Momag den 18. August. 1902. — Nr. 122. mmhIKö (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-Jork. Won Heinrich Lee. (Fortsetzung.) War das das einzige, was er ihr in diesem Augenblick zu sagen hatte? Begriff er das Geschehene nicht? „Bell! Wo ist sie?" kam es über ihre Lippen. „Sie kleidet sich noch an." So ruhig, so gelassen konnte er bleiben. Ja, war ihm nun nicht alles klar? „Ich muß mit Dir allein sein", flüsterte sie, — „ganz allein. Sind wir hier ungestört?" „Ich denke doch.' Komm, setze Dich, Du bist, sehr erregt. Du wirst noch von der Reise angegriffen sein. Ich werde Dir ein Glas Wein eingießen." Er wollte sie zu einem Stuhl führen, sie aber blieb vor ihm stehen. „Ich bin nicht müde, ich bin nicht erregt", erwiderte sie, „ich verstehe nur Deine" Ruhe nicht. Ja, begreifst Du denn nicht? Herwarth, ich bin jetzt frei! Soll ich Dir sagen, warum ich ihn so rasch begrub? Willst Du die Wahrheit wissen? Weil ich Eile hatte. Eile, zu Dir zu kommen, bevor es zu spät war. Herwarth, verstehst Du es jetzt?" Ja, jetzt verstand er sie, und was ihm ihre Worte nicht sagten, das rief ihm der Ton ihrer Leidenschaft zu. Von dem frischen Grabe kam sie hierher ins Hochzeitshaus, in der Hoffnung, daß seine Vermählung noch nicht vollzogen war, in der Hoffnung, nun Bells Stelle einzunehmen, wohlverstanden nach Ablauf ihres Trauerjahres. Und war sie nicht in ihrem Recht? Hatte er ihr die Wandlung seines Herzens bisher nicht verborgen? Muhte sie nicht glauben, daß es ihr immer noch ungeteilt gehörte wie einst und daß er zu dieser Heirat nur geschritten war, um Bells Geldes wegen? Die ganze Wahrheit ihr sagen? Daß er Bell jetzt liebte, sie ganz allein? Fehlte ihm denn der Mut dazu? Es fehlte ihm der Mut dazu, brutal gegen sie zu sein. Noch? Konnte er sie schonen. „Ottilie", sagte er sanft, „wenn Du es noch nicht weißt, Meine Verbindung mit Bell ist vollzogen. (£§' ist zu spät." Aber das wußte sie ja, daß die Vermählung stattge- fundeu hätte. „Herwarth", flüsterte sie außer sich, ohne auf seine Antwort zu achten, „wäre ich nur deshalb frei für Dich! und Mich, daß uns meine Freiheit nun zu einem Hohn der Hölle Wird? Herwarth, so gebe ich Dich, so gebest wir Beide uns sticht auf — so nicht 1" Was wollte sie noch? „Ottilie, jetzt verstehe ich! Dich allerdings nicht mehr. Was kann denn stoch geschehen?" „Was noch geschehest kann? Siehst Du es sticht?" Sie faßte ihn bei hethest Händctt. - 1 „Auch Du mußt Deine Freiheit von ihr zurückerhalten!"j Sie kam ihm vor wie eine Fieberkranke. „Wie meinst Du das?" „Es wird sich ein Grund, ein Mittel finden lassen, daß Deine Ehe mit ihr rückgängig gemacht wird, daß ihr geschieden werdet." Also das war es, auf was sie steuerte. „Das kann nicht Dein Ernst sein", antwortete er. „Warum nicht?" fragte sie erstaunt. Sie erriet ihn noch nicht. „Weil eine Scheidung einen Skandal bedeuten würde. Abgesehen von allem Anderen. Denk' doch nur an meine Stellung." „Deine Stellung!" Sie starrte ihn an. „Du sprichst von Deiner Stellung und ich — ich spreche von unserer Liebe.--Oder liebst Du mich nicht mehr *?"- Endlich kam es über ihre Lippen. Plötzlich, tonlos, wie ein Hauch, „Ottilie", erwiderte er, denn er sah', daß sich die Wahrheit nun nicht mehr bannen ließ, „'ich! muß Dir etwas offenbaren. Immer ist zwischen uns Ehrlichkeit gewesen-! Bell habe ich belogen, Dich will ich nicht belügen. Ottilie, ich liebe Bell!" Es war, als flog eine Kugel in ihr Herz. Sie taumelte, er umfing sie und ließ sie auf den Stuhl uiedergleiten. „Ja, Ottilie", fuhr er nun mit starker Stimme fort, „ich liebe Bell. Ich liebe sie mit meinem ganzen Herzen, mit allen meinen Sinnen. Aus voller Seele liebe ich sie, Es ist wahr, damals, Du weißt es, empfand ich den Gedanken, sie' meine Frau einst zu nennen, wie ein Opfer, mit dem ich mein ferneres Leben erkaufte. Ich kanstte sie ja nicht. Ich betrog sie — ich wollte ihr Liebe heucheln-! Nun, Ottilie, hat sich, in mir der Betrug 'zur Wahrheit ge- wandelt. Jetzt liebe ich sie und ich gebe sie nicht mehr her, um keinen Preis der Welt." Seine Worte rauschten in ihr Ohr und sie betäubtest sie. Die Sinne wollten ihr vergehen. „Und ich?" brachte sie endlich hervor, „mich hast Du vergessen?" Alles Schlimme gegen sie schwieg jetzt bei ihrem Anblick in ihm. Er dachte nur noch ihrer alten Neigung zu einander. „Dich vergessen, Ottilie!" sagte er. „Ich glaube nur, wir haben unsere einstige Empfindung für einander überhaupt verkannt — ich sowohl wie Du. Ueberlege Dir doch alles. Ich! war Primaner, da schwärmte ich für Dich —. und Du, ein halbreifer Backfisch, Du hattest natürlich, ast weinen Huldigungen Dein Vergnügen. Dann wurden wir getrennt, und Du, Du heiratetest. Nach langen Jährest sahen wir uns wieder. ‘ Hermann wär Dein Mtte nur noch dem Namen stach und ich >- ich brachte nach detf Heimat ein teer gewordenes HerL Oie Erinnerung ast Misere Jugend wär es, die Macht Wer uns. MM sticht 486 Liebe, nein, nur ihr Liickenbüßer. Prüfe Dich selbst, Ottilie, und dann sage, ob ich Recht habe oder nicht." Wie eine Last wälzte er es sich von der Seele. Es war nicht nur eine Brücke, die er ihr baute, sondern, wie er jetzt von der Vergangenheit sprach, so erschien sie ihm auch. Nur Eine hatte er in seinem Leben geliebt — Bell. Ottilie stand auf. „Nein", ries sie ihm heiser ins G-esicht, „nein, nein!" „Ottilie!" Und mit vor Leidenschaft bebender Stimme, alles vergessend, fuhr sie fort: „Ich liebe Dich! Hörst Du, ich liebe Dich, und ich lasse Dich ihr nicht — ihr nicht!" „Ottilie, das ist nicht Liebe, das ist Eifersucht, das ist Neid!" Wie sie sich selbst vergaß, so vergaß er nun auch sich. „Neid, ja!! Nenne es, wie Du willst. Du siehst, ich schäme mich nicht mehr. Ich lasse Dich ihr nicht, ich lasse Dich ihr nicht. Ich — ich habe Euch zusammengebracht- Ich — ich habe sie Dir gegeben. Und ich — ich kann sie Dir auch wieder entreißen." Wild funkelten ihre Augen ihn an, in Rachsucht, in Triumph, in Wahnsinn. An was erinnerte sie ihn? Und alles Mitleid, das er mit ihr gefühlt hatte, war in diesem Augenblick aus seinem Herzen verschwunden. Er hätte sie von sich stoßen können- „Du hast sie mir gegeben — ja! Aber erinnere mich nicht daran. Du erinnerst mich an die Lüge, an das Verbrechen, zu dem Du mich gegen sie angestiftet hast." „Ein Verbrechen!" schrie sie ihm mit unterdrückter Stimme zu, denn sie vergaßen beide nicht, daß sie belauscht werden konnten, und nun erglänzte ihr Gesicht in einer dämonischen Freude. — „So also nennst Du es selbst." Dann reckte sie sich hoch auf. „Ein Wort von wir, und sie erfährt dieses Verbrechen." „Ottilie, Du bist nicht bei Vernunft. Du weißt nicht mehr, was Du sprichst!" Sie sah seinen Schrecken, seine Furcht, seine Angst, „Zitterst Du jetzt?" Und ihr Ton sank wieder zur Bitte, zur flehenden Zärtlichkeit. Alles, auch ihre fortgeworfene Weiblichkeit, ihre jetzt von ihm verschmähte Liebe, alles war gleichgiltig — wenn er nur nicht das Eigentum der anderen wurde. „Verlaß sie", bat sie, „hörst Du, Herwarth, verlaß sie, und ich schweige. Du wirst sie vergessen, Du wirst mich von neuem lieben lernen, ich will Dich glücklich machen. Noch ist sie nicht hier, noch hat sie mich nicht gesehen, Deine Koffer sind gepackt, Du reisest mit mir!" Er fragte sich, ob er es nicht wirklich mit einer Wahnsinnigen §11 thun hatte. Jedenfalls mußte dieser Auftritt ein Ende nehmen. Bell konnte in jedem Augenblick mit ihrer Toilette fertig sein, dann würde sie ihn suchen, dann ihn hier mit ihr finden. „Wir haben uns nichts mehr zu sagen!" sprach er, ,,Ie6e wohl!" Er ging. Sie klammerte sich an ihn fest „Herwarth!" Er riß sich von ihr los. In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet. Bell stand vor ihnen beiden — im Reifekleid. Sie hatte sich gewundert, wo er blieb. Erst der Kellner sagte es ihr. Auch von der Dame hatte er ihr gesprochen. „Ottilie!" rief Bell. Ihre Ueberraschung verstummte. Eie sah Ottiliens Trauerkleid. „Ottilie! — Dein Mann! — Er ist tot !<' „Ja, er ist tot!" Sie lief es ihr zu in einem Tone, der kein Schmerz mehr, kein Trauern war. Bell blickte nach Herwarth. Er wandte ihr nicht fein'Gesicht zu. „Ottilie", sprach ■ sie erschüttert. Aber vergebens, daß sie der Freundin ihre Hand entgegenstreckte. Ottilie nahm sie nicht. „Bedaure mich nicht, Bell", erwiderte sie kalt, schneidend, mit einem eisigen, höhnvollen Blick. — „Daß er gestorben ist, das ist das Wenigste!" Bell fühlte ihren Arm erfaßt — von ihm. „Komm mit mir", sagte er, „hör' sie nicht an/< .Aber sie blieb stehen. „Es ist zwischen Euch etwas geschehen. Ich will es wissen." Es war ihr, als stünde ihr plötzlich das Herz still, als wüßte sie schon, was ihr diese Frau jetzt zu erwidern hätte. „Und Du sollst es wissen", zischte ihr Ottilie jetzt zu, indem sie dicht vor sie hintrat. „Bell, ich hasse Dich und deshalb habe ich kein Mitleid mit Dir. Du bist sein Weib geworden. Du denkst, weil er Dich liebte- Nein, Bell! Nur weil Du reich bist. Damals, als eq um Dich warb, hatte er sein Vermögen eingebüßt. Um in seiner Stellung zu bleiben, brauchte er eine reiche Frau. Du dachtest, er wüßte nichts von Deinem Reichtum. Du fragtest muh darüber. Ich habe Dich damals belogen- Ich selber habe Dich an ihn verraten. Denn, Bell, ich liebte ihn im Innersten meines Herzens selbst und ich mußte ein Mittel finden, ihn zu retten. Ich kam hierher, weil ich nun frei bin — Hermann ist tot. Nichts hätte meiner Liebe, meiner Verbindung mit ihm nun im Wege gestanden — nur Du — Du hast ihn mir geraubt. Nun weißt Du es. Es ist für Dich mein Hochzeitsgeschenk- Leb' wohl!" Sie rauschte hinaus. Sie waren Beide allein. In dem kleinen Saale war es ganz still, nur die Fliegen summten um den Tisch. Durch die hohen, mit schweren, durchsichtigen Vorhängen verhüllten Fenstern, hinter denen der Hotelgarten lag, glitt bis hinüber zu dem großen, schweren, eichenen Buffet ein dreikantiger, aus Milliarden Stäbchen bestehender Streif der Nachmit- tagssonne und munter hörte mau jetzt von dem großen Kastanienbaume, der vor dem Mittelfenster stand, die Spatzen zwitschern. Bell stand, mit dem Arm die Lehne umschlingend, an einem hohen Sessel. „Bell!" flüsterte er, an sie herantretend. Er konnte nicht ihr Gesicht sehen, denn es war nach der anderen Wand gerichtet. „Sage", klang es endlich von ihren Lippen in einem fremden Ton, „sage, daß sie gelogen hat." Er konnte es nicht. „Bell", sprach er, „hör' mich an' Sie stöhnte in sich hinein. „Es ist wahr! Es ist wahr!" lieber ihre Schultern lief ein Zittern, wie ein Schauder vor seiner Berührnng. Er sah es- Er sah auch, daß alles verloren war. „Bell", begann er von neuem, „was ich Dir sagen muß, das soll keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung für mich sein. Du verachtest mich nicht tiefer, als ich mich selbst verachte. Du siehst, Du hast mich nicht zu fürchten- Ich rühre Dich nicht an — nicht den Saum Deines Kleides. Ja,' Bell, ich habe Dich betrogen, aber ich kannte Dich ja nicht, ich wußte ja nicht, was ich that. Einem reichen Mädchen die Komödie Vorspielen, daß man nicht um ihres Reichtums, sondern um ihrer selbst willen wirbt — das war schließlich etwas Gewöhnliches und alle Welt findet es in der Ordnung. Nicht das, Bell, kann mein Verbrechen fein. Aber dieses Mädchen warst Du. Das macht es erst dazu." Tie Stimme versagte ihm. Dann fuhr er fort, überströmenden Herzens, und sie hörte ihn nun ganz dicht hinter sich: „Tenn jetzt, jetzt liebe ich Dich Bell. Ich liebe Dich ! Das schwöre ich Dir!" Sie lachte gellend auf. „'Er schwört!" Es war ein Lachen, vor dem alle seine Beteuerungen zusammensplitterten. „Tu glaubst mir nicht mehr", sprach er weiter, „darauf hast Tu ein Recht- Bell, ich frage mich, was ich thun kann, nicht, um Dich zu versöhnen, nein, um Dich von meiner Liebe zu überzeugen. Hier stehe ich und erwarte, was Du beschließen wirst. Ich unterwerfe mich Dir." Sie richtete sich auf — sie wandte sich jetzt zu ihm um. Ihr Gesicht lvar wie verwandelt. Wie weißer Marmor sah es aus — so weiß und so hart und so schön. Ja, — er zeigte ihr den Weg aus ihrer Sch,mach „Was ich beschließen werdet, sprach sie, „und das wirst Tn thun?" - , J v- . ■ ■■ 1 ’ ■ „Ja." 487 „Dann will ich daß Du die Scheidung einleitest, Auf der Stelle. Morgen." Bell!" "Wirst Tu es thun?" fragte sie noch einmal. „Bell, sei darmherzig!" stöhnte er. Ein kaltes, verächtliches Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Ich bin vielleicht nicht deutlich gewesen", sagte sie. „Nur mich verstehst Tu, nur mich fordere ich von Ttr zurück. Nicht mein Geld. Tu selber sollst die Summe nenuen, uin die ich Dir feil bin. Ich werde meinem Anwalt Auftrag geben, und Du wirst sie erhalten." „Bell!" schrie er aus und hob den Arm gegen sie. Tann bezwang er sich „ „Es wird geschehen, tote Tu es wünschst", sagte er, „lebe wohl!" Er ging. Sie hörte noch den Nachhall seiner gebrochenen Stimme, das Geräusch der Thür, die sich hinter ihm schloß. Sie sank in den Stuhl. Um beit Tisch summten die Fliegen und auf dem Kastanienbaum draußen schwatzten die Spatzen. — Das war ihr Hochzeitstag. (Fortsetzung folgt.) Der gegenwärtige Stand der Säuglings- Ernährung. Tie Frage der Säuglings-Ernährung hat gerade in der letzten Zeit durch Robert Kochs Mitteilungen auf dem Londoner Tuberkulose-Kongreß eine aktuelle Bedeutung bekommen, weil die anscheinend fest begründete KuhmilchpHy- gteite damit in andere Beleuchtung gerückt worden ist. Und diese Frage wird, wie auch der vorjährige Naturforschertag zu Hamburg gelehrt hat, noch nicht so bald aus der öffentlichen Diskussion verschwinden. Denn sie ist für das Wohl der Familie und des Volkes eine so wichtige, daß es kein Wunder nehmen kann, wenn Aerzte und Hygieniker fortwährend bemüht sind, sie zu klären, Uebelständen abzuhelfen, Irrtümer zu beseitigeu, Verbesserungen zu ersinnen. Ein richtig und gut ernährter Säugling erhält, indem fite seine Gesundheit ein fester Grund gelegt wird, damit die beste Sicherheit einer kräftigen Entwicklung, also eine bedeutungsvolle Mitgabe für das Leben. Je mehr die Säuglings-Ernährung gebessert wird, desto mehr wird die Sterblichkeit der kleinsten Kinder, die noch vor wenigen Jahren erschreckende Zahlen aufwies, aber sich bereits merklich verringert hat, eingedämmt. Was die Erhaltung gesunder, leistungsfähiger Individuen für ein Volk zu bedeuten hat, braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Aber auch für das Haus und die Familie, in erster Linie für die Mütter, ist zur Erhaltung des Kindes eine stete Vertrautheit mit dem jeweiligen Stande der ErnÄhrungssrage wichtig. Daß die Frauenmilch, d. hi die Mutter- oder Ammen- milch, für das Kind die naturgemäßeste und trotz vieler Versuche künstlicher Umgestaltung der Kuhmilch noch unerreichte Ideal-Nahrung ist, daran hat sich nichts geändert. Diese Thatsache ist feststehend geblieben, obwohl es in den letzten Jahrzehnten nicht an Bemühungen gefehlt hat, künstliche Präparate herzustellen, welche die Frauenmilch vollkommen ersetzen könnten. Auch wenn sie chemisch gleich zusammengesetzt waren, erwies sich doch ihre physiologische Wirkung in Bezug auf Resorption und Ernährung nicht als die gleiche. Wer es ist nicht zu leugnen, daß durch Biedert, Backhaus, Gärtner und andere Autoritäten sehr wesentliche Ausgleiche zwischen Kuhmilch und Frauenmilch erzielt wurden. Biederts Rahm-Konserve, die entkäste Backhausmilch, die überfettete Gärtnersche Milch find Errungenschaften und Fortschritte, die als Marksteine in der Säuglings-Diätetik bezeichnet werden müssen. Die Erkenntnis von den Vorzügen der Frauenmilch hatte schon lange dazu geführt, arme mutterlose oder kränkliche Säuglinge milchreichen Stillenden zur Ernährung neben ihrem eigenen Kinde mit an die Brust zu geben. JU Findelhäusern OesterreichD und Rußlands wurden Frauen, die aus den Entbindungsanstalten entlassen waren, mit ihren Kin- dren noch für einige Zeit unentgeltlich verpflegt, wenn fie ihre Nahrung gleichzeitig noch einem der Findlinge spendeten. Auch im Säuglings-Krankenh'aus zu Dresden hat man, wie Tr. FlachD berichtet, ähnliches versucht. Um den dortigen kranken Kindern Frauenmilch zu schaffen, wurden Ammen in die Anstalt ausgenommen, und zwar mit ihren Kindern, damit diese nicht sofort der eigenen Mutter entbehrten, und damit letzterer eilte rege Milchsekretion gesichert blieb. Die Ammen erhalten freie Kost und Verpflegung gegen die Verpflichtung, ein Kind mit an die Brust zu nehmen. Die so für die kleinen, kranken Pfeglinge gewonnene Milchmenge wurde ein ganzes Jahr lang genau bestimmt. Durchschnittlich waren an 196 Verpflegungstagen monatlich 18 Ammen im Säuglingsheim thätig. Diese lieferten im Monat durchschnittlich 223 Liter Milch, von denen die eigenen Kinder der Ammen 53 Liter, die kranken Säuglinge 170 Liter (resp. 4—5 Liter täglich) erhielten. Wenn man die Verpslegungskosten der Ammen mit deren eigenen Kindern in Anschlag bringt, so stellt sich ein Liter Frauenmilch, welches die Pfleglinge erhielten, auf 5.23 Mk., allerdings ein enormer Preis. Selbst wenn man die Güte und Bekömmlichkeit der Milch berücksichtigt, so durste doch dies kostspielige Experiment schwerlich zur Nachahmung reizen. Die Durchführung einer derartigen Ernährung im großen und in einem für die ärmeren Kreise ausreichenden Mahstabe wäre einfach unmöglich. Man wird deshalb immer wieder auf die Kuhmilch zurückkommen. Man hat die Kuh als die „vierbeinige Amme" aller der Kinder bezeichnet,' welche ohne Brustnahrung aufgezogen werden müssen. In der That vermochte weder die Ziege — die Kuh des kleinen Mannes — noch die Eselin, obwohl die Milch beider der Frauenmilch ähnlich und fast frei von Mikroben ist, die Kuhmilch aus ihrer Popularität zu verdrängen. Sie wird für immer das verbreitetste, am leichtesten zu beschaffende Nahrungsmittel für die erste * Kinderzeit bilden. Wohl haben in den letzten 20 Jahren das Mikroskop, der bakteriologische Brutapparat und das Laboratoriums-Experiment den Glauben an ihre Güte und Reinheit etwas Kschüttert. Allein es darf der Mutter zur Beruhigung gereichen, daß ein kurzes Erwärmen (Pasteurisieren) in der Molkerei oder tut Hause, ein fünf Mb nuten langes Wkochen vollkommen genügt, um schad- liche Keime, selbst Tuberkulose-Bazillen, abzutöten, und zugleich die Milch für 24 Stunden haltbar zu machen. Daß die Perlsuchtbazillen der Rinder-Tuberkulose und die Tuberkulosebazillen der Menschen, trotz ihrer äußeren Aehnlichkeit, verschieden sind, haben Robert Koch und Paul von Baumgarten nachgewiesen. Wer sie sind nahe verwandt; sie entstammen einer Urform, die sich nur im Laufe der Zeit dem Menschen- oder Tier-Organismus so angepaßt hat, daß der allmählich veränderte Bazillus bei der ihm fremd gewordenen Spezies schwer haftet. So kommt es, daß der Mensch durch Milch perlsüchtiger Kühe bei weitem nicht so häufig infiziert, nicht so stark gefährdet wird, wie man bisher annahm. Dennoch wird man sicherer gehen, wenn man dem Kinde die Milch nicht roh giebt, sondern kurz abgekocht. Denn es kommen doch, wenn auch glücklicherweise selten, Fälle von primärer Darmtuberkulose und von Entwickelung allgemeiner Tuberkulose aus solcher vor. Da also die Möglichkeit einer Infektion durch Milch oder Milchprodukte nicht ganz abzu- weisen ist, so thut man gut, auch ferner Vorsicht walten zu lassen. Deshalb werden auch die Medizinalbehörden sich noch nicht veranlaßt fühlen, die gesundheitspolizeiliche Ueberwachung der Milch und des Molkereiwesens wieder aufzugeben. Großartig sind, gerade dank jener Ueberwachung, die Fortschritte des modernen Molkereiwesens. Das Milchvieh wird tierärztlich besser kontrolliert. Reagiert es auf Tuberkulin-Einspritzung, so wird es, als verdächtig, von der Milch^- produktion ausgeschlossen. Mau hält auf gut ventilierte, trockene Ställe mit reiner Luft, auf undurchlässigen, leicht abfallenden Fußboden. Man beseitigt die Fliegen, diese gefährlichen Zwischenträger von Krankheitskeimen, durch sinnreiche „Fänger". Man striegelt die Kühe vor dem Melken, widmet dem Euter der Kühe, beit Händen des Melkers!, ben Gefäßen usw. größere Sorgfalt, peinlichere Sauberkeit. Soxhlet hat uns bie Gefahren des von Exkrementen und Futterpartikelchen herrüyrenden Stallschmutzes für die Milch unb bas Kind so eindringlich vorgeführt, baß wir die in der Verunreinigung liegende Gefahr furchten gelernt haben. Sterilisierbare Siebe, Zentrifugen usw. entfernen jetzt den Schinutz aus der Milch, ehe ste ins Publikum 488 gelangt. Auf die Trockenfütterung legt man heute nicht mehr so viel Gewicht wie noch! vor zehn Jahren, als jede andere Fütterung verpönt war. Mau hat den Werdegang und frisches Grünfutter wieder schätzen gelernt und weiß- daß nicht dies die Ursachen der Diarrhöen ist, sondern Milchzersetzung durch Stallschmutz. Zum Transport benutzt man z. B. am besten weithalsige Gefäße aus Eichenholz mit luftdichten, vernickelten Verschlüssen. Diese sind sauber und lassen sich gründlich reinigen, während das bei Fässern, deren enge Oeffnung mit einem Strohwisch geschlossen wird, unmöglich ist. Glücklicherweise verschwinden diese entsetzlichen, schmutzigen Milchfässer mehr und mehr. Von dem Sterilisieren der Milch kommt man allmählich wieder zurück, seitdem die Übertriebene Bakterienfurcht etwas nachläßt und einer maßvolleren Anschauung Platz macht. Die Veränderungen der Milch durch zu langes Erhitzen sind ihr 'nicht günstig, auch soll (nach v. Starck) sterilisierte Milch leicht Kinder-Skorbut veranlassen. Da nun in der Häuslichkeit nur eine 24-stÜndige Konservierung in Frage kommt, so genügt ein kurzes Aufkochen vollkommen. Wer einmal einen Soxhlet-Apparat besitzt, kann die einzelnen Portionsflaschen ganz gut benutzen und die Tagesmahlzeiten so bereiten. Sonst genügt aber ein guter Milchtopf mit Deckel völlig dazu, Flaschenmilch beim Ausfahren der Kinder, auf Reisen Usw. warm zu erhalten, war bisher nicht beliebt, weil man eine rasche Zunahme der Keime befürchtete. Merkwürdigerweise hat, nach Dunvar, diese Vermehrung sich in den Milch-Thermophoren, welche die Milchflaschen fünf bis sechs Stunden warm erhalten, nicht bestätigt. Seit einigen Jahren hat man von Holland aus wieder die Buttermilch zur Ernährung junger Säuglinge, zumal nach Verdauungsstörungen mit Atrophie, empfohlen. Ver- fuche in der Charito, über die Salge berichtet, ergaben tn 73 Prozent ein gutes Resultat. Die Buttermilch wird, feiner Angabe nach, am besten täglich frisch, aus saurem Rahm oder saurer Milch hergestellt und folgendermaßen verwendet: Ein Liter Buttermilch! wird mit einem Eßlöffel Mehl und eistigen Eßlöffeln Zucker bis zum dreimaligen Aufwallen erhitzt, dann in Flaschen gefüllt, und kalt gestellt. In dieser Form soll sie von den meisten Mndern gern genommen, leicht verdaut und gut vertragen werden. Von Interesse ist schließlich) daß die seinerzeit von Liebig angegebene „Suppe", deren Herstellung zu umständlich war, neuerdings in handlicher, verbesserter und' gebrauchsfertiger Form wieder auflebt. Die Breslauer Kinderklinik hat sie wieder eingeführt. Anch Prof. Soxhlet in München hat ihre fabrikmäßige Herstellung veranlaßt, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Versuche, Kuhmilch durch reichlichen Milchzuckerzusatz nahrhafter zu machen, an den hierdurch verursachten Durchfällen gescheitert waren. Liebig verzuckerte seinerzeit das Weizenmehl durch Malz-Diastase, setzte Kali zu und gab dieses zur Kuhmilch) Die jetzt fertig gestellte Liebig-Nahrung ist dextrinreich; die damit versetzte Kuhmilch wird zu einer Maltose-Milch) welche dem Säuglingstnagen Arbeit erspart und um so nahrhafter ist, als ein leichter Kochsalz-Zusatz zugleich die Löslichkeit der Kalksalze der Kuhmilch begünstigt. r , Wie man sieht, sind auch die letzten Fahre frucht- ormgeyd für die Lehre von der Säuglings-Ernährung gewesen. Diese Lehre bewegt sich immer mehr' in der Richtung nach dem Einfachen, Naturgemäßen" hin, und sucht große Künsteleien zu vermeiden. Sie legt den Schwerpunkt auf die Herstellung tadelloser, preiswerter Kuhmilch- Zumal billiger, guter Vollmilch, nicht auf Präparate und Surrogate. Vermischtes. Haben die Alten schon geraucht? In Norddeutschland, den Rhein- und Tonaugegenden, in der Schweiz, in Frankrerch und Großbritannien sind seit längerer Zeit bei Ausgrabungen aus dein' Schoße der Erde alte Pfeifen aus Thon, blechgefuttertem Holz und aus Metall zum Vorschein gekommen, die ganz auffallend unseren Tabakpfeifen gleichen. Mögen manchs dieser 'Stücke gefälscht sein, so sind' doch andere gut beglaubigt, und an ihrer Herkunft aus vor- römtscher, römischer Und merovtngischer Zeit ist nicht zu Ncd-stion: Curt Plato. — Rotationsdruck und B erlag der Brühl zweifeln. W ist nUU unter den Archäologen ein lebhafter Streit darüber entbrannt, ob diese „Pfeifen" auch! wirklich Pfeifen in UnsereUt Sinne seien, d. h. ob sie dem Zwecke des „Rauchens" gedient hätten. Es giebt thatsächlich ausdrückliche Zeugnisse antiker Schriftsteller, aus denen hervor- geht, daß man im Altertum bereits als Genuß- wie als Heilmittel Pflanzendämpfe etngesogen hat. Herodot (1202), der zur Zeit der Perserkriege lebte (etwa 486 bis 420 v. Ehr.), erzählt — wie I. B. Kenne im Korrespondenzblatt der Deutschen anthropologischen Gesellschaft feststellt — gelegentlich des Zuges des älteren Cyrus gegen die Massa- geten von den Bewohnern der großen Inseln des Araxes (wahrscheinlich der heutigen Wolga) folgendes: „Auf diesen Inseln leben Menschen, die, wie man sagt, zur Sommerszeit sich, von allerlei Wurzeln nähren, während sie die, Baumfrüchte das Sommers sammeln und aufspeichern als Zehrung für die Winterszeit. Außerdem aber haben sie Bäume ausfindig gemacht mit Früchten eigentümlicher Art, Sie kommen oft sck)!arenweise zusammen, zünden ein Feuer, an, und um dasselbe herumsitzend, werfen sie jene Früchte darauf; wenn sie dann den Duft der aufgeworfenen Frucht einatmen, werden sie davon trunken, wie die Griechen vom Wein, und je Mehr sie von der Frucht auf das FeUer werfen,- um so trunkener werden sie, bis sie schließlich tanzen und singen." Ganz ähnliches berichtet der römische Geograph Pomponius Mela von einigen thrakischen Stämmen; unter diesen sei der Weingenuß unbekannt; aber bei ihren Schmausereien würden gewisse Samen aufs Feuer geworfen, und der infolgedessen aufsteigende Dampf bewirke bei ihnen eine Heiterkeit, die der Trunkenheit ähnelte. Eine dem Plutarch zugefchriebene Schrift, die dieselbe thrakische Sitte berichtet, fügt hinzu, daß der erwähnte Samen von einen: an Flüssen wachsenden Grafe komme, das dem Dosten (origanum) ähnlich sei. Als Heilmittel wird das Einatmen von Dämpfen bei Plinius (nat. hist. XXI 116) erwähnt, Plinius berichtet von einem „wunderbaren" Brauch unter Barbaren, den Räucherduft von Cespergras einzuatmen und dadurch ihre Milz zu beseitigen. In dieser Nachricht steckt sicher ein wahrer Kern, der aber dem Plinius nicht v-erständ- lfch war, weil ihm' diese Art barbarisch,en Genußmittels etwas fremdartiges war: denn lediglich aus Gesundheitsrücksichten werden jene Barbaren den Dampf von Cespergras nicht eingeatmet haben. Eine andere Stelle des Plinius (XXVI 36) ist deshalb besonders wichtig, weil hier das Einatmen des Rauches mittels eines Werkzeuges, nämlich eines Schilf- oder anderen Rohres, bezeugt wird. Er sagt: „Der Rauch, von trockenem Huflattich samt Wurzel, mittels eines Rohres (harundo) eingesogen, soll veralteten Husten heilen, doch muß man nach jedem Zuge einen Schluck Rosinenwein (Wein aus getrockneten Trauben) nehmen.^ Wie man aus diesen Stellen der griechischen und römischen Litteratur ersieht, ist bei den beiden vornehmsten Kultur-. Völkern des Altertums das Einatmen von Pflanzendämpfen als Genußmittel nicht üblich gewefen und hat höchstens für. Vertreibung von Husten vereinzelte Anwendung gefunden. Dagegen ist die Sitte des Rauchens bei „barbarischen^ Völkerschaften bekannt gewesen, freilich keineswegs all-! gemein. Wäre sie z. B. in Gallien ganz allgemein gewesen^ so würden wir doch über diesen den Römern auffallenden' Brauch! etwas näheres hören. Da aber anderseits für einzelne Gegenden das' Einatmen von Pflanzendämpsen W zeugt ist, so steht nichts im' Wege, die im Laufe der Zeit' gemachten Psetfenfunde mit der Sitte des Rauchens tn Verbindung zu bringen. Es würde im Gegenteil seltsam sein) Wenn das Rauchen einzig und allein an das Aufkommen des Tabaks, geknüpft gewefen sein sollte. Ergänzimgsräts el. (Nachdruck verboten.) U—r, R—m, A—t, O—r, A—t, L—b, A—t, E—8, R—h, A—m. Statt der Striche find passende Buchstaben zu setzen, sodaß bekannt« Hauptwörter entstehen. Sind die richtigen Buchstaben gefunden, so bezeichnen sie, im Zusammenhang gelesen, eine Jahreszeit. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.t Riesengebirge. (Ri, es, cN, ge, Bir, ge.) ■ ~■'-------—— ---------.r— ■ ■■ -----—.. scheü ÜnivcrsikStS-Buck!- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,