n t L: e stz it it -/ s! t, )p rt w (tt: n Ä m iv f> It rA h- :n in rA a- er en en Samstag den 16. August, Mi 1902. — Nr. 121 (Nachdruck verboten.) Miß Cookson ans Ncw-Aork. Von Heinriche Lee. (Fortsetzung.) Endlich, an einem Mürztage — in dem Garten der geheimrätlichen Villa streckten aus den feuchten schwarzen Beeten, von denen eben die Srhueedecke geschmolzen war, die ersten Veilchen und Schneeglöckchen ihre Köpfe heraus — erhielt Herwarth cm mit dem Stempel des kaiserlichen Zivilkabiuetts versehenes Schreiben. Es war der Konsens. „Morgen gehen wir zum Standesamt", sagte er zu Bell, und aus dem Garten jubelte zu ihnen der Frühling herein — „oder gleich jetzt!" Aber so schnell ging das mcht. Das Aufgebot und unzählige andere 1 v mßc, an die man trotz a.ler Vorbereitungen, wie sich herausstellte, nicht gedacht hatte, wollten noch erledigt sein. Da Ottilie nicht im Hause war, dre gewissermaßen an dem Brautpaar die offizielle Mutterstelle sowie auch die sonstigen RcpräsentationSpflichten hätte übernehmen können, so war Herwarth auf den Gedanken gekommen, die Hochzeit überhaupt mcht in Berlin, sondern in Wiesbaden, wo er eine mütterliche Freundin, seine Patin, wohnen hatte, und wo man sich auf den kleinsten Kreis beschränken konnte, stattfinden zu lassen, und Bell war ganz seiner Meinung. Die Veilchen und die'Schneeglöckchen waren längst verblüht und auf dem großen Rondel der geheimrätlichen Billa vertrockneten die letzten Hyazinthen und Tulpen, als an einem herrlichen Morgen auf dem Wiesbadener Bahnhof ein Zug , aus Frankfurt einlief, ein Herr mit drei Damen aus einem Coupee stieg, und gleich darauf eine vierte, aber bedeutend ältere Dame, die schon weißes Haar hatte, auf den Herrn, der sie im ersten Augenblick nicht gleich sah, zusteuerte, worauf er in ihre Umarmung versank, um alsdann ihr seine Braut, seine Schwester — „nein, wie groß die Kleine geworden war" — und Miß Armstrong vorzustellen. Auch Bell und Carla wurden von der guten alten Dame, Exzellenz Büsching, zärtlich umarmt, und dann fuhr man nach dem Hotel. Von Zitronen- und Orangengärten umschlossen, mit dem Blick über den blauen Golf hinüber nach der Rauchsäule des Vesuvs und nach Neapel erhebt sich in Sorrent hart am Strande ein Logierhaus, die Casa dt san Giorgio. Hier im ersten Stock hatte Ottilie mit dem Kranken Logis genommen. Der Abend zog herauf. Drüben über Ischia sank die Sonne hernieder und sie spiegelte sich im Golf mit schwefel- und orangegelben Streifen. Der Geheimrat, der nun nicht mehr sein Lager verließ — es ruhte auf Rollen — hatte sich hinaus aus den Bretten, mit Velarien überdachten Balkon schieben lassen, und neben ihm saß seine Frau, Ottilie, in ihrem Bambus^ stuhl, eine deutsche Zeitung in der Hand. Die Augen des Geheimrats waren über das herrliche Panorama gerichtet^ hinüber nach der fernen großen Stadt — nach Norden, „Jetzt wird es in Deutschland Frühling", sagte er. Im Stillen dachte er daran, daß er den deutschen Frühling niemals wieder sehen würde. „Und nun machen sie Hochzeit!" Ein paar Tage vorher hatte ihnen das Brautpaar - geschrieben. „Nun kannst Du nicht dabei sein, Till." Nur ihre Augen hatten auf dem Papier geweilt, ihre Gedanken waren tu der Heimat wie die seinen. Sie sah! die Beiden vor dem Altar stehen. Der Tag war gekommen. Der Tag, der ihn ihr auf immer entriß, wo er der Gatte einer Anderen wurde. Sie hatte geglaubt, es tragen zu können — ohne Schmerz, weil es die Rettung für ihn war — und er liebte ja die Andere nicht. Und doch war es ihr nun, als würde ihr ein Stück ihres Lebens genommen. Warum wurde eine Andere, waruni wurde Bell mit ihm beglückt — warum nicht sie? Und was sie sich bisher nicht gestehen wollte — nun gestand sie sichs: Sie beneidete Beil, sie fing an, sie zu hassen. Der kranke Mann an ihrer Seite erriet vielleicht, an was sie dachte, aber er schwieg davon. Es war ihm heute abend eigen zu Mute, feierlich und doch leicht — so, als müßte er auch noch das Letzte ordnen, was ihm auf der Erde verblieben war. „Till", sprach er nach einer Pause, „ich möchte heute zum zweiten Male eine Frage an Dich richten. Damals, als Herwarth um Bell anhielt — hast Du ihm damals vorher ihr Geheimnis verraten oder nicht?" „Ja", kam es endlich tonlos von ihren Lippen. Er sah, wie sie erregt war — wie sie litt. „Du hast ihn zu lieb gehabt, Till", sagte er, auch jetzt noch ohne Vorwurf, „vielleicht wird Gott Dir verzeihen." t Das letzte Wort sprach er mcht zu Ende. Seine Stimme ging in ein plötzliches Röcheln über, ein hellrosa Schaum schoß über seine Lippen, dann schoß zwischen ihnen ein Blutstrahl hervor. „Hermann!" schrie sie auf. Der Wärter eilte herbei, er holte den Arzt. Der Arzt konnte nur noch den eingetreteiren Tod konstatieren. Ein Lungenschlag hatte dem verlöschenden Leben ein schnelles Ende gemacht. Ottilie kniete vor dem Toten, den man im Zimmer gebettet hatte, noch immer. Draußen wurde es Nacht,, aber unaufhaltsam rannen ihre Thränen über die abgezehrte, erkaltete Hand, die sie in der ihren hielt. In dieser Stunde fühlte sie nur eins, — das, was sie tn dem! Heimgegangenen verloren hatte. , Der nächste Morgen kam und während der Tote schon in einem schnell beschassten Sarge ruhte, sah sie sich 482 genötigt, angesichts der Maßregeln und Bestimmungen, die jetzt von allen Setten von ihr eingefordert wurden, eilten klaren Kops zu behalten. Vor allem telegraphierte sie nach Berlin an Herwärth, denn sie nahm an, daß das Brautpaar nach Wiesbaden noch nicht abgereist war. Was gellte, was jauchzte, während noch der Tote vor ihr lag, in ihrem Herzen plötzlich so auf? Nun durfte fie den lieben, der ihr von allen Menschen auf der Erde der teuerste war — lieben, nicht blos als seine Verwandte, seine Freundin, nein, mit der ganzen Liebe des Weibes. Das Schicksal selber hatte eingegriffen, und ihn ihr noch zur rechten Zeit, int allerletzten Augenblick gerettet, in dem Momente, ehe die Kircheuthür aufging, durch die er mit einer Andern zunt Altar schritt. Noch war er nicht vermählt! Nur reich brauchte seine Frait zu sein — und nun war sie reich ! Sie liebte er — und die Andere nicht. Ihr Telegramm kündigte ihm keinen Tod, sondern das Leben an. Das Leben voll zukünftigen, unaussprechlichen Glücks. Welches Bedenken konnte dagegen für ihn in Betracht kommen? Daß der Rücktritt von seiner geplanten Vermählung, so im letzten Augenblick, einigen Eelat machen würde? Die Rücksicht aus Bell selbst? Und gäbe es noch tausend Ketten jnehr, die ihn binden sollten — wie würde er sie, wenn er die Botschaft bekam, von sich abreißen, sie zerbrechen, Nur um sich frei zu machen — frei für sie! Sie wüßte es, ganz zuversichtlich wußte sie es und jeder Zweifel daran war Verrat an ihm. Rur eins hätte sie dabei zu thuu. So schnell wie möglich zu ihm zu eilen. Würde er nicht schon auf sie warten? Und breitete der Geschiedene nicht selber segnend die Hände über sie Beide? Hatte er nicht selber ihre Verbindung einstmals gewünscht? So erfüllte sie nur seinen Willen und er würde ihnen über das Glück, das er ihnen hinterließ, nicht zürnen/ Die Leiche erst nach Deutschland transportieren lassen? Dann konnte sie vielleicht erst in drei, vier Tagen reisen. Ob sie hier an Ort und Stelle beigesetzt würde oder in Berlin — tote sie ihren Mann gekannt hatte, so wäre ihm das sicherlich ganz gleichgilttg gewesen. Noch am Wend desselben Tages sand, dem landesüblichen Gebrauch gemäß!, das Begräbnis statt, das nur insofern etwas beschwerlich war, als sich kein protestantischer Geistlicher dazu fand, und noch in der Nacht reifte Ottilie ab — nach Deutschland, nach Berlin. Eigentlich hatte sie von Herwarth aus ihr Telegramm hin eine Antwort erwartet. Aber wer weiß, wann er ihres erhalten hatte. Seine Antwort kam wahrscheinlich erst, nachdem sie schon längst abgereist war. Vom Bahnhof in Mailand schickte sie nach Berlin an Her- warth ein zweites Telegramm mit der Nachricht, wann sie in Berlin eintreffen würde, damit er fie auf dem Bahnhof erwarten konnte. Und immer weiter rollte der Zug. Hinter ihr lag das frisch! ausgeworfene Grab, vor ihr das neue Leben, das Glück. — Exzellenz Büsching hatte zu der kleinen Feier, die ganz en Petit conntö begangen werden sollte, ihre Vorkehrungen in einer so umfassenden Weise getroffen, daß sich das Brautpaar um nichts mehr zu kümmern hatte. Exzellenz Büsching war die beste Freundin von Herwarths Mutter gewesen, ihr Gatte hatte es bis zum Wirklichen Geheimen Rat gebracht, dann war er gestorben. Her Warth kümmerte sich um die gute Dame, die, weil sie nichts anderes aus der Welt zu lieben hätte, eine echt mütterliche Zärtlichkeit führ ihn hatte, nur dann, wenn er sie wie in dem jetzigen Falle eben nötig hätte. Auch Bell gewann sofort ihre ganze Liebe, von Carla nicht zu reden, die ihr ja schon als Nesthäkchen bekannt gewesen war. Die ganze Feier sollte nur in der Trauung bestehen, und einem kleinen guten Dejeuner dinatoire int Hotel, wonach sich das Brautpaar sofort auf die Reise begeben wollte, zuerst nach der Riviera. Die Gäste bestanden nur aus zwei zufällig am Orte anwesenden, dem Schöneckschen Hause befreundeten Ehepaaren und von selten Bells dem in Frankfurt stationierten amerikanischen Konsul, der die Geschäfte zum Teil kür sie besorgt, und der es sich nicht hätte nehmen lassen, sie Einladung, die sie ihm zum Dank dafür geschickt hatte, prompt anzunehmen. Bell sah in ihrem weißen Brautstaate wunderschön aus, und Herwärth in seiner Gardeuniform, die er dem Tage zu Ehren,' wie es die Dienstvorschrift befahl, anzulegen hatte, wie ein Bräutigam!, der ganz 'Wer wert war. Ans den hellgrünen Wipfeln des Taunus, ans den blühenden Thalwänden sonnte sich der Frühling. Auch die Natur schien Hochzeit zu feiern. Die Trauung fand in der hübschen Bergkirche statt, das Keine Diner verlies in animiertester Stimmung und es war schon später Nachmittag, als man sich verabschiedete und sich das Brautpaar zurückzog, um die Toilette zu wechseln. Herwärth befand sich auf seinem Zimmer, er legte seinen neuen ’ grauen Reiseanzng an, Bell brauchte für ihre Toilette, bei der ihr ihre Kammerjungfer half, natürlich längere Zeit als er,' und er wollte deshalb vor ihrer Thür — denn sie war noch verschämt —- warten, bis sie fertig war. — Er band eben vor dem Spiegel noch die Kravatte um, als es an der Thür Köpfte. Es war der Zimmerkellner, und er meldete ihm, daß unten eine Dame sei, die ihn zu sprechen wünsche — sofort. „Eine Dame?" „Ja. Ihr Name, meinte sie, wäre nicht nötig." „Ich fontnie bald." Er zerbrach sich über diese Dame nicht den Kopf. Vermutlich eine Dame von der Wohlthätigkeit, die von dem Herrn Bräutigam anläßlich des frohen Tages für ihr Unternehmen einen Keinen Beitrag erbat. Er kannte das. Der Kellner hätte die Dame in den Keinen Speisesaal geführt. Dort erwartete sie ihn- Es war derselbe Saal, in dem die Tafel stattgefnnden hätte. Aus dem Tisch standen noch die Reste, die halbge^ leerten Weinflaschen, das Silberzeug, die Fruchtaufsätze, die Blumen. Die Dame war ganz in Schwarz. Es war Ottilie. Ms sie in Berlin anlangte, und sich! auf dem BahN- h'ofe vergeblich nach Herwarth umsah, fuhr sie nach seiner Wohnung. Von dem Portier erfuhr sie, daß er schon abgereist setz nach Wiesbaden, zu feiner Hochzeit. Die beiden Telegramme waren angekommen, aber sie lagen noch ver- schlofsen in der Portierloge. Der Herr Baron, so sagte der Mann, hatte es so haben wollen. Es sollte ihm, da er seinen Hochzeitstag in absoluter Ruhe verleben wollte, nichts nachgeschickt werden. Deshalb hatte er auch seine Wiesbadener Adresse nicht hinterlassen. Erst nach der Hochzeit wollte er wieder Nachricht geben. „Wissen Sie den Tag?" fragte Ottilie, ihre Stimme anstrengend. „Nein, gnädige Fran". 'Mit dem nächsten D-Zuge, nachdem sie sich ein schwarzes Kleid beschafft hatte, reiste sie nach Wiesbaden ab. Jetzt erst, in ihrer Aufregung fiel ihr ein, daß sie sich ja nur an Fran von Büsching hätte wenden brauchen. Von Frau von Büsching kam sie jetzt. Es war zu spät. Er war vermählt! Nein, nein — es war nicht zu spät! Wie lange er blieb! Sie hätte ihm ihren Namen nennen lassen sollen. Hergeflogen wäre er zu ihr. Die Thür khat sich auf. „Ottilie!" „Herwärth!" Sie stürzte aus ihn zu. Erschreckt aber blieb er an der Thür stehen. Das war es, was ihn erschreckte.' „Ottilie! Du bist es! — Was bedeutet dieses Kleid? — Wo ist Hermann?" „Hermann ist tot. Ich bin Witwe." Tot!" Er war aufs furchtbarste erschüttert. Er griff nach Wen beiden Händen und zog sie an sich „Er ist erlöst", sagte er. „Gönnen wir es ihm. Ottilie — er hat Dich sehr lieb gehabt. Und Du ihn!— Warum aber hast Du mir, hast Du uns nicht telegraphiert?" Sie erKärte ihm alles. Nur der Schcherz um den Heimgegangenen war es, was ihn erfüllte — kein anderes Gefühl. „Was Bell dazu sagen wird — auch sie hat ihn sehr lieb gehabt. Und es ist unser Hochzeitstags" Sie verstand ihn nicht. (Fortsetzung folgt.) — 483 Kriegsbedrängnisse in und bei Gießen im Revolutionskriege 1796.*) (Originalartikel der „Gieß. Fambl.") (Nachdruck verboten.) Das Direktorium in Paris, das nach Auflösung der Schreckensherrschaft die französische Republik leitete, fand die trostlosesten Zustände vor: leere Staatskassen und ein in Auflösung begriffenes Heer. Um das Heer und die ehrgeizigen Generäle' zu beschäftigen und seinen Durst nach Ruhm zu befriedigen, begann die neue Regierung Raubkriege mit fast allen Mächten Europas „zur Befreiung der Völker" und „zur Verteidigung des Vaterlandes". Während der ehrgeizige General Bonaparte seine mangelhaft ausgerüsteten, mut- und lustlosen Soldaten in Italien zu immer neuen Siegen über die Oesterreicher führte, walzte der französische General Jourdan seine Heeresmassen vom Rhein bis zum Main. Die Franzosen aus Deutschland zu vertreiben und sie hinter den Rhein zu jagen, mußte Erzherzog Karl von Oesterreich allein übernehmen, nachdem Preußen durch den Baseler Frieden (1795) nicht zu seinem Ruhm die gemeinsame deutsche Sache hn Stiche gelassen hatte. Tie Schrecknisse des französischen Raubzuges nach Deutschland sollte das Oberfürstentum Hessen vom Juli bis September 1796 in furchtbarster Weise empfinden. Jourdan war mit seiner Armee bei Neuwied über den Rhein gegangen Und hatte mit dem Gros die Richtung Limburg—Friedberg eingeschlagen, während eine Division unter dem Unterfeldherrn Lefsbre das Lahnthal heraufzog und Mitte Juni bei Wetzlar stand. Hier kam es am 15. Juni auf der Straße nach Oberbiel zu einem Treffen, in dem Lefsbre so empfindlich vom Erzherzog Karl geschlagen wurde, daß er sich eilig über den Westerwald bis nach Düsseldorf zurückzog. Der Erzherzog verließ, nachdem er Lefsbre zurückgedrängt, die Lahngegend, um sich gegen den französischen General Moreau an der Donau zu wenden, während ein deutsches Observattonskorps unter Wartensleben gegen Jourdan in der Richtung Friedberg stehen blieb. Wartensleben wurde bei Friedberg von Jourdan geschlagen und zog sich nach Franken zurück, wo er sich mit dem Korps des Erzherzogs vereinigte. Auf dem Rückzüge der Deutschen kamen einige Bataillone kaiserlicher Truppen am 4. Juli nach Gießen. Diese rückten am 7. Juli durch das Neustädter Thor wieder aus, passierten die Lahnbrücke und wurden, als sie auf der Heuchelheimer Straße vorgingen, mit den ftanzösischM Vorposten in ein Gefecht verwickelt, das ungünstig für die Deutschen aussiel, sodaß die Franzosen die Hardt besetzten. Tie Kaiserlichen zogen sich in die Stadt zurück, nachdem sie die Zugänge zur Lahnbrücke auf alle mögliche Weise gesperrt hatten. In der Stadt rief das Festsetzen der Franzosen am Hardtberge Bestürzung hervor, und noch am Abend traten die Mitglieder der fürstlichen Regierung, einige Ratsschöffen, Rektor und Kanzler der Universität und die Professoren Jaup und Büchner zusammen, um zu beraten, wie man die Stadt vor einer Plünderung seitens der Franzosen bewahren könne. Nachts 2 Uhr verließen die Kaiserlichen die Stadt, und die Brücke wurde aufgezogen. Mit Tagesanbruch erschienen vor dem Neustädter Thor zwei französische Reiter, die oie Oesfnung der Thore verlangten, was ihnen verweigert wurde. Bald kamen stärkere Abteilungen der Franzosen an; ihr Anführer war General Mortier. Jetzt zeigte man sich gewillt, die Thore zu öffnen. Tie Zugbrücke wurde heruntergelassen, und die Herren der städtischen Deputation gingen dem General entgegen, voran Professor Jaup, der um Schutz für die Stadt bat. Mortier führte seine Truppen um die Stadt nach dem Seltersberg, wo sie biwakierten; nur der General, sein Adjutant und die Bedeckungsmannschaft kamen in der Stadt ins Quartier. Mortier lag im Posthause an der Wallthorstraße. Der Stadt wurden nun große Lieferungen an Lebensmitteln, Bekleidungsstücken, Fourage, Landkarten auferlegt, und die fran- *) Eine ausführliche Darstellung der Kriegsdrangsale findet sich in der Schrift: „Kriegsgeschichte der Stadt und Vestung Gießen und deren umliegenden Gegenden vom 7. Juli bis zum 19. Sept. 1796 von einem Augenzeugen. Gießen 1796. Neudruck 1896. Verlag von Ed. Ottmann. Generalvertrieb: Frees & Das kW. zösifchen Kommissäre sorgten dafür, daß den Anforderungen pünktlich entsprochen wurde. Die erwähnten Mitglieder der städtischen Kommission hatten nun vollauf zu thun. Die zu stellenden Lebensmittel mußten aus den umliegenden Aemtern herbeigeschafft werden. Am Mittage des 8. Juli trafen wieder einige französische Generäle in Gießen ein, darunter Lefsbre. Mortier reifte an demselben Tage wieder ab. Nur ungern sah man den menschenfreundlichen General von hier scheiden. Le- föbre erneuerte die Kriegslieferungen und verlangte überdies noch 12 Pferde. Die Vorstellung der Kommission, daß in Gießen wenig Pferde gehalten würden, und daß die vorhandenen in der Universitäts-Reitschule für Kriegsdienste unbrauchbar seien, nutzte wenig. Der General betonte, er wisse wohl, daß die Pferde aus dem fürstlichen Reitstalle fortgeschafft wären; käme man seiner Forderung nicht nach, so würde er die Stadt mit einer Brandschatzung von 200 000 Livres belegen. Unter großen Opfern gelang es, die Pferde in Marburg anzukaufen. An demselben Tage kamen mehrere französische Bataillone an, die größtenteils am Seltersberg kampierten; nur ein Bataillon bezog Quartiere in der Stadt. Diese Einquartterungslast wurde schwer empfunden, da die fremden Gäste hohe Ansprüche an ihre Quartierwirte stellten, und von unbemittelten Leuten die Lieferung von Wein verlangten. Zum Glück rückte das betreffende Bataillon in der Frühe des 9. mit den vor der Staat lagernden Truppen in der Richtung nach Friedberg wieder ab'. Einige Stunden nachher verließ auch Lefsbre die Stadt und nahm mit den übrigen Mannschaften feinen Weg durch die Wetterau über Langendiebach bei Hanau nach; der Kinzig hin. Er verlangte vier Boten, die ihm den Weg über Steinberg zeigen mußten. Bald nach Lefsbres Abzug rückte eine kleine Abteilung Franzosen unter oem Hauptmann Aden in die Stadt etn, die bis zum 16. September blieben- Der neue Kommandant that sein Möglichstes, um die Stadt zu schonen. Er versagte den nachrückenden Truppen den Durchpiarfch durchs die Stadt und bemühte sich, die Einquartterungslaften zu erleichtern. Ein Teil der Mannschaften wurden auf oem Rathause einquartiert, wohin ein jeder Bürger, dem ein Mann zugeteilt war, eine Decke zu liefern hatte. Der Quartierwirt erhielt von seinem Mann täglich (/z Pfund Fleischs wofür er ihn zu verköstigen hatte. Sehr oft wurde das Fleisch von den Soldaten verkauft. Trotzdem versorgten die Bürger ihre Einquartterung aufs beste. Am 19. Juli wurde den Aemtern zwischen Lahn und Main bedeutende Lieferungen an Geld und Naturalien auserlegt, die jedoch durch die unermüdlichen Vorstellungen der ehrenwerten Kriegskommission herabgesetzt wurden. Unter diesen Umständen wurde die Lage der Bewohner von Gießen von Tag zu Tag schwieriger. Handel und Wandel stockten; nur die Bäcker, Metzger und Wirte hatten vollauf zu thun. Die Preise für die Lebensmittel waren enorm hoch und kaum zu bezahlen. Doch sollte der Stadt noch Schlimmeres bevorstehen. Erzherzog Karl hatte durch die Gefechte bei Amberg, Schweinfurt und Würzburg anfangs September die Jour- dansche Armee zum Rückzug genötigt, der durch den Aufstand der fränkischen Bauern eine völlige Vernichtung drohte. In Frankfurt und Gießen wollte man an eine Retirade der Franzosen nicht glauben, obschon durchreisende französische Generäle und Offiziere dieselbe zugestanden. Am 5. September wurde das Eintreffen von 1200 Mann flüchtiger Franzosen für den folgenden Tag von Grünberg aus gemeldet. Die ganze Nacht hindurch wurden Vorbereitungen für die Lieferungen am folgenden Tage, die in Brot, Fleisch, Branntwein, Stroh, Heu, Holz bestanden, so eifrig betrieben, daß bei der Ankunst der Franzosen um 11 Uhr morgens alles bereit war. Am 8. traf auch General Ney ein. Am 10. September zeigten sich am Busch'schen (Steins) Garten kaiserliche Scharfschützen und Husaren, die mit den französischen Vorposten daselbst handgemein wurden, sich aber bald wieder, da sie zu schwach waren, zurückzogen. An demselben Tage rückte die seit dem 8. Juli in Meßen stationierte Kompagnie unter Führung des Lieutenants le Comte auf Weisung des Generals Ney aus der Stadt, während Hauptmann Wen auf Bitten der Kriegskommission noch blieb. Eine andere französische Kompagnie rückte ein Am 11. September zeigte sich eine stärkere kaiserlich^ Abteilung ton, NahrustgsMkg und zwazig nach kurzein ZSor- 484 - RNatwuLdruck und Verlag der Brükl'schm Univnsitats-Buck>° und SteindruScr-i (Pietsch Erben) in Gießen. Redaktion: Curt Plato. Ms die Bomben in die Stadt flogen, entstand hier eine 'noch größere Panik als bei der ersten BeschreHmrg am vergangenen Sonntag. Wiele Häuser tourb en berfä)toji en; alles flüchtete, teils um im Zeughause am Brand Schütz ru suchen, teils zum Wallthor hinaus, um sich m den umliegenden Dörfern in Sicherheit zu bringen. Sie Kanonade war nicht auf die Stadt gerichtet, sondern galt nur dem Feinde an der „Schoor." Der rechte deutsche Flügel ging über Launsbach und Wismar vor, während die Bewegung auf dem linken wegen der Sümpfe und Gräben int Lahn- und Hardtselde erschwert wurde Tie Deutschen warfen den linken feindlich,en Flügel über den Wettenberg nach Krofdorf zurück, wurden aber gegen Wend wieder zurückgedrängt. Feldmarschalllteutenant v. Kray lieh jedoch sofort die Höhen wieder stürmen, um den Abstrichrätsel. (Nachdruck verboten.) ■d;«™ Kies Wien Sage, Birke, Geld. Von jedem bet vorstehenden Wörter ist die vordere oder hmtere Hälftender Buchstaben zu streichen. Die stehenbleibenden Ha ften müsse« im Zusammenhang das Ziel zahlreicher Ferienreism bezetchnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Gleichklangs in vor. Nr.r Granaten. L7'd!e hohen FtoLerungen wn den Bewohnern zurückge- toiesen wurden, gebrauchten die Franzosen die Gewehre und schleuderten Feuerbrände gegen die Häuser und gefüllten Scheunen, „davon man bald die Flammen von dem Wall in Kiesten aussteigen sah." 94 Gebäude, dte mit 13 162 fl. 35 Kr in der Assekuranz eingeschätzt waren, wurden em Raub der Flammen Gm bald darauf durch Leihgestern ziehender nicbi den Namen Franzosen zu fuhren. Zum Besten oer Abaebrannten von Leihgestern und Lisberg erschten 1-. ttn Schrittchen von R. C. v. Senckenberg über dte Frage: Ob und inwiefern die von einzelnen Gemeinden oder Personen gelittenen Kriegsfchäden vom ganzen Lande zu er sezen sind? Insonderheit meinen lieben Mitbürgern in drückte die infolge der Mieasschäden vnn bcn einzelnen Gemeinden aufgenommene Kapitalschuld btaÄS Ä und &.M mustt-uu°ch tcitegcn Mir Tilgung der Kriegskosten, die ihren Balern aus d unseligen französischen Raubzuge erwachsen waren. S Zt , schwer gelitten konnten wieder frei aufatmen; doch nur für kurze Zeit ^m April - i 1797 erschien General Ney wieder und besetzte die Stadt : En wurde beim Zurückdrängen der Oesterreicher auf der soaenannten Pohlheimer" Wiese zwischen Gruningen und Kwiubera gefangen kam jedoch wieder frei und hielt Gießen 'M--! »M* prff wurde die Stadt von den fremden Gasten befreit. giitfit minder wie die Stadt Gießen sollten.die umliegenden Aemter und Ortschaften die furchtbare Geisel des Krieaes erfahren. Beim Vorrücken der, Franzosen itn Juli erlitt Langgöns, ungerechnet die beständigen Kontributionen, einen Schaden iron 25 000 fl. Bei der Retirade der Fran-, roien int September wurde der Ort ganz ausgeplundirt, das Vieh weggeführt. Pohlgöns, dem es nicht besser erging, teSX» Sch-dL aus 12000 ft. H->.°"M.d»>,u°^ schützt-u ihr-u .Verlust durch Pluud-ruag auf ^<«0 fl. Kommende Schisfenberg erlitt ent eit Schaden von 10 000 , l., ungerechnet, was der dortige Amtmann an linier eignen Barsch'aft verlor. Das Amt Nidda wurde gleichfalls schwer beimaesucht. Der Ort Lisberg bei Ortenberg sollte das härteste Schicksal erfahren. Da die Bewohner des Orns die unverschämten Forderungen von 15 Marodeurs nicht । erfüllten ‘ rückten am folgenden Tage 500 Franzosen ent, iftÄU. &**»« stai*s:0. i ntrpTT würben netötet, 28 V'erwunbvt. Unter l» j mordeten befand sich der ehrwürdige Pfarrer PH. ^awb Koch der versprach, alles herzugeben, wenn man nur dm Ort schone Lisbergs Schaden berechnete sich auf 4c-341 fl. | An gleiches Schicksal hatte Leigestern bei Gießen zu be- I klagen. Bei der Flucht der Franzosen vor den Deutschen 1 kamen 14 WfW 3«° «-Sn7'di- tau« ^och die einquartierten Franzosen mit der größten Freund- f trfit-oif fipfianbelt hdtte1. EA tviwbc brciiil) er ciderlei 9^ SÄ Sta, d>° Ur,ach- sei. MM di- ab, . ^r.muofen eine Freude bei den Burgern über die Ankunft der Kaiserlichen bemerkt,haben wollen/'Andere glaubten General Ney habe sich rachen wollen, weil ge- rüchtwette die in Gießen abgeschnittene Kompagnie zu- | Lmien gehauen worden wäre. Eine, Granate, die m die Stadt flog, zündete in einem Hause in der Neustadt, ^n allen Straßen erscholl der Ruf: Feuer, Feuer. Sturni- alocke wurde gezogen. Tazwighen mischte sich das Schreien §er ggeiüer und Kinder, das Wiehern der Pferde, die Kommandorufe der Anführer. Während- Einzelne in den Kellern ißrer Läufer Schutz suchten, eilten Andere, zum Wallthore hiiiaus° Mehrere Stunden hatte die Beschießung gedauert, als der österreichische Kommandant von Borger einem Oberlieutenant mit einem Trompeter vor das Neustadter Thor rum General Ney entsandte, um denselben um Schutz für ff Stabt s« bitten. 'M) »-»--Uh. di- B-«°stuu- «n- zustellen, sobald die Gefangenen zuruckgeliefett wurden, was man ihm auch zusicherte. Es wurde em Wafsenstillstand ^geschlossen, der vom 11. bis zum 12. morgens 8 Uhr bauern sollte. Am Abend des 11. ruckten wettere österreichische Infanteriekolonnen ein und besetzten die Lahn- brücke. Inzwischen hatten die Franzosen Aufstellung beim Hardflberge genommen; ihr rechter Flügel behüte sich an Heuchelheim an, während sich der /rnke nach Launsbach SÄtÄÖÄÄi ÄÄ Sto Äw*i K Ä ÄT i tiefie Bewegung. Die Deutsch-en sowohl tote dte Franzosen | oh ne, j.eö en „„ himt ht>n Rewobnern zurnckge- gewannen Zeit, ihre Truppen enger heranzuzieHen. , An Streitkräften waren die beiden Gegner gleich.; jeder zahlte ettoa$ta zum 15. waren deutscherseits die nötigen Vorbereitungen getroffen, nm die Franzosen von den Lahnhohen zu vertreiben. Im Heßler und an der Wetzlarer Straße waren Batterien errichtet, die den rechten Flügel der Franzosen bei Heuchelheim und an der Hardt bestreichen sollten. Die Deutschen erhielten den Befehl, in der Nacht vom 15. zum 16. auf beiden Flanken vorzugehen und bei Tagesanbruch den Feind anzugreifen. Dichter Nebel verhinderte jede Bewegung. Nur die Vorposten hatten sich schon um 6 Uhr in ein Gefecht verwickelt. Einige Stunden darauf eröffnete der Feind sein Feuer aus seinen Batterien am Hardtberg. Tie Franzosen hatten eine günstige Position und verfugten