■PiröR Mittwoch -en 19. Mrs. 1902. — Nr. 42. KnlerhLltunMiblMMMichenerAnMrÄ«Wlll-A.n;eiger). orgcn sind incist von der Neffeln Art: Sie brennen, berührst du sie zu zart; Fasse sie an nur herzhaft, So ist der Griff nicht schmerzhaft. Geibel. dem Wandschrank, nicht eben gern gehorchend. „Ik weet't „Viertes Buch Moses, Kapitel funfunddreißig, sagte Niklas hätte lieber etwas Zärtlicheres gelesen, von dett Frauen, die Jesus dienten, von -er Freude der Mutter Maria, oder wie Maria Magdalena des Herrn Fuße mit ihren Haaren trocknete. Aber der Bruder lrtt eme Unt - brechung der Reihenfolge nicht, und so las er. „Von den Städten der Leviten, Freistätten.und^Totschlag. Mer jemand mit einem Eisen schlagt, daß er fnrvt, der ist ein Totschläger und soll des Todes sterben. Wirst er ihn mit einem Stein, damit jemand mag getötet werden, daß er davon stirbt, so ist er em Tot- sckläaer und soll des Todes sterben. Der Rächer des Bluts soll den Totschläger zu Tode bringen: wie er geschlagen hat, soll man ihn wieder toten. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule. Tas soll euch ein Recht fetit bei eueren Nachkommen, wo ihr wohnet. Und ihr sollt keine Ver- iöbnunq nehmen über die Seele des L-otsch^gers, denn er ist des Todes schuldig, und er soll des Toves sterben. Und schändet das Land nicht, darinnen ihr wohnet. Denn wer blutschuldig ist, der schändet das Land, und das Land kann vom Blut nicht versöhnt werden, das darinnen vergossen wird, ohne durch das Blut besten, der es ver- Verunreinigt das Land nicht darinnen ihr wohnet, darinnen ich auch wohne; denn ich bm der Herr, der unter den Kindern Israels wohnet." Fn der Nacht seufzte Niklas viel, und warf sich m dem den Brüdern gemeinsamen Wandbett unruhig herum. Ter Gedanke an"die^schöne Ebba regte ihm das Blut.gewa tig auf. „As't mau god gedeiht!" dachte er betrubü,,Seis rn,L snikker Meiste, — UN ik en ölen Knast von fiefunveertig Jahren! Tat paßt aä de Haspel up'n Kohl- hott." — Der Eimer an der Decke fiel ihm em, ein wach- tiqer Bundesgenosse bet jeder Werbung, aber er seufzte unaetröstet. Er sah den Mondstrahl an, der über ^.ldam und Eva und dem gen Himmel fahrenden Christus spielte, Unt> ^oll di^still 'in^de Koje, Brüdigam", murrte Tobias. enbI1SfIa§ faßte seinen Arm. „Bro'er, ick toeet nich> wat mi ankummt. Dat frostt mi so dörch de Knaken. Jk meen bat Unglück nimmt to'r Husdör herin un set t stk an dm Fuerhe^^ll toefen. ,t xurnrnUr jo en Wiw in't HuuL — Tösselbart', fängst Grillen? Sonntag gehst mit deiner Braut zu Tanze." — . . , . Ter Vollmond stand über dem Mm«r. Auf den kleinen glitzernden Wellen woben seine Strahlen eine breite (Nachdruck verboten.) Tobias Breeden. Von Luise Westkirch. (Fortsetzung.) Tobias unterdrückte einen Fluch, „Nu mak Se'r en Enn' von, Nahbersch." c . .„ „’t kummt'r up an, wat de Deern seggt. "q, de is't tofreden!" "De is jo nich so dwatsch as Se, hätte gern selbst mit ihr gesprochen. M°n't Wicht kummt jo nich. Nu, dann richte Sie's man aus. Achus ook Frau Jürgens ftihr auf. „^eses, will he Heun all gähn? Un ik hev em noch nich mal n Lutten mschenkt, as't sik hurt bi de Frijerie!" . , Sie aus dem Thran kommt, is Mir die ~uft vergangen." „ „Ja, ik kann ook gar mx mihr denken. Tobias ging grimmig seines Wegs. So sehr Ebba ihm gefiel, so unleidlich war ihm ihre Mutter. Er hatte keine Geduld mit winselnden Frauenzimmern. Hatte er Nerven gehabt, die schwarze Mutter Marmka wäre ihm auf die Nerven gefallen. Er besaß aber nur Galle. Niklas erwartete den Bruder in der offenen Hausthur, unruhig trippelnd. Mit seinen vorgebogenen Schultern, vornüberhängenden Armen und den blitzenden, dunkelblauen Augen, erinnerte er lebhaft an einen außerordentlich vergnügten Vogel. Als er des Heimkehrenden ansichtig wurde, drehte er den Kopf zur Seite und Pfiff. „Verleevt as'n Maikatt", dachte Tobias, „un will Mi n X för'n U vormaken. So'n Jung'!" Er schnitt eine Grimasse. „He mc-ent, tot stün'n all in'n Kohl, un nu stahl tot erst in de Strunken. Zieh dich's nich zu Gemüt, Niklas. De Ollsch is jo man en olt Wrack; aber Ebba, de is as so'n smuck DreimastschiPP. De holt Kurs" « c. „Hett se sik nich bannig versiehrt?" erkundigte sich Niklas mit zugeknisfenem Auge. „Verfiehrt! Vor'n smucken Frijersmann? — Snack — Se was nich to Huus. Seggt Bescheid. — Un nu krieg' Gottes Wort to Hand, un denn willen toi dm Dag beschluten." Niklas ging in die Stube und nahm die Bibel aus — 169 Silberbrücke hinüber zu dem in leuchtendem Nebel ver- schwimmenden Festland. Schwarz ragten zum lichterfüllten Himmel die segellosen Masten und Stangen der auf der Reede verankerten Boote. Ter Dampfer, der den Verkehr mit dem Festland vermittelte, lag wie ein schwarzer Block inmitten des flüssigen Glanzes. Und rötlich durch das bleiche Mondlicht brach der regelmäßig wechselnde Strahl des Leuchtturms hoch oben ans dem höchsten Punkt des Dünenstranges, während von den Nachbarinseln rechts und links fernher über die weißschimmernden Wellen- kämme der Brandung die Brüderleuchttürme herüb-er- zwinkerten, jeder in seinem besonderen Licht, ein Geschlecht nimmer schlafender Wächter, die ihre Warnungen mit Flammenschrift hinausstrahlten in die dunkle Wasserwüste: „Hüte dich, schmuckes Schiff! Hier droht die Untiefe, dort das Riff! Gefahr rechts! Gefahr links! Und schmal nur die Straße, die zum Hafen führt." Draußen am Strand peitschte der Nordwest noch immer die Wogen; ihr Rauschen donnerte über die abendstille Insel. Wer an der Wattseite war's ruhig, lauschig. Wie ein schneebedecktes Hochgebirge streckte die Dünenkette ihre phantastisch gezackten weißen Gipfel in den schimmernden Himmel. Willkürlich zerstreut schmiegten sich die Häuschen des Dorfes um ihren Fuß, dunkle Würfel, in deren Fensterhöhlen hie und da ein rötliches Licht glühte. Angepflöckte Kühe und Schafe weideten behaglich das kurze Gras der Wattwiesen. Ihre Gestalten und die Schatten, die sie auf die mondhelle Flüche warfen, verschwamme^ miteinander zu ungeheuerlichen schwarzen Flecken in dem lichten, schleier> artigen Dunst, der über den: Boden zitterte und den Fuß der fernen Dünen wie in einer Wasserfläche Verschwimmen ließ. Zwei junge Menschenkinder standen auf der Wiese, der Bursch, schlank, braungelockt, mit Feueraugen in dem seltsam ernsten Gesicht. Bon des Mädchens krausem Haar war das helle Kopftuch geglitten; es schimmerte silbern wie der Mondstrahl auf dem Wasser, und ihr Gesicht war weiß wie der Gipfel der Dünen, ein eigenartiges Gesicht, wie man's bei griechischen Büsten und Frauen aus dem hohen Norden manchmal findet, schmal und scharf, mit einer Nase, die ohne Einbuchtung an der Stirn ansetzt, mit hochi- gewölbten Brauen und Hellen Augen. Nichts hatte Farbe darin, als der feinlippige Mund. Den Burschen umspann der Zauber der Sommernacht. Er hatte einen Arm um den Leib des Mädchens gelegt und die Grenzen der Dinge vergessend, baute er sein Glück auf seines Herzens Wünsche, eine Grundlage, so fest wie der Regenbogen, den die Mondstrahlen in den schillernden, zitternden Wasserdnnst um der beiden Füße malten. Das Mädchen aber schwärmte nicht. Es sah dem Mond gerade in sein leuchtendes Angesicht, und es verwirrte ihr nicht den geraden, harten Sinn. „Ich sag' Dir, Wilm, er snackt grauses Zeug/« „Laß ihn snacken, Ebba." „Ja, wenn's man bei's Snacken bleibt." „O, wenn er Ernst macht, dann sagst Du ihm —" ' „Dann sag' ich nix, Wilm! Gar nix sag' ich dann." „Ebba!" Er funkelte sie an mit seinen strahlenden Augen; aber sie hielt seinen Blick aus. „Lügen und trügen is meine Art nich. Breedens sind reiche Leute, haben 'ne Schalupp und 'n Harrs. Urrd bei Mutter is Geld 'ne rare Ware. Wir wissen nicht ein noch aus. Was soll ich thun?" „Muß ich Dir's sagen? Ich hab' gemeint, Ebba; Du hättest mich lieb." Sie lachte kurz und trocken auf. Es klang wie ein Schluchzen. Plötzlich warf sie die Arme um den Hals des jungen Menschen und küßte ihn leidenschaftlich. „Warum bist Du nich en riefen Mann as he?" „Töw marr zwei, drei Jahre, Ebba. Ich lieg' nich auf der faulen Haut und versteh' mancherlei." „Du verstehst — was denn? Möven schießen und Postbot' spielen im Sommer, die Stadtherrens barbieren litt wit'n Harmonika zum Tanz aufspielen. Damit lockst keen Katt achtern Wen weg." „Ebba", sagte d er Bursch leise, „wenn Du Niklas Breeden heiratest, geh' ich zu Schiff wie Ohm Hjelm un krieg 's gelbe Fieber wie er. Äeern, Deern! Weetst denn noch ummer nich, dat Di keen Minsch so leev hebben kann as, ik?" Er preßte sie an sich; sie strich ihm die dunklen Locken aus der Stirn und legte die Finger auf seine Augenlider. „Wien Jong! Mien eenzigste Jong! Wöer ik man 'n Eschenwirt sein Deern, oer Kirsten Marieken, oer sonst een’, de ’t malen turnt, — Du sollt'st nich fragen, ob ich Dich lieh hab'! Solltest grabbeln bis an den Ellenbogen in meinen blanken Thalern, damit nach den Strandläufern werfen, wenn's Dir gefiele. Ich hätt' meine Freud' dran. Wer ich bin der armen Marinkamöh ihr arme Ebba, un de mutt klook sien, — de mutt klook sien!" Ihm gefiel die Gegenwart so gut, daß er sich den düstern Sorgen um die Zukunft völlig entschlug. Er hatte sich auf einen Sandhügel am Fuß der Dünen gesetzt und wiegte das Mädchen auf den Knieen. „Sonntag is Freitanz beim' Eschenwirt. Da kommst Du. Da tanzen wir mitsammen." „Ja", sagte sie leuchtenden Auges. „Du mußt ja zum Tanz aufspielen. Nich mal tanzen kann mau mit Dir." „Doch, Ebba, doch, 's geht umschicht diesmal mit einem aus Norden. Ich hab's nich anders gethan. Sieh, ’n halben Thaler geht mir damit flöten. Wer ich will ihn nich 's macht mich toll, wenn einer Dich in seine Arme faßt, und ich soll noch dazu aufspielen. Nee, nee! Geld is 'n mojesl Ding und ich weiß ’r auf zu laufen. Wer das Höchste ist es nicht, Ebba, das Höchste nicht!" Sie schalt nicht über seine Verschwendung. Sie nahm seine Hand und drückte sie an ihre Wangen. In diesem Angenblick fiel ein Schatten über die beiden und eine spöttische Stimme sagte: „Bongschuhr! Dat hev ik drapen. Wilm, Kerl! sühst jo so stündlich ut, as'n Ärm voll junge Satten! Wat heft bi mien Deern herümtosnökern?" Wilm war aufgesprungen. Eine heftige Erwiderung schwebt auf den Lippen. Ebba zupft ihn verstohlen ängstlich am Aermel. „Halt' dich still!" Und sie wandte sich zu dem Aufdringlichen. „Die» Deern, Jan Jürgens, stecht bi'n Eschenwirt und sprüt't Beer." „Fallt ehr nich in!" lachte Jan. „'n Voss? Tat wörp keen Speck vör mien Back." „Soll ich das der roten Trina wiedersagen?" „Ewig still, ik hev en Deern. Man von de schall en attner sien Pfoten wol af laten. De mt da mang spülen*) will, den slag ik de Knaken to Mus. Wokeen ment is, mag ’r anrüken, as Kaspar an'n Suurkohl." Dabei sah er mit schiefem Blick aus Wilm Hansen, dem die Adern auf der Stirn schwollen, nnd der kaum noch an sich hielt. Aber Ebbas Finger zupften noch immer schmeichelnd an seinem Aermel. „Halt' dich still! Halt' dich still!" Ein Gedanke stieg in ihm aus. Er drückte die zitternde Hand und lächelte. Ebba sah Jan Jürgens an mit furchlosem, hartem Blick. „Un as een nich na dien Piep danzen wull, dennl wardst'm wol't Ohr afbiten as den Schipper up de Hoodener! Kirmeß, he?" „Ah, meenst, ick scheer mt wat üm acht Tag Hast? Ik hev nüms**) so god slapen könnt as itt’t Emdener Ge-i fangenhuus." „Wer ans Hängen gewöhnt is, dem juckt der Hals! nich mehr", sagte das Mädchen mit zorniger Verachtung.^ Jan Jürgens lachte. Er war ein breitschultriger Gesell, Schiffer von Gewerbe. In seinem wetterbrauuen Gesicht erschien das hellblonde Schnurrbärtchen beinahe weiß, — übrigens ein hübscher Bursch, dem die Mädchen allerorten nachliefen. „Wilm", sagte er plötzlich grob, „weetst ivat? Nit schund af! Heest Breef herüm to dragen. Flink! Flink! Se luurett all! Schuuv af, segg ik, schuuv af! Mien Brut bruukt so'n Landratt hier nich —" „Tien Brut!" fuhr Ebba auf. „Zu Pfingsten auf dem Eise bin ich deine Braut. Ich wollt viel lieber in die See gehen. Die Braut von einem, der noch mal gehängt wird! — „Meenst? Ik segg di, Wicht, mi frijest oder keen! Ten Knüppel up'n Kopp flag ik jeden Keerl, de di frijen will." „Mien Katt Heft versupt***), wil ik se di uich ntz't *) spuken — pfuschen. **) nirgends. ***) ersäuft. 167 Schipp geben foult Minschen fünft feen Katten, Jan „Ta berlat' di nich up. Un foat dat Hängen angeiht, — as tl mi tobörderst mildernde Umstände ansupen doh, meen if, se schall'» ’t tvol bliben laten. De Herr Staatsanwalt fooll' mi gern an'n Kragen bi de Hoodener Sak', man do het en Uhl inseten. Un mi-en Will'n hebb ik doch kregen! Süh, de Karnaille is sien Ohr quitt." Ebba preßte die Lippen zusammen, und antwortete nicht mehr. Sie ging rascher, immer rascher; ihre Begleiter treu ihr zur Rechten und Linken. Heimlich sann sie, wie sie Wilm zurückhalten, bor einem Alleinsein mit ihrem wüsten Detter behüten könne. Es ängstigte sie jetzt, daß er gar kein Wort redete. Am Eingang in die Dünen kehrte Jan sich plötzlich um. „Tat ward mi to dumm. Ik gah uas Huus." Ta that auch Wilm endlich den Mund auf: „Ich geh' mit." Darüber verwunderte sich Jan, „Nu sla doch Gott den Tüwel dod! Dat harr ik mi nich drömen laten, dat du mi so leeb heft." „Tu hast mir deine Gesellschaft aufgedrungen", sagte der andre, „nu mußt' mit meiner zufrieden sein." Ebba hob flehend die Hände: „Wilm — Ta lachte Jan roh aus. „Sühst heel benaut ut! Büst bang üm dien fönten Bengel? Bang um sien moje Ohren?" „Gute Nacht, Ebba", sagte Wilm. Er trat an Jan Jürgens Seite. (Fortsetzung folgt.) Der Herr Assessor. Eine Szene aus dem Gerichtssaal bon Paul A. Kirstein. (Nachdruck verboten.) Ihm war's, als schlüge ihm das Herz bis an den Hals hinauf, als wollte es ihm zerspringen, 6ebbt er noch das erste Wort gesagt. Das also war sein erstes Auftreten, seine erste öffentliche Amtshandlung, nach! der er sich! so gesehnt, schon in den Zeiten, wo er noch bor dem „Assessor" stand, und die ihm im Korps von den alten Herren so angepriesen war, daß er schon als krasser Fuchs das lebhafteste Verlangen nach ihr trug. Er strich sich! mit der Hand über die breite, kantige Stirn, daß die Haare seines Pomadisierten, glatten Scheitels sich sträubten und kerzengrade an den Seiten in die Höhe standen. „Nur Mut, junger Kollege", flüsterte ihm der alte Landgerichtsdirektor zu, der die Verhandlung leitete, „wir haben das alle einmal durchgemacht. Lampenfieber! Haben wir alle einmal gehabt. . . vergeht beim ersten Satz. Und schließlich! — wir sind ja nicht im Theater." Liebenswürdig und verbindlich bernetgte sich, der junge Herr Assessor, aber sein Blut wurde nicht ruhiger. Es jagte ihm wie toll durch die weiten Adern und hielt immer wieder in dem Herzen, als wollte es dort Milde und Versöhnlichkeit erwecken. Denn in der breiten Brust, da zuckte und wogte noch etwas anderes, das ihn viel mehr quälte und beunruhigte: Reue, Gewissensbisse, die im Laufe der Verhandlung gekommen waren und sich! nicht bannen ließen, nicht mit Vernunft und nicht mit ausgesprochenem, festem Willen. Zu überraschend hatte ihn heute auch! die neue Pflicht getroffen. Die Staatsanwaltschaft, der er wegen seiner Beziehungen zu dem alten, wohlberufenen Korps zuerteilt war, war überlastet, drei der Mitglieder durch große Schwurgerichtsprozesse abgehalten, zwei andere anderweit beschäftigt, und der eine, der gerade noch! übrig blieb, infolge allzu großer Thätigkeit erkrankt. Erst an demselben Morgen war die Nachricht aufs Gericht gekommen, und keine Möglichkeit, die Termine zu verschieben. Es war eine aufgeregte halbe Stunde. Schließlich war der Oberstaatsanwalt zu ihm gekommen. „Sagen Sie mal, Assessor von Hekking, Sie haben mit den Kollegen zusammengearbeitet, Sie wissen sicherlich etwas Bescheid--sagen Sie mal, können Sie nicht tue paar Dinger für heute übernehmen?" Mit Feuereifer hatte er zugestimmt. „Also, Gott sei Dank! Daun ist uns ja geholfen." Der alte Herr schob ihm einen Stoß von Akten hin. „Na, denn man zu! Und viel Glück zur ersten Ver- teidigungsrede!" Hekking ließ sich kaum Zeit, sich zu sammeln. Nicht einmal seinen Freunden teilte er die große Neuigkeit mit. Schnell und hastig schloß er die Thür ab und begann sich vorzubereiten. Er kannte zwar die erste Sache gerade nicht, aber sie schien ihm so klar, so einleuchtend, daß er nicht einmal nach Namen und Stand des Angeklagten sah, sondern nur schrieb, nur Aussagen und Beweise sammelte, und im Innern fast fertig mit dem Antrag und der Begründung war. — Wie ein Sieger schritt er endlich! in den Saal hinein. Im Vorzimmer hatten sie noch geneckt und gescherzt, daß es den älteren Herren fast schwer war, würdig und ernst $u erscheinen. Freilich^ sie kannten das, was kam, von bieten Jahren her, es bot ihnen nichts neues mehr, und auch nichts aufregendes; nur Hekking, als einziger bon ihnen, bebte ein wenig zurück, als er die Feierlichkeit des Raumes übersah, und an dem grünen Tisch seinen Platz einnahm, bon dem das Wohl und Wehe sehr bieler Schiri diger, noch mehr aber Unglücklicher kommen konnte. Ihm war es ganz eigen zu Mut. Aber freilich, das war das große Stück Weichheit, das in ihm steckte, gegen das er schon in feinen ersten Studienjahren so hart hatte ankämpfen müssen, daß sie ihm fast das Korpsband verweigert hätten. Dreimal hatte er erneut zum Schlagen antreten müssen. Nicht etwa weil er selber gezuckt oder sich gefürchtet hätte, o nein! Aber wenn nach seinen sicheren Hieben dem anderen das Blut hoch auffpritzte und langsam über die Haut herniederrieselte, dann war ihm immer, als zöge ein Schleier über feine Augen. Dann überfiel ihn ein Zittern, daß er wankte. . . . Sie hatten es ihm immer sehr übel vermerkt, und nur eigentlich seiner tadellosen Gesinnung und seiner sonstigen guten Eigenschaften wegen gaben sie ihm das heißersehnte Band. Es fiel ihm jetzt wieder ein, als er den Angeklagten so bleich und niedergeschlagen auf der schmalen Bank erblickte. Aber noch kämpfte er gegen sich an, noch bemühte er sich, seiner Pflicht eingedenk, das Haupt zu tragen, und den Verstand über das Hetz zu setzen. Et hatte die Macht ja hinter sich, und keine schönere Aufgabe gab's, als der staat-! lichen Ordnung zu ihrem Rechte zu verhelfen. Erst als der Präsident die Verhandlung Begann, zuckte er wieder zusammen. Der Name seines Heimatsortes drang an sein Ohr, und mehr überrascht als erschreckt, blickte er auf. Das Städtchen wat so klein, er kannte sonst dort alle Menschen. . . . Er blätterte den Aktendeckel um. . . . Was las er? Der, der hier angeklagt, das war sein Jugendfreund; mit dem er gearbeitet, gespielt und getollt, bis — bis! . . .• Ein glühendes Rot zog über sein erregtes Gesicht, tief senkte er den Kopf hinab, und rückte unruhig auf seinem Platze hin und her. Ein altes Geschichtchen fiel ihm ein aus seinen Knabenjahren — eins, oas er so gern ungeschehen gemacht hätte, das er so gern bergeffen wollte, und das immer wieder wie ein Gespenst bor ihm erwachte, ein nicht zu bannendes Gespenst. O — er war ja damals so feig, so schlecht — — Der alte Landgerichtsdirektor stieß ihn leise an. „Kollege, Kollege, — nehmen Sie sich zusammen!!! Was soll man denken. . Er entschuldigte sich ebenso leis. Das Ungewohnte, Ueberraschende —" Er sprach nicht weiter, denn ihm war, als stieg ihm der Blutstrom wieder bis zum Hals. Aufrecht saß er da, die Augen fast starr in das kahle Zimmer gerichtet. Kein Wort entging ihm mehr; aber er rührte sich nicht. Fest wollte er bleiben und seiner Pflicht bewußt, denn was — was war es eigentlich, dieser Streich aus seinen Kinderjahren?! Nichts . . . Nichts! Er war tausendmal Bereut und ber- geffen, sicherlich auch bon dem, den er jetzt anklageu sollte bor der Oeffentlichkeit. Denn wie der ihm in die Augen sah, so sah nur einer, der nichts mehr weih und nichts erkennt. Wie sollte er auch, nach Wer zwanzig Jahren!! 168 da. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitats-Buch- und Steindruckerei (Pictsch Erben) in Gießen. Von Geh. Der Groll verlegte ihm die Stimme. „Sie haben also eine gute Jugend gehabt", sagte der Präsident. „O ja — aber eines Tages, da war aus dem Eßzimmer ein bißchen Chokolade verschwunden. Niemand hatte es gesehen, niemand genommen, nur ich — ich also mußte es sein, der es gestohlen. Der Sohn sagte einfach nein. Mir aber glaubte man nicht. Mich schlug man, mich jagte man fort--" „Herr Assessor, Herr Assessor!!" ,,— — und int ganzen Dorf war ich geächtet und gemieden, kein Kind sprach mehr mit mir, kein Mensch wimmerte sich um mich Und ich war's doch nicht gewesen, nicht ... bei allen Heiligen des Himmels!" Er schlug ctu: die Bank, daß es dröhnte. „Angeklagter . . ." Es hatte der Mahnung nicht mehr bedurft. Er zwang Scherzrätsel. (Nachdruck verboten.) Wer errät cs, was kann dienen Herren, Lampen und Maschinen? (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Pyramide in vor. Nr. A A L ALE LENA LENAU LAUBEN GLAUBEN Mikroskope. Tr. W. Scheffer. Mit zahlreichen Abbildungen. Mark 1.—, geschmackvoll geb. Mk. 1.25. („Aus Natur und Geisteswelt." Sammlung wissenschaftlich-gemein- verständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Missens. 35. Bändchen.) Verlag von G. B- Teubner in Leipzig. «weck des Büchleins ist, bei wertevett Kreisen Interesse und Verständnis für das Mikroskop zu erwecken. Ausgehend von der einfachsten Erscheinung des im Wasser gebrochenen Lichtstrahles wird zunächst die optische Konstruktion und Wirkung des Mikroskops erläutert. Dann " . An diese wird seine historische Entwickelung an der reicher Original-Reproduktionen dargestellt. schließt sich eine Beschreibung der modernsten Mikrcqkop^ typen — Hilfsapparate und Instrumente — an. Speziell wird der Beleuchtungsapparate gedacht, sowie der Vorrichtungen zum Zeichnen und Photographieren der mtkro- skopischen Bilder. Endlich wird an zwei dem Mtkro- kopiker und Mikrophotographen besonders naheliegenden Beuvielen — dem Plattenkorn vor und nach der Ver- stärkung, sowie der Messerschneide und ihrer Wirkung L gezeigt, wie sehr die mikroskopische Untersuchung die Einsicht in Naturvorgänge vertiefen kann. Die Erläuterung dieser zwei Beispiele geschieht an der .Hand von Reproduktionen nach Originalphotogrammen. So kann das Bändchen einem jeb-en warm empfohlen werden, der sich etwas näher nut dem Mikroskop, daN nicht nur ein Instrument zum Suchen von Mikroben, sondern ein wichtiges Hilfsmittel unserer gesamten Nature erkenntnis ist, bekannt machen möchte. sich schon zur Ruhe. „In Trotz bin ich für mich allein geblieben. Wer einmal, da stand ich auch wie alle andern an der Straße, und der Gutsherr ging durch, und jeder zog die Mütze und sagte „Guten Tag" ... ich nicht!! Ich blieb abseits und vreßte den Mund zusammen. Mein Herzklopfen hätte mich hoch nicht reden lassem____________________________________ Der Gutsherr sah mich, wohl. Er kam zu mir heran, er tippte mich auf die Schulter: „Na, kleiner Dieb, willst Du nicht auch „Guten Tag" sagen?" Es muß wohl Scherz gewesen sein, denn die Großen lachten alle. Mich aber packte die Wut — ich schlug ihm ins Gesicht, so klein, wie ich war . . . denn ich, war nicht der Dieb, nun und, nimmer- !!" „Assessor!! Nun nehmen Sie sich aber zusammen! Wenn Sie bei jeder Kleinigkeit weich werden wollen, dann dürfen Sie nicht richten wollen!" „Damit war's aus! Mein Vater verlor sein Amt — wir mußten wandern, immer wieder, von Ort zu Ort. Auf mir alle Schuld, auf mir alle Anklagen und Beschimpfungen — ich allein war an allem Elend, an Not und Sorge schuld. Früh mußte ich dann ins Leben hinaus, mußte sorgen und erwerben, denn mein Vater starb; alle Last ruhte auf mir. Aus Not vergriff ich mich das erstemal — und dann geächtet und verachtet wie ein richtiger Dieb zum zweitenmale, und aus Trotz immer wieder und wieder. Ern Dieb war ich a doch, solange ich denken kann — nun ist's einerlei. Der aber, der nun vielleicht geehrt und geachtet im Leben steht, der, Herr Präsident, der ist schuld für mein verpfuschtes Leben, der nur ganz allein!!" Mit dumpfen Schrei und leisem Schlag fiel eben am Richtertisch einer zu Boden. Tie Herren sprangen auf. „Schnell einen Arzt!! Assessor Hekkmg ist erkrankt!", „Hekkina!!!" Wie ein Wutgeschrei tönte es von der Anklagebank her. „Also doch — doch . . . O, Du — Du." Er war hinaufgestürzt an den grünen Tisch. ©eine Fäuste waren geballt, seine Augen rollten wild umher. An diesem Tage fiel die Verhandlung aus, denn beide, der Staatsanwalts-Vertreter und der Angeklagte, wälzten sich auf ihrem Lager, in Thränen und stummer Qual... _________ r lachte fast laut in die Versammlung hinein. Der Präsident sah in verwundert an. „Herr Kollege. . sagte er mahnend. Er entschuldigte sich die Frechheit des Beklagten hätte ihn veranlaßt. Der andere schüttelte den Kopf. Ernst führte er dann die Verhandlung weiter. „Sie sind schon mehrmals vorbestraft, Angeklagter?" „Ja." ; ",Wie oft?" „Höhnisch zuckte es um die Lippen des Angeklagten. „Ich, weiß es nicht." „Sie wissen es nicht?" Er drohte mit dem Finger. >,Seien Sie doch nicht so verstockt!" Das müde Gesicht des Angeklagten veränderte sich im Augenblick. Es wurde fast traurig und weich und wie ein stiller Strahl von Entsagung zuckte es in ihm auf. „Ich bin nicht verstockt — gewiß nicht", sagte er feierlich und bewegte langsam den Kops hin und her. Die Lippen zuckten noch, als wollte er mehr berichten; dann aber schlossen sie sich fest, und ein feuchter Schimmer quoll unter den Lidern hervor. „Nun —" der Präsident hatte die Akten durchgesehen —. „nach Ihren Vorstrafen zu urteilen, scheint die Vorhaltung doch zuzutreffen. Es sind ja schon recht viele, und immer wegen desselben Vergehens, immer wegen Diebstahls." Der Angeklagte senkte den Kopf. „Mir scheint also, ein bischen Verstocktheit... ist bei Ihnen im Spiel; denn sonst--" „Ich konnte ja nichts dafür!!" In diesem Aufschrei war etwas, das die Herren rüttelte. Atemlos und fast bewegt sahen sie zu der engen Bank hinüber. Auch der Assessor beugte sich vor, daß ihm kein Wort, kein Blick entging. Es schien, als wäre es nur das Interesse :des Staatsanwalts: doch es war etwas ganz, ganz anderes, die Furcht, die ewige, nicht zu bannende Furcht. Der Landgerichtsdirektor nahm wieder das Wort — nicht leicht und schnell wie sonst, mehr mit Ueberlegung, und weicher im Ton. „Sie sagen. Sie können nichts dafür. Für fremde Schuld wird niemand verurteilt." „Mr fremde Schuld. . . nicht! Nein--" Der Angeklagte blickte wehmütig vor sich hin. „?tun also. Und Sie sagen. Sie konnten nicht dafür?" „Herr Präsident es giebt auch Dinge, die einen zu — zu etwas treiben, weil man sie nie begangen, und weil man dennoch für sie leidet." „--Das . . . versteh' ich nicht." „Ich bin ein kleiner Junge gewesen, mein Vater war Lehrer in dem Dorf, und der Gutsherr lud mich zu seinem Sohn als Spielgefährten. Wir waren immer zusammen, immer--- fast jeden Tag. . ." Der Assessor war bleich geworden. „Ich hab' mit dem Sohn gelernt und gelebt. Da —