Freitag den 18. Juli. MM -mr^M^iWWM S®jiii«®Sßa J.M'iirrw t ^SgÄWH1 AV >P^^tz6MK^W« E iy02. — Nr. 105. i<4 I . A 4 (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Es war beschlossen, daß der folgende Dag bereits dem Ernst der Arbeit gewidmet werden sollte, Paul Lehmigke wollte die Schwestern selbst in ihre neue Thätigkeit einführen, und so genoß man den heutigen Abend noch als Ferienzeit. Wer den Hausherrn in den letzten Jahren in dem schweigsamen verschlossenen Ernst seiner rastlosen Thätig- kett gesehen hatte, der würde ihn in diesen Stunden kaum wiedererrennen. Es war wie ein Ausvuhen über ihn gekommen, das die starre Energie seines Wesens und den eisernen Willen seiner Thatkraft endlich einmal in Wohlsein und Lebensfreude löste. Ja, er lachte sogar manchmal laut und Herzlich, er neckte tzulde und redete ihr vor, der Postbote käme nur jede Woche einmal nach Kienberg, sie könne nur alle acht Tage Grüße mit ihrem Verlobten austauschen, und auch für Traute hatte er allerlei kleine Neckereien, die fast an Uebermut streiften. Selbst Frau Velten, die den Tag über an Kopfweh gelitten, wurde ganz warm und herzlich gegen ihn, als sie ihn in den Abendstunden näher kennen lernte, denn ihre Gesinnung war viel zu liebenswürdig, um ein äußerliches Vorurteil festzuhalten, wenn ihre Einsicht sie eines Bessern Bis in die Mitternachtsstunde hinein saß man unser dem Nußbaum beisammen, und Paul und Traute schien der Gesprächsstoff gar nicht auszugehen. Nur einmal schwiegen beide lange still und horchten auf. Die Nacht war schon da mit ihren schwarzen Schatten, die sich gegen das flimmernde Lampenlicht auf die Veranda zur Finsternis vertieften, als die Ziehharmonika mit ihrer wehmütigen Lustigkeit das Lied von der heimlichen Liebe an- sklmmte. tvas altbekannte Lied, das in Leipzig eine Zeitlang jeder Leierkasten gespielt hatte, und das dann ebenso schnell vergessen und verklungen war. Es weckte allerlei Erinnerungen und Bilder. Traute lehnte das Haupt in müder Träumerei an den rankenumschlungenen Pfeiler, nnd ihre Augen suchten die fernste Finsternis. Mit einem Aufseufzen schreckte sie endlich aus ihrer Selbstvergessenheit auf, und den Kopf wendend, begegnete sie Paul Lehmtgkes Blick. Sie erschrak vor der stummen und doch so beredten Frage, die darin geschrieben stand mit dem Ausdruck von Seelenqual. Abest im nächsten Augenblick spielte die Ziehharmonika „Du bist verrückt, mein Kind", das Gespräch kam wieder in Fluß und her Schreck verflog wie ein Schatten. Es war wohl nup Unbildung gewesen, sagte sie sicht Nnd als Lehmigke Traute wieder lachen, hörte, sägte erst Impressionist gewesen und zum Symbolismus. er sich: Es war wohl nur Einbildung gewesen, daß däH Lied sie plötzlich so blaß und traurig machte, das fatale Lied, das man damals in Leipzig auf dem Eise spielte." Und mit heiterem und herzlichem Gutenacht trennte man sich endlich nach Mitternacht. Fünfundzw anzigstes Kapitel. Während Paul Lehmigke in Kienberg war, hatte Almck in Brantikow das ganze Haus voll Logierbesuch Es machte ihr viel mehr Spaß, von einem größeren Kreis von Vcvi fallen und Basallinnen die Wirtin und Herrin von Bran-, tikow zu spielen, als in die Bäder oder ins Gebirge zu reisen. ' i ; Ihre Mutter und zwei ältliche Erbtanten bildeten die Garde d'Honneur für sie in Abwesenheit des Gatten und! diese würdigen Damen, die ein Witzbold der Gesellschaft die drei Parzen getauft hatte, leisteten Unglaubliches int Whistspielen, Patiencelegen, Schlafen, Essen und Trinken. Sie hatten ihren ständigen Aufenthalt am Spieltisch- und am Speisetisch und eine von ihnen schnarchte immer in einer Sofaecke, während die beiden andern sich mit Patiencen oder Rabouge beschäftigten. Den vierten Mann am Whisttisch machte häufig der Bruder der Kommerzienrätin Janisch, ein unverheirateter Mann von einigen sechzig Jahren, der meist für dass große Weingeschäft seines Schwagers in allen Weltteilen gereist war, und von alt und jung Onkel Tom genannt wurde, obgleich er Ludolf Thomas hieß. Zu Almas Gästen zählten ferner ein junges Ehepaar,- eine Cousine mit sehr viel Geld, die als spätes Mädchen, wie Onkel Tom sagte, einen Künstler ohne Geld geheiratet hatte. Sie war etwas verwachsen, und er war als Maler erst Impressionist gewesen und neigte sehr stark zur Mystik und zum Symbolismus. Alma protegierte ihn, kaufte seine Bilder, ließ sich von ihm malen, und wollte jeden überreden, ihn für den größten Künstler der Gegenwart zu halten. Nebenbei war er der Schoßhund seiner stark verliebten Gattin, die ihn so hätschelte und pflegte, daß er anfing fett zu werden und ein wenig faul. Den lustigsten Teil dieses Kreises bildeten ein paar unverheiratete Vettern und Cousinen aus der Stadt, haM wüchsige Burschen, von denen der jüngste Primaner und der älteste Lehrling in einem Bankgeschäft war, und die sämtlich von den routinierten Stadtdamen in der höheren Kunst des Flirt unterwiesen wurden. Der Reiz und die Vielseitigkeit dieses geselligen Zusammenlebens wurde noch erhöht durch einen jungen Mann, der sich seit einigen Wochen als Volontär in Brantikow aufhielt, um Landwirtschaft und Fabrikwesen !vie Ziegelei zu studieren. Er war ein alter Bekannter der Fannlre Janisch, in deren Hause er als Leutnant verkehrte,, Ms er Schulden halber den Dienst quittierte, und auf euttge Jahre nach Amerika verschwand. Von dort rief ihn eine unerwartete Erbschaft zurück. 418 Drei männliche Mitglieder seiner Familie starben eines plötzlichen Todes, wodurch er in den Besitz eines Gutes und nicht unbedeutenden Barvermögens kam, und über Nacht vom Kommis eines Tabakgeschäftes in Atlanta zum wohlhabenden Großgrundbesitzer seiner Heimat avancierte. Sein Gut, Heinrichshof in Ostpreußen, war verpachtet, doch da er beabsichtigte, es nach Ablauf des Pachtkoutrakts in einigen Jahren selbst zu bewirtschaften, gab er sich einstweilen dem Studium der Landwirtschaft hin. Paul Lehmigke hatte zuerst wenig Lust gezeigt, Herrn von Löschwitz als Volontär in Brantikow aufzunehmen, trotzdem dieser eine außergewöhnlich hohe Summe für die Lehrzeit bot. Endlich gab er der dringenden Befürwortung seiner Schwiegermutter und dem Zureden seiner Frau nach. @r wußte wohl, daß nicht nur Gewinnsucht, sondern auch Eitelkeit die Damen zu diesem Schritt trieb. Herr von Löschwitz als Aristokrat und durch seine Erbschaft zu einiger Bedeutung in der besten Gesellschaft gelangt, war es der Mühe wert, daß man ihn protegierte. Er würde ein Bindeglied zwischen Brantikow und der immer noch etwas spröden adligen Nachbarschaft abaeben, und die Anziehungskraft der Brantikolver Gesellschaft _erhöhen. Diese Gründe hätte Paul Lehmigke noch vor wenigen Jahren ganz sicher veranlaßt, ihm sein Haus zu verschließen, aber er war seit einiger Zeit gleichgiltiger und toleranter gegen die Schwächen seiner Frau geworden. Er war froh, wenn sie Unterhaltung und Befriedigung auf ihre Weit - und und ihn nicht belästigte. Er wußte, daß sie über ihren Vergnügungen nie ihren Haushalt vernachlässigte oder ihren materiellen Vorteil unberücksichtigt ließ _ Sie besah so viel Scharfsicht und körperliche, unverwüstliche Ausdauer, um neben dem unruhigsten geselligen Leben ihre Wirtschaft bis ins kleinste am Schnürchen zu halten, und mit dem kleinen Finger zu regieren. Seit einigen Tagen herrschte eine angenehme Aufregung im Brautikower Hause. Alma wollte eine Art Bal champötre geben, und in Anbetracht der Abwesenheit des Hausherrn sollte nur Jugend geladen werden, einige unverheiratete Offiziere und junge Damen aus der Nachbarschaft. Herr von Löschnitz lvar mit den Einladungen für die Damen von Haus zu Haus geritten, und Alma hatte sich nicht verrechnet in der Voraussetzung, daß keine Mutter einer heiratsfähigen Tochter ihm einen Korb für ihr Gartenfest geben würde. Man saß eben beim Nachmittagskaffee, der bei dem warmen Sommerwetter auf der Veranda unter einem Zeltdach von rotgestreiftem Segeltuch genommen wurde, und entwarf den Plan. Alma und Herr Stroppa, der Maler, führten das Wort. „Also erst Spiele im Garten, dazu Bowle und Gis", sagte Alma, die vor der Wiener Kaffeemaschine saß, und eben die weiße mit Brillantringen beladene Hand nach Onkel Toms Tasse ausstreckte. „Tanzen, tanzen!" riefen die jungen Vettern im Chor. Herr Carlo Stroppa, der eigentlich Carl Stropp hieß, aber durchaus von einer Mailänder Familie abstammen wollte, winkte Ruhe. Das ist Nebensache, meine Herren. Es liegt nicht in der Absicht unserer schönen Wirtin, daß wir Bauern zur Tag und Nacht den Rasen zerstampfen. Wir haben höhere Genüsse in petto." „Die Erdbeerbowle braue ich, ich stimme ebenfalls ftir,höhere Genüsse'," siel Onkel Tom ein. „Nehmen wir Rüdesheimer oder Niersteiner, liebe Alma?" „Onkelchen, ich dachte Mosel thut's auch für die jungen Leute. Dir weißt, Paul hat guten Zeltinger int Keller." Onkel Tom machte ein saures Gesicht. „Was die Tableaus betrifft", sprach der Maler dazwischen, „so brauche ich zweierlei, um einen Effekt zu erzielen. Ein erhöhtes Podium mit Hintergrund und Beleuchtung." „Natürlich", rief Frau Kommerzienrat Janisch, „Du weißt, liebe Alma, wie es bei Meyers in Leipzig gemacht wurde. Großartig, einfach großartig. Bengalische Beleuchtung und die ganze Orangerie als Hintergrund."! „Das Feuerwerk besorgen wir", riefen die Jünglinge von der lustigsten Tischecke herauf, wo sehr viel gekichert und geschwatzt, und ungezählte Tassen Kaffee geleert wurden. „Carlo, liebes Herz", säuselte Frau Stroppa, indem sie ihren breitschultrigen, robusten Gatten ängstlich ansah, „iß nicht so viel von dem schweren Napfkuchen, Du bekommest Sodbrennen. Nimm doch lieber eine Honig- semmel, das ist so gesund. Darf ich sie Dir streichen, mein Engel?" Der Engel brummte etwas von „Kinderei", aß aber doch die Honigsemmel und forderte eine zweite. „Das Podium und alles Nötige zu den Tableaus sollst Du natürlich haben, lieber Carlo", sagte Alma, „ich werde heute noch deswegen mit Herrn von Löschnitz konferieren." „Wo ist denn Herr von Löschnitz^, ivarum ist er nicht hier?" riefen die jungen Damen herauf. „Er hat itatürlich in der Wirtschaft zu thun. Du weißt doch, Natta, daß er nicht zu seinem Bergnügeir hier ist", wandte sich Alma an eines der jungen Mädchen, als hätte nur dieses allein gesprochen. Ihre Stimme klang jedes Mal scharf Ivie Messerklingen, wenn sie den Namen „Natta" aussprach. Natta, die eigentlich Natalie Lohmann hieß, war nicht Gast in Brantikow, sondern auf unbestimmte Zeit dort ausgenommen, zur Unterstützung der Hausfrau bei ihren Geschäften. Sie war ein ganz armes Mädchen, die Tochter einer verstorbenen Schwester Paul Lehmigkes, deren Mann sein ganzes Vermögen einer unseligen Spielwut geopfert hatte. Natta war schön, die Schönste unter ihren Altersgenossen, vielleicht die Schönste im ganzen Kreise, wenn auch noch etwas mager und unreif, aber Alma hatte für arme abhängige Mädchen kein Herz. Sie ließ Natta bei jeder Gelegenheit ihre traurige Lage fühlen. „Meinst Du nicht auch, liebe Alma, daß wir Natta die Rolle der Wasserfee übertragen?" fragte der Maler, indem er das junge Mädchen mit kritischen Blicken betrachtete, das heute in einem einfachen, etwas verwaschenen blassen Kattunkleidchen mit seinen rabenschwarzen Zöpfen ganz reizend aussah. „Unsinn", platzte Alma nicht sehr höflich hinaus, „Natta hat kein Geld zit dem teuren Kostüm. Sie hat auch viel zu dünne Arme, um dekolletiert zu gehen." „Aber Carlo, wo hast Du Deine Augen?" rief Frau Stroppa mit einem hellen Auflachen, „zur Wafserfee eignet sich doch niemand anders als Alma mit ihrem wundervollen Nixenhaar und ihrer Alabasterhaut?" „Freilich, freilich — ich dachte nur, es würde unserer liebelt Cousine zu viel — erst die Rolle der Zauberin, und dann noch —" „O, Alma ist immer bereit, sich zu opfern." „Alma must Sie wird nicht gefragt", riesen die alten Damen im Chor, und Frau Stroppa sagte mit begeistertem Augenaufschlag — sie war immer in Ekstase, wenn sie von den Schöpfungen ihres Mannes sprach — „denke nur, süßes Herz, welch ein Vorwurf für Deinen Pinsel! Alma als Melusine!" „Natürlich unbezahlbar!" murmelte das süße Herz, und griff wieder nach dem gefährlichen Napfkuchen. „Aber, Schatz, Du wirst doch nicht? Ich bitte Dich, Alma, nimm ihm den Kuchen weg. Ich sehe das Bild schon vor Augen — Waldesschatten — plein air-Beleuch- tuug —" „Unbestimmtes Dämmerlicht — Halbdunkel — Märchenstimmung —" ergänzte Carlo Stroppa, indem er mit der Hand durch seinen blonden Haarbusch fuhr. „Mer Kinder, denkt an unser Fest! Zum Malen ist später noch Zeit", rief Alma, die dem Maler einen Klaps auf die Hand gegeben, und den Kuchen weggenommen hatte, wofür sie ihm eine Flasche feinen Siqeitr zuschob, die Onkel Tom ganz mit Beschlag belegt hatte. Und nun drehte sich die Unterhaltung wieder um die Tableaus, um die Wahl des Tanzplatzes im Park, um das Menü zur Wendtafel und ob man auf der Terrasse ein Büffet decken oder im Saal soupieren solle. „Ah, da kommt Herr von Löschnitz wie gerufen. Ich muh das weitere mit ihm besprechen", sagte Alma, als Schritte auf dem Gartenkies knirschten und gleich darauf die hohe, schlanke Gestalt des Volontärs auf der Treppe erschien. „Also das weitere überlassen wir Euch. Kömmt, Kiu- 419 bet. Komm, Ludolf, Du mußt geben", gab die Kommer- zienrätin das Zeichen zum Aufbruch!. Ein stürmisches Stuhlrücken folgte. Die alten Herrschaften zogen sich in das Gartenzimmer an den Spieltisch zurück, das Ehepaar Stroppa ging Arm in Arm nach dem Gartenhaus im Park. Der Maler brachte dort den größten Teil des Tages auf einem Faullenzer zu, Zigaretten rauchend, während seine Frau ihm die Mücken und Fliegen wegjagte, ihm die Zeitung vorlas und kühlende Getränke herbeiholte. Die Jugend hielt eine kurze Konferenz, um den Schlachtplan für den Rest des Tages zu entwerfen. „Wie ist's mit einem Stamm Kegel? Natta und Otti, habt Ihr Lust?" fragte Fritz, der Primaner. Otti rümpfte ihr pikantes Stumpfnäschen mit Sommerflecken und warf einen ausdrucksvollen Blick auf Arnolds den Banklehrling. Natta schwankte und sah sich nach Alma um. „Kommen Sie, Fräulein Otti, wir angeln", entschied Arnold, woraus das Paar sehr vergnügt und einig die Treppe in den Park hinunterging. Die übrigen jungen Leute entschieden sich endlich für kegeln, und Natta schloß sich zögernd an. Herr von Löschnitz, war unterdessen zu Alma auf die Veranda getreten. Gr hatte sich einigermaßen verändert seit jenem Wend in Leipzig, als er Camill Stauffeu bei Meckerlein seine Herzenstragödie offenbarte und als ein Schiffbrüchiger von diesem Abschied nahm. Der Schicksalswechsel hat aus dem Unterliegenden, tim Leben Verzagenden, wieder einen selbstbewußten, genußfrohen Menschen gemacht. Sein Aeußeres war männlicher, reifer und stattlicher geworden, er sah sehr gut aus, in dem leichten Zivil des Landjunkers, und die Spuren der dunklen Geschicke und des abenteuerlichen Lebens der letzten Jahre, gaben seinen hübschen, feinen Zügen jenen verwegenen, rücksichtslosen Ausdruck, den Damen gewöhnlich an Männern interessant finden. Er zog seinen Stuhl neben den Almas, nachdem er Hut und Gerte auf den Tisch geworfen hatte, und während die Hausfrau ihn mit Kaffee bewirtete, vertieften sich beide in ein eifriges, halblautes Gespräch. Sie waren jetzt ganz allein unter dem Zeltdach an der leeren Kaffeetafel, hinter den blühenden Topfgewächsen auf der Steinbalustrade. (Fortsetzung folgt.) Leiden und Freuden eines Provinz-Redakteurs. (Düsseldorfer Erinnerungen von Paul Liuda u.*) Meine publizistische Thätigkeit in Düsseldorf bestand nicht nur in kühnen Streifzügen aus das Gebiet der hohen Politik. Ich brauchte das garstige Lied, das politische Lied, nicht zu meinem ausschließlichen Studium zu machen. Ftir die politischen Bedürfnisse der Mitbürger sorgten ausreichend die imposante Nachbarin aus Köln und die Rheinische Zeitung. Ich brauchte es nicht, und ich durfte es auch nicht, denn ich hatte viel mehr zu thun. Ich mußte über Wahlversammlungen, über besonders interessante Gerichtsverhandlungen, über Bilderausstellungen, Schach!- und Fach- kongresse, musikalische und dramatische Aufführungen lange Berichte schreiben, lokale Mißstände bekämpfen und in farbenreichem Stile verheerende Brände, augeschwemmte Wasserleichen und dergleichen schildern. Und das hübscheste dabei war: ich war von allem so überzeugt! Ernsthafter nahm ntid). kein Mensch als ich mich. Mer so gescheit war ich denn doch schon in meinen jüngsten Jahren, daß ich bald bemerkte, wie meine Aufsätze über die großen Fragen in Staat, Kirche und Gesellschaft weit weniger Eindruck machten, als die harmlosesten Besprechungen mittelmäßiger schM- spielerischer Leistungen, meine polemischen Ausfälle gegen ungenügende Straßenreinigung und dergleichen. Auf diesem bescheidenen Gebiete erwuchs mir auch mein erster journalistischer Erfolg. Es war wirklich ein großer lokaler Erfolg. *) Wir entnehmen diese Plauderei des geistvollen Causeurs der Düsseldorfer Ausstellungs-Woche, wo Paul Lindau zur Zett eine Reihe von fesselnden Erinnerungen an die rheinische Kunststadt veröffentlicht, von der aus er seine publizistische Laufbahn begann. D. Red.) Unsere Redaktion lag in der Grabenstraße, in nächster Nachbarschaft der schönen Kustanien-Allee und des großen weniger schönen Exerzierplatzes. Ich hatte seit kaum vierzehn Tagen vom Sessel und Pult des Redakteurs Besitz ergriffen, als sich eines Morgens eine unbeschreibliche Katzenmusik vernehmen ließ. In unwahrscheinlichen Höhenlagen wurde gepfiffen, schauderhaft unreine Bläsereien aus Blechinstrumenten, die wohl schrecklich verstimmt sein mußten, klangen barbarisch durch den lieblichen Frühlingsmorgen, und darunter rasselte es vom Kälbleder,was nur die Möglichkeit war. In äußerster Bestürzung blies ich durch das Sprachrohr, und der brave Faktor Courth stürzte herbei. „Um Gvtteswillen", fragte ich, „was ist denn da los?" Nach einer Kunstpause versetzte er: „Das werden wohl die Spielleute sein, die sich auf dem Exerzierplätze üben." „Aber dabei kann doch kein Mensch arbeiten. Das ist doch einfach entsetzlich! Kommt denn das öfter vor?" „Ab und an", entgegnete Courth ruhig. „Wer hat denn das angeordnet?" fragte ich iveiter. „Wahrscheinlich Generalleutnant Graf Monts." „Den kenne ich nicht, aber ich kenne den Oberbürgermeister Hammers, itnb ich denke, ein Oberbürgermeister kann alles. An den schreibe ich" Es war mir nicht möglich, bei dein Höllenlärm einen klaren Gedanken zu fassen, und wie es in solchen Fällen öfter geschieht, fing ich an zu dichten. Am selbigen Mittag lasen die Abonnenten der Düsseldorfer Zeitung die nachstehende Epistel an das Haupt der Stadt: Im wunderschönen Monat Mai. Ach, Herr Oberbürgermeister, Ach, beschjwicht'gen Sie die Geister Dieser trommelnden Soldaten, Die sogar auch tuten thaten! Ich bin ein Kolleg' von Goethe, Dichte, singe, bin Poete. Wohne unter den Kastanien, Ach, ich wollt', ich wär von bannten! Ach, ich wollt', ich wär von bannten! — In Galizien oder Spanien, Nur nicht hier, wo die Soldaten Trommeln stets und tuten thaten! Unser Haus, das so gemütlich, Uns're Gegend, die so friedlich Sind ja durch die Solidsten In die größte Not geraten! Meine Frau, sie ringt die Hände, Ich renn' mit dem Kops die Wände. Nichts fann uns're Lage schlimmern, Denn die Hunde selbst, sie wimmern. Auch ich liebe die Rekruten. Nur sie dürfen nicht so tuten. Und ich liebe die Soldaten, Wenn sie nur nicht tuten thaten. Wem: der Lärm noch länger dauert, Der mein Leben so versauert, Wird die Mus' mich ganz verlassen, Kann mich dann begraben lassen. Drum, Herr Oberbürgermeister, O, beschwicht'gen Sie die Geister Dieser trommelnden Soldaten, Die sogar auch tuten thaten. Die Dichtung fand großen Anklang; denn die Mut über die erbarmungslosen Ruhestörer inmitten der Stadj ivar allgemein, aber die erivünschte Wirkung blieb doch aus. Am andern Morgen wiederholte sich der Spaß mit unerbittlichem Ungestüme. Ich griff wieder in die Leier und schrieb kurz und bitter: Unsre freundlichen Rekruten, Unsre herzlichen Soldaten, Ach sie thaten heute tuten, Wie sie gestern tuten thaten! Abermals allgemeine Freude in der ganzen Stadt. I. der folgenden Nummer brachte ich ein halbes Dutzend freiwilliger Beiträge, bi'e mir namentlich aus Malerkreisen zu- gcgangen waren. Ich pausierte also einen Tag, um am nächsten, es war ein Sonntag, wiederum mein Sieb erschallen zu lassen: 420 Logogriphe. (Nachdruck verboten.) 1. Mit I als funkelndes Geschmeid Trägst Du es an der Hand. Aus alttestameutarischer Zeit Ist es mit e bekannt. 2. Mit u kannst Du es hören, Mit s wird Dich's beschweren. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.r Sage, Sago. ich denn eines Tages die Kritik ein. In der ersten Woche jubelten die Künstler. Nach vierzehn Tagen fanden sie, daß der Spaß nun lange genug gedauert habe. Nach vier Wochen waren sie ernstlich beunruhigt. Ich bekam eine Reihe anonymer Zuschriften, in denen ich dringend aufgefordert wurde, die Theaterkritik wieder aufzunehmen, und alle diese Briefe rührten von den Künstlern selbst her. Die Bor--, stellungen wurden immer schlechter, das Haus immer leerer, und eines Tages ging der Direktor durch Während der letzten Wochen spielten die armen Künstler auf Teilung. Die Einnahmen waren schnell geteilt. Der Nachfolger des verunglückten Direktors war Theodor L'Arronge, der Bater von Adolf L'Arronge, ent ganz ausgezeichneter Komiker, der das zugkräftigste Mitglied feiner Gesellschaft war. Unter ihm mache das Theater- oas damals noch in einen Winkel des Marktes eingeklemmt und in einem unsagbaren Zustande altersgrauer Verwahrlosung war, bessere Geschäfte. Redaktionr Curt Plato. — Rotationsdruck rind Verlag der Vrühl'schen Univerfltäts'Bnch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) ist,Gießen, Vevimrschtes. Die Erforschung des höchsten Berges der Erde. Der Versuch einer Besteigung des Mount Everest im Hi- malayagebirge, des höchsten Berges der Erde, wird gegenwärtig von mehreren europäischen Bergsteigern, die sich bereits auf der Fahrt nach Indien befinden, unternommen. Die trigonometrisch ermittelte Höhe des Berges beträgt 8837 Meter; aber obschon er, aus einer Entfernung von 150 Kilometern gesehen, alle benachbarten Gipfel erheblich überragt, ist es doch nicht unmöglich, daß ein noch höherer, von Indien aus nicht sichtbarer Berg zwischen Nepal und Tibet vorhanden ist. Auch bedarf die genaue Lage der Mount Everest-Gruppe noch der endgiltigen Feststellung. Die Bergsteiger, die den Mount Everest bezwingen wollen, sind nach der „Geograph. Zeitschr." die Herren Crowley, Küowles, Eckenstein, Dr. Pfannel, Dr. Wesseley und Dr, Jaeot, die eine Anzahl Schweizer Führer in ihre Dienste genommen haben. Sie begeben sich zunächst nach Kaschmir, um zuerst den Godwin Austen, der 8610 Meter hoch ist, zu ersteigen. Falls ihnen das gelingt, soll die Bezwingung des Mount Everest versucht werden, was nach den bisherigen Erfahrungen als wenig aussichtsvoll angesehen werden muß; jedoch wird es wissenschaftlich schon bott großer Bedeutung sein, die Umgebung des Bergmassivs genatter kennen zu lernen. Der Peterspfennig in Nom. Interessant ist geiviß folgende Statistik aus dem Vatikan, welche beweist, daß, die Spenden für den hl. Bater nicht mehr so reichlich einlaufen wie in früheren Jahren. Das Jahr 1901 ist, nach 1870, dasjenige, welches die geringste Summe aufzuweisen hat, nämlich 2 301000 Lire. An dieser Totalsumme ist Italien mit 311000 Lire beteiligt, Deutschland mit 218 000 Lire, Spanien mit 202 000 Lire, England mit 194 000 Lire, Belgien mit 163 000 Lire und die übrigen Länder mit 699 000 Lire. Der Beitrag von Frankreich ist, merkwürdigerweise relativ ganz minimal. Allerdings bilden diese Zahlen, einen erheblichen Unterschied zu dem großen finanziellen Erfolg des vorhergehenden anno santo, des heiligen Jahres) in welchem dem Papst von den vielen Pilgerzügen aus- aller Herren Länder, abgesehen von den vielen wertvollen Geschenken, nicht weniger als 8 Millionen Francs zu Füßen gelegt wurden. Sonntag ist's! — Es jauchzt die Lerche, Der Soldat geht in die Kerche. Sonntag ist's! — Es lacht der Himmel, Und es ruht des Kriegers Trimmel. Sonntag ist's. — Es schlägt der Busen, Weil die Bläser heut nicht blusen. Die Trommler Und Bläser auf dem Exerzierplätze wären die große lokale Frage geworden. Ich hätte die ganze Zeitung mit Entrüstungsgesängen füllen können. Ich brachte in jeder Nummer wenigstens ein Gedicht, und die Leute warteten darauf. Man hatte seit langer Zeit nicht so viel von der Düsseldorfer Zeitung gesprochen. Und eines Tages ver- stunimten die Trommler und Tuter. Der hohe Offizier, der den Befehl gegeben, hatte ein menschliches Rühren gefühlt und den musizierenden Rekruten zu ihrem lärmenden Unfug weit von der Stadt eine Stätte angewiesen- wo sie unter sich blieben und uns ruhige Leute nicht mehr belästigten. Dieser Erfolg war für mich nur ein neuer Ansporn dazu, meinen innersten Neigungen zu folgen und den Schwerpunkt von der Thätigkeit der hohen Politik immer mehr anstd as lokale Gebiet zu verlegen. Wie die meisten jungen Schriftsteller, die noch nichts produziert haben, fing auch ich mit der Theaterkritik an. Ohne mir zu schmeicheln, darf ich sagen, daß sie den Schauspielern und Sängern gründlich mißfiel. Und dies Mißfallen äußerte sich sehr bald nach Eröffnung der Winterspielzeit in unzweideutiger Weise. Ich wohnte im richtigen Zentrum der damaligen Stadt, an der Ecke der Alleestraße und der Kommunikationsstraße, im Hause des Malers Franken. Eines Mends zu vorgerückter Stunde zogen nun ein Dutzend erregter Mimen vor meine Thür, und machten johlend, pfeifend, schreiend! einen Höllensrandal. Es sollte unzweifelhaft eine Katzenmusik sein. Bald darauf erschienen einige Wachtmänner Und brachten die beiden Hauptruhestörer in Gewahrsam. Ich. hatte von der mir zugedachten Ovation leider nichts vernommen. Die künstlerischen Protestler waren, wenn auch spät, doch zu früh gekommen: ich war noch nicht zu Hause. Ich saß noch ganz gemütlich mit meinen Freunden tut „Malkasten". Als ich, nichts Böses ahnend, zwei Stunden später meine Hausthür aufschloß, trat der alte Franken, der auf mich gewartet hatte, im Nachthemd und mit einem Sammetkäppchen auf dem Kopfe und noch immer in großer Erregung, aus seinem Schlafzimmer und erzählte mir die Ungeheuerlich- keiten der tollen Nacht. Ich guittierte am folgenden Tage dankend für die mir erwiesene Ehrung, und glaubte, die Sache wäre damit äbgethan. Aber sie hatte noch ein Nachspiel. Am selbigen Abend wurde „Don Juan" gegeben. Ich saß still und artig wie gewöhnlich auf meinem Ecksitz in der zweiten Reihe des Parketts. Eine Weile ging alles gut, aber da kam unerwartet ein dramatischer Moment. Während des Vorspiels zur Rache-Arie hatte sich die Darstellerin der Donna Anna schaudernd zurückgezogen, vierte Gasse rechts, dann aber bei den Anfangsworten stürzte sie in wilder Erregung bis an die Rampe ganz vorn links — sie „durch? querte" die Bühne, wie man .heute zu sagen pflegt —, schleuderte flammende Blicke ins Parkett und wies bei den Worten „Es ist der Verräter!" mit dem Zeigefinger so Unverkennbar auf mich, daß sich des ganzen Theaters die freudigste Stimmung bemächtigte, von der tchj-natürlich auch angesteckt wurde. Merkwürdigerweise war es die Künstlerin, die ich immer am besten behandelt hatte, eine wirklich vortreffliche Madonna, mit der ich mich, wie mit ihrem Manne »äter, innig befreundete. Es war Frau Grevenberg, die lütter der Frau Praschj-Grevenberg. Wir haben später noch vft herzlich über diesen Zwischenfall gelacht. Die Theaterkritik einer Provinzialstadt gehört zu den Lebensfreuden, die Schiller sehr richtig als nicht ungemischt bezeichnet. Diese viermal in der' Woche über „Martha", ^Freischütz", „Hugenotten", „Mutter und Sohn", „Der Leier- prann und sein Kind" und sonstige Stützen des damaligen Repertoires berichten zu müssen — es wird ein bischjen ermüdend auf die Länge. Dem Direktor und den Schau- ßüelern konnte ich es ohnehin nicht recht machen. Ob sich as Publikum amüsierte, war mir zweifelhaft, gewiß war wir nur, daß ich mich schrecklich langweilte. Und so stellte