Samstag den 18. Januar. Nr. 10. 1902. BSf äOanÖ ic schau'» so trübe Thal und Höh'», Wenn Morgendunst sie kühl befeuchtet! O, dann erst ist die Welt so schön, Wenn sie der Himmel warm beleuchtet. Noch schöner, wenn sie glutgcschwellt Dem jungen Lenz entgegenschmachtet: Am schönsten aber ist die Welt, Wenn sie ein frohes Äug' betrachtet! Julius Rodcnb erg. Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) Ein Cello setzte ein mit tiefem, warmem Klang. — Magiui spielte; er spielte hinreißend, ergreifend. Das wunderbare, der menschlichen Stimme ähnlichste Instrument sprach zu dem Gemüte der Zuhörer. Vou eurer Meisterhand gerührt, sangen die Saiten geheimnisvoll bald klagend, bald tröstend, bald jubelnd- Schmerzbebende und entzückend schöne Töne zogen wie befreiend durch das prunkvolle Gemach, leisen Widerhall suchend in den Herzen der Einzelnen, die die anscheinend völlig sorglose, lebensfrohe und ver- guügungsdurstige Zuhörerschaft bildeten- Leise, leise erstarken die singenden Töne, und lauter Beifall entfloh "den hastigen Lippen derer, welchen die tiefgehende Gefühlsanregung zu lange gedauert hatte, anderseits dankten aber auch glänzende Augensterne voll feuchten Schimmers dem Meister, der in gewandtem Salonton das verschiedenartig gespendete Lob wie eine ihm gebührende Huldigung gleichmütig entgegen nahm- Den Meisten gegenüber zeigte sein intelligentes Gesicht ein stolzes Lächeln; nicht so gegen die Dame des Hauses- Mit ihr sprach er voll gewinnender Zuvorkommenheit- Die Unterhaltung war lebhaft; andere mischten sich mit ein, und eine geraume Weile bestand sie einzig in der Konversation, welche in den verschiedenartigsten Gruppen, mannigfaltige Themata berührte, ehe die Fürstin, dem Maestro zunickend, sich von diesem abwandte, um, ohne daß Clarita es bemerkte, plötzlich neben ihr zu stehen- Freundlich legte sie die Hand auf der jungen Dame Arm, die hastig den Kops ihr zuwandte." „Mademoiselle de la Para, Sie ahnen, welche Bitte ich Bringe", sagte die lebhafte Frau gewinnend- „Erfreuen Sie uns durch Ihren Gesang, dem unser berühmter Maestro des Lobes nicht genug zu spenden weiß." Clarita erhob sich gelassen. ,,So Sie es wünschen, gnädige Frau, will ich gewiß bestmöglichst das meinige thun, doch sage ich Ihnen im voraus, ich fürchte, Monsieur Magini beurteilt meine Leistungen um seines Wiener Musik- sreundes willen, zu nachsichtig. Indes entscheiden Sie selbst. Mas wünschen Sie zu hören?" i „O", entgegnete die Fürstin artig, während beide Dameir dem Flügel zuschritten, „Sie selbst müssen wühlen, meine Liebe." Clarita machte keine Einwendung; sie war sich vollständig des Zweckes bewußt, weshalb sie den Kreis dieser fremden Menschen ausgesucht, und welche Bedeutung ihre jetzige Leistung für ihre nächste Zukunft gewinnen konnte. Doch nicht die geringste Beklemmung bemächtigte sich ihrer. Sie war der Dame des Hauses dankbar für die zart- sühlige Güte, welche sie ihr, der Fremden, entgegenbrachte; keine andere Empfindung beeinflußte sie, sie kannte keine Furcht. ■—Voll und rein quollen die glockenklaren Töne ihrer Silberstimme über ihre Lippen. Mit dem ihr eigenen ergreifenden Ausdruck sang sie eine der spanischen Romanzen, welche sie einst unter den wehenden Palmen der fernen Heimat zuerst ihrem Alexis, dem geliebten Gatten gesungen. Auch jetzt waren alle ihre Gedanken nur bei ihm- Die bunte Welt, das rauschende Leben, in dessen Mitte sie sich gewagt, es versank vor ihrem Geistesblick. Völlig von ihrer Aufgabe erfüllt, sah und bemerkte sie gar nicht die staunende Aufmerksamkeit, welche sowohl ihr fremdartiger Gesang, tote ihre ganze Erscheinung erregte. Sie wußte es nicht, wie schön sie war- Die geschmackvoll einfache Toilette, welche sie gewählt, ließ ihr edles Wesen, die Vornehmheit .hrer ganzen Erscheinung nur noch deutlicher erkennen. In nichts stand Clarita hinter jenen aristokratischen Damen dieses gewählten Kreises zurück, eher übertraf sie viele derselben durch den Zauber ihrer durchgeistigten Züge, denen die Erlebnisse der jüngsten Zeit zwar etwas von der jugendlichen Frische geraubt, dafür aber den Reiz einer stillen Schwermut verliehen. Sie erschien dadurch etwas älter, doch nicht minder reizend- Sie selbst war sich nur des ersteren bewußt und freute sich darüber; erschien doch dadurch minder auffallend ihre selbständige Reise nach Petersburg, um dort in guter Familie eins passende Stellung zu suchen- Diesen ihren Wunsch hatte Clarita bei der Legationsrätin v- Triber ausgesprochen. Es war dies die Dame, an welche ihre Empfehlungsbriefe lauteten, und bei der die Fürstin Sarafin sie zufällig kennen gelernt, wobei letztere in ihrer lebhaften Weise nicht gesäumt, sie zu ihrem Schützling zu machen und sie sogleich zu der am nächsten Wend bei ihr stattfindenden Gesellschaft einzuladen. Dankbar hatte Clarita die Einladung angenommen, und war mit der Gattin des Maestro Magini, an den ihr Musiklehrer aus Wien sie warm empfohlen hatte, in dem Salon der Fürstin erschienen- Mar sie in dem brillanten Gesellschaftskreis zunächA 88 etwas unbeachtet geblieben, so gestaltete dies sich nach chrer Sangesleistung anders- Die Fürstin hatte ihren Zweck erreicht: sie hatte ihren Gasten etwas neues geboten- Man war entzückt, hingerissen von dem Schmelz der fremden Stimme, von der ansprechenden Art des Vortrages und nicht am wenigsten von der schönen Erscheinung der bescheidenen Sängerin. Wer die Fremde sei? - Von wannen sie komme? das bildete bald die allgemeine Frage, und die Fürstin hatte vollauf zu thun, rn ihrer gewandten Weise Rede und Antwort zu stehen, wobei sw geschickt das Interesse ihres Schützlings zu wahren verstand. Clarita durfte nunmehr sicher nicht über Mangel an Beachtung klagen, viele suchten die Unterhaltung mrt rhr. Hochklingende Namen schlugen bei den Vorstellungen an ihr Ohr: auf die russischen horchte Clarita fieberhaft — manche darunter beuchten ihr bekannt, Alexrs hatte sw wohl schon gelegentlich einmal erwähnt- Mit welcher Spannung sie jedoch auch aufpaßte und wartete, den heiß ersehnten Namen Ornatoff hörte sie Nimmer- Einmal hatte allerdings ihr Herz hoch voll Erwartung geschlagen, als Plötzlich, da sie mit einer eleganten Russin geläufig französisch sprach, ein hoher stattlicher Mann sich dieser näherte mit der Bitte: ihn Mademoiselle de la Para vorzustellen. Ah! Nikolai Pawlowitschrief die Schöne mit kokettem Augenaufschlag, „kommen Sie nur —" unb nut vollendeter Grazie stellte sie Clarita Nikolai Pawlowitsch Karm vor- Dessen ganze Persönlichkeit war wohl geeignet, Interesse zu wecken. Clarita fühlte das unwillkürlich, da sie die tiefe Verbeugung des Vorgestellten mit anmutiger Ruhe erwidernd, in dessen interessantes Gesicht blickte. Der ernste, fast etwas melancholische Ausdruck darin konnte allem schon fern Vorrecht — Liebling der Damenwelt zu fein, erklärlich machen- In der That schwärmten für Herrn v. Karen, obgleich die erste Jugendzeit hinter ihm lag, sowohl mnge Damen, wie gefeierte Frauen von ernem gewissen Mter. Seltsamerweise übte dies jedoch nicht die geringste -Wirkung auf sein Wesen- Er schien die Neigung, ihn zu bevorzugen, nicht einmal zu bemerken; jedenfalls setzte er sich darüber hinweg. In seiner ganzen Art lag eine ruhige wohlthuende Bescheidenheit, der vorzüglich Clarita den für ihn günstigen Eindruck zuschrieb. Sie sprachen alsbald über Mustk. Herr v- Karin, darin ersichtlich bewandert, lenkte dcw Gespräch auf ihr eigenes Talent. Ohne jedes fade Kompliment, gestand er einfach, wie tief ihr Vortrag der spanischen Romanze ihn ergriffen habe. Dabei gab ein Wort das andere, so daß die Unterhaltung angenehm in Fluß kam, nach deren Abschluß Clarita das Gefühl behielt, erneu wirklichen Genuß gehabt zu haben inmitten all des Wortschwalls, der ringsumher wie Meeresbrausen sie umgab. Das augenblicklich für ihre fremde Erscheinung entstandene Interesse wich alsbald vor neuen Emdruaen m den Hintergrund. Still lehnte sie in den Wagen zurück, der eilig durch die Winternacht die langen, eleganten Straßen und Plätze entlang, dem bescheideneren Quartier zufuhr, in dem ihre Wohnung lag. Madame Magini, eine lebhafte Italienerin ward nicht müde, sie trug unverdrossen während der langen Fahrt die Kosten der Unterhaltung, in die sie manchen guten Rat und freundlichen Wink für den ihrem Schutze empfohlenen Neuling einflocht, ehe sie diesen an seinen endlich erreichten Quartier absetzte. Es war ein unmodernes altes Holzhaus, durch dessen rasch geöffnete Thüre Clarita einschlüpfte. Trotz der späten Nachtstunde war der Korridor erleuchtet, und ein allerdings etwas verschlafenes Zöschen erwartete das fremde Fraulein, um deren etwaige Wünsche zu erfragen- Dre klerne Natascha sagte auch, ungeachtet aller Schlaftrunkenheit ihre eingelernte Lektion ganz gut her, verleugnete aber noch weniger ihre Zufriedenheit, als Clarita sowohl für die an gebotenen Dienste, wie für das angepriesene Glas warmen Thees dankte und sich gleich auf ihr Zimmer zurückzog, Um dort in ihrer Einsamkeit wenigstens das beruhigende Bewußtsein zu empfinden, in dem riesenhaften Petersburg ein sicheres Obdach für sich gefunden zu haben- VIII. Im Norden. Ich geh' durch die dunkeln Gassen Und wand're von Haus zu Haus; Ich kann mich noch immer nicht fassen. Sieht alles so düster aus- v- Eichendorff, Seit etwa vierzehn Tagen toeilte Clarita in der Zaren- stadt. Diese kurze Frist umschloß eine fieberhafte Thätigkeit der jungen Frau, die, ohne der Anstrengung, welche diej weite Reise von ihr gefordert, Rechnung zu tragen, keinen Moment gezögert hatte, um, soweit sich die Möglichkeit dazu bot, nach der ersehnten Auskunft zu forschen. Spärlich genug war solche indes bislang ausgefallen. Ihre vorsichtigen, hier und da angebrachten Fragen erzielten kein' anderes Resultat, als die Gewißheit, daß die Familw Ornatoff allerdings ein Haus in Petersburg besitze, welches jedoch schon seit Jahren verödet sei, da die Familie auf. dem Lande lebe. Bereits seit drei Wintern waren die Her^ schäften nicht mehr nach der Hauptstadt gekommen, folglich dorten in dem Strudel großstädtischen Verkehrs zremlrch vergessen- Marr wußte, konnte oder wollte der Fremden nicht mehr sagen, und diese mußte sich mit der Erklärung bescheiden, wo das verödete Ornatoffsche Haus' zu finden! sei- In einem der vornehmen Stadtviertel lag es, jedoch abgelegen von der Fontanka in älter stiller Umgebung, Dabei prägte sich eine gewisse Schwerfälligkeit in seinem! Bau aus- Es gehörte sicherlich zu den ältesten Bauwerken! der nordischen Residenz, zeigte aber ungeachtet ferner Entstehung in dem vorigen prachtliebenden Jahrhundert, wenrg oder nichts von der verschwenderischen, fast überladenen Ausschmückung der großartigen Prachtpalais jener Zerfi deren Besitzer der höchsten Aristokratie des Landes angehörten. Zu letzterer zahlten die Ornatofts wohl nrcht, wenngleich die Familie alt war und zum höheren Abel ge- hotte* Dte§ hetote^ bct§ futiftboll lluSgeHuuene über dem festverschlossenen Portale- Vor diesem stand Clarita am ersten Wend chrer An-, kunft in Petersburg, zu dem wir jetzt zurückgehen müssen/ einsam und allein rn scharfer Winterkälte- Lange, nut von heißen Thränen umflortem Blick betrachtete ste che ausgestorbene Stätte - das Elternhaus ihres verschollenen ost hatte dieser mit liebreichen Worten ihr den Moment ausgemalt, wo -er sie dort einsühren werde zu Glück und Freude! , Freude und Glück aber waren treulos entflohen, und er,- der geliebte Mann selber, wo weilte er? unterdes sw, ferne, rechllnäßige Gattin, vor der verschlossenen Thure fernes Vaterhauses gleich einer armen Bettlerrn stand- Wenn notwendig, wollte sie ja selbst betteln um Lrebe und Erbarmen. Dabei trieb sie eine schwache Hoffnung: Frau v. Ornatoff möchte sich allein mit ihrem eigenen Sohne auf dem Lande befinden, dagegen Wladimir Jwanowrtsch nunmehr rn Petersburg residieren. Ws Junggeselle machte er wohl noch kein Haus, daher seine Anwesenheit in der Stadt weniger bekannt sein konnte, indes, wenn auch er geblreben war/ I so fand sich doch wohl wenrgstens ern drenstbarer Gerft als Brüter des stillen Gebäudes. Daraus rechnend, ließ Clarita! gleich am ersten Abend sich nach der bezeichneten Straße fahren- Sobald sie dies« erreicht, hieß sie den Fiaker ihrer warten, und suchte, denj Schleier dicht vor das Gesicht gezogen, ihr Zrel. Dre strlls Gegend war beinahe menschenleer, nur zuwellen rollten stolze Karossen über den hartgefrorenen Boden pferlschnell an ihr vorüber, ihre eleganten Insassen rrgend emer Gesellschaft der vornehmen Well zuführend- Kaum dachte daber Clarita, daß sie selber schor-zwei Tagellpater «ls freundlich geladener Gast solch vornehmen Gesellschaftssalon betreten werde. Sie achtete gar nicht aus die Wagen, sie nach dem Ornatosfschen Hause, das etwas von der Straße zurück lag, von dieser durch ern hohes Broncegitter ge- schre^n- ^^dige Oede, die Mes Umgab, die sämtlich unerleuchteten Fenster ließen die Suchende lercht das Richtige finden. Entschlossen zog sie dieGlockaUeberzeu^ von der Abwesenheit der Famrlie, mochte sre kühn danach j fragen. Galt es doch vorab' nur zu erfahren, auf welchem I der Güter die Herrschaft sich befinde und wie dasselbe sich 1 am leichtesten erreichen lasse. I (Fortsetzung folgt.) 39 Ein Menschenkenner. Humoreske von A. Trinius. (Nachdruck verboten.) Nach amtlicher Eintragung auf dem Rathause hieß er eigentlia) schlichtweg Hugo Schlepper, seines Zeichens ehrsamer Drechslermeister, der nebenbei auch noch ein offenes Ladengeschäft mit allerlei Nutz und Luxusartikeln betrieb. Aber der thüringer Volkshumor hatte sich mit dieser «in- sachen Bezeichnung unmöglich begnügen können. Bei alt und jung hieß er nur „Fliegenschnepper, der Menschenkenner". Da das Ladengeschäft, von Frau und Tochter gewissenhaft verwaltet, genügend abwarf, ohne Sorgen dem Laufe dieser Welt zu folgen, so schnurrte nicht allzu oft des Meisters Drehbank. Darum fand er Muße in Fülle, seinen Leidenschaften zu fröhnen. Die eine bestand darin, mit der Fliegenklappe stundenlang der Jagd in Laden, Stube und Küche nachzugehen. Dies hatte ihm den einen Namen eingetragen! Sonst aber lag er mit Vorliebe, die kurze Pfeife in entern Mundwinkel, im Fenster, stellte jeden Vorübergehenden mit Wort und Gruß, ließ die Augen spähend über die Fensterreihen der Nachbarschaft gleiten, lauschte jedem Gespräche am nahen Laufbrunnen plaudernder Weiber, imb schien mit einem Worte zu jeder Stunde am Platz« zu sein, wenn sich irgend etwas auf der Straße vor seinem Fenster ev- eignete. Dieses mit Hingabe seit Jahren betriebene Studium menschlicher Schwächen und Gewohnheiten batte in ihm eine Wissenschaft gezeitigt, die er bei jeder Gelegenheit in den Worten bekundete: „I nu, man muß üben Menschenkenner sein!" Dies hatte ihm den zweiten Namen eingetragen! Mutter mnd Tochter saßen tagsüber fleißig über ihren Handarbeiten und fuhren nur empor, wenn einmal die Klingel der Ladenthür schrillte, oder der Kopf des „Menschenkenners zurückfuhr, das Fenster sich schloß, und nun unser Fliegenschnepper losbrach. „Nu, die alte Rätin könnte auch 'was besseres thun, äls den ganzen Tag auf der Straße zu liegen. Wemmer auch 'rausguckt, die sieht mer immer. Nun äl Kragen wieder 'mal am Mantel — bis über die Ohren. Hochmut kommt vor dem Fall. Ich will kein Menschenkenner sein!" Oder: „Aeben hab' ich's von der Rümplern gehört: bei Senators soll au wieder 'was unterwegs sein. Lächerliche Soll sich lieber um die Beleichtung unserer Stadt kümmern. Die reinen Oelfunzeln. Aber nee!" Oder: „Wo mögen denn nur Bärgermeesters hingegangen sein? Er mit der Angströhre, sie in der seidenen Fahne. Nu, ich wär's ja schon noch 'rauskriegen." Mitten' in den Enthüllungen riß er dann wohl wieder das Fenster auf und rief hinaus: „Morr'n, Herr Nachbar! Mr, haben Sie's Grummet schon 'nein? 's ist Recht! Hör'n Se 'mal, haben Sie vielleicht vorhin unseren Bürgermeister mit . . ." Seine Stimme sank zu vertraulichem Flüstern hinab. Nach einer Weile kehrte er zu den Seinigen- in die Stube zurück. „Trautmann's backen schon wieder. Nicht ä Linschen Butter drauf. Desto mehr Schnittlauch! Du lieber Gott! Dabei können sie den Kopf nicht hoch genug tragen! . . . Na, wenn das kein Brummer ist, denn will ich..." lind klitsch! klatsch! patschte die lederne Fliegenklappe gegen einen Wandschrank. Als, das Opfer seiner treffsicheren Hand dreiviertel tot auf die Diele niedergefallen war, machte sich Fliegenschnepper daran, eine irische Pfeife zu stopfen und sie anzuzünden. Wohlwollend glitten dabei seine Augen über die emsig schassenden Frauen. „Ja, la!" philosophierte er, „Arbeit bringt Segen, Kinder. Leite, die 'n ganzen Dag Maulaffen feil hallen, die Nase in andrer Menschen Sachen 'neinstecken, die bringen's zu nischt. Wir sind vorwärts darum gekommen. Handwerk hat noch immer gold'nen Boden! Wir läben still und einmütig dahin. Da giebt's keinen Kaffeeklatsch alle Woche, wie bei den anderen Weibern: Malchen hat keine Tanzstunde gehabt Unn is doch ä anständiges Mädel geworden . . . was Malchen? . . . unn Liebeleien giebt's bei Nns au nicht. Wir arbeiten Men, redlich, ehrlich, wie sich's für richtige Bärgersleite. . . Nu, was ist denn das?" Er stürzte an das Fenster, riß es auf und schob seinen Graukopf blitzschnell hinaus, während Mutter und Tochter sich ganz eigentümlich zublinzelten und leise lächelnd die Köpfe noch tiefer auf die Arbeit senkten. Gleich darauf wandte sich der Fliegenschnepper um. „'s is weiter nischt! ä Möbelwagen ... so ä nei- modscher... hat drüben den Prellstein umgestoßen. Ich muß doch gleich 'mal ... 'n Tag, 'n wunderschönen „Guten Tag", Herr Waisenhaus-Inspektor!" Und wupp! war er hinaus auf die lärmerfüllte Straße. Die beiden Frauen atmeten auf. „Ach, Mutter! Wenn er's erfährt?!" „Nur Mut, Malchen! Einmal muß er's ja doch. Und dann wird er's nicht glauben wollen." — — Wenn jemand zu unserem Fliegenschnepper gesagt hätte^ er wäre kein Menschenkenner, er hätte wahrscheinlich Grob-, Hellen hören können, so fest war unser Held von der Tiefs seiner Weisheit überzeugt. Ja, er war ein Menschenkenner, doch nur im einfachen Sinne. Er kannte wohl fast einen jeden in Lerchenthal, seins Gewohnheiten, Mängel und Familienverhältnisfe. Doch das Letzte, Beste im Menschen, seine Seele, die blieb dem braven Manne, der wandelnden Stadtchronik, ein Buch mit sieben Siegeln. Er sah nur durch seine Brille, vermochte nicht den seinen Stimmen zu lauschen, die in jedes Menschen Brust in immer anderen Tönen jubeln und klagen, hoffen und bangen.-- Es sollte nun aber eine Zeit kommen, daß unser Herd Schnepper begann, mit sich selbst nicht mehr ganz im Klaren! zu sein. Zuweilen dünkte ihm, daß ganz leise und behutsam ein Teil seiner Majestät von ihm niederglitt, daß sein hohes Selbstvertrauen zum Erschüttern kam. Jetzt, wo er für ein paar Wochen wieder an der Drehbank stehen mußte, fand er ja Muße genug, seine Gedanken ausschwärmen zu lassen. Und dann schüttelte er wohl den Kopf über sich, über dis Welt. Es kamen Stunden, in denen er sich wie behext erschien. Da war vor einiger Zeit die Frau Senator Moldenhauer in den Laden gekommen und hatte ein recht hübsches Spinnrad bestellt. Ende September müsse es aber bestimmt fertig sein. Die gutmütige Dame hatte einst in Zuneigung für Schneppers Frau, deren Eltern sie schon gekannt hatten Patenschaft bei seinem Töchterlein übernommen und fett, )em auch treu zu diesem gehalten. Und als sie das Ge- chäftliche mit ihm besprochen hatte, war sie in die Wohn-, tube zu den Frauen getreten. Da hätte man denn begonnen zu wispern, lachen, tuscheln und flüstern, daß es unserem Schnepper wechselnd heiß und kalt vor Neugier über den Buckel lief. Nach einer halben Stunde empfahl sich Frau Senator. Als sie an. dem Drechslermeister vor- überschritt, legte sie schalkhaft einen Finger an den Mund und sprach: „Lieber Meister Schnepper: Nichts verraten! Hören Sie? Sie sind ja Menschenkenner genug, uni mich! zu verstehen." Damit war sie hinaus. Der „Menschenkenner" aber stand noch eine Weile wie versteinert auf dem Platze, und sein verblüfftes Gesicht bot nicht gerade ein Urbild von Schlauheit und Verstehen. Surrrrr! ging das Mdlein unter seinen Tritten. Ganz recht! Damals hat's angefangen! So weit war der Drechslermeister in seinen Betrachtungen gekommen. Tags daraus hatte er sich auf die Beine gemacht nach! einenr höher gelegenen Walddorfe, passendes Hotz für das Spinnrad bei einem Bekannten zu holen, zugleich dort auch bei der Freundschaft 'mal einzusprechen. Am Wend wollte er wieder heim sein. Nun, das Hotz fand er, doch die Freundschaft war ausgeflogen. So machte er sich wieder auf den Rückweg. Es schlug just Mrs Uhr, als er über den Marktplatz von Lerchenthal schritt. Durch ein Seitengäßchen gelangte er in seinen Garten, von da in den Hausflur. Was war denn das!? Stimmengewirr dringt an sein Ohr, Frauenlachen, Klappern von Porzellan. Und als er die Thür zur „kältet: Pracht aufrecht: siehe, da thront seine ehelich angetraute Gattin inmitten von neun kaffeetrinkenden, kuchenessenden, häkelnden, strickenden, schwatzenden Frauen. Den Ehrenplatz auf dem Sopha aber hat Frau Senator eingenommen, währens Malchen, entzückend heute anzuschauen, von Platz zu Platz' tänzelt, einschänkend, nötigend, und manches liebe Wort einerntend. Herr Schnepper hat keinen Laut von sich geben können- Er hat die Thür wieder zugemacht und hat sich erst in die Werkstatt, dann ins nächste Wirtshaus geflüchtet. Da hat er in dumpfem Sinnen beim „Eisenacher" gesessen und nur 40 Auflösung des Magischen Quadrats in vor. Nr.r A L M L A U B M U 8 E A B E L 1 2 8 4 5 12 8 4 5 2 14 8 2 5 1 4 4 5 12 4 5 3 2 2 14 5 Anagramm. (Nachdruck verboten.) ist bekannt als schöne Stadt im Schweizerland. ist dir verwandt. erquickend winkt. Heilung bringt. im Mittelmeere. wird manche genannt. ein Frommer, der getötet ward von Bruderhand. (Auflösung in nächster Nummer.) Haus. Die halten immer gute Freundschaft. Nette Leute! Sehr nette Leute! Und lvie propper der Bursche aussieht! Der Menschenkenner schließt das Fenster und eilt in den Laden.. Da ordnet er noch ein wenig und erwartet so seine verehrte Kundin. Frau Senator Moldenhauer bleibt erst noch ein paar Augenblicke vor dem Schaufenster stehen, dann tritt sie mit iyvem Begleiter in den Laden. Auch sie strahlt, als sei ein Stückchen Sonne heute in ihr Herz geglitten. „Na, Meister Schnepper? Sie haben ja Ihre Sache prompt und brav gemacht. Nun aber 'raus aus dem Schau-, fenster. Den Preis hatten wir fest gemacht. So . . . hier!"- Sie legt den Betrag auf den Tisch. „Aber, ich bitt' schön... so eilig . . „Still, still! Erst das Geschäft, dann das Vergnügen! So, Herr Trautner, wenn Sie so gut sein wollen? Tragen Sie es dahin, wo es von nun an hingehört." Der junge Mann blickt erst verlegen drein; doch die gütige, alte Dame sieht ihn so sicher, so ermunternd an, daher endlich das Spinnrad ergreift, um den Ladentisch biegt und rekte in das Wohnzimmer spaziert. Dem Drechslermeister öffnen sich weit die Augen. Was soll dlenn das? Doch schon hat ihn Fran Senator am Rockärmel gefaßt und führt ihn hinein. Mutter und Tochter stehen neben dem Geburtstagstische. Malchens Antlitz übergießt fliegende Röte, als jetzt der junge Mann dasSpmn- rad vor sie hinsetzt. Stumm blicken sich beide an. Frau Senator aber führt das Wort: „Mein herzliebstes Patenkind! Alles Gute, alles Liebe für heute und alle Zukunft. Hier, die prächtige Arbeit Deine« Vaters nimm als Geschenk für Deinen Haushalt, diese,l bösen Menschen aber bringe ich Dir mit für Dein Vater und Mutter Schnepper: hier steht einer, der nicht viel reden kann, der aber sein Bestes und Letztes für Euer Kind hingeben würde. Nehmt ihn auf, macht beide glücklich! 's ist heute Geburtstag! Und Gebnrtstagskmdern soll man ja nichts abschlagen. Gelt?" Malchen hat sich schon längst an der Brust des Ge-, liebten still gebettet; die Mutter hält das Taschentuch vor die Augen und drückt stumm bewegt der gütigen Dame die Hand. Nur der Drechslermeister kann's immer noch nicht ja . . .; du mei Guckeda! ... wo habt Ihr Euch denn so nahe kennen gelernt?" haspelt er endlich heraus. „In der Tanzstunde!" lächelt Frau Senator Moldenhauer. — — — — Der Drechslermeister Schnepper heißt noch heute der I „Menschenkenner" in Lerchenthal. Von sich selbst aber dieses zu behaupten, hat er sich seit jenem merkwürdigen Tage vollständig abgewöhnt. Wer an vorstehender Erzählung Gefallen findet und nach mehr dergleichen verlangt, der sei aufmerksam gemacht auf die kürzlich im.Verlage von Fischer & H-ranke, Berlin erschienenen beiden Bücher von A. TriNiusr „Neues aus Lerchenthal" und „Kleinstadtluft geb. je Mk. 4.50. ______ fRebl manchmal die Worte ausgestoßen: „De Wiwer, de Wiwer! I Mer kennt se nie aus!" „ . . Seitdem schien der Boden unter ihm im eigenen Hause ^Jahrmarkt war's bald darauf. Er klatschte gerade wieder Fliegen, da stimmte hinter seinem Garten eine Bande böhmischer Musikanten einen lustigen Ländler an. Und als er in den Hausflur tritt und einen Blick durch das Glasfenster in die Werkstatt wirft, da muß er unter Erschrecken be- inerken, daß Mutter und Tochter sich angefaßt haben und lachend im Walzer durch den Raum wirbeln. ' „De Wiwer, de Wiwer!" Der September war ins Land gekommen, als ein fröhliches Familienereignis eine gewisse Aufregung ttn Hause hervorrief. Minka, die treue, schwarz und weiß gefleckte Katze, hatte eines Morgens die Zahl der Lebewesen im Hause Schnepper um fünf Seelen vermehrt. Der Hausherr war ein wirklicher Tierfreund. „Spare die Milch nicht, Malchen", sagte er zu der ■ Tochter, „unn pfleg' mir die Tiere hübsch. Frau Senator wollt' schon längst so'u Tierchen. Die anderen werden mer au noch los!" Eine bessere, folgsamere Tochter konute sich kein Vater wünschen. Wie besorgt sie um die hübschen, jungen Kätzchen war' Wie oft sprang sie von der Arbeit auf, draußen nach dem Rechten zu sehen. Ach, und die Alte konnte so erbärmlich schreien! Wenn man drinnen um die Lampe traulich sich geschart hatte, da begann es draußen: hilfeflehend, liebeheischend, lockend und bittend. Erst schoß ein leichtes Rot über Malchens hübsches Gesicht, dann schoß sie selbst hinaus. Und wie ernsthaft sie ihren Samariterdreust er- ' füllte. Manchmal eine Stunde lang und drüber. ' „Wirklich, ä Prachtmädchen!" lächelte dann der Menschenkenner. c n r . Draußen aber im Schatten der Nacht und Laube, da hielt ein blühendes Menschenpaar sich Brust an Brust. Da fanden sich Augen und Lippen, und süße Worte der Liebe, des Hoffens irrten hin und her. Ein paar Wochen klang allabendlich der Jammerruf der Katzenmutter. Da sprach eines Abends Herr Schnepper: „'s märkwürdig! was nur das Vieh hat? Ich mein' doch, jetzt müßte sie aus dem Gröbsten 'raus sein?!" Malchen ivar bereits wieder pflichtschnldigst hiuausge- huscht. Die Frau aber sagte: „Hugo, vielleicht sind's Kinderkrankheiten! Wer kann's tu if fett ?/z „Meinst Du wörtlich?" Kopfschüttelnd stopfte sich der Menschenkenner eine frische Pfeise. Er schüttelte noch mehr den Kopf, als er eines Tages vom nahen Berge zurückkehrte, wo er sich bemüht hatte, eine Mondfinsternis zu beobachten, deren Erscheinen beide Blättchen des Ortes vor drei Tagen angezeigt hatten. Als er in die Gasse trat, an die sein Garten grenzte, schien sich etwas Dunkles von der Gartenpforte abzulösen; wie ein Schatten huschte es um die Ecke. Der Fliegenschnepper rieb sich die Augen, schlich vorsichtig näher. Totenstill! Nichts zu erkennen. Sollten . Spitzbuben böses planen? Mit klopfendem Herzen hastete er durch den Garten, hinein in die Wohnstube. Da saßen Mutter und Tochter und boten das gewohnte Bild rühren- . den Fleißes. „ „Unn Ihr habt nischt gehört? Rein gar nischt? Mark- würdig, wie man sich teischen kann. Vielleicht is au die dumme Mondzauberei dran schuld. Hm, hm! Aber so deitlich!" — Man schrieb den 5. Oktober. Das war Malchens Geburtstag. Zu heute hatte er auch der Frau Senator Moldenhauer das Spinnrad zugesagt, das blank und zierlich seit gestern zur Schau und Augenweide im Schaufenster prangte. Das war heute ein schöner Tag! Das liebe Mädchen heute zwanzig Jahre, strahlend in Frische und Gesundheit, und draußen der blanke Sonnenschein! Nein, so prächtig hatte die Welt doch lange nicht ausgesehen! Der wackere Drechsler vermochte gar nicht den Platz am offenen Fenster zu räumen. Wer da kommt ja die, Frau Senator bereits die Gasse herauf, neben ihr ein stattlicher junger Mann . . . I, der Deichsel! Ist das nicht Trautners Karl? Sein Vater hat da sein Kupferschmiedgeschäft neben Senators Redaktion: E. Burkhardt, — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Güßen.