Nr. 104 Mttttvoch den 16. Juli. igi M WM (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Hulde und Traute liefen von einem Raum in den andern, bewunderten alles, trotzdem nichts als Oede, Leere Mitb dumpfe Luft sie umgab. Sie stritten um die Zimmer, Um die beabsichtigte Einrichtung und zogen Herrn Leh- migke lebhaft in" die Debatten, welcher Raum sich am besten als Eßzimmer, welcher als Wohnzimmer, als Arbeitsstuben und Schlasgemächer verwerten lasse. „Die Veranda ist so hübsch, sie hat mir auf den ersten Blick gefallen", sagte Traute, „ich muß sie noch einmal in Augenschein nehmen. Komm, Hulde." Aber Hulde lief gerade in das Nebenzimmer, um der Mutter beim Oeffnen eines Koffers zu helfen. „Ja, die Veranda ist hübsch unter dem Nußbaum ist es innner schattig", erwiderte Paul Lehmigke, Traute folgend. Sie standen jetzt beide draußen in der dunklen Sommernacht, deren weicher, feuchter Atem ihnen erfrischend entgegenwehte nach der Schwüle der dumpfigen Zimmerluft. Traute spähte neugierig umher, und Paul Lehmigke erklärte: „Dort ist der Kuhstall, d!a das Gesindehaus und so weiter. Plötzlich schwieg er, und sein Auge blieb unbewußt bewundernd an Traute hängen. Sie hatte sich mit den Fingerspitzen leicht auf das Steingelände des Balkons gestützt, und den schlanken Körper etwas vorgeneigt, blickte sie hinaus, als sähe sie ganz etwas anderes als Ställe Und Hofgebäude. Sie atmete in vollen Zügen den Zauber der Nacht ein. Sehen konnte sie fast nichts, da das Licht, das aus der Hausthür fiel, die Dunkelheit draußen noch schwärzer machte, aber diese Finsternis, hinter der sich eine noch fremde Welk, barg, hatte so viel Geheimnisvolles, Verheißendes. In getragenen, feierlichen Akkorden, fast wie das Rauschen der See, durchzitterte ein donnerndes Brausen die Luft eintönig und gewaltig. Es kam wohl vom Wasserwehr an der großen Brücke, aber man konnte das Unendliche Meer wähnen, dort hinter den dunklen, unbestimmten Massen, die Baumgruppen und Dächer waren, aber ebenso gut Berge und Felsen sein konnten. Und dort auf der anderen Seite dehnte sich der ungeheure Wald, der sie von der übrigen Welt abschloß Und sie hier überall, tyo sie ging und stand, mit seiner großen, tiefen Einsamkeit Umgab. Ein Schauer ging duchh! TrautenA Seele, Und' wie sie den schweren, feuchten Duft, der aus dem Garten herüberwehte und aus den massigen Blätterhaufen der Bäume einatmete, wurde sie bleich, und ihre Augen größer.. Wunderbar hob sich ihr schönes, weiches Profil, auf das ein Lichtschein aus dem Fenster fiel, von dein rabenschwarzen Hintergrund ab, die reine, stolze Linie ihres leichL gebogenen Nackens mit dem hochgekämmten Hinterhaar und dem aufgesteckten Flechtenknoten. lieber ihrem Haupte! schwankten die blaßlilafarbenen Glocken einer Waldrebe, die sich, um 'den steinernen Seitenpfeiler der Veranda! schlang, und deren hellgrünes Laub fast weiß, im Lampenschein flimmerte. An diesem schönerr Profil hingen Paul Lehmigkesi Blicke löte gebannt, als sich Traute, plötzlich mit einem leisen Frösteln aus ihrer Träumerei. auffahrend, ihm zuwandte. „Wie gut, daß Sie da sind. Es wäre sonst so einsam!" „Fürchten Sie diese Einsamkeit?" „O nein — ja — das heißt nur zuerst. Werden Sitz nicht ein wenig hierbleiben?" Sie sagte es ganz harmlos, nur aus dem dringenden Wunsche heraus, einen befreundeten Menschen um sich zu haben, bis die Fremde das Unheimliche verloren haben, würde. „Ich kann vielleicht ein paar Tage bleiben — ich möchte gern sehen, wie Sie sich- erarbeiten — und — und — ob Sie es hier aushalten werden." Menn seine Stimme den trockenen Geschäftston verlor, hatte sie eine seltsam weiche Klangfarbe. „O gewiß daran ist kein Zweifel. Mir zuerst ist alles so fremd. Bitte, bleiben Sie, so lange Sie können." „Wenn Sie mir versprechen wollen, kein Heimweh zUj bekommen." „Ja — nein — ich. ivill — aber ich weiß nicht —"i Sie lehnte gegen den Pfeiler mit dem zarten Geschlinge der Waldrebe und wandte das Haupt ein wenig zur Seite, als wolle sie seinem Blick ausweichen. Er trat ihr ein ivenig näher und setzte sich rittlings aus das Gelände, sodaß er ihr gerade in das Gesicht sehen konnte. Er war noch blässer geworden. „Traute, wollen Sie mir Vertrauen schenken? Sagen Sie mir, fangen Sie mit freiem Herzen das neue Leben hier an,oder haben Sie noch Fesseln aus der Vergangenheit, die Sie am Boden halten?" Er sah die dunkle Glut der Scham in ihre Wangen steigen, und er fühlte ein leises Zittern durch ihren Körper gehen. „ , , , „Ich habe keine Fesseln mehr", sagte fte sehr leise, so leise, daß es nur tote ein Hauch von ihren Lippen „Dann habe ich Hoffnung, daß alles gut gehen wird , erwiderte er, und es klang wie ein Frohlocken durch diese Worte. „Und nun lassen <&te uns von heute an gute Kameraden und Freunde sein, die in schweren Arbeitstagen treu — 414 — Mr immer U wird d jter I" sagte Traute t vor dem Gärtner- zUsammenyatten und Verttäuen zju einander Huben, r—. Wollen Sie?" „Ich Will, ich, Will gern!" Traute lächelte plötzlich, und ein Schimmer von Fröhlichleit und Trost erhellte ihr ganzes Gesicht. Auch der Mann ian ihrer Seite lächelte und sah plötzlich um zehn Jahre jünger aus. Die ernsten, hurten Linien waren wie weggewischt aus seinen Zügen. „Ich werde Sie morgen in die Fabrik führen Und Sie durch den Forst fahren, oder wollen wir lieber einen Spaziergang in den Wald machen?" „Ach ja, einen Spaziergang!" „Gut. Wir können vormittags gehen und nachmittags fahren. Der Wald ist sehr groß." Er erzählte ihr noch von dem Betrieb der Fabrik und dem Nutzen des Holzes. Sie plauderten beide unbefangen von Äußerlichen Dingen, und waren es sich kaum bewußt, wie gern sie so nebeneinander standen in der schwülen, dunklen Sommernacht. Vierundzwauzigstes Kapitel. Paul Lehmigke hatte eine unruhige Nacht, was bei ihm eine Seltenheit war, denn nach angestrengter Tagesarbeit schlief er -gewöhnlich wie ein Toter. Ein Froh- gesühl in Erwartung des kommenden Tages ließ ihn nicht recht Mr Ruhe kommen. Er dachte immer darüber nach, wohin er mit Traute gehen und fahren, und was er ihr alles zeigen wollte. Und unter seiner Anleitung sollte sie sich in ihren Neuen Beruf einarbeiten. Es war ganz gewiß notwendig, daß er acht bis vierzehn Tage dazu in Kienberg bliebe, es mußte sein — natürlich nur aus Geschäftsinteresse. Und sie hatte ihn ja darum gebeten. Er konnte den bittenden Blick nicht vergessen, mit dem sie Schutz bei ihm suchte vor dem Heimweh und Alleinsein in der Fremde. Lehmigke war stets ein Frühaufsteher, aber heute war er der erste draußen auf dem ganzen Gehöft. Nach einer Stunde wußte er Aenau von allen seinen Leuten, wer pünktlich und wer unpünktlich zur Arbeit kam. Er hatte bereits die ganze Fabrik inspiziert, als es 6 Uhr aus der großen Hofuhr schlug, und er, heimgehend. Traute auf der Brücke am Wehr erblickte. Sie lehnte Über das Geländer und sah in das Wasser, das tosend über das Wehr schäumte. „Das ist hübsch, daß Sie kein Langschläfer sind", begrüßte er sie mit herzlichem Händeschütteln. Wie frisch sie heute aussah, der warme Morgen hatte ihre Wangen rosig angemalt. „Der Wasserfall hat's mir angethan", lachte Traute, >,die ganze Nacht hörte ich sein Rauschen bis in den Schlaf hinein, und ich hielt es vor Neugierde nicht mehr aus, ich mutzte heute gleich herlaufen, ihn zu begrüßen." ,Kämmen Sie, wir wollen einmal durch den Garten gehen, wir frühstücken nachher aus der Veranda zusammen." „Gern. Der Morgen i,st so herrlich" Der Garten gefiel Traute sehr. Es war kein Park, Und es war kein Blumengarten, sondern ein Gemisch von Seibern. Alles grünte und blühte in üppiger Triebkraft Md Verwilderung durcheinander, aber die Unordnung war malerisch. Um das Haus herum Spuren einstiger Kultur, Kieswege, Beete mit ganzen Wäldern wuchernder Blumen, in bunter, verschwenderischer Pracht, dazwischen ein kleiner, ausgetrockneter Springbrunnen mit einem nackten Knaben aus Sandstein, der eine Muschel trug, und hier und da edle Sträucher. Weiterhin Rasenflächen mit kniehohem Gras, prächtige alte Bäume, deren Majestät die mitten in sie hineingeschobenen, höchst plebejischen Kohl-, Salat- und Gurkenanpflanzungen keinen Abbruch lhun konnten. Das Schönste war, mitten im Gesträuch versteckt, eine alte, verfallene Wassermühle an einem klaren Bach, der quer durch den Garten lief, dem Flusse zu. ,, //Ich habe noch nicht Zeit gehabt, hier Ordnung zu schaffen", sagte Lehmigke, als er die weißgestrichene Garten- Mr für Traute öffnete. „Wenn ich herkam, nahm die Fabrik mich ganz in Anspruch und einem Gärtner allein mochte ich es nicht Überla fett. Aber es soll jetzt geschehen, damit der Garten für Sie nutztbar wird." Erst konnte sie sich gar nicht von den Blumenbeeten trennen, und Paul Lehmigke pflückte ihr ein paar dep schönsten taufrischen Rosen und starkduftenden Nelken., Dann lief sie in die Wiesen hinein und jubelte über die Vergißmeinnicht und das Zittergras, das hier üppig wucherte, endlich krocht sie in alle Lauben, in ein altes! Gartenhaus von Baumborke, das nach Schimmel und, Spinnweben roch, und zuletzt in die Mühle, trotzdem! Lehmigke es nicht erlauben wollte, da die Mühle bau-, fällig war. „Bleiben Sie nur draußen, mich werden die Bretteh noch! tragen", hatte Traute gerufen, aber er folgte ihr doch. „Ich werde Ihnen einen Spaß machen", sagte er, und er setzte die Mühle in Bewegung. Das große Rad! war noch gut erhalten und drehte sich prächtig, vom Bach getrieben, und plötzlich fing auch der Springbrunnen au zu plätschern, der durch die Mühle vom Bach gespeist wurde. Traute jubelte wieder. Und bann stand sie ganz still auf dem schmalen, hölzernen Steg über dem Wasser, um dem Mühlenrad zuzusehen. „Wie leichtsinnig", sagte Lehmigke, zu ihr tretend, „ein Fehltritt und Sie fallen ins Wasser." Er faßte sie am Arm, um sie zu halten. „Ick) falle nicht", hatte Traute erwidert, aber er hielt sie doch fest. Sie lächelte, ließ es geschehen Und sagte nur, tief aufatmend: „Wie schön!" Sie standen beide in einem dunklen Raum, über ihnen das von Moder geschwärzte Dach und um sie herum die feuchten, schwarzen, mit schlüpfrigem Moos bedeckten Wände. Aber unter ihnen das langsam, verschlafen sich drehende Rad, das, träumerisch im Wasser wühlend, wie überschüttet war mit einem breiten Goldstrom, während feine Speichen von flüssigem Silber tropfen, und kleine, blitzende Glasperlen bis zu ihnen hinaufwarfen, wo diese in der Luft zerstäubten und als funkelnder Regen herabfielen. Und vor sich, durch eine offene Luke konnten sie durch das grüngoldige Laub des Linden- und Buchen-Ge- zweiges in den Garten hiueinfehen und über die blumigen Wiesen hinaus sogar einen Streifen wogenden Kornfeldes! und duftblauen Waldes am Horizont. Traumhaft verschlafen rauschte die alte Mühle, und in dem schattigen Lindengeäst gurrten ein paar wilde Ringeltauben in einem süßen Liebeszwiegespräch, während jeder Lufthauch ganze Wolken von Rosen- und Nelkenduft aus den Beeten herüberwehte. Sie standen beide eine Weile ganz still nebeneinander- doch plötzlich ging ein Beben wie ein Schwindel durch Trautens Körper, und sie klammerte sich mit beiden Händen an den Arm ihres Begleiters. Dieser legte sofort den Arm fest um ihre Taille und führte sie von dem Steg herunter. Er sah, daß sie blaß geworden war bis in die Lippen. „Nun versprechen Sie mir eins, nämlich daß Sie nie allein in die "Mühle, geschweige denn auf den Steg gehen", sagte er sehr ernst, immer noch ihre Hand haltend. „Muß ich?" lächelte sie. „Es ist so märchenhaft schön! in der alten, verzauberten Mühle! Ich leide sonst nie an Schwindel, aber es geht eben da drinnen nicht mit rechten Dingen zu. Wenn man in das Wasser sieht, fangt das Rad! an zu sprechen und zu singen. Es wird immer größer unbi größer, dreht sich in tausend Regenbogenfarben und will einen fassen und in die Tiefe ziehen." „Das ist ein richtiger Schwindel und geht höchst natürlich zu. Also — Ihre Hand darauf." „Ja — aber —" „Kein aber!" „Aber Sie müssen mit mir hineingehen, wenn ich Sitz darum bitte." „Das werde ich mir sehr überlegen", lächelte er, aber Traute sah ihm an, daß er es gern thun würde. Sie gingen nun dem Hanse zu, und Lehmigke lieh den Frühstückstisch auf der Veranda unter dem Nußbaum decken. Frau Velten und Hulde waren noch nicht aus, sie schliefen ihre Reise ans, aber Paul und Traute waren zu hungrig geworden. Nm auf sie M warten. Ein klein wenig verlegen wurde Traute, als sie die Wirtin machen sollte. Das t6te-ä.-t6te am Frühstückstisch a. 416 - Ein Duell. Sie waren die besten Freunde, der Herr Assistenzarzt ®r. von Hohenbrühl und der Herr Oberleutnant Grauenhorst, so lange sie einander kannten, Md das Wilk etwas sagen, denn ihre Bekanntschaft reichte bis in das Dämmerleben der frühesten Kindheit hinein. Ihre Wiegen hatten in demselben Dörfchen gestandest; derselbe Lehrer hatte ihnen gemein-, fam den ersten Unterricht erteilt, und dann hatten sie ge- sam dasselbe Gymnasium bis zum Witstrium besucht- Jetzt erst hatten sich ihre Lebenswege getrennt. Hilmar Grauenhvrst, der Pastorsohn, trat als Avantageur in bei® Heer ein, und Horst von Hohenbrühl, der jüngste Sohst des Gutsherrn, bezog die Universität, um Medizin zu studieren. Mer diese Trennung, anstatt ihre Freundschaft erkalten zu lassen, hatte sie nur noch vertieft, und als Horst von Hohenbrühl nach Beendigung seiner Studien als Arzt bei einem Regiment in Berlin eintrat, wo Leutnant Grauen- hörst, der die Kriegsakademie besuchte, stand, da hatte es nur weniger Mochten des neuen Beisammenseins bedurft, um ihnen in den Kreisen der Kameraden die liebenswürdige Bezeichnung „Castor und Pollux" einzutragen. Und diese Herzensgemeinschaft hatte plötzlich! ein Ende. Warum? Gherchez la femme! War da eines guten Tages beim Oberstabsarzt Dr. Kohler ein Dämchen erschienen, morgenschön und maien- srisch, mit Liltenstirn und Rosenwangen, das mit seinen neunzehn Lenzen, seinen blonden Zöpfen und mit seinen blauerr Schelmenaugen den Dämon der Zwietracht itt den Herzen der Freunde geweckt hatte. In der That: Castor und Pollux, die sonst Unzertrennliche», mieden einander. Sie, die einander sonst aufgesucht hatten, wenn irgend es angängig gewesen war, gingen einander geflissentlich aus dem Wege, seitdem Erdmute Kohler dem Regiment angehörte, und wenn es auch gerade keine mord- und blutgierigen Gedanken waren, mit denen sie einander gedachten, so war doch die Freundschaft offensichtlich hinüber. Dazu kamen noch zwei Faktoren! Dr. Horst, der als Assistent des Oberstabsärztes in dessen Hause aus- und einging, betrachtete sich gewissermaßen als der Prädestinierte bei Jungfer Erdmute, und machte von dem Rechte, seinen Chefarzt zu besuchen, den ausgiebigsten Gebraucht Oberleutnant Hilmar dagegen hatte den unvergleichlichen Vorzug, von feinem Pastor-Vater, der ein Studien- genosse des Oberstabsarztes gewesen Md ein lieber Freund desselben noch heute war, an diesen ganz besonders empfohlen worden M sein. Das gab ihm ein Recht, nicht nur in dem Hause, sondern sogar in der Familie desselben freundschaftlich zu verkehren, und er machte von diesem Rechte nicht minder Gebrauch!, als Dr. Horst von dem seinigen. Er hielt sich durch! diesen Vorzug auch, nicht minder prädestiniert für Fräulein Erdmute, als jener es in Bezug auf sich that. Und Fräulein Kohler? Sie scherzte und plauderte mit dem Oberleutnant so unbefangen, tote mit dem Assistenzarzt, sie lächelte diesem so liebenswürdig zu, tote jenem, und wenn je einer der beiden Herren aus! sich herausgehen, detn „Hangen und Bangen in schwebender Pein" durch ein ernstes Wort ein Ende machen wollte, dann wußte sie dein Kühnen lacertenflink zu entschlüpfen, bevor er noch zunt Worte kam. . . Da fügte es der Zufall, daß dte Freunde eines Tages bei Oberstabsarzt Kohlers en famille zusammentrafen, und nachdem sie alle Tantalusqualen unbefriedigten Liebes- sehnens durch drei, vier Stunden hin geschmeckt hatten, gemeinschaftlich nach, Häufe gehen mußten. Das brachte den Groll zum lieb erlaufen. , Du, so geht das nicht länger!" platzte der Oberleutnant endlich keuchend heraus!, „einer von uns mUtz das Feld! räum en!" „So räume das Feld!" knurrte der Assistenzarzt. „Daß ich ein Narr wäre!" „Also!" „Gehe Du! Ich bin länger bei Kohlers ein- um> ausgegangen !" „Guckst Du da heraus! Ich! stehe dem Kohler'schen Hause als Arzt auf jeden Fak näher, denn Du als Offizier. - „Mumpitz!" „Wollen wir Ms etwa darmn Meßen?" o „Dann hätten wir was gemacht! Der Sieger Ware des schönsten Korbes sicher, und der Besiegte müßte verzichten! Das ist nichts." „Dann wollen wir Ws jeder auf ein Fässel mit Dynamit setzen, mit der Zigarre die Stopine anzünden und warten, bis die Geschichte losgeht. Wer dann übrig bleibt, mag Fräulein Erd mute heiraten." „Quatsch!" „Dann mache einen besseren Vorschlag!" „Will ich! Seit drei Wochen hät's schon nicht geregnet!" ,Weiß ich! Daher die Siedehitze bei Dir!" „Laß doch die Floskeln!" „Bitte, Dein Vorschlag dann!" „Endlich muß es mal kommen!" „Was denn?" „Der Regen!" „Ja so! Und was foll's damit?" „Der soll entscheiden! Wenn der erste Regentag auf ein ungerades Kälenderdatum fällt, dann räumst Du da ,. Terrain! Fällt er auf ein gerades Kaleuderdatum, dann hätte einen gar so intimen. Charakter, Mb weckte naheliegende Vorstellungen. Aber sie schüttelte die 'Scheu ab und schämte sich Lieser Verlegenheit. Was Hatje es zu sagen mit einem verheirateten Mann, der ihr so unbefangen seine Freund- schaft angetragen hatte? Sollte sie sich weniger frei und sicher in diesem Verkehr zeigen als er? Es! war nur gut. Laß er verheiratet war, sie konnte ihm deshalb so harmlos Md kameradschaftlich begegnen. Er schien auch jetzt gänzlich frei von Hintergedanken oder Rückblicken auf die Vergangenheit, ließ sich mit Behagen von Traute den Kaffee einschenken und ein Butterbrot zurecht machen, und während er mit ihr plauderte, sah er so heiter und angeregt aus, daß diese zum ersten Mal fand, er habe nicht nur ein ausfallend intelligentes, sondern ein hübsches Gesicht, ein Gesicht, das merkwürdig jung und zanziehend wurde, wenn das Sonnige, Warme darin zum Ausdruck kam, wie eben jetzt. Und ohne weiteres NcM Lenken gab sie sich der Freude hin, immer mehr gute, schätzenswerte Eigenschaften an ihm zu entdecken und sich des Zusammenseins mit ihm zu erfreuen. Das Frühstück unter dem schattigen Nußbaum war an und fiir sich ein Hochgenuß. Wie ganz anders zeigte sich die Umgebung im goldenen Morgenlicht als im Dunkel der Nacht. Zwischen dem graziösen Geranke der Waldrebe hindurch lag der sonnenbeschienene Hof vor ihnen, und das Getriebe der Alltagsarbeit, wie das rege Tierleben, das sich in allen Ställen, in allen Ecken und Winkeln und mitten auf dem Schauplatz entfaltete, verscheuchten die Melancholie der Einsamkeit und gaben dem Bilde eine fröhliche, gesunde Stimmung. Lehmiake erzählte, in welchem verwahrlosten Zustande er das Gut übernommen und was er seitdem daran gearbeitet und hineinaesteckt hatte, und was nun zunächst geschehen müsse. Wieder staunte Traute über die enorme Arbeitskraft dieses Mannes, über den Umfang seiner Thätigkeit und deren Früchte. Der Tag verging nur zu schnell. Nach dem Frühstück hätte er sie durch alle Ställe und durch die Fabrik geführt Und dann mit ihr und HulLe eine weite Spazierfahrt gemacht, bis über die Grenzen des großen Forstgutes hinaus. Die ersten, heißen Nachmittagsstunden verplauderten sie in dem schattig kühlen Garte» und machten später einen Spaziergang aUss Feld. Dann kam der herrliche Sommerabend mit seiner Dämmerung und den Feierstunden für die Arbeit, wo alles auf dem Hof zur Ruhe ging, die Knechte und Mägde auf der Dörfstraße sangen, nur ab und zu eine KUH leise im Stall brummte oder die Hühner traumhaft von der Stange gackerten. Ueber dem Scheunendach! stand der Wendstern in dem milden, grauen Dämmerlicht des Himmels, tiefen Frieden über den stillen Hoi und das einsame Dorf gießend. Um die blauen Glockenbluten der Waldrebe surrten große Nachtfalter und vor einer Stallthür spielte ein Knecht allerlei wehmütige Und- lUstigeWeisen unf einer Ziehharmonika, die zu einem seltsamen Duett mit hem großen, feierlichen Rauschen des Wassers zusammenkkangen. (Fortsetzung folgt.) - 4LS - „Bitte, dann bist Du im Vorteil, mein Sohn, denn der Monat IM hat bekanntlich einunddreißig Tage und der Mgnst ebenfalls--" „So knobeln wir!" „Well!“ „Wer zuerst den nackten Spatz aushebt, nimmt die nn- graben Tage-- „Abgemacht!" Wenige Minuten später saßen die Freunde bei Dressel und knobelten. Oberleutnant Grauenhorst hob zuerst den nackten Spatz auf. „Siehst Du! Du hast die ungraben Dagel" „Egal ist's auch!" „Qui vivra verra!“ Und nun gingen die Freunde Tag um Tag, sobald der Dienst es erlaubte, zu Dressel, um des ersten Regentages zu harren. Der stellte sich auch endlich ein, zwei, drei Wochen, nachdem sie die Bedingungen ihrer Kontrahage stipuliert hatten. Und wie es regnete! Es „Pladderte" nur so vom Himmel nieder, wie der Berliner sagt. Die FahrdLmme unter den Linden, namentlich in der Gegend von Dressel, glichen bald einem See. Aber — es !var ein UngradeK Kalenderdatum, an welchem dieser Wasserguß niederging. „Armer Kerl!" Jetzt, nachdem die Sache entschieden !var, fühlte Dr. Hohenbrühl Mitleid mit dem unterlegenen Freunde. „Armer Kerl, hast Pech! Mein aufrichtigstes Beileid --!" „Sei glücklich und —--", Oberleutnant Hilmar erhob sich resigniert, „und mache sie glücklich! Ich. — ich werde mein Schicksal zu tragen wissen-- Aber zum Davongehen, wie er es zu beabsichtigen schien, gelangte er nicht. Zu ben Thür en drängte es herein, Alt und Inna, Militär und Civil, Männlein, Weiblein, Kinder, unaufhaltsam in dichten, wirren Knäulen. In ben Dresfel'schen Stuben gab es halb mehr Menschen, als Stühle. Da mußte Herr Hilmar schon wohl oder übel einstweilen Lei bem glücklicheren Freunde aushalten. Aber was kam denn dort gleichfalls zur Thür hineingedrängt, biegsam und schlank, hochgeschürzt und vom Regen triefend? Dr. Horst von Hohenbrühl und Oberleutnant Hilmar Grauenhorst sprangen auf. Maienfrisch und morgenschön, mit Lilienstirn und Rosenwangen, ben Sonnenschein des seligsten Glückes von sich strahlenb, so näherte es sich ihrem Tische. „Ah, meine Herren, Sie hier?!" „Gnädigstes Fräulein — — bitten unterthänigst, hier ist Platz-- „Dieser abscheuliche Regen--!" „Bitte gehorsamst--." „Sehr liebenswürdig, Herr Oberleutnant. Aber gestatten die Herren — — —Hinter dem Sonnenschein seligsten Liebesglückes ward eine stattliche Herrengestalt sichtbar, ein Kamerad in Civil offenbar. Horst und Hilmar verneigten sich erwartungsvoll, „mein Verlobter seit heute früh, Herr Hauptmann von Damenfald! Herr Assistenzarzt ®r._ von Hohenbühl und Herr Oberleutnant Grauenhorst, lieber Ottokar, zwei sehr liebe Freunde unseres Hauses." Der Herr Oberleutnant und der Herr Assistenzarzt fühlen, daß sie in diesem Augenblick gerade keine sehr geistreichen Gesichter machten. Aber ein schneidiger Militär sowohl, als ein tüchtiger Arzt sind auch den verblüffendsten Ueberraschungeir stets gewachsen. Der Herr Assistenzarzt sowohl, als der Herr Oberleutnant brachten ihre Glückwünsche au und — dann war die Freundschaft wieder hergestellt. Der Regen hatte längst aufgehört, und das junge Brautpaar war längst wieder verduftet, da saßen sie noch traulich bei einer Flasche Beuve Cliguot und gelobten einander, daß ihre Freundschaft keines Weibes Lächeln wieder trüben solle. Sie haben's auch so gehalten bis heute. Karl Robe. Veemischtes. Der Mensch als Bestie. UeberRobbenjagd und Robben- Industrie veröffentlicht R. Bach-Montreal im „Prometheus"' einen Artikel, bem wir folgenbe Stelle entnehmen: Auf einem ber Eisfelder kommt eine große Robbenherbe in Sicht; unter allgemeiner Aufregung wirb vorsichtig weiter-, gefahren, bis die erfahrenen Ohren ber Jäger das Schreien ber Jungen in ber Nähe deutlich! hören können, bann wirk» sofort beigebreht unb bte 200 bis 300 Männer stürzen sich auf bas Eis; alle sinb mit starken, oben mit Eisen beschlagenen Stöcken, wenige außerdem noch für den Notfall mit Gewehren bewaffnet. Dieses Geschrei der Jungen, das an das Weinen von an Schmerzen leidenden Kindern auf das lebhafteste erinnert, führt bte Jäger unschwer auf die richtige Spur, mitten hinein in das friedliche Familien-, leben — nun beginnt die Schlächterei. Ein Schlag auf den Kopf der jungen Tiere tötet diese sofort. Das Messer wird! herausgezogen,, und im Nu haben gewandte Hände das Fell mit ber dar unter liegenben Fettschicht ab gezogen. Der Körper selbst ivirb ,Mf bem Eise gelassen, er scheint noch zu leben, doch ist dies nur eine mechanische Bewegung 6er Muskeln, die mit dem Eise in Kontakt kommen. Die Felle werden in kleinere Haufen zusammengepackt und über das unebene Eis nach dem Dampfer geschleppt. Weiter geht die Mörderei, die Jäger verteilen sich auf dem Eise unbl entfernen sich oft meilenweit vom Dampfer, überall sieht man auf dem Eise die Blutlachen, die abgehäuteten Körper der Robben — an Bord schwimmt alles in Bück, die Decks, werden schlüpfrig, der Geruch wird immer unausstehlicher', die Jäger sind mit Blut beschmiert, kurz, es ist kein appetit-, licher Anblick, den inan da zu genießen bekommt! Welche entsetzlichen Szenen, die sich hier in der eisigen Einsamkeit, unter einer strahlenden, Tausende von Eisbergen köstlich beleuchtenden Sonne abspielen. Und nun dazu noch das! klägliche Wehegeschrei der armen Robbenmütter, die ihren' Kopf vorsichtig durch die kleinen Löcher im Eise stecken und nicht glauben wollen, daß die Herumliegenden blutigen Körper alles sind, was von ihren Lieblingen übrig geblieben ist. Mit einem fast menschlichen Klagelaut stürzen sie sich dann wieder ins Meer, um 6em nahenden Jäger zu entgehen. Einen niedlichen Soldatenbrief aus der Garnison Potsdam bringt die „Potsd. Zeitung". Er lautet wörtlich: Geliebtes Anna! Du bist gewiß gewundert, das Ich so lange nicht geschrieben bin. Hab' sich bekommen einen Brief von zu Hause. Hat sich geschrieben Vater hat krankes Bauch! weil sich zuviel hat gesaust von das Buttermilch. Karin nich verdienen und mir nicht schicken. Bin darum in größtes! Verlegenheit geraten, weil mir hat gestohlen die Hose ber Kauris ein Dieb. Da nun gesagt Feldwebel Du bezahlen bas Hose sonst holt dich der Loch und kriegs das Teufel. Was soll machen verfluchtes Zucht. Willst schicken mir 8 Mark i stalles gut. Wenn dann kommen auf Urlaub', gehen auf das Tarrz. Schickst Du mir nich!'s schieß Ich mir ganz tot. Vor lautes Kram mein Herzen und Liebe das mir verstohlen das Hose der Kamis. Hab mich gekauft Hose die Extra passen sich lute Leutnant. Will stgeliebte Anna mir schicken das Geld bald. Ich habe noch zu schreiben doch muß Ich Holz hacken für Frau vom Feldwebel. Der Teufel mag hakten das Holz. Ich auch fcfyon ganz gut hab gelernt Deutsch bei das Militär. Nun lebst Du ivohl und giebft du Kuß. Deirr geliebtes. August, Amen. Buchstabenrätsel, (Nachdruck verboten.) Es führt zu längst verrauschter Zeit, Erueut verblich'ue Herrlichkeit, Läßt klinge» verschollene Weisen. Des Volkes Herzen hängen dran, Doch ändert nur ein Zeichen inan, So läßt es sich verspeisen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Telegraphenrätsels in vor. Nr.t Erwin, Gnu, Stern, Truhe, Neckar, March, Talar, Tejas, Ungarn. Ein guter Trunk macht Alte jung. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.