Samslsg den 18. Kkkodrr. 1902. — Nr. 155. III MW Ul# W^W WM qra MU (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) Ohne Furcht und Zaudern stürzte sich Bertha in seine Arme und umarmte ihn zärtlich, wie einen Bruder. „Sie — Sie, mein liebes, liebes Kindchen!" stammelte er. Dann sich an Georg wendend, der schweigend auf seinem Platze geblieben war, sagte er: „Und Du — Du kommst nicht näher zu mir?" , ^eo.rg ging auf ihn zu. Doch seine Hand, die er rn die ihm entgegengehaltene legte, war eisig und bebend. „Endlich! Da sind wir nun wieder beisammen so wie früher", versuchte Franz von Sempach zu scherzen. „Und dies Zimmer, in dem wir uns befinden, ist so luxuriös gegenüber meiner Zelle und dem Sprechzimmer, daß ich beinahe versucht bin, zu glauben, ich wäre bei mrr zu Hause oder bei Euch. Schaut nur hin! Da sind nrcht einmal Eisenstangen an den Fenstern. Kinder, ich bin wie neugeboren!" „Die Heiterkeit, zu der Sie sich zwingen", bemerkte Bertha, die sich ihre Thränen abtrocknete, „ist uns schmerzlicher, als uns Ihre Traurigkeit berührt hätte. Geben Sie sich, wie Ihnen zu Mute ist. Verstellen Sie sich nicht. Mir wissen ganz gut, was Sie leiden, und kommen her, um Ihre Leiden mit Ihnen zu teilen." „Dank, Dank!" rief er, indem er ihnen die Hände drückte: dann fügte er hinzu: „Ich hatte nicht gehofft, Euch schon heute zu sehen. Georg hatte mir mitgeteilt, daß Sie in Straßburg wären, — aus Ergebenheit und Freundschaft für mich wohlverstanden, um mit an meiner Befreiung zu arbeiten." „Ja, ich hatte es wirklich einen Augenblick gehofft", antwortete sie. „Mer ich hatte diese Hoffnung bereits aufgegeben, als mich der Brief meines Bruders zurückries." „Sie wollten ja, wie er mir sagte, einen gewissen Munser aufsuchen oder auffiuden, der Ihnen als der eventuell Schuldige bezeichnet worden ivar." „Er ist es nicht." „Ich hab' es ja gewußt. Der Verdacht, den Ihnen Minna eingeflößt hatte, mußte vom ersten Augenblicke geradezu erfunden sein." „Sie glauben also, daß — — ,Lch glaube nichts, und ich weiß auch nichts. Ich suche blos. Und wenn ich an dieses Mädchen denke, so erstaune ich über eine Menge von Dingen. Tausend Kleinigkeiten und Nebensächlickkeiten, denen ich früher keine Wichtigkeit beilegte, kamen mir nun wieder in den Sinn und setzen mich in Erstaunen. — Georg wird Ihnen wohl mitgeteilt Robert, was ich ihm in Betreff des Hemdknopfes! „Ja, und das scheint uns ebenso sonderbar wie Ihnen., Weshalb leugnet sie diese Thatsache, daß Sie sie gebeten haben, diesen Knopf einige Tage vor dem Morde zu suchend „Geleugnet hat sie nicht. Dazu ist sie zu schlau. <5i£. sagt bloß: „Ich erinnere mich nicht." Und zwischen der Aussage dieses Stubenmädchens, dessen Zeugnis die Untersuchung nur bekräftigte, und der Aussage des Verhaftetem dem man von Anfang an nicht wohlgesinnt war, zweifelt! der Richter nicht lange". „Warum war er Dir fo schlecht gesinnt?" fragte Georg, da er sich doch in das Gespräch mischen mußte. „Weil ich mich gegen ihn und seine Würde anfgelehnt hatte, mein Lieber. Glaubst denn Du, daß man in gewissen Fällen Herr über sich sein, seine Empörung unterdrücken kann? Stelle Dir vor, Du wirst irgend eines gemeinen Verbrechens angeklagt — angeklagt, ein Weib getötet zu haben, eine Unglückliche, die Dich geliebt hat und vielleicht noch liebte! Später habe ich ja meine Kaltblütigkeit wiedergefunden, denn ich sah ein, daß mir der Zorn noch schaden würde. Dann wurden mir weiter nur Fragen vorgelegt, auf die ich nicht antworten konnte und durfte, und so entschloß ich mich denn, zu schweigen. Dieses beharrliche! Schweigen und Verstummen, zu dem ich mich verdammte, brachte schließlich den ganz außer sich, von dem gerade mein ganzes Geschick abhing. Ich kann es begreifen und auch entschuldigen. Er ist kein schlechter Mensch- Er ist ein unparteiischer und gerechter Mann. Er täuscht sich nur. Das ist alles." Fräulein Rakenius, die einen Augenblick still nachgesonnen hatte, sagte plötzlich: „Kehren wir wieder zu diesem Stubenmädchen zurück, ich bitte Sie, und lassen wir das Thema nicht mehr fallen. —; Haben Sie mit dem Untersuchungsrichter niemals über sie gesprochen? Haben Sie ihm nicht Ihre Absicht über den Fall mit dem Hemdknopf mitgeteilt?" „Doch. Wer er hat ihn weiter nicht berücksichtigt, und ich habe nicht darauf bestanden. Ich habe Ihnen ja! schon gesagt: ich rede mit ihm so wenig als möglich." „Gut! Aber mit uns, das ist etwas anderes. Sagen Sie uns alles, was Sie denken, und was Sie bemerkt haben." „Gern. Ich hatte dies übrigens schon mit Georg abgemcht." 41. Kapitel. Er lehnte, die Arme ineinander verschlungen, mit dem Rücken an die große Wandkarte gelehnt, die zwischen beiden Fenstern aufgehängt war, und unterhielt sich stehend mit Bertha itttb Georg, die ihm gegenüber Platz genommen hatten. „Laßt uns zunächst versuchen, meine lieben Freunde, Ordnung in unsere Nachforschungen zu bringen und bezüglich des Kammermädchens Minna so vorzugehen, wie es mein Richter gethan hätte, wenn er in diesem Mädchen, statt nur die Zeugin zu sehen, die Schuldige gesehen hätte. 618 — Laßt mich die Untersuchung leiten. Ich weiß jetzt, wie man dabei vorgeht", bemerkte er mit einem traurigen Lächeln. „Ich babe jetzt Erfahrung in diesen Dingen." „Beginnen Sie", sagte Bertha aufmerksam. „Vor allem andern: sind genügende Motive vorhanden, um Minna nicht schon in Verdacht zu haben — denn einstweilen sind wir noch nicht bei dem Verdacht — sondern um ihr vorderhand bloß zu mißtrauen?" „Gewiß, deren sind schon genug vorhanden", sagte Georg. „Und welche sind das?" „Wir haben sie schon, als ich Dich das erste Mal besucht habe, aufgezählt." „Wiederhole« wir sie von neuem. Es ist dies unbedingt notwendig." Er unterbrach sich, um etwas uachzudenken, und seine Gedanken zu sammeln, und begann: „Die besagte Kammerjungfer, in unseren Augen die Angeklagte, bringt gegen mich mehrere unbedingt übertriebene Anklagen und Anschuldigungen vor. Sie behauptet, ich hätte mit ihrer Herrin lebhafte Austritte gehabt. Nichts ist erlogener wie das. Ihr wißt es selbst, ich komme üuperst selten in Zorn, und man könnte mir im gewöhnlichen Leben viel eher Kälte vorwerfen. — Weiter sagte ste, ich hätte ihrer Herrin gedroht, und sie hätte mir wieder gedroht, sich an mir zu rächen. Wieder eine Lüge. Frau von Sauden hat vielleicht unter unserem Bruch gelitten, ja. — Ich muß Euch alles sagen, und ich bitte Euch im Voraus um Verzeihung für das, was ich Euch sagen werde. — Ja, sie wemte und flehte mich an, aber sie hat. Mir niemals gedroht. Daun, was den Hemdknopf betrifft, brauchen wir nicht mehr darüber zu reden. Wir hatten diesen Punkt schon vorgenommen, und der ist überführend." ' .. »Um so überführender", bemerkte Bertha, „als wir berechtigt sind, zu glauben, Minna hätte das Juwel, so wie Sie es ihr befohlen haben, gesucht und auch wirklich gefunden und hat es dann aufbewahrt und sich dessen Water bedient, um Sie ins Verderben zu stürzen, indem ste es vor oder nach dem Verbrechen in die Mitte des Salons warf." „Dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen. Wir werden noch darauf zurückkommen. Doch jetzt für den Augenblick laßt uns nicht so rasch vorgehen. — Das sind also mehrere unzweifelhaft feststehende, erwiesene Lügen. Mit den durch den Zufall gegebenen Anzeichen verbunden, verursachen sie mir den größten Schaden. — Wozu alle diese Lügen? Es ist wichtig, die Ursachen hier- ffir zu finden." „Das ist es", rief Bertha. „Sie sind wahrhaftig der reme Untersuchungsrichter, Sie lieber, armer Freund." „Hat diese Minna", begann Franz von Sempach vo r Keuem, „persönliche Gründe, mir zu grollen? — In unterer letzten Unterredung — Du erinnerst Dich doch, Georg? — hatten wir diesen Punkt schon berührt, ohne uns dabei auszuhalten. Verfolgen wir diese Frage. Welche Gründe Ahrite sie haben? Ich bin zwar niemals vertraulich mit Dienstboten, aber ich bin immer höflich, in manchen Fällen auch freigebig. - Mein alter Wilhelm liebt mich abgöttisch. Ist es mcht wahr?" „O, wenn Sie wüßten, wie unglücklich er ist!" „Habe ich vielleicht jemals versucht", fuhr Sempach kort, „ihre Herrin zu überreden, sie zu entlassen? Niemals. Ich fand sie zwar für ein Dienstmädchen zu hübsch, und ich mochte ihr ganzes Wesen nicht leiden. Es lag in ihr ost so etwas Geheimnisvolles, was mich manchmal tn Erstaunen versetzte. Aber ich legte dem weiter keine Wich- Agten bei, und wenn ich wirklich gegenüber Frau von Sanden einige Bemerkungen über ihre Kammerjungfer fallen lassen, so hat sie es ihr doch sicher nicht wiederholt." *■ ' hatte sie keinen Groll gegen Dich", sagte Georg, fe — „falls nicht —" a/ „Was?" "$aIP ich Acht einen Groll ganz eigener Art hatte." >,Was meinst Du damit?" „Nun, weil--" Er hielt inne und warf einen Blick auf seine Schwester. Sre verstand sofort und sagte, zu Georg gewendet: „Sprich nur, Georg. Hier darf Dich keine Rücksicht Livoern zu sprechen." „Nun denn", fuhr Georg fort, „wenn sich z. B. diese Mmna iung und hübsch, wie Du sagst, vielleicht auch liebebedurstig und leidenschaftlich, in den einzigen Marn den sie zu Gesicht bekam, den sie alle Tage bei ihrer Herrin sah, verliebt hatte — ? Solche Dinge sollen alle Tage vorkommen, sagt man." „Selten", sagte Franz mit einem Lächeln. „Und dann mußte man auch so etwas bemerken. Und niemals hat mich ein Blick, ein Wort von Minna vermuten lasser —" „Ein Grund mehr, Dir übel zu wollen, wenn Tu gefühllos und gleichgiltig gegen Zugeständnisse gewesen bist, die Du nicht gesehen hast, und die sie — vielleicht — für sehr deutlich hielt. Ein derart verkanntes Weih rächt sich manchmal." „Nein, nein, Du irrst, ich versichere Dich! Ich will ia gar nicht behaupten, daß das Mädchen in Wirklichkeit io zurückhaltend war, als sie sich gab. Ich habe sie vielleicht einmal in Verdacht gehabt — wenn ich gerade eines Tages Zeit gehabt hatte, an sie zu denken — daß fte, weil sie so wenig auskam, im oder außer Haus irgend einen besseren Freund gehabt hat. Aber ich war dessen rn keiner Weise sicher; aber dessen bin ich sicher, daß sie niemals an Deinen Freund gedacht hat." „Gut denn! Ich bestehe nicht weiter darauf." Franz verließ seinen Platz und trat zu Bertha und Georg Rakenius. „Wenn also erwiesen ist," fuhr er fort, „daß sie keinen persönlichen Groll gegen mich hegen konnte, so hatte sie doch eine persönliche Wsicht, mußte sie doch ein wichtiges Interesse daran haben, den Versuch zu machen, mich zu belasten, mich zu vernichteil, uiederträchttge Lügen über mich zu erfinden, trotz ihrer Gegeneide. Was für ein Interesse könnte das fein? Das muß man suchen." „Suchen ist in dem Falle so viel wie finden", bemerkte Bertha. „Ihr Interesse, wenn man dies gelten läßt, ist ja in die Augen springend: Sie will Sie, den Unschuldigen, beschuldigen, um den Schuldigen zu retten." „Ganz entschieden, und ich freue mich, liebes Kindchen, daß wir gemeinsam und gleichzeitig zu demselben Resultat gelangt sind." „Das wundert mich gar nicht", murmelte Bertha. Sempach nahm den Faden wieder aus: „Dieser Gedanke, der mir anfangs sehr unklar erschien und den ich zuerst entschieden von mir gestoßen hatte, hat sich spater immer wieder in mein Hirn gedrängt, besonders als ich erfahren, daß es diese Minna war, die Sie auf die Fährte eines Verwandten der Frau von Sanden, die überhaupt gar keine Verwandten besessen, eines imaginären Münser, schicken wollte." „In welcher Wsicht, glauben Sie, hat sie das gethan?" „Das ist sehr einfach. Aus Ihrer Unterredung mit ihr ließen Sie das Interesse erraten, das Sie für mich hegen — die Freundschaft, die uns verbindet. Sie erschienen ihr gefährlich. Sie sagte sich: „Wenn die zu suchen anfängt und nach einer anderen Richtung hin zu forschen beginnt, ist es nicht unmöglich, daß sie die Wahrheit entdeckt. Deshalb schickte sie Sie nach dem Elsaß, recht weit weg von Berlin, um einerseits inzwischen die Untersuchung zu Ende kommen zu lassen, was ja faktisch auch eingetreten ist, und andererseits besonders, um sich Ihrer Person zu entledigen." „Das ist alles sehr richtig kalkuliert", sagte Bertha, deren Züge allmählich ihre Traurigkeit ablegten, „ilnd wir haben einen großen Schritt vorwärts gethan." „Vielleicht. Wer uns bleibt «och so und so viel anderes zu thnn, meine lieben Freunde. Wir sind noch weit davon entfernt, den Schuldigen zu haben. Wir glauben bloß, die Person entdeckt zu haben, die den Schuldigen kennen könnte." „Das ist richtig. Und diese Person ist so geschickt, so raffiniert, sie spielt so geschickt Komödie, daß sie sich so leicht Nicht verraten wird." Georg hörte seit einer kurzen Weile stillschweigend zu. Plötzlich sagte er: „Wozu sucht Ihr noch einen anderen Schuldigen als dieses Mädchen selbst? Für uns, leider für uns allein war der Raub das alleinige Motiv zum Morde. Eins Summe von 20 000 Mark, die in einem Schreibtisch des Salons eingeschlossen war, ist verschwunden. Konnte diese Summe Nicht Minna beiseite geschafft haben?" 619 — „Dieser Raub aber hatte einen Mord zur Folge", warf Sempach ein. „Nun, warum sollte denn Minna nicht ihre Herrin ermordet haben, nachdem sie sie ausgeraubt hatte?" „Ganz einfach, mein Lieber, weil sie nicht die Kraft dazu gehabt hätte. Tu kennst sie nicht persönlich. Deine Schwester und ich, — wir kennen sie. Ich besonders- Sie ist von kleiner Gestalt, schwächlich —" „Wer vielleicht stark und sehnig." „Mag sein. Aber Frau von Sanden war viel größer, viel stärker als sie, und auf alle Fälle ebenso sehnig. Sie hätte sich nicht so leicht überwältigen lassen. Tann hätte man auch bei ihr die 20 000 Mark finden müssen. Wo hätte sie sie denn hingegeben? Seit dem Tage des Verbrechens spielt sie die Kranke und verläßt nicht ihr Zimmer." „Hat man denn ihr Zimmer durchsucht?" „Von unten bis oben. EZ war dies eine Genugthuung, die sich der Polizeikommissar selber verschaffte. In dieser ganzen Geschichte hat er mir große Sympathie erwiesen, und ich habe Grund anzunehmen, daß er auch heute noch nicht von meiner Schuld überzeugt ist." „Und er hat nichts gefunden?" „Nichts? weder im Koffer noch in der Matratze noch in den Nachbarzimmern, in denen er auch eine Durchsuchung vorgenommen hatte. Sei somit ganz versichert, daß Minna einen Mitschuldigen hat, — natürlich immer vorausgesetzt, daß wir an ihre Schuld glauben." 42. Kapitel. ..... Nach einem kurzen Schweigen begann Bertha von neuem: „Ich bin derselben Ueberzeugung wie unser Freund, daß dieses Stubenmädchen, wenn sie bei dem Verbrechen überhaupt die Hand im Spiele hatte, dasselbe nicht allein vollbracht hat, und ich bin um so mehr geneigt, es zu glauben, als die Existenz eines Mitschuldigen den Schlüssel zu so manchem Unaufgeklärten bieten könnte." „Lassen Sie hören, meine liebe Bertha," sagte Herr von Sempach. „Es erklärt dann das Eintreten jener Person in das Haus um 10 Uhr nachts, die Ihnen derart ähnlich sah, daß sogar die Hortiersleute und ein Zeuge mit Namen Keßler, glaube ich, jenen Unbekannten mit Ihnen verwechseln konnten. Es wäre dann ganz sicher erwiesen, daß Minna, um die Gerichte irre zu führen, um sie von der einen Seite abzubringen, und sie auf die andere Spur hinzulenken, jenem Individuum über Sie, über Ihre Haltung und Art sich zu kleiden wichtige Angaben gemacht hat, und diese Person auf Grund jener Angaben bestrebt war, Ihnen zu gleichen." „Das ist alles sehr richtig. Wer wer ist dieses Individuum? Wo sollen wir es suchen? Wo finden?" „Könnte nns darin nicht die Polizei helfen?" fragte Georg. „Tie Polizei!" fiel rasch Sempach dem Maler ins Wort. „Sie steht im Tienste der Justiz, die mir augen- blrcklich nicht wohjl will. Vergeßt es ja nicht- Ich bin weder einer Schuld überführt, noch abgeurteilt, sondern immer noch Angeklagter. Der Untersuchungsrichter und dre Anklagekammer haben sich bereits gegen mich «usge- sprochen. Warum willst Tu, daß sie mir nun helfen sollten, oas zu lösen, was sie selbst geknüpft haben, — daß die Staatsanwaltschaft mir Waffen gegen sich selbst und gegen den Untersuchungsrichter einhändigt, den sie ernannt hat? Mache Dir nur keine Illusionen darüber: mir wird keine Hilfe gewährt werden. Ich darf bloß auf mich allein rechnen und auf Euch, meine lieben Frennde. Wer werden zielen""ch V°r bem "och irgendwelchen Erfolg er- „Wird er bald beginnen?" „Alles läßt mich's vermuten. — Seht nur, wie rasch man schon bis jetzt vorgegangen ist. Manche Untersuchungen zrehen sich drei Monate, sechs Monate und noch leiten"$tnau$' hängt ab von tausenderlei Kleinig-- ,Mso", warf Bertha ein, „werden wir so viel wie gar keine Zeit haben." . . "AAUeicht, wenn wir rasch handeln, ,— aber nur wir selber." (Fortsetzung folgt.) Das Märchen von der Sehnsucht?) (Nachdruck verboten.) „Dein Thee wird kalt", meinte Delten. „Richtig, ja . . ." Eie nippte von der Tasse und stellte sie dann auf das Tischchen. „Das ist alles, was Du nimmst?" „Nun kommt das Märchen", antwortete sie ausweichend mit kindlichem Lächeln, und wieder fing sie die Lichtstrahlen auf, ein Spiel damit treibend, bis ihr die Augen schmerzten . . . „Warum erzählst Du nicht?" Mit leisem Summen slog etwas Lurchs Zimmer. Iduna schnellte empor. „Eine Fliege . . . Julius, jetzt eine Fliege .... oh, sie fliegt zur Lampe, da, da. . . jetzt hat sie sich bte Flügel verbrannt, Julius, so hilsi ihr doch, das arme Tierchen . . ." In tollem Tanz schlug die halbverstümmelte Fliege wieder ans Lampenglas, kläglich, verzweifelnd klang ihr Summen. „So hilf ihr doch", wiederholte Iduna immer wieder. Delten versuchte vergebens, die Fliege einzufangen sie verstummte plötzlich, und die Lampe blakte auf. „Nun ist sie tot" sagte Iduna in seltsam ernstem Ton, gar nicht, als ob es sich um eine armselige Fliege handelte. Delten lächelte leise, überlegen, plötzlich wieder der ernste ruhige Mann, wie er stets Iduna gegenüber gewesen. Er schob das Tischchen zur Seite, und setzte sich auf den Bettrand. Idunas Hände lagen weiß und schlank aus der dunkelblauen Bettdecke. „Du verlangtest nach einem Märchen — das war ein Märchen", sagte er leise und strich zärtlich, behutsam über die feinen, weißen Hände. Sie sah ihn an mit ihren großen, erstaunten Ansen. „Das ein Märchen?" Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Julius, mag's Dir auch kindisch erscheinen, aber ich kann nicht lachen darüber. Du weiht nicht, welche Qual es mir stets bereitet, im Sommer bte Falter und Fliegen zu sehen, wie sie abends dem sicheren Tode entgegenflattern. Als Kind habe ich oft geweint und ge- schrieen dabei und wurde gescholten; dann nahm ich mich zusammen, wollte es nicht zeigen, wie sehr mich dieses Massensterben jammerte, aber so ganz unempfindlich bin ich nie geworden. Was zieht sie hin zu dem Licht, was zwingt sie zu Tausenden in den sicheren, grausame» Tod?!" „Was sie zwingt? Die Sehnsucht — — —" Und da sie ihn verständnislos ansah, ganz blaß üötzlich in ihrem heimlichen Erschrecken, da neigte er ich über ihre Hände, daß er sie fast mit seinen schmalen, trengen Lippen berührte, und fragte leise: Willst Du es hören, das Märchen von der Sehnsucht?" „Es ist traurig", warf Iduna scheu ein. „Es gießt auch traurige Märchen .. „Erzähle", bat sie. Und nun hielt sie seine Hand mit den ihren fest, gleichsam ein Kind, das sich im Dunklen vor dem Ammenmärchen fürchtet, und sich anklammert. Delten richtete sich auf, dann erzählte er, ohne Iduna anzusehen, die Augen in die dunklere Ecke des Zimmers gerichtet, als spräche er zu sich selbst: „Ein japanisches Märchen ist es und ganz kurz. Es war einmal eine Blume, eine wunderbare, seltsame Blume. So schön und dnftig, so blätterreich und farbenduftig war sie, daß alle Schmetterlinge und Falter, alle beflügelten Käfer und Fliegen von heftigster Liebe zu ihr erfaßt wurden und sich um ihre Gunst bewarben. Wer die Blume war stolz und spröde, und mit hartem Nein beantwortete sie alles summende Liebeswerben um sie herum. Diese Zurückhaltung entflammte die Glut ihrer geflügelten Anbeter immer heftiger, und da sie sich nicht mehr retten konnte vor den rasend Verliebten, die nun in sie drangen, ich für einen von ihnen zu entscheiden, um endlich die *) Aus Olga Wohlbrück's demnächst erscheinenden neuen Roman „Iduna, eine Sehnsuchtsge- chichte". Verlag von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig. Preis drosch. Mk. 3, geb. Mk. 4. 620 Elual der Ungewißheit enden zu lassen, so hielt sie ihnen folgende Ansprache: „Da ich wählen soll unter euch, so werde ich es thun, aber nur dem will und werde ich meine Liebe schenken, der mir auf seinen Flügeln etwas vom Golde der Sonnenstrahlen bringt, auf daß ich mich bräutlich schmücken kann." Sprach's und schloß ihren Kelch zur Nacht, während die Schmetterlinge und Falter, die Käser und Fliegen jubelnd auseinanderflatterten, um mrt nnvrechendem Tag der Sonne entgegenznfliegen . . . Und am anderen Tage kam das große Sterben. Matt und gebrochen fielen die Tollkühnen von schwindelnder Höhe herab auf die Erde, ohne auch nur ein Fünkchen Sonnen- aold mitzubringen. Immer stolzer und schöner prangte die Rose, je dichter die Opfer ihrer Grausamkeit den Erdboden bedeckten. Schon wollten sie abstehen, die Unglücklichen, von weiteren Versuchen, abgeschreckt durch die Zahl der Leichen, als plötzlich ein Falter höher als alle anderen, kaum sichtbar mehr für ihre Augen, sich in den blauen Aether erhob, der Sonne entgegen... Er flog und flog mit weitausgebreiteten Flügeln und er fühlte es an der Wärme, tote er der Sonne immer näher und näher kam, schon meinte er sich zu baden im goldenen Staub, schon batte ein Strahl in heißer Liebkosung die Spitze seines verbrannt, als er plötzlich eine donnernde Stimme ■'"»ner, was unterfängst Du Dich! Mein * Gold willst Du rauben! Hinab um auf alles, was Deiner Art ist. Eure . n ab sein, euch nach meinem Golde zu sehnen, meinen ,Zahlenden Glanz in jedem armseligen, von Menschenhand entzündeten Lichtchen zu erschauen. Was ihr sehet, soll euch ins Verderben, was ihr ersehnet, euch in den Tod locken. Hinab!" Schwer, mit versengten Flügeln, auf denen ein feiner, goldener Staub lag, fiel der Falter herab auf die Erde und war tot. Die stolze, schöne Blume, welkte hin aus Gram über den toten Falter, die anderen Falter aber und Schmetterlinge, die Käfer und Fliegen vergaßen ihrer gar bald, in der Sehnsucht nach Licht und Goldstaub . . . Und der Fluch geht in Erfüllung an ihnen bis auf den heutigen Tag. Sie flattern um Sonnenstrahlen, Kerzenlicht und Lampenschein, mit ängstlich-sehnsuchtsvollem Gesumm und Flügelschlag, alle ein Opfer ihrer Sehnsucht Nach Licht und goldenem Staub . . ." Leise verklangen die letzten Worte, und nun ward es still im Zimmer, ganz heilig still. . . Als Selten sich umwendete, sah er Iduna mit heißen Wangen und glänzenden Augen zurückgelehnt im Kissen liegen. Ihr Mund war leicht geöffnet, so daß die Zähne in feuchtem Perlmutterglanz hervorschimmerten. Sie lächelte ihn an, so eigen, bewundernd und doch wieder so überaus weise und weiblich überlegen. „Was sagst Du zu dem Märchen, Iduna?" „Daß es jeder an sich selbst erlebt und erleben will", klang es leise zurück. Er antwortete nicht, nur sein Kopf sank tiefer herab auf die Brust und sein Atem ging schwerer. Vermischtes. Es ist alles da. Ein Hotelbesitzer pflegte zu sagen, daß er nie in Verlegenheit komme, daß man bei ihm jede nur erdenkliche Speise erhalten könne. Eines Tages erschien ein Yankee und fragte, was er zum Tiner bekommen könne. „Alles, mein Herr, alles von einem eingemachten Elefanten bis zu Kanarienvogelzungen." „Schön", sagte der Yankee, den Wirt musternd, „ich möchte einmal Elefant." „Gewiß, wenn's weiter nichts ist. Wer Sie müssen schon einen ganzen Elefanten nehmen, da wir ihn nicht ttt Stücken aufschneiden." Ter Yankee zog vor, sich mit Fisch und Fleisch zu begnügen. __________ Literarisches. Als achter Band des elften Jahrgangs der Veröffent- ltchungen Les „Vereins der Bücherfreunde". (Geschäftsleitung: Verlagsbuchhandlung Alfred Schall, Königl. Preuß. und Herzogl. Bayer. Hofbuchhändler, Berlin W. 30) Eien: i ! . u J , i 1J' L iU J Ü Opfer der Narrheit. Roman von F. v. Klink- Lütetsburg. Preis geheftet 3 Mk., geb. 4 Mk. Für Mitglieder des „Vereins der Bücherfreunde": Preis geheftet 1 Mk. 90 Pf., geb. 2 Mk. 25 Pf. Der vorliegende Roman erhebt sich weit über das Niveau unserer Tageslitteratur und dürfte in ungewöhnlichem Grade das Interesse derjenigen Leser in Anspruch nehmen, die nicht nur flüchtig unterhalten sein wollen,^ sondern auch auffälligen Erscheinungen im gesellschaftlichen Leben ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Ausführliche Prospekte sowie Programme des 12. Jahrganges des „Vereins der Bücherfreunde" liefert jede Buchhandlung und die Geschäftsleitung des „Vereins der Bücherfreunde" in Berlin W. 30. Neber Land und Meer, die allbeliebte illustrierte Zeitschrift, hat soeben den neuen, 45. Jahrgang begönnern Getreu dem Bestreben, die Gediegenheit des litterarischen Inhalts mit vollkommener Gestaltung der künstlerischen Beiträge zu verbinden, gießt sich lieber Land und Meer als ein echt deutsches Familienblatt. Den erzählenden Teil eröffnet ein Roman von Richard Boß: „Für die Krone",, worin der Dichter mit packender Gewalt und dem höchsten Schwünge poetischer Darstellung das Schicksal eines genialen jungen Fürsten behandelt, in dem manche Züge auf ein berühmtes Vorbild der neueren Geschichte htndeuten. Dazu gesellen sich zwei heitere, im Hefte abgeschlossene Erzählungen: „Der Javaner" von Georg Fretherrn von Ornpteda und „Ter Aeltervater" von Fritz Skowronnek. Wte diese fesselnden Aufsätze von zahlreichen Jllustrattonen begleitet sind, so finden wir in der Abteilung, bte den Tagesereignissen gewidmet ist, durchweg künstlerisch aus- aeführte Wbildungen. Von hohem Reize send bte Kunstblätter, die in vollendeter Ausführung Meisterwerke der modernen Kunst wiedergeben. Wir nennen, nur das von Humor sprudelnde Genrebild aus dem veneztantschen Leben „Da kommen sie!" von Stefano Novo und Christtan Maits prächtiges Landschaftsbild „Aus der Ponalsiraße". Im Schmucke der Farbe prangen zwet doppelfetttge Kunstblätter, das humorerfüllte, figurenreiche Bild „Salonpoet, von Eduard Cueuel und der im Zauber der Tropennacht erstrahlende Ozeandampfer von Max Rabes. Wtr empfehlen unfern Lesern, sich von der nächsten Buchhandlung bte erste Nummer, die kostenlos geliefert wird, oder das erste Heft zur Ansicht kommen zu lassen, damit sie durch den Augenschein sich überzeugen können, was hter für den billigen Wonnementspreis (viertehabrllch, 13 Nummern, 3,50 Mk., jedes 14 tägige Heft 60 Pfg.) geboten wtrd. Mittag. Am Waldessaume träumt die Föhre, Am Himmel weiße Wölkchen nur; Es ist so still, daß ich sie höre. Die tiefe Stille der Natur. Rings Sonnenschein auf Wies' und Wegen, Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach, Und doch, es klingt, als ström' ein Regen Leis tönend auf das Blätterdach. Th. Fontane^ Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Charade in vor. Nr.r Hanswurst, Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm UniverMtS.Vuch. und Cteindruckerci (Pietsch Erben) in Gießm.