Freitag den 16. Mai. Nr. 72. 1902. m Ci ,'MW BW i joujuiir ieber auf eigene Rechnung Lump sein, 'Jyf Als feiner H rr auf Pump feilt! V V Denn: wer ein solcher auf Pump ist, Nicht einmal ein ehrlicher Lump ist. Cäsar Flaischlen. (Nachdruck verboten.) Die Möve. Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Fortsetzung.) Böse saß über seinen Abrechnungen und mühte sich mit zehn Oere ab, die in eine Rubrik hinein geraten waren, wo sie nichts zu thun hatten. . Seine Augen fielen ihm beinahe zu, uitb fern Kops schmerzte von den Nachwehen eines lustigen Trinkgelages, das man in der vorhergehenden Nacht zu Ehren von Rudolfs Geburtstag gehalten hatte . Hin und wieder wandte er srch um und schalt dre Kruder, die a uf dem Fußboden lagen und mit eurem Haufen Garnrollen spielten, denn unfehlbar stimmten sie stets dann ein lärmendes Freudengeheul an, wenn er geraoe int Begriff war, die verlorenen zehn Oere zu sinden. Da kam Rudolf hereingestürzt und begann unter allerlei Handbewegungen und Grimassen ein neues Gedankengewebe zu entwirren, das seine Erfindungsgabe beim ersten Schern des Morgenlichtes ausgeheckt hatte. „Du, eine brillante Idee! Eine Zeitung für das große — hallo! (da wäre seine kleine unruhige Person bernahe über eine Rolle hinten übergeschlagen). „So ein Kernblatt für die große, breite Landdemokratie! Ich schreibe alle Artikel hier aus der Hauptstadt, vom Vesuv der Agr- tation — Du schreibst über die landwirtschaftlichen Verhältnisse und fuchtelst die Gutsbesitzer und reichen Pächter." „Ja, aber Geld, Geld!" „Dafür laß nur mich sorgen! Wir haben Freunde, wecht Du! Komm nur mit zu dem reichen Jonsen. Wir können ihm sechs Prozent für sein Geld bieten." ---„Ei, et, .guten Morgen, liebe Frau Böje! Und was seh' ich: Herr Folkethingsmann Torsen!" Rudolf machte den Gast mit dem weltgeschichtlichen Schritt bekannt, den Böje zu thun im Begriff war. Der Folkethingsmann zögerte mit der Antwort. „Finden Sie nicht ,daß es eine göttliche Idee ist? „Ich will Ihnen nur sagen, den dänischen Landmann gewinnen Sie nun und nimmer für Ihre Sache." „Und weshalb nicht?" „Unsere Bauern sind anderer Gesinnung als die Irak tion der Kopenhagener Linken, der die Herren angehören." Trotz seiner eigenen liberalen Anschauungen und trotz der Erregung, in der sich zur Zeit der Bauernstand befand, sei er doch im Innersten seiner Natur konservativ, und würde, so lange Dänemark bestände, festhalten an ferner Kirche und seiner Bibel, an der gesetzmäßigen Ehe, an dem Erb- und Eigentumsrecht, an der ganzen chrrstlrch- sittlichen Grundlage, auf der unser jetziges Leben beruhe. Böje fuhr auf ihn ein. Ob er denn keinen Begriff davon habe, daß das neunzehnte Jahrhundert einen ganz neuen Geistesinhalt in die Menschheit gebracht habe? Ob er denn nicht einsehen könne, daß eine neue Renaissance herern- breche, eine Zeit der Wissenschaft, des Denkens, der Humanität, die ihren stolzen Triumphzug durch alle Lande halte. . . Der Folkethingsmann war ganz ernrg nut rhm, nur müsse er seinerseits Einspruch gegen die neue Btldungs!- grundlage, die rationelle Naturwissenschaft, gegen die ganze „moderne Bildung" erheben, die man an Stelle des Christentums einführen wolle. Es sei kein Flügelschlag des Geistes in der neuen Lehre zu verspüren, sie vermöge nicht eilte einzige Seele mit dauerndem Frieden und wahrer Freude zu erfüllen. Helene, die im Schlafzimmer gestanden und dem Gespräche gelauscht hatte, erschien in der Thür und sah den Folkethingsmann freudestrahlend an. Ihre natürliche Schüchternheit und das Gefühl, daß es ihr an Fähtgketten gebrach, ihre Ansichten in Gegenwart Fremder zu äußern, bewirkten, daß sie sich nur sehr selten in derartige Gespräche mischte; aber mit der Ueberzeugungsfrendtgkett, die sie noch vom Kirchgang her beseelte, wagte ,te es jetzt, eine kleine Einwendung zu machen. „Ganz dasselbe habe ich so oft gesagt!" „Was hast Du so oft gesagt?" fragte ihr Mann. „Daß die moderne Bildung ine Menschen nur lebensmüde mache." „ t ,, , .. ,... „Lebensmüde?" wiederholte Rudolf, sich nut lowen- haftem Mut in die Brust werfend. Sie können Wohl eine Wetle aufbrausett, so lange ihnen das Ganze noch neu und frisch ist, aber es konunt ems Zeit, wo sie merken, daß in der neuen Lehre keme Nahrung ist, sie kann keinen Trost spenden, nicht einen einzigen Lichtstrahl über die wichtigsten Fragen des Geistes, über Toc» und Leben verbreiten." , Liebe Frau Böje", erwiderte Rudolf, „Leben und Tod werden nach wie vor zu den großen unlösbaren Sphinx- rätseln gehören, und das wird so bleiben, so lange die „Nicht für die ernstgläubigen Christen", "leinte . J>er Folkethingsmann. „Wer dies sind zu weitgehende Themata, die sich nicht in einer kurzen Unterhaltung an einem Sonntagvormittag erschöpfen lassen." Ei sah nach seiner Uhr. „Ich habe auch keine Zert mehr, mich länger aufzu- 286 halten, ich kam nur, um meinen Austritt aus Ihrem Verein zu melden." „Sie wollen sich abmelden?" entfuhr es Böje, während Rudolf sich auf den Absagen umdrehte und ein „Aber mein Gott!" zu der Zimmerdecke hinaufsandte. „Ja, mir gefällt der Ton nicht, und das genügt mir, um mich zurückzuzithen." Er ging. Rudolf stemmte die Arme in die Seite und schaute mit einem langen, melancholischen Blick nach der Thür, die sich hinter ihm geschlossen hatte. „Geliebt und vermißt!" Eine Weile später wanderten die beiden Freunde zu dem Mann mit den Geldsäcken. Helene war den ganzen Tag über allein. Eine erstickende Hitze stieg ihr zu Kopf und verursachte ihr Schmerzen im Gehirn. Sic öffnete ein Fenster und atmete tief auf, schöpfte aber nur eine mäßige Erfrischung aus der warmen Dunstschicht, die zwischen den Gebäuden lagerte. „Kommt, Karen und Svend, wir wollen ein wenig auSgehen." Ohne ein eigentliches Ziel vor Augen zu haben, ging sie mit den Kindern die Straße hinab und bog in die Allee ein. Ehe sie es sich versah, war sie auf dem Kirchhof angelangt, wo sie durch den Anblick des Meeres, das tiefblau, sein gekräuselt und mit fast blanken Flächen vor ihr lag, aus ihren Gedanken erweckt wurde- Ein frischer, würziger Wind kam in weichen Zügen aus Westen; an den Gräbern entlang durchschnitten die Schwalben die Luft und schwangen sich zwitschernd in den sonnenhellen Raum. Wie frisch und schön es hier war. Sie erklomm eine Höhe und schaute gen Süden über die Kjöger Bucht, wo weißliche Streifen auf dem dunkelblauen Grunde schimmerten und wo Möens hohe Küste sich wie eine kleine graue Wolke vom Meeresspiegel abhob. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, die eine nach der andern auf ihren Umhang tropften. Sie setzte sich auf einen Stein und entnahm dem Vorrat ihrer Erinnerungen all die schwere, süße und schöne Poesie, die über ihrer Jugend gelegen hatte. Die Kindheit lag vor ihrem Blick wie ein Land in schimmerndem Licht, ein Land, in den: die Umrisse rein, wo alles so war, wie es sein sollte. Es erging ihr, wie es so vielen verzweifelten Seelen ergeht, die mitten in den Unannehmlichkeiten der Gegenwart nach der Dämmerungszeit des Lebens zurückschauen, sie schob das ganze Glück ihrer Kindheit, das Glück der frohen, lichten Gemütsstimmung auf die damaligen Verhältnisse. Die Wärmeausstrahlung der Seele, die beschwingte Einbildungskraft, die den Himmel voller Engelsköpfe und die Erde voll von märchenhaften Wundern erblickt, die ewig bereite Empfänglichkeit, die jeder kleinen Freude entspringt, alles, was dies entschwundene Alter der Glückseligkeit vor dem späteren Leben voraus hat, wird auf den Zeitgeist, auf die glücklicheren Zustände geschoben; in der Erinnerung erscheint alles wie eine strahlende Pracht, dre ihren Ursprung in der Zeit hat, in der sie sich entfaltete, während es in Wirklichkeit nur die Frucht des dem Kindersinne eigenen lebensschwangeren Erdbodens ist. Sie saß da und dachte an ihre fromme Mutter mit ihrem stillen Gang durchs Haus, an ihr eigenes, geräuschvolles Spiel, ihre täglichen Meldungen „Angerichtet", an den Ernst des Tischgebets, an das Meer da draußen, auf dem sie und Thomas sich im Boot herumgetrieben hatten, und wo sie die unvergeßliche Möwe sah, an die stillenStraßen rn der Provinzstadt, an den Frieden der Kirche, das Sausen der Orgel, Doktor Rudelbachs und der Schwester Wanderungen in . der Abendkühle der Gottergebenheit. — Das alles zog ihr in warmen Eindrücken durch den Sinn und erschuf eine Reihe weicher, wohlthuender Stimmungen, die bewirkten, daß sie von einem seltsamen Heimweh nach dem fernen Lande der Kindheit ergriffen wurde. Als sie den Kopf erhob, fiel ihr Blick auf die bunte Küste von Amager. Sie saß eine Weile da und wiegte den Oberkörper hin und her; die Kinder hatten sich vor sie hingestellt und sahen sie verwundert an. Plötzlich zog sie sie an sich und preßte sie unter einem Strom von Thränen an ihre Brust. Als aber der Winter herannahte, hißten alle Blätter eine rote Laterne auf und meldeten, daß etwas Stürmisches zu erwarten fei. Eine Partei in der Hauptstadt, hieß es, stehe im Begriff, ein neues radikal-sozialdemokratisches Blatt herauszugeben, das von Cand. Phil. Julius Rudolf und Forstkandidaten Hans Böje mit Unterstützung von feiten einer Reihe von Gelehrten und Schriftstellern redtgieM werden solle. Wenige Tage nach dem Erscheinen dieser Mitteilung erhielt Böje seinen Abschied vom Gärtner Christensen, und da er befürchten mußte, daß man ihn auch aus den öffentlichen Parks entfernen werde, kündigte er seine Stellung selbst und brach „mit dem ganzen reaktionären Pack", für das er bisher „Sklavendienste verrichtet" hatte. „Der Krieg ist also erklärt", meinte Rudolf. Sie waren beide guten Mutes und fanden es erhebend/ sich ein Ziel zu fetzen und es mit aller Gewalt durchzuführen. Eine Zeitlang lebte Böje von zufälligen litterarischen Arbeiten, aber die Einnahme war nur gering, und er mußte eine Anleihe nach der andern machen. Helene trug schwer an dem allen. Sie merkte, wie Böje immer weiter von ihr fortglitt, und daß es mit deut Haushalt immer mehr zurückging. Zu alledem kam dis Sorge, daß sie bald wieder einem kleinen Wesen das Leben geben sollte. Sie bat ihn eines Tages um etwas Geld zu Schirting und Leinwand. Geld, Geld! Wo in aller Welt sollte er nur das Geld herschaffen! Sie wisse ja selber, tote die Sachen ständen! Und damit ging er, er mochte nicht das ewige Jammern nach Geld mit anhören. Ost war er den gangen Tag fort und kam erst spät in der Nacht nach Hattse . Dann konnte er zu andern Zeiten wieder so freundlich sein, sich zu ihr hinsetzen und ruhig und mit warmer lieber» zeugung von der Haltbarkeit seiner neuen Pläne sprechen; aber ihre Ehrlichkeit zwang sie oft, ihm zu widersprechen/ und tote vorsichtig sie auch in der Wahl ihrer Worte tour; so endete es doch fast immer damit, daß er ärgerlich wurde und seiner Wege ging. Zuweilen konnte freilich seine Zuversichtlichkeit um ein Bedeutendes sinken, als sei ihm irgend etwas Unangenehmes begegnet. Sie konnte nicht herausbringen, was es war, fühlte aber, daß er irgend etwas haben müsse. Eine Sache bedrückte sie sehr: der Kleine sah elend aus und nahm sichtlich ab. „Ach, er erholt sich schon", tröstete Böje. „Wenn wir nur erst Frühling haben, und er ordentlich in die Luft hinauskommen kann, da sollst Du mal sehen, wie die Pausbacken wieder kommen." „Aber fehlt Dir selber denn nichts? Mich deucht, als wenn Du oft so sonderbar nach Deinem Rücken griffest? Was hast Du mir?" „Nicht das Geringste! Ein wenig Rheumatismus oder so etwas. Das hab' ich so oft im Winter; wenn der Frühling kommt, giebt es sich." Aber es war noch lange bis zum Frühling. Noch lag der Schnee in gefrorenen Haufen in den Rinnsteinen. Sie ging mit dem Kleinen zu einem Arzt. „Es ist das beste, wenn Sie ihm wollenes Unterzeug geben!" Ja, es ist so leicht für die guten Aerzte, zu sagen, dies oder das ist das Beste! Woher sollte sie nur das Geld zu wollenem Unterzeug nehmen? Sie wagte es nicht, Böje damit zu kommen, sie wußte ja auch, daß er kein Geld hatte. Da kam sie auf den guten Gedanken, ihre eigene da ungeschliffene Unterjacke auszuziehen und sie, so gut es sich machen ließ, für Den kleinen Körper zurechtzunähen. Freilich litt sie infolgedessen mehrere Monate an einem schrecklichen Husten; aber was hatte das zu sagen! Sah sie doch- wie sich der Kleine von Taa zu Tag erholte. Ihr Mut wuchs wieder. Jetzt nahte der Frühling, der Verkünder froher Botschaft für alle Kranken und Bedrückten. Es war ja möglich, daß sich der Himmel wölben würde wie nie zuvor, wenn nur erst der Flieder duftete. Und dann kam ein Tag — es war int sechsten Jahre ihrer Ehe — an dem es Helene erschien, als hänge sich ein großer schwarzer Vorhang vor ihren Blick, alle Sonne und Freude verhüllend. Böje kam bleich und matt nach Haufe und setzte sich still hm. — 287 — Neberspamtheiten des Geldsacks. Von Dr. Kurt Rudolf Kreusner- (Nachdruck verboten.) Man schreibt dem verstorbenen englischen Staatsmann Lord Palmerston den Ausspruch zu, daß es ebenso tadelnswert sei, unter seinem Stande zu leben, wie darüber. Es ist dies zweifellos eine sehr richtige Erweiterung des Sprichwortes „Noblesse oblige" in dem Sinne, daß es für den Millionär eine Schande ist, wenn er lebt wie ein Bettler, und nicht wenigstens einen Teil seines großen Vermögens wieder unter die Leute bringt. Wenn nun jene, denen günstige Geschäftsumstände und Glück das Ansammeln unerwartet großer Reichtümer gestattete, meistens aus das ängstlichste bemüht sind, keinen persönlichen Aufwand zu treiben, und dabei ost einer einseitigen Ueber- schätzung des Geldes verfallen, die man schlechthin als Geiz bezeichnen kann, so besorgen die lachenden Erben, die Herren Söhne und Enkel in der Regel das entgegengesetzte Geschäft, und es ist sehr bezeichnend, daß, wenn das Stammvermögen einer Familie nicht den Angrifsen des einzelnen durch Stiftungen und Fideikommisse entzogen ist, große Vermögen selten durch mehrere Generationen erhalten bleiben. Sein Geld mit Eleganz und Anstand auszugeben, ist eine Kunst, die nicht so leicht ist, wie man glaubt. . Der einfache Besitzer einer Million Mark freilich, der unter den heutigen Verhältnissen im Kreise der echten Nabobs, der hundertfachen Millionäre und der Milliardäre schon fast als Schnorrer gilt, braucht keinen Ueberspanntheiten zu huldigen, um seine 35 bis 40 000 Mark Zinsen alljährlich zu verbrauchen. Wo aber die Zinsen des Kapitals hoch in die Millionen gehen, dort darf sich der glückliche Besitzer derselben schon Launen unb Extravaganzen gestatten, mit deren Kosten für viele Familien eine sichere Existenz begründet werden könnte. Mas in den heutigen Zeiten der ungeheuren Geldkonzentration in einigen Händen an überspannten Liebhabereien und kostspieligen Schrullen geleistet wird, hat seines gleichen höchstens in den Tollheiten, von denen aus jener Zeit berichtet wird, als im alten Rom der Zäsarenwahnsinn regierte und Lucullus, APicius und Tri- malchio tonangebend waren. Einige im nachstehenden angeführte authentische Millionärsüberspanntheiten aus der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit liefern den Beweis, daß wir durchaus keine Ursache haben, mit pharisäischem Selbstlob auf jene Zeiten des Uebermuts und namenloser Verschwendung herabzublicken. Unvergessen ist im Andenken der Pariser vornehmen Jugend noch immer der Petit sucrier, „der kleine Zuckerl- mann" Max Lebaudy, der sich, als er bei erreichter Großjährigkeit in den Besitz des väterlichen Vermögens gelangte, in den Strudel des Pariser Lebens stürzte, aber sich als total unfähiger Mensch zeigte, da es ihm nicht gelang, die alljährlichen Zinsen, welche die Bagatelle von li/2 Millionen Frank ausmachten, int Schoße der vergnügungssüchtigsten Stadt der Welt anzubringen. Ein besserer Spezialist in dieser Kunst ist jedenfalls der ungarische Fürst B . . . ., welchen der Schreiber dieser Zeilen einmal vor 14 Jahren im seltsamsten Aufzuge auf der unweit von Budapest gelegenen Bahnstation Hatvan in früher Morgenstunde ankommen sah. Nach einer bei Zigeunermusik verjubelten Nacht hatte der Fürst, als er mit seinen Zechgenossen die Wagen bestieg, um aus der drei Kilometer entfernten Bahnrestauration das Gelage fortzusetzen, dem Zigeunerprimas die eine Hälfte einer in der Mitte durchrissenen Tausendguldennote mit der Zusicherung gegeben, daß er die andere nur erhalte, wenn die Zigeunerkapelle zu Fuß laufend, gleichzeitig mit ihm, spielend und fidelnd, den Bahnhof erreiche. In welcher Verfassung der seltsame Zug den Bahnhof erreichte, läßt sich denken. Aehnliche Stretche ftillten fast Tag für Tag das Leben dieses Trägers eines sehr bekannten Namens, der übrigens heute unter Kuratel steht, während seine Güter sich in Sequestration befinden. Ein ebenbürtiger Rivale dieses kernechten Magyaren war ein seinerzeit viel genannter Graf K., ein Glied eines weitverbreiteten deutschen Adelsgeschlechtes, der im Bewußtsein, daß die meisten Menschen für die nötige Summe Geldes selbst die erniedrigendsten Handlungen über sich ergehen lassen, am Schlüsse eines von ihm gegebenen luxuriösen tzerrendiners jedem Kellner des vornehmen Residenzrestaurants, der stch von ihm eine Ohrseige geben lassen würde, 100 Mark versprach, und auch thatsachltch in die Lage kam, diese der gesamten Bedienung mit Ausnahm« des Oberkellners auszuzahlen. Sind derartige unverantwortliche Dummejungen- streiche zum Glück meistens nur Eigenheiten junger Schoß-- kinder des Glücks, bereit Treiben man nur aus bem Vorhandensein einer gewissen Entartung und erblichen Belastung erklären kann, so ist bte eigentliche Domäne für Millionärs-Neberspanntheiten boch wohl ber Sammelsport unb ein Luxus, ber über das Maß alles Vernünftigen hin- ausgeht. , , , Die Schisfssammluug einer hochstehenden deutschen Persönlichkeit, in welche Dutzende von Schiffsmodellen von der antiken Römischen Stiere, der venetianischen Galeere und der Caravelle von Christoph Kolumbus bis zu dem vor hundert Jahren üblichen Linienschiff und den heutigen Hochseepanzern und Torpedobooten bis in die kleinsten Einzelheiten in massivem Silber ausgeführt sind, gehört vielleicht noch nicht hierher, obwohl man sagen muß, daß eine das natürliche Material benutzende Sammlung interessanter und instruktiver wäre. Wenn wir aber in der Review of Reviews und anderen ernsthaften Berichten die Beschreibung von Kollektionen lesen, die im Lande des Nebels und Spleens ost mit dem Austvande von Millionen zusammengebracht sind, so müssen wir zugeben, daß b ab erbte Grenzen des Vernünftigen weit überschritten werden. So sammelt eine Mistreß Evelyn Aiwood, die Witwe eines im Kolonialwarenhandel reich gewordenen Großkausmanns seit Jahren Menschenschädel. Unter den Tausenden von Schädeln, mit welchen diese sonderbare Sammlerin die Räume ihres umfangreichen Palais ausgestattet hat, befinden sich die Schädel berüchtigter Räuber, Lustmörder und anderer Missethäter, für deren Beschaffung aus anatomischen Seziersälen und Leichenhäusern sie an die in ihrem Dienst stehenden Agenten im Einzelfalle oft viele Tausende gezahlt hat, ohne daß sie dabei, wie es andere Sammler grinsender Menschenschädel zur Beschönigung ihrer seltsamen Leidenschaft thun, vorgiebt, anthropologische Studien zu treiben. t . - Ein anderer englischer Millionär, von dem Stead berichtet, hat sich vor wenigen Jahren eine Vergnugungshacht „Ich will es Dir nicht länger verheimlichen, Helene, ich bin bei Dr. Hartwig gewesen, es ist die alte Geschichte mit dem Rücken." Sie sank auf einen Stuhl, ohne ein Wort zu sagen. „Ach, Du sollst sehen", brachte sie endlich mühsam hervor, „es hat nichts zu sagen!" Er schüttelte den Kopf. Der kalte Schweiß stand ihm aus der Stirn. „ , Das jahrelange, unruhige, in stetem Kamps verbrachte Leben, vereint mit nächtlichen Trinkgelagen, Erkältungen und aufreibenden Sorgen hatte seine Gesundheit geknickt und die alte lauernde Krankheit wieder zum Ausbruch gebracht. Mehrere Tage hindurch ging Helene wie in Fieber- phantasien umher. Alle nur erdenklichen schrecklichen Heimsuchungen jagten durch ihr Gehirn: „Böje starb, — es war kein Brot im Hause, — sie selber erlag dem Hunger und den Sorgen — eines Morgens krabbelten die Kinder auf ihr Bett hinauf, sie aber blieb liegen, — sie liefen zu den anderen Bewohnern des Hauses hinab und erzählten, die Mutter fei so kalt — — —." Ach, sie war ja verrückt! Gab es denn keinen allmächtigen Gott mehr, ber die jungen Raben speist und die Wasser des Genezareth stillt! „Wir dürfen den Mut nicht sinken lassen, Hans! Be- hpufp imfptp kinber Ter Arzt befahl ihm, alle Arbeit einzustellen, und verordnete ihm Aufenthalt in frischer Luft. Man konnte ihn oft zusammengesunken auf einer Bank int Frederiksberger Schloßgarten oder in dem an den Garten stoßenden Gehölz sitzen sehen. An einem warmen Junitage wagte er sich zur Veränderung einmal in den Oerstedspark und wanderte langsam umher, die Hand aus dem Rücken, versunken in den Anblick der Blumen. (Fortsetzung folgt.) >- 288 hauen lassen, deren Salon mit den Bildern erster Meister im Werte von fast einer Million Mark ansgeschmückt war, und ein ähnliches Schiff, welches einem vor kurzem verstorbenen österreichischen Geldmcmne gehörte, barg im Empfangsraume, wie mir ein mit ihm in häufigen geschäftlichen Beziehungen stehender Antiquar und Kunsthändler aus eigener Anschauung erzählte, Raritäten der Goldschmiedekunst, der Gobelinweberei, an alten Porzellanen und kostbaren alten Waffen im Werte von mindestens iy2 Millionen Gulden, während sein Salonwagen, welchen er auf der Bahn auch zum Schlafen zu benutzen pflegte, da er nie in einem öffentlichen Hotel einkehrte, sich mit einer ärmlichen Ausschmückung im Werte von nur etwa 120 000 Gulden begnügen mußte. Menn eine Monarchin und Herrin unbeschränkter Reichtümer tote Katharina II. von Rußland bei ihrem Tode eine Garderobe von 6000 größtenteils nur je ein einziges Mal getragenen Kleidern hinterließ, so will dies für sie als Frau und autokratische Beherrscherin des größten Reiches der Erde noch nicht so, viel bedeuten, tote die Schrulle eines englischen Lords, vor dessen Bett an jedem Morgen beim Aufstehen eine funkelnagelneue Hose liegen mußte, da er es für ein Unglück gehalten hätte, die Unaussprechlichen mehr als einmal zu benutzen. Ein Herr mit ziemlichen Ueberspanntheiten war auch der vor " einer Reihe von Jahren zu Genf verstorbene Herzog von Braunschweig. Von seiner im Schlosse Sibyllenort bei Breslau aufbewahrt gewesenen Schönheitsgallerie, durchwegs Bildnisse berühmter Äalle- rinen und dergleichen von der Hand hervorragender Künstler, schweigt besser des Sängers Höflichkeit, schon wegen des Kostüms derselben. Ein Unikum war aber auch seine Perrückensammlung von nahezu tausend Stück, welche in einer Reihe von Zimmern in Glasschränken aufbewahrt wurden, und auf ihren hölzernen Kopfattrappen einen recht gespenstischen Nndruck machten. Ein australischer Schafzüchter, der seine Millionen gewonnen, ohne jemals vorher auf seinen Farmen gewesen zu sein, Mr. Simpson, erbaute vor einigen Jahren unweit Melbourne am Meere inmitten seiner großen Ländereien ein feenhaftes Märchenschloß. Als er gerade im Begriffe stand, dieses zu beziehen, brach unter den Viehbeständen der nächsten Farmen der Milzbrand aus, von welchem auch einige Schloßbedienstete ergriffen wurden. Der geängstigte Millionär gab Fersengeld. Anstatt aber sein Besitztum an einen minder furchtsamen Käufer zu veräußern, ließ er sämtliche Farmen in der Umgebung zerstören, und seine Bakterienfurcht ging sogar so weit, daß er, obwohl das Wasser der Umgebung von völlig einwandsfreier Beschaffenheit war, eine 22 englische Meilen lange Gebirgswasserleitung mit einem Aufwand von zwei Millionen Mark nach ] einem Lustsitz legen ließ, den er nur während weniger Monate des Jahres bewohnt. Menn ein schottischer Großgrundbesitzer vor einigen Jahren eine 30 Kilometer lange elektrische Miniatuveisen- bahn durch seine Ländereien legen ließ, nicht zu Transportzwecken, sondern nur um allein oder mit einigen Gästen etliche Spazierfahrten durch sein Reich zu machen, so stehen die aufgewendeten Mittel gewiß in keinerlei Verhältnis zum Zweck. Da sein Erbe aber vermutlich eines Tages ohne weiteres den bestehenden Schienenweg zu Mirtschaftszwecken benutzen wird, ist das Geld wenigstens nicht gänzlich verloren. Das gleiche kann man dagegen nicht von dem unterseeischen Palast sagen, den ein Sohn des verstorbenen Newyorker Milliardärs Jay Gould sich in einem See in Adirondak bauen ließt Dieses Schloß aus Undinens Reich, welches aus dicksten, wasserdicht verkitteten Spiegelglasscheiben besteht, und durch einen Tunnel vom.Lande aus betreten wird, ist allerdings die feenhafteste und größte Taucherglocke, die jemals konstruiert worden ist, kostet aber auch die Kleinigkeit von 600 000 Dollar, wobei die sehr bedeutenden Unterhaltungskosten noch nicht mitgerechnet sind. Daß aber von einem Extrem zum anderen kein weiter Weg ist, hat vor kurzem der junge Cornelius Vanderbilt bewiesen, welcher vor ungefähr eurem Jahre von seinem Vater als entartetes Mitglied der Familie enterbt wurde, weil er den nach Ansicht seines Erzeugers unverantwortlichen Streich begangen hatte, der Neigung seines Herzens folgend, ein Mädchen zu heiraten, welches eine Bettlerin von nur vier Millionen Mark Vermögen war. Vom Vater auf ein unbedeutendes Pflichtteil gesetzt, welchem jedoch der generöse, jüngere Bruder beim Ableben des Alten die Kleinigkeit von drei Millionen Dollar gleich 13 Millionen Mark aus freier Entschließung zulegte, beschloß der in seinen Mitteln so beschränkte Mann sich durch eigene Kraft aus seiner proletarischen Armut in die Höhe zu arbeiten. Er studierte Maschinentechnik und erfand einen Lokomotivenkessel, durch dessen Verwertung der arme 16 fache Millionär hofft, sich nun wieder in die Reihe der Besitzenden emporschwingen zu können. Echt amerikanisch. ist dabei, daß der bedauernswerte Self-made-man sich im Arbeitskittel und Schurzfell an der Drehbank von seinen Bekannten besuchen und bewundern läßt, die natürlich nicht verfehlen, für den strebsamen, unterstützungsbedürftigen Mann tüchtig die Reklametrommel zu rühren. Man braucht nicht Gefahr zu laufen, in den Verdacht der Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie zu kommen, wenn man darauf hinweist, wie viel Elend gemildert, wie viel Thränen getrocknet werden könnten, wenn diese Herren Milliardäre von den Ausgaben, mit denen sie ihren spleenigen Ueberspanntheiten huldigen, für gemeinnützige Zwecke auch nur die Hälfte hergäben. Die Menschenverachtung, welche die meisten von ihnen auf Grund angeblicher schlechter Erfahrungen, wie Undank und dergleichen heucheln, ist doch nichts anderes als ein grenzenloser! Egoismus. Zu dem Bestreben von Staat und Gesellschaft, die klaffenden sozialen Gegensätze zu überbrücken, tragen diese Nabobs, die es so leicht thnn könnten, leider nichts ben Gemeinnütziges. K a l b s n n ß a n f e n g l i s ch e A r t: 6 Personen. Zubereitungszeit 1 Stunde. Aus einem Kalbsschlegel schneidet man die Nuß heraus, es ist dies das Fleischstück auf der inneren Seite desselben und läßt sich leicht auslosen. Dann befreit man das Fleisch von allen Häutchen und Sehnen und spickt es rund herum mit schmalen Spcck- streifchen, welche man vorher in Salz und Pfeffer umgewendet hat. Hieraus bestreut man noch das Fleisch nnt etwas Salz und brät es in reichlich Fett unter häufigem Begießen in ca. 30 Minuten schön braun. Beim Anrichten verfeinert man die entfettete, kurz gehaltene Sauce mtt 1/2 Theelöffel Maggi-Würze. A. u. R. Vermischtes. Geruch und Erinnerung. (Eine pietätvolle Gattin.) In einem Frauenasyl in Rostock hatte ein Beamter die Pflicht, zeitweilig die Räumlichkeiten zu besichtigen, und es war ihm schon mehrfach ausgefallen, daß in einem der Zimmer sehr starker Tabakgeruch zu verspüren war. Auf Befragen wurde ihm von der Insassin des. Zimmers in schüchterner, beklommener Weise mitgeterlt, daß ihr verstorbener Mann, an dem sie mit großer Lieb« gehangen, ihr so oft mit brennender Tabakpfeife schone, erinnerungsvolle Stunden geschaffen habe. Um nun fern Andenken in treuer und recht eindringlicher Werse sich zu erhalten, sehe sie sich veranlaßt, öfters losen Tabak in ihr heißes Ofenrohr zu schütten, damit der entstehende Dampf sie recht lebhaft an das entschwundene Erdengluck gemahne. __________ Logogriph. (Nachdruck verboten.) Mit 1 trägt es ein immergrünes Kleid, Auch Waffe war cs einst zur Ritterszeit. Mit 1 ist es als schöner Fluß bekannt, Mit b bemerkt man's an des Meeres Strand. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Pyramide in vor. Nr,r 0 0 B BOR BORN ROBEN BORNEO Redaktion: I. V.r R. Dittmanu. — Rotationsdruck und Verlag der Brü bl'scheu Universitäts-Buch« und Cteindruckerei (Pietsch Erbm) in Gießen.