Nr. 187. 1902. 5R>är.au»g. H,NQII..6lt.äsÄn: eTnsW aPÄKhiJ iSIlMgL! MW (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß. (Fortsetzung.) Tas Mschreibeu des Dokuments nahm geraume Zeit in Anspruch. Ungeduldig schritt Kalussoff, während Popows Jeder über das Papier flog, im Zimmer hin und her, zuweilen vor einem der Bücherregale stehen bleibend, und die Titel der Bände nervös überfliegend. In einem besonderen Gefach befand sich eine Sammlung stark abgegriffener Büchner und Broschüren, die ausschließlich zur Litteratur des pottttfchcn 3iuXH.ruttou1.u9 gryvrn.-. uut> vvh betten manche verboten waren. Neugierig zog er einige heraus, um sie flüchtig zu durchblättern. Als er das Titelblatt eines dieser Bände aufschlug, stutzte er, denn oben rechts stand in halbverblaßter Schrift der Name „Stephan Godunow". „Merkwürdig", dachte Kalussoff, „wie mag das Buch hierher gekommen sein?" Sitte Frage schwebte ihm auf den Lippen, aber er unterdrückte sie, denn im Grunde genoinmen war der Name „Godunow" in Rußland kein seltener. Endlich war die Abschrift fertig, und Kalussoff fuhr eiligst damit zu einer Autorität auf elektrotechnischem Gebiete, einem Professor der Hochschule, um über den Wert des Patentes Erkundigungen einzuziehen. „Ter Akkumulator ist in der That neu und interessant', bekannte der Professor nach Durchsicht der Patentschrift, „aber nun zu sagen, ob er auch praktisch verwertbar ist, vermag ich nicht. Solche Erfindungen wollen auf ihre Verwendbarkeit einige Zeit geprobt werden. Jedenfalls muß Herr Popow ein sehr erfahrener und scharfsinniger Techniker sein, der sich eingehend mit der einschlägigen Materie beschäftigt hat." Mit sehr gehobenen Hoffnungen empfahl sich Kalussoff. Sein «Entschluß war gefaßt, den Vortrag zu halten und das Geld an die Erfindung zu wagen. Schon gegen Mittag des folgenden Tages teilte Ti- mitry seinem Freunde Ilja Popow seine Zustimmung mit. Ein strahlendes Lächeln überflog Popows Gesicht, als er die fünfzehntauseud Rubel in Empfang nahm, und mit der Miene eines Mannes, der großen Ereignissen entgegengeht, reichte er Kalussoff die Hand. „So werden wir denn mit vereinten Kräften, teuerster Freund, das Werk beginnen", rief er begeistert, „und mit ihm den Beweis liefern, daß auch Rußland auf dem Gebiete der Elektrotechnik Bedeutendes zu leisten vermag. Wir werden glänzend reüssieren, sage ich rd wir werden unsere Auslagen "— eraus- schlagen. • bei -, ury, was s . 7-4. lvrrd, welch ein Nutzen uns ergiebt. Sie werden Ihren Pelzhandel an den Nagel hängen und nur noch der Ausveitung unseres Patents leben. Es gewährt mir aufrichtige Freude, gerade Sie, dem ich schon längst die aufrichtigste Sympathie entgegentrage, für meine Hdee gewonnen zu haben. Bitte, lassen Sie uns noch einige Stunden beisammen bleiben, indem Sio mir das Vergnügen erweisen, mein Gast bei Disch M sein." ,Zch bin entzückt über Ihren Vorschlag", versicherte Kalussoff. „Sie müssen doch schon längst empfunden haben, wie vorzügliche ich mich in Ihrer ausgezeichneten Gesellschaft fühle, und wie sehr ich Ihr außerordentliches Vertrauen zu schätzen weiß." su-ta ui rrrm ,cyrirren pe oayru, ;ooap sie ^cyrsch- kin, der ihnen begegnete, lachend fiir Orest und PyladeA erklärte. „Ich bringe Dir", sagte Popow, als sie in feine Wohl-, nung eingetreten waren, salbungsvoll zu Milrca, „einen lieben Gast, der heute gewissermaßen mein Kompagnon geworden ist, und ich bitte Dich zur angemessenen Feier dieses Ereignisses dafür so sorgen, daß wir während des Tiners einige Libationen in besonders edlem Nah darbringen können." Sic lächelte, während ihre Augen erhöhten Glanz annahmen, denn aus den LVorten des Bruders hatte sie entnommen, daß die Fünfzehntausend in seinen Besitz gelangt ivaren. Mit unnachahmlicher Grazie reichte sie Kalussoff die Hand, ihn herzlichst willkommen heißend und ihren Dank für die herrliche Blumenspende aus»- sprechend. „Tiefe Ueberraschung", rief sie aus, „als ich die wunderschönen Blüten vorfand. Kein anderer, als Ti- mitry Akimowitsch kann Dir diese Freude bereitet haben, dachte ich, und ein Blick auf die Karte überzeugte mich, daß ich recht hatte." Lächelnd entgegnete Kalussoff, daß er nur das Sehnen der schönen Frühlingskinder nach ihrer Schwester erfüllt habe. Tie angeregteste Stimmung herrschte bei Tisch Der Gast entfaltete einen Glanz in der Unterhaltung, daß Mi- lica nicht umhin konnte, ihn im stillen zu bewundern. Als er seine politischen Ideen entwickelte, sprang sie sogar in Entzücken auf, klatschte stürmische in die Hände und ergriff das Glas, um in perlendem Champagner aus die Verwirklichf- ung derselben anzustoßen. Auch Ilja Popow zeigte sich enthusiasmiert und beteuerte wiederholt feine Ueberein- stimmung, während er vorsichtig nach der Thür schielte, als ob er irgend einen Lauscher fürchte. Man verließ den Spetsesaal, um in den anstoßenden Salons weiter zu plaudern. Die Unterhaltung ging zu heiteren Scherzen und Neckereien über, in denen Kalussoff unerschöpflich war. Lachend schilderte er, wie eine junge hübsche Chinesin zu Meimatschiu in der Mongolei, wo er vor einigen Jahren wegen des Pelzhandels geweilt^ 746 in Entzücken über seine Huldigungen urit ihm über die Grenze nach Kjachta fliehen wollte. „Aber ihre Füßchen waren so niederträchtig nem und verkrüppelt", fuhr er fort, „daß ich mit ihr kerne Hundes Schritte vorwärts gekommen wäre, und so hielt rch es doch für besser, allein über die Grenze zu reisen." „Sprechen Sie denn chinesisch, um eine animierte Unterhaltung mit einer solchen schlitzäugigen Schönheit führen zu können?" fragte Milica scherzend. „Nicht ein einziges Wort! Aber die Liebe vermag srch auch ohne Worte verständlich zu machen", gab er langsam und in einen ernsten Ton verfallend, zurück, während er ihr tief in die Augen sah. „Blick, Ausdruck, Geste und Haltung tömten oft noch stürmischer von der Bewegung des Herzens erzählen, als lange Reden." Ein leichtes Rot huschte über chr Gesicht, während sich ihre Augen seltsam verschleierten. Popow war gerade ins Nebenzimmer getreten, um eine sehr gerühmte neue Tabakssorte für Cigarretten zu holen. Eine Weile herrschte beklemmendes Schweigen rm Salon. . , „ . „Ja, ich glaube, daß Liebe, die sich rn tönenden Worten knndgiebt", fuhr Kalussofs fort, während er noch immer seinen Blick aus ihren Zügen ruhen ließ, „nccht die wahre und echte Liebe ist. Je tiefer man fühlt, um so stummer ist der Mund." , Er ergriff ihre Hand, die sie willig in der semrgen ließ, und preßte sie in wilder Glut an seine Lips. .!. „Und nun, Milica Antonowna", flüsterte er leidenschast- kich „helfen Sie, daß er Sturm, der in mir tobt, sich zu lindem Frühlingswehen sänstigt. Sprechen Sie aus, daß ich Ihnen nicht gtetchgiltig bin und hoffen darf. Ich sah Sie gestern in der Troika Glinkas, und mir war, als ob der iptmmei ernstürze, als ob oie Sonne meines Lebens geschwunden sei und mich rabenschwarze Nacht umlagere, ritte, reden "Sie, "spenden Sie Trost, machen Sie mich zum glücklichsten aller Sterblichen!" Sie hatte ihm ihre Hand, die er noch immer festgehalten, entzogen, und über ihre Lippen kam es aufgeregt: „Nickst setzt, nicht setzt. Tiinitrv Akimowitsch Lassen Sie mtr Zerr zum ueberlegen. Sre wissen, rch bin eine Künstlerin, und als solche habe ich nur meinem Berufe zu leben. Die Fesseln der Ehe vertragen sich schwer mtt der Freiheit, die ein solcher Beruf erfordert. Was die gestrige Begegnung betrifft, so will ich gestehen, daß es mich schmerzt, tief schmerzt, Ihnen wehe gethan zu haben. Ich habe Glinkas Troika benutzt, weil er sie mir in zuvorkommendster Weise zur Fahrt nach Ljublino zur Verfügung gestellt hatte und rch sein Anerbieten nicht abschlagen konnte. Wir wollen in Ljublino eine Sommerwohnung mieten, nm dort den Sommer zu verbringen. Also Grund zu Ihrer Erregung liegt nicht vor, und künftig wollen Sie mir mehr Vertrauen schenken, Sie fürchterlicher Othello", schloß sie unter leichtem Lachen, während ihn chre Augen neckisch ansahen. Eine Anttvort schwebte ihm auf den Lippen, aber er unterdrückte sie, denn eben war Ilja Popow in den Salon «rrückgekehrt. Harmlose Heiterkeit lag auf Popows Gesicht, als habe et von der Szene, die sich eben abgespielt, nicht die leiseste Ahnung. Und doch war ihm auf seinem Lauscherposten hinter der Portiere nichts entgangen; er hatte alles gesehen und gehört, feine Hände hatten sich drohend zu Fäusten geballt und sein Gesucht in finsterer Wut verzerrt. Milica schlug vor, noch ein wenig zu musizieren und des Bruders Elektrophor, zu prüfen, das noch einige Vervollkommnungen erfahren hatte. Als sie durch Popos Arbeitszimmer zur Werkstatt schritten, fiel Kalufsosfs Blick auf das Bücherregal mit der Weihe verbotener Schriften. „Sie, Ilja Antonowitsch" rief er,' während er voranschritt, „in Ihrer Bibliothek sand ich gestern ein Buch mit dem Name „Stepan Godunow" — ist es ein Godunow auS Kiew?" Er erhielt keine Antwort und drehte sich um. Was toc sah, packte ihn bis in den innersten Nerv, denn Ilja Popow stand da <— starr, totenblaß und mit aufgerisseneu glasigen Augen, alS habe ihn der Schlag getroffen. ,Mer was L Ihnen?" preßte Dimitty bestürzt hervor, indem er ihn festzuhälten suchte, während Milica gleichfalls herbeieilte, um den Bruder zu stützen. „Tie Papyrvssen — die Papyrosseu — scheußlich schwerer Tabak!" ächzte Popow. „Mir ist von dem Zeug mit einem Male erbärmlich schlecht geworden. Nun, es geht schon besser." Während noch immer ein hefttges Zittern und Frösteln seinen Körper erschütterte, stürzte er einige Gläser Wasser hinunter. „So, das hat geholfen", beruhigte er, indem er sich zu einem Lächeln zwang. „Lassen wir uns in unserem Vergnügen nicht stören. Bitte, Milica, spiele!"■ Milica ließ ihre schlanken Finger über die Tasten gleiten, um eine ihrer neuen Kompositionen vorzutragen. Wer ie spielte hastig und nervös. Zuweilen streifte sie den ruhig msitzenden Bruder mitt besorgtem Blick, oder sie lächelte reundlich dem Gast zu, der an ihre Seite getreten war und die Notenblätter umwandte. „Ich begreife nicht", sagte Kalussoff, nachdem er ihrem Spiel und dem Instrument lebhaften Beifall ge- pendet, „warum Ilja Antonowitsch die ausgezeichnete Er- rndung der Oesfentlichkeit vorenthält. Seine Bescheidenheit ist Völlig verfehlt und nur ern Ausfluß der Aengst- lichkeit, an der die meisten Herren seiner Art zu leiden ^^Sich zu Popow wendend, firhr-er fort: „Wenn Sie nicht das Gong der Reklame schlagen, wird Ihr Elektrophon unbeachtet bleiben. Sie müssen mit ihm sofort vor das Publikum treten, damit die allgemeine Aufmerksamkeit auf Sie gelenkt wird. Hierdurch gewinnt das Prestige ^hres Namens außerordentlich, und Sie dürfen nicht vergejsen, daß hierdurch auch für die schnelle Verwertung unseres Akkumulators viel gewonnen wird." Popow erhob Einwendungen, indem er ein Bekanntgeben der Erfindung vor der Patenterteilung als zu gefährlich bezeichnete. Wer Kalussoff bekämpfte unter lebhafter Zustimmung Milicas diese Zaghaftigkeit sehr energisch und schlug vor, schon in den nächsten Wochen em Konzert zu veranstalten, in dem das Instrument zu Gehör gebracht werde. „ , . , . , T, „ „Milica Antonowna", fuhr er fort, „wird ein halbes Tutzend Piöceu vortragen und ohne Zweifel stürmischen 9^pif(iTT PT/ntPtT, ituh förtP, |(i)u tvcTDCTt VtV einem längeren Vortrage die Eigenart des Elektrophons aus- etnandersetzen. Tie Erfindung ist so neu und überrasch,end, daß sie Sensation erregen wird. Sie werden im Hand- umdrehen einen Interessenten finden, der Ihnen die Idee abkauft und zudem für die praktische Ausführung noch einen stattlichen Gewinn zugestcht. Meine Sorge wird fein, daß Ihnen nach den Fasten der große Saal im Adelsklub für das Konzert zur Verfügung gestellt wird, und daß die Billets untergebracht werden. Sie haben dann auf ein großes und gewähltes Auditorium zu rechnen." „Sre sind zu reizend, Timttry Akimowitsch!", rief Milica lebhaft, denn die Aussicht, an einer der vornehmsten Stellen Moskaus konzertieren zu dürfen, erschien ihr als etwas! "Großes und Verlockendes. „Für alles wissen Sie Rat und Hilfe. Ihre Selbstlosigkeit verpflichtet uns zum ttefsten Tanke." Und nach einem flammenden Blick auf ihn fuhr sie fort: „Unbedingt werden wir das Konzert geben und bei dieser Gelegenheit alle Vorzüge des neuen Instruments keuchten lassen. Mit Deiner Bescheidenheit, lieber Bruder, kommen wir nicht weiter. Esgilt, die Ellenbogen kräftig zu gebrauchen, um nicht ms Hmtertreften gedrängt zu werden. Timitrh Akimowitschs Vorschlag ist vortrefflich Tie vier oder fünf Wochen bis zum Beginn des Konzerts werde ich fleißig üben, um Ehre mit meinem Spiel einzulegen. Ich wette, daß unser Abend ems der interessantesten Ereignisse der Saison werden wird." Cs bedurfte der ganzen Ueberredungskunst beider, um Popows Einwilligung zu gewinnen. Nachdem er eine Menge Bedenken vorgebracht, stimmte er zwar zu, aber nur unlustig und wie bedrückt von geheimer Sorge. „Merkwürdig", dachte Kalussoff, „daß er sich so sträubt, als ob das Leben von der Geschichte abhängig sei, wahrend sie ihm die höchsten Vorteile gewährt" , In seinem weiteren Gedankengange wurde er durch Milicas Aufforderung, sich über gewisse Einzelheiten des Konzerts zu äußern, unterbroHeu, Eine eingehende Beratung fimd statt, an deren Ende Mllicif "unter Aherzen Dimitty Akimowitsch rhren getreucm, Skalen und Mi£i Impresario nannte, wahrend er chr 747 gflüsterte, daß sein liebster Wunsch sei, dieses Ehrenamt it seines Leben zu behalten. ,/)h, wie bescheiden!" spottete sie. „Aber ich", beteuerte er nnt leidenschaftlich gedämpfter stimme, „würde in dieser Bescheidenheit glücklich sein." Tie Zeit war erheblich vorgerückt, und Kalussoff verabschiedete sich. ,Lch habe einen unvergeßlichen Nachmittag verlebt, gestand Milica rott froher Miene, und, als sie allein war, dachte sie: „Wenn ick) wollte, könnte ich in wenigen Wochen Madame Dimttry Kalussoff sein. Gewiß, er ist schön und geistreiche aber ihm ihm, an den ich immer denken muß, lammt er nicht gleich" Sie schaute träumerische vor sich! hin, seufzte und sprach leise: „Sein Andenken soll nie in mir erlöschen." Timitry Kalussoff wanderte inzwischen in tiefer Erregung nach! dem Klub. „Ein famoses Weib", beteuerte er wiederholt. „Sie ist in chrer Schönheit und mit ihrem Geist bezaubernd. Wäre id) reich so würde ich, unbedingt mein Los für immer mit ihr teilen. Wer weiß--!" lieber das sonderbare Benehmen Ilja Popows konnte er nicht Hinwegkommen. Ein eigentümlicher Mensch", überlegte er, „der entweder infolge seiner Beschäftigung, des ewigen Sinnens und Erfindens, verdreht geworden ist, oder irgend etwas aus dem Gewissen hat, das chn peimgr, ohne daß es es avzuschütteln vermöchte. Ob wirklich die Papyrossen düs Schuld trugen, daß er plötzlich so schauderhaft abfiel, öder sollte meine Frage nach dem Buche Mit dem Namen „Godunow" die niederschmetternde Wirkung ausgeübt haben? Mir scheint, daß einzig der schlichte Name die Ursache der sürchterlichen Entladung war. Nun, wir werden schon sehen, was dahmter steckt." — Ms Timitry Kalussoff in der Nacht nach Hause kam, fand er einen kleinen Brief mit zierlicher Adresse vor. „Bon Zatiano", sagte er beim Oeffnen des Couverts. Tie erste Seite überlas er ziemlich flüchtig, aber dann Verfolgte er aufmerksam Zeile für Zeile. Nachdem er den Brief bis zu Ende gelesen, warf er ihn mit finsterer Miene unwillig auf den Tisch Ueberlegeud durchmaß er mit großen Schritten das Zimmer. „Wahnsln.nl" murrte er. „Ter reine Wahnsinn l Sie will das Elternhaus verlassen und nach Moskau kommen. Lch danke — Bruch mit den Eltern und Frau ohne Mitgift! Für solchen überspannten Unsinn ist Timitry Kalussoff uicht zu haben. Sofort werde ich chr schrechen." Er sann noch einige Augenblicke nach „Ja, das wird das Beste sein", bekräftigte er das Ergebnis seines Nachdenkens. „Tie Pietät gegen die Eltern muß ihr das Verlassen des Vaterhauses unbedingt verbieten, und die Liebe zu mir muß ihr gebieten, meinen Weisungen zu gehorchest. Eine nette Geschichte, wenn sie plötzlich in Moskau auftauchen würde, um mich zu beglücken. Schönes Begrücken." Er setzte sich bedächtig hin und schrieb. Während er zuweilen inne hielt, gaukelte chm seine Phantasie die Millionen Jefim Godunows und zugleich die verführerische Gestalt Milica Popows vor.-- 8. _ In dem sonst so stillen Hause zu Kiew herrschte rege Thätigkeit, denn die Fasten nahten sich chrem Ende. Es wurde geputzt und geschmückt, als sollte ein gekröntes Haupt seinen Einzug halten. In Wahrheit galten alle Vorbereitungen den Ostern, den höchsten Festtagen der russischen Kirche. Alexandra Michailowna war mit ihren Töchtern Tattana und Wera bereits zum Palmmartte gefahren, um Geschenke und einige Weidenrutenbündel, sogenannte Werba, zu kaufen. Am Palmsonntage war sie vor Sonnenaufgang, t'bä im Hause noch jeder schlief, geräuschlos von ihrem Lager aufgestanden, um einen alten, geheiligten Brauch zu er- füllen, ohne den sie sich eine würdige Einführung in die Ostern nicht denken konnte. Sie hatte die oben mit einem wächsernen Cherubim ^zierte Werba ergriffen und unter Absingen einer volkstümlichen Strophe die Mitglieder der Familie mit einigen leichten Rutenstreichen zur Frühmesse geweckt. Eins der Bündel hatte sie zur Erinnerung an die Ostern unter das schöne, bunte Heiligenbild gesteckt, das im Hausflur gegenüber dem Eingänge hing und Tag und Nacht von der flackernde« Llauune der ewigen Lampe beschiene« wurde, während sie ein anderes Bündel sorglich in eine mtt Wasser gefüllte Vase gesetzt und in den Salon gestellt hatte, damit es Blätter treiben und den Frühling verkünden möchte. Tie Ueberraschung der Langschläfer war so vorzüglich gelungen, daß den Mund der Hausfrau noch jetzt ein vergnügtes Lächeln umspiette. Ein Familienmitglied war jedo chwach gewesen und hatte sich nur schlafend gestellt — Tatiana, die der Schlummer schon seit vielen Nächten geflohen hatte. Tie Nacht — oh, wie Jefim Godunows Tochter dieses geheimnisvolle Weben der Nacht fürchtete! Wie die Stunden langsam dahinkrochen, als wollten sie kein Ende nehmen und nur das Herz des armen, ruhelosen Menschen quälen! Tiefe tollen Gedanken, die gleich einer wilden Jagd unaufhörlich dahinrasten und den müden Kopf zu zersprengen drohten! Kein Trost, kein lichter Punkt, keine fröhliche Hoffnung in dem. teengenden, lautlosen Tunket! Ta war plötzlich aus der Finsternis der Cherubim mit den goldenen Flügeln und der strahlenden Glorie aufgetaucht, der freundlich lächelnde Cherubim an der Werba, mit der die Mutter sie berührt, und es war ihr gewesen, als ob das lockige Engelsköpfchen den Mund geöffnet imb leise gesprochen hätte: „Bete und arbeite!" Sie war zur Kirche gegangen und hatte sich in Temut geneigt, betend und um Vergebung bittend, und heinige- kehrt hatte sie arbeiten wollen, aber es gab im Hause nichts zu arbeiten, denn die Menge der Tieustboten schloß jedes Mitwirken der Herrschaft aus. Und als wieder die Nacht ihre dunllen Schwingen regte, fand sie Tattana genau so ruhelos wie früher. Timitry Kalussoffs Brief war so praktisch und nüchtern, so ganz verschieden von den vorhergegangenen, daß Tatiana stechenden Schmerz empfand. Immer wieder prüfte sie die Zeilen, ob sie auch wirllich von ihm geschrieben waren. Aber es war keine Selbsttäuschung; schonungslos starrte ihr von seiner Hand der Satz entgegen: „Unbedingt verlange ich! von Dir, nicht nach Moskau zu kommen, sondern pietätvoll im Vaterhause zu blechen." Noch niemals hatte er sich mit solcher Schärfe geäußert. Wie gebieterisch und hart seine Worte klangen! Sie suchte nach Gründen für diese entschiedene Abweisung, ohne die wahren zu finden. Ter Hinweis aus die Pietät gegen die Eltern erschien ihr in seinem Munde völlig neu. Als sie nach ihrer heimlichen Verlobung in die peinliche Zwangsiage geriet, die Eltern mit Unwahrhetten zu täuschen, hatte er von der Wahrung der Pietät mit keiner Silbe geredet. Wenn er jetzt, wo es galt, o«fsen und ehrlich zu kämpfen, die Pietät mit einem Male hervorkehrte, so war dieser Einwurf ein vollkommener Widerspruch mit seinem früheren Verhalten, der sie stutzig machte. „Nimmermehr barf die Pietät so weit gehen", sagte sie sich „daß ich meine Liebe von der Zustimmung der Eltern abhängig mache. Pietät! Ter Vogel, der flügge geworden ist, verläßt für immer das elterliche Nest und fliegt in die Weite, um sich ein eigenes zu bauen. Tie Liebe wandelt ihren besonderen Weg und hat mit der Pietät nichts zu schaffen, denn ihre beseligende Gewalt drängt rücksichtslos und ohne Duldung irgend welches Hemmnisses zum Bunde mtt dem, de« sich das Herz erkören." Er aber drängte nicht zum Bunde und zauderte und ließ sie leiden und tragen. Gewiß, sie wollte um seinetwillen Kümmer und Sorgen mit Freuden auf sich nehmen, aber daß er es von ihr verlangte, that ihr unendlich weh. Unwillkürlich dachte sie an Boris Mitrofanowitsch. Ob er ein solches Opfer verlangen würde? Nein — nimmermehr! Ter würde, ob sich auch alles gegen ihn auflehnte, nicht zaudern, sondern die Erwählte seines Herzensi mit starker Hand und unbeugsamem Sinn allen Anfechtungen eittheden. Zögernd stellte sie Vergleiche zwischen ihm und Ti- mitty an. Tiefer erschien ihr als Inbegriff des Schönen, jener als solcher der Kraft und des Mutes. Aber Kraft und Mut genügten ihr für Boris Mitrofanowitsch noch nicht, und überzeugungsvoll fügte sie hinzu: „Er ist eine fest ausgeprägte Jndividualittt, die weiß, was sie will, und das Gewollte zur Wahrhett macht." Zuletzt drängte sich ihr sogar bas Geständnis auf, daß er ein Mann sei, dem warme Bewunderung gebühre. Hier hielt sie inne und schalt sich, daß sie solchen Gedanken nachgehe, statt an« Anerkennen, daß nur das Schöne das Ideal der Liebe sein könne. Ta tauchte wieder lächelnd der kleine Cherubim mit den goldenen Flügeln im Tunkel der Nacht auf und rief ihr Ku: „Tas wahre Schöne liegt im edlen, festen Charakter, nicht in der Form, die nur zu ost das Häßliche umschließt!" Ermüdet schloß sie die Angen, während sie den Widerspruch der stürmenden Gedanken mit der Ent- scheidung zu beschwichtigen suchte: „Ich liebe Timitry mehr, als alle anderen Menschen, und Boris Mitrofanowitsch bin ich von ganzem Herzen dankbar." (Fortsetzung folgt.) Weihnachtsbücher. Im Verlage von Albert Langen, München, ist abermals eine Reihe von Werken erschienen, die sich wert über den Durchschnitt der modernen Literatur erheben. Von Sven Lange sendet uns der Verlag: das Schauspiel die stillen Stuben und die Novelle S o m m e r - spiel. Ersteres, das in Dänemark einen großen Thcater- erfolg hatte und in deutscher Sprache sofort im Manuskript vom Wiener Burgtheater angenommen wurde, ist es wie wenige Theaterstücke wert, nicht nur auf der Bühne gesehen, sondern auch gelesen zu werden Der Dialog ist mit einer minutiösen Feinheit geschliffen und facettiert, es blitzt pon Geist und Klugheit in den Repliken, und dabei liegt über dem ganzen Stück eine starke Stimmung, die den Leser mit Gewalt in ihren Bann zwingt. Und doch ist es nichts als die Stimmung des grauen, langweiligen Mltags, des eintönigen, farbenarmen Lebens in einem Provinznest, in einem stillen Hause ohne jeden Glanz, ohne Reichtum und ohne Kinder. Und es geschieht in dem Stück nichts außergewöhnliches, nichts großes, aber dennoch ist man gepackt von der ersten Seite an und wird fest- gehalten bis zur letzten. „Tie stillen Stuben" sind ein fernes und interessantes Schauspiel, das kraftvolle Werk eines echten Dichters. (Geh. 1,50 Mk., geb. 2,50 Mk.) — In der Novelle Sornurerspiel von demselben Schriftsteller ist der dankbare Stoff der jungen Ehe mit ihren Freuden und Leiden behandelt. Ter. Dichter hat hier ein Ehepaar geschildert, das so reizend ist, wie man es in der Literatur fast nie, im Leben hoffentlich etwas häufiger findet, als unsere pessimistischen Dichter uns glauben machen wollen. (Geh. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk.) — Ter Roman E i n M u st e r j ü n g l i n g von T r i st a n B e r n a r d (Verlag Wb. Lange) ist ent lustiges Buch, mit erheuchelter Pedanterie und Trockenheit geschrieben, aber hinter jeder Zeile lauert der Schelm. Es giebt wenige Bircher, bei denen man so ununterbrochen lachen muß, wie bei Tristan Bernards „Musterjüngling". Wer so etwas schreiben kann, muß nicht nur ein besonders feiner Beobachter und Menschenkenner sein, er muß auch eine tüchtige Portion Selbstironie besitzen, denn es giebt eben viele Tinge, die so intim sind, daß man sie schwerlich an anderen bemerken kann, wenn man sie nicht in sich selbst gesehen hat. In der Hinsicht werden gerade ironisch gefärbte Bücher wohl immer etwas vom Selbstbekenntnis haben, mutatis mutandis natürlich, je nach der Absicht des Autors. In welch entzückend feiner Weise der Autor hier mit allen romantischen Illusionen von junger Liebe, Brautstand und Brautnacht seinen Spott treibt, läßt sich nicht beschreiben. Mit besserem Humor und erheiternderer Wirkung ist dem Philister wohl selten der satirische Spiegel vor die Angen gehalten worden. (Geh. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mark.) KarlLarsen hat bei Mb. Lange den Roman „S e ch - zehn Jahre" erscheinen lassen. Auch in diesem Buche wieder bewährt sich Karl Larsen als der feine Menschen- schilderer, als der er in seiner Heimat längst, in Deutschland seit dem Erscheinen seines entzückenden Romans „Ein Spießbürger" bekannt ist. Tas eben erwachsene junge Mädchen ist wohl kaum jemals mit so viel psychologischem Verständnis und mit so viel heimlicher Schelmerei geschildert worden. „Sechzehn Jahre" ist ein reizendes kleines Frühlingsbuch. Wenn man dieses Buch aus T48 — der Hand legt, so graust es den Leser beinahe beim Zu- rütMenken an die vielen Jungenmädchenbücher, die den gleichen Stoff mit süßlicher Sentimentalität und verlogener Romantik behandeln und von unseren bedauernswerten Backfischen als einzige geistige Nahrung heißhungrig verschlungen werden. „Sechzehn Jahre" ist ein anmutiges, durch und durch reines und gesundes Buch, an dem der anspruchsvollste Erwachsene seine helle Freude haben muß, das aber auch jedem jungen Mädchen unbedenklich in die Hand gegeben werden kann. Tr. Louis Blau, Encyllopädie der Ohrenheilkunde. (Brosch. 20 Mk., geb. 23 Mk.) Verlag F. C. W. Vogel, Leipzig. E r n st, Otto, Tie Gerechtigkeit. Eine Komödie in 5 Akten. 4.-6. Tausend. (135 S.) Leipzig, L. Staacknrann. Fulda, Ludw., Kaltwasser. Lustspiel in 3 Aufzügen. (208. S.) Stuttgart, I. G. Cotta. 2 Mk. Hauptmann, Gerh., Ter arme Heinrich. Eine deutsche Sage. Mit Buchschmuck von Heinr. Vogeler. 1.—9. Tausend. (172 S.) Berlin, S. Fischer. 3,50 Mk- Died erich, Franz, WorpstoederStimmungen. (103 S. mit Titelzeichnung von Franz Krummacher.) Berlin W. 95, Meyer u. Wunder. 2 Mk. Warncke, Paul, Worpswede. (43 S.) Ebda. 1 Mk. Freu ssen, Gustav, Torfpredigten. 2. Bd. 4. durchgesehene Aufl. 5.-7. Tausend. (184 S.) Göttingen, Banden Höck u. Ruprecht. Geb. 3 Mk. M u t h e r, Rich., Die Kunst. I. Lucas Cranach. II. Dre Lutherstadt Wittenberg, (ä ca. 65 S) Berlin W. 57, Jul. Bard. Kart, ä 1,25 Mk. Roth, Clara, 462 erprobte Rezepte. Tie SBertoenbung von Speiseresten. Mit einem Vorwort von Lina Morgenstern. (139 S.) Leipzig. Eugen Twietemeyer. 1,50 M4 vermischter. Ein Schnelligkeits-Ungeheuer macht gegenwärtig in Frankreich von sich reden. Es ist ein Motor-Dreirad mit 32 Pferdekräften, das Motor-Monstrum soll im stände sein, ein Tempo von 200 Kilometer stündlich zu erzielen. Die letzte Behauptung dürfte wohl geltnden Zweifeln begegnen; immerhin hat man es aber mit einer ganz ungewöhnlichen Maschine zu thun. Das Fahrzeug ist ungeheuer lang, so daß es vollkommen ausbalanziert erscheint und nicht, wie sonst üblich, beim Vorderrade durch Blei beschwert ist. Jedenfalls ist dieses jüngste „Kind des Schnel- ligkeitswahusinns" eine infernale Maschine. Man bedenke: 32 Pferdekräste für ein Fahrzeug, das 240 Kilogramm wiegt, zwei Zylinder, kein Zahnrad-Zwischen- getriebe, keine Ketten, überhaupt keine Transmission hat, denn die Vorderachse ist gleichzeitig die Hinterachse — also ein Rennungeheuer, tote es noch nie da war. Kapselrätsel. (Nachdruck verboten.) Gangarten, Bauland, Strumpf, Konvenienzehe, TrSnkeimer, Motto, Wanderer. In jedem der vorstehenden Wörter ist ein anderes bekanntes Hauptwort versteckt, wie „Ei" in „Eisen" oder „Beil"- Sind die richtigen Wörter gefunden, so ergeben ihre Anfangsbuchstaben im Zusammenhang gelesen den Namen eines deutschen Dichters. Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.: A B A U A A LOTHAR T M E U L M Auflösung des Preisrätsels in Nr. 180 der Familienblätterr 25 24 29 30 26 22 23 28 27 ES gingen insgesamt 105 richtige Lösungen ein. Die Gewinner find: 1. Ludwig Jäger, Storndorf — Preis: Blum, Bismarck, geb.} 2. Heinrich Zörb jun., Sich — Preis: Lohmeyer, Auf weiter Fahrt, geb. Die Preise find von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Adonne- mentsquittung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen. Redakvon: Eurt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen