Montag den 15. Dezember. Nr. 186. 1902. g 14 UWi U K W I (Nachdruck verboten.) Kinder des Ostens. Original-Roman von Georg Buß. (Fortsetzung.) In seinen Zügen prägte sich Ueberraschung aus. Er schüttelte abwehrend den Kopf und wollte antworten, aber bk. Schmerzen übermannten ihn; vor seinen Augen wurde es dunkel, und er lief; das Haupt sinken. Wenige Minuten später lag Boris Mitrofanowitsch auf einer Bahre; kräftige Hände trugen ihn zu einem Krankenwagen, der sich mit dem Bewußtlosen vorsichtig nach Jefim Godunows Hause in Bewegung setzte. Bor dem Theater spielten sich inmitten der VolkS- massen bewegte Szenen ab. Tie Kunde von dem Unglück hatte sich im Flnge durch die Stadt verbreitet. Wer Angehörige im Bazar hatte, stürzte in namenloser Angst herbei. Auch Jefim war in seinem Schlitten herbeigerast. Wortlos zog er seine Kinder aus dem Gedränge. Erst als er mit ihnen davonfuhr, vermochte er ein „Gott sei Tank" hervorzustoßen. Sie sausten an dem langsam dahinfahrenden Krankenwagen vorüber; Tatiana wies mit der Hand auf ihn. „Ter Wagen fährt zu uns", rief sie aufgeregt. „Boris Mitrofanowitsch Lyschnin, unser. Retter, der schwere Brandwunden davongetvagen hat, wird in unser Haus gebracht!" ,^Lyschnin, der Rheder aus Odessa?" fragte Jefim mechanisch, denn von der Angst über die Gefahr, in der seine Töchter geschwebt, war er noch halb betäubt. „Ja, eben der, von dem Sie uns jüngst erzählt haben. Sie haben Recht, Papa, — er ist ein ganzer Mann! Er allein behielt den KVpf oben, während die übrige Gesellschaft wie feige Hasen davon lief." Als Jefim schwieg, fuhr sie lauter und eindringlicher fort: ,Hören Sie, Papa? Ich Habe angeordnet, daß Lyschnin zu uns gebracht wird, da er in Kiew kein Heim besitzt und ihm die ganze Kajüte eines Tampfers unter den gegenwärtigen Umstünden keine geeignete Unterkunft Mietet." „Er soll zu uns gebracht werden?" fragte Jefim, als begriffe er erst jetzt, um was es sich handelte. „Ja, Papa! Ihn aufzunehmen, ihn, der für uns sein Leben gewagt und Schmerzen leidet, ist doch Christenpflicht!" Ihre Stimme vibrierte in Begeisterung, und über rhr Gesicht stog ein freudiger Schimmer. „Aber Kind", kam es mit sanftem Borwurfe von JesimZ Lippen, „ich begreife nicht Seine Unklugheit. Einen Schwerkranken ins Haus zu nehmen, kann niemand verlangen. Gewiß verpflichtet uns seine That, falls sie sich so verhält, wie Tu erzählst, zu tiefem Danke, aber uns den größten Unbequemlichkeiten und sogar dem Gerede der Leute auszusetzen, geht nicht an. Unmöglich! Er muß in die Klinik!" Und Jefim Godunow hieß den Kutscher halten, um den herankommenden Krankenwagen abzuwarten. „Vater", entfuhr es Tatiana in einem Tone, der Zweifel und Schmerz zu erkennen gab, „das kann nicht Ihr Ernst sein!" „Gewiß ist es mein Ernst", lautete die kühle Antwort. „In solchen Fällen entscheiden nicht romanhafte Ideen, sondern die praktische Vernunft. In der Klimt wird es Lyschnin hundertmal besser, als in unserem Hause haben, denn ihre großartigen Einrichtungen ermöglichen eine Behandlung und Pflege, wie wir sie gar nicht bieten können. Ich bin überzeugt, er wird uns noch danken, daß wir ihn dorthin gebracht haben." Sie sprach kein Wort mehr. Ihre Augen, ints denen langsam schwere Thränen rollten, sahen den Vater groß und kalt an, und ihr Herz errichtete zwischen ihr und ihm eine Scheidewand. Als der Krankenwagen in Sicht kam und Jefim zum Schlitten hinaussprang, um Anweisung zu geben, den Verletzten zur Klinik zu fahren, wäre fie dem Vater am Liebsten nachgestürzt und abwehrend entgegengetreten. Aber ihr blieb nur übrig, den Mann, der sich so edelmütig, that- kräftig und entschlossen erwiesen, in der Stille des Herzens tausendmal um Verzechung zu bitten. Sie sah, wie der Wagen wendete. Ihr dünkte in diesem Augenblick, daß sie jemanden, der kraftvoll M schützen und zu schirmen vermochte, für immer verloren habe. Ein tiefes Leid erfaßte sie, aber als der Vater zurückgekehrt war, schüttelte sie in wieder erwachender Energie alle weichen Regungen ab, und aus ihrem Blick drang ein Strahl so verdammend, daß Jefim die Augen nieder- schlug und schwieg. Gleichgrltig und apathisch ließ sie zu Hause die Freudenergüsse der Mutter über sich ergehen, und erleichtert atmete sie erst auf, als sie sich in ihrem Zimmer befand und ihren Gedanken ungestört nachzu- gehen vermochte. Also solcher Art war ihr Vater! Nackter Egoismus war die Triebfeder seines Handelns, und die Regungen der Dankbarkeit waren ihm ftemd. Das war der Vater, der ihr vor wenigen Tagen zugerufen hatte, daß wirklicher Fortschritt nur sei, wenn die Menschen immer mehr das Gebot der Schrift beachten: „Siebet euch untereinander." Was sein Mnud gesprochen, straften feine, Handlungen Lüge. Alle jene schi-neu Gedanken von Nächstenliebe, von der gegenseitigen Hilfe in den Kämpfen und Nöten des Lebens, von dem Zusammengehen der Menschen zur gegenseitigen Förderung, an denen sie sich so gern erbaut hatte, zerrannen ihr in ein graues, trübes Nichts. Sie hatte sonst immer lindernde Thränen gehabt, aber jetzt waren sie versiegt. Tüster blickte sie in die Flamme der Lampe, von deren Schirm die lustigen Amoretten wie 742 zum Hohn freudig herablächelten. Freude! In dem kalten, einsamen Elternhause hatte sie Freude nie erlebt, denn was fett ihrer Jugend in ihm geherrscht, war die Sucht nach dem Rubel, unter der alle anderen Regungen erstickt Waren. Fort von hier, nur fort von hier, das war der Gedanke, der bestrickend uckd lockend in ihr austauchte. Aber wohin? Nach Moskau? Zu ihrem Timitry? Ob er sie freundlich empfangen würde, sie, die Heimatlose, die ihm nichts als den Fluch der Eltern bieten konnte? „Wenn ich ein Mann wäre, wre wollte ich arbeiten", seufzte sie. Aber auch eine große Anzahl Frauen suchten und fanden in der Arbeit eine ehrenhafte und befriedigende Existenz. — Freilich, diese hatten etwas gelernt. Und was hatte sie gelernt? Gar nichts! mußte sie sich wahrheitsgemäß gestehen. Wie recht hatte Boris Mitrofanowitsch gehabt, als er jüngst das mangelhafte Wissen der jungen Tarnen beklagte. Das Versäumte nachzuholen, jetzt, in ihrem Mter, ging doch kaum an. Als sie das Buch über Elektrotechnik gelesen, war khr eist llar geworden, lvas exaktes Wissen heißt, hatte sie erst so recht empfunden, wie weit sie zurück war, und wie sie fremd einem Gebiete gegenüberstand, das jetzt weltbewegend geworden war. Wie auf diesem Gebiete, so war sie eine Fremde auf allen anderen. Stütze der Hausfrau, Gesellschafterin, zur Not Gouvernante bei Heinen Kindern, andere Stellungen wink- te*n ihr nicht. Und doch dünkte ihr eine solche bescheidene Thättgkeit hundertmal begehrenswerter als das goldene ©Habenleben im elterlichen Hause. „Ja, nur fort, möglichst weit fort", flüsterte sie. Ihr Mick richtete sich sinnend auf den Heinen, zierlichen Schrank, der ihr Geschmeide barg. Slls aus dem Nebenzimmer die Stimme der Schwester mahnte, das Lager aufzusuchen, fuhr Tattana empor und löschte seufzend die Lampe. 7. Timitry Kalussoff befand sich feit mehreren Wochen wieder in Moskau. Zwischen ihm und seinem Bruder Jury hatten nach der Rückkehr von Kiew häßliche Nus- einandersetzungen stattgefunden, deren Ergebnis war, daß jeder bett andern mied. Die Möglichkeit, ohne Vorwissen des Bruders nach Belieben Eingriffe in den Warenbestand zu machen, war Dimitry vollständig genommen. _ Nichtsdestoweniger blieb die Lage des Geschäfts eine verzweifelte. Jury mußte sich gestehen, daß der Zusammenbruch, oa auf Hilfe nicht mehr zu rechnen war, am Tage der Regulierungen Mr Messe in Nischni unbedingt erfolgen mußte; seine ganze Sorge war jetzt darauf gerichtet, aus dem Schiffbruch so viel als möglich für seine Familie zu retten. Jrgenöwelch-e Benachteiligung der Interessen Ti- mitrhs hatte er sich nach allem, was vorhergegangen war, nicht vorzuwerfen, vielmehr betrachtete er die Beute, die er dem sinkenden Schiff entriß, als rechtmäßigen Entgelt Iür die bedeutenden Opfer, die ihm aus dem Leichtsinn ,es Bruders schon seit Jahren erwachsen waren. Ganz im Gegensätze zu Jury gab sich Timitry wieder rosigen Hoffnungen hin. Wenn er so elegant und vornehm in seinem kostbaren Pelz hoch erhobenen Hauptes über die Twerskaja, die Hauptstraße Moskaus, dahin schritt, um im Klub §u speisen und lebhafte Unterhaltungen zu führen, oder wenn er im Theater von der Fremdenloge aus die Sterne des Ballets musterte und später noch nach Strelna hinausfuhr, um sich bis zum frühen Morgen an den wilden Tänzen und Gesängen der Zigeunerinnen zu erbauen, dann konnte er sich nicht vorstellen, daß dieses Leben einmal ein Ende nehmen müsse. „Pah, das Glück verläßt mich nicht, und die Chaneen sind noch nicht so ungünsttg", tröstete er sich bei etwa austauchenden Gedanken an die Unabwendbarkeit der Katastrophe. Zu den Chaneen rechnete er noch immer den Akkumulator Popows und die Liebe Tatiana Godunows. Auch vergaß er nicht eine andere Chance, der er früher nur eine geringe Bedeutung beigemessen hatte, jene, die sich ihm un Spielsaale des Klubs bot. Es erging ihm, wie so vielen Senters, die ein Jongleur-Dasein führen: er begann, den Verdienst bei den Kurten zu suchen. — Im Klub war ein großer Abend, denn der Fürst Trojanow, eine Koryphäe der Spieler- und Sportsiwelt, hatte sein Erscheinen angesagt. Die meisten Mitglieder des Hlubs waren zur Stelle, um an dem Spiel aktiven Anteil zu nehmen. Auch Timitry Kalussoff fehlte nicht. obwohl seine Barschaft erheblich zuscrmmengeschmolzen war. Ter Spieleifer, die Leidenschaft, die Sucht, zu gewinnen, leuchtete unheimlich aus allen Gesichtern und verzerrte manche von ihnen zu Grimassen. In fieberhafter Spannung harrte man der jedesmaligen Entscheidung. Unheimliche Sttlle herrschte, kaum daß ein Wort gesprochen wurde, und unhörbar schritt der vertraute Tiener über den dicken, schwellenden Teppich. Nur zuweilen ließ sich ein unwilliger Ausruf, ein Zischen der Erregung oder ein leiser Ruf der Ueberraschung vernehmen. Es wurde Baccarat gespielt. Lanin und der Fürst hatten auf allgemeines Verlangen die Bank übernommen. Timitry Kalussoff fröstelte, trotz der behaglichen Wärme, die in dem eleganten Raum herrschte, denn das Glück, das ihm anfänglich so hold gewesen war, schien ihn völlig, zu verlassen. Wütend knirschte er mit den Zähnen, und seine Hände befiel ein krampfhaftes Zittern. Schlag auf Schlag hatte er von dem Gewinn, der sich zu Anfang bei ihm angefammelt hatte, verloren. Und schon graute in den Saal durch die Spalten der Vorhänge der Morgen — eine stille Mahnung, das Spiel abziubrechen und heimwärts zu gehen. Gerade standen in der Bank mehr als fünfz>ehntausend Rubel. Glühenden Auges blickte er nach den beiden Bankhaltern hin, deren Kaltblütigkeit schon längst dem Fieber der Aufregung gewichen war. Ta — was war das?! Er sah, wie der Fürst sich vorbeugte und in der Hitze des Gefechts die Karten zu früh aufdeckte. (Sin Zug des Triumphes flog über Kalussoffs Gesicht. „Sie haben mich der Möglichkeit beraubt, eine Karte hinzuzukaufen!" rief er in die Stille hinein, dem Fürsten zu. Er hatte sechs und würde thatsüchlich nicht gekauft, also verloren haben, denn die Bankhalter hatten sieben. Eine Pause entstand. Jeder war gespannt, was folgen werde. „Verzeihen Sie", entgegnete höflich der Fürst, „es geschah ohne Ueberlegung, in der Erregung. Ihr Einspruch ist, wie ich leider gestehen muß, vollkommen begründet." „Und ich bestehe auf meinem Rocht", kam e s kalt und schneidend von Kalussoffs Lippen. „Ter Fehler ist gemacht, und unter ihm M leiden können Sie mir nicht zumuten." „Ten Pointeur zu benachteiligen, liegt mir durchaus fern", gab der Fürst in vornehmer Ruhe zurück, während sein Gesicht einen abweisenden Zug annahm, und ohne mit der Wimper zu zucken, schob er ihm die fünfzehn- tausend Rubel zu. Mit einem Glücksgcsühl, als wäre ihm die höchste Seligkett zu teil getvorden, zog Kalussoff das Geld an sich. Tas war ein sensationeller Fall. Tie Sttlle wich einer lauten Unterhaltung, man warf die Karten hin, debattierte mit leidenschaftlichem Eifer über das Geschehene, bezeichnete das Benehmen des Fürsten als außerordent- lilch fair und fand schließlich, nicht mehr die Ruhe, das Spiel fortzusetzen. Timitry Kalussoff verließ den Klub mit gehobenen Gefühlen. Ter Glaube an sein unwandelbares Glück hatte eine neue Kräftigung erfahren. „Man darf nicht verzagen und die Hände nicht in den Schoß legen", dachte er. „Keck und unverfroren seine Rechte wahren, sich nicht verblüffen lassen, immer den Kops hoch, halten, auch wenn einem das Messer an der Kehle sitzt, führt allein zum Ziel." Wie ein Feldherr, der eben eine Schlacht gewonnen hat und stolz den Erfolg genießt, schritt er dahin. Als ihm eine Bettlerin klagend die Hand entgegenstreckte, warf er ihr g roßmüttg einen Rubel zu, und als ihn ein alter Mann bittend ansah, reichte er ihm ohne Zaudern einen Trei-Rubelschein. Mitleidig schaute er aus die Männer und, Frauen, die schon in früher Morgenstunde zur Arbeit strömten. „Nun, sie sind es nicht besser gewöhnt", tröstete er sich. „Arbeit muß sein, das Getriebe darf nicht einrosten, und wer als Glied dieses Getriebes thättg ist, kann sich nur wohl fühlen, denn der Gedanke, beizutragen zu den Fortschritten der Kultur, ist geradezu beseligend." Als er in seiner Wohnung angelangt war, fand er bereits die Morgenzeitungen vor. Gähnend und sich bequem auf einen Tivan streckend, begann er zu lesen. Unstät „ -______ ... .. ,, _____________________________ „ , .— --— ------ »■.r«T»TWü» »,B’»r-xT.vjrTTTVTvrmrrthm6MIIHiSHHir — — 743 — flogen seine Augen über die Spalten, hier und da eine rnteressante Neuigkeit erhaschend und eine Pikanterie erspähend. Plötzlich prägte sich Ueberraschung in seinem Gesicht aus. Seine Züge wurden ernster, seine Stirn furchte sich, und über seine Lippen drangen Ausrufe der Mißbilligung und des Aergers. „Ta haben wir die Geschichte", rief er zornig, während er die Zeitung hinwarf. „Um ein Haar wäre das ganze Lager in Flammen ausgegangen. Solch ein Leichtsinn! In der Panik sind zahlreiche Unglücksfälle Vvrgekommen. Glücklicherweise ist in der Liste der Verunglückten und Verletzten ihr Name nicht genannt." Es durchrieselte ihn kalt, je mehr er über den Fall nachsann. Wie leicht hätte Tatiana der Katastrophe zum Opfer fallen können, und er wäre um eine Chance ärmer geworden — um seine Hauptchance in dem Kampfe um eine glänzende, sorgenlose, genußreiche Zukunft. Es erschien ihm geradezu lächerlich durch einen Bazar von dem Erreichen eines großen Zieles für immer abgedrängt zu werden. Sein Gesicht erhellte sich wieder, als er an seinen Gewinn dachte. Tie Fünfzehntausend kamen ihm trefflich zu statten und machten ihn mit einem Schlage zum Herrn der Situation. Tas Verhältnis zu Popow hatte sich infolge der Ergebnislosigkeit der Reise nach Kiew und der Unmöglichkeit, die dreißigtausend Rubel bis zum festgesetzten Termin zu beschaffen, sehr verschlechtert. Sogar Milica Popow zeigte, obwohl sie den kostbaren Zobel in Gnaden entgegengenommen hatte, einen Anflug unangenehmer Kühle. Zwar war sein fester Wille gewesen, weitere Huldigungen zu unterlassen, aber in dem Wesen der schönen Pianistin lag doch ein prickelnder Reiz, der ihn unwiderstehlich fesselte und alle guten Vorsätze zum Wanken brachte. War sie abweisend gegen ihn, so fühlte er sich geärgert, verletzt, unzufrieden, und hielt er sich vor, daß ihm ihre Launen gleichgiltig sein könnten, da sein Herz doch Tatiana gehören müsse, so tröstete er sich über alle Gewissensbedenken mit der Versicherung hinweg, daß er ihr nur aus geschäftlichen Rücksichten in Bewunderung nahe und lediglich beabsichtige, ihren Bruder bei guter Stimnnmg zu erhalten. „Tatiana kann unbesorgt sein", beruhigte er sich „sie Wird in mir den besten und solidesten Ehemann der Welt finden. Aber vorläufig muß ich klug, sehr klug verfahren, und dazu gehört, die Gunst der schönen Milica nicht zu verscherzen. Nichtig bedacht, ist auch nichts dabei, wenn ich vom gewöhnlichen Wege der Philister abweiche, denn die Freiheit des Individuums darf durch das Schablonisieren der Liebe nicht beschränkt werden." Wohlgefällig schmunzelnd, strich er die Asche von seiner Papyvos. Er gähnte wieder und schaute träumerisch in die Rauchwolken. „Was die schöne Milica für Augen machen und wie Popow strahlen wird, wenn ich mit den sünszehutausend Rubel heranrücke! Es ist ein Glück, daß wenigstens die Hälfte des Mammons vorhanden ist, um endlich! mit der Ausbeutung des Akkumulators beginnen zu können." — Nachdem Timitry Kalussoff einige Stunden geschlafen und alsdann sorgfältig Toilette gemacht hatte, setzte er sich beim brodelnden Ssamovar vergnügt in seinen Arbells- sessel und schrieb an Tatiana Godunow einen Bries, in dem er unter der Versicherung unwandelbarer Liebe und höchster Sorge um sofortige Auskunft über ihr Befinden bat. Tief ergriffen von dem furchtbaren Unglück müsse er darauf bestehen, daß sie in Zukunft solchen Veranstaltungen fernblerbe, sowohl in Rücksicht auf sich, als auch auf ihn, ihren zukünftigen Gatten. Aufmerksam las er, während ein Lächeln der Beftiedi- gung seinen Mund umspielte, das Geschriebene durch, besonders eindringliche Stellen sorgsam unterstreichend. Elastisch erhob er sich, um seine Wohnung zu verlassen. — Ter Avril zeigte sich von der launenhaftesten Sefte: an Stelle des milden, hoffnungsreichen Frühlingswetters, unter dem die dichte Schneedecke zu schmelzeri begann und das Eis der Ströme bereits gebrochen war, hatte er wieder Frost und wildes. Flockengewirbel gesandt. Tie alle Zarenstadt schien sich in ein Gewand von schimmernder weißer Seide gekleidet zu haben, zu dein die mächtigenKnäufe und griechischen Kreuze der originell geformten Kuppeln »nd Türme der Kirchen einen reichen, prächtigen Gold- schmuck bildeten. Es war ein Gemälde von bezaubernder Schönheit, zumal um die Mittagszeit, da die siegreich durch die grauen Wolken brechenden Strahlen der Sonne zuckende, flammende Aureolen um die Kreuze zauberten und die I Schneekrystalle wie Brillanten vom reinsten Wasser leuchten und funkeln ließen. Auf der Twersja hatte sich ein Schlittenkorso entwickelt, in dem sich die feurigen, edlen Gespanne und die kostbaren Pelze in langer Folge an einander reihten. Sausend fuhr eine Troika nach der anderen unter dem Peitschenknall der langbärtigen Kutscher dahin, während von der Tuga die harmonisch gestimmten Geläute lustig in die Weite drangen. Langsam über den reinen, knirschenden Schnee schreitend, ließ Timitry Kalussoff seine Blicke vergnügt über das wechselvolle Getriebe schweifen. Mit graziöser Handbewegung und unter höflichem Lächeln winkte er zuweilen einen Gruß nach vorüber fahr end en Bekannten hinüber, und wie ein echter Sportman, der sich I für Rassepferde begeistert, blieb er wiederholt stehen, um mit Kennermiene ein besonders auffallendes Gespann zu mustern. Während einiger Sekunden überlegend in dis Sonne blinzelnd, schien ihm ein großer Entschluß gekommen zu sein, denn er trat in einen Blumenladen und wählte ein duftendes Arrangement von Rosen, Flieder und Orchideen aus, mit dem Auftrage, es sofort Mademoiselle Milica Popow in der Lubjanka zu überbringen. Sich selbst eine kleine Blüte in das Knopfloch des Rockes steckend, trat er wieder ins Freie, in der Absicht, zunächst im Sslaw- jansky Basar das Frühstück einzunehmen und alsdann zu Popows hinaufzugehen. Als er eben die Dwerskaja verlassen wollte, sah er, daß Glinkas Gespann heranbrauste. „Famose Pferde", murmelte er bewundernd, und behaglich blieb er stehen, um Glinka mit der Hand einen Gruß zu senden. Als der Schlitten näher gekommen war, bemerkte er, daß in ihm kein Herr, sondern eine Dame saß. Er beugte den Kopf vor, um besser sehen zu können. „Milica Popow", rief er überrascht. Auch sie hatte ihn erblickt und mit freundlichem Neigen des Hauptes und lächelnder Miene seinen Gruß erwidert. Wütend und mit einer Verwünschung auf den Lippen schaute er dem schnell dahinjagenden Gespann nach!; das bald seinen Augen entschwunden war. „In seinem Schlitten und in meinem Zobel", grollte er, während er weiter schritt. „Sie erweist sich sehr talentvoll und von überraschender Wandlungsfähigkeit. Vor wenigen Wochen war ich so einfältig, Glinka bei ihnen einzuführen, und heute benutzt sie schon seine Troika." Tas Frühstück im Sslawjansky Basar wollte ihm durchaus nicht schmecken und der K'ellner, der ihn bediente, brachte ihn in Zorn. „Wenn die Geschichte mll dem Akkumulator nicht wäre", dachte er, „würde ich der ganzen Gesellschaft den Laufpaß geben. Sich mit ihnen einzulassen, erfordert dis äußerste Vorsicht, und nur u iter diesem Gesichtspunkte werde ich das Geschäft mit Popow zum Abschluß bringen." Und doch fühlte er, daß der Gleichmut, den er anzunehmen versuchte, kein wirklicher, sondern nur ein gekünstelter war. Es peinigte ihn, daß er, Timitty Kalussoff, einer der Chefs des Großhauses „Gebrüder Kalussoff", vor Glinka die Segel streichen sollte. Und mit dem Ehrgeiz, den Namen des Unwiderstehlichen beizubehalten, paarte sich auch die Eifersucht. Ganz leise hatte sie ihn umkrallt, wiewohl er sich ihrer spottend zu erwehren suchte. Seine Leidenschaft für Milica war doch stärker, als er geglaubt hatte, und nicht mehr zu bekämpfen. Er fand Ilja Popow in übler Laune, die sich aber sofort Härte, als er von dem Zweck seines Kommens sprach. „Es war die höchste Zeit", rief der Erfinder hoch erfreut, „denn sonst, lieber Timitry Akimowitsch hätte ich zu meinem Bedauern einen anderen Geldmann heranziehen müssen. Für die Verwertung guter Patente findet sich! ja auch mit Leichtigkeit ein Kapitalist, der die erforderlichen Rubel hergiebt. Erfreulicherweise kann ich eine günstige Mitteilung machen: das Patent auf den Akkumulator ist soeben eingetroffen. Unserer Verabredung, 744 gemäß ist es auf Ihren nud meinen Namen ausgestellt. Jptcr ift cs t,z Wit wichtiger Miene überreichte er Kalussofs das Dokument, das dieser begierig ergriff und las. „In einigen Wochen", fuhr Popow fort, „wird die Patenterteilung von Amtswegen veröffentlicht werden; bis dahin müssen unsere Arbeiten kräftig gefördert sein. Tie paar tausend Rubel, die Sie bereits vor Monaten hergegeben haben, sind natürlich für Zeichnungen, Abfassung der textlichen Erklärungen und Patentunkosten völlig verbraucht worden. Wie vereinbart, fallen die fünfzehntausend Rubel, die Sie fetzt einschießen, mir persönlich als Entgelt für die Erfindung zu, aber ich will sie, um der Sache zu dienen, teilweise zum Bau und zur Ausrüstung des Straßenbahnwagens verwenden, vorausgesetzt, daß Sie die Berpslich- tung übernehmen, die anderen Fünfzehntausend binnen vierzehn Tagen zu beschaffen." Timitrh Kalussofs überlegte eine Weile. „Bevor ich mich für den festgesetzten Termin binde", schützte er vor, halte ich es doch für notwendig, mich mit meinem Bruder zu verständigen. Aus diesem Grunde wäre mir eine Abschrift der Patenturkunde sehr erwünscht." (Fortsetzung folgt.) WeihnachtsbücheV. Kürschners Jahrbuch 1983. Kalender-, Werk- rind Nachschlagebuch für jedermann. Begründet von Geh. Hofrat Professor Josef Kürschner in Eiseliach. Hermann Hillger Verlag, Berlin, Eisenach Leipzig. — Wie in jedem Jahr hat sich auch in diesem Winter ein lieber Gast aus dem Büchermärkte eingestellt, der dem Publikum schon seit dem ersten Male seines Erscheinens lieb und wert geworden ist. Es ist dies das bekannte Jahrbuch Josef Kürschners, des trefflichen Organisators, der im Juli d. I. seinem reichen Wirken in so unerwarteter, fast möchte man sagen, tragischer Meise entrissen wurde. Das Buch, das noch die reichen Früchte seines Wissens und feiner schöpferischen Thatkraft ausweist, ist das letzte Werk, dem er den Stempel seines Geistes ausgeprägt. Ein Beweis dessen ist der getadezu überschwenglich reiche Inhalt, aus dem wir einzelne wichtige Themata ansühren möchten, wenn wir nicht fürchteten, ebenso bedeutsame Materien mit Stillschweigen übergehen zu müssen. Deshalb beschränken wir uns darauf, dieses echte Haus- und Familienbuch unserem Leserkrerse aufs Beste zu empfehlen. Vermißtes» Billiger Christbaumschmuck. Man suche im Walde Tannenzapfen, Föhrenzapfen, Birkenfrüchte, Eicheln, Buchnüsse (bezw. die gestielten Samenhüllen dieser Früchte), reinige sie von Schmutz und bestreiche die einen mit Firniß, damit sie braun glänzend sind, die anderen bronziere man. Bronze, die mit arabischem Gummi angerührt wird, ist in Droguerien erhältlich. — Mus farbigem Seidenpapier mache man „Netze"; man schneidet Quadrate (10 Zentimeter auf 10 Zentimeter), legt diese in die Hälfte, daun nochmals so, daß wieder ein Quadrat entsteht und nun zur Raute. Mit einer Schere schneide man je einmal von der einen, dann von der anderen Seite, V« Zentimeter entfernt, doch nicht durch, daß alles aneinander bleibt. Ist dies geschehen, öffnet man sorgfältig und hat etn netzartiges Körbchen. Von Silber- und Goldpapier macht man sogenannte „Salz- und Pfefferbüchsen", die sehr hübsch am Baum aussehen. — Wer ein bischen Phantasie hat, weiß gewiß noch manches Stückchen Gold- und Silberpapier zu Christbaumschmuck zu verwendeu. Auch die Papierketten sehen hübsch aus; all' die Dinge können von Kindern gemacht werden, und dann holt sie das Christkind, das froh ist, wenn ihm ein paar fleißige Hand- chen helfen. Die verkannte« Strümpfe. Ein heiteres Vorkommnis wird uns aus einem Wolga st er Geschäft gemeldet. Eine ältere Frau vom Lande betritt den Laden mit dem Ersuchen, ihr einige von den in der Zeitung empfohlenen Strümpfen zur Auswahl vorzulegen. Erstaunt blickt der Geschäftsinhaber die Frau an, da er keine Strümpfe führt und sich ihrer Anpreisung nicht bewußt ist. Die Frau belehrte ihn jedoch eines besseren, denn in der Zeitung stehe es groß und breit: „Glühstrümpfe empfiehlt usw.", uns oa sie immer an kalten Füßen leide, wolle sie es einmal mit dieser Art Fußbekleidung versuchen. Der Verkäufer versuchte, der Frau ihren Irrtum klar zu machen und an einer Lampe den Zweck des Glühstrumpfes zu erklären, aber da kam er schön an, denn in höchster Entrüstung machte sie ihrem Herzen Lust über die Zumutung, daß man so'n Ting „Strumpf" nennen solle, und verließ stolz den Laden. Die schlaue alte Frau. Eine alte Frau kam kürzlich in den Laden eines Optikers und ließ sich einige Brillen vorlegen. Sie wählte eine derselben und fragte nach dem Preise. „Fünf Mark", war die Antwort. „Und was kostet sie ohne Futterals ,Lch kann sie nicht unter 4.90 Mk. verkaufen", fagte der Optiker, der so viel wie möglich profitieren wollte. „Rechnen Sie denn nicht mehr als 10 Pfennig für das schöne Futteral?" fragte die Frau. „Nein", entgegnete der Geschäftsmann, „das Futteral ist nicht mehr wert als 10 Pfennig." „Tas ist ja wunderschön", sagte die alte Dame mit einem Seufzer der Erleichterung. „Ich wollte eigentlich nur ein Futteral für meine Brille kaufen, da ich das alte verloren habe." , Damit legte sie 10 Pfennig auf den Ladentisch und ging mit dem Futteral ihres Weges, bevor noch der bestürzte Optiker ein Wort der Erwiderung gefunden hatte., 1 ° T Ttt-Btts. Die neueste Rechtschreibung. Wir kriegen sie, wir haben sie Tie neueste Orthographie Per neunzehuhundertdrei! Vorbei ist, was so jämmerlich. Verworren und puttkämerlich! Tönt laut der Jubclschrei. Tie neu'ste wird uns geben. Wonach wir lang schon streben. — Im deutschen Reich herrscht weit und breit Bald in der Schreibart Einigkeit, Wie jeder leicht verspürt. Tie Logik wird nicht mehr verhöhnt; Tas dumme H, es ist verpönt, Hinausorthographiert, Und nur bei griechischen Worten Bleibt steh'n es hier und dorten. Man darf jetzt lieben voller Glut, Und in der Brust darf sich der Mut Frei regen in der Tat. Doch fall' in's Haus nte mit der Tür, Folg' in dem Tun, o glaube mir, Dem wohlgemeinten Rat. Niemals soll man riskieren. Was später kann genieren. Zwar bleibt das H vereinzelt stehch Wie bei der Muhme wir es seh'«- Doch das hat guten Grund! Wer über so 'was räsoniert, Ter hat die Sache nicht kapiert Und halte hübsch den Mund, Tank' still den Schriftgelehrten, Daß sie uns das bescherten. Wenn auch nicht ganz die Konsequenz Schon durchgeführt in Permanenz». Bin ich. doch seelenfroh, , Daß K und Z jetzt dominiert * Und das C man degradiert. Das find' ich comme ii taut. Ter Rechtschreibung, der neuen. Will ich ein Vivat weihen! M- Z a h l e n r ä t s e l. 6 6 6 9 5 6 Dir sechs senkrechten Reihen ergeben Wörter vor, salzender Bedeutung. 1, Singst,mme; 2. alte Stadt; 3. griechische ®6ttin; 4. Vogel; t>. Ü>n.n - bafter Fisch; 6. Körperteil. Die mittelste wagerechte Selbe «8’™ CH™ mstmUlchen Vornamen. (Auflösung in nächst« Ruuun«-- Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verla, der Brübl'scheu UniversttötS-Buch- und Eteiudruckerei iPietsch Erbew in Wietzen.