Ssmsiag den 15. November. e/b 1902. — Nr. 170. ii hi uKO mtllbMST'F*' KfjW MW WMßM fi iwisS er UM! wJ (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H, Revel, (Fortsetzung.) ,L; ifT-J LJIJ l,Wer hat Dir den Namen Kontroll-Otto gegeben?" Das Glas buchstabierte „Wellmer". „Weshalb denn?" „Weil er ein Zigeuner ist." Tas Paar lachte ans. Fran Paula fragte nach dem eigentlichen Namen. „Moritz Otto." Ob er der Geist eines Verstorbenen? „Ja." Wann er gestorben? ,1245." Wo? „In Ulm." Was er bei Lebzeiten gewesen? „Klarinettist." „Wenn das wahr ist, so blas uns etwas vor!" rief Frau Paula übermütig. Tas Glas setzte sich langsam in Bewegung, schlug Kreise, schneller und schneller, sie vermochten beide kaum die Finger *) Wir entnehmen diese spannende Skizze Viktor Blüth- gens seinem kürzlich im Verlage von Hermann Seemann Nachfolger zu Leipzig erschienenen neuen Roman „Tie Spiritisten" (Preis brosch. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—). Jedermann, der sich auf eine unterhaltende Weise über das Thema des heutigen Spiritismus orientieren will, sei dieser Roman als Lektüre bestens empfohlen. Außer seinem sensationellen Inhalt eignet ihm auch noch eine Mischung von köstlichem Humor und herzwarmem Ernst, wie wir sie bei Viktor Blüthgens früheren Werken schätzen gelernt haben. auf dem Mafe festzuhälten. Dabei entstand ein quietschendes Geräusch, das sich zu einem ohrenzerreißenden Kreischen verstärkte. Ter Professor lachte: „Nun, das scheint ja ein vergnügter Herr zu sein. — Warst Tu verheiratet?" Tas Glas beruhigte sich plötzlich und ging auf nein. „Aber Tu hattest sicher eine Liebste. Wie hieß die?" „Katharina." ,/Bist Tu eines natürlichen Todes gestorben?" „Nein." "Auf welche Art denn?" Tas Glas rutschte ohne Ergebnis hin und her. „Nun, gieb uns doch Auskunft!" Plötzlich stand das Glas und fuhr stracks in die Ecke, wo geschrieben stand: Ich will nicht. Ter Professor nahm die Finger vom Glase. „Paula, Tu drückst doch auf das Glas." Sie sagte: „Nein, wahrhaftig nicht, ich habe keine Ahnung von dem, was kommt. Ich meinte schon. Tu stäkest dahinter. Wir wollen ganz ehrliches Spiel spielen, Felix, gieb mir Tein Wort darauf!" „Gewiß! Diese Sache fängt doch an, mich zu interessieren. Sie ergiebt zum mindesten ein psychologisch- physiologisches Rätsel. Fragen wir den Herrn weiter." „Nein, er soll uns selber etwas sagen." Sie legten wieder die Finger auf. „Mein Kleid hat ein Loch", sagte das Glas. ^Jch trinke noch eins." „Was trinfft Tu denn am liebsten?" „Rotwein durch Euch." „Dann bekommst Tu wohl auch einen Schwips, wenn wir einen bekommen?" ,,^a. „Sage noch etwas." Ein längeres Herumfahren, dann plötzlich: „Gute Nacht." Tas Glas stand still, rührte sich trotz allen Wartens nicht mehr. t „ „Damit wären wir, scheint's, für heute abgefunden", meinte der Professor. „Nein, warte!" siel Frau Paula hastig em. „Ist noch ein anderer Geist hier??" Tas Glas begann sich langsam zu schieben, kreiste um „ja" und blieb endlich darauf stehen. Frau Paula übernahm das weitere Fragen. „Wie heißt Tu?" „Karl Timelmann." „Bist Tu ein Verstorbener?" „Ja" „Wann bist Tu geboren?" „1692, 21. Oktober." „Wo?" „Kalenberg." Tie beiden tauschten Blicke. „Kennst Tu den Ort?" fragte Frau Paula ihren Gatten. „Nein — mir dämmert aus der deutschen Litteraturgcschichte von einem Pfaff vom Kahlenberg mit h", antwortete der. „Was warst Tu bei Lebzeiten?" „Falkoniere." „Was war Tein Vater?" „Hufschmitt." Ter Professor unterbrach: „Ter Herr scheint bei der älteren Orthographie zu bleiben. — Bei wem standest Tu als Falkoniere in Tienst?" „Bei Fürst Hugo Biwern." Hier sprang der Professor auf. „Das wird unheimlich. Biwern — das könnte Bevern sein, die alten Braunschweig. Bevern; laß mal, Schatz, ich will doch das Konversations- Lexikon vergleichen." Er ging hinaus. Frau Paula saß unbeweglich, im Banne eines heimlichen Grauens, allein vor dem wie lebendig gewordenen Glase, bis er zurückkehrte, mit zwei Lexikon- bänden in der Hand, die er auf den Tisch unter die Lampe legte. Sie erhob sich dann gleichfalls und sah gespannt, wie der Professor auffchlug. „Kalenberg, ehemaliges Fürstentum in der preußischen Provinz Hannover... es ist nach dem in der Gemeinde Schulenberg Belegenett Schloß, jetzt Domäne mit Amtsgericht, benannt. Kalenberg gehörte ursprünglich zum Her- zogtunr Braunschweig-Lüneburg . . . von dem Zweig Kulen- berg des welfischen Haufes Neu-Lüneburg stammt di« s~ 680 Dynastie kn Großbritannien Und die früher in Hannover regierende ab . . . Donnerwetter!" schloß der Professor unwillkürlich. „Tas ist ja verblüffend . . . nebenbei gesagt, Tiemel ist doch ein Nebenfluß der Weser..." „Siehst Tu!" rief sie triumphierend. „Jetzt schlag noch Bevern auf!" „Bevern, Flecken im braunschweigischen Kreise Holzminden . . . Braunschweig-Bevern, ein apauagierter Zweig der Wolfenbüttler Linie, der 1616 entstand. . . Ja, das ist doch nicht zu glauben. Hast Tll wirklich von diesen Dingen keine Ahnung gehabt, Paula?" „Nicht die allergeringste, nur Braunschweig-Bevern liegt mir von irgendwo in den Ohren." Er schlug die Bücher zu, that kopfschüttelnd und sichtlich erregt ein paar Schritte in die Stube hinein, kehrte um: „Ten Fall muß man sich eben überlegen", bemerkte er mit einer Stimme, als ärgere er sich. „K ...ate lieber und setze Tich noch einmal . . ." „Last mich aus, ich habe vorläufig genug davon." „Tann probiere ich's allein." Sie ging wieder zum Kamin, in dem das Feuer erloschen war, und legte die Finger auf das Glas. Es geriet sofort in Bewegung. Ter Professor kam jetzt herzu. „Bist Tu noch hier, Timelmann?" „^>a. „Kannst Tu in die Ferne sehen?" „Ja." „Weißt Tu, wo meine Mutter ist?" „In Wernigerode." „Was thut sie jetzt?" Sie zog die Uhr, diese zeigte auf 11.45. „Sie schläft." ; „Wo war sie wohl heute nachmittag?^ \ | [J i i_ „Bei Feuersteins." | .! p.F. i ' j „Tu meinst wohl bei Feuerleins?" Tas Glas wiederholte „Feuersteins", fuhr dann zögernd von einem Buchstaben des Alphabets zum andern und zeigte darauf wie mit raschem Entschlüsse die andere Namensform. „Was that sie dort?" „Krank." „Ist jemand bei Feuerleins krank?" „Frau Feuerlein." „Schwer?" „.oa. „Wird sie sterben?" „Nein." Feuerleins waren nahe Freunde ihrer Familie, und sie machte ein betroffenes Gesicht. „Jetzt schreibe ich aber auf der Stelle an meine Mutter, da werden wir ja hören, ob es stimmt", sagte sie. Während sie in ihr Boudoir ging, trug er kaltblütig das Glas fort in das Eßzimmer, und als er zurückkehrte, schraubte er die Lampe aus, worauf er sich in rhr Zimmer begab. Sie kritzelte noch. „Ich habe ausgelöscht, Schatz; ich denke, wir gehen jetzt schlafen", sagte er. „Ach?!" „Gieb mir Dein Wort darauf, Paula, daß Du nicht ohne mich mit diesem Glase spielen willst." In ihrem schönen, stolzen Gesicht flammte es rot auf, und sie richtete sich empor. Sie war eine so verwöhnte Frau. „Nein", sprach sie nach kurzem Besinnen. „Aber ich will Tir versprechen, mich im Zaum zu halten und die Sache nicht zu übertreiben." „Tu wirst Teine Nerven ruinieren." „Wenn ich das merke, so lasse ich's." Er biß sich auf die Lippen. „Grit, das genügt mir vorläufig." Weihnachtsbücher. „Aus Höhen und Tiefen", ein Jahrbuch für bas deutsche Haus, berausgegeben von Tr. Karl Kinzel, Professor, und Ernst Meinke, Regierungs- und Schulrat. Verlag von Martin Warneck, Berlin. Illustriert. Preis gebunden 4 Mark. In der bekannten geschmackvolken Ausstattung erscheint dieses Jahrbuch im sechsten Jahrgange. In vielen deutschen Familien hat es im Laufe der Jahre einen sicheren Platz, auf dem Weihnachtstische gefunden. Ter diesjährige, vielseitige und gediegene Inhalt ist ganz dazu angethan, ihm wieder neue Freunde zu erwerben. Ein sinniges Gedicht: Tie „Pilgerin" von Eleonore Fürstin Reuß bildet den Eingang zu einer Reihe von Erzählungen, Reiseschilderungen, interessanten Abhandlungen und kleineren Gedichten, von denen wir nennen r Heinrich Sohnreys Idyll: „Tie vier merkwür> digen Hofmeistergänse, ein Vorwerks-Idyll". Regierungsund Schulrat Meinkes Humoreske: „Ter Schulinspektor auf Reisen". Professor Tr. Karl Kinzel: „Reise- und Kunst-Erinnerungen aus Venedig". Ter Wert dieses Aufsatzes wird noch erhöht durch eine Reihe ganz vorq trefflicher Abbildungen venetianischer Kunstschätze. In einer zweiten, nicht minder interessanten und lebhaft geschilderten Reisebeschreibung führt Professor Tr. Friedrich Seiler (in Wernigerode am Harz) den Leser nach Griechenland. Noch eine Reisebeschreibung, aber nicht von klassischem Boden, sondern aus fernen Landen bringt Antonie Flex in Karlsruhe unter dem Titel: „Mein Heim in Indien". In drei Kapiteln: Tie Verlobung, die Hochzeitsreise, unter Zelten, wird Liebe, Leben und Arbeit einer Missionarsfrau poesievoll geschildert. — Besonders anziehend und mit feinem Humor sind die „Jugenderinnerungen" von Missionsdirektor D. K a r l B u ch n e r in Herrnhut geschrieben. Erzählungen enthält das Jahrbuch dieses Mal drei, von denen die beiden kleineren zuerst genannt seien r „Ohne Liebe", Erzählung von Sophie Kühn in Friedenau und „Sieg der Temut", Erzählung von M. E. W i l k i n s, bearbeitet von A. v. Schaeffer. Voll und ganz auf der Höhe des Jahrbuchs steht ine historische Erzählung von Job. Dose in Binz: Der letzte Prior von Marienehe. Der Schauplatz der Erzählung ist Rostock und Umgegend;. Wie die frei machende Gnade des Evangeliums den Klosterbann und den Gewissensbann auch in mecklenburgischen Landen gelöst hat, wird hier in der, vom Verfasser bekannten, hervorragenden Kunst der Darstellung geschildert. Ein recht zeitgemäßes Thema behandelt Professor Tr< Gotthold Boetticher in Berlin: „Ter Spiritismus; ein wissenschaftliches Problem". Auf Grund langjähriger,, eingehender und vielseitiger Studien verwirft er die Be-. hauptung des Geisterverkehrs; kennzeichnet die, den spiritistischen Sitzungen oft anhaftenden Schwindeleien, sieht aber in dem Spiritismus ein Problem, an dessen Lösung dis Wissenschaft zu arbeiten hat. Eine höchst lesenswerte, mancherlei Aufklärung gebende Abhandlung. In acht Briefen spricht Professor Tr. Bertling in Badersleben über „Tas Leiden in der Welt". Zuletzt redet Professor F. Vetter in Stuttgart in Form einer geistreichen Plauderei über „Bildung". Im ganzen genommen ist der Inhalt des Jahrbuches 1903 auch mit der kleinen Auswahl der eingestreuten Gedichte von Fritz Erdner, Fanny Stockhausen und Elisabeth Krockow Wohl geeignet, menschlicher Bildung zu dienen. Reichen geistigen Genuß, mancherlei Belehrung auf wichtigen Lebenö'gebieten und auch erquickende Fröhlichkeit wird es in den Herzen seiner Leser, erwecken. M. B. Bilderrätsel. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Telegraphenrätsels in vor. Nr.r Gedanken erzeugen Thaten. (Geier, Dante, Kern, Erz, Reue, Genthin, Mast, Wien.) Redaktion: Curt Plato.— Rotationsdruck und Derlag der Brübl'schen ÜniversttM-Buch- und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,