Freitag den 19. September. kfii W 14 1902. — Nr. 139. WN! I. WK MM • (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) 7. Kapitel. Eine Zeit lang schwiegen beide, indem die Droschke rasch über den Nollendorfplatz und die Kleiststraße herabfuhr: endlrch entschloß sich der Kommissar, einen Gedanken, der rhn gerade beschäftigte, ganz laut auszusprechen, und sagte: „Ja, es war sehr schlimm, daß Sie sich gestern abend nicht zu Frau von Sauden begeben hatten, wie sie in ihrem Briefe gebeten." „Jawohl, daun wäre das Unglück nicht geschehen." „Sie hatten gewiß eine andere Verwendung für Ihren Abend. — Tas Berliner Großstadtleben ist ja so reich an Zerstreuung — das Theater — die Klubs —" „Ja, die Klubs", antwortete maschinenmäßig Sempach. „Sie waren vermutlich im Klub zu der Zeit, als das Verbrechen begangen wurde." Sehr aufgeregt und den Kopf voll anderer Gedanken, antwortete er nur ein kurzes „Ja". „Sie sind gewiß Mitglied mehrerer Klubs?" begann der Kommissar von neuem. „Nein, bloß des einen, des Künstlerklub." „Ach ja, ich weiß, ich kenn ihn, einer der größten Berlins, in dem sich namentlich sehr viel Künstler treffen." Sie waren angelangt. Zahlreiche Gruppen standen vor dem Eingang des Hauses. Tas Gerücht von dem Mord hatte sich rasch verbreitet, und das ganze Viertel war in Aufregung. Tie Schutzleute erkannten in dem Kriminalkommissar sofort einen ihrer Vorgesetzten und machten ihm, sobald er dem Wagen entstiegen war, sofort freie Bahn. In der dritten Etage angelangt, ließ der Kommissar, nachdem er seinem Protokollführer einige Weisungen gegeben hatte, Herrn von Sempach im Speisezimmer und eilte zum Untersuchungsrichter, der sich im Salon befand. „Nun, haben Sie unseren Mann hergebracht?" „Ja, er ist da." „Gott sei Tank! Ich fürchtete schon, daß er Ihnen entwischt wäre." ,Kr dachte nicht daran." „Diese Antwort läßt mich vermuten, daß Sie von Ihren ursprünglichen Ideen abgekommen sind." „Ich muß gestehen, zum Teil ja. Seine Haltung war durchaus korrekt, seine Antworten voll Natürlichkeit und seine Erklärungen vollkommen glaubwürdig." „Und Sie haben keine besondere Bemerkung gemacht, keine besonderen Anzeichen entdeckt?" „Nur zwei Kleinigkeiten haben mich frappiert, die ich Ihnen soeben mitteilen wollte. Als der Diener Sempachs den Ueverzieher brachte, einen Ueberzieher von grauer Farbe, war der Kragen noch in die Höhe gestülpt, und wenn Sie meine Aufzeichnungen nachsehen wollen, so werden Sie finden, daß zwei Zeugen angegeben haben, das Gesicht lenes Individuums- das man um 10, dann um 11 Uhr bemerkt, sei durch den aufgestülpten Rockkragen beinahe ganz verdeckt gewesen." „Ich entsinne mich vollkommen. Nun, das ist aber nur eine Vermutung — eine Annahme." „Allerdings. Tas Wetter war gestern abend schlecht genug dazu, und mehr als ein Spaziergänger dürfte sich auf die Art vor der Kälte geschützt haben. Außerdem, gesetzt, Herr von Sempach wäre schuldig, dann wäre nach vollbrachter That seine erste Sorge gewesen, den vorher absichtlich aufgestülpten Rockkragen wieder umzuklappen." „Cie wissen selbst besser als irgend einer, daß die Schuldigen nicht iinmer an alles denken. — Und was ist das Zweite, das Sie bemerkt haben? Bitte!" „Ties ist allerdings von genügender Wichtigkeit, das muß ich zugeben." „Lassen Sie hören." Ter Polizeikommissar erzählte von der Rißwunde, die sich Franz von Sempach am Finger zugezogen hatte. ,Und das erscheint Ihnen noch nicht überführend?" fragce der Untersuchungsrichter. „Nein, ich mißtraue dem Zufall. Nichts beweist uns, daß nicht etwa eine Ungeschicklichkeit des Barons die Veranlassung zu dieser Wunde gegeben hat — und dies gerade zur unrichtigen Zeit. Ich habe ihn beobachtet, als ihm der Bediente von dieser Wunde sprach. Ich versichere Sie- er hat nicht die mindeste Unruhe gezeigt. Wenn er das Verbrechen begangen hätte, sollte er sich nicht sofort gesagt haben: „Tie Ungeschicklichkeit meines Dieners, — diese Worte werden mich verraten!"?" „Tas beweist vielleicht nur einfach, daß wir uns angesichts eines Menschen befinden, der mehr Herr über sich selbst ist und mehr Verstellungskunst besitzt, als wir vielleicht denken." „Tas ist möglich. — Doch als ich im Wagen an der Seite Sempachs saß, lenkte ich absichtlich meinen Blick auf seine Hand, die er nicht im mindesten zu-verstecken suchte. Er trug nicht einmal einen Handschuh. Allerdings bemerkte ich unter seinem Nagel eine kleine, blutunterlaufene Wunde, von mehreren Linien gezeichnet, und der Arzt, der auf meinen Wunsch hin den Hals des Opfers untersucht hatte, konstatierte, daß sich der Fingernagel des Mörders in das Fleisch gebohrt haben müßte, um diesen einen Tropfen Blutes hervorquellen zu machen." „Allerdings hat der erste Arzt, der Arzt aus der Nachbarschaft, diese Meinung ausgesprochen; der zweite aber, den ich um sein Urteil befragte, stellte fest, daß der Nagel nicht ganz in die Haut eingerissen habe und der am Hals bemerkte Tropfen Blutes nicht von dem Opfer herrühre, sondern vom Mörder selbst herstammen kann, der sich wahrscheinlich mit dem Dolch, den er ans der Scheid« 554 „Sie sehen selbst", wandte sich der Untersuchungsrichter an den Kommissar. „Za, ich sehe", antwortete dieser, sich ergebend. „Nicht nur, daß der Angeklagte sein Midi nicht nachweisen kann — er versucht sogar, das Gericht durch eine Lüge auf eine falsche Fährte zu bringen. Jetzt brauchen wir keine weiteren Rücksichten zu nehmen. Nicht wahr. Sie haben ihm doch nichts gesagt, was ihn auf die Vermutung bringen könnte, daß man ihn des Verbrechens bezichtigte?" „Nein, Herr Untersuchungsrrchter. Im Gegenteil." „Gut. Wollxn Sie den Auftrag erteilen, ihn hier em- treten zu lassen. Eine Konfrontation ist unbedingt notwendig geworden." Ter Kommissar begab sich in das Vorzimmer, in dem er Herrn von Sempach hatte warten lassen. Dieser stand an einem Fenster mit gedankenvollem Sinn und trübem ^^',Die Aufnahmen des Herrn Untersuchungsrichters sind beendet, mein Herr", redete ihn der Beamte an Mit emer Stimme, aus der kein Wohlwollen mehr zu entnehmei, war, „Sie können in den Salon eintreten." Als ob er diese Aufforderung erwartet und sich gleichsam gegen die Aufregung, die ihn befallen wurt^, gewappnet hätte, trat Franz von Sempach sofort tn den Salon. I Auf der Schwelle blieb er stehen, warf einen Blick um sich benrerkte den Leichnam, der immer iioch auf dem Teppich ! und in der Stellung, tote man ihn ausgesunde» hatte, ausaestreckt lag, und trat, von Schauer gepackt, emen Schritt zurück. Er betrachtete ihii aufmerksam und stumm eine Zeit lang, bog dann das Knie und neigte seinen Kopf herab, um die Tote besser zu sehen. Schwere Thränen rollten über seine Wangen. Tann beugte er sich itoch tiefer und beriihrte Mit seinen Lippen die eisige Stirn jener Frau, die er einst so lange und innig O^^H-e?au/'erhob er sich, trocknete sich die Augen, blickte «wieder um sich, und schien jetzt erst zum ersten Mal nt bemerken, daß außer ihm noch verschiedene Personei, 1 ?m Zimmer waren, die ihn unausgesetzt beobachteten. Sofort, und ohne Zaudern schritt er, diesmal festen Schrittes, auf den Untersuchungsrichter zu, dessen Haltung und Züge verrieten, daß er von den Anwesenden die I wichtigste Persönlichkeit war. I Mein Herr", begann er mit noch bewegter, aber sehr deutlicher Stimme, »wie man mir sagte, haben Sie gewünscht, mich zu sehen und zu sprechen. Ich stehe zu ^hrer Verfügung ^in Herr", antwortete der Richter eisig. Er war entschlossen, einen starken Stoß auszuführen, I den er sogar für nötig erachtete, da er sich Rechenschaft I geben wollte, welche Wirkung eine plötzliche Anklage auf Grund der vorigen Indizien erzielen wurde, und sagte: | Sie wissen jedenfalls, weshalb Ste hter strch? „Ja, mein Herr, um Ihnen so viel als möglich Am,- I fünfte zu erteilen, die Ihnen behilflich sein könnten, den Mörder dieser unglücklichen Frau zu findm. „Diese Aufschlüsse sind jetzt unnutz. Ich kenne den I Mörder." ,Uh! —" "Der Mörder sind Die!" "oß | __ Ich! —•• Er taumelte einige Schritte zurück, als wennihm mit der Faust ein furchtbarer Stoß gegen die Brust versetzt I worden wäre. Doch sofort richtete er stch wieder empor, I trat mit hocherhobenen Haupte vor, die beideu Arme nut I geballter Faust an den Körper gepreßt, den Blick auf den I Richter geheftet, und rief mit bebender, betnahe drohen- | bCr ^Mein Herr, Sie haben soeben einen Mann,.der Ihnen ■ I nichts gethan hat, auf das grausamste fceleibigt. I „Mein Herr", entgegnete der Beamte, ohne stch tm - mindesten zu erregen, „die Mschuldtguilgen emes Unter- . | suchungsrichters sind keme Beletdtgungen; dte Funktionen, ■ die er ausübt, zwingen ihn, solche ausMsprechen. Er hat : ebenso das Recht, Anschuldtgungon zu schleudern, als der ■ I Angeklagte, dieselben zu bekämpfen und zu wtderlegen. : I „Demnach betrachten Sie mich 'bereits als Angeklagten, : I mein Herr?" 1 • l „Alles zwingt mtch hierzu, . zog, selbst geritzt hat. Ich füge noch bei, daß der erste . Arzt, der während Ihrer Mwesenhett abermals borge- i laden wurde, seinen Irrtum sofort selbst zugestand. I Trotz aller dieser Voraussetzungen, deren Wtchttgrett 1 fhnt keineswegs entgehen konnte, blieb der Kommissar, nach- I dem er einmal von seiner ersten Meinung abgekommen I . war, seiner zweiten Ansicht treu und hielt nicht aus Eigen- I sinn, sondent aus Ueberzeugung an ihr fest. Und so ant- 1 wortete er denn: I „Sie werden mir wohl zugeben, Herr Unterfuchungs- 1 richter, daß alle diese Annahmen oder, wenn Ste schon I wollen, Beweise bei dem Nachweis eines Alibi sofort ver- I schwinden und unmaßgeblich werden müßten." | „Gewiß. Kann Herr von Sempach em solches nach- 1 toeifen ?" I Gr behauptet, seinen Wend im Künstlerklub zugebracht I zu haben. Wenn dies auf Wahrheit beruht, so werden und müssen ihn daselbst unbedingt eine ganze Anzahl von Per- I Ionen gesehen haben, die es auch bezeugen können." ,_Ja, aber beruht es denn auf Wahrheit?" „Wir werden es sofort erfahren. Meine erste Sorge, I als wir hier ankamen, war, meinen Protokollführer nach I dem nahegelegenen Klub zu schicken, um dort die nötigen I Erkundigungen einzuziehen." I „Sonst haben Sie mir nichts zu sagen, Herr Kom- I missar?" I „Doch, und damit hätte ich gleich beginnen müssen: I Herr von Sempach behauptet, vor drei Tagen seiner ge- | wesenen Freundin, Frau von Sanden, eine Summe von I 20000 Mark übergeben zu haben. Tas ist jedenfalls sehr I ch,^etzi verstehe ich allerdings und fange an, zu be- I greifen, wie sehr sich Ihre ersten Eindrücke geändert haben I müssen. Wird er aber den Beweis bringen können, daß I er diese Summe auch wirklich gegeben hat? Wenn er es I aber nicht beweisen kann, dann — bedenken Sie wohl! — I ist man leicht berechtigt, zu glauben, daß er diese ganze I Fabel erfunden hat, um den Anschein eines gemeinen I Mordes, der von einem Bösewicht begangen wurde, zu er- I wecken und nicht eines Gewaltaktes infolge einer heftigen Äuseinanderfetzung zwischen zwei Personen, die etnst befreundet gewesen waren." „Tas wohl." Ter Protokollführer des Kommissars zeigte sich soeben unter der Thür: „Treten Sie näher!" rief ihm sein Vorgesetzter zu. 8. Kapitel. Ter Angerufene kam nach vorn und begann nach einer Aufforderung des Kommissars sich an den Unterfuchungs- rtchter wendend: „Ich begab mich sofort nach dem Künstlerklub und fragte einige im Flur stehende Diener, wann ich Herrn von Sempach am besten sprechen könnte. Sie rieten mir, ich solle lieber direkt zu ihm selber hingehen, da er nur sehr unregelmäßig den Klub besuche. Der eine fügte sogar noch bei: „Wir haben ihn seit einigen Tagen nicht mehr gesehen." Ter Kommissar, etwas ungehalten darüber, daß er um das Alibi, an das er fest glaubte, gebracht werden sollte, konnte sich nicht enthalten, zu fragen: „Und Sie haben sich mit dieser Attskunft zufrieden gegeben?" „O nein, Herr Kommissar. Unter dem Vorwande, für Herrn von Sempach einen wichtigen Bries hinterlassen zu wollen, wandte ich mich an andere Personen, an einen der Hoteldirektoren und an den Zählkellner." „Nun, und?". „Sie rieten mir, für Herrn von Sempach keine Bestelkungen im Klub zu hinterlassen, weil bereits zwei Wochen mehrere Briefe für ihn dort lägen, ohne daß er bis jetzt gekommen wäre, sie abzuholen." „Ich hoffe, das wird Ihnen genügen", sagte triumphierend der Untersuchungsrichter. „Nein, mein Herr, ich wollte ein noch glaubwürdigeres Zeugnis bringen und begab mich auf das Sekretariat, wo ich mich nennen zu müssen glaubte. Nachdem sich der Girant bei mehreren Bediensteten und einigen Mitgliedern, die dort oben frühstückten, erkundigt hatte, bestätigte er mir die vorigen Aussagen: Herr von Sempach fei ganz entschieden seit vierzehn Tagen inj Künstlerklub nicht mehr gesehen worden." 555 „Uns Sie haben ihr diese 20000 Mark wirklich ii6ergeben ?" „Vor drei Tagen, in Banknoten, jawohl." „Hatten Sie ihr das Geld vor Zeugen übergeben?" „Nein, ich war im Salon allein mit der Dame." „Hat sie das Geld vor Ihren Augen eingeschlossen ?" „Sa, mein Herr, in eine Lade ihres kleinen Rococo- schreibtisches." „Das war sehr unvorsichtig." „Ich riet ihr noch, die Summe lieber in ihr Schlafzimmer in den Spiegelschrank einzuschließen. Sie gab mir darauf zur Antwort, daß sie dann den Schrank, den sie nie zuschloß. Plötzlich absperren müßte, wodurch sie nur Verdacht erwecken würde. Den Schreibtisch aber abzuschließen, lag immer in ihrer Gewohnheit." „Konnte jemand vermuten, daß jener Schreibtisch 20000 Mark enthielt?" „Das kann ich nicht wissen." „Glauben Sie vielleicht, daß sich Frau von Sanden irgend einem Freund anvertraut hat?" „Nein, Frau von Sanden hatte außer mir keinen anderen intimen Freund, und empfing beinahe keinen Menschen." „Sie konnte doch etwas ihrem Kammermädchen Minu davon gesagt haben?" „Das bezweifle ich. Sie hatte gute Erziehung genossen, war von vollendeter Haltung, und hätte niemals eine Kammerjungfer zu ihrer Vertranten gemacht. Sollte Minna irgend welche Kenntnis von diesen 20 000 Mark gehabt haben, dann wird sie wohl irgendwie auf das Geheimnis gekommen sein." „Nehmen Sie das etwa an?" „Man muß alles annehmen, mein Herr! Sie nehmen ja auch an", rief er mit bewegter Stimme, sich erhebend, „daß ich in diesem scheußlichen Verbrechen der Schuldige bin." Der Untersuchungsrichter schien diesen empörten Ausruf zu überhören, und fuhr in seiner Vernehmung ruhig fort: „Sie behaupten, Frau von Sanden vor drei Tagen eine Summe von 20 000 Mark gebracht zu haben. Send Sie in der Lage, das in Ihrem eigenen Interesse nachzuweisen? Haben Sie diese Summe in einem Bankhaus« erhoben oder den Händen eines Wechslers, eines Geschäftsmannes entnommen? Ist diese Vermögensänderung, dreie Abänderung in Ihren Fonds irgendwie gebucht worden?" „Nein, ich hatte diese Summe schon seit langer Zeit in einer kleinen, eisernen Kassette in meinem Schlafzimmer verschlossen gehabt." „Wirklich? Sie behalten so viel Geld unangelegt bet sich, zu einer Zeit, wo jeder Mensch seine sämtlichen disponiblen Gelder bei irgend einer Kreditgesellschaft deponiert, — heute, da man seine Lieferanten sogar mit Wechseln befriedigt?" „Man spielt nicht mit Wechseln, mein Herr! Und es passiert mir öfters, in meinem Klub an Spielabenden die Bank halten zu müssen. Hierzu bedarf ich baren Geldes, um es in kleine Münzen umznwechseln, oder um im Notfälle binnen 24 Stunden, wenn ich verloren habe, meine Schulden zu bezahlen." „Sie sprechen da von Ihrem Klub," bemerkte der Untersuchungsrichter ganz oberflächlich, „das ist doch jedenfalls der Künstlerllub, woselbst Sie Ihren gestrigen Albend verbracht haben?" „Nein, mein Herr, ich habe meinen Wend gestern nich) dort zugebracht." „Wie — nicht? Sie haben es ja selbst vorhin erst behauptet." „Gegen wen, mein Herr?" „Gegen den Polizeikommissar, der Sie hierhergefuhv hat." «Ja, ja, das ist richtig — ich besinne mich. — Da antwortete ich aber so ins Bläue hinein, ganz gedankenlos, ohne dieser Frage irgendwelche Wichtigkeit beizulegen. Ich konnte nicht vermuten, daß mich der Kommissar, der den Anschein hatte, mit mir zu plaudern, hierbei einem. Verhör unterwarf. In diesem Augenblick aber stehe ich vor einem Untersuchungsrichter, dem ich die Wahrheit schuldig bin, und diesem gebe ich zur Antwort: Rein, ich war nicht im Klub." (Fortsetzung folgt.) -.Welche Beweise haben Sie bereits gegen mich erhoben?" „Ich werde Sie gleich damit bekannt machen. Treten wir in das Nebenzimmer, aus dem Sie soeben gekommen Franz von Sempach folgte ohne Widerrede. Sein Zorn schien verflogen. Er ging festen Schrittes hinaus, ohne vor dem Hinaustreten einen Blick auf die Tote zu werfen. Er wollte jedenfalls in einem Moment, wo er seiner ganzen Kaltblütigkeit bedurfte, jede neue Aufregung vermeiden. 9. Kapitel. Der Untersuchungsrichter betrat mit seinen Unterbeamten das Gemach, in das Sempach vorangegangen war, und ging, nachdem er die Thür hatte schließen lassen, ohne jede Vorbereitung und unnütze Zeitverschwendung direkt aus das Ziel los, indem er das Verhör sofort aufnahm : „Sie heißen Baron Franz von Sempach? Sind in Deutschland von deutschen Eltern geboren? Wohnen War- teuburgstraße Nr. 1 . . „Ja" „Wie alt sind Sie?" „Neunundzwanzig Jahre." „Sie sind unvermählt, — kinderlose „Jawohl." „Ohne Beruf und Beschäftigung?" „Ohne beides." „Welches sind die Mittel Ihres Unterhaltes?" „Mein Vater und meine Mutter, die ich beide verloren habe, haben mir ein großes Vermögen hinterlassen, von dessen Renten ich lebe." „Nach "allgemeinen Gerüchten standen Sie in intimen Beziehungen zu Frau von Sanden. Ist das richtig?" „Ich war mit dieser Dame verlobt: doch jetzt besteht diese Verlobung nicht mehr." „Seit wann ist diese gelöst worden?" „Seit ungefähr drei Monaten habe ich meine Verlobung rückgängig gemacht." „Und weshalb?" „Weil---weil ich sie nicht mehr liebte." „Allerdings, das ist auch ein Grund. — Doch lassen wir das; wir werden in einem anderen Verhör darauf zurückkommen. Ich beschränke mich vor der Hand auf die Antworten, die Sie dem Herrn Polizeikommissar gegeben haben, — die für Sie nicht gerade unwiderruflich und bindend sind, sondern die Sie immer noch ändern können, wie es Ihnen gut dünkt, wie es die Wahrheit will. — Ich fahre fort. Man behauptet. Sie hätten in den letzten Wochen mehrere lebhafte Auseinandersetzungen mit Frau von Sanden gehabt." „Das ist möglich. Die Aufgabe und Lösung einer Verlobung geschieht in der Regel nicht ohne vorhergegangene Szenen zwischen beiden Teilen." „Diese Szenen waren jedoch von solcher Heftigkeit, daß hierbei sogar Drohungen ausgestoßen wurden. Es wird behauptet, Frau von Sanden hätte Ihnen eines Tages zugerufen: „Ich werde mich rächen!" „Das mag wohl sein. In Momenten heftiger Erregung sagen die Frauen oft noch ganz andere Dinge." „Das ist wohl möglich. — Aber auch Sie, — Sie sollen ihr darauf entgegnet haben: „Hüten Sie sich, auch ich kann mich rächen!" Erklären Sie mir diese Worte; sie sind von gravierender Wichtigkeit." „Diese Wichtigkeit begreife ich. Das sind Worte ohne Tragweite, die uns der Zorn des Augenblicks in den Mund legt, und die man vergißt, sobald man sie ausgesprochen hat." „Sie scheinen dieselben aber nicht vergessen zu haben." „Sie erinnern mich ja an dieselben eben." „Erklären Sie mir also, was Sie unter dieser Rache gemeint haben." „Das kann ich heute nicht mehr sagen. Vielleicht meinte ich damit: wenn Sie sich mir gegenüber so betragen, werde ich meinerseits das Ihnen gegebene Versprechen nicht halten." „Was war das für ein Versprechen?" „Ich versprach, ihr 20 000 Mark zu verschreiben, die ihr ermöglichen sollten, so lange zu leben, bis sie wieder zur Bühne gegangen war; denn dies lag in ihrer Absicht." 656 Leute, welche aus Bäumen leben. Nachdruck verboten. Wenn mau mit der Eisenbahn eine einstündige Reise von Paris aus macht, so kann man ein sehr merkwürdiges Dors kennen lernen, dessen B-ewohner ihr Leben auf Bäumen zubringeu. Auf der Landkarte findet man diesen sonderbaren Ort mit dem Namen Sceaux verzeichnet, obgleich er den Parisern besser als „Le Brat Abre de Robinson" bekannt ist. Vor etwa 50 Jahren scheint ein gewisser Guescenin auf die Idee gekommen zu sein, ein Restaurant auf einem Baum zu erbauen. Er besaß ein Stückchen Land in Sceaux, auf welchem ein prächtiger, alter Baunr stand. In den Zweigen dieses Waldpatriarchen richtete er kleine Speisezimmer ein, welche man durch ländliche Treppen erreichte. Tie Aussicht von dieser grünen Höhe aus war einzig in ihrer Art. werr Guescenin nannte seinen Baum „Robinson". Ter Ruf des Baumes verbreitete sich schnell — das ganze gesellschaftliche, litterarische und künstlerische Paris veranstaltete dort mit Vorliebe kleine Dejeuners und Diners in den raschelnden Blättern. Bald erschienen Nachahmer auf der Bildfläche, und heute ist Sceaux thatsächlich ein ganzes auf Bäumen erbautes Tors. Es befinden sich dort mehr als 20 Bäume mit geräumigen Speisezimmern, viele besitzen auch Schlaf- und Wohnräume, welche sinnreich aus den starken Baumzweigen angelegt sind. Ter höchste Baum kann mit einem dreistöckigen Hause verglichen werden. Auf demselben befinden sich drei über einander erbaute Zimmer. Sceaux ist zweifellos ein reizender, kleiner Ort und wird während der Sommermonate sehr vvn den wohlhabenden Parisern begünstigt. Tausende von jungen Ehepaaren verleben dort jedes Jahr ihre Flitterwochen. Der Gründer des Torfes, Herr Guescenin, soll ein großes Vermögen durch seine originelle Idee gewonnen haben — weit mehr als Tesoe mit seiner weltberühmten Erzählung „Tie Abenteuer des Robinson Crusoe", nach welcher das Dorf benannt ist. Eine sehr hübsche Baumwohnung findet man auch am Fuße des Mount Temalpais in der Nähe des Dorfes Mill Valley, nicht weit von San Franzisco in den Vereinigten Staaten. Tie Wohnung befindet sich in einer Höhe von mehr als 50 Fuß über dem Boden, rings um den Stamm eines Sandelholzbaumes angelegt. Sie besteht aus zwei Zimmern und einer kleinen Küche. Auch ein Balkon legt sich um dieselbe herum. Tie Wohnung ist ganz im japanischen Stil gehalten; sie wurde von Japs nach Angaben des Besitzers, Herrn George Marshland, erbaut. Dieses kleine Heim wurde vor zwei Jahren von dem Eigentümer in der Absicht ausgesührt, dort mit seiner jungen Frau die Flitterwochen zu verleben. Wer das Paar war so entzückt von dieser Wohnung, daß es dieselbe seither nicht verlassen hat. Vermischtes. Dienstboten mit hohen Titeln. Vor kurzem wurde von der seltsam klingenden Thatsache berichtet, daß eine russische Prinzessin, Helene Zulukidse, durch Handlangerdienste bei einem großen Bau in Odessa ihren Unterhalt verdiene. Die Familie Zulukidse zählt zu den ältesten Adelsgeschlechtern des Zarenreiches, doch sind ihre letzten Sprößlinge völlig verarmt. Da es der Prinzessin Helene trotz redlicher Bemühungen nicht gelingen wollte, eine mehr „standesgemäße". Stellung zu finden, sah sie srch genötigt, um nicht zu verhungern, diese grobe Arbeit zu verrichten. Wie es heißt, sind einflußreiche Persönlich- kerten der südrussischen Hafenstadt auf die hochadlige Maurergehilfin aufmerksam geworden und verwenden sich nun zu Gunsten dieser bedauernswerten Prinzessin. An dieses Vorkommnis anknüpfend, teilt eine Berichterstatterin des „Daily Expreß", die lange Zeit in südeuropäischen Ländern und auch in Rußland zugebracht hat, ihrem Blatte mrt, daß es in jenen Gegenden durchaus nicht zu den Seltenheiten gehört, Männer und Frauen mit Prinzen-, Grafen-- oder Marquistitel in dienender Stellung anzutreffen. Da sich dort der Titel des Vaters auf alle Kinder vererbt, giebt es eben sehr viele Menschen, denen ihr Rang nur eine Last bedeutet, die sie nicht einmal abschütteln können, so gern sie es auch zuweilen möchten. Wollen sie notgedrungen eine Stellung annehmen, so müssen sie ihre. Papiere vorlegen, und daß es da stets schwarz auf weiß zu lesen ist, welchen Titel sie besitzen, dafür sorgt die Polizei mit rührender Gewissenhaftigkeit. Natürlich ist es nicht jedermanns Sache, einen Diener oder eine Zofe zu engagieren, die im Range hoch über ihm steht, und so werden denn die prinzlichen und gräflichen Stellensuchenden in den meisten Fällen achselzuckend fortgeschickt. Erst kürzlich wollte eine junge Französin, die einem reichen russischen Baron die Hand zum Lebensbunde gereicht hatte, auf der Durchreise nach dem Gut ihres Gatten in Petersburg ein Kammermädchen annehmen. Unter den zahlreichen Bewerberinnen gefiel der Baronin r e etwa 30 jährige Brünette mit sympathischem Gesicht UuO auffallend feinem Benehmen am besten. Sie ließ sich die Papiere zeigen und gewahrte zu ihrem Erstaunen, daß sie eine geborene Fürstin S. . . . vor sich hatte. Die Bedauernswerte gestand unter Thränen, sie suche seit Wochen vergebens Engagement und würde glücklich sein, die Stellung zu erhalten. Madame konnte sich aber nicht entschließen, eine so vornehme Dienerin um sich zu haben und verzichtete auf deren Dienste. Noch größer war ihre Ueberraschung, als sie aus ihrem Landsitz eintraf, und die Entdeckung machte, daß die Haushälterin eine Gräfin war, die Aufseherin der Stallmägde eine Prinzessin, der Kutscher ein Baron wie ihr Gatte und der Kammerdiener ein polnischer Edelman n. Litterarisches. Mitten in die politischen und religiösen Kämpfe, die gegenwärtig Frankreich erschüttern, führt uns der neueste Roman von Emile Zola, „Wahrheit", der dritte Teil der „Vier Evangelien", der — gleichzeitig mit dem französischen Original — in einzig autorisierter deutscher Ueber- setzung am 1. Oktober in der Halbmonatsschrift „A u s fremden Zungen" (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt) zu erscheinen beginnt. Das Ringen der staatlichen Laienschulen mit den Kongregationsschulen um die Herrschaft über d'ie Geister bildet den Angelpunkt der reich bewegten Handlung. Mit flammenden Worten brandmarkt Zola die niedrigen Machenschaften, deren sich geistliche Lehrer nicht scheuen, um ihre Macht zu behaupten. In den Schoß der Familie pflanzen sie die Keime der Zwietracht, und sie tragen kein Bedenken, einen Unschuldigen in ewige Kerkernacht zu versenken, um einen der Ihrigen, der ein fluchwürdiges Verbrechen begangen, vor der Entdeckung und der Strafe zu schützen. In der Art der Schilderung, wie alle Fäden über dem Haupte des Unschuldigen kunstvoll zu einem unentrinnbaren Netze zusammengezogen werden, wie die Freunde des unschuldig Verurteilten emsig bemüht sind, Beweisstücke an Beweisstücke zu knüpfen, um das Lügengewebe endlich zu zerreißen, wird jeder Leser den Reflex jener unseligen „Affaire" erkennen, die jahrelang die Geister in Frankreich verwirrt, verblendet und zu leidenschaftlichen Kämpfen für und wider die Wahrheit entflammt hat. Zola, der begeisterte Wahrheitsucher, hat in diesem seinem neuesten Werke seine ganze gewaltige Beredtsamkeit aufgeboten, um die Menschheit für das Evangelium der Wahrheit zu gewinnen. ______ Silbenrätsel. (Nachdruck verboten.) . AuS nachstehenden 31 Silben a be del do du e ei en fis gar ge ha ha la li mi ni nus o org ot Pa ret ron la ta tau ten ti um ven sind 11 Wörter zu bilden von folgender Bedeutung: 1. männlicher Borname; 2. König im Märchenreich; 3. Land in Asien; 4. Gebirgszug in Deutschland; 5. persischer Dichter; 6. weiblicher Vorname; 7. Blume; 8. Rittergut; 9. Eierart; 10. Stadt in Italien; 11. weibliche Gestalt der alttestamentarischen Geschichte. Sind die richtigen Wörter gefunden, so ergeben die Anfangs- und die Endbuchstaben im Zusammenhang gelesen den Namen eines für die Entwickelung der deutschen Litteratur hochbedeutcnden Dichters. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Krebsrätsels in vor. Nr.: 1. Rettig—Gitter. 2. Sarg—Gras. 8. Schlaf—falsch. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Bnch- und CteindruSerei (Pietsch Erben) in Gießen.