s i-jra H K 1902. — Nr. 137. SRHläBS iKSOh (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H, Revel- 1. Kapitel- Es regnete. Gegen acht Uhr morgens, als die Portierfrau des Hauses Augsburgerstrahe Nr. 174 eben den Teppichläufer zu fegen begann, stürzte eine Frau ohne. Atem, außer sich, wie zu Tode erschrocken, die Treppe herab und klammerte sich an das Geländer. Es war dies Minna, die Kammerjungfer einer Fran von 'Sanden, einer sehr hübschen Person, die sich für eine Schauspielerin ausgab, und im selben Hause drei Treppen wohnte. „Was ist Ihnen denn? Was ist denn los?" fragte lebhaft die erstaunte Portierfrau, hochgradig beunruhigt, indem sie die Aufgeregte in ihre Portierstube einige Stufen hinabführte. Doch Minna war yicht im stände zu antworten. An der Thür blieb sie aufrecht stehen, und stützte sich an den ?Zfosten. Ihr ganzer Körper bebte- Ein nervöser, konvul- ivischer Krampf ließ ihre Zähne aneinanderschlagen; man sah, daß sie reden wollte, doch dazu nicht fähig war. „Ja, aber was haben Sie denn?" rief die Portierfrau. „Ihnen wird schlecht werden". Sie rief ihren Mann herbei, der sich eben in einem an die Portierloge anstoßenden Raum umzog: „Karl, rasch ein Glas Wasser!« Aber man rasch!" Karl gehorchte wie eine Maschine aus alter Gewohnheit, ohne noch zu begreifen, worum es sich handelte, und betrat das Portierzimmer, ein Glas Wasser in den Händen. Seine Frau riß es ihm förmlich aus der Hand, ging auf Minna zu, die sie zum Niedersitzen zwang, und endlich bewegte, einige Schlucke zu trinken, indem sie ihr das Glas gewaltsam zwischen die Zähne preßte. Inzwischen nahm Karl seinerseits eine Flasche mit Essig aus der Kommode und hielt sie dem Mädchen unter die Nase. Diese vereinten Bemühungen hatten endlich das gewünschte Resultat. Minna bekam wieder etwas Farbe, und ihr nervöses Zittern schien etwas nachgelassen zu haben. Alsbald begann die Portierfrau von neuem mit ihren Fragen: „Also was haben Die denn? Was ist Ihnen denn passiert?" Minna versuchte mit gewaltsamer Anstrengung, sich aufzurichten, wies mit ihrem Arm in die Höhe, als ob sie ein oberes Stockwerk des Hauses bezeichnen wollte, und brachte mühsam aus ihren zusammengepreßten Lippen die Worte hervor: „Dort oben, — oben, — meine Herrin, meine gnadrge Frau! — Tot! — Tot!'« Die beiden Portiersleute schrieen gleichzeitig auft „Was sagen Sie? Was reden Sie da?" Minna wiederholte wie vorhin, während ihre Zähne anfeinanderschlugen: „Tot! — Tot! — Ermordet — ere mordet!" „Ermordet? Heiliger Gott! Mer wie? Wann?^ Minna antwortete nicht. Sie war von neuem totem blaß geworden, und ihre Zähne klappten krampfhaft übeyq einander. „Aus der ist mehr nicht herauszübringen", meinte Karl zu seiner Frau, „wir müssen selber hinaufgehen, wenn wir wat Bestimmtes erfahren wollen". „Aber wir können sie doch nicht allein lassen. Kiek doch mal her! Sie wird ja gleich wieder zusammenklappen.^ „Bleib Du also hier! Ich will hinaufgehen." Und ob er weit über die Fünfzig war, flog er wie ein junger Mann über die Treppe und machte erst im dritten Stockwerk Halt. Minna hatte natürlich, als sie davonlief, nicht daran gedacht, die Thür zu schließen. Ws Ka^l das Vorzimmer betrat, sah er durch die weitgeöffnete Salonthür Fräu von Sanden leblos, mit Blut besudelt, auf dem Teppich liegen. In seinem ersten Entsetzen wollte er ebenfalls wahrscheinlich so wie Minna, davonrennen; doch als ihm eine fiel, daß die arme Frau doch etwa nicht ganz tot feitt,; und daß man ihr vielleicht irgendwie noch etwas tzilfej bringen könnte, unterdrückte er, eingedenk dessen, daß er vor seinem Portiersberuf Soldat gewesen, seinen Schrecken und sein Grauen. Er trat in den Salon, ging langsam und behutsam auf die Tote zu und vermied es ängstlich, in das Blut zu treten, das nach allen Seiten,geströmt war, und große Flecken auf den Teppich gezeichnet hatte. Als er vor dem Körper stand, bückte er sich und versuchte, denselben in die Höhe zu heben, indem er ihm seins Hände unter die Schultern schob. Doch das riesige Gewicht lähmte die Kraft seiner Arme, und der Körper fiel massig, mit hohldumpfem Klang auf den Teppich zurück. Er berührte Wange und Stirn; beide waren eisig. Nun aber floh er eilig den unheimlichen Ort und kam noch rascher hinunter, als er früher hinaufgekommen war. Er rannte direkt zu seiner Frau. „Nun?" rief ihm diese entgegen. „Die arme Frau ist tot", berichtete er, „und zwar schon ziemlich lange." „Aber woran? Wieso?" „Sie muß ermordet, — erschlagen worden fern. ■ „Erschlagen?" , , „ „Ja; ick will sofort die Anzeige auf der Polizei. machen.j „Ja, ja, Du hast recht! Geh, geh ! Du darfst kemen Augenblick verlieren! — O Gott, o Gott, was für em Unglück, - was für eine Geschichte in emem so fernen Laus wie das unsrige! Was wird nun blos der Ergen- tümer sagen!" Sie näherte sich Minna: „Aber wer konnte 546 jettn zu Ihnen hineinkommen? Haben Sie jemand gesehen? Wissen Sie von etwas?" Wer Minna konnte noch immer nicht antworten. Leit Karls Rückkehr schien sich ihre Aufregung nur noch vermehrt zu haben. Heftiger Schüttelfrost und krampfhafte Zuckungen liefen durch ihren Körper; es war ein richtiger Nervenanfall. — — Eine halbe Stunde verlief, ehe der Polizeileutnant und kurz darauf der Polizeikommissar in Begleitung eines Protokollführers und mehrerer Kriminalschutzleute am Thatort anlangte. Im Treppenhaus traf er mit einem Arzt aus der Nachbarschaft zusammen, der aus gut Glück von Karl geholt worden war. Sobald sie oben eingetreten waren, ging letzterer sofort aus den Leichnam zu, den er untersuchte, und mit Fingern und Hand berührte, ohne ihn zu verschieben. „Nun", fragte der Polizeikommissar, der inzwischen einen langen Blick hatte durch den ganzen Salon schweifen lassen, „wann glauben Sie, daß der Tod eingetreten ist?" „Vor zehn oder zwölf Stunden mindestens", entschied der Arzt, sich vom Boden erhebend. Der Polizeikommissar zog seine Uhr: „Es ist neun Uhr", konstatierte er. „Also nach Ihrer Angabe dürfte die Frau zwischen 10 Uhr und Mitternacht gestorben sein?" „Ja, ich glaube, das bestimmt sagen zu können."! „Der Tod trat sofort ein?" „Sofort: ein einziger Stoß in die Herzgegend." „Könnte etwa ein Selbstmord vorliegen?" Der Arzt sann einen Augenblick nach, denn er begriff die ganze Wichtigkeit dieser Frage. Wer er antwortete mit sicherer Stimme: „Ich glaube entschieden: nein. Der Stoß war zu kräftig geführt. Eine Hand wie die, wie Sie sie hier im Blute ausgestreckt sehen, konnte ihn nicht führen." Da er eben einen Gegenstand auf dem Teppich bemerkt hatte, fügte er rasch bei: „Und dann würde im Falle eines Selbstmordes die Waffe, die einen sofortigen Tod verursacht hat, in der Wunde stecken geblieben sein. :--Und sehen Sie, bitte, diesen Dolch, da auf der Erde, neben dem Ofen--. Vermutlich hat der Mörder, nachdem er zugestoßen hatte, die Waffe, deren er sich bedient, rasch von sich geschleudert." „Sonst sind keine Verwundungen von anderen Stößen zu bemerkend fragte der Polizeikommissar. Der Wzt beugte sich abermals nieder, öffnete den Schlafrock, mit dem Frau von Sanden bekleidet war, von oben bis unten, und sagte, nachdem er das mit Blut getränkte, ihre Brust verhüllende Battisthemd in die Höhe gezogen Hatter „Nein. Andere Wunden find nicht vorhanden." 2. Kapitel. Der Polizeikommissar hatte den Dolch aufgehoben und hielt ihn dem Arzte hin: „Ist es diese Waffe, die zu dem Verbrechen benutzt worden war?" Der Mann der Wissenschaft untersuchte lange den Dolch, hierauf die Wunde, verglich die eine mit dem andern, indem er beide in nächste Nähe miteinander brachte, und erklärte: . ,La, ich bekräftige, daß diese tödliche Wunde durch diesen Dolch beigebracht wurde. Ueberdies, sehen Sie nur, er ist jetzt noch voll Blut." „Er könnte ja heruntergefallen, auf den Teppich geworfen worden sein, und sich auf diese Art mit Blut besudelt haben." „Dann müßte man am Griff, oder an mehreren Mellen Blutflecken bemerken. Das Blut aber reicht im Gegenteil nur bis an die halbe Klinge, wie um die genaue Tiefe der Wunde anzudeuten." „Das ist richtig. — Nur noch eine letzte Frage, ich bitte." „Bitte sehr, ich stehe ganz zu Diensten, Herr Polizeikommissar." „Wurde diese Frau nach Ihrer Meinung plötzlich, unvermutet erstochen, oder hat zwischen ihr und ihrem Mörder ein mehr oder minder langer Kampf bestanden?" „Ich bin zu der Ansicht geneigt, daß sie sich verteidigt, daß sie versucht hatte zu fliehen und sich zu retten. Sehen Sie nur da diese umgeworsenen Stühle rr diesen kleinen, umgestürzten Schrank — i—i —" „Zweifelsohne, ich habe das genau so bemerkt wie Sie... aber diese Anzeichen können mir nicht genügen . . . Wir dürfen so wenig wie möglich mit Wahrschein- lichkeiten rechnen. Könnte Ihnen etwa eine eingehende Prüfung der Leiche darüber irgend welche Aufschlüsse oder Beweise geben?" „Ich kann es wenigstens versuchen". Der Arzt kniete neben dem Körper der Ermordeten nieder, prüfte Hals und Schultern, und sagte nach einigen Augenblicken: „Ja, hier am Nacken sind die Spuren von Fingernägeln, von einem Fingernagel. Auch ist der Nagel tief genug ein- geürungen, um einen Tropfen Blut hervorzulocken. Sie können ihn noch sehen." „Kann dies nicht etwa Blut aus der Wunde sein?" „Nein. Durch eine leichte Seitwärtsneigung des Körpers ist das Blut von oben nach unten heräbgeflossen., Sehen Sie, Hals und Nacken sind besudelt." „Gut, ich danke Ihnen, Herr Doktor. Ich bedarf weiter Ihrer Aufklärungen nicht mehr. Ich bitte Sie, Ihren Rapport hier oder zu Hause abzufassen, aber so rasch als möglich, und mir denselben dann sofort zu schicken."-- Unmittelbar daraus ließ der Polizeikommissar zwei Depeschen abgehen, die eine an den Polizeipräsidenten/ die andere an die Oberstaatsanwaltschast, um ihnen mitzuteilen, daß ein Verbrechen in der Augsburgerstraße Nr. 174 stattgefunden und er bereits die Thatbestands- aufnahme vollziehe. Nachdem er dies erledigt hatte, glaubte er bereits eine eingehende Untersuchung vornehmen zu können, die dann die Grundlage der Untersuchung bildet. Gerade die Antworten der am Ort der That unverzüglich vernommenen Personen sind oft von ungeheurer Wichtigkeit, da sie noch unter dem Einfluß des ersten Eindruckes ausgenommen werden. Der einzige Unterschied von den Aussagen vor dem Untersuchungsrichter besteht darin, daß man von den Zeugen keinen Eid verlangt. Der Portier und seine Frau, die zuerst vernommen wurden, erklärten, daß sie den Tod ihrer Mieterin erst durch das Kammermädchen Minna erfahren hätten. „Lassen Sie das Mädchen kommen", wandte sich der Kommissar an den einen Kriminalschutzmann, Namens Sieg. „Da ich vermutet habe, daß der Herr Kommissar diese zuerst vernehmen würden, habe ich sie bereits ins Vorzimmer zitiert. Sie mußte aber, um sie die Treppe heraufzubringen, beinahe heraufgetragen werden. Ich fürchte, daß sie, wenn sie den Salon betritt, beim Anblick ihrer Frau nur noch afgeregter wird, und dann überhauvt nichts antworten kann." „Gut, ich will sie draußen vernehmen." Er verließ alsobald den Salon, schloß die Thür hinter sich zu, ging in das Vorzimmer und trat auf Minna zu, indem er sie sanft und freundlich ansprach: „Ich habe Ihnen mehrere Fragen vorzulegen, Fräulein. Sie müssen mir daraus antworten. Es ist dies unbedingt notwendig. Ich begreife Ihre Einwände vollkommen; doch dürfen Sie diese nicht hindern, Aussagen zu machen. Sie standen also bei Frau von Sanden in Diensten?" „Ja, mein Herr", murmelte sie. „Seit langer Zeit?" „Beiläufig seit einem Jahr." „Ihr Name?" „Minna Lohgerber". „Verheiratet?" „Nein, Herr Kommissar." „Witwe?" Sie verneinte abermals. „Sie standen immer in Dienst?" „Nein, Herr Kommissar. Ich habe früher für mach selbst gearbeitet. Ich hatte nur zwei Stellen." „Wann — in welchem Augenblick haben Sie von dem Vorfall, der hier stattgefunden, Kenntnis erhalten?" „Um acht Uhr, als ich von meinem Zimmer herabkam." „Sie wohnen hier im Hause?" „Ja, Herr Kommissar, fünf Treppen hoch." „Und Sie kamen erst um acht Uhr herab?" „Die gnädige Frau hat gern etwas lange geschlafen und hatte mir verboten, ällzuzeitig in der Wirtschaft und mit dem Aufräumen zu beginnen." „Sie waren der einzige Dienstbote von Frau vonl Sanden? Sonst wurde sie von niemand bedient? Bott keiner Aufwartefrau vielleicht?" „Von niemand, Herr Kommissar.^ 547 All diese Worte mußten ihr erst eins für eins her- ausgezogen werden; man mußte sie mehr erraten, als daß man sie vernahm. Der Kommissar begann von neuem: „Sie sind also dann direkt in den Salon eingetreten?" „Ja, Herr Kommissar, weil ich gewöhnlich zuerst den Salon aufräumte." „Und als Sie eintraten, erblickten Sie--" „Den Salon in Unordnung — die Möbel umgestürzt — und die gnädige Frau — — auf der Erde dort--im Blut!" Ihr Zittern hatte sie wieder befallen. Um ihr Zeit zu lassen, sich zu sammeln, unterbrach der Kommissar für einige Augenblicke seine Fragen und begnügte sich inzwischen damit, sie aufmerksamer als bisher zu betrachten. Sie war eine kleine Person von 22 brs 23 Jahren, von schlankem und geschmeidigem Wuchs, ganz hübsch, aber von einer unregelmäßigen, phantastischen Schönheit: kleine, lebhafte Augen, aufgeworfene Nase, schön. gezeichnete Lippen, blendend weiße, aber etwas zngcspitzte Zähne, sogenannte Hundezähne, Haare von einem hellen Blond und auf den Wangen ab und zu Sommersprossen. Die Züge waren abgespannt, die Augen von tiefen Ringen umgeben. Die heftigen Erregungen der letzten Stunden jedoch erklärten und rechtfertigten die aufgeregten Züge. 3. Kapitel. Als ihm das Mädchen etwas ruhiger vorkam, begann er von neuem zu fragen: Um wieviel Uhr gingen Sie gestern abend auf Ihr Zimmer?" ' „Um zehn Uhr, Herr Konimissar." „Ihre Frau war allein?" „Ja, mein Herr." „Erwartete sie noch jemand?" „Das weiß ich nicht." „War sie es, die Sie hinaufgeschickt hat?" „Sie ließ sich von mir auskleiüen, zog einen Schlafrock an, und sagte dann: „Ich brauche Sie nicht mehr. Sie köniien zu Bette gehen." „Dann also haben Sie nichts mehr von ihr gehört. Nichts mehr von ihr erfahren, als bis zu dem Augenblick, als Sie sich den andern Tag, also heute, wie gewöhnlich morgens wieder hinabbegeben haben und in den Salon getreten sind?" „Nein, Herr Kommissar, nichts." „Was für eine Lebensweise hat Frau von Sanden geführt?" „Gott, eine sehr zurückgezogene. Die gnädige Frau ging sehr selten aus. Besonders seit der letzten Zeit." „Warum sagen Sie: besonders seit der letzten Zeit?" „Weil der gnädige Herr nicht mehr wie früher kam, sie rns Restaurant oder ins Theater abzuholen." „Wen nennen Sie gnädigen Herrn?" Sie zögerte mit der Antwort. „Nun also, antworten Sie!" fuhr sie der Kommissar Mit Strenge an. „Herrn Franz von Sempach, Baron von Sempach", stotterte sie. „Er wohnt?" „In Schöneberg, Wartburgstraße 1." „Stand dieser Herr mit Frau von Sanden in — in näheren Beziehungen?" „Ich glaube, ja, Herr Kommissar", antwortete sie leise. „Sagen Sie lieber, daß Sie Ihrer Sache gewiß sind. Ein Kammermädchen weiß in dieser Hinsicht ganz genau, woran sie sich zu halten hat. Ueberdies bin ich über Ihre Frau vollkommen orientiert; sie wohnt schon seit langem hier. Ihr Name ist mir bekannt", wandte er sich an den Polizeileutnant, „es ist ein angenommener Name, den sie damals annahm, «als sie zur Bühne ging, und dann auch, als sie wieder die Bühne verlassen hatte, beibehalten hat. Ihr Leben war thatsächlich in letzter Zett ziemlich regelmäßig; das war aber nicht immer der Fall. Deshalb begehen Sie absolut keine Indiskretion, wenn Sie alle meine Fragen beantworten", sagte er zu Minna. „Hat sie außer Herrn von Sempach noch andere Personen empfangen?" „Nein, niemand." „Nicht einmal Freunde, Herren oder Damen?" „Aeußerst selten — so selten, daß ich nicht einmal ihre Namen nennen könnte." „Wrr werden wreder darauf zurückkommen. Sie sagten also soeben, daß Herr von Sempach Ihre Frau nicht mehr abholen kam, fie rns Theater oder ins Restaurant mitzunehmen. Seit wann ist das?" „Seit länger als einem Monat." „Er stand also mit ihr auf kühlem Fuße?" „Ich glaube, er wollte die gnädige Frau verlassen — und die gnädige Frau schien sich das sehr zu Herzen M nehmen. Ich traf sie wenigstens oft ganz in Thränen aufgelost." „Die Beziehungen dauern also schon einige Zeit?" „O ja, es dauerte mindestens zwei, drei Jahre. Der gnädige Herr Baron kannte sie noch, als sie an der Bühne war; er war es auch, derr es veranlaßt hat, daß sie die Bühne verließ." „Aber wenn er sie auch nicht mehr abholen kam, mit ihm die Abende auswärts zuzubringen, so machte er ihr doch noch immer Besuche?" „Jawohl, aber die wurden immer seltener und dauerten dann nur sehr kurze Zeit." „Wann kam er denn das letzte Mal?" „Vor drei Tagen, am letzten Freitag, um 10 Uhr abends." „Sie waren noch nicht auf Ihr Zimmer gegangen?" „Nein, die gnädige Frau hatte mir aufgetragen, zu bleiben." „Weshalb?" „Vielleicht, weil sie fürchtete, daß der gnädige Herr Baron ihr wieder einen Auftritt machen würde." „Ah, Sie haben sich also gestritten?" „Nicht gerade an dem Tag, sie hatten aber vor vierzehn Tagen oder drei Wochen eine heftige Auseinandersetzung gehabt . . . Vom Eßzimmer aus, in dem ich gerade etwas zu thun habe, hab' ich mehreres vernehmen können." „Wiederholen Sie, was Sie wissen!" „Na, die gnädige Frau hat eben gesagt: „Eine Frau, wie mich, verläßt man nicht so einfach. Ich werde mich rächen", worauf dann der Herr antwortete: „Hüten Sie sich, auch ich kann mich rächen!" „Sie sind sicher, diese Drohung gehört zu haben?" „O ja, das weiß ich noch ganz genau." Er sann einen Augenblick nach und fragte sie dann plötzlich, ihr voll ins Gesicht blickend: „Glauben Sie, daß gestern abend, nachdem Sie Frau von Sanden zur Ruhe geschickt hatte, und Sie gegangen waren, Herr von Sempach hier gewesen war?" „Nein, Herr Kommissar, das habe ich nicht gesagt." „Ich weiß wohl, daß Sie es nicht gesagt haben; ich frage Sie aber, ob Sie glauben, daß er gekommen ist!" „Ich habe ihn nicht gesehen." „Gut! — Aber glauben Sie, daß er gekommen sein könnte?" „Ich weiß es nicht, Herr Kommissar. Sobald ich auf meinem Zinrmer war, bin ich nicht mehr hinausgegangen." Der Polizeikommissar gab den Auftrag, die beiden Portierleute vorzuführen. „Sie kennen Herrn von Sempach?" „Jawohl", antwortete die Frau, „er ist ein großer, blonder, junger Mann, so was Vornehmes. Früher kam er alle Tage hierher. Aber seit einiger Zeit hat man ihn nur mehr hie und da im Haus gesehen." „Die Gnädige hat ihm aber öfters geschrieben", ergänzte der Portier, „und ich war es, der gewöhnlich die Briefe nach seiner Wohnung hingebracht hat, erst gestern noch." „So? — Gestern? — Um wieviel Uhr?" „Nachmittags gegen 4 Uhr." „Haben Sie ihm den Brief eigenhändig übergeben?" „Jawoll, Herr, jerade unter der Hausthüre, er wollte jerade ausgehen." „Ist er nicht umgekehrt, um den Brief zu lesen?" „Nee, das nicht. Er hat den Brief sehr rasch durchgelesen. Jerade sehr vergniegt hat er darüber nicht ausgesehen. Mit so einer zornigen Handbewegung hat er den Brief zusammenjeknutscht und mir dann zugerufen: „Ant-- wort is nich ! Ich will und ich werde es nich. thun!" (Fortsetzung folgt.) ■ 548 Ein Kuriosum des New-Yorker Aquariums. (Nachdruck verboten.) In Newyork erregte kürzlich das Gerücht, es sei eine lebende „Seefdjtange" gefangen und im Aquarium ausgestellt worden, kein geringes Aufsehen. Tie Menge, welche, das Aquarium stürmte, in der Erwartung, ein scheußliches, grüuäugiges Ungetüm, wie es' in Schauergeschichten geschildert wird, zu sehen, kehrte enttäuscht und verdrießlich zurück. Ter Bericht der Enttäuschten hat die Wichtigkeit des Exemplars verringert und die ganze Sache als eine Art von Betrug hingestellt. Tas ist bedauerlich, denn das Tier ist thatsächlich ein sehr seltenes Exemplar, welches' man nie zuvor in der Gefangenschaft gesehen hat. Es ist als Channomuraena btbaixt (Richardson) bekannt und ist der Aälfamilie zuzuzählen. Ter Fisch besitzt nur schwache Merkmale dieser Spezies) und der einzige authentische Bericht über denselben ist der des Ichthyologen Richardson, welcher den Fisch 1844 in der Nähe Kubas entdeckte und eine ziemlich genaue Beschreibung desselben gab. Die Haut des Tieres hat ein warziges Aussehen, ist von schokoladenbrauner Farbe und mit gelblichen Streifen und Flecken versehen. Ter Schwanz ist etwas abgeplattet nnd zeigt keine Spur einer Flosse, wie überhaupt an dem ganzen Körper keine Flossen zu entdecken sind. Der Kopf ist breit und flach. Seine Art zu atmen ist mit der anderer Fischsamilien identisch; das Tier ist mit Kiemenklappen versehen. Tie ganze Gestalt des Fisches nnd die Art seiner Bewegung beim Schwimmen rechtfertigt aber vollkommen die Bezeichnung „Schlange". Zu seiner vollen Länge ausgestreckt, mißt der Fisch etwa 6 Fuß, doch zieht er sich oft zu einer Länge von vier Fuß zusammen. Tie Geschichte seines Fanges ist ganz amüsant. Ter Aal wurde von drei Negern entdeckt, welche einige Kilometer nordöstlich von Bermuda fischten. Tas Wasser vertieft sich an dieser Stelle plötzlich von 11 bis über 200 Klafter. Hieraus schließt man, daß es ein Tiesseefisch ist, der durch Zufall seinen Weg aus dem tieferen Wasser hierher nahm. Auf jeden Fall war ein solches Geschöpf seit Menschengedenken nie in der Nähe von Bermuda gesehen worden, und der Fang erschreckte die betrunkenen Fischer so sehr, daß zwei von ihnen vor abergläubischer Furcht ganz starr waren, während der dritte sich schnell ernüchterte, die Leine einzog und seinen wertvollen Fang ans Land brachte. Als die Leute die Küste erreichten, wurde der Aal zur sicheren Aufbewahrung in einen kleinen Teich gesetzt. Zufällig war ein Loch ans dem Boden desselben, in welches' das sonderbare Geschöpf, soweit es konnte, hineinkrvch, in dem Bemühen, sich zu verbergen. Als die Neger wieder ihren Aal besuchten, waren nur zwei Fuß seiner Länge zu sehen, und über die Maßen durch die scheinbare Zusammen- zrehung des Fisches erschreckt, waren sie nur froh, ihn an Professor Charles L. Bristol von der Newyorker Universität äbzutreten, welcher in Bermuda Fische für das Newyorker Aquarium sammelte. Ter Aal scheint sich in seinem neuen Quartier ganz wohl zu fühlen und man hofft, daß er äm Leben bleiben wird. Bis jetzt hat der Fisch noch keine Nahrung zu sich genommen, obgleich man ihm beständig kleine Stückchen Kabeljau augeboten hat. Ties ist jedoch kein beuumhigeu- des Symptom, sondern vielmehr ein Charakteristikum der Aalfamilie, denn die zu derselben gehörenden Fische enthalten sich oft wochenlang jeder Nahrung. Vermischtes. Aus der Bourualisteu-Hochschule. Anknüpfend an die Nachricht von der Errichtung eines Lehrstuhls für Journalistik an der Universität Bern bringt der „Figaro" folgende hübsche Satire. Der Professor für Journalismus hatte seinen Schülern folgendes Thema gegeben. „Frl. Suzette vom Hostilitss-Theater hat in der Rue de Rivoli eine kleine Lulu-chündin verloren, die aus den Namen Pelletane hört. Jeder Schüler sollte diese Notiz zur Benutzung für fünf Blätter von verschiedener Richtung und verschiedenem Format redigieren. Hier die Arbeit des mit dem ersten Preise bedachten Schülers: „Das Blatt für die vornehme Welt". Frl-Suzette, die hervorragende Künstlerin vom Hostilitss-Theater, hat auf dem Wege nach ihrer Wohnung, wo sie ihr Gatte und ihre sieben Kinder — prächtige Blondköpfe! — erwarteten, ihre junge Hündin von der sogenannten Lnln-Rasse verloren. Es fei daran erinnert, daß S. Hoheit der Erzherzog von Sardinien sich unlängst über die Schönheit des niedlichen Tieres bewundernd ausgesprochen hat. Pelletane — dies der Name des Hündchens — ist der Künstlerin überdies) gelegentlich ihrer Vorstellungen im Palast zu Balbek, von S. Ml dem König von Bosnien zum Geschenk gemacht worden. — „Das die neuesten Nachrichten bringende Morgenblatt". (Matin-) Das! reizende Frl. Suzette hat seine kleine Hündin verloren-; Es wird gebeten, sie wiederzubringen. Hinzugefügt sei,; daß jede Person, die ans den Straßen mit lauter Stimme; diese Aunonee in unserem Blatte lesen wird, von einem unserer Redakteure, den wir eigens zu diesem Zwecke angestellt haben, ein versiegeltes Kuvert mit der Anweisung aus einen Automobilwagen oder einen Flügel erhalten soll. — „Das große politische Abendblatt"" (Temps). Wie immer auch gegenwärtig die/politische Orientierung der hohen Balkankreise beschaffen sein mag, deren Gleichgewicht — wir zögern nicht, es lauszusprechen — bald Heftig erschüttert werden wird/ vorausgesetzt jedoch, daß es nicht plötzlich wieder hergestellt wird; wie groß andererseits unsere entschiedene Neigung zu einet rein abwartenden Haltung sein mag —: Wir müssen doch den Verlust ankündigem den Frl. Suzette, vom Hostilitss-Theater, erlitten hat- Ihre! Hündin Pelletane, Lulu-Rasse, ist verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. — „Das Blatt des heftigen Polemikers!" (Rochefort.) Wieder ein Schimpf! Rouvier kompromittiert! ! Bevorstehende Verhaftung des' Polizeipräfekten Lspineü! Man begnügt sich nicht mehr damit, in den Ministerien zu stehlen. Man stiehlt schon aus offener Straße. Gestern ist Frl. Suzette in der Rue de Revoli von Gaunern überfallen worden, die ihr ihren kleinen Hund! entrissen haben. Von seinem Fenster aus verfolgte der! Minister des Defizits die Ausführung dieses Straßenraubes! mit einem zufriedenen Schmunzeln. Morgen werden wir den Schlüssel dieses Geheimnisses geben, und alle Namen nennen. Herunter mit den Masken! — „Das litterarischei Blatt"". Weißer als die blaßweiße Schneedecke, die noch nicht von der Morgenröte rosig bestrahlt wird, streifte die niedliche Suzon — Suzette — eine wandelnde Grazie, ein hüpfendes Vögelein — durch die Rue de Rivoli. Hinter ihr trottete mollig, drollig, mutwillig und gutwillig, Pele- tane. Es trottete zu sehr, das trippelnde Trüsfelschwänzchen, und so hat die arme Suzette ihren Hund verloren. . . /'J Für wen stimmt der Esel? Vor vielen Jahren lebte in Hythe in England ein alter Bauer, der mit einem Eselwagen zu fahren pflegte. Er pflegte stets mit besonderem' Eifer an den Wahlen teilzunehmen. Er war ein Tory, seine Farbe war also die dunkelblaue. In der Nacht vor einem Wahltag strichen einige Spaßvögel den Esel des alten Mannes nun mit hellblauer Farbe an, der Farbe der Whigs (seiner Gegner). Trotzdem fuhr der alte Mann mit seinem Esel unbesorgt aus den Wahlplatz und gab seine Stimme für den Kandidaten seiner Partei ab. Alles amüsierte sich über den hellblau angepinselten Esel. Der Bauer beachtete das' gar nicht. Ms man ihn fragte, für wen denn aber sein Esel stimme, entgegnete er: „O, der stimmt für die andere Seite, wie die anderen Esel mich." Zifferblatträtsel. (Nachdruck verboten.) I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII Statt der Ziffern des Zifferblattes einer Uhr sind die Buchstaben A, B, EBBE, G, H, LL, N, R derart zu fetzen, daß die Zeiger bei ihrer Umdrehung Wörter von folgender Bedeutung berühren: 1—5 innerer Körperteil 2—5 jagdbares Tier 8—6 Stadt in der Schweiz 4—7 weiblicher Vorname 6—9 Nebenfluß des Rheins 8—12 bekannter Philosoph 9—12 kleines Tier 11-2 altes Maß. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Kaffeeklatsch. Redaktion: Curt Plato.— Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buck« und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.