Mittwoch den 19. Februar. Hf lPnoH>är.autg- H-Noll. G'lg,s’se.* h 1902. — Nr. 27. zjagSafj ab, mein Herz, von Klagen und Sehnen — Es scheint die Sonne durch Regen und Thränen; — Es ist kein Leben davon befreit: Ein jedes hat seine Regenzeit, Und Tage, trüb und traurig. H. W. Lougsellow. (Nachdruck verboten.) Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) In Weras erstorbener Seele regte sich etwas, was mächtig an Maturins schöne Worte erinnert: Wenn Himmel, Engel, wenn die ganze Welt Die Frevler überlassen ihrer Schuld, Dann flüstert in des Kindes Stimm' ein Cherub! Weckte eine holde Stimme Weras schuldiges "Gewissen? Geisterbleich blickte sie den kleinen Sprecher an. „Was sprichst Du von Gottes Gerechtigkeit? Was für Dinge redet diese Spanierin, diese Clarita mit Dir?" „O, Mama — ihre Religion ist tröstlich, ich lausche ihr so gern! so gern! Alle meine Schmerzen werden mir dabei leichter. Weißt Du" — fuhr er leiser fort — „ich muß hier in den langen Nächten und Tagen so viel an Wladimir und Alexis denken. Ich weinte einst bitterlich um deren Geschick, da erzählte mir Clarita von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit." „Still! still!" schrie aber jetzt Wer« entsetzt auf. „Rede, sprich mir nicht von Alexis! Er verfolgt mich ohnehin!". . „Er verfolgt Dich?" wiederholte der Knabe bebend. >,Mama, Mama,, was heißt das? Hast Du —" „Ich habe ein Verbrechen begangen!" stöhnte das unglückliche Weib — von der Macht des Augenblicks bezwungen. „O, Mama — hast Du meinem Bruder ein Leides gethan? Sage, o sage mir alles!" „Ja!" — rang es sich krampfhaft von ihren fahlen Lippen — „ich will Dir alles sagen, die Qual ertrag' ich nicht mehr." Und mit irrem Auge und fieberhafter Hast flüsterte sie ihrem Sohne ein schreckliches Bekenntnis zu. XXII. Errungen. Gedenk' an Vaugham und laß die Lanze fallen Vor schuldbewußter Furcht! O Gott! ich fürchte, Dein Gericht vergilt's! Shakespeare. Als ein halbes Stündchen später Clarita dem Krankenzimmer nahte, begegnete ihr euig eine der barmherzigen Schwestern. „Ich wollte Sie eben rufen, Fräulein de la Para, unser kleiner Patient ist recht schlimm, er verlangt dringend nach Ihnen. Schwester Scholastika ist bei ihm, vermag ihn jedoch nicht zu beruhigen." „Was ist denn geschehen?" lautete Claritas atemlose Frage. „Seine Mutter war —" „Gerade mit ihr", — nickte die Schwester — „muß er eine angreifende Szene gehabt haben. Madame ist wenigstens in heftiger Aufregung förmlich nach ihrem Zimmer geflohen und hat die Thüre hinter sich verschlossen." Die beiden waren jetzt an der Stube. Clarita eilte hinein. Wachsbleich schaute Feodors Gesichtchen aus den Kissen hervor, es war von Thränen überströmt. „Meine Clarita! Komm', komm' zu mir!" schluchzte er bei ihrem Anblick. „Du mußt, Du wirst mir helfen." — Er schmiegte sich an sie, da sie liebreich sich zu ihm niederneigte. „Ich habe Dir etwas — etwas Entsetzliches zu sagen. Sind wir allein?"- Die Schwester, die vorhin neben seinem Bette gesessen, hatte sich diskret zurückgezogen. „Wir sind allein, mein Freund .versicherte Clarita beruhigend. „Sprich! Was hast Du?" „Du sollst mir helfen — ich muß zu der Zariza!" „Clarita erschrak. Sprach das Kind in Fieberphantasien? Zur Kaiserin, zur Zariza? wiederholte sie unwillkürlich. „Ja, ja — zu ihr; sie ist nicht weit von hier in einem Badeorte. Sorge Du nur schnell, daß ich dorthin reisen kann." — Und wohl um einer etwaigen Einwendung von vornherein zu begegnen, fügte er erregt bei: „Ihr habt mich ja von Rußland bis hierher geschleppt, warum sollte ich da nicht ein paar Stunden weiter fahren können, wo es sich um Alexis handelt! Weißt Du — er ist nicht gestorben! Er lebt noch — als Verbannter in Sibirien. Deshalb muß ich zu der Zariza; ihr muß ich die Beweise für des armen Alexis Unschuld bringen und für meine Mama - " Alexis' Unschuld! Clarita hörte nichts anderes; sie konnte sich kaum fassen. Bor innerer Bewegung erzitterte ihre Stimme: „Alexis' Unschuld! Es giebt Beweise dafür?" „Ja, Clarita, ich habe es eben erfahren. O, mein Kopf ist mir ganz verwirrt — es ist eine schreckliche Geschichte —" „Und Wera — Deine Mutter wußte, weiß sie darum?" „Freundin — ich kann nicht davon sprechen. Geh' zu Mama, sie ist furchtbar erregt. Rede zu ihr, vielleicht sagt Sie Dir alles — dann aber, meine Clarita, vergiß nicht — es ist meine Mutter!" Die rührende Bitte verfehlte ihre Wirkung nicht, obgleich Claritas Pulse hämmerten. Sie fühlte die Notwendigkeit, äußere Ruhe zu zeigen und zwang sich dazu. Sie küßte den Knaben, rief die Schwester zurück und eute nach Weras Gemach. Sachte pochte sie an und bat Frau v. Ornatoff, sie möge öffnen. Einige Sekunden blieb es drinnen lautlos still. Um ihr Ungestüm zu mäßigen, sandte die Harrende ein heißes Stoßgebet gen Himmel, sie fühlte 106 frie Stunde nahe, welche die Lösung ihres Argwohns bringen mußte. Laut wiederholte fte ihre Bitte um Einlaß mit dem Zusatz, daß Feodor sie schicke. — Nun erschloß Mera die Thüre. Verstört blickte sie Clarita ins Gesicht; ihre unsteten Augen hatten einen seltsamen Ausdruck, ihre Lippen waren fahl und blutlos, sie bebten unter den heftig hervorgestoßenen Worten: „Es ist gut, daß Sie kommen, Mademoiselle, ich bedarf des Trostes. Es verzehrt mich eine entsetzliche Angst! Glauben Sie — mein Kind werde sterben?" Sie hatte rasch, fieberhaft gesprochen, ebenso wiederholte sie: „Giebt es keine Rettung mehr? Jst's Wahrheit, daß mein Kind,, mein Sohn sterben wird?" „Ich fürchte es", antwortete Clarita aufrichtig. Mera umfaßte Claritas Handgelenk in krampfhafter Bewegung. „Lud Sie — Sie sprechen mit ihm von seinem Tode! Erzählen ihm von einem Himmel, einer Ewigkeit!" „Warum sollte ich das nicht, da er es wünschte?" Gellend lachte Wer«. „Sie Thörin! Glauben Sie denn selbst an eine Auferstehung? an ein Leben nach dem Tode? an die vergeltende Gerechtigkeit eines Gottes im Jenseits?" Worte und Fragen übersprudelten sich. Verwirrt hastete dabei der Sprechenden scheuer Blick auf Clarita, doch ehe diese nur antworten konnte, ließ jene deren fast wundgepreßtes Handgelenk los, und stöhnte, auf einen Sessel niedersinkend: „Ja, ja, es giebt eine Gerechtigkeit Gottes — ich sehe sie — sie hat mich ereilt! Glauben Sie, Fromme, daß dieselbe sich noch versöhnen läßt? Daß mir Gott mein Kind läßt, wenn ich meine Schuld sühne?" „Tas müssen Sie jedenfalls thun!" erwiderte Clarita rasch und entschieden. „Je reumütiger Sie dabei handeln, je eher werden Sie Gottes Erbarmen herabrufen". Tas unselige Weib schauderte: der Boden schien ihr unter den Füßen zu wanken- Hastig irrte ihr Auge umher,. plötzlich stierte es entsetzt nach einer Richtung, abwehrend streckte sie beide Hände dagegen aus, indes sie wimmerte: „O, dieser Schatten! Dieser entsetzliche Schatten Wladimirs, wie er mich verfolgt! und doch — selbst wenn Geister drohen — ich kann, kann mein Verbrechen nicht bekennen." „So will ich es Ihnen nennen!" rief Claritas vibrierende Stimme — „Sie haben Wladimir Ornatofs ermordet!" „Nein, nein", wehrte Wera wild „ich that es nicht — er that es selbst, er nahm sich das Leben- — Nun will ich Ihnen alles erzählen. Hören Sie: Wladimir nahm sich das Leben infolge eines amerikanischen Duells- Nach demselben mußte er binnen Jahresfrist sterben, und diese Frist war wenige Tage, nachdem er durch den Tod seines Vaters zu reichem Erbe gelangt war, um- Niemandem hat der düstere, melancholische Mensch seine Absicht verraten, selbst seinem Bruder nicht, durch den er eine Vereitelung seines Vorhabens befürchtete. Er bekannte dies in ein paar Zeilen, die er kurz vor der unseligen That niederschrieb und an Alexis richtete, den er bat, ihm heftige Worte zu vergeben und in dem Besitze des reichen Erbes, das ihn zum Bärin von Ornatoffsko mache, glücklich zu sein. Feodors war mit keiner Silbe erwähnt. Er existierte für den finsteren Wladimir gar nicht. Das war's, was die bösen Geister zuerst in mir wach rief in jener schrecklichen Nacht, da ich:, zu Feodor gehend, durch die Nachtstille das Röcheln des Sterbenden hörte. Ich fand ihn, den Bestgehaßten, eben verschieden, vom Divan halb zur Erde niedergeglitten; nebenan auf dem Tisch lag der offene Brief im vollen Licht der Lampe. Mein Blick fiel darauf, meine Augen verschlangen den Inhalt des Blattes, und während ich las, kam mir jäh der Gedanke, wie leicht es sein würde, den Brief an mich zu nehmen, den Verdacht auf Alexis zu lenken und somit meinen Sohn zum alleinigen Erben, zum Bärin von Orna- toffsko zu machen. Den: Gedanken folgte die That. — Es war alles das Werk eines Augenblicks. Ehe auf meine Hilferufe die Menschen herbeieilten, war der Brief verschwunden und mein Gewissen beschwichtigt durch den Hinweis, wie jene aufklärenden Zeilen sich immer noch geschickt würden zum Vorschein bringen lassen, falls meine Berechnung auf Schwierigkeiten stoßen sollte. Solche gab es indes keine; ohne jegliches Zuthun lenkte sich zuerst durch das spanische Stilet, was Wladimir aus dem Zimmer seines Bruders mitgenommen haben mochte, der Verdacht auf diesen. Andere Umstände sprachen gleichzeitig dafür, und Alexis tolle Flucht bestätigte denselben vollends. Bis zu diesem Augenblick ist mir jene unbegreiflich geblieben. Indes damals hoffte ich heiß: sie möchte ihm gelingen. Alles, was ich wünschte, war, ihn landesverwiesen, seines Erbes verlustig erklärt zu sehen. Aber es kam anders." Wieder schauderte Wera, die bisher ohne Unterbrechung in fieberhafter Hast gesprochen hatte. Sie bebte an allen Gliedern, unterdes sie gleich hastig wiederholte: „Ja — es kam anders; Mexis wurde ergriffen und einem raschen Urteil entsprechend, in die Verbannung geschickt. Ich wandte mich fürbittweise an meine hohe Gönnerin bei Hofe. Man hielt mir zu Gefallen das Urteil der Oeffentlichkeit fern, Alexis aber verschwand in den Bergwerken Sibiriens." „Und Sie — Sie ließen das geschehen? einen Unschuldigen solch grauenhafter Strafe verfallen?" brach aber jetzt Clarita voll gerechten Zornes aus. Hochaufgerichtet stand sie vor der unter ihrer Gewissensqual Erbebenden; ihre Augen blitzten, das vernichtende Wort verstummte jedoch auf ihren Lippen. Nun die Stunde der Abrechnung gekommen war, siegte in ihrem Herzen das Mitleid mit der Schuldigen, die wenig mehr der einst so stolzen Wera, der hochfahrenden Intrigantin glich; nichts war sie mehr, als ein gedemütigtes, ein gebrochenes Weib, das gleich David ausrusen konnte: „Meine Missethat hat mein Haupt überstiegen, gleich einer schweren Bürde lastet sie auf mir.: Mein Herz ist in Verwirrung, meine Kraft hat mich verlassen. Elend bin ich geworden und niedergebeugt." Gewiß, ihre stolze Kraft hatte Wera völlig verlassen; sie war verwirrt und elend. Auf Claritas Ausruf stöhnte sie nur leise: „Ja, ich that das Unmenschliche, lud die schreckliche Schuld auf mich. Für Feodor that ich's, um seinetwillen! Und nun nimmt mir Gott meinen Sohn! Was hat er, was bleibt ihm von all den Gütern? Hin!-, siechen muß er, wie Alexis in Sibiriens Eisbergen." —i Doch Clarita unterbrach energisch die Klage: „Augenblicklich müssen Sie Schritte zu Alexis Befreiung thun.: Feodors Gedanke ist trefflich. Die Zariza kann hier helfen.: Sie haben Verbindungen bei Hofe. Bitten Sie unverzüglich um eine Audienz, und dann bekennen Sie der Kaiserin Ihre ganze Schuld!" „Nimmermehr!" lächelte Wera wie wahnsinnig auf. „Wo denken Sie hin, Sie Thörin! Ich sollte mich bem; Zorn der Zariza aussetzen! Sie wissen nicht, was das heißt!" „Ah! Sie fürchten sich? entgegnete Clarita verächtlich. „Wie erbärmlich! Haben Sie den Mut gehabt, die furchtbare Schuld auf sich zu laden, so haben Sie auch den Mut, sie zu sühnen." , , „Ich kann, kann nicht", flehte die Unglückliche. „Ich will nicht von meinem Knaben getrennt werden. O! Sie sind eine Fremde, Sie wissen nichts von dunklen Klostermauern in russischer Einöde." „Seien Sie nicht thöricht, Wera!" drängte aber Clarita! ernst. „Ihre russische Einöde ist fern. Sie sind in Deutsch-: land. Fassen Sie also den Mut, ihr Bekenntnis muß abgelegt werden." „Nein", klang es wimmernd, „ich kann mich dem Zorne der Kaiserin nicht aussetzen." „Gut — so werde ich für Sie zu derselben gehen. Verschaffen Sie mir nur unverzüglich die Audienz, zu der Sie mir Ihr schriftliches Bekenntnis, wie Wladimirs Bries mitgeben. Das Uebrige teile ich selbst der hohen Dame mit." „Cie wollten das thun und — meiner schonen?" „Soviel ich kann; aber zagen Sie doch nicht so; hier in Deutschland wird die Kaiserin ihren Aufenthalt gestatten. Sie haben einzig Rußland fern zu bleiben, wohin Sie die Rückkehr wohl ohnedies nicht wünschen können." Frau Wera seufzte tief; sie schwankte noch, aber Cla- rita war fest. — Ihr energischer Wille siegte, das gebrochene Weib beugte sich darunter. „Ja", flüsterte es heiser, Feodor wird sterben, so ich es nicht tyue — ich muß mein Unrecht gut machen. Helfen Sie mir, Clarita!" Wie gern half sie, sofort dies Werk der Sühne zu beginnen. Sie duldete kein Zögern, und erst als Wera völlig mit ihrem schriftlichen Bekenntnis beschäftigt war, schlich sie zu Feodor zurück. Wachend lag er auf seinem Schmerzenslager, die barmherzige Schwester kniete betend daneben. Der Knabe liebte das, es that ihm wohl, be- 107 sonders jetzt im Dodeskampf seines jungen Herzens; fragend richtete sich sein angstvoller Blick auf die Eintretende, doch eine Art Verklärung flog über seine leidenden Züge, als Clarita iich zu ihm niederbeugend, flüsterte: „Ich weih ackes. Morgen gehe ich zur Zariza. Es wird noch alles gut! — Und dann, sowie ich zurück bin, habe ich Dir noch etwas Besonderes zu vertrauen." „Hast auch Du ein Geheimnis, Clarita?" sagte er halb schüchtern, halb ängstlich. „Sie aber lächelte ihm zärtlich zu: „Ja, ein süßes Geheimnis, sorge Dich nicht, Freund, Du wirst Dich darüber freuen." (Fortsetzung folgt.) Fleischreste im Haushalt. Feinschmeckerisches Allerlei von Pauline Bauer. (Nachdruck verboten.) Meine Nichte ist eine ganz herzige, junge Frau, und ich kann nicht leugnen, sie hat wirklich regen Sinn für wirtschaftliche Fragen aller Art. Aber eins will ihr nicht glücken, so oft ich bei ihr zu Tisch bin — das heißt, wenn ich mich ungeladen einstelle, und dann selbstverständlich mit dem fürlieb nehmen nruß> was die Kelle giebt, — sehe ich zu meiner Verwunderung, daß sie mit Ueberresten von früheren Mahlzeiten herumhantiert. Ihr Mann, der in der Thal kein Feinschmecker ist, und, was den Gaumen betrifft, so leicht wie kaum ein anderer zn- sriedengestellt wird, hat denn auch schon zu verschiedenen Malen prüfend die Nasenflügel in die Höhe gezogen, und scherzhaft gefragt: „Schatz, mir ist doch so, als hätten wir bereits gestern oder vorgestern, ein ganz ähnliches Gericht gegessen" . . . Cläre's Augen füllten sich beinahe mit Thränen, und ihr hübsches Gesichtchen wurde tiefrot. Sie half sich zwar mit einer Notlüge so gut wie es ging aus der Verlegenheit; allein ob ihr das immer gelingen wird, wenn erst die Flitterwochen vorüber sind, und der Herr Gemahl auf das Gründlichste unterrichtet ist über das Können und — Nichtkönnen seiner besseren Hälfte in allem, was Herd und Küche betrifft: daran wage ich denn doch einen mehr als gelinden Zweifel zu hegen! Denn die Thatsache läßt sich nicht aus der Welt schaffen: die Speisereste sind nun einmal Cläre's schwache Seite, und da der Weg zum Herzen des Mannes! bekanntlich durch den Magen geht, ist das Glück mancher Ehe schon über einer noch winzigeren gastronomischen Kleinigkeit zum Straucheln gekommen. Freilich weiß jede Hausfrau zur Genüge, wie schwer es im Grunde ist, eine Mahlzeit so zu bestellen, daß so gut wie gar keine Fleischreste übrig bleiben; denn satt werden ist und bleibt doch die Hauptsache; zumal wenn Gäste zu Tisch sind, muß es auf eine richtig gestimmte Hausfrau einen überaus peinlichen Eindruck machen, wenn sie die Ueberzengung gewinnt, daß man mehr oder weniger hungrig den Tisch verläßt, weil eben Schmalhans wieder einmal Küchenmeister war. Ich kann mir nicht helfen: zu den vorzüglichsten Eigenschaften einer Hausfrau, wie sie fein soll, rechne ich vor allem auch die, daß sie ein ziemlich genaues Augen- oder, wenn man will, Magenmaß dafür besitzt, wie groß die einzelnen Gerichte begrenzt fein müssen, damit einesteils ihre Tischgäste hinreichend gesättigt aufstehen, andernteils jedoch auch nicht etwa so viel übrig bleibt, daß nun die Familie noch die nächsten Tage vollauf zu thmi hat, all' die verschiedenen Fleischreste hinunterzuwürgeit. Gern gebe ich dabei zu, daß gerade solches Einrichten der Einteilung nichts weniger als leicht sei. Zumal der Einkauf Bereitet die denkbar größten Schwierigkeiten, wie überhaupt nach meiner Ansicht Einkäufen viel schwerer, und darum wichtiger ist, als Kochen selber; daher wird auch von mir die als die beste Hausfrau betrachtet, die selber auf den Fisih- oder Fleischmarkt geht, zum mindesten um gewiß zu fein, was für eine Ware angeboten ist> und wie sich die Preisverhältnisse anlassen. Sie hat nun vielleicht genau bemessen: so und so viel Personen habe ich zu Tisch und dementsprechend brauche ich auch so und so viel Pfund Fleisch. Ebenso sorgsam wählt sie das Stück aus, und bezeichnet die Stelle, die sie am liebsten erhalten möchte. Aber siehe da: der Fleischer haut — sei es mit Geflissenheit oder weil er nicht über die hinreichende Treffsicherheit verfügt — mehrere Pfund mehr ab. Natürlich wird das keiner Hausfrau angenehm sein. Allein, wenn sie das betreffende Stück um den Teil, der ihr zu viel dünkt, kürzen läßt, muß sie fast immer erleben, daß der Metzger dabei feinen eigenen Vorteil im Auge hat, indem er das bessere Stück für sich behält, und ihr das minder gute zumißt. Wenn sie klug ist, und zu rechne, versteht, beißt sie darum lieber in den sauren Apfel und bezahlt das Ganze, selbst auf die Gefahr hin, daß ihre Speisekammer nunmehr Fleischreste aufweisen dürfte. Tie einfachste Art, diese als selbständiges Gericht zu verwerten, besteht wohl darin, daß man sie als Würz- fleisch auf den Tisch bringt. Das Hauptaugenmerk ist hierbei daraus zu richten, daß die Schüssel einen recht pikanten, den Appetit reizenden Geschmack besitze. Man macht eine Mehlschwitze in recht sattgelber Butter, dämpft darin Schalotten, Zitronenschale, Sardellen und Petersilie, jedes nach Gutdünken genommen, aber recht fein zerkleinert, und gießt dann eine aus bewahrtem Fleisch-Extrakt gewonnene Brühe hinzu. Hierin läßt man die inzwischen würfelig geschnittenen Bratenreste' flüchtig aufkochen, nachdem man das Ganze vielleicht noch mit einem Stückchen Lorbeerblatt, einer Nelke und mehreren Pfefferkörnern gewürzt hat. Auch ein Schuh Essig oder Zitronensaft trägt sehr angenehm zur gesamten Hebung des Wohlgeschmacks bei, ebenso ist zu diesem Zwecke eine Messerspitze Paprikä sehr beliebt. Zu solchen Würzfleischgerichten kann die Hausfrau jeden beliebigen Bratenrest verwenden. Richtig her gestellt, mundet es viel besser, als wenn sie den Braten vielleicht nochmals wärmt, und daun auf den Tisch bringt. Ich bemerke dabei gleich vorweg, daß ich von gewärmtem Braten, welcher Art dieser auch fein mag, überhaupt keine Freundin bin. Geflügel und Kalbfleisch werden hart, wenn sie nochmals aufs Feuer kommen; sie sollten lieber kalt, vielleicht als Zuspeise zu Gemüse, gegessen werden. Tas Gleiche gilt von Wild, das, wenn es zart genug ist, kalt sogar zum unschätzbaren Leckerbissen wird. Gewärmter Rindsbraten gleicht hartfaserigem Holz, wofern man nicht das Glück hatte, beim Einkauf ein sehr saftiges Stück zu erlisten; kalt liegt er wie Stein im Magen; im Ragout aber lasse ich ihn mir sehr gern gefallen, ebenso ein Schöpsenbraten, der schon deswegen nicht kalt gegeben werden kann, weil meistens sein ziemlich reichlicher Fettgehalt solche Verwertung verbietet. Oftmals recht ratlos steht die §uu§frait dem ausgekochten Suppenfleisch gegenüber, und doch vermag sie bei einiger Umsicht gar manch' schmackhaftes Gericht daraus herzustellen. Als Füllsel ist es geradezu unschätzbar, solche Füllung trägt nämlich dazu bei, dem betreffenden Gericht, dem sie Inhalt und Seele giebt, einen ganz bestimmten Beigeschmack zu sichern, der dann auch auf die zu erzielende Sauce übergeht. Die Füllung selber stelle ich her, indem ich 50 Gramm Butter zu Schaum schlage, 2 geriebene alte Semmeln, 3 Eier, einige feingehackte Schalotten und etwa ein Kilo Suppenfleisch in demselben Zustande n-chst dem erforderlichen Pfeffer und Salz recht tüchtig darin verrühre. Wer den Geschmack liebt, mag eine Zitrone abreiben, und die so gewonnenen Teilchen der Masse gleichfalls beimischen. Auch ein Schuß Rotwein oder Rum ist mitunter recht beliebt; mir selber aber genügt vollkommen eine Lösung Fleisch-Extrakt, weil die Fülle dadurch sehr an Kraft gewinnt. Solche Füllmasse kann man übrigens aus allen nur möglichen Fleischresten Herstellen; auch Fische lassen sich dazu in sehr dankbarer Weise verwerten. Einmal glückliche Besitzerin dieses Füllgemengsels, komme ich ganz und gar nicht in Verlegenheit, in welcher Gestalt ich es meinen Gästen ober Familienmitgliedern aus den Tisch bringen soll. Eine Kalbsbrust damit gefüllt, wird zum Leckerbissen mit einer Sauce, in der tausend Reize schlummern. Zu Klößchen geformt, denen dann aber ein Zusatz von rohem gehacktem Rind- oder Schweinefleisch beizugesellen ist, verleiht sie diesen einen Zauber, über den sich nur der in die intimsten Geheimnisse der Kochkunst Eingeweihte Deutung zu verschaffen weiß. Dabei zergehen sie sosort auf der Zunge, obwohl sie sich innerhalb der Suppenslut noch kurz zuvor völlig schwninufest erwiesen hatten. Schließlich kann man auch einen gan# vorzüglichen Pudding daraus Herstellen; nur mische ich dann der Masse noch das zu Schnee geschlagene Weiße mehrerer Eier bei, und mache sie pikanter durch Muskatnuß und gehackten Hering oder mehrere in -Fercher Weise her- — 108 Auflösung des Preisrätsels in Nr. 18 der Familienblätter r o a g 8 h »e t ade R o n r e a n K a A m I s 8 k E r u f e 1 o d 1 e n t e s Fleischresten zumuten. Tie Hauptsache bleibt freilich hierbei die Sauce, die aus dem Dotter einiger recht hart gekochter und dann fein geriebener Eier, dicker saurer Sahne und Olivenöl besteht, denen unter stetem Rühren nach Belieben Estragon-Essig, gewiegte Schalotten, Pfeffer und Salz ber- oemischt wurden. Das Gericht schmeckt ganz und gar nicht übel, man muh eben nur das nötige Zeug haben, es! Verdauen zu können. Gesundheitshaferzwieback. zu bewahren. Taß man CJ v ( „Königsberger Klops" mit einer Tunke mit Kapern und --------- fein gehackter Sardelle, als „Fleischklößchen" (Knöpflein) I inmitten der oder, wie man in Oesterreich sagt, „FleflchGN^i»" sch""nk I ßMh r goldbraun in Butter gebraten, oder schließlich als Bestandteil von Sülze in der breiten bürgerlichen Küche kennt, das brauche ich eigentlich wohl kaum noch anzuführen, ------- auch wohl nicht die Herstellungsmethoden im einzelnen Würzbnrg, besitzt einen !?lchen Garten u Tu schildern. — Wer übrigens einen recht derben Magen eine ausführliche Beschreibung ^sMen mit p l hat der mag diesem auch einmal einen Salat aus solchen Nummer wird Interessenten auf Wunsch kostenlos zugefanor Kegen Sodbrennen. Professor Pels verwendet folgende^Mischuug gegen Sodbrennen: Natron 10,0, gebrannte Magnesta 7,5 Womnatriuni kohlensaures Wismut 5,0, Milchzucker 10,0 Fencyeioi , Einen halben bis ganzen Theeloffel voll eine have Stunde nach den Mahlzeiten zu nehmen. • Buchstabenrätsel. (Nachdruck verboten.) Was sich hier freut in sonniger Pracht, Liegt einst als Rätsclwort in Nacht. Hin aus das Wort baut sich Welt, Die wieder eiust zum Wort zerfallt. Und in der Welt bei Freud imb Selb Macht ohne Fuß bas Wort sich breit. (Auflösung in nächster Nnmmer.) Auflöstmg der Geheimschrift in vor. Nr.: Lasse dir den Mut nicht rauben, Sei im Unglück stolz unb fest. (fiahfdj.) (Schlüssel: Die Wortgruppen sinb umgebrehte Silben.) Gesundheitshaferzwieback. Zur Herstellung I von Hafer-Zwieback hat man ein neues Backverfahren er- I funden, welches ermöglicht, zu diesem Zwieback die nähr- I Haftesten Substanzen in möglichst hohem Gehalte zu der- I Menden, und den Preis auf ein Minimum herabzusetzen. I Ter von ärztlichen Autoritäten erprobte und empfohlene I Gesundheits-Hafer-Zwieback, welcher durch I Schutzmarke Nr. 46 906 patentamtlich geschützt ist, und alle I zur Förderung des Stoffwechsels, sowie Kräftigung des Körpers erforderlichen Substanzen enthält, auch durch I Schmackhaftigkeit und leichte Verdaulichkeit bei höchstem I Nährgehalte sich auszeichnet, ist somit heute jedermann I zuaäuglich. Er ist für Kinder, und zwar schon für Saug- I linge zur schnellen und kräftigen Entwickelung, sowie für I Magenleidende und Wöchnerinnen als besonders bekomm- I liches Nährmittel anerkannt worden. Trotz der vorhandenen I , vielerlei Zwiebacksorten ist es von erfahrenen Fachleuten I bestätigt worden, daß der Gesundheits-Hafer- « Zwieback unerreicht dasteht. Da er bei Kaffee, Choeo- lade, Thee, Wein und Suppen als ausgezeichnetes Gebäck vorgezogen wird, so hat er allerorts, wo er her- gestellt wurde, mit staunenswerter Schnelligkeit ben Ruf eines, wegen seiner Schmackhaftigkeit in den weitesten Kreisen beliebten, und auf Grund seines Nährwertes geschätzten Geuußmittels erlangt. Herstellung und Vertrieb hat für Gießen die Brot- und Feinbäckerei P. Pfeiffer, Neustadt 24, übernommen. __________ _________ __ __ Rebaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Uuiversitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieß ROO---- Es gingen insgesamt 233 richtig- Lösungen ein, daS LoS fiel auf Nr. 162; Einsender: Bruchhäuser, Gießen, Wolfstr. 8. Der Preis - Krieg und Sieg 1870/71, G-d-nkbuch, geb. - 'st von dem Gewinner gegen Vorzeigung der Abonnementsqmttung Geschäftsstelle der „Familienblätter" m Empfang zu nehmen. gerichtete Sardellen. In zuvor gut bestrichener und aus- i Gemeinnütziges. gestreuter Form wird der Puddilig dann eine Stunde ge- I hängenden Gärten Babylons werben für ZNMWMtzß M-MMEM bringt die Ränder fest aneinanderdrückt, und die so ge- beete und Kübelpslanzungen , alleswar vochandem Der wonneuen Gebilde einige Minuten in frischer Rindfleisch- Gartenbau galt als eine ehrenvoll^BeN ft 9 9,^ iubiie aufkocken läßt. Kein Kloß, wenn er auch noch so I eines Königs würdig war- Die -^waym ng j sorgfältig hergerichtet wurde, birgt solchen Wohlgeschmack, Terrassengärten wurde: toon i„ «,„! jilummcrnb« Fülle bem »beinanbexf»««. g« der Jett, UN» cdelle, als „Fleifchklotzcyen" (nnopsiein) 1 inmitten der Stadt fast unmöglich, weil seten 1 I W.ÄeXTÄ« SfiÄ «u?U- b e Wsenten «den bei Semii-E bie Teil-g- ' C „ - Vtf.___ CQlrt-w Winnt*