für Knaben und Mädchen. 4. Jahrg. Tresden, C. C. Meinhold und Söhne. Weinholds Märchenbücher. Ebenda. Moderne Kunst, 7. Heft, Weihnachtsuummeih Berlin, Deutsches Werlagshaus Bong u. Co. Für alle Welt, ebenda. Zur guten Stunde, 7. Heft, ebenda. Vermischtes. Wie Mark Twain sein erstes Geld verdiente. Ter amerikanische Humorist wurde neulich von einem Freunde gefragt, ob er sich daran erinnern könne, wann und wie er sein erstes Geld verdient habe. ,La", antwortete Mark und zog nachdenklich an seiner Zigarre. „Ich erinnere nrich sogar sehr deutlich daran. — Als Junge ging tchin eine Schule, wo der Gebrauch des Stockes kern außergewöhnliches Ereignis war. Es bestand ein Verbot, in irgend einer Weise die Pulte zu beschädigen. Tie Strafe dafür war entweder eine Geldstrafe von fünf Tollars oder öffentliche Haue. Es ereignete sich daß ich mich verging gegen diese strengste der Regeln, und man stellle mrch vor dre übliche Wahl: Blechen oder Prügel. Ich berichtete meutern Water. Er mochte wohl denken, daß die mir drohenden Hiebe wegen der dmmit verbundenen Oeffentlichkeit eine etwas gar ^zu harte Züchtigung wären, und gab mir die fünf Dollars, ^n jener Periode meiner Laufbahn waren fünf Tollars eine große Summe, während Hiebe viel weniger Mi den Seltenheiten gehörten, und, na" — hier streifte Mr. Twam bedachtsam die Asche von seiner Zigarre, „na , fdg: er endlich hinzu, „so verdiente ich meine ersten fünf Dollars. Der Prediger und die Touristen. Mehrere englische Touristen kehrte von einem Ferienausflug heinu AN Bord des Dampfers vefanden sich auch zwei Geistliche — ein alter, weißhaariger und ein ganz junger Mann. Tie Touristen hatten einen jungen Hund bei sich, und um sich einen Spaß zu machen, baten sie den Zungen Prediger, ob er das Tier nicht taufen wolle. Dieser faßte eine solche Zumutung als eine Beleidigung auf und geriet in einen Wortwechsel mit ihnen. Gerade in diesem Augenblick kam der alte Prediger dazu ünd fragte nach dem Grund des Streites. Einer der Touristen teilte ihm den Vorfall mit, worauf der alte aTt';krf)11 WUt^Jhren Hund taufen, wenn Sie einverstanden sind, daß es nach dem Brauch der schottischen Kirche geschieht." Sie waren einverstanden. . ,Nun", sagte er zu einem der Touristen, „nehmen Sie den Hund in die Höhe. Wollen Sie schwören, daß Sw der Vater dieses Hundes sind?" Sofort ließ der Tourist den Hund fallen und entfernte sich schleunigst inmitten der Beifallsrufe, welche die übrigen Passagiere der Geistesgegenwart des ullen Herrn spendeten. Ttl-Birs. Karzer-Weisheit. Jnr Karzer eines Gi)irmasiums im Schwabenland steht folgender Vers: „Michis ist so fein gesponnen. Es kommt doch an die Sonnen. Und kommt es an die Sonnen, So wird man eingesponnm/r Logogriph. (Nachdruck verboten.) Mit i am Meer, mit u von Stein, Mit d wird es erfrischend sein. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr.: Karten, Ulan, Trumpf, Lehe, Keim, Otto, Wanb — Gutzkow. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) inGieken.