Rr. 153. 1902. V a kpiü (Nachdruck verboten.) Die Mper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revep (Fortsetzung.) Totenblass und ten ganzen Körper bebeW) starrte Franz seinen Freund an, ohne ein Wort Wer die Lippen zu bringen. — Tann sagte er: „UW sie ist es, die--" „Sie ist es, die mir die Erlaubnis Verschaffte, Dich heute zu sehen. — Ich! komme soeben von ihr. Sie dankt Dir für Deine Verschwiegenheit und Diskretion. Aber, wenn Tu wolltest, so ist sie bereit, alles zu sagen." „Reden, sichz kompromittieren, sich ins Unglück stürzen? — Niemals, — nie!" „Aber wenn es eben kein anderes Mittel gießt, Dich zu retten? — Wenn Tu andernfalls verloren bist?" „So werde ich verloren sein, — meinetwegen tausendmal verloren sein, r— Wer ich will nicht, daß sie spricht. — Ich lasse sie anflehen, sie soll nicht reden. — Ihr Zeugnis, ihre Aufopferung uW ihre Ergebenheit ivären übrigens! erfolglos und zwecklos. Ich würde behaupten, dass sie lügt, daß ich nicht mit ihr zusammen war, dass ich sie kaum kenne, daß sie mir ganz gleichgültig ist, ... Tu wirst ihr meine Worte wiederholen, nicht wahr? — Ach! Tu kennst sie ja, — Tu siehst sie! — Ist sie nicht herrlich schön? Nicht wahr, sie ist zum Anbeten und ist es doch wert, haß man sich für sie aufopfert?" Er sprach leise, aber warm und fieberhaft, und! er fuhr fort: „Wie? Sie ist von sich! selbst, aus eigenem Antriebe gekommen, es Dir zu gestehen? — Sie kannte Dich ja eigentlich, Ich habe ihr oft von Dir und Deiner Schwester gesprochen. — Ach, das ist schön, das ist edel, was sie da gethan hat! Aber nicht wahr, Tu wirst unser Geheimnis ewig für Dich bewahren? Mcht wahr? In ihrer Stellung, wenn man erführe--" „Tu denkst nur an sie", warf Georg ein, „und" denkst nicht an Dich." „An mich;? Was liegt an mir? Sie weiss, daß ich! unschuldig bin, — Deine Schwester und Tu, Ihr beide wißt es auch. — UW das genügt" , , / „Tas Gefängnis--" „Sieh mich an! Tu siebst, ich ertrage es sehr gilt. Du kannst ihr sagen, daß es mir vorzügliche geht, daß ich, nicht im mindesten niedergeschlagen bin, daß mein Geist niemals klarer, mein Herz niemals glücklicher gewesen ist," „Tas ist zuviel, Franz! — Du willst nicht einmal von ihr bedauert sein, — willst nicht einmal, daß sie Unter dem Gedanken leiben soll. Dich! unglücklich zu wissen." „Nein, weil ich eA nicht bin., Schuldige Mögen vielleicht sie „Mcht in Berlin? Wo denn?" „IM Elsass, in Straßburg." „>Jn Straßburg? Ich begreife nicht — & was! führt denn nach Straßburg?" „Sie beschäftigt sich mit Dir." leiden. Der Unschuldige im Gegenteil findet in den UN^ gerechten Prüfungen, die er erleidet, eine Art Wollust." „Besonders, wenn er sie durch ein Wort aufheben könnte." „Mag sein. Mer dieses Wort werde ich! Niemals! sprechen. Ich will auch nicht, daß sie es ausspricht, — und, wie gesagt, ich zähle auf Deine absolute !Verschwiegenheit.^ Plötzlich erinnerte er sich an etwas und fragtet „Weiß Deine Schwester von dem Schritt, den Du bei Mir versucht? Kennt sie ifjtt?" . i. „Ja. Ich habe keine Geheimnisse vor ihr." 1 „UW was sagt sie? Was denkt sie davon?" „Sie sieht in allem bloß Dich. Du gehst ihr Vor allen.! Ihre Liebe uW Freundschaft zu Dir besiegen und beharr«! scheu alle anderen Bedenken." „Sie hat unrecht. Sag ihr, dass sie Unrecht hat. — Ver«i lange von ihr, daß sie diesen Standpunkt aufgebe. — Ich würde sie schließlich selbst darum bitten. Könnte sie mich nicht einmal mit Dir besuchen? — Jetzt muß wohl meine! Jsolierhaft für alle Welt aufgehoben sein. Ich wäre so glücklich, sie zu sehen. — Wann wollt Ihr kommen?" „Sie ist augenblicklich nicht in Berlin." ; „Mit mir?" „Ja. Sie sucht jenes Individuum, das ihr als derjenige bezeichnet wurde, der der wirkliche Mörder der Frau von Sanden sein könnte." „Wirklich? — Ah! —> Ich wußte wohl, daß Ihr mich nicht ausgeben würdet, — daß auch nur verständige Liebe! den einzigen richtigen Weg einschlagen uW auch ein. bet stimmtes Vorgehen vorfchreiben werde. Ich kann die Verwendung meines Abends nicht angeben, — aber ich kann und muß den Schuldigen suchen, um zu sagen: „Mcht ich war es, sondern der!" Ich; dank' Euch, Meine Freunde, mich so verstanden zu haben. Was HWt Ihr denn für Anzeichen bei diesem fraglichen Menschen?" ~ „Er soll Dir in der Gestalt gewissermaßen ähnlich schen. — Auch ist sein Leumund ein äußerst schlechter. Er hat Frau von Sanden gerWezu verfolgt, Um ihr Geld zu erpressen." „Ganz etwas Neues. Ich! hatte niemals Kenntnis davon. Sie hat Mir niemals von solchen Verfolgungen! erzählt. — Hatte sie nähere Beziehungen zu diesem Ge- schöpf?" „Er ist einer ihrer VerMmdten." „UW wohnt in Straßburgs Ja" ' ^Tas stimmt schon nicht. Sie hatte keine Verwandten ist Straßburg, das hätte ich wissen müssen. — Bon wem habt Ihr denn stlle diese Nachrichtens 610 — hatte beinahe schon die Linden erreicht. Er sah aus seine Uhr, es war acht, — wenn er jetzt auch gewollt hätte, —< aber er wollte nicht — es war auch schon Ar spät, zu ihr zu gehen. Wo foMe er denn essen? Bei sich zu Zaus? Wozu? Bertha war ja verreist. Im Klub? Nein. Man würde mit ihm sprechen, und dann müßte er antworten. In diesem Augenblicke brauchte er Erholung, Stillschweigen, — er wollte allein sein mit sich selbst, — Und — mit ihr. Er ging gedankenlos die Friedrichsstraße hinab, trat bei Kempinski ein nnd setzte sich an den ersten besten Tisch. Wer da entsann er sich, daß in demselben Restaurant, ja vielleicht an demselben Tisch sein Franz so ost diniert hatte, — ja fast jeden Wend, bevor er sich an den geheimnisvollen Ort seiner Zusammenkünfte begab. Wie glück-, lich mußte er wohl gewesen sein bei dem Gedanken, die so heißersehnte Stunde schlüge ja so bald! Er aber, der sie nicht mehr Wiedersehen sollte, konnte nichts mehr essen. Er saß eben da vor dem Tisch, weil es gerade Essenszeit, weil er von seinem langen Weg ermüdet war und auch, weil er ihr sofort, unverzüglich, schreiben wollte. Er ließ sich Tinte, Feder und Papier bringen und grübelte nach. Was sollte er ihr schreiben! Daß er Sempach Bei guter Gesundheit, mit freiem Kopf und mutigen Herzens an- gerrosfen habe. Was denn? Durfte er es in einem Brüse wagen, den andern wichtigen Punkt zu berühren, , der Gräfin mitzuteilen, daß sie angefleht wurde zu schweigen und sich nicht zu kompromittieren? Und wenn nun meser Brief zufällig in die Hände des Grafen fiel? _ Schreibt man denn überhaupt solche Sachen?, Selbst ein Schul- punge würde eine solche Unvorsichtigkeit nicht begehen. Nein, er wird ihr also nicht schreiben. "Er durste ste Wer jedenfalls nicht in solcher Ungewißheit lassen. Sie wird gewiß unruhig und ve,orgt fern. Was hatte sie ihm beim gethan, welchen Fehlers hatte sie sich denn schuldig gemacht, um ihm solche. Nervosität zu verursachen, um sich ihr gegenüber so zu benehmen? „Nun, sei es denn! Ich werde heute abend noch einmal zu ihr gehen, aber nur für einen Augenblick, um ihr das Resultat meines Besuches initzuteilen. Wer das ist dann auch das letzte Mal!" Er verließ das Restaurant, nahm eme Droschke, fuhr nach Hause, seine Toilette etwas in Ordnung zu bringen, und ließ sich dann nach der Boßstraße fahren. 39. Kapitel. Es schlug eben zehn, als der Wagen vor dem Palais hielt. Es war die Stunde, zu der er einige Wochen früher seinen Besuch gemacht hatte. „Empfängt die Frau Gräfin?" fragte Georg. „Die Frau Gräfin wird den gnädigen Herr»» empfangen", erhielt er zur Antwort. Sie erwartete ihn also. Sie hatte jedenfalls ihre Befehle gegeben. Sie erwartete ihn beinahe immer. Mit dieser Frau war eine sonderbare Verwandlung vorgegangen. Sie kannte sich selbst nicht mehr und spöttelte selbst über ihre Anwandlungen von Liebe. War sie denn noch eine Frau, die im stände war, zu lieben? Hatte man ihr nicht durch ihre gewaltsam eingegangene Ehe mit einem gleichgiltigen Gatten die ganze Fähigkeit zu lieben genommen? Erstickt durch die äußeren Formen uno Verpflichtungen, hatte sie nach und nach verlernt, vor sich selbst ehrliche zu sein. Und doch lag unter dieser anscheinend unnahbaren, eisigen Außenhülle ein warmempfindendes Herz, das sich noch seinen einstigen Jugendtraum in jungfräulicher Reinheit erhalten hatte: den Traum, die Hoffnung, zu kleben. Nicht etwa, daß sie nach einer geliebten Persönlichkeit suchte, sie war eine viel zu korrekte 'Gattin, als daß sie jemals Mit Bewußtsein ihre Pflicht verletzt hätte. Auch, verkehrte sie einzig und allein in einer Welt, in der, jeder dem andern — mit wenig Modifikationen — glich, wie ein Ei dem andern. Infolge solcher Geringschätzung, eines solchen Mitleids mit dem männlichen Geschlecht, das einem Hochmut sehr gleich kam, wandelte sie stolz durch die Reihen jener Männer, die sich, im Spalier ausbiegend, vor ihr tief Verneigten, ohne auch nur einen Mick aus dieselben zu werfen. Was konnten ihr diese Herren neues sagen? „Bon Frau Von Sandens einstiger Kämmerjungser Minna. Meine Schwester hatte sie besucht." „Wer die erweist sich ja mir gegenüber als meine bitterste Gegnerin. Dieses Mädchen — ich weiß Nicht, aus welchem Grunde — hat gegen mich eine furchtbare Aussage gemacht. Sie hat sogar übertrieben und gelogen, wenn sie behauptet, ich hätte mit ihrer Herrin öfters Auftritte gehabt, ich hätte ihr gedroht — das ist alles nicht wahr. Dann der im Salon aufgefundene Hemdknopf! Sie weiß ganz gut, daß ich ihn schon seit längerer Zeit verloren hatte. Tenn ich hatte ihr noch den Auftrag gegeben, ihn zu suchen. Tas hat sie vor dem Untersuchungsrichter rund geleugnet. Diese Minna ist mir sehr verdächtig. IN der Einsamkeit des Kerkers habe ich mich sogar gefragt, ob — erinnere Deine Schwester daran! Sag ihr, daß sie ihre Zeit dort in Straßburg nutzlos verschwendet, und besuche mich dann wieder mit ihr. Mr alle drei wollen dann den Schuldigen suchen. Ich höre die Schritte des Auf- sehres. Man wird uns trennen. Nach ein letztes Wort: besuche die Gräfin, wiederhole ihr unser Gespräch und versichere sie meines unerschütterlichen, unwandelbaren Respekts." 38. Kapitel. . ,/2ch werde sie nicht mehr sehen, ich will sie nicht mehr sehen, — es ist aus!" Das waren die Worte und stoßweise hervorgebrach'ten Sätze, die Georg vor sich hinmurmelte, als er seinen unglücklichen Freund verlassen hatte. Tie Droschke, die vor dem Gefängnis auf ihn gewartet, schickte er weg und ging ausgeregt, fiebernd, voll quälender Unruhe die Straße entlang nach dem Wedding hinunter. Weshalb? Weil er vor seinem besten Freunde Scham und Verlegenheit empfand. Tie freundschaftlichen Morte, die ihm Franz gesagt hatte, die Worte des Tankes^ des unerschütterlichen Vertrauens Sempachs in seine Freundschaft hatten in ihm mächtiges Unbehagen hervorgerufen. Es war ihm, als verdiene er nicht so viel Vertrauen, so viel Hingabe. Als Franz, ohne von seiner Liebe zur Gräfin zu sprechen, doch, erraten ließ, wie tief diese Liebe war, da fühlte er sich ins Innerste erzittern. Er litt darunter, jals er sah, wie leicht Franz die Möglichkeit annahm, daß sie sich für ihn kompromittieren, daß sie sich für ihn ins Unglück stürzen wollte. Franz also glaubte an eine heiße, zu jedem Opfer bereite Liebe ihrerseits! Die Angst und Verwirrung, diese Scham und auch sein Schmerz darüber enthüllten ihm mit einem Schlage, was er sich seit langem schon nicht eingestehen wollte: er liebte das einzige Weib, das er nicht lieben durfte, er liebt« jene Frau, die sein einziger und bester Freund namenlos! siebte. Ter Mann, der bisher für alle Zärtlichkeiten unempfindlich gewesen war, — fühlte sich plötzlich getroffen und Vertvundet. Zuerst schien nur seine Einbildung gefesselt: ihr Verkehr hatte ja auch in einer sonderbaren Weise begonnen. Tann allmählich hatte sich sein Kopf erhitzt, feine Nerven gerieten in Aufregung, das Blut floß Vascher, und jetzt schlug sein Herz. Es schlug um so Hef- tiger, es erwachte um so glühender, als es bis dahin geschlafen hatte, als seine Schlaftrunkenheit, seine Apathie so lange Zeit gewährt hatten. Sie erwartete ihn jetzt. Sie hätte ihm noch, gesagt: -Kommen Sie wieder!" und er hatte es übernommen, ihr Nachrichten zu bringen. Gut denn, so wollte er sie schriftlich, in einem Briefe geben. Nein, jetzt, da er dieses entsetzliche Haus verlassen hatte, in dem nun sein Freund leiden und leben mußte, jetzt gerade wollte er sie nicht in ihrem prachtvollen Palais aufsuchen, sich im Atelier an ihre Seite setzen, sich an ihrem Anblick, ihrer Sttmme erquicken, indes der andere, der Gefangene von Moabit, von ihr getrennt, weit entfernt Mir und bloß seinen Erinnerungen leben dürfte. Und bei dem Gedanken an jene Erinnerungen, die jedenfalls von Franz in seiner Einsamkeit ununterbrochen wachgerufen wurden, fühlte sich Georg erbleichen. Er sah im Geist wieder das kleine Haus in der Peter Vischerstraße in Friedenau, die mit Läufern belegte Treppe, die in das Allerheiligste führte, in jenes mit Seide ausgefchlagene Zimmer. Tann wiederum sah er das Toilettezimmer, den Spiegelkasten und asies, was er enthielt: den Schlafrock, die Seide! Er ging immer vorwärts, immer schneller und 611 Jtnmer das fade Salongewäsch, niemals wirkliche Natürlichkeit, nie eine geistvolle, anregende Unterhaltung. Vielleicht war sie ja selbst mit schuld daran. Vielleicht wollte sie auch keinen von diesen auf seinen Gehalt prüfen. Sie floh vielleicht jede Gelegenheit, die ihr den Mann zuführen könnte, der ihrem Geist genügte — und ihrem Herzen. Doch wozu brauchte es des letzteren- War sie denn frei? Könnte, durfte sie denn diese Ehe lösen? Und doch, wie bei vielen Magyarinnen, lebte in ihr ein gewisser Fatalismus, der ihr sagte, sie würde noch einmäl lieben. Ta begegnete sie auf so wunderbare Weise diesem Rakenius. Sie hatte ihn nicht gesucht. Tas Schicksal hatte ihn ihre Wege kreuzen lassen. Einen Mann wie ihn hätte sie in ihren Kreisen wohl nie gefunden. Hier, in ihm fand sie Geist und Herz. Tas Mittel, ihren Namen zu erfahren, war ein so außergewöhnliches gewesen, daß er außergewöhnliche Eigenschaften zu besitze schien. Und wie viel Herz mußte ein Mensch besitzen, der solches für seinen Freund wagte! Welcher Opfer war solch ein Mann für die geliebte Frau fähig! Wenn sie ihn anfangs bloß empfangen hatte, um mit ihm die Mittel zur Befreiung Sempachs zu überlegen, so bangte sie doch vor den: Augenblick, da er nicht mehr kommen würde. Sie suchte immer wieder neue Wege, nm ihn zu einem Wiederkommen zu zwingen. Sollte dieser Lichtblick in ihrem äußerlichen, inhaltlosen Leben so rasch verschwinden? Sollte sie zu Höherem, zur Anregung für die Kunst, für das Große und Schöne bloß erweckt worden sein, um dann in eine um so trostlosere Einsamkeit und in abermaligen geistigen Schlaf zurückgeworfen zu werden? Er war ihr eine Notwendigkeit geworden. Bei ihm fand sie Wahrheit, Ehrlichkeit und Natürlichkeit; in ihm sih sie den ganzen, echten Mann, der sich aus eigener Kvaft emporgerungen, und nicht eine Salonpuppe, ein unfähiges Protektionskind. Sie selbst ahnte es ja gar nicht, tute sehr sie mit dem Feuer spielte, wie sehr sie ihn schon liebte, ohne sich bewußt geworden zu sein, daß sich das große Gefühl der Freundschaft bereits seit langem in wahre, innige Liebe verwandelt hatte. Anstatt ihn nach oben in das Melier zu geleiten, wurde er, wie an dein ersten Tage seines Besuches in den kleinen Salon des Erdgeschosses geführt. Toch wie sehr hatte sich die Herrin des Ortes verändert! Welcher Unterschied zwischen dem Empfang damals und dem heutigen! Kaum war die Thüre geschlossen, als sie ihm, der eben eingetreten war, von ihren: Platze aus beide .Hände entgegenstreckte. Er zauderte einen Augenblick, aus sie zuzugehen, seine Hände in die ihrigen zu legen. Doch plötzlich wider seinen gewaltsamen Willen, getrieben von einer unüberwindlichen Kraft, stürmte er auf sie zu. „Ich habe Sie schon vor dem Diner erwartet. Sie sind also recht lange dort geblieben? Aber wie bleich Sie sind! Ihre Hände zittern ja!" Er antwortete nicht, und sie strhr fort: „Ich verstehe Sie vollkommen. Ihn in diesem Kerker wiederzusehen, hat auf Sie großen und schmerzlichen Eindruck gemacht. Ich mußte ununterbrochen an Sie denken, seitdem Sie von hier weggegangen waren — und an ihn. Ich sah Euch im Geiste dort. Eitch alle beide. Ich habe mit Euch in Gedanken mitgelebt. Nun, also, wie haben Sie ihn gesunde::? Hat er Mut und Fassung?" „Ja, viel." „Glaubt er freigesprochen zu werden?" „Er weiß es nicht. Er sieht vollkommen klar, daß seine Lage eine sehr gefahrvolle ist, daß man gegen ihn ein furchtbares Beweisnraterial äüfgehäuft hat." „Hat er irgend eine Ahnung, einen Verdacht gegen jemand?" „Keinen ausgesprochenen. — Er sucht, er hofft. — Ich soll ihn wieder besuchen und mit ihm gemeinschaftlich nach forsch en." Er hatte 'sich dicht an ihre Seite gesetzt und blickte sie unverwandt an, wie Um sich ihr Bild fest einzußrägetr, ihre Züge genau in: Gedächtnis zu behalten, wenn er sie nicht mehr sehen sollte. , „Jetzt gehen wir zu einem änderen Punkte über", sprach sie nach einigen Augenblicken des Schweigens. „Will er, daß ich sprechet: soll?" „Nein", äntwortete Georg, „im Gegenteil, er flehr Sie an, zu schweigen." „Ich war dessen sicher. Ich habe niemals an seinem vollendeten Zartgefühl, an seiner vollkommenen Rechtlich- kert gezweifelt. — Er war wohl furchtbar überrascht, als Sie meinen Namen genannt und ihm gesagt haben, daß Sie mich kannten?" „Allerdings." „Er weiß also auch, wie Sie mich — — erraten und entdeckt habens" „Nein, ich hatte nicht den Mut, es ihm zu erzählen."! „Was also glaubt er denn?" „Er glaubt, daß Sie von selbst, aus eigenem Antriebe zu mir gekommen sind, um mir Ihr Geheimnis mitzu- ieilen und das Mittel anzugeben ihn zu retten." „Ah, Sie ließen ihn also das vermuten?" „Ja, ich that unrecht." „Sehr unrecht." „Weshalb? Meine Lüge machte ihn so glücklich." „Ja, für den Augenblick. Später wird er nur noch mehr darunter leiden." „Ich verstehe das nicht." „Ah! Sie verstehen auch gar nichts!" Sie war aufgestanden, und sagte, aufrecht vor ihm stehend, den Ellbogen aus den Kaminsitz gestützt, beiläufig in der Stellung, in der er sie gemalt hatte: „Was? Sie erkennen nicht den Fehler, den Sie begangen haben dadurch, daß Sie ihm die Wahrheit verheimlicht haben?" „Wo liegt da ein Fehler?" „Sie hätten ihm sagen müssen: Als ich vernahm, daß Tu Dich weigerst, die Verwendung Deines Abends an dem Tage des Mordes anzugeben, begriff ich, daß Tu zu schweiget: triftige Gründe haben mußtest, und daß es sich jedenfalls um den Ruf, um die Ehre einer Frau handelte. Dann also versuchte ich aus Ergebenheit und Liebe zu Dir zu crrraten, wer diese Frau sei, um sie zu bewegen, das auszusagen, was Du nicht sagen konntest, um Deine Unschuld zu beweisen, — ich suchte sie und fand. Sie, aber hat sich geweigert zu sprechen, sie wollte sich nicht bloßstellen. Ihr Ruf war ihr teurer, als Deine Freiheit und Deine Ehre. Sie aber sagte zu mir: Gehen Sie ihn besuchen, fragen Sie ihn, ob er will, daß ich zu seines Gunsten zeuge, daß ich dem Gerichte unser Geheimnis enthüllte, — und sollte er antworten: Ja, sie sott sprechen! — nun, dann werde ich es mir erst überleget:." (Fortsetzung folgt.) Fruchtstück*) von Johannes Schlaf. (Nachdruck verboten.) Tie Obsternte ist beendet, und wir sind nun heute schon den ganzen Tag im Wohnzimmer beim Obstsortteren. Das Wohnzimmer, das mit vier Fenstern und einer Verattdathür nach dem Hausgarten hinausliegt, ist gewiß ein großer Raum: aber man kann sich heute kaum drehen und wenden; denn wir haben eine sehr gesegnete Ernte gehabt. Alle Waschkörbe, Kiepen, Körbe und sonstige Gefäße, die im Hause aufzutreiben waren, und sich halbwegs eigneten, stehen vollgehäuft umher. Auf Stühlen, Tischen, Kommode, Anrichte, Fensterbrettern, auf dem Spiegelkonsol liegt Obst. Der Eßtisch! ist von beiden Seiten aufgezogen^ und seine geräumige Platte zeigt kaum ein leeres Fleckchen. Ta sind Bir::en und Aepfel in allen Größen, Formen und Farben. Da giebt es Haufen von Nüssen, die aus ihren grünet: Außenhüllen zu schälen sind. Die Hände der Kinder^ die dieses Werk mit Vergnügen übernonnnen haben, sind schon ganz gelbbraun und nehmen sich aus, als hätten sie Handschuhe an, denn die dicken, grünet: Schalen färben. Eilte wahre Pracht aber ist es, auf dem Tische zwischen den schönen Blättern den Berg der Weintrauben zu sehen! — Durch die Fenster und die Glasscheiben der Veranda- thür dringen die Hellen Sonnenstrahlen ins Zimnter und *) Mit Genehmigung des Verlags Herrn. Seemann Nachs. dem neuesten Novellenbande von Johannes Schlaf, „Der Narr und Anderes" (Preis Mk. 2,50) entnommen. Das hübsch ausgestattete Buch enthält noch weitere elf Novellen, welche den bekannten Dichter von neuem als einen der ersten Meister moderner Erzählungskunst zeigen. 612 3-5 3-8 4—8 6—9 9—12 Stand 9—1 weiblicher Vorname. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Gleichung in vor. Nr.r Oktober, (a Oktav«, b Ave, c Ob, d tgtbt) Kirchensest Himmelskörper weiblicher Vorname 8—12 kleines Werkzeug auf seinen! Tigerwagen und zog- vvm rasenden Gefolge der Korybanten umschwärmt, durch Alt Hellas Gaue. Und der wilde, jauchzende, zerstörerische Wahnsinn und Ueber- ickiwaua dieses Gefolges, all sem Lachen und ferne fessel- lose Lust seine entzügelten Leidenschaften: das alles ist er und ist diese geheime, heilige Glut dieser dunklen Augen in dem 'bärtige/Äntlitz; und ist Ruhe und Harmonie rn der Würde dieser göttlichen Gestalt.. . f . Das Zimnrer beginnt zu dunkeln. Dwc^.Wechsel. der Lichter und Schatten hat aufgehört; EchtlAer brmM draußen der Sturm auf, und eine gleichmäßige -stamme runq füllt das Zimmer. Wer damit nur um so heimischer die rote Kaminglut durch den Raum Bckt, um so traulicher die Gläser blinken und die bunte Segensfulle ^^Der^Geist^ dieser Fülle ist heilig segenwärtig. Dieft deutsche Familienstube und ihr Behagen ist sem Thron saal und sein Triumph. . . sonsten Draußen aber ringsumher, rn^hen und fernsten i cLpyttpit dröhnen durch die müde Welt seme Dionysien. Sie beulen als Taifune und Orkane über die Ozeane und wüblen ihre mächtigen Breiten aus; sie rasen durch die schwarzen Schauer des öden Gebirgstannes; dröhnen durch den gelben Eichenforst: sie donnern und winseln Uder braune Heiden und brache Fruchtebenen; vernichtend und zeugend. Fruchtende Feuchte peitscht ihre rasende Brunst mit Millionen Keimen in den braunen SHoß der Gefilde — Wer all dieser unerhörte Aufruhr der Elemente, was ist er gegen das gautsche ZifferblaLtsätsel. (Nachdruck verboten.) chrn'Umdrehun'g Wörter von folgender Bedeutung berühren. 1 1—4 altgriechischer Gott 2—5 Zersetzungserfchemung 3—5 Windrichtung ffnfien unsere Gläser zusammen, wir singen unsE Elaudius und die Kinder plappern selig und phantasieren bereits! von ihren Weihnachtsfteuden i -rranenberufe in den Bereinigten Staaten. Kam er ÄSÄÄ3 1040 Architekten und Upniute 946 Reisende, 324 Leichenbestatter, E Gterrrirer, 45 Lokomotivführer und Heizer, 7 KvWukteu^31^emser^ Gewerbe giebt, in welchen Frauen sich nicht betMigE. Die einzigen Msnahmen bilden noch die Armee uno o . I Marine. ________ Mlige Preis von 50 Pf. erhöht worden wäre- w. frischen und herzhaften Farben leuchten: . < 8n- P--M f«‘ de», der »Ü“Ä das breite S»i-g°lk°n,°l W iff aus schwarzem Marmor gefertigt, der Mit weißlichem I und hier und da bräunlichf-gelbem ®eöber durchzogen ist. | f(ns null eine Anzahl von Paradefrüchten ausgestellt. I Lk sind große maKose, goldgelbe Pfundbirnen Hier und da^liegt ein Blatt dazwischen auf der schwarzen Platte mit ihrem edlen Geäder: ein bernsteinfarbenes, und tief I karminrote gebleicht grüne oder chamoisfarbene. — Wer | . j Stillleben der Fensterbretter! Da smd die großen, 1 S Mlersreien Aeßfel' aufgestellt; gelbe grune und aus, mit einem Dunkelrot, das sich, bis ins Purpurs mweiutönt und mit feinen Tupfen gescheckt ist; durchzum . und dort die Körbe mit den großen blauen । Nssaumen die mit einem lichtgraublauen Reif überzogen nher auf denen goldgelbe, blinkende Harzperlchen baMn »->> nimmt 1° °d>° T-ucht -«-»-» di- Fing" und bricht sie auf; und es ist dann eme Lust, den x,uft ' reifen Fleisches zu spüren und seine zarte, „lUdaekbe saftige Struktur zu gewahren. Oder den herzhaften bitteren Hauch. der grünen Nußschalen zu atmen, Ne hier mch da mit eine/harten, schwarz glanzenden ^^Mittedf^dem Tisch aber prangt festlich ein mächtiger kiovliahininpnstrLuü in einer großen kirne aus rohem ävhon. raaen die Blumen: rote, violette, weiße, hell- und tiefdunkelblaue Astern, gefüllt und einfach; ^^ZA^lbe, rote und rotbraune, purpurne Georginen, hohe Malven,, geive Gurken- und Kürbisblüten dazwischen mit ^hE ^anglichen und schön gezackten Glocken. Und auf emer Tischecke flam- men gar um die mächtigen braunen Kernscheiben die gelben Stralflenblätter von sechs gewaltigen Sonnenblumen. Die Frau des Hauses hat zur Weihe der festlichen Gelegenheit ein paar brave Flaschen Affenthaler am, dem Keller spendiert, den wir aus geringelten ^ummlern trinken. Das giebt dann eine Lust und em Lachen, wenn man nach einem lustigen Einfall, nach emem improvisierten Toast mit den Gläsern anKmgt! Und da wird mir plötzlich all die Pracht und festliche Lust, die den großen warmen Hauch erfüllt, all die üppige Fülle zu einer Vision; und ich gewahre den Walter, Schutzgeist und Gott dieser festlichen Heiterkeit: Dionysos. Wer es ist nicht der dicke, rotbackige, wampige Gott, wie wir ihn auf einem Weinfaß reitend und wemlaub- umkränzt den Tummler schwenkend kennen; es ist auch nicht der göttlich schöne Jüngling der entwickelteren Kunst von Hellas: sondern es ist der hehre Gott der archaischen Kunst, der noch alle Merkmale seines indischen Ursprungs trägt. Ein langes Gewand fällt steif und feierlich. Mit ritualem Ernst bis zu den Füßen herab; und aus entern bärtigen, traubenbehangenen Haupt mit langem, feierliche mildem Hyacinthengelock blicken zwei tiefdunkle Augen, m denen das Leuchten einer gehaltenen, innerlichen Glut und der heilige Wahnsinn eines göttlichen Lachens lebt. So seh ich den Gott. Und also stand er, die blinkende Weinschale feierlich in der erhobenen Rechten, majestätisch , __ ———-7; . . v^tion: Curt Platv. - MtationSdrucknnd Verlag der Brühl'schen UiüverfltvtZ.Buch- und Stemdrncker« (Pusch