1902. — Nr. 73. Ißhotogr- auf H.Noli. Gl'^SScT 111 Ium Dfillgstfeste 1902. (Nachdruck verboten.) Lenz-frohe Lüfte, weich und lind, W eh'n ivicder nun um Höh'n und Gründe . . j Wie Flüstern klingt's im Maienwind, Als ob er hehre Botschaft künde! Festfreudig jauchzt die Nachtigall Noch eh' der Sterne Licht verglommen; Bald jubelt froher Lerchenschall: Du Tag der Pfingsten, sei willkommen! Du Tag des Brausens, feurig klar, Der einst der Jünger Zweifel löste; Du Tag der Kraft, der in die Schar Den Opfermut der Treue flößte; Du Tag des Lichts, der jäh zerschellt Den Trug, der irrem Haß entflammte; Du Tag der Liebe, der die Welt Mit der Erfüllung Trost durchflammte! So köstlichster Vollendung Drang Wirkt wieder nun in Flur und Auen; Die Primeln blüh'n am Bergeshang, Und blaue Blumenaugen schauen Aus sammetgrünem Plan empor Zum lichten Himmel, dustverschwommen, Und Maien wispern froh am Thor: Du Tag der Pfingsten, sei willkommen! Und doch, wie ist die Liebe weit. Die uns der Tröster wollte bringen! Noch immer wühlen Groll und Neid, Noch immer blitzen blut'ge Klingen! . . . Auf stiller Flur manch' weites Grab, Und Muttergram und bräutlich Klagen, Cie legen bitter Zeugnis ab Vom Pfingstgeist just in unfern Tagen! . . ; Du wunderholder Frühlingstag Umhaucht von ersten Liliendüften, Und leis' durchhallt vom Flügelschlag Der wilden Taube in den Lüften; Sorg', daß auch sie den Fittig regt, Der bangen Welt zu Heil und Frommen, Die Taube, die den Oelzweig trägt — Dann Dag der Rktngsten, sei willkommen! Alwin Römer. Der Reiche vom Gmndelhof. Ein Pfiugstgeschichtchen von Käthe Lubowski. (Nachdruck verboten.) „So, also Du willst nicht", schrie der alte Gruudelhvsti bauer, kirschrot im Gesicht, seinen einzigen Sprößling, der schlank und hoch vor ihm stand, in zorniger Erregung an. „Wenn andere Väter ihren Söhnen die Sache mit der Heirat so bequem machten, wie ich Dir, — wo's Dir gar kein Kopfzerbrechen kostet, um dem Grundelhof eine ordentliche Hausfrau zu schaffen — da würden die vor Freuds und Dankbarkeit hochspringen." „Dann laß ihnen das Vergnügen, Vater! Ich war niemals fürs Springen, weißt Du! Ich bin mein Lebtag immer hübsch brav auf der Erde geblieben, und wenn ich bisher noch keine Gelegenheit fand, dem Grundelhof und Deinem Willen zu seinem Rechte zu verhelfen, so kam das einfach daher, weil ich Noch Keine sand, die i(f)i so recht von Herzen lieb haben konnte", entgegnete der Sohn ruhig. Der Alte knurrte etivas, das wie „Rarrensposfen" klang, hörte aber still zu, als Johannes fortsuhr. „Und da soll ich nun zum Förster Michels gehen, bloß weil Ihr beiden Alten das Euch so beredet habt, und mir von den drei Dirnen, die ich nicht mal kenne, eine herholen. Weil ich der Reiche vom Grnndelhof bin, könnt' ich wählen, meinst Du, denn eine — vielleicht die älteste und verständigste von den Mädchen, würde sicher nach den Dukaten greifen. Ich handle wohl um junge Füllen und sonstiges Viehzeug — aber um mein zukünftiges Herzlieb handle ich nicht!" „So"--- — fuhr der Vater auf, — „als ob wir nicht gut zusammen gelebt hätten, Deine selige Mutter und ich! Meinst Du — ich hätte gewartet, bis mir die Liebe oder wie Du sonst das Zeng heißen magst, ihre Reverenz gemacht hätte? Nee — als mein alter Vater sagte, „hier Hans! Krischan, ist sie" ... da hab' ich gesagt, „schön, Vater, und hab' sie geheirätet, und es ist mir gut bekommen und nimmer leid gewesen!" „Na, Vater, nun laß nur die Sache! Was ich aber noch sagen wollte. . . Die Ackerbestellung ist fertig, und ich möchte mir mal gern auf ein paar Tage die Welt auf« schauen! Weißt Du, ich möcht's mal fühlen, daß ich wirklich der Reiche vom Grundelhof bin — mir das Ränzel auf den Rücken schnallen und in die Berge wandern — vielleicht, daß. ich Deinem Wunsch dann näher komme." Der Alte hustete und schnaufte ,schalt aber nicht, sondern legte die alte, harte Hand auf die Schulter des Sohnes: „Siehst Du, Johannes, ich hatt' mich so auf frischesjunges Leben aus dem alten Hof gefreut — Tag und Nacht hab' ich von geträumt — Du weißt schon — wie ich's meine! Wenn Du nun aber bockbeinig bleibst und das graue Alter kommt schließlich, dann ist's damit vorbei." 290 „Bis dahin hat's aber noch gute Weile", lachte Johannes lustig . . . „Der Maienzauber geht um, Vater, und wer weih, was der nicht schafft!" „Hat sich was. . . Maienzauber" :— knurrte der Alte ingrimmig — „die hohe Schule und der vornehnle Verkehr mit den Stadtleuten geht in Deinem Kopf um und hat ihn Dir auf eine uudere Stelle gebracht. . „Wenn's Herz nur auf der alten geblieben ist", sagte Johannes ernsthaft, — „und ich glaub', dafür könnt' ich bürgen. Und nun, gute Nacht, Vater... ich will noch In die Ställe gehen — Du aber leg' 'Dich schlafen, denn der Abend ist neblig und kühl." Zwei Tage nach dieser Unterredung stand Johannes reisefertig vor dem Water. „Siehst eigentlich schäbig aus. Junge", meinte der mit einem Blick auf das älteste Arbeitskleid des Sohnes. „O, last das nur, Vater", entgegnete Johannes, während ihm tausend Schelmenlichter im Gesicht spielten, „zum Wandern ist's gut genug, und wenn's mir an einem Ort besonders gefällt und ich Rast machen will, nehm' ich das! Feiertagskleid aus dem Ränzel heraus. Und nun . . . grüß, Gott, Vater." „Grüß Gott, Johannes, und komm gesund heim!" Der junge Bauer schwenkte den Hut und ging rüstigen Schrittes in die frische Pracht des Maienmorgens hinein. Gr lachte dabei still vor sich hin . . . wenn der Alte wüßte . . . vielleicht war es thöricht — vielleicht--nein, nein, das Herz habe es ihm eingegeben, als die stille Sehnsucht nach einer weichen Hand und einem roten Munde in einer linden Nacht ihn streifte — und das Herz behielt am letzten Ende immer recht. Darum habe er beschlossen, nicht als der Reiche vom Grundelhof an das Försterhaus zu klopfen, sondern als der arme Häuslersohn, sich Arbeit erbittend, und so in aller Heimlichkeit die drei Dirnen kennen zu lernen. Arbeit gab's im Wald grad jetzt übergenug — der letzte Sturm hatte so manchen stolzen Baum geknickt Und entwurzelt, und auch auf dem Grundelhof waren Boten gewesen, um Arbeitskräfte zu werben. Und er konnte auch arbeiten — — hei — wie die jungen Arme sich hochreckten und spannten, als fühlten sie schon die schwere Axt in der Rechten — wenn's nur erst so weit wäre. Nach vier Wegstunden tauchte das freundliche Waldbaus mit 6 em weißgetünchten Giebel vor ihm auf.--. Jetzt sah er's ganz deutlich vor sich! Als hätte es soeben gebadet — so blitzblank und sauber schaute es aus dem grünen Tannenrahmen heraus! Und die Blumenbeete davor! Ginster und Lavendel, Maiblumen und ein paar verspätete Weilchen dufteten ihm entgegen, und ihm war es, als striche wieder die leise Sehnsucht, die ihn hinausgetrieben, über sein Haar! Daun kam ihm ein Mann entgegen — breitbeinig und kraftvoll. Den kecken Hut mit der Feder auf dem schneeweißen Haupt, und eine Pfeife im Mund, der ein Duft entströmte, als wenn die „olle Mudder Vadersch" zu Haus in ihrem Ofen Kartoffelkraut brannte. Johannes blieb stehen. „Wohin wollt Ihr", fragte der Alte. „Zum Förster Michels, — Nachfragen, ob- Arbeit zu haben sei", erwiderte Johannes bescheiden . „Der bin ich — und Arbeit könnt Ihr bekommen —i vorausgesetzt, daß Ihr sie versteht und nicht herumlungert." Johannes wurde rot. „Versuch's doch mit mir", meinte er gekränkt. , ,Mund halten und mitkommen", kommandierte der Förster. Nach einer Weile blieb er stehen. „Hier diese Stämme müssen gefällt werden — macht Euch dabei--oder", meinte er gutmütig, „kommt erst mit mir ins Haus, damit Euch die Frauen Frühstück geben. Ihr seht bestaubt und mnde aus, als läge ein weiter Weg hinter Euch: und zur Arbeit taugt kein teer er Magen!" Johannes folgte ihm still. Hoch und kühl umfing sie me Vorhalle — die mit Gewehren und allerhand Jagd- aerät geziert war und gleichzeitig als gemeinsame Eststube biente. „Bärbe — Anne — Ursel!" schrie der Förster in die Küche. Niemand antwortete. Endlich ertönten Schritte und eine weibliche Gestalt schob sich herein. Johannes fühlte das Herz bis zum Halse hinauf klopfen und seine Augen bohrten sich förmlich in das Gesicht der Eintretenden. Aber der Rebell wurde schnell wieder ruhig, — — Riesengroß! und starkknochig sah das Mädchen aus und matz ihn mit einem Blick, als wollte sie ihn, weil er vielleicht ein paar Centimeter weniger als sie maß, in die Tasche stecken. . ihre Hände waren sehr groß und rot, und als er daran! dachte, daß sie ihm leise die Wange streichelte, wurde ihm ganz ängstlich zu Mut. „Bring' Frühstück für diesen Mann hier, Bärbe", befahl der Förster . „Wie heißt Ihr übrigens", wandte er sich zu Johannes!.- „Hannes Wiebrecht", sagte der leise. „Na also — Hannes, das hier ist meine älteste Tochter Bärbe, und das mach' ich mir von vornherein zur Bedingung — gebandelt wird hier nicht! Sonst heistt's hinaus!"! Johannes nickte zustimmend. „Keine Angst, Herr Förster", sagte er lustig. Geräuschvoll stellte Bärbe zwei Butterbrote vor ihn hin — und hinterher kam noch jemand — ganz ehrsam, mit! niedergeschlagenen Augen und farblosem, glattgestrichenem Haar. Des Försters Anne! Mit einem Gesicht, das einem anmutete, als hätte der liebe Herrgott gar zu viel an ihrem Erschaffungstage zu thun gehabt, um ob aller Eile und! Hast das beste hineinzulegen vergessen — die Weichheit und die Seele. Johannes wurde traurig .Nun war's mit dem Maien- zauber nichts — denn es müßte doch sonderbar zugehen,- wenn die dritte — die Ursel — ihren Schwestern nichü gliche — und mit der weichen Hand und dem jungen Leben auf dem Grundelhof war's Essig . . . Wer feine Pflicht wollte er trotzdem thun, damit man ihn keinen Tagedieb! und unnützen Esser schalt. Ein paar Tage würde er esj schon aushalten — denn das Brot war gut und die Milch frisch . . . dann würde er wieder heimgehen. . . und wenn! der alte Vater heimlich fragte: „Na, Junge" ---würde er still sagen: „Nichts" — und das Leben würde wieder in alter Weise an ihnen vorbei-c schleichen. Der alte, zähe Baum mußte seinen Ingrimm nun aus-, halten — er hieb hinein, daß die Splitter umherflogen und er sich knarrend zur Seite bog. Da zupfte ihn plötzlich etwas ganz leise hinten «M Rock — er wandte sich schnell um, ein junges, süßes Gen sichtlein mit großen, stillen Rehaugen sah ihn in atem-- loser Aengstlichkeit an. „Bitte, kommt mit mir — es ist ein ganz kleiness Füchslein in die Falle gegangen — ich kann's nicht mit ansehen, wie es sich ab quält und schindet, um herauszukommen. Helft's mir befreien! Aber ganz heimlich, damit der Vater nichts merkt!" Johannes geht mit — atemlos — beklommen, nur immer auf die junge Gestalt, die wie ein Eichhörnchen vor ihm herhuscht, schauend, wie das Sormengold auf ihren! blonden Zöpfen spielt —- und wie berauschend es in dem alten Wald duftet und grünt--- — der Maienzauber! geht um. Bald sind sie an der bewußten Stelle. Johannes! beugt sich nieder und versucht die schwere Eisenfalle zu öffnen --endlich gelingt's. Husch, husch, ist der kleine ReimckS heraus und im tiefsten Dickicht verschwunden. — Da erst schauen sich die beiden jungen Menschen in die Augen.- „Ich bin nämlich Försters Ursel" — flüsterte der rotej Mund leise--und ich hab' sie alle so lieb, die kleinen und die großen Tiere im Wald, daß ich sie nicht leiden mag seh'u — und nun dank ich auch schön für Eure Hülfet Johannes atmet schwer. Wenn's eine reine, unverdor-, Bene Natur packt und schüttelt, hebt's wie der wilde Ost in ihr, und nun war auch seine Stunde gekommen. . . dig hier oder keine würde fein Herzlieb. Er zwang seine Sinne zur Festigkeit und erzählte ihr, daß er seit dem Morgen in des Vaters Diensten stehe. Und noch anderes sprachen sie zusammen... wie die Vergißmeinnicht da unten uni Thal so blau blühten — und . . . daß es doch eigentlich schön — über alle Maßen schön — auf der Welt sei. So gingen die Tage dahin. Johannes arbeitete wie im Rausch! Der gewaltige Lebensrausch mußte heraus, und er schaffte für zwei! — Der Förster klopfte ihm schmunzelnd auf die Schulter — „Ihr arbeitet brav, Hannes", sagte er beifällig. Fünf Tage war er nun schon im Waldbaus, und dass Fortgehen dünkte ihm eine Unmöglichkeit. Alle Vormittag^ wenn der Vater wett draußen beim Baumschlag war, kam! 291 Ursel zu ihm gehuscht — bann saß sie aus einem gefüllten Baumstamm und sah ihn mit den tiefen, lieben Augen an! Und er schaute wieder zu ihr, und sie wußten's, „ton beide gehören nun einmal zusammen." Und auch heute war sie wieder bei ihm. „In drei Tagen ist Pfingsten" r- sagte Johannes und beugte sich zu ihr hernieder. „Ta pflanzt bei uns das Mägdlein ein grünes Bäumchen vor die Thür, und der Bursch, der sie am liebsten hat, schleicht frühmorgens hin und bindet fein Tüchlein daran .... und wenn sie's daran läßt — ist sie sein Herzlieb . . „Schad', daß ich Pfingsten nicht hier bin — ich muß zu meinem alten Vater herunter, dem's sonst allein bang wird." „Aber doch nicht für lange?" >— fragte Ursel in tiefem Schrecken . . . „Für immer", flüsterte er, mit einem heißen, heimlichen Blick auf ihren bebenden Mund. Da war's mit ihrer Fassung zu Ende — sie legt das Köpfchen an den alten Baum und schluchzt auf. „Hierbleiben", fleht sie bittend, und die kleine Hand stiehlt sich scheu in die feine. Da streicht die Sehnsucht wieder über Johannes' Stirn und zwingt ihn zu ihr. Er neigt sich über sie und nimmt sie in seine Arme. „Ich hab' Dich ja so lieb — so unmenschlich lieb —< Ursel — gleich vom ersten Augenblick an begann's, — daß ich nicht mehr ohne Dich leben kann. — Aber ich bin arm — ganz arm —: wirst Du's auch mit mir tragen wollen?" „Alles, alles — — will ich um Deinetwillen--nur behalte mich bei Dir" — schluchzt sie an feinem Herzen... Sie küssen sich heiß und innig! Nun war die Sehnsucht zur Wahrheit geworden! Noch am selben Abend ging ein Bote, von Johannes abgeschickt, mit einem langen, erklärenden Brief an den Ulten auf dem Grundelhof ab. Und als, in Duft und jungfräulicher Herbheit der Pfingstmorgen geboren ward — und der Förster in vollster Behaglichkeit vor der Thür stand — rollte ein Wagen heran. „Grüß Gott — Michels." „Grüß Gott. . . Grundelhofbauer was führt Dich her?" — „Der Junge — der verflixte:---wo steckt er denn nun . ..?" , Und die beiden Alten sprachen lange und eifrig mit einander. . . „So was", sagte der Förster, dem die geliebte Pfeife längst ausgegangen war. . . und sie gingen langsam auf die Buchenlaube zu. . . Da saßen in einem Winkel die beiden glücklichen Leute und sahen und hörten nichts. „Sakramenter", rief der Förster in künstlichem Zorn und fchüttelte Johannes derb. Der Grundelhofbauer hob das erglühende Gesichtchen der zierlichen Ursel zu sich empor: „Mit der Armut ist's nun freilich vorbei — Jungferlein", sagte er und küßte sie herzhaft — „aber die Liebe bleibt . . . und die frohen Guckaugen und das Sonnengesichtchen — will's Gott. . . auch!" „Juchhe"--lachte Johannes selig und hob die junge Braut in seinen Armen übermütig hoch empor — — „nun hab' ich doch recht behalten--der Maienzauber und's Herz, haben mir den rechten Weg gezeigt. . ." „Und der Pfingstsegen sorgt dafür, daß das Glück bei ' uns bleibt", flüsterte die blonde Ursel in feinen Armen. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung ans dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Rings umher in den Steigen wimmelte es von Menschen jeglichen Alters: Da waren junge Stuber mit eleganten Spazierstöcken, krummgebeugte Greise, eine Unmenge von Kindermädchen und Kinderwagen. Beim Mustern der Vorübergehenden erfüllte ein bitterer Groll seine Gedanken. Ein Bild des Lebens nach dem andern stieg vor ihm auf unö zeigte i hm ein unendliches Durcheinander von Zufällen und Zwecklosigkeiten, das ihn vor Erbitterung erbeben machte. „Ja, wir fassen es nicht" hörte er im Geist Helene sagen. „Einmal aber kommt die Aufklärung. Das Leben hienieden ist voll Streit und Kampf, eine Prüfungszeit, in der der Geist auf das Ewige vorbereitet werden soll." Und wenn man dann die Menschheit anfah! Welche Läuterung erreichte dies leidende, geschäftige, lachende Gewimmel! Folgten nicht neunundneunzig Prozent von den eintausendvierhundert Millionen der Erde nur den Eingebungen ihrer Triebe und stiegen ins Grab, ohne daß auch nur ein Funke von Geist ihr Leben erleuchtet hatte? Welche Läuterung hatte ihr Keiner Sohu erreicht, der nur zwei Stunden auf dieser Erde weilte? Nicht zu reden von diesen Millionen über die ganze Erde zerstreuten Geschöpfen, die ihr ganzes Leben im Nebel der Geistesumnachtung oder im Wahnsinn verbringen. „Wir müssen nur an Gott glauben", lautete Helenes Rat. „Nur der Glaube vermag das Dasein zu umspannen; in seinem Licht werden uns alle Rätsel klarer, als dies durch Grübeln und Denken möglich ist." »Ja — glauben!" Halte er nicht selber im Glauben gelebt! Regte sich nicht in der Tiefe seines Herzens noch heute etwas, das nach Gott schrie! Mer war nicht diese Forderung, daß man glauben soll, etwas Unfaßbares, Empörendes? Wer konnte es mit der „unendlichen Baterliebe", von der stets so viel gepredigt wird, in Einklang bringen, daß von uns schwachen Menschenkindern Glaube als Bedingung für die Erlösung gefordert wird, da unser natürlicher Verstand, den uns doch Gott selber gegeben, so vielen Hauptsätzen des Glaubens widersprechen mußte? Wie kann ein Gott, der selber Licht und Wahrheit ist, verlangen, daß wir eine Fabel glauben sollen im Widerspruch mit uns selbst, im Widerspruch mit seiner eigenen Gabe in unserer Brust glauben sollen, daß wir blindlings auf die Fragen eingehen sollen, die ein stärkeres Licht erheischen, als alles andere auf der Welt, und die er uns in voller Klarheit vorlegeu könnte, sodaß nicht eine einzige Seele auf dieser Welt verloren ginge? Ist es gerecht, daß er uns das alles in Rätseln giebt und mit der einen Hand auf die Himmels- pforte zeigt, während die andere drohend auf das ewige Feuer gerichtet ist? „Ei, Du fitzest hier im Grünen und philosophierst?" Es war Rudolf. Zum ersten Male durchzuckte ein leiser Unwille gegen den Freund Böses Sinn . „Ist Dir nicht wohl?" fragte der kleine Mann voller Teilnahme. „Nein, es geht mir nicht gut!" „Du siehst so angegriffen aus? Kannst Tu des Nachts nicht schlafen?" '^Ach, wärest Du doch so gesund wie ich! Das möchte ich Dir von Herzen wünschen. Ich schlafe wie ein Stein von dem Augenblick an, wo ich mich lege, bis ich getoecBt werde, und verzehre mein Futter den ganzen Tag hindurch mit einem gesegneten Appetit." Diese Nachrichten gereichten Böse zu unendlichem Trost. „Ich bin übrigens ganz wütend über diese hochnäsigen Geldmänner! Sie haben die Sache bis ins Unendliche hinausgezogen, und jetzt — willst Du es wohl glauben? — jetzt haben sie die Frechheit, mir gerade ins Gesicht zu sagen, daß sie kein Zutrauen zu uns beiden haben." Es empörte Böje, daß man kein Zutrauen zu ihm hatte, aber int Gedanken an seinen jetzigen unglücklichen Zustand sagte er: „Mir kann es ja freilich einerlei fein." „ „Ach was, Du kannst Dich ja wieder erholen. — Mer nun muß ich laufen. Ich spreche heute noch bei Dir vor. Nur frischen Mut, Antonius! So leicht geben wir die Sach« nicht auf!" Böje fiel mehr und mehr zusammen. Da erfaßte ihn eine brennende Sehnsucht nach Helene. Er stand auf und schwankte heimwärts . Helene, die in ihrer Jugend Anlage zum Zeichnen gehabt und die von ihrer Nachbarin einige Anleitung t« der Handhabung des Pinsels erhalten hatte, legte sich aufS Porzellanmalen und wehrte durch diese Arbeit eine Sets» lang der bittersten Not; dann aber ward ihr ein totes 292 Kind geboren, und sie lag vier Wochen hindurch krank darnieder. Während dieser neuen Prüfungszeit lernten sie und Böse Madame Hansen schätzen. Die gute Frau sprang nicht allein hilfreich mit ihren knappen Geldmitteln ein, sondern lieh ihnen beiden auch noch die sorgfältigste Pflege angedeihen. „Welch ein Unsinn, daß. es nicht noch alles wieder gut werden kann!" pflegte die redselige Madame auszurufen, wenn sie Böse nagen hörte. „Gehen Sie nur hübsch aus und lüften Sie sich ein wenig, ich. will schon für Ihre Frau und die Kinder sorgen!" Helene erholte sich wieder und begann ihre Arbeit mit neuem Mut. „Du sollst sehen, Hans, es wird noch, alles ivieder gut!" Ein unerwartetes Ereignis war Pastor Tomsens aber* maliger Besuch für Helene. Er hatte eine Pfarre auf Seeland erhalten und war jetzt beim König gewesen, um ihm zu danken. „Ich komme, um Ihnen einen Gruß, von meiner Tochter zu bringen." „Ach, danke! Wie geht es ihr? Ist sie jetzt glücklich und zufrieden?" „Nem, glücklich ist sie nicht, sie ist geknickt, aber sie will ihr Leben in stiller Ergebung hinbringen." Es that Helene leid, dies zu hören. Es ist recht .gut mit dieser stillen Ergebung, aber es ist sehr hart, zu hören, daß ein junges Mädchen boll warmen Blutes sich auf Lebenszeit in dies Kloster der stillen Ergebung hat ein- schreiben lassen. „Sie hat, gottlob, ihren Erlöser wieder gefunden", fuhr der Pfarrer fort, „aber sie hat nicht diese Glaubensfreudig-. fett, die Ihnen eigen ist." Helene schaute nieder. Eine Wolke von Schanr umfing sie, und die Angst, daß er sie auch diesmal mit Lob überhäufen würde, erfüllte sie mit peinlicher Unruhe. „Mer ich danke meinem Gott", fuhr er fort, „daß er sie zu einer Frau brachte, die ihr Leben in Ehrfurcht vor Gottes Wort geführt, und die sie mit der Macht des Mortes und des Beispieles leiten konnte." Es war ihr, als müsse sie vergehen vor Scham, sie konnte dies nicht länger mit anhören . „Herr Pastor", begann sie, „Sie dürfen, nicht so zu mir reden, ich bin nicht so gut, als Sie glauben." Er sah sie erstaunt an. „Ich habe mein Leben nicht nach Gottes Gebot geführt. Wenn Sie meine Geschichte kennten, würden Sie sich von mir wenden." Das Bedürfnis, einmal all den geheimen Kummer ihres Herzens jemand zu offenbaren, vereinte sich mit dem Drang, das unverdiente Lob, das sie bedrückte, von sich abzuwenden. „Ach, wenn Sie mich nur nicht zu hart beurteilen werden! Ich möchte so gern einmal offen mit Ihnen reden. Sie sind ja doch mein alter Lehrer!" „Liebe Frau Böje, haben Sie auch — gefehlt?" Der Ausdruck liebreichen Mitgefühls, der in seinem Blicke lag ,genügte, um ihr die Zunge zu lösen. Um sie nicht durch seine ernste Miene einzuschüchterm, fenkte er den Blick zu Boden und neigte sich ein wenig zu rhr hinüber wie ein katholischer Beichtvater, der sein Ohri der Oeffnung der Wand zuwendet. Nunmehr begann Helene, inbem sie von ihrer langjährigen Verlobung mit ihrem Vetter erzählte, von ihrer geheimen Liebe zu Böje, von dem Bruch mit Thomas und dem Bruch mit den: Vater, von all den Gewissensbissen, die sie seither erduldet hatte, namentlich Thomas' wegen. „Sie sehen, Herr Pastor, meine Lebensgeschichte hat ein wenig Aehnlichkeit mit der Ihrer Tochter, und ich will nicht dafür einstehen, daß ich nicht hätte handeln können wie sie, denn ich liebte Böje über alle Maßen. Und deshalb habe, ich Ihre Tochter niemals verurteilen können, sie hat mir im Gegenteil sehr viel Mitleid eingeflößt. Später aber ist mir der Gedanke gekommen, ob ich nicht nur allein aus Nachsicht mit mir selber so gehandelt habe, ob ich nicht mich selber mit alledem, was ich zu ihr sagte, habe aufrichteu wollen — ach, ich bin lange nicht so gut, als Sie glaubten." Der Pfarrer faß schweigend da! und schaute zu Boden. „Wer glauben Sie nicht auch, daß Gott Erbarmen mit Ihrer Tochter und mir haben wird? Glauben Sie das nicht auch?" Sie hätte ihn auf den Knieen um ein mildes „Ja" an- flehen können. Er war ja Pfarrer, er hatte ja den Schlüssel und mußte wissen, wann es „Ja" und wann es „Nein" heißen sollte. Er nahnc seine Brille ab, wandte das Antlitz von ihr und benutzte sein Taschentuch, setzte bann die Brille ruhig wieder auf, steckte das Taschentuch in die Rocktasche, richtete sich mit dem gewöhnlichen Ruck an den Rockschößen auf, beugte sich aber wieder ein wenig vor und senkte aufs neue den Blick. Sein Mund verzog sich zu einem leisen Lächeln. „Im sechzehnten Jahrhundert hegte das Volk den Glauben, daß „ein Pfarrer den Teufel aus einem neugeborenem Kinde vertreiben könne, indem er es anblies. Sie, liebst Frau Böje, sind nun der Ansicht, daß ich die Unruhe aus Ihrem Herzen durch ein „Ja" vertreiben könne, das ist aber! nicht der Fall. Freilich glaube ich, daß Gott Ihnen und meiner armen Sophie ein gnädiger Richter sein wird, aber! Sie müssen sein eignes Wort haben, er selber muß sein „Ja" in Ihr Herz blasen." „Ich habe ihn auch so inbrünstig darum angefleht", sagte sie leise. Ihre Augen standen voller Thränen. (Fortsetzung folgt.). VevMssHtes. Unverträgliche B l u m e n. Blumen, die man jetzt im „Wonnemonat" Mai auf Schritt und Tritt findet, mit denen der hoffnungsvolle Jüngling seine Brust oder seine Liebe schmückt, find das liebliche Maiglöckchen (Convallaria majalis) Und die echte Nareisfe (Nareissus poetieus). Vereinigt man diese poetischen Frühlingskinder in einem Glas oder einer Vase, so bekommt die reizende Nareisse bald ein bleiches, wässeriges Aussehen; es scheint, als sei sie vergiftet. Und das hat das duftige Maiglöckchen gethan., Stellt man diese Blumenarten getrennt in Wasser, so bleiben beide frisch und vollfarbig. Die an äußerer Schönheit überaus bescheiden ausgestattete, aber wegen ihres! süßen Wohlgeruches sehr beliebte Reseda (Reseda odorata), die aus Nordafrika zu uns gekommen ist, verdirbt das Wasser für alle anderen Blumen. Man darf sie also nicht mit anderen lieblichen Kindern Floras in ein Glas zusammenstellen. Eine für Genossinnen gefährliche Blume ist auch, die in bett letzten Jahren so sehr beliebt gewordene Goldblume (Chrysanthemum). Doch sie kommt jetzt wenig; in Betracht, da sie ja ein Kind des Herbstes ist. Festrätsel. (Nachdruck verboten.) Was trägt der Schütz int Köcher? Was fließt im Jndierland? Was nehmen beim Kaffeeklatsche Die Damen gern zur Hand? Wenn man die Drei gefunden, — Die Hälfte der Zeichen dann Von jedem Wort gestrichen, Hat gleich das Ganze man. Da tönen fromme Glocken, Verklärt scheint Busch und Feld, Und Festglanz liegt gebreitet Ucbcr die blühende Welt. (Auflösung in nächster Nummer.) Abstrichrätsel. (Nachdruck verboten.) Fritz, Brand, Ostern, Hessen, Geier, Posten, Feile, Bleiche, Main, Gabel, Eis, Staar, Ehering, Band. Aus jedem dieser Wörter ist durch Abstrich eines Buchstabens an beliebiger Stelle ein neues Hauptwort zu bilden. Die abgestrichencn Buchstaben müssen im Zusammenhang einen Festgruß ergeben, den wir unseren Lesern zurufen. (Auflösung in nächster Nummer.) Ergänzirngsräts el. (Nachdruck verboten.) —au, W—d, An—t, —eu, W—n, Bo—, Statt der Striche sind je zwei passende Buchstaben zu setzen, so daß bekannte Hauptwörter entstehen. Die eingefügten Buchstabenpaare bezeichnen im Zusammenhang gelesen etwas, das Viele zu Pfingsten sich vornehmen. (Auflösung in nächster. Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.r Eibe, Elbe, Ebbe. Redaktion: I. B.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Verlag der Brü h l'schen UniversitSts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.