Samotag Len 19. April. 1902. — Rr. 58. flies blüht und freut sich wieder, Grüne Hoffnung schmückt die Welt, Und aus blauem Himmelszelt Tropfen frühe Lerchenlieder. Sieh, die Sonne lacht so heiter, Und die Luft weht lind und lau; In den Wolken steht: „Vertrau Und fei fröhlich — Gott hilft weiter I" Zoozmanu. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Romait in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Sie machte eilt paar Schritte nach der Seite hin und hielt sich den Schirm vor. Eine Weile stand er schweigend da und sah sich um. „Tort steht die prächtige Hagebuche!" ries er plötzlich aus. „Erinnern Sie sich noch wie wir dort vor vier; Jahren saßen?" Ja, sie glaubte sich auch dunkel zu entsinnen, daß sie einmal dort gesessen hatten. „Lassen Sie uns dahin gehen", schlug er vor. „Ich weiß gar nicht, wo Thomas nur bleibt." „Ach, der wird, schon kommen! Wollen Sie meinen Arm nicht nehmen? Ter Weg ist so uneben." „Danke, ich gehe ganz gut." Sie nahmen Platz am Abhange unter dem luftigen Blätterdach saßen eine Weile dort und sprachen über die Flüchtigkeit der Zeit. Vier Jahre! — Wo war doch die Zeit nur geblieben! • Durch die Lichtung zwischen den Bäumen am jenseitigen Ufer sahen sie in weiter Ferne einen dunklen Wagenzug, der sich gleich einer schwarzen Schlange langsam den Hügel hinaufwand, nach Kirchholmstrup zu. „Tas ist ja wahr", rief Helene aus, „heute wird des Schulzen Tochter beerdigt." Es war ein ganz junges Mädchen, das an Schwindsucht gestorben war. Der Sarg mit seinen Blumen leuchtete im Sonnenschein. „Wie spät die Beerdigung stattfindet! Es ist ja bereits Pier Uhr!" Böje saß schweigend da und sah dem Zuge nach. „Es ist merkwürdig", sagte er endlich. „Die Welt ist so groß und die Zeit so lang, und doch ist für einen jeden pon uns so wenig Matz und eine so kurze Spanne Zeit. I All das Viele, das inan hätte sehen, alles, was inan hätte ausrichten sollen, all das Glück, das man einsangen sollte — wo bleibt das alles?" Es würden doch viele glücklich, meinte sie. „Viele?" wiederholte er ungläubig. „Wie viele sind es denn, die das Glück wirklich besitzen, die es als eine Lebensmacht besitzen, die sie über das Nüchterne, Alltag-» liche ergebt ?/z Er seinerseits wäre schon längst zu der Ueberzeugung gekommen, daß es nur blutwenig Erdenglück gäbe. Tas einzige, was dem Leben Wert verliehe, sei der wehmütige Friede, der das Herz erweitern könne in seiner stillen Ergebung in das Schicksal, und der Glanz, der in unseren! besten Augenblicken unsere Ahnungen von dem jenseitigen Leben durchleuchten könne. Das Dasein hienieden sei von Würmern zernagt, von Enttäuschungen, Lügen und Neid — die Kreuz und die Quer! Es sei bitter wenig an deut Ganzen. Und doch — das gab er zu — doch hängen wir mit all unserer Lust daran und können erzittern vor. Lebensdrang, wenn wir nur einen Vogeltriller hören. Einzelne Töne von der Begräbnisglocke in Kirchholmstrup erreichten ihr Ohr, gleich dumpfen Erzschlägen sickerten sie durch das Waldgezweig. „Nein, wirklich glücklich sind nur sehr wenige, Fräulein Rabe; aber Gewohnheitstiere, Menschen, die mit Stumpfsinn gepfropft sind, deren giebt es genug. Im Cholera-, jahr saß man ans den Leichenwagen und trank einander zu. Jetzt liegt das junge Kind da drüben steif und kalt in seinem Sarge, und alle, die hinterdrein fahren, wissen, daß sie einmal, ja in unglaublich kurzer Zeit denselben Weg müssen; aber ich will davauf wetten, daß sie lustig ihre Zigarre rauchen Vtnb über Pferdepreise und Markttrödel schwatzen. Da ist vielleicht in all diesen Körpern auch nicht ein Gedanke, der die Todesfrage auch nur streift."^ Tas sei doch wohl zu viel gesagt, meinte Helene. „Ter Grund ist darin zu suchen, daß, sie vor Gesundheit bersten und den Tod hundert Meilen fern glauben. So sind wir nun einmal: Solange wir selber gesund sind, machen wir uns nicht viel daraus, daß sie um uns her« wie Fliegen zur Erde fallen, ja, es kann uns sogar eine eigene Selbstzufriedenheit hinter der erheuchelten Trauermiene kribbeln, wenn uns jemand erzählt, daß jetzt dieser und dann jener heimgegangen ist. Kommt aber eine ernste Krankheit und schlägt.u'ns ihre Krallen ins Fleisch, oder verlieren wir jemand von unseren Angehörigen, einen von denen, die Blut von unserem Blut haben, ja dann wird uns warm um die Ohren, und es dämmert uns das Verständnis, wie grauenhaft es ist, in so einen Sarg gepackt zu werden." „ Helene saß in peinlicher Qual da, bald erhob fte, beit Blick zu Böje, bald senkte sie ihn wieder in unruhrgem Wechsel. „Aber ich glaube, es ist ganz gut, wenn man einmal । einen Einblick in den Vorhof des Todes thut. Ich kenne 230 stark fürwahr den Tod; fünzig Jahr Ich war so jung und Und dachte niemals an Ich glaubt', die ersten Hätt's damit keine Not. einen jungen Menschen, der einmal dem Tode nahe war. Er erholte sich — damals — hinterher aber schrieb er m sein Tagebuch: getreulich erfüllt, bis zu dem Augenblick, wo er Feder und Schere niederlegte. Turcki seine ganze Wirksamkeit hindurch hatte sich eine gerade, feste Linie gezogen, welche die Treue gegen die Mächte bildete, denen er diente, und diese Linie zog sich noch heute durch sein ganzes Leben, ihr Ende wohl erst in seinem Leichenhemde findend. Nachdem seine Gattin im verflossenen Winter heimgegangen war, Hatte er im Beginne des Frühjahrs der kleinen spießbürgerlichen Provinzstadt Lebewohl gesagt und seinen Aufenthalt in Ostholmstrop genommen, wo das gemütliche Mietshaus des Schwiegersohnes gerade ledig stand. Freilich hatte er sich zu Anfang gesträubt, aber Thomas hatte schließlich seinen Willen durchgesetzt. Der Alte fühlte sich auch verhältnismäßig ganz wohl hier außen, wenn man es auch seinem Gesicht nicht ansehen tonnte.. Außer freier Wohnung und Feuerung hatten er und die Tochter mancherlei Vorteile vom Mühlenhofe, was auch höchst notwendig war, da der alte Mann so gut fiu nichts besaß. ' ... Ten größten Teil seiner Zeit verbrachte er mit der Lektüre der dreißig Jahrgänge seiner Amtszeitung, die gleich einer Reihe von streitbaren Männern mit geraden Rucken in seinem Bücherborde aufgestellt waren. Einige Stunden des Tages vergingen mit der Lösung der sckstvwrigen Schachaufgaben, sowie mit kleinen Besuchen im Muhlenhose und Wanderungen durch den Garten, wo er mit seiner Gießkanne umherhumpelte und aussah, als habe er Lust, ganz Holmstrop unter Wasser zu setzen. Jeden Augenblick geriet er in der Politik mit seinem Bruder und seinem Schwiegersohn aneinander, aber die.er wußte die Mißstimmung immer gleich wieder zu ver scheu a; en, wohingegen der Bruder stiindenlang schnupfend und redselig dasitzen konnte, ihn mit seinen Lobreden über Oberst Tscherning peinigend, die auf den Redakteur wirkten, tote, der Stich eines neckischen Daumens in die Sette.. | Helene war ernst wie immer. Der fanfte Sinn der Mutter, der für gewöhnliche in der. Stille atmete, der aber in einzelnen verzweifelten Augenblicken in eine unbeveaien- bare Leidenschaftlichkeit umschlagen konnte, hatte tiefe Säuren in ihrem eigenen garenden Sinn hinterlassen. Auch von dem schwerfälligen Blut des Vaters hatte sie etwas geerbt, aber sie verstand es besser als er, sich unter die Macht der Verhältnisse zu beugen. Ihr Leben firmte tig in strenger Uebereinsttmmung mit der Pflichtliste, die ste noch aus der Kindheit her in ihrem Epnern aufgeklebt trug; doch konnte es Zeiten geben, too esLr schwer genug I wurde, das Gleichgewicht aufrecht zu Hullen, Zeiten, in I denen in ihrem Herzen Angst und schmerzlich verlangeiide I Unruhe gärten. , Elne solche Zeit war jetzt hererngebrochen. Thomas war daran gewöhnt, daß diese dunkeln Zeiten I kommen konnten; er erinnerte sich ihrer sehr wohl aus I dem zweiten Jahre ihrer Verlobung; aber er tröstete sich damifi daß schon Bewegung in ihr Dasein kommen werde, I menn sie nur erst verheiratet waren, ihr Herrn recht ge- I niMich eingerichtet hatten und vielleicht ein paar 5Rnder I bekamen, die Leben ins Haus bringen wurden. Trauiig I war es freilich, daß sie jetzt — so kurz vor der Hochzeit —। I einen von diesen dummen Nervenanfällen, oder was e> STÄ st- mch' -st «*«± sängen und Bibelstellen ein wenig aufmuntern kannst. j hen letzten Jahren hatte die häusliche Geschäftig- I feit eine Decke über ihr inneres Leben gelegt; jetzt aber war es, als erwache ihr religiöser Drang unter neuen I Formen, als hasche er nach Worten, die zugleich züchtigten Ultb M?Böse war es eine Notwendigkeit geworden, täglich I eine Weile mit ihr zu reden. Sie war ein eigentümliches Mädchen mürrisch, steif, tief, rätselhaft. Wie sollte er nun | Tovvelte in ihrem Wesen verstehen, das jte so an- Senk ’S I- ÄRenb fileich m»«-, I wieder hatte er die Scheu bemerkt, mit der sie fichvon ihm «irückzoa während sie doch in ihrem ganzen Benehmen 1 ^ine aebeinte Teilnahme für ihn durchblicken ließ, die mit Ww* -i»-n “« I 11,11 & aber Satte er an jenem Tag« im »-lde erlemnt — daß er hier im Hause nicht zur Last fiel, und das stimmte I iUn beiter machte ihm die Luft auf dem Mühlhofe leicht. 1 h |iie Wochen glitten dahin mit Baden, Pjlanzenunter- Doch plötzlich lag ich Aermster da. Und mich durchschauerte ein Schreck. Ich fühlte es, der Tod war nah. Doch kam ich glücklich weg. Noch bin ich jung, treib' Spiel und Scherz, Doch seh' ich einen Sarg mir an. Durchzuckt es gleich mein furchtsam Herz: „Nun kommst auch du bald d'ran!" Nun, Kiiochenmann, nur zugemacht! I Ich kenne einen sichern Port. Ich lernt' etwas in jener Nacht, I Als ich schon sollte fort. Eine nagende Unruhe wühlte und kämpfte in ihr I mit einer Gewalt, die ihre Brust heftig auf und ab wogen machte. Endlich, wie von einer unwiderstehlichen Eingebung getrieben, legte sie ihre Hand auf I die seine. , I „Sie sollen nicht sterben, Böje, Sie dürfen nicht sterben." I Aber in demselben Augenblick, als sie die Worte ausgesprochen hatte, zog sie auch schon die Hand zurück, I und begann an den Fransen des Sonnenschirms zu I zupfen. Böje sah sie verwundert an. „Wissen Sie, was mir fehlt, Fräulein Rabe?" „Ja, ich weiß es, ich habe einen Brief von Ihrer j Schwester bekommen; sie bat mich, Sie recht zu pflegen, I und das will ich auch gern thun, aber ich glaube gar nicht, I daß es Rückenmarkschwindsucht ist, ich glaube es wirklich I nicht. Sie müssen nur den Mut nicht verlieren." Zum erstenmal sah sie ihm warm tröstend in die Augen. I „Wir vermögen selber so viel", begann sie wieder. „Ich I glaube, man kann alles überwinden, wenn man nur selber will, sowohl Krankheit als Mißgeschick. Haben Sie jemals gesehen, wie sich die Möwen draußen am Strande durch | widrige Winde hindurchbohren?" Nein, er erinnerte sich dessen nicht. I „Thomas und ich verfolgten einmal eine Möwe sehr I lange, oranßen in der Bucht. Sie zog den Kopf unter die I Federn, streckte den Schnabel gerade aus, schloß die Augen I und steuerte mit aller Gewalt auf die Felsenklippe zu ja. Sie hätten es nur sehen sollen: direkt gegen den Wind an! Wie sie mit den Flügeln ausholte, so sicher und kräftig. Und sie kämpfte sich durch, Schlag auf Schlag. Zuweilen wurde sie müde und warf sich aufs Wasser, dann aber schwang sie sich wieder in die Höhe und begann von neuem. So sollen auch wir all unsere Kraft anspannen und kämpfen, so lange wir vermögen — dann siegen wir auch!" Ihre Wangen glühten, all die verborgene Kraft ihrer Seele drängte sich in den Ausdruck ihres Gesichts, während gleichzeitig die geballte Hand ihren Worten mit kleinen, festen Schlägen Nachdruck verlieh. Er sah sie an und war gerade im Begriff, ihre Hand zu ergreifen, als ein durchdringendes „Aha—a!" sie beide auffahren ließ. Sie blickten nach der Seite hin, wo der alte Müller in großen Sprüngen aus. dem Tannendickicht hervorkam und sich einen Weg über einen Haufen welken Laubes bahnte, das! unter den Tritten seiner krummen Beine krachte und knackte. „Aha—a! Ein kleines Tete-a-tete! Hi, hi, hi!" „Aber, wie kommen denn Sie hierher?" fragte Böje. „Ja, da können Sie sehen! Ich hatte es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß ich in den Wald wollte, und dann sind wir ja noch jung, lieber Böje! Was ist das, so ein kleines Stück Weges zu springen?" Nach einer Weile kamen Thomas und der Förster mit dem Korb. _ Während der letzten Jahre, die der Redakteur in der Provinzstadt verbrachte, hatte seine Frau viel gekränkelt. Er selber hatte mit einem Hüftleiden zu thun gehabt, das ihm zur unleidlichen Plage ward, aber er hatte seine Pflicht 231 sie auf. (Fortsetzung folgt.) suchen, Lesen und Unterhalten. Es war ein unverkennbarer Fortschritt in seinem ganzen Zustund zu bemerken. Es gab Zeiten, wo es ihn warm mit neuem Mut durchströmte. Und nun hatte er wenigstens zeitweilig einen Lebenszweck gefunden — die Aufrichtung ihres Mutes. Zum erstenmal sah er sich einer Aufgabe gegenubergestellt, die in die tiefsten Lebensverhältnisse eines anderen Menschen eingriff, und er Wlte, daß etwas Gesundes in dem Gedanken lag, von seinem eigenen Ich fortzusehen und sich für andere hinzugeben. Er war so in Anspruch genommen, wie man es nur durch das Nachdenken über ein wichtiges Vorhaben sein kann, und vergaß infolgedessen seinen Rücken und alles und ging mehr und mehr in der Fürsorge für Der Geiger. Novellette nach dem Leben von B. He r w i. Nachdruck verboten. Ein kühler Septembermorgen war's. Der weihevolle Choral, den die Kurkapelle spielte, tönte weit hinaus über die grünen, blumigen Pläüe, auf denen der Frühtau lag und im kräftigen Sonnenstrahl wie Diamanten glänzte, tönte bis an die waldigen Berge, von denen ein mattes Echo herüberschallte. Andacht weckte er in den Herzen der Dahinwandelnden, die den heißen Trank der Genesung schlürfen wollten und zu den Quellen eilten. „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren", sang Wohl hier und da leise eine Stimme mit. . . Viele aber schauten erst vergnügt auf, wenn die religiöse Anfangsnummer zu Ende war und muntere Tanzweisen erschallten. Plaudernd und lachend zogen die Leute dahin. — Abgesondert von dem Treiben und Hasten der Menge, auf dem einsamen Wege, nahe am Fluß schritt eine ältere, vornehm aussehende Frau. In tiefe Trauer war sie gekleidet, Müde der Gang, bleiche die Züge. Die Augen — wie umflort — starrten teilnahmlos vor sich hin. . . hin und wieder richtete sie ein freundliches Wort an die junge Begleiterin, die ihr zur Seite ging, meist schwieg sie, von Zeit zu Zeit an dem Becher schlürfend. Tie Operettenmufik scheuchte sie noch mehr von dem Kurplatz fort. . „Kommen Sie, Betty", sagte sie mit zuckendem Munde — „ich kann die prickelnde, jauchzende Musik noch nicht hören, es ist meinem wunden Gefühl, als striche eine schmerzende Hand darüber hin. . ." „Aber Sie sollen sich ein bischen zerstreuen, gnädige Frau, ich habe es unserm Sanitätsrat in die Hand versprechen müssen, dafür zu sorgen. Das ewige Grübeln untergräbt Ihre Gesundheit noch mehr, da können alle heilsamen Wasser der Welt keine Wirkung haben, wenn die Seele sich nicht ein bischen emporrafft . . ." „Betty, nach dem, was ich verloren! Vor einem kurzen Jahr den Mann, der alles gethan, mir das Leben schön zu gestalten, bald darauf die einzige Tochter, die von Kindheit an elend gewesen, nun den Sohn draußen in der Ferne wissend, im schrecklichen Lande der Willkür der Feinde, von Gefahren bedroht, vielleicht bald ein Opfer derselben, es ist zu viel, was auf mich eingestürmt." „Gnädige Frau, Herr Manfred folgte so gern dem Ruf seines Königs . . . voll froher Kampfeslust, im Gefühl, einer rechten, guten Sache zu dienen . . . Sie werden bald frohe Nachricht von ihm erhalten, inzwischen dürfen Sie sich nicht so trüben- Gedanken hingeben. . . Gott, wüßte ich nur etwas, was Sie recht zerstreuen könnte! . . . Aber die Zeit ist um, gnädige Frau, ich muß Ihnen wieder einen Becher füllen . . ." Sorgfältig, liebevoll geleitete das freundliche Mädchen ihre leidende Herrin. . . neue Klänge begrüßten sie am Kurplatz, nicht mehr die leichte, flüssige Melodik der Tanz- weisen, — nein, ernste, schwermütige Töne ... Frau Mary Jensen blieb stehen nnd lauschte ... „Mein Lieblingslied", flüsterte sie, „Schuberts Am Meer. . ." Nicht weit vom Orchester setzte sie sich auf eine Bank. „Wie oft habe ich's gesungen!" sagte sie, in Erinnerungen versunken, wie oft hab ich's gehört . . . von Laien, von Künstlern . . . Sie kennen das Bild des Violinvirtuosen, das in dem silbernen Lyrarahmen in meinem Boudoir steht ... ich habe Ihnen ja von ihm erzählt. Entsinnen Sie sich, Betty? Fast dreißig Jahre sind es her, da vergötterte ich ihn, den Liebling aller Welt, besonders der Damen . . . ich seh ihn noch vor mir, den stolzen, schönen, gebräunten Janosch Oetvös, . . . wie beneideten sie uns alle, daß er zu uns kam, mit mir musizierte . . . wie spielte er dies Lied! Ohne Klavierbegleitung, nur seiner kleinen Amatigeige die wunderbarste Feinheit, die markigste Kraft entlockend . . . wie jetzt jener dort im Orchester . . . wunderbar. . . wie ähnlich. . ." Sie horchte gespannt, immer erregter wurden ihre Züge, immer größer die bisher so leblosen Augen . . . „Mich hat das unglückselige Weib Vergiftet mit ihren Thränen. . ." Gewaltig klangen und klagten die Saiten, mäuschen- till war es in der Menge umher geworden, jetzt brach ein Hallender Applaus aus, der gar kein Ende zu nehmen chien . . . Einer erzählte dem andern von denr sonderbaren Musiker, der früher eine Berühmtheit gewesen, jetzt aber seit Jahren fast erblindet war, und nur noch einzelne Stücke aus seiner früheren Laufbahn auswendig spielen konnte . . . Seit Jahren sei er dem Kurorchester einverleibt, dies gerade wäre eins seiner besten, erfolgreichsten. — „Ich will ihn sehen", sagte die erregte Frau bestimmt, nahm Bettys Arm und zog sie mit sich fort. Ein Straußscher Walzer sollte folgen. Der Kapellmeister verteilte die Noten. Links von ihm saßen die Geiger vor ihren Pulten, acht bis zehn an der Zahl, junge Leute, würdige Männer, Graubärte . . . forschend sah Frau Mary von einem zum andern ... er mußte sich ja natürlich sehr verändert haben, einmal . . . etwa fünf Jahre nach ihrer Verheiratung hatte sie ihn wieder gehört. . . wieder gesehen und gesprochen... da war es ihr erst klar geworden, wie sie ihn geliebt hatte und was sie ihm gewesen war . . . dann war er in die neue Welt gegangen, sie hatte nichts Sicheres von ihm gehört, ihr eigenes Leben — im Fahrwasser der abwechselungsreichen, befriedigenden Beschäftigung hatte ihr Sinnen und Sorgen beansprucht, jetzt fühlte sie sich einsamer denn je, jetzt erstand die Vergangenheit in neuem Glanze. — Sie schüttelte den Kopf. Keiner erinnerte an ihn, an den schlanken, geschmeidigen, braunen Janosch mit den blitzenden Augen und den nervösen, hastigen Geberden... . Sie faßte sich ein Herz und trat zu einem Musiker heran, der eben die Reinheit der Saiten prüfte. „Bitte, mein Herr", sagte sie sanft. . . „dies Vwlin- solo war sehr schön, wer von Ihnen hat es gespielt?" „Ter Oetvös, natürlich der Oetvös, Gnädigste, 's ist halt sein Leib- und Magenstück . . . dort in der Reih' . . . doch nein . . . eben ist er hinausgegangen ... Der da utt Hellen Paletot, mit der Geige im Arm. . . schauen's Gnädige, — den Strauß spielt er halt nimmer gern. . ." Mary Jensen hörte schon die letzten Worte nicht mehr .... ein flüchtiges „Danke", dann ergriff sie ihre Begleiterin am Arm und riß sie mit sich fort . . . dem hageren, gebückten Manne nach, der langsam das Orchester verlassen und an die Mauer der Kolonnade gedrückt dem Ausgang zuschritt... c - Jetzt wendete er sich. . . er wurde angerufen, ein Kind wartete auf ihn und ergriff seine Hand . . . dann nahm es den Violinkasten. . . plaudernd gingen sie weiter . . . Tie ihn beobachtende Fran war einen Augenblick tote erstarrt stehen geblieben. Thränen schossen in ihre Augen. Welche furchtbare Veränderimg war mit dem Manne vorgegangen, weiß das spärliche Haar, eingefallen die Zuge, gebückt der Gang, — ein Greis vor der Zeit! Was mußte er erfahren, mußte er gelitten haben! Sw sprach kein Wort mit Betty, die ängstlich in das erregte Antlitz der erschütterten Frau sah, schweigend folgte sie dem Paar vor sich, in die innere Stadt hinein, in entlegene Straßen, an die Stätte, die von der Pracht und dem Luxus des Weltbades unberührt war. Vor einem kleinen Hause, das an dem Felsen lehnte, standen sie still ... die Beiden . . - Vater und Tochter zwei andere kleine Mädchen kamen ihnen entgegen, eifrig mit ihm sprechend, ihm die Hand küssend. w „Seine Kinder!" flüsterte ^rau Mary, „sein Reich tUm<£üt großes weißes Schild war neben der Thür befestigt. 232 1 2 8 4 (Nachdruck verboten."» Qj« die Felder nebenstehender Figur smd die Wörter Apfel, Arie, Ente, Essen, Ha n, Hand Hirt, Igel, Insekt, Nadel, Netz, Rad, Rettig, Tafel, Tasse, Zange derart emznUagen, bflfi die Anfangsbuchstaben der wagerechtcn Reihen , o q 4 gleichlautend sind mit denen der senk« Reihe a stehenden Wörter ergeben. a b c d Redaktion: I. V.t R. Dittman». — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Stemdrnckerer (Pietsch Erben) in G' ß zu erforschen . . . 1 . , La, Oetvös, ich bin's. . . tnettt armer Freund . . . auch ich habe Sie nie vergessen, nichts' haftet so fest, als! die Jugenderinnernngen, wir wollen sie uns wieder hervorl- zaubern, Sie müssen mir von Ihrem Leben erzählen, von Ihren Kindern, von der Mutter dieser Kinder.. Sie zögerte etwas, als wolle sie nun von chm Horen. Und dumpf fügte er hinzu: „Bon meinem Leben, meinein verpfuschten, armseligen Leben, von meinen Kindern . . . von ihr, die mich gepflegt, drüben in der neuen Welt, als ich krank war, die rch auA Dankbarkeit heiratete, die mich verließ, als mein Glücksstern sank. . . aber die Kinder, die Kinder . . . sm smd mir geblieben. . . ihretwegen muß ich leben, muß ich arbeiten, o, sie sind brav und fleißig und talentvoll. . v hier meine Aelteste . . . mein Hausmütterchen . . . und dort die andern . . . Mary . . . nach Ihnen genannt, mein Singvögelchen, sie zwitschert den ganzen Tag, ach, wenn ich dre Mittel hätte, die glockenreine Stimme auszubilden." „Ich werde es thun, Oetvös, ich will meinem einsamen MiUiksebrerl" stand darauf Sie atmete aus. i Leben wieder Zweck und Ziel geben. Vertrauen Sie mir „Oetvos, Mustkleyrer. stano oaraus I Mud an, ich will es halten und pflegen tote mein eigenes. » äsw®» «r höfflSÄäfi tfif M ÄÄ dürft» sich «»«JjXÄSJ ®(“UUÄV"ie W-M-t für meine gütige »«rin =, Watete”'“5 **" **”* Sie den Stürmen der Seele gebieten, die mich zerrütten, I ans Fenster gezogen und liebevoll den Arm um ste g L« Sr-M,,gf°Zen nun lAn'°L"l>L tiSgS ’'“tegttoene M-rgenstnne leuchtete herein und stftlt- ÄStfÄSte &Ä* ÄÄSÄer än? »pelle geht, vertrockneten Kränzen, an denen zerknitterte Schleifen morgens, nachmtttags. ■ -- - hingen, geschmückt waren. Noten bedeckten ein unmodernes ' o,r'“ f’”s n Klavier und die Tische. . . => die Kleine, die sie hineingeführt hatte . . . Seltsamer Tonfall verriet die fremde Nationalität . . . „Ich wollte Rücksprache wegen Musikstunden nehmen", sagte die Frau, als der halbblinde Geiger ihr gegenüber saß und nach ihrem Begehren fragte. „Hier die junge Dame. . i...l L » Nun stockte sie . . U'. Tas Lügen ward ihr schwer. Er beugte sich i Er schien nachzudenken fuhr er über die Augen ... „Ich besinne mich, wer mit mir spricht. . . und nun, nun weiß ich es . . . nun fühle ich es, wer bei mir ist . . . Mary . . . Mary ... Sie sind es, Sie, die ich nie vergessen, wenn auch Meere uns getrennt. . . Mary . . . nicht wahr, ich irre mich nicht? ..." , ,, Er war aufgestanden, ihr näher getreten, er hatte ihre Hände ergriffen, er suchte mit den matten Augen ihre Züge Noten bedeckten em unmooernes I „Aber wir sind ^och^auch da", sagt»: dw ein . „Vaters Musikzimmer", sagte und reckten stch hoch und schlangenuhre Armeum-den^Vater 0 1 „und ich kann auch schon ganz gut zum Gesang begleiten, nicht wahr, und es wäre, doch so schön, wenn Mary eure große Sängerin werden würde..." , , Aus Marys Antlitz glänzte ein Strahl heißer Sehnsucht, — die Frau konnte sich nicht satt sehen an dem an-. Ämnw wieder", sagte sie, „nein, nwin Freund, tu dieser Art wünschte! , , , l Mpsl- sie sicli liier nicht bewähren sollte. Sie werden Wie stolz war er früher gewesen, tote unabhängig, tote I A^wen^s^ '^.hwr^G fonnn'.lt mit mir in die ^o^Ter Gedanke, daß ihm die Werbung um die Hand des I große Swdt? , ~ , reichen Mädchens mißdeutet werden könnte, hatte ihn da- schüttelte hest^d^n Kops.^ ... Es ist alles mals zurückhaltend gemacht. Er fühlte, daß er nicht der | . f ® niemand mehr Helsen. Und fort von willkommene Freier gewesen,'Stolz und Trotz trieben ihn I nn fürchte den Lärm da draußen, von dannen, der Herumreisende Virtuose - er paßte Nicht h er mochte ich auch niM, M nachsichtig zu in das hochmütige Handelshaus und sie — Mary — sie hier kennt m i A l unter den braven Kollegen bitt war eben keine Heldin, die nm etwas Großes kämpfen mVr . .. .^rnnOrchester unter .$ da meine konnte. — Auch jetzt verließ sie der Mut. I ® h hie ulten Weisen spiele, wenn alles umher So wollte sie wenigstens ehrlich sein. wnickt mir Beifall spendet, wenn sie komniett „Sie haben vorher in der Brunnenkoloiinade vortness- I andachtsvoll ^cht, m T IP § t sugeu, dann ist lich gestielt, Heer Oewös. Es ries längst berge,,-ne Seiten und mir b>Sjnb J™«“ “ ""liiert; bann Ml* herauf . . . Zwar sind Jahrzehnte darüber vergangen . mir dw Vergangenye meo ba§ Qe6ett gethatt das Wiederfinden hat mich tief ergriffen . . ." I «h die Gegetiwart, vgs^ w Müdes annehmen Er beugte sich vor, er horchte dem Klang der Stimme har . . aber, wem w j «och atme." »'««--bet "6semo8crten1 Herz voll Barmherzigkeit - so schritt Frau Mary ^enfen. ^Lösungen sind mit Aufschrift- ''P"iörättel.Lösung versehen innerhalb acht Tagen an da Redaktion der „GteßeNtk Faminerrdkällkk" einzusenden. Auflösung des Rätsels in vor. Nr.: Weser (ans Werra und Fulda-, Wkver. , zu thun, nlin sollen Sie mit mir zufrieden sein. Preis rätse l.*) Magisches Wortquadrat.