Freitag den 17. Moder. in ■ty & 1902. — Nr. 154 (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) Sie verließ ihren Platz am Kamin, näherte sich ihm Und lächelte ihm zu, um ihm den Vorwurf weniger pem- lich zzu gestalten. Tann fuhr sie fort: „Sehen Sie, lieber Freund, anstatt sich in diesen Worten auszudrücken, haben Sie eine ganz andere Sprache geredet. Nach ihrer Wiedergabe war ich diejenige, die nach der Kunde von der Verhaftung außer sich, den Kopf verlierend, und in Verzweiflung zu Ihnen geeilt war, Ihnen mein Geheimnis anzuvertrauen. Ich, war es gewesen, die es allen Richtern, der Jury, der Oeffentlichkeit, dem ganzen Weltall zurufen wollte — und Sie derjenige, der mich daran gehindert hat. Sie hätten mich! mit den Worten zurückgehalten: „Man muß doch zuerst wissen, was er davon hält; man muß ihn fragen, ob er auch? will, daß Sie sich! für ihn ins Unglück stürzen." — Es ist doch so, nicht wahr?" „So ziemlich." „Nun, sehen Sie denn nicht", nahm sie wieder auf, „welche Wirkung Ihre Worte auf seine Seele, auf sein Herz erzielt haben, was die Folge Ihrer Lüge war? Er mußte sich sofort, im Augenblick, und wird sich immer sagen müssen: Wie? Sie will ein so furchtbares Geständnis ablegen? Sie zaudert nicht, für mich jedes Opfer zu bringen? Sie vergißt ihren Mann, ihre Familie, die Stimmen der Welt über ihre Liebe zu mir? Sie fürchtet nicht, herabzusteigen von dem Gipfel, den sie erllommen hat, — sie willigt ein, Mißachtungen und Beschimpfungen von denen zu ertragen, die sie bis jetzt hoch; und heilig gehalten haben? — Sie vernichtet sich selbst, nur um mich zu retten? — Sie liebt mich also mit Leidenschaft, — sie betet mich an!" Ten Kopf gesenkt und düsteren Blicks- antwortete er nicht. Sie fuhr fort und trat ihm dabei nur noch näher: „Heute abend, in dieser Nacht, wenn er wieder din- geschlossen und allein ist, wiederholt er es sich tausendmal und schreit es den Wänden seiner Kerkerzelle zu: „Sie liebt mich — sie liebt mich!" Und nach Ihrer Darstellung ist er im vollen Recht, das zu glauben. Menschen sogar, die bescheidener noch sind als er, müßten es glauben. Ein solch.es Opfer, — eine solche Aufopferung meinerseits würde eine der wahnsinnigsten Leidenschaften beweisen. — Wie Sie selbst sagen. Sie haben ihn dadurch? überglücklich gemacht. Sein Herz ist voll Wonne. — — Aber nun das Erwachen--" „Das Erwachen?" wiederholte er wie aufgeschreckt. „Ja, — sobald er ftei sein wird. Denn, wie ich an- tzehme, wird er nicht sein ganzes Leben eingekerkert bleiben. Er kann freigesprochen werden, er muß es sogcrw Ich werde meinen ganzen Einfluß verwenden, damit er es wird. Ich lverde und will alles versuchen. Ich bitt seine Freundin und werde ihm stets' Freundin bleiben. Angenommen, er wird nicht freigesprochen, — werden wir im stände sein, seine Strafe abkürzen zu lassen, oder ihn zu befreien? Was also wird dann geschehen? Haben Sie schon daran gedacht?" „Nein, ich will nicht daran denken", murmelte er., „Es wird eintreten, daß seine Liebe infolge der Beweise meiner Liebe, infolge des ungeheuren Opfers, das! ich, ihm bringen wollte, nur noch größer wird; und sobald er frei ist, wird er zu mir eilen, mir zu danken^ wird sich mir zu Füßen werfen, hingerissen von heftigster Leidenschaft." „Das ist wahr! O, ich Thor! Das ist wahrl"- „Was soll dann ich thun?". fuhr sie fort. „Wie soll ich dann mich ihm gegenüber betragen? Es' bliebe mir dann nichts weiter übrig als zu sagen: Ihr Freund hat Sie getäuscht. Ich habe ihn niemals aufgesucht, ihm mein Geheimnis zu offenbaren. Ich habe ihm meinen Namen verheimlicht. Er hat ihn durch Falschheit Und mit List herausgefunden und entdeckt. Er hat mich, aufgefunden und mich angefleht, vor Gericht zu gehen, um dort das Zeugnis abzugeben. — Ich habe es ihm abgeschlagen." — Welche furchtbare Enttäuschung, welche Desillusion, welch- wilder Schmerz dann, wenn er das hören wird!" „Ja, das würde für ihn furchtbar sein", gab er zu.. „Und doch würde ich so zu ihm sprechen müssen., Oder zögen Sie es vor, daß ich Ihre Lüge fortsetzte, daß ich ihn in seinem Wahn bestärkte und ihn weiter an meine Vergötterung glauben ließe?" „Nein, nein!" rief er bebend und erbleichend aus!., „Sie wollen also das nicht?" „Nein, ich, will nicht." „Nun denn, ich, will es ebensowenig, als Sie es, wollen." „Ah!" rief er mit Wonne aus. Ueb erzeugt, daß nun ein Geständnis folgen würde- fragte er weiter: „Und warum wollen Sie das nicht?" „Weil ich ihn nicht liebe", antwortete sie einfach.. „Sie haben ihn geliebt?"• „Niemals, ich, habe es Ihnen ja gesagt. Ich glaubte- ihn zu lieben; ich habe mich aber getäuscht. Die Eigenart unserer Beziehungen hatte mich, gereizt." Da er sie immer noch starr anblickte, ohne zu sprechen, fragte sie ihn: „Sie zweifeln, nicht wahr?"- „Ja." „Weil Sie eben nicht Nachdenken. Habe ich mich etwa wie ein liebendes Weib gebärdet? Erwecken ©le doch Ihre Erinnerungen! Ich treffe Sie eines Abends M. 614 der einsamen Villa in Friedenau. Sie teilten mir den furchtbaren Irrtum mit, dem er zum Opfer gefallen ist, — das furchtbare Unglück, das ihn betroffen hat. Es ergreift mich lebhaft. Ich bin schmerzlich davon ergriffen. Aber gerate ich darüber etwa in Verzweiflung? Mache ich Ihnen etwa eine jener markerschütterirden, schrecklichen Verzweiflungsszenen vor? — Nein, nichts. — Wenn ich ihn jedoch geliebt hätte, — da hätten &ie meine Thränen Meßen sehen, da hätten Sie hören können, wie ich verzweifelt geschrieen, getobt, geklagt hätte. Wohl kann ich rasend sein, — außer mir und in Ekstase geraten, aber man rnuß mich auch in Ekstase bringen, mich rasend machen." Nach einigen Sekunden fuhr sie fort mit leiser Stinrrne: „Nach meinem ersten Erstaunen, nachdem ich mich von meiner ersten Erschütterung erholt hatte, und Ihre Pläne erriet, die Sie mir auch darlegten, spielte ich Ihnen gegenüber die willfährig Geschmeidige, verspreche Ihnen alles, tvas Sie wollen, hintergehe Sie, und entwische Ihnen. Ich empfange Sie, nachdem Sie mich wiedergefunden haben, in eben diesem Salon, und führe Ihnen tausenderlei zwingende Gründe vor, um Sie zu überzeugen, daß ich schweigen muß — daß ich nichts für ihn thun kann, daß mein Ruf über alles gehen muß. Sie erinnern srch doch noch daran, nicht wahr?' „Ja, ja, ich erinnere mich." „Sagen Sie mir einmal, spricht man so, wenn man Uebt? Wo denkt Liebe an Vernunftgründe? Sie fühlt, sie leidet, sie handelt. Hätte ich chn geliebt, dann hätte uf) Ihnen zugerufen: „Seine Freiheit und Ehre vor allem! Man muß ihn, um welchen Preis immer, noch zur Stunde retten. Soll eben entstehen, was daraus entsteht. Morgen wird er frei sein. Seine Unschuld wird laut verkündet werden. Er wird mir wieüergegeben, er wird gerettet fern! Was kümmert mich alles andere!" Und Sie hätten mrch W zur Stunde seiner Befreiung bebend, zitternd, rm Fieber gesehen — ich hätte nur an ihn gedacht, alles opfernd, alles verachtend!" Sie hielt inne, schöpfte tief Wem, und ließ in voN- kommen anderem, gleichgiltigem Tone fallen: „Wer ich habe es Ihnen ja gesagt, ich liebe ihn nrcht." . Plötzlich ergriff er ihre beiden Hände, preßte sie wrld und fragte das dicht an seiner Seite stehende schöne Werb: „Können Sie überhaupt lieben?" „Ob ich lieben kann!" rief sie von neuem in auf» lodernder Leidenschaft. „Ich kann es mit der ganzen heißen Glut memes Herzens, das sich noch nie hingegeben hat, nnes noch jungfräulichen Herzens. Ich könnte den Mann, der dres widerspenstige Herz schneller pulsieren läßt, an- beten und würde selbst selig werden. Was ist denn das Leben ohne Liebe? Ein Schatten, ein inhaltleeres, hohles Dasern. Welcher Mensch sehnt sich nicht nach Liebe? Ich bin auch nur Mensch, und ein leidenschaftlicher Mensch. Haben wir, auf den beneideten Höhen des Wels, denn einen fteren Willen bei der Wahl eines Gatten? Was ahnen Sie wieviel Rücksichten und Spekulationen dabei in Betracht kommen! Ich gebe Ihnen gerne zu, daß dies! eine lmfittlichkeit ist, Deshalb will ich eine zweite nicht mehr begehen. Man hat mich verkauft, und ich — ich bin zu feige, die goldene Fessel des Reichtums und Ansehens von mir zu streifen, zu feige, mich von dem zu trennen, dem ich eine Spekulation gewesen bin, der schon als müder Mann eine nicht geliebte, dafür aber reiche Frau pch erwählt. Nein, der Mann, den ich lieben, anbeteir konnte^ mlißte noch rein sein, noch niemals geliebt haben. Kein Sempach, der eine Sanden und so viele andere vor mrr geliebt. Ich allein müßte ihm das Paradies der Liebe zum ersten Mal eröffnen, ich allein ihm die erste Ofsen- barung des glühenden Feuergestirns sein. Ich suche dies Wunder in schlaflosen Mchten, im Traum sah ich es, doch blieb es mir em Traum. Wer mir dies Wunder gäbe, der gäbe mm em neues Leben, ein lebenswertes Glück." Mit einer plötzlichen Bewegung umfaßte er ihre Gestalt Mit kraftvollem Arm und ries, sie an sich reißend: ,Lch habe noch nie geliebt! Wollen Sie mich lieben?" Ohne sich aus seiner Umarmung zu befreien, ihre Hande auf seine .Schultern gestemmt, den Körper etwas zurückgeneigt, — ihr Gesicht von dem seinigen etwas entfernend, fragte sie ihn: „Sie lieben mich also?" Sein!""' 6011 saniex Seele, mit meinem ganzen, ganzen Ihre Arme um seinen Hals schlingend, flüsterte sie mit aller Innigkeit: „Dann liebst Tn mich, wie ich Dich liebe." 40. Kapitel. Bertha Rakenius erhielt in Straßburg einen Bries ihres Bruders, der ihr riet, ihre Nachforschungen sofort einzustellen und nach Berlin zurückzukehren. Sie zögerte keinen Augenblick, diesem Rate Folge zu leisten, denn sie hatte sich überzeugt, daß der Verdacht gegen bewußten Münser nicht stichhaltig war. Sein Aeußeres konnte ja allenfalls mit der Gestalt Sempachs verwechselt werden, — aber moralisch, trotz vieler Unregelmäßigkeiten in seinem Lebenswandel, schien er absolut unfähig, ein Verbrechen zu begehen. Außerdem hatte niemals eine Verwandtschaft zwischen ihm und Frau von Sanden bestanden, und schließlich hatte Bertha in Straßburg auch die Gewißheit erlangt, daß der benannte Münser sich am Wende des Mordes in Straßburg und nicht in Berlin befunden habe. Gleich nach ihrer Rückkunft nach Berlin war ihr erster Gedanke, Georg ihren Wunsch und ihre Absicht auszusprechen, Herrn von Sempach unverzüglich aufzusucheu. „Wie", rief er aus, „Tu ins Gefängnis?" „Gewiß. Ist nicht des Weibes Platz bei denen, die leiden? Uebrigens ist Herr von Sempach nicht so viel als mein Bruder?" „Er ist es nicht in aller Welt Augen." „Ter Welt, wenn es sich darum handelt — H Ah! Eine Gräfin TorouL)ff mag sich wohl um das Urteil der Welt kümmern und beunruhigen, — ich denke nicht so." „Wird man Dir hierzu die Erlaubnis erteilen?" fragte Georg rasch, um sie zu hindern, weiter über die Gräfin zu sprechen. „Weshalb sollte sie mir verweigert werden, wenn Du sie für mich erbittest? Die Absonderung ist, wie Du mir sagtest, aufgehoben. Herr von Sempach kann also mit seinen Freunden verkehren." „Nein, darin irrst Du. Mit seiner Familie, seinem Rechtsanwalt wohl. Tie Vollmacht, einen in Haft Befindlichen zu sehen, erstreckt sich nicht so weit, als Tu glaubst/« „Tu aber bist doch in Moabit gewesen?" „Ja, durch ganz besondere Vergünstigungen." „So erbitte dieselbe Vergünstigung für mich," „Vom Untersuchungsrichter? — Ich stehe zu schlecht mit ihm." „Tas kann ihn unmöglich mehr etwas angehen. Seine Thätigkeit ist beendet. Ich habe mich darüber erkundigt. Wende Tich an die Staatsanwaltschaft. Gieb Tich ihnen dort zu erkennen. Sag ihnen, welche Bande uns mit Herrn von Sempach verknüpfen, — welche Dienste er uns erwiesen, welche Dankbarkeit wir für ihn hegen, erzähle ihnen von unserer geschwisterlichen Liebe, und ich stehe dafür, daß man Deine Bitte gern bewilligt." „Sei es denn! Ich will's versuchen und mir Mühe ged en." „Tann versuche es gleich heute. Was hält Dich zurück?" „Nichts, nichts", gab er rasch zur Antwort, aus Angst, sie könnte seine Absicht, zur Gräfin zu gehen, erraten. Er begab sich sofort auf die Staatsanwaltschaft, tvo er ausnehmend liebenswürdig empfangen wurde und auch die erbetene Erlaubnis erhielt. Kaum hatte er Bertha den Erfolg seines Schrittes mitgeteilt, als sie ausries: „Gehen wir! Ich bin bereit." Er warf einige Einwendungen ein. Eine wichtige Unterredung nehme für den heutigen Tag seine ganze Freiheit in Anspruch. Ob sie sich denn nicht von Frau Linden oder von Wilhelm begleiten lassen könne. Sempach würde sich gewiß ungemein freuen, seinen alten, treuen Diener wiederzusehen. Ter Erlaubnisschein zu dem Besuche war aus den Namen des Fräulein Rakenius und einer sie begleitenden Person ausgefertigt. Innerlich zitterte er bei dem Gedanken, Sempach äber- mals persönlich gegenüberzutreten. Seine Gewissensbisse waren noch zu jung; die Gräfin war daun auch nicht an ferner Seite, dieselben mit einem Blick W zerstreuen und ihre Grausamkeit dadurch zu mildern. 615 Aber Bertha bestand auf ihrem Willen. Sie hielt ihren Besuch für viel wichtiger und schicklicher, wenn er offen an der Seite ihres Bruders, sozusagen durch dessen Gegenwart gebilligt, geschah. Ta' er von neuem besorgte, daß ern längerer Widerstand seinerseits bei ihr einen Verdacht Hervorrufen könnte, den er um jeden Preis ablenken wollte, fügte er sich schließlich ihrem Wunsche. Er mußte ja Sempachs so wie so früher oder später wieder einmal besuchen. Mußte er sich nicht von jetzt ab gewöhnen, seine Hand zu pressen, ihn zu umarmen, ohne zu erröten oder zu er- zittern? Durfte er ihm sagen: ,Hch nütze Dein Unglück, Derne Abwesenheit, Deine Haft ans, um Dir jene Frau wegzunehmen, für die Du Dich freiwillig geopfert hast?" Bern, gewisse Sünden und Vergehen nrüssen verschwiege!« blerben. Wenn man sie schon gethan hat, dann ist es ein neues Verbrechen, sie in die Oeffentlichkeit zu bringen. Offenhert ut solchem Falle wird zur Grausamkeit, zum Cynrsmus. Wer diese Sünden tragen ihre Strafe schon in srch. Ter, der die Freundschaft und Brüderlichkeit verraten hat, leidet, wenn er nur einen Funken von Herz hat, endlos unter seinem Verrat, der ihm Heuchelei befiehlt, Lügen spielen gt ltn^ zwingt, ein ewiges Doppelspiel zu . Ter Direktor der Strafanstalt von Moabit, sobald er einen Bleck m den Besuchsschein geworfen hatte, ließ Georg und ferne Schwester ersuchen, in sein Kabinett zu treten. „Ich wünsche Ihnen die Unbehaglichkeit und Traurigkeit zu ersparen, weiter in das Innere dieses Hauses zu dringen", empfing er sie liebenswürdig. „Anstatt Sie in das Sprechzimmer führen zu lassen, will ich den Auf- irag geben, den Herrn, den Sie bevollmächtigt sind zu sehen, hierher zu bringen. Nur bitte ich Sie darum, in keiner Werse unsere Hausordnung zu verletzen, indem Sie etwa Herrn von Sempach heimlich einen Brief oder ein Paprer zuschmuggeln." Äverpflichte mich hierzu in meinem und meiner Schwester Namen", sagte Georg, „und danke Ihnen herzlich für dre uns erwiesene Liebenswürdigkeit." Ter Direktor zog sick zurück, und Bruder und Schwester warteten ewige Augenblicke ängstlich auf das Kommen ihres Freundes: sie ganz von der Freude erfüllt, ihn wiederzusehen, vollkommen die traurige Oertlichkeit, an der sie ihn wiedersah, vergessend, — er voll Unruhe und ^"al, die Schamrote auf der Stirn — Scham im Herzen. Endlich, öffnete sich die Thür, und Sempach erschien. (Fortsetzung folgt.) Alkmaar,') -je Düftereiche. Studie für Käseblätter von Eng. Galli. Alk-maar heißt auf deutsch: Alles Meer; sind doch, Stadt und Umkreis dem Moorgrund abgezwungen, nach Hollands stolzem Wahlspruch: Gott schuf das Meer und wir, das Land. Einst aber hieß sie „Alemaria victrir", denn nimmer rm achtzigjährigen Kriege hat sich „die Siegreiche dem Spanier ergeben, ob er sie auch 1573 „Jajaer bis auf das Bein genagt"; vielmehr nahm die Befreiung der Niederlande von hier ihren Ausgang. „In Alemaria fangt der Sieg an", heißt es in der Chronik. Unfern von der Stadt liegen spärliche Trümmer des von den Spaniern zerstörten Stammschlosses der Grafen „Eg- mond" malerisch verstreut. Die landschaftlichen Reize Alk- maar s, so wie Charakter und Anschauungsweise seiner Bewohner schildert zutreffend ein dort bei Koster u. Ko- 1808 1« Vier Sprachen erschienener „Führer"." In der deutschen Ausgabe empfiehlt derselbe, ebenso wie in den drei anderen, „den Fremdlingen, die häufig an Schwitzfußen zu leiden pflegen", ehe sie sich feiner Leitung an- vertrauen, etwas „Speck oder Schmalz einzustecken". „Drei- mal emreiben" befähige chm auf Dünenwegen bis an den Grenzpfahl Alkmaar's zu folgen, wo auf eine hübsche Schilden) (Bild) aufmerksam gemacht wird, die einen Geist- lichen, einen Soldaten, einen Advokaten und einen Bauern zeigt. Der letztere sagt zu den übrigen: „Obschon Ihr Awpft und plaidiert, habe ich doch die Henne, welche die Eier legt". Und wie dieser Bauer denkt jeder wbr zu Lande,- jeder hält den Bauern- für einen Ehrentitel. Ein Fischer stellte sich mir mit den Worten vor: „Ick ben ein Flsker - Bur!" — Nachstehendes zum Ruhm Alk- *1 Stadt am „Nord-Hollandschf-Kanal". maars aber entnehme ich wörtlich seinem „Führers der besonders chie Wissenschaftlichkeit der 17 000 Einwohner ru^int. Für diese und speziell ihre deutschen Sprach-- kenntnisse legt er selbst folgenden überzeugenden Beweis ab: „Wenn man die zahlreichen, flinken Gebäude und Protzigen Kirchen sieht und besonders jenen erstaunlichen Gashalter, der alles beherrscht, so wird jeder Fremdling beistimmen müssen, daß die Stadt und ihre Einwohner m lichtgebendem Vermögen nicht hintenaus gegangen seien und der sichtbare Beweis ihres Geschmacks und Kunstgefühls ist die Kunstbutterfabrik MnN^dwinner- halb dieses Gesichtskreises fällt. Links die Ebene voll W- wechselung, das schönste Vieh auf den üppigsten Weiden wie mit Dörfchen und den notwendigsten Mühlen bestreut' was Nord-Holland so eigentümlich macht. Rechter Han^ der Dünengürtel, der gerade hier solche schönen, launenhaften Formen hat. Der Wind, welcher die Dünen bildete, spielt, wo es ihm möglich ist, fortwährend mit dem Sande (s. S. 74). lieber den einsamen Dünen schweben viele Vögel, welche durch Gekreisch und Geschrei die Ruhe noch sträker auskommen lassen". (S. 75.) Von den Einwohnern meint der Führer, „daß sie, obwohl sie alle Heiligen hassen, doch gute.Menschen seien". „Selbst den St. Nikolaustag" so fahrt er fort, „erkennen sie nicht; statt davon feiern sie am zweiten Christtag das Fest „des goldenen Engels" einigermaßen auf der Art des St. Nikolaustages- Daraus mag man schließen, daß dieses Vorurteil auf Prinzipien urA gelehrten Einsichten, und nicht auf Sparsamkeit be- Zch habe Alkmaar, „die Düftereiche"- benannt, zunächst weil ich den hübschen, altertümlichen Ort an einem Freitag zuerst betreten, wo sein malerischer Marktplatz- in einen einzigen, ungeheuren Käsegarten gewandelt ist. Käse- und Kuhduft aber sind, wie oben bestätigt, dem Holländer lieblicher denn Weihrauch, er verbindet mit Kuh und Kalb die höchsten und reinsten Begriffe. „Hij is een goed Taff" bedeutet: er hat ein gutes (Kalbs-) Gemüt, oder wie wir sagen: er ist eine Seele von Menschen. Wo wir „hundemüde" sind oder „müde wie ein Pferd", ist der Holländer: so lui as eene koe. Der niederländische gemeine Mann (un Sinne unseres „deutschen Michels") heißt Jantche Koe (Hänschen Kuh) ein Gegenstück zu John Bull. Betritt man die Wohnstube einer hiesigen Kuh,__ Stall kann ich ihren Zierraum nicht wohl nennen — so drängt sich, wenn einem der Mund nicht vor Staunen offen bleibt, Mephistos Wort auf die Lippen: „Nicht jede hält so rem!" Wird doch „der Sand, der sich zu ihren Füßen träufelt", mit Schablone und Besen in den reizendsten Mustern erhalten, die regelmäßig erneuert iverden, sobald sia) die Jnliegerin auf die andere Seite wälzt, oder mit Schnaufen die feine Linienführung der Ornamente ver- wifchte. Daß die Letzteren eine ernste Verunstaltung nie erleiden, verbürgt ein hinterwärts sorglich gearbeiteter .Teppich von Prima-Linoleum, der nach, jedesmaligem Gebrauch abgekehrt und — wie unsere Parkettfußböden — glänzend gewichst wird. Ein, mit mir zugleich einen solchen Musterstall besichtigender deutscher Dienstboten - Be- glückuiigs-Apostel geriet über die weitere!! Wohlfahrts-Einrichtungen als da sind: Ringe au der Decke zum Heraus- bindeu der Schwänze, mit blütenweißen Tüllgardinen züchtig verhüllte Spiegelscheibenfenster über den Krippen, wollene Umschlagetücher für Spaziergänge bei unsicherer Witterung in heftige Verzückung und schwur, nicht nur die „Tüchtige, die uns mit Butter versorgt", sondern das ganze getretene Dienstmenschtum des alternden Europa müßte von nun an solcher Fürsorge genießen! Im Sommer wohnt das liebe Vieh als kräftiges No- madenvolk im Freien und vervollständigt den Eindruck jener vollkommenen Ruhe und satten Zufriedenheit, die ganz Holland atmet. Doch dürfen wir über Betrachtung solcher Bilder nicht die Zeit versäumen den Alkmaarer Käsemarkt pünktlich zu erreichen! Schon sind droben an der alten Stadthausuhr die beiden Ritter in der Morgensonne herausgetreten; achtmal schlagen ihre Klingen hell aufeinander. Nun läutet auch die „Käseglocke" vom Turm herab, — das bedeutet die jedesmalige Eröffnung des Marktes. Flugs springen die Käsebauern, die auf ihren rot, , gelb, blau, grün gestrichenen und teilweise recht zierlich, geschnitzten Wagen auf dies Zeichen geharrt haben, herab und laufen mit schweren Leinen-Tüchern bepackt, die altertümlichen Gassen und die malerischen Gracht« 616 (Kanäle) entlang. Jeder möchte der erste auf dem Markte sein, sich den günstigsten Platz auszusuchen, wo er sein großes Käsebrett anlege, denn das hat der Käse — außer dem Duft! — mit den Blumen gemein, daß er im Strahl der Augustsonne rascher welkt als im Schratten. Wo aber ein jeder seinen Plan gebreitet und seinen Stand also bezeichnet hat, da führt nun langsam sein Wagen in die Nähe. Der kräftige Gaul wird abgeschtrrt und die Knechte knieen sich zur Seite der Leinewand, der Bauer aber wirft, auf dem Wagen breitbeinig stehend, die runden Edamer Käse ihnen zu, daß sie hoch durch die Luft und über die Köpfe der Umstehenden hinfliegen wie goldene Sonnenbälle'. Dies mit großer Geschicklichkeit von allen zugleich betriebene Wursspiel dauert so lange, bis auch der letzte Käse in das Gesamtfeld eingefügt.*) Prangt alles in zierlicher Vollendung, so beschrerten Käufer und Martthelfer bedächtig die schmalen Wege zwischen den gelb und rötlich schattierten Teppichbeeten. Prüfend Kopsen sie an die blonden Rundköpfe, die ihnen zu Füßen liegen, ob die autfij nicht etwa eine hohle Antwort geben. Jetzt heben sie einen aus dem Haufen heraus, drehen einen kleinen Bohrer in sein Inneres, ein Pröbchen auszulösen. Der wahre Msekenner kostet nicht mit der Zunge; nein, der kunstgeübte Finger zerreibt ein wenig von der Masse, die Nase, das feine Gefühl sind ihm sichere Richter über die Qualität. Nachdem er sich die gewünschte Einsicht verschafft, wird das ausgebohrte Probestücklein kunstgerecht in die entstandene Lücke wieder eingefügt. Nun kann der Handel beginnen. Hat man sich, über den Preis, etwa 17—18 Gulden pro Zentner, geeinigt, so packen die Knechte je 100 Käse auf Tragbahren, die in derselben Farbe angestrichen sind, wie die Wagen des Bauern, der entweder zur gelben, roten, blauen oder grünen „Maatschappij" (Genossenschaft) gehört. Diese eeren Bahren hängen die Träger an Gurten über den !en, lassen die Hände frei herabbaumeln und „loben" in hüpfendem Laus, den wir als „Zuckeltrapp" bezeichnen würden, mit ihrer Last nach der „Stadtwage". Dies alte, 1602 erbaute Haus ist die schönste Zierde des Marktes, vielleicht der Stadt. Jährliche werden in ihm 10 Millionen Pfund Käse gewogen, denn die Hälfte des nordholläudischen Käsehandels wird von Alkmaar aus betrieben. Ist das Gewicht jeder Ladung dort amtlich von vier, durch weiße Kleidung und bunte Hüte gekennzeichnete Wiegemeister festgestellt, so geht es per Bahre in gleichem Trabe wie vorhin zu den, auf den Grachten liegenden Schiffen, welche bereits durch schräg an das Ufer gelehnte Brücken die Verbindung mit dem Markt hergestellt haben. Die Bahre wird umgedreht und hurre-hopp! rollen die dicken, blanken Kugeln in den Schiffsraum hinab, um zunächst nach Rotterund Amsterdam, und von dort in die Häfen aller Zonen befördert zu werden. In Alkmaar wird nur der sogenannte ,,Edamer" verhandelt. Natiirlich giebt es ungezählte andere Arten, vom scharfen Kräuterkäse bis zum süßen, mit Rosinen durchsetzten. Einen sehr merkwürdigen „grünen" erzielen die Bewohner der nahen, durch ihren Schaf- und Seevögelreichtum berühmten Insel Texel, indem sie den Abgang der Schüfe, in ein Läppchen gebunden, in die Milch hängen. Ich denke mir, diese appetitreizende Erfindung ist von einem verliebten Schäfer gemacht, den irgend ein Dünenjäger beim Liebchen ausgestochen und der in bitterer Eifersucht diesen letzten Versuch austellte (nach dem Rezept: „mein Schatz hat's Grün so gern"), das verlorene Herz durch den Magen zurück^ugewinnen. In den glorreicheren Tagen seiner Vergangenheit hat Alkmaar zartere Düfte, kostbarere Knollen über den Erdball verbreitet. Nach einer alten öffentlichen „Lijste van aenighe Tulpaen" sind hier: „op den 5. Februarij 1637 aen de meß bidende verkocht": (verkauft) ein „Viceroy" (weiß mit lila), die Zwiebel im Gewicht von 658 Assen für 4200 Gulden! Ein „Admiral Liefkäns", Zwiebel 59 Assen, zu 1015 fl. Ein Bellaart von 399 Assen, 1520 ft. Ein „Sjery Katelijn" von 619 Assen: 2610 fl.! An der Börse wurde mit Zwiebeln spekuliert, die noch gar nicht *) Unwillkürlich erinnert man sich, bei diesen „Edamer Kugeln", der Anekdote, daß Admiral de Ruyter, als ihm die Kanonenkugeln einmal ausgegangen, unter die Berber mit steinharten, alten Edamern schießen ließ und das mit bestem Erfolge! gewachsen waren! Als im Jahre 1637 die Regierung diese Art der Spekulation, bei der einzelne bis zu 68000 Gulden in einem Jahre gewonnen haben sollen, Hintertrieb, fielen die Tulpen so im Preise, daß z. B. dieselbe „Semper Augustus-Zwiebel", die bis zu 13000 fl. heraufgetrieben worden, jetzt nur 50 fl. galt. Im 18. Jahrhundert wucherte dann der Hyazinthenhandel ebenso üppig (eine „Bleu passe non plus ultra" kostete 1600 fl.), um im 19. der reelleren Käse-Passion den Markt gänzlich zu überlassen. _____________ Vermischtes. (Sine Eheschließung unter tragischen Umstättdeit. In dem nordamerikanischen Städtchen Orienta Point im Staate Newyork fand, wie aus Newyork berichtet wird, kürzlich eine seltsame Eheschließung statt. Mr. Bradford McGregor ließ sich wenige Stunden vor einer Operation auf Leben Und Tod mit seiner Braut Miß Clara Schlemmer aus Newyork trauen. Der Schwerkranke, der erst vor etwa! vier Monaten in Karlsbad weilte, um dort Heilung von einem gefährlichen Nierenleiden zu suchen, stand jetzt vor der Alternative, innerhalb einer Woche ein toter Mann zu sein oder durch das Messer des Chirurgen eventuell am Leben erhalten zu werden. Er entschied sich für das letztere, und da seine Verlobte dringend wünschte, ihn elbst zu pflegen, im Falle er die Operation glückliche überleben würde, traf man die Vorbereitungen zu einer sofortigen Trauung. Tre zur Zeit noch in Deutschland weckenden Eltern des jungen Mädchens gaben telegraphisch ihre Einwilligung, und in Gegenwart der Mutter und eines Freundes des Bräutigams, des Bruders der Braut und der beiden medizinischen Kapazitäten, die vier Stunden später den bedauernswerten, jungen Mann operierten, wurde die Zeremonie vollzogen. Mit kaum vernehmbarer Stimme antwortete der vor Aufregung und Schwäche fast ohnmächtige Kranke, neben dessen Lager die leise schluchzende Braut kniete, auf die Fragen des Geistlichen, der den Mt so kurz wie möglich machte. Erschütternd war der W-- schied, den die bis zum letzten Moment bei dem Gatten bleibende Neuvermählte von dem Leidenden nahm, als dieser in das für die Operation hergerichtete Zimmer getragen werden mußte. Ten beiden Chirurgen, die man aus Newyork und Philadelphia hatte kommen lassen, assistierten noch fünf andere Arzte. Tie Operation dauerte zwei Stunden und nahm einen glücklichen Verlauf. Der Kranke, den sein junges Weib aufopfernd pflegt, wird voraussichtlich am Leben bleiben. Die politische Lage. Eines Tages saß der bekannte Politiker N., mit einem Freunde plaudernd in einem Londoner Hotel, als ein Fremder aus ihn zutrat. „Kann ich Sie wohl einen Augenblick sprechen, „Gewiß", sagte dieser, sich erhebend. ®er junge Mann ührte ihn durch den weiten Saal. Er schien ihm etwas, ehr wichtiges' mitteilen zu wollen. In einer Ecke ange- ommen, flüsterte er dem Politiker ins Ohr: „Ich! gehöre zu den Angestellten einer Abendzeitung und würde gern erfahren, wie Sie über die Lage im Osten denken." Herr N. sah im ersten Augenblick etwas erstaunt aus/ dann sagte er: „Folgen Sie mir." Und vorangehend führte er den wißbegierigen Jüngling durch das Lesezimmer und von dort einige Stufen hinunter in einen Korridor. Dort zog er seinen Besucher in eine Ecke hinter den Hutständer und, flüsterte ihm geheimnisvoll zu: „Ich weiß wirklich nichts darüber.^ । (Tit-Bits.). Charade. (Nachdruck verboten.) Das Erste wirst du geheißen, Das Zweite kannst du verspeisen. Doch wütend wirst du, potz Element, Wenn jemand dich das Ganze nennt. (Auflösung in nächster Nummer.) ! Auflösung des Zifferblatträtsels in voriger Nummer: i n in iv v vi vn vin ix x xi xn E R 0 8 T E R N ADEL Eros, Rost, Ost, Ostern, Stern, Erna, Nadel, Adel, Adele. Redaktion: Eurt Vlato.— Rotationsdruck und Verlas der Brühl'lÄen Univerütäts-VuL- und Steindruckrrei lDietkck Erben) in Gießen.