Samstag den 19. Juli. Nr. 106. 1902. lOaMl BEBt, ™M®W 8 (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Die Konferenz- über die Vorbereitungen zum Fest mußte ziemlich anstrengend und zeitraubend gewesen sein, denn als Natta, nach! anderthalb Stunden, plötzliche tote aus dem Boden gewachsen vor ihnen stand, denn sie hatten sie nicht die Treppe herauskommen hören, saßen sie noch auf demselben Fleck, und sahen beide erregt und erhitzt aus. „Was willst Du denn?" schrie Alma ihre Cousine fast zornig an. „Ich wollte sehen, ob ich Dir etwas helfen kann — hast Dit schon das Abendbrot bestellt?" „Ich werde Dich rufen, wenn ich Dich brauche — laß doch das dumme Fragen — ich kann es nicht ausstehen !" Alma stampfte mit dem Fuß, Natta verzog spöttisch den hübschen Mund, und warf Alma einen bösen Blrck aus ihren dunklen Kohlenaugen zu. Dann ging sre langsam in den Garten zurück. Sie setzte sicht dort auf eine Schaukel hinter ein Flie- dergebüsch, und ihr Gesicht nahm einen horchenden, wartenden Ausdruck an. Als sie nach einer geraumen Weile Münnerschritte den Kiesweg von der Veranda daherkommen hörte, ging sie um das Gebüsch herum, und begegnete wie zufällig Herrn von Löschnitz. „O, Herr von Löschnitz, ich möchte so gern ein wenig lauf dem Teichi rudern, aber ich kann die Gondel nicht allein flott machen. Wissen Sie nicht, wo der Gärtner ist?" „Nein, das weiß ich! augenblicklich, nicht, aber ich will Ihnen helfen." Ste gingen zusammen die Kastanienallee hinunter, bis nach dem kleinen Teich- der binsenumschlossen tief im Dickicht lag. Herr von Löschnitz machte nicht nur den Wahn flott, sondern er ruderte Natta selbst durch das Röhricht auf den Teich! hinaus. Und wie sie ihm gegenüber saß, die pechschwarzen Hängezöpfe halb, gelöst über der Schulter hängend, den großen Strohhut tres tm Nacken, das feine Gesichtchen von der Hitze des Tages angeglüht, und mit glänzenden Augen plaudernd, sah er sie freunvlich! an, und scherzte mit ihr. Als sie sich trennten, hatte er ihr versprochen, ihr hei Alma die Rolle der Wasserfee zu erwirken. Pfeifend ging er durch den Park zurück, und Natte lag noch lange träumend im Kahn zwischen den Binsen am Ufer. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Am Tage nach dem Zauberfest, das glänzend verlaufen war, traf Paul Lehmigke unerwartetet in Bran- tikow ein. Er war zehn Tage in Kienberg geblieben, und wäre vielleicht noch nicht zurückgekehrt, toenn nicht die briefliche Mitteilung eines seiner Brantikower Beamten, über ein« Geschäftskomplikation in der Wirtschaft, ihn an die Heimkehr gemahnt hätte. Als er in den Verwandtenkreis seines Hauses trat, kam er sich wie ein Fremder vor, der eigentlich- nicht dahinein gehörte. Er traf die ganze Gesellschaft im Saal vereinigt, denn aus ein Gewitter in der Nacht war eiU Regentag gefolgt, und man war an das Haus gefesselt. Er wurde umringt und stürmisch begrüßt, als hätte seine Anwesenheit gerade noch zur allgemeinen Glückseligkeit gefehlt, aber diese verwandtschaftliche Zärtlichkert war ihm heute lästiger deun je. Und geradezu widerlich waren ihm Onkel Toms Neckereien, als Alma mit ihm! das Zimmer verlassen wollte, um für seine Erfrischung! nach der Reise zu sorgen, und seine Schwiegermutter ihn am Aermel festhielt, um zehn Fragen zugleich zu thun, und eine gedrängte Nebersicht aller Ereignisse während! seiner Abwesenheit zu geben. „Aber, beste Emilie, laß doch! die jungen Leute gehen. Bedenke doch, die Trennung, laß sie doch erst zur Besinnung kommen und Wiedersehen feiern! Geht nur, geht, Kinder, für die nächste Stunde seid ihr entschuldigt — ich werde dafür sorgen, daß niemand euch stört, und nur über meine Leiche geht der Weg der Tanten, Mütter und Schwiegermütter zu euch! Hallohl Emilie, zurück zum Robber und denke Dich einmal gefälligst in die Gefühle eines jungen Ehegatten!" „Unsinn, Onkelchen", rief Alma mit einem koketten Auflachen, „wir sind nicht mehr in den Flitterwochen!"- „Gerade darum!" rief Onkel Tom noch nach. Und Alma schob ihren Arm in den des Gatten, und zog ihn lachend unter allgemeinen Neckereien und Zurufen mit sich; fort. Mit einem Ruck machte sich Paul vor der Thür frei. „Wenn die doch ihre Albernheiten lassen wollten! Mein Gott, mutz denn unser Haus immer wie ein Wirtshaus sein? Kann man nie für sich in seinen vier Pfählen bleiben?" „Wenn Du die Einsamkeit so liebst, kannst Du ja recht oft nach Kienberg fahren", erwiderte Alma mit einem jener scharfen Blicke, oie ihm ganz besonders zuwider waren. „Vorausgesetzt, daß ich unterdessen nicht zur Jsolierhaft verurteilt werde." „Laß doch gleich, einmal den Inspektor rufen. Und entschuldige mich bei Deinen Gästen, ich habe für heute in der Wirtschaft zu thun/« Damit wandte Paul ferner Frau den Rücken Und ging in sein Zimmer. 422 Ganz gegen seine Gewohnheit sah er dort unthätig in der Sofaeüe, und starrte ins Leere bis der Inspektor kam. Seine Gedanken wanderten zurück nach Kienberg. Gr sah auf die Uhr. Jetzt sind Trautens Bureaustunden zu Ende. Nun kommt sie wie alle Tage über die Brücke daher, und dort steht sie still und blickt, auf das Geländer gestützt, ein Weilchen in das schäumende Wehr. Das arme Kind. Sie ist immer recht müde von der Arbeit. Es greift sie mehr an, als ich dachte. Nein, arbeiten ist sie nicht gewöhnt. Sie hat keine Ahnung, was echte, rechte, ausdauernde Arbeit ist. Wie sie sich zusammen- nahm, es nicht merken zu lassen! Wie sie allen Stolz und alle Kraft aufbot, die schweren Stunden tapfer aus- zuhalten! Aber wie gequält sie oft dabei aussah! Und ivie sie zuweilen kaum noch die Gedanken zusammenhalten konnte! Und doch hatte er ihr für den Anfang alles so leicht wie nröglich gemacht. Ob sie sich noch besser einarbeiten wird? Er wird bald wieder nach Kienberg müssen, um sich zu überzeugen, wie es geht. Und er überlegte, wie viel Wochen er verstreichen lassen wollte bis zu seinem nächsten Besuch. Schade, daß er nicht noch ein Weilchen dort bleiben konnte. Wie wohl that ihm die Stille, und die köstliche Einsamkeit dort! Ja, Kienberg war ein reizender Aufenthalt. Wie gut lebte es sich in dem alten, traulich einfachen Landhaus mit den drei Damen. Die Feierabendstunden unter dem Nußbaum waren gar zu gemütlich! Ein förmlicher Ekel faßt ihn, wenn er denkt, daß er dieselben Stunden heute unter der lärmenden Gesell- »da unten im Saal zubringen soll. Wie leer, wie los ist doch diese Häuslichkeit hier! Warum hat er es bis jetzt nicht so empfunden? Hier stockte sein Gedankengang. Er wollte nicht weiter denken, denn es war als ob eine erdrückende Last sich auf feine Brust wälzen wollte. Und in diesem Augenblick klopfte der Inspektor an seine Thür. An die Arbeit! Das war die Erlösung von quälenden Gedanken! Als Alma mit dem Gatten den Saal verließ, hatte sich Herr von Löschnitz zu Natta gesetzt, die träge und verträumt in einem Sessel am offnenen Fenster saß, eine Handarbeit lässig int Schoß. Es war eine Flickerei für Alma, und während diese anwesend war, hatte sie unablässig gestichelt. Otti spielte auf dem Klavier einen Walzer nach dem anderen, Arnold hatte sein Taburett sehr nahe an ihren Stuhl gerückt und schäkerte mit ihr, während die anderen jungen Leute auf Stühlen, urid sogar auf dem Teppich umherlagen. Sie waren alle übernächtigt vom gestrigen Tanz, und sahen müde und verlebt aus. „Und wann bekomme ich meinen Dank, schöne Wasserfee?" fragte Löschnitz halblaut, sich über Nattas Sessel beugend. Er hatte Alma überredet, Natta die Rolle der Melusine mit dem Primaner Fritz als Grasen von Lusignan zu überlassen. Er hatte dafür mit Alma als Lohengrin und Elsa figuriert. Natta hatte reizend als Wasserfee ausgesehen, und ivar darauf von allen anwesenden Herren fast tot, getanzt worden. Auf Löschnitz Frage wandte Natta ihm langsam das blasse Gesichtchen zu, und heftete ihre Kohlenaugen mit einem seltsamen Blick in die seinen. „Den Dank der Wasserfee müssen sie sich in ihrem Königreich holen", war die Antwort. „Und wo wäre das?" „Wenn der Mond aufgeht — am Binsenteich." Er sah sie überrascht an. ^Gehen Sie jetzt", hauchte sie fast unhörbar. Er erhob sich, und ging an den Tisch, wo er mit Alma eine Partie Schach gespielt hatte. In demselben Augenblick kehrte diese zurück. ,, . wieder da?" ries Onkel Tom mit einer Grimasse. „Wo bleibt Paul? Sollen wir ihm im Eßzimmer Gesellschaft leisten? Ißt er noch Mittagbrot?" fragte man durcheinander. „Der Inspektor ist bei ihm. Und für den Rest des Tages hat er in der Wirtschaft zu thun. Laßt ihn nur Sn, und kümmert euch nicht um ihn", erwiderte Alma I . ,.,thin. Die Kommerzienrätin runzelte die Stirn. „So ist er immer. Die reine Arbeitsmaschine", bemerkte sie ärgerlich. Und dann flüsterte sie Tante Melanie zu: „Nä, wenn ich Alma wäre —" „Ein wahrer Mustermensch", sagte Onkel Tom, es klang jedoch wie Spott. „Mustermenschen sind immer unausstehlich". Die Kommerzienrätin hatte es leise gesagt, aber fast alle im Saal hatten es gehört. „Natta", sagte Alma ärgerlich, „Du hast natürlich meinen Auftrag vergessen! Deine Gedankenlosigkeit ist, noch schlimmer als Deine Trägheit." „Deinen Auftrag?" fragte Natta wie aus einem Traum heraus. „Geh sofort und bestelle die rote Grütze." „Aber wie kann man von einer Wasserfee verlangen, an rote Grütze zu denken!" riefen die jungen Vettern lachend. „Eure Wasserfee wird sich wohl noch zu ganz anderen Dingen im Leben bequemen müssen", erwiderte Alma laut, so daß Natta es noch auf der Thürschwelle hörte. „Das Mädchen wird alle Tage schlaffer, ich weiß nicht, was aus der noch werden soll", fügte sie hinzu. „Wollen wir unsere Partie Schach zu Ende spielen?" fragte Herr von Löschnitz. Alma ging Au ihrem Spiel zurück in eine der tiefen Fensternischen, die mit Spitzenvorhängen und einer Gruppe Blattpflanzen dekoriert war. Der Regen hatte unterdessen aufgehört, und die Jugend verließ einer nach dem anderen den Saal, um in den Garten hinauszulaufen. Die beiden Tanten schnarchten in einem Nebenzimmer laut in verschiedenen Sofaecken, während die Kommerzienrätin in die Fächerpatience vertieft war. Das Ehepaar Stroppa hätte seinen Faullenzer im Trocknen, unter dem Schutzdach der Veranda aufgeschlagen und Onkel Tom war mit einer Flasche von ehrwürdig verstaubtem Aussehen verschwunden und irgendwo unsichtbar geworden. Es war Abend geworden, als Paul, aus der Ziegelei kommend, durch den Garten dem Hause zuschritt. In der Kastanienallee begegnete ihm Natta. „Du suchst wohl Deine Frau, Onkel Paul? Sie ist mit Herrn von Löschnitz im Gartensaal. Sie spielen Schach", sagte Natta ungefragt. „Danke nein", erwiderte Paul zerstreut, und ging mit einem Gruß vorüber. „Hör mal, Paul", sagte Onkel Tom am folgenden Morgen beim Frühstück, „können wir nicht mal eine kleine Entenjagd veranstalten? Ich wette, da sind wilde Enten in dem Röhricht am Parkteich. Ich machte gestern abend noch einen Spaziergang zur Abkühlung, denn es war unerträglich schwül im Haus, und als ich an den Teich kam, raschelte und rauschte es im Schilf, ganz als ob sich da wildes Geflügel regte." „Ach Onkel, das sind Frösche oder Wasserratten", sagte Paul. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Der Sommer rückte vor, und brachte dürre, staubige Wochen. Von den Logiergästen waren nur noch die Kommerzienrätin Jänisch, Onkel Tom, das Ehepaar Strvppä und Natta im Brantikower Hause. Der eigentliche Reiz des Landaufenthaltes war hin, und man hatte längst angefangen, sich zu langweilen. Das flache Land litt unter der anhaltenden Dürre, die ganze Landschaft war grau und versengt, und nach einer frühreifen Ernte mahnten die kahlen Stoppelfelder an einen baldigen Herbst. Selbst die Gartenspritzen konnten die nächste Umgebung des Hauses nicht mehr frisch erhalten, und jm Park war alles welk und verbrannt. Im Hause selbst wurde es alle Tage ungemütlicher. Die unerträgliche Hitze und die lästigen Fliegen, das Seufzen nach einem Ende dieser Qual durch ein erfrischendes Gewitter, waren fast noch die einzigen Gesprächsstoffe. Besonders die Kommerzienrätin war sehr schlechter Laune, und zankte den ganzen Talg mit ihrem Müder, der mehr denn je unter einem unauslöschlichen Durst litt, und selten zu einer Partie Sechsundsechzig aufgelegt war. Es blieb ein Problem, warum Frau Jänisch ihre Stimmung nicht durch ein Seebad oder einen Ge- 423 Hirgsaufenthalt verbessern wollte, aber es war als ob ein höherer Zwang sie im Hause ihrer Tochter fesselte. Sie Web wie gebannt, trotzdem sie von Morgen bis Wend über das langweilige Landleben räsonnierte. Das Ehepaar Stroppa wollte ein parmal abreisen, die Kommerztenrätin litt es jedoch nicht. Sie hatte das würdige Paar zu ihren Vertrauten gemacht, saß jetzt ost rnit Frau Stroppa neben dem Faullenzer, von dem der fette Carlo, der sich bei der Hitze fast auflöste, gar nicht mehr herunterkam, und klagte über ihren Schwiegersohn. Sie lieh kein gutes Haar an ihm, und beklagte täglich, dah Alma an ihn gefesselt sei, da sie doch so viel glänzendere Partien hätte machen können. Außerdem ärgerte sie sich unaufhörlich über Natta und fand in dieser Beziehung lebhafte Sympathien bei Frau Stroppa, die das junge Mädchen ebenfalls nicht leiden konnte. Auf Natta wirkte die Hitze überwältigend. Sie glich einer schmachtenden durstigen Blume, und den ganzen Tag über war sie matt, schläfrig und oft wie unter einer Betäubung. Sie ging zuweilen wie eine Schlafwandlerin umher, und alles Tadeln, Schelten und Aufrütteln Almas und ihrer Mutter vermochte nicht, sie aus ihrer Lethargie zu reihen. Am Abend ging häufig eine seltsame Umwandlung mit ihr vor. Sie wurde lebhaft, ihre Augen bekamen Feuer und ihre weiße Wangen Farbe. Dann hörte man sie oft durch das ganze Haus singen und manchmal sogar lachen, ein helles, glückseliges Lachen, wozu eigentlich nie ein Grund vorhanden war und das die Kommerztenrätin stets für „puren Trotzt erklärte. (Fortsetzung folgt.) „König von England." Humoreske von M a x F e d e r. Nachdruck verboten. Es ist schon oft genug, namentlich in Anekdoten vor- gekommen, dah ein unerfahrener Dorfbewohner, der zum ersten Male eine Residenz besuchte, den Portier einer Gesandtschaft oder eines Hotels für den König oder sonst einen großen Herrn hielt. Wer schwerlich dürfte es der Fall gewesen sein, dah der so Jrrege führte auch in seinem Irrtum, verharrte und sich auf keine Weise davon abbringen ließ) wirklich den hohen Herrn gesprochen zu haben, den er sich einbildete. Ja, in unserer Geschichte war der Bauer, um den es sich bandelt, so sehr mit dem falschen König zufrieden, daß er gar keine Neigung verspürte, einen kennen zu lernen, den die anderen für den wirklichen König ausgaben. Die Geschichte verhielt sich folgendermaßen: In einem kleinen Dorfe der Grafschaft Wales wohüte der Bauer Robert Hall mit Frau und Kindern. „Alles fährt zur Krönung nach London!" sagte eines Tages die Frau des Bauern. „Wer doch nur auch auf einen Tag hin könnte!" „Du hast ja große Rosinen im Kopfe", erwiderte Robert mürrisch „Du weißt, daß wir ganz andere Sorgen haben, Wenn ich nicht die gekündigte Schuld von 80 Pfund ausbringen kann, dann wird uns unser kleines Gut über Hals und Kopf verkauft." „Gerade deswegen könnte man nach, London fahren", meinte die Frau nachdenklich „Du bist wohl nicht bei Sinnen." „Der König soll ein guter Herr sein. Wenn Du zu ihm gehen und ihn um Geld bitten möchtest —"> „Wie kann man nur so unsinnige Pläne aushecken!" Damit war die Sache vorläufig abgethan, aber dem Bauer ging die Sache doch im Kopfe herum, und auch die Frau kam im Gespräch darauf zurück. Es wurden Erkundigungen über die Art und die Kosten der Reise eingezogen, Und da letztere verhältnismäßig gering und die Bauersleute mit Sicherheit überzeugt waren, dah es, wenn sie einmal in London sind, leicht sei, zum König zu gelangen, und von diesem das Gewünschte zu erhalten, so unternahm Robert Hall die Reise teils zu Fuß, teils mit der Eisenbahn und langte eines Morgens in der Riesenstadt an. Während er durch das Gewirr der Straßen schritt Und Von den sich, Drängenden Menschen hin- und! her- gestoßen wurde, begann sein Mut doch zu sinken. Wie sollte er unter all diesen Häusern und Menschen den König finden! Endlich faßte er sich jedoch ein Herz und fragte eine gutmütig aussehende Frau, wo er den König von England finden könne. Die sah ihn zuerst erstaunt an, rief dann aber mit einem Lächeln des Verständnisses: „Der ist ganz in der Nähe. Gehen Sie nur hier die Straße hinaus und biegen Sie dann rechts um. Weich das zweite Haus ist es." Man kann sich die Freude des Bauern denken, als er vor dem bezeichneten Hause stand und aus dem Schild mit goldenen Buchstaben die Worte „König von England" las. Vor der Hausthür stand ein Mann in betreßtem Rock, einen Dreimaster auf dem Kvpfe und einen goldenen Stab in der Hand, — dieser prächtig gekleidete Herr, welcher dem Bauer auch völlig dem Mlduis zu gleichen schien, das in der Schenke seiner Heimat den König darstellte, muhte der Beherrscher Englands sein. Ohne weiteres machte er eine ehrfurchtsvolle Verjbeugung und begann diesem „König" sein Anliegen vorzutragen. Der behäbige Portier hörte lächelnd zu, das heißt er hörte zu, ohne zu verstehen, denn der wallisische Dialekt des Bauern klang ihm so ftemd, wie irgend eine Sprache des Auslandes. Es gefiel ihm aber, daß der Bauer ihn mit Sir anredete, und dah in seiner Aussprache offenbar sehr devote Ausdrücke vorkamen. Während der Bauer noch sprach, trat ein Herr aus dem Hotel und fragte den Portier, vb nicht ein Brief für ihn angekommen wäre. Als dies verneint wurde, murmelte der Herr einige mißbilligende Worte und schritt in gerader Richtung davon. Kaum war er fort, als der Briefträger erschien und dem Portier die für das.Hotel bestimmten Briefe überreichte. „Da ist ja das Schreiben für den Herrn", sagte der Portier, die Schriftstücke schnell durchsehend. Ausschauend bemerkte er, daß der Briefträger bereits in ein anderes Haus trat, während der Herr, gemächlich die Straße hinunterschreitend, noch immer zu erblicken war. „Der wird nun gern den Brief haben wollen", sagte der Portier zu sich, ohne aus den Bauer zu achten, welche fortfuhr, ihm die mißlichen Verhältnisse seiner Hermat zu schildern. „Wer nUn muh gerade niemand vom Hotelpersonal zu haben sein." „Ach, guter Freund", sagte er zu dem Bauern, „S-re sehen wohl den Herrn dort, der das Hotel eben verlassen hat. Sie erkennen ihn an dem grauen hohen Hut. Möchten Sie ihm nicht einmal nachlausen und ihm diesen Brief geben?" c v ,,, Der Bauer nahm den Brief in Empfang und begann srch mehrmals zu verbeugen. „Marsch fort", ries der Portrer, halb argerlrch, halb belustigt, aus den Herrn zeigend. Der Bauer entfernte sich dann auch in der bezeichneten Richtung, und der Portier sah beide um die Ecke verschwinden. Hatte der Portier den Bauer nicht verstanden, so war auch das Umgekehrte der Fall. Robert Hall war fest davon überzeugt, daß der ,/König" ihm fein Gesuch gewahrt und ihm wahrscheinlich eine Anweisung auf seine Schatzkammer überreicht hatte. Sobald er um die Ecke gebogen war, — denn früher schickte es sich doch nicht —I öffnete er den Brief, in dem er eine Fiinfzig-Pfundnote und eine Visitenkarte sand. Auf der Visitenkarte stand der Name Hier muh nun eingestellt werden, dah der Fremde im grauen Hut und Robert Take Spieler waren, daß sie berde in der verganengen Nacht beim Baccastat gesessen hatten/ und daß der letztere die fünfzig Pfund schuldig geblieben war. Spielschulden sind bekanntlich Nach den Anschauungen der Spielerkreise Ehrenschulden, die in 24 Stunden bezahlt werden müssen, und da bei Herrn Robert Dake fünfzig Pfund keine besondere Rolle spielten, so sandte er das Geld sofort in einem einfachen Briefe. ,, . Der Bauer war keinen Augenblick wt Zweifel, daß diese fünfzig Pfund als ein Geschenk des Königs für ihn bestimmt waren, umsomehr, als auf der beiliegenden Karte ja die Worte „Robert Take" standen, was in deutscher lieber- setzung heißt: „Robert nimm!" Und der Bauer Robert Hall nahm und reiste nach Hause, tilgte seine Schulden und pries die Güte des Königs in allen Tonarten. Heitere Schul-Erinnerungen. Der „zerstreute Professor" ist bereits ein Ge» meingut aller Witzblätter geworden, weshalb es fast gefährlich erscheint, ihn auck in den Spalten einer Tageszeitung zu beschwören. Indes zeigen die nachfolgenden 424 Stichproben eines unfreiwilligen Professoren-Humors, die wir In der „Franks. Zig." zusammengestellt finden, nickt etwa die Findigkeit eines Witzfabrikanten, sondern sie sind der vollen Wirklichkeit entnommen. Jeder einzelne der nachfolgenden Sätze hat vor Fahren schon einmal eine Anzahl deutscher Gymnasiasten ergötzt; mögen sie nunmehr einem größeren Publikum einiges Vergnügen bereiten! Eines Tages kam der Herr Professor in die Klasse und hielt folgende Ansprache: „Und ich habe Ihnen zu sagen und habe es immer gesagt, und sage immer und der Herr Rektor hat gesagt, ich soll Ihnen sagen, und so will ich Ihnen sagen . . . ." Mit den Schülern verkehrte er — nennen wir ihn X. — nicht sehr fein. Hierfür folgende Belege: „Sie babbeln gerade, wie die Gänse krähen." „Mayer, wenn Sie in die Klasse hereinkommen, meine ich immer, eine Eisenbahn käme daher getrampelt." „Man darf ihn packen, wo man will, da kommt ein Blödsinn heraus." „Weil die Esel überall nur zwei Ohren haben, können auch Sie nicht weiter zählen." „Halten Sie doch Ihr Buch mit ihren zehn Pfoten fest!" Eines Tages ging dem Herrn X. die Sophokles-Lektüre zu langsam; er sah sich in der Klasse um, um einen der Besten aufzurufen, besann sich aber und über- K selbst. Gr begleitete dies mit folgenden denkwür- t Worten: „Fetzt will ich den Gescheitesten von den Dummen aufrufen, er soll weiterfortfahren: . . . Ich selbst!" In das Kapitel der Naturgeschichte oder verwandter Disziplinen gehören folgende Sätze: „Der Ochse kann nicht reden, weil er keine Sprache hat." „Der Mensch ist viel gescheiter als andere Tiere." „Die Kartoffeln sind das nützlichste Getreide." „Wie die Schildkröte (in der bekannten Fabel) aus der Luft fiel, hat sie sich die Nase eingerannt." „Wo der Getreidebau nicht lohnt, wird gewöhnlich Vieh angebaut." „Wir wissen nicht, ob! es auf anderen Erdteilen auch Menschen giebt." „Er starb kurz vor seinem Tode." „Die Zunge hängt ihm heraus, so lang wie ein Jagdhund." Besonders furchtbar war Herr X. in den Geschichts- stund en: „Cicero donnerte mit seinen Augen auf die Staatsfeinde los." „Alexander ritt im Indus an der Spitze seiner Flotte." „Zur Zeit des Kurvereins zu Rhenfe war der Papst Johann XXII. nicht mehr tot." „Mit dem Schwerte in der Hand bahnte sich der Leichnam einen Weg durch Italien." „Der Papst wurde wieder hergestellt, nachdem er früher eine römische Republik geworden war." „Margarethe von Anjou war ein ganz anderer Mann als Heinrich, VI." „Fast alle katholischen Universitäten waren Jesuiten." „Der Kaiser war selten krank; aber wenn er krank war, verlief die Krankheit immer tätlich." „Sein Tod trat von 1666 bis 1700 ein." „Ohne Bewilligung des Reichstages durfte kein männlicher Thronfolger sterben." „Prinz Engen konnte nicht mehr viel ausrichten) da er ohnehin schon tot war." „Friedrich der Große schlug mit 20 000 Mann 90 000 österreichische Armeen." „Peter der Große ließ die Leichen, solange sie lebten, hängen." „Max II. war der protestantischen Kirche so geneigt, daß es schien, er wollte katholisch werden." „Als hie Feinde mit ihren Schiffen ins Land hereinfielen, durchstachen die Holländer die Deiche und fetzten das ganze Meer unter Wasser." „Wie der König starb, änderte er seine Politik." In die Rubrik „Kunst und Lttteratur" fallen folgende Sätze: „Unter Ludwig XIV. waren die Zierbäume gerade so zeige; chnitten, wie die Leute am Hofe." „Nachdem Medea den Pelias getötet hatte, mußte sie mit ihm flüchten." „In Emilia Galotti hätte Marinelli die Orsini zum Fenster hinausjagen sollen." „Der Maler muß sich in die Augen eines Liebhabers! versetzen." „In den früheren Kirchenbauten stand der Pfarrer auf, der Kanzel und die Gläubiger standen drum herum." — Nun noch einige Aussprüche mit mehr allgemein nem Inhalt: „Er hat sich durch Selbstmord enthauptet." „Sie hatten sich mit Stockschlägen bewaffnet." „Wenn der Vater gestorben ist, sagt er zu seinem Sohne: Uebernimm Du das Gut." „Wenn sich, ein Mensch! den Tod giebt, dann will eA keiner gewesen sein." „Die Schüler, die noch zu trocken hinter den Ohren sind, laufen am liebsten dorthin, wo die Wirtschaften zusammenlaufen." „Man sah, wie seine Stirne ein finsteres Gesicht: machte." „Beim Herein- und Hinausgehen müssen die Thüren geschlossen bleiben." — Mit dem Ausspruche des Herrn X.: „Das Uebrige kann ich in aller Kürze übergehen", wollen wir von diesem zerstreuten Schulmann Abschied nehmen. Tandaradei. Von Walter v. d. Vogelweide. Unter den Linden Auf der Heide, Wo ich mit meiner Trauten saß, Da könnt ihr finden, Wie wir beide Blumen brachen und grünes Gras: Vor dem Wald mit süßem Schall Sang ihr Lied Frau Nachtigall „Tandaradei!" Ich kam gegangen Zu der Stelle Mein Liebster war schon vor mir dort, Mich, hat empsangen Mein Geselle, Daß ich bin selig immerfort. Ob er mir Küsse bot? Seht, wie ist mein Mund so rot! „Tandaradei!" Wie ich da ruhte, Wenn's einer wüßte! Behüte Gott, ich schämte mich, Wie mich der Gute terzte und küßte, einer erfahr' es als er und ich — Und ein kleines Vögelein, Das, wird' wohl verschwiegen sein, „Tandaradei!" Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auflösung in nächster Nummer.) M Auflösung der Logogriphe in vor. Nr.r 1. Rubin, Ruben. 2. Laut, Last. Redaktion: Cyrt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schm Universttäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.