ITjfilw 1902. — Rr. 120. CE 4!< 11 Freitag den 15. August. MM »’jsäfwS Sie ihm Dich (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-Aork. Von Heinrich- Lee. Nicht verraten." Gegen Abend kehrte auch Herwarth zurück. Man hatte sich inzwischen mit dem Geheimrat nach Hause begeben. Während Bell mit ihm eine Unterredung hatte, war Ottilie im Garten. Sie eilte dem Heimlehrenden entgegen. , ,, „Sie ist Dein!" rief fte ihm leise zu. Es war Um, als hätte er einen Meuchelmord Vegangen. „ r Noch! konnte er Ur alles gestehen. Da trat sie aus! der Thur, und ein glückseliges Lächeln lag aus ihrem Gesicht. Es war zu spät. , , „Jetzt hab' ich Dich ihm verratend lachte Ur Ottilie zu. Sie schmiegte sich in seine Arme, Sie waren verlobt. daß sie jeden Verdacht sofort ersticken mußte. Belt wurde sprachlos. Dann sprach sie — leise, beschwörend, feierlich. „Ottilie, er hat mir gesagt, daß er mich liebt. Sieh Mir ins Auge. "Ich frage Dich, hast Du mrch (Fortsetzung.) Mit Gewalt wollte er sie halten, aber sie entwand sich Um. So stürzte sie davon, durch den Garten, über tue Straße. Immer weiter floh sie. Den Weg, den ste gekommen waren. Und er sah ihr nach. Fassungslos, tote gelähmt, ohne den Versuch zu machen, ihr zu folgen. Ottilie saß in der Burg. Sie war mit sich allein. Der Geheimrat drin im Zelte schlief. Sie hatte ihren roten Sonnenschirm über sich gebreitet und gab stch dem süßen Nichtsthun hin. „Ottilie!" klang es Plötzlich zu Ur hinab. Vor Ur stand Bell — erhitzt, aber blaß, blaß wie her Tod. , ' , Sofort sagte ihr eine Ahnung, was geschehen war. Sofort wußte sie auch, wie sie zu handeln hatte. „Was ist Dir? Seid Ihr denn schon zurück? Wo ist Herwarth?" fragte sie mit gespielter, harmloser Ueber- xaschung. , „ . „Ottilie! Du hast mich an chn verraten." „Was meinst Du? Ich verstehe Dich nicht- spielte ihre Rolle so vorzüglich, so überzeugend, den Verdacht sofort ersticken mußte. verraten?" Und ruhig antwortete Ottilie: „Nun verstehe ich Dich'. — Nein i Ich habe Fünftes Kapitel. zehrte. Immer und befreien wollen, sich Augenblicken stillen Acht Tage später kehrte man nach- Berlin zurüch Es war erst Bells Absicht, für kurze Zeit nach ihdev Heimat zu reisen, und dort ihre Angelegenheiten persönlich in Ordnung zu bringen. Aber Herwarth wollte sich nicht von ihr trennen, und außerdem hatte Bell in Newyork einen zuverlässigen Advokaten, einen alten Freund ihres Vaters, Mister Hitchock, der alles Nötige veranlaßte. Dre Hochzeit sollte im Winter sein, aber ein unvorhergesehenes Hindernis machte einen Aufschub nötig. Zu ferner Verheiratung mit einer Ausländerin brauchte Herwarth in ferner amtlichen Stellung die ausdrückliche Genehmigung des Kaisers. Es war in offiziellen Kreisen bekannt, daß der Kaiser eine solche Genehmigung nur ziemlich ungern erteilte: wenn das Brautpaar auch getrost hoffen konnU durch, Herwarths ihm wohlgesinnte Vorgesetzte sre schließlich doch noch zu erlangen. Deshalb verzögerte srch die Angelegenheit. Bell wohnte einstweilen im Angernschen Hause. Dort sahen sich die Verlobten täglich. Zu den Weihnachtsfeiertagen traf auch Carla ein. Sie war ein lreblich-es Geschöpf, noch halb Kind und Herwarth- sehr ähnlich Was Bell schon vorher für ihre kleine Schwägerin eingenommen hatte, war die große Liebe, die aus ihren Briefen zu ihrem Bruder sprach Nun, als sie sich persönlich kennen lernten, gewannen sie sich lieb wie Schwestern und als der Abschied kam, trennte sich Carla nur unter Thranen, Erst zur Hochzeit sollten sie sich Wiedersehen. Alles wünschte Herwarth zu seiner reichen, liebenswürdigen und schönen Braut Glück. Bei den Besuchen,- die er mit ihr machte, auf den Bällen und Gesellschaften, wo man sie sah, war alles von ihr bezaubert. Es war ganz merkwürdig, wie sie sich auch äußerlich verändert hatte. Niemand hätte in ihr die bescheidene Erscheinung von noch vor wenigen Monaten wieder erkannt. Zum Teil trugen zu diesem Eindruck wohl auch- die gewählten, distinguierten Toiletten bei, die man jetzt an ihr sah. Vor allem aber war es die Sonne des Glücks, in dem ihr ganzes Wesen aufblühte und sich! entfaltete. Herwarth konnte aus seine Braut stolz sein . _ . Er war es auch Er liebte sie. Auf welchem dunklen Grunde diese Liebe auch gewachsen war — nun lebte fte int goldenen Licht, nun füllte sie sein ganzes Wesen aus, nun war sie das höchste Glück seines Lebens geworden. Sein Glück? Nein. Ein heimlicher Wurm nagte daran. Es war die Lüge. Sie zehrte und zehrte. Immer und immer wieder hätte er sich davon befreien wollen, sich die Last von der Seele wälzen, in den Augenblicken stillen Zusammenseins die Knie vor ihr beugen, ihr alles gestehen, nur ihre Verzeihung erflehen, auch wenn sie, sich dann für immer von ihm abwenden wurde — bis er dann wieder in seinem Schweigen, seiner Lüge verharrte, ja sich selber belog, denn er spiegelte sich vor, daß es nM nur sein eigenes Glück war, was er durch ein Geständnis 478 der Wahrheit preisgab', sondern auch das ihre. Das war sein Argument, — damit wiegte er sich ein. „Ich finde, Du hast Dich in Deine Rolle als glücklicher Bräutigam ganz außerordentlich gut hineingespielt", hatte Ottilie einmal, als sie allein waren, zu ihm gesagt. Sie glaubte noch immer, seine Liebe sei Heuchelei, und es war gut, daß sie das glaubte, gut für sie selbst, und er wollte ihr den Glauben nicht nehmen. Ottilie! Von der Kluft, die ihn innerlich jetzt von ihr trennte, ahnte sie nichts. Seine Mitschuldige war sie, die Anstifterin seines Verbrechens, und schon deshalb konnte er keine Zuneigung mehr für sie fühlen. Aber damit begnügte sie sich nicht. Wie sie aus Bell herabsah, halb mit Mitleid, halb mit hochmütigem Spott. Jetzt erst enthüllte sie sich vor ihm. Unter ihrer alle Welt bestechenden Oberfläche kam ein harter, grausamer, rücksichtsloser Egoismus zu Tage. Ihr seine Liebe zu Bell jetzt gestehen — es wäre ihm wie eine Tempelschändung vorgekommen. Ob der Geheimrat etwas von ihrem Geheimnis wußte? Nein, denn Ottilie hatte ihm nichts davon gesagt. Was er aber nicht vor ihm hatte verheimlichen können, das war der Verlust seines Vermögens gewesen, denn er hatte ihn um eine momentane Hilfe angehen müssen, die ihm nun in Hinblick auf den Reichtum seiner zukünftigen Frau ja auch von anderer Seite leicht zu teil geworden wäre. Und dennoch! Er empfand es ganz genau — Hermann ließ sich nicht von ihnen beiden betrügen. Er nicht. Auch wenn er sie nie nach der Wahrheit fragte, auch wenn er nur seine, stummen Blicke auf ihnen ruhen ließ. So war es ja sein Prinzip. Die Dinge, in die er nicht dreinzureden hatte, gehen zu lassen, wie sie gingen, und sich das seinige dazu zu denken. Hermann ahnte vielleicht alles — auch wenn er vor ihnen ebenso schwieg wie vor Bell, die nun seine beste Freundin war. Es war ein Tag im Januar. Vom grauen Himmel rieselte ein feiner Schnee. Herwarth begab sich zu seiner Braut und mit bleicher Miene eilte ihm Bell schon im Vestibül entgegen. Es war ein Unglück geschehen. Der Geheimrat hatte einen Blutsturz bekommen und der Arzt war da. „Sei ruhig!" bat er sie zärtlich und trat ins Krankenzimmer. Bleich lag der Kranke in seinen Kissen. Das Verdikt des Arztes lautete darauf, daß der Kranke sofort nach dem Süden müsse, nach Unteritalien. Ottilie war im höchsten Maße erregt. Eine solche Reise, jetzt mitten im Winter, und sie, eine hilflose Frau, mit dem Kranken ganz allein. Bell sprach davon, daß sie mitgehen wolle, daß vielleicht auch Herwarth sie begleiten könnte. Aber erstens hätte sich Herwarth dazu Urlaub nehmen müssen, und gerade jetzt war das aus Dienstgründen nicht möglich und zweitens war jeden Tag, wie jetzt die Sache stand, der Konsens zu erwarten, woraus baldigst ihre Vermählung stattfinden sollte. Auch, Bell durfte aus diesem Grunde nicht fort. „Ich möchte eine solche Begleitung auch nicht", sagte der Arzt, „was der Herr Geheime Rat vor allem braucht, ist absolute Ruhe. Ich werde Ihnen einen zuverlässigen Menschen schicken, gnädige Frau, der wird mit Ihnen gehen". Wenn Ottilie abreiste — was aber geschah dann mit Bell? Her- warth wünschte der Etikette halber, daß sie nicht allein blieb. Er telegraphierte also an Carla. Zwei Tage später, nachdem Ottilie einen aufgeregten Abschied genommen hatte — der Geheimrat selber, der wieder Halbwegs zu Kräften gekommen war, bewahrte seinen heiteren Gleiche mut und er küßte bei der Trennung mit einer besonderen inneren Bewegung Bell wie eine Verwandte auf die Stirn kam Carla an, warf sich Bell an die Brust und nun waren die beiden Mädchen mit der Dienerschaft und mit Miß Armstrong, einer Gesellschaftsdame, die Bell jetzt für sich engagierte, allein. Was Herwarth betraf, so fühlte er sich durch Ottiliens Abreise erleichtert. Kein Zeuge fernes Geheimnisses stellte sich, auffahrend wie Banquos Gerst, mehr zwischen ihn und sein zukünftiges Weib. Er fltmete freier und Bell merkte es an der wachsenden Leidenschaftlichkeit, der er sich gegen sie überließ. Sie nahm es für seine wachsende Liebe und war darüber glücklich'. Ungeschehen konnte er das Geschehene nicht machen, aber sühnen wollte er's und an ihr Glück sein ganzes Leben setzen. Einmal traf er Carla allein. Bell hatte sich, um irgend etwas zu besorgen, nach der Stadt begeben. „Soll ich Dir verraten, wo sie hin ist?" sagte Carla schalkhaft. „Sre kauft sich bei Ehlertmann einen Hut, so einen, wie er Dir neulich so gefallen hat." Und als wäre sein Glück das ihre, so schlang sie in schwesterlicher Zärtlichkeit die Arme um seinen Hals. „Sie liebt Dich so.. Sie ist so gut." Der Schatten trat wieder auf feine Stirn. „Ich bin sie nicht wert", murmelte er. „Was meinst Du?" fragte Carla erstaunt, denn sie verstand ihn nicht. Er gab ihr keine Antwort, aber Carla mußte immer daran denken, was er damit gemeint hatte und endlich glaubte sie — denn natürlich wurden in der Pension auch verstohlen Romane gelesen und wie hätte ein Bruder wie Herwarth nicht in allem ein ebensolcher Held sein müssen wie die in den Romanen — den Grund gefunden zu haben. „Denke Dir", sagte sie zu Bell — sie kamen eben beide von der Eisbahn — „was Herwarth zu mir gesagt hat: Er ist Dich nicht wert! Er ist Dich nicht wert!!" „Was denn?" fragte Bell. Carla freute sich darüber, tote klug sie selber war. „Soll ich Dir sagen, was er damit meint? Daß er schon andere Mädchen lieb gehabt hat vor Dir. Deshalb, denkt er, ist er Deiner nicht wert. Du mußt aber nicht eifersüchtig sein, Bell. Daraus siehst Du eben erst, tote lieb er Dich hat." Mechanisch hörte Bell ihrem kindlichen Geplauder zu, aber am nächsten Tage merkte sie, daß sie diese Worte „er sei ihrer nicht wert" nicht vergessen konnte — und aus einer verschollenen Tiefe ihres Herzens stieg Etwas auf, Etwas mit einem Medusenhaupt. Wenn sie es ansah, durchlief ihre Adern ein Erstarren und Versteinern, und sie dachte an die Stunde damals, wo dieses Etwas zum ersten Male vor ihr aufgestiegen war. Es war dieselbe Stunde, in der sie Ottilie angeklagt hatte,- sie betrogen, sie verraten zu haben, in der sie geglaubt, daß auch er sie betrog und verriet. . . Niemals, niemals wieder wollte sie daran auch nur denken. Nicht, weil sie sich selbst, sondern, weil sie ihn damit besudelte. Und nun war es wieder in ihr wach geworden . . . War seine Liebe nicht klar wie die Sonne? Fühlte sie es, tote er sie liebte, nicht in jedem Kuß von ihm. „Vergieb mir!" flüsterte sie im Geiste zu dem Geliebten empor, wie eine Sünderin. Kein Geheimnis hatte sie mehr vor ihm. Auch von Fred hatte sie ihm erzählt, und wie verliebt Fred in sie gewesen war. „Wie hätte er Dich nicht lieben sollen", war seine Antwort gewesen, indem er sie in seine Arme zog. Fred hatte ihr auf die an ihn gelangte Verlobungsanzeige ein Glückwunschschreiben geschickt. „Was liegt an mir?" schrieb er, „wenn Du nur glücklich wirst. Nur das verlange nicht von mir, daß ich zu Deiner Hochf- zeit komme, daß ich noch Zeuge sein foll . . . Deinen Gatten will ich nicht sehen. Ich würde ihn nur hassen lernen, und um so mehr, je mehr Du ihn liebst. Ich hasse ihn schon jetzt . . ." Die Leidenschaft in ihrer ganzen Selbstsucht fprach aus seinem Brief. Wie ein Kind, denn er war zwei Jahr jünger als sie, wie einen guten Jungen hatte sie ihn behandelt, denn sie wußte damals noch nicht, was Liebe, was verschmähte Liebe war. Nun wußte sie es, und sie antwortete ihm voll schwesterlicher Güte und Freundlichkeit, daß sie jetzt einen Beweis von seiner Liebe verlange, daß er das thun müsse, was sie ihm befehle, und daß er sich nach einem anderen Mädchen Umsehen sollte. Ein junger Mann, wie er, jung, reich, hübsch, gesund, dem die ganze Herrlichkeit d er Erde — wußte sie. Bell, nun nicht selber erst, wie schön die Erde war — zu Gebote stünde! Er hatte ihr auf diesen Brief nicht mehr geantwortet. Vielleicht hatte er ihren Rat schon befolgt. Auch von Ottilie trafen regelmäßig Briefe ein, denen am Ende auch immer ein kleines Postskriptum des Geheimrats beigefügt war. Sie waren in Sorrent. Das Befinden des Kranken war nicht besser, aber auch nicht schlechter geworden. „Jedenfalls rechne ich mit Bestimmtheit darauf, und Hermann auchch schrieb sie, „daß wir mit Beginn der warmen Jahreszeit wieder nach Deutschland zurückkehren dürfen. Vielleicht kommen wir dann gerade zu Eurer Hochzett zurecht". Ottiliens Briefe waren au sie beide meistens zugleich gerichtet, aber manchmal traf auch einer ein, der an Herwarth allein war. Darin schrieb 479 sie, daß sie in der schrecklichen Langeweile und Verlassenheit, die sie in dem fremden Lande quäle, und aus der Last der Krankenpflege sich wieder einmal flüchten möchte — zu ihm. „Wenn Du wenigstens bei uns sein könntest", schrieb sie, „mein Trost ist nur, daß Du nicht weniger darunter leiden wirst als wir, denn auch Hermann vermißt Dich sehr. Gut, daß Du Carla dort hast, dann hast Du wenigstens eine Seele, bei der Du von Deinen Bräutigamspflichten einmal ausruhen kannst". Sie blieb bei ihrer Meinung, sie ahnte von der Wahrheit nichts, noch immer nichts. Nun — er war der Letzte, der sie darüber aufzuklären hatte. (Fortsetzung folgt.) Russische Studentinnen. Tie armen russischen Studentinnen! Man hat stets viel über sie gesprochen, man hat sich an sie gewöhnt, als eine der stereotypen Erscheinungen, die draußen in Char- lottenburg zu zweien, zu dreien auftauchen, mit der obligatorischen Büchermappe, mit den lebhaften Augen und den gestikulierenden Händen; man kennt sie als eine Erscheinung, ohne die man sich die Kbrridvre und Auditorien der Universität kaum vorstellen kann. In der ersten Zeit, als sie in den Universitäten auftauchten, waren sie den Jüngern der Wissenschaft gleichsam Wunderdinge. Eine,Frau in einem Auditorium — und noch dazu eine Frau, die sich in der äußeren Erscheinung so unterscheidet von den Wesen, die man zur Gattung Weib rechnet — das war etwas ganz Unerhörtes. Man hielt die Anwesenheit einer Frau in einem Hörsaale für das Monopol der Schweizer Universitäten, Zürich Genf re. Bald aber nahm die Verwunderung der Studenten in dem Maße ab, als die Zahl der Hospitantinnen sich steigerte, und heute, wie gesagt, sind sie eine Rümmer, mit der man zu rechnen gewohnt ist. Augenblicklich bilden sie einen besonderen Gegenstand des Interesses in akademischen Kreisen, denn sie sind das Objekt sehr ernster Erörterungen. So bekannt die russische Studentin in akademischen Kreisen ist, so unbekannt ist ihre Erscheinung in der sogenannten „Gesellschaft". Ihr Bild schwankt in der Anschauung der Deutschen eigentümlich hin und her, man kennt sie, und wiederum kennt man sie nicht. Jedenfalls steht man ihr noch wie einem Rätsel, wie einem seltsamen Phänomen gegenüber. Nur wenige Ausnahmen giebt es, die sich unter dem Begriff einer Studentin im allgemeinen nicht ein Wesen vorstellen, das dem Aeußeren nach zwar werblichen Geschlechts ist, sonst aber keinerlei weibliche Eigenschaften aufweist, das kurzgeschorenes Haar und schlechte Toiletten trägt, den ganzen Tag raucht und sich durch seine Beschäftigung überhaupt recht wenig vom Manne unterscheidet. Wenn diese Anschauung auch durchaus nicht immer zutrifft — es giebt eine ganze Menge studierender Frauen, die dem äußeren Menschen ebenso große Pflege zu teil werden lassen wie dem inneren — so hat sie doch einigermaßen Berechtigung, wenn man nachdem Durchschnitt der russischen Studentinnen urteilt. Sie vergessen wirklich recht zahlreich über dem Studium ihre Toilette, und schlecht frisiertes! Haar, ein abgerissener Knops oder Kleidersaum sind Mängel, die sie absolut nicht genieren, so sehr sich auch ihre deutschen Nachbarn und Nachbarinnen daran stoßen. Es geniert sie überhaupt vieles nicht, diese fleißigen und eifrigen Jüngerinnen der Wissenschaft, was uns deutschen Kommilitonen und Kvmmilitoninnen peinlich ist. Kommt sie in die Vorlesung zu spät — selten genug passiert es allerdings — dann geht sie trotz eifrigen ungeduldigen Scharrens der Studenten auf ihren Platz, ersucht den Nachbar mit einem kurzen: „Stehen Sie auf!" ihr Platz zu machen, setzt sich hin und begrüßt ihre Landsleute mit ihrem russischen Gruß — während die deutsche Studentin, die sich verspätet, schüchtern und leise auf den ersten besten Platz geht, um nur keine Störungen zu verursachen. Vielfach haben sich die Kollegen beklagt, daß der Bildungsgrad der Russinnen auf einem weit tieferen Niveau stehe, als der der deutschen studierenden Frauen, und das eigentümliche "barsche, nicht besonders höfliche Betragen der ersteren mag zum großen Teile schuld daran sein. Darum auch die bet weitem größere Höflichkeit der Studenten gegen die deutsche Und gegen die zu jeder anderen Nationalität gehörende Kommilitonin, und andererseits wieder die bei weitem größeren Beliebtheit dieser Damen bei den Herren Stu- deuten. Man ist in der Universität wie überall eben empfänglich für ein liebenswürdiges Gesicht und ein freund- lrches Wort, und man vergiebt sich auch nicht das Geringste wenn ^man die Kollegen als liebenswürdige Menschen be- Nu, daß der Eifer, mit dem die Russinnen der Wissenschaft obhegen, schuld ist, möglich ist jedoch auch daß sie von Kindheit an wenig gewöhnt waren, ihrem ganzen Wesen bte nötige Sorgfalt zu teil werden zu lassen, und sich derart zu benehmen, daß man sie zu Menschen von guter Erziehung rechnet. Stammen sie doch meist aus einer Klasse, in der das Geld insofern eine gar geringe Rolle spielt, als es meist nicht vorhanden ist. Sie besuchen in der Heimat das Gymnasium, natürlich das Mädchengymnasium — eine Unterrichtsanstalt, die mit den deutschen Lehrerinnenbildungsanstalten ungefähr auf gleicher Höhe steht, — lernen dort Latein, Mathematik, Französisch, Englisch und Deutsch, erhalten als Reifezeugnis die „goldene Medaille" und besuchen sofort die Universität. Die Russin ist von einem rastlosen Fleiß und einem Heldenmut, wie kaum ein anderes Land ihn bei Frauen aufzuweisen hat. Hat sie das Examen bestanden, dann gönnt sie sich keine Zeit zur Erholung, sondern die Arbeit beginnt sofort. Ausgerüstet mit den geringsten Geldmitteln, die gewöhnlich nur so weit reichen, um die Vorlesungen zu bezahlen, kommen sie in Deutschland an, und die Anschläge am schwarzen Brett: „Studentin giebt Unterricht im Russischen", oder „Studentin fertigt Ueber- setzungen vom Deutschen ins Russische", bilden meist ihre einzige Erwerbsquelle, oder wenigstens die Hoffnung auf eine solche. Zu zweien, zu dreien wohnen sie in einem Zimmer in- Preise von 25 bis 30 Mk., ein Tisch, ein Waschtisch, je ein Bett, je ein Stuhl bilden häufig das Mobiliar eines Raumes, in dem oft die lebhaftesten Debatten Leführt werden. Draußen in Charlottenbnrg, in der Krummen Straße, Schillerstraße wohnen ost auf einem Korridor manchmal vier bis sechs russische Studentinnen. Sie er- tragen mit der gleichen stoischen Ruhe die Hitze des Sommers und die Kälte des Winters. Sie essen in der „russischen Küche", einer Institution, welche für fünfzig bis sechszig Pfennig ein einfaches Menu hergiebt und die der Leitung eines Studenten und einer Studentin unterstellt ist. Für die Russin, die in Deutschland und namentlich in Berlin studiert, giebt es eigentlich nur zwei Fakultäten, Medizin und Nationalökonomie. Zwei Drittel der Medizin- sürdentinnen sind Russinnen. Sie unterscheiden sich bedeutend von der Studentin der Nationalökonomie und bilden somit einen Typus für sich Es liegt ja auch durchaus in der Natur der Sache. Diejenige Dame, die es sich leisten kann, Nationalökonomie zu studieren, d. h. ein Studium des Studiums halber zu treiben, muß auf zienrlich große pekuniäre Mittel gestützt sein, während die Medizinstridentin, die doch hauptsächlich des Broterwerbes wegen studiert, ost ganz mittellos ist. Tiefe nun ist es, die die Vorstellung des Publikums von der Studentin rechtfertigt, dadurch, daß sie schlecht angezogen und unordentlich frisiert ist, während die Nationalökonomie studierende Russin schon eher Wert .auf ihre Garderobe legt und die Studentin nur durch eine ganz aparte, tief in das Gesicht gekämmte Frisur, große schwärmerische Augen und last not least — die ewige Büchermappe markiert. Beginnt die Vorlesung, dann beginnt auch, die Arbeit der russischen Studentin. Sie fehlt in keinem Kolleg, sie erscheint mit der Pünktlichkeit des Klingelzeichens und verschwindet mit dem Klingelzeichen, um sofort in eine andere ^Vorlesung zu gehen. Sie schreibt mit der größten Aufmerksamkeit nach, fragt bei jedem unverstandenen Worte sofort ihren Nachbar und debattiert dann eifrig über das Gehörte mit Kommelitone und Kommilitonin. Sie ist die Uebermacht in dem Präparierkursus draußen am Urban, der den Studentinnen bis dato noch die Anatomie ersetzt, und sie ist die furcht- und scheuloseste Schülerin beim Secieren der Leichen. Sie schwänzt unter keine Bedingung, es giebt kaum ein Ereignis, das wichtig genüg für sie wäre, um eine Vorlesung darüber zu versäumen. Ist ihre Arbeit in der Universität am Tage beendet, dann beginnt sie am Abend für ihre Ausbildung im weiteren Sinne zu sorgen. ZU dreien, zu vieren liest man zusammen ein Buch, diskutiert darüber, geht auf einen billigen Platz in das Konzert, auf einen Gutschein in das Theater und in die Künstausstellungen, oder geht zu einem Vortrag, und ein Bortrgg ist 480 iffertt, zurecht- diesem wahr- Der „Schriftleiter"! ' In einem Atrikel über das Entstehen neuer Wörter in der deutschen Sprache rügt Löbl in der „Wiener §Wei ‘ Juristen betriebene Zwangsverdeutschung i Ueber eines der scheußlichsten der auf solche Weise ent- , tltLJ . standenen Wörter schreibt er: „Nicht immer ist es littera- I heulte er vor Schmerz und Wonne rn ne, rischer Snobismus, der neue Moden popularisiert. , Auch j licher Erregung die Melodie nnt und me andere Motive können mitspielen. So will zum Beispiele I ihm! dabei unaufhörlich! aus den Rügen, der deutsche Purismus, der sich mit der nationalen Be- | --------—• wegung stärker accentuiert hat, die alteingebürgerten Wörter I • A „Redakteur", „Redaktion" ausmerzen, und in weitem Um- I i e t O) r i a u »♦ fange ist ihm dies bereits gelungen. Leider gelungen! Denn k (Nachdruckverboten.) das alte Wort ist gut, das neue schlecht. Das spezifische I bic Liebliche schmückt mit herrlich schimmerndem Glanze, Amt des Redakteurs: das Bearbeiten, Feilen, Kürzen, I Bringt in blutiger Schlacht vielen Verderben und Tod. Glätten der einlaufenden Beiträge, das Zurichten und I - — , mr. Einfügen in den Rahmen des Blattes - das alles findet I Auflösung des Silbenversteckratsels m vor. ü!r.. in dem Worte Redakteur seinen plastischen Ausdruck. Denn * Dem Kühnen ist Fortuna hold. ,mm°- M-ÄÄI!»StÄÄ Mann und Werb ist ihrunbekannt. Ihr ist der Berkeyr rwmrzenoe, ^rm « ^vertraut und innigst verkiiüpft WWAMM MWMMZZ WAZZMLÄWMS findet dessen Aerzen sich zu einander ziehen, die den gleichen I Gut, dann Ware also der Schrrftlert Millkür das Wbg zusammeng?hen, weil sie das gkeiche Ziel haben. Und Haupt der Zeitung Hwr steht man aber dre^Willkür das so verlobt?a sich ohne großen Pomp, ohne das geringste rein Arbiträre dieser Neubildungi Der Chef heS Mattes Aufsehen M errLm An Heirat ist fürs erste nicht zu hat zumeist ganz anderes zu.besorgenals^ne Arbeit de» denken, der Weg ist ja noch lang und beschwerlich, und keiner Redigierens, und umgekehrt smd wenigst n^b» größeren A« M. des »m.°s W-S.N «f. MM-gg 8U9e®& der studierenden Russinnen sind verheiratet, noch Führer oder die Leiter der Verwaltung des Mattes. Drü ehe sie zu studieren begonnen haben. Da es jedoch große Einsatz,. der uns da^geboten wirbist Schwierigkeiten verirrsacht, wenn ein junges Ehepaar aus I ja durchaus unzureichend. S. s nioilit hie (i-raae ■ bemLdewM,s° gehtsie unter ihrem Mädchennamen in onstigen Mängel Ä» das Ausland, und erst hier findet sie sich wieder mit ihrem Was sagt man^denn statt ^es alten Uwortes „revigw Gemahl ist sie unter ihrem Mädchennamen wwa Inen Mädchennamen erfolgen. Wohnt sie nun trotzdem mit dem nehmen, er wuh den ^langtem Ber \ Mann, mit dem sie rite verheiratet ist, zusammen, so er- 1 einrichten, zurichiten, Herrichten, kurzen,^a 11 ' o J weckt dieses für uns ganz sonderbare Verhältnis mindestens machen, kurz alles, ^?^^ÄssEsichen ^mangelhaften, den Aiischein, als ob sie in wilder Ehe zusammenlebten, haft klinischen Hempel //uer willkürlichen, i g Viele von ihnen, denen es nicht möglich ist, vom Eltern- ärmlichen Neubildung-sollen wir dm hist r schgeword hause fortzukommen, gehen, um den Eltern die Sorge für | gut verständlichen, höchst signifikanten ihren pekuniären Unterhalt zu ersparen, eine Scheinehe ein, i opfern!" ~ ... ■ d. h. sie nehmen den Namen des Mannes an, ohne auch nur I Brahms berm Frühstück. Max Kalbeck gievt nn einen Tag mit ihm zusammenZuleben. Zu ihren deutschen I P zg Tabl." Bilder aus Brahms Leben, die ihm cm Kommilitonen und Kommilitoninnen stehen sie meist, wenn I besuch des Gmund en er Brahms-Museums wiedererweat har. die Sympathie groß ist, auf einem Grußverhältnis: selten, ^r erzählt von Brahms Aufenthalt m Jschst schUdert eine daß sich eine Russin mit einer Deutschen anfreundet, die Artige Wohnung und fährt dann fort: Die^llustvnist deutschen Studenten lassen sie ganz unbeachtet. verführerisch und wird vollkommen durch das auf dem Sie gehören keinem Verein studierender, abstinenter Asch zurecht gestellte Frühstücksservice. Auf der messingenen, oder sonstwie prinzipienreitender Frauen an, und die Sorge ^fstemaschine, die ihm Frau Truxa nachschicken mußte,< Um Reform- und andere hygienische Kleidung bildet bis , er A™ Wien einmal vergessen hatte, pflegte Brahms dato ihren kleinsten Kummer. Man hat sich von der „Ge- feingtt Mokka jeden Morgen eigenhändig zu kochem sellschaft" meist aus Mangel an Anschluß emanzipiert und ' i !ciue seiner Verehrerinnen, Frau Henriette Fritsch- somit den Schein erweckt, als hätte man geheime Zusammen- Oranger in Marseille sorgte dafür, daß ihm der Vorrat fünfte. , , | seiner Vrimasorte nicht ausging. Schon am Abend voryer Man studiert des Studiums, der Wissenschaft und des jA er sich immer auf das Frühstück, das ihm, dem Endzieles wegen Und macht sonst keinerlei Anspruch auf Lübaufftefl'er die liebste Mahlzeit des Tages war. Wenn Fortschritt der Frauenbewegung. Und doch trotz Fleiß und i »^er braime Trank aus der brodelnden Maschine floß und Entbehrungen kehren viele von ihnen inmitten des Weges 9 . .„A Uroma verbreitete, die kernweich gesottenen Um, um nach der Heimat zurückzugehen, mit der großen W ö unb eine edle Braunschweiger oder Sehnsucht nach der Wissenschaft im Herzen und mit der «er » ^ackwurst des Anschnitts harrte, war er gluck- sehnlichen Hoffnung, noch einmal sortsetzen zu können, da Gochae Man , ^iit keinem König der Welt wo sie aufhören mußten, noch einmal die Hoher- zu erreichen, Ag rme ei- -r ben blauen Rauch! feiner aus auf die ihre stärkeren oder begüterteren Schwestern ge- 8etausckst. ur y x^aksorten gemischten selbstgedreh- fliegen sind. Ruth Goetz. starre«^ A shrn He Uj I smni-thp in den vielen Klavier- und Kammermusikstücken Vevmischtss. | dieser in Ischl komponierte, und er eilte schnell ins fieie Feld hinaus! um mit seinen Gedanken so lange spa- n der deutschen Sprache rugr oc. i zieren zu stehen, bis er mit ihnen rm Remen war, und mdpost" mit Recht die von den hie Komposition für reif und wert hielt. Niedergeschrieben gsverdeutschung um jeden Preis, j w werden. Spielte er sie zuletzt auf dem Klame 1 H ....... ' I ?ich..«°schl°,s-n°n. Unst«>, fern« Thränen stürzten Redaktion: Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Uuiversitüts-Buch- und Stcindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.