(Nachdruck verboten.) Tobias Breeden. Von Luise W e st k i r ch. Ter Wind fuhr in unregelmäßigen Stößen über die kahle Nordseeinsel, rastlos, unablässig, nimmer den Atem verlierend, ob er ihn gleich den Menschen raubte. Laut aufrauschend rollte Welle auf Welle auf den flachen Strand, die siegreiche, vorschreitende Flutwelle, deren leuchtende Schaumkämme das Vorbild zu den weißen Mähnen der Meergottrosse geliefert haben. Vom dunkelblauen Himmel brannte die Sonne herab auf den weißen Sand der Dünen und die weißen Strandkörbe am Weißen Strand, auf die Köpfe der Menschen, die sich in ihnen und in den Tünentrichtern in ihrer Glut schmoren ließen. Denn der Strand war belebt von Badegästen; die öde, dürre Sandbank wimmelte von Scharen bleicher Städter, die sich vom heißen Tagesgestirn ein kriegerisches Gesundheitsbraun auf die von Arbeiten und Vergnügungen im Kohlenqualm enger Gassen, bei Lampen-, Gas- und elektrischem Licht entfärbten Gesichter malen ließen; von Karten Mädchen, die im Wasser wateten, von Knaben, die im Sand Festungen gruben, von Croguet-, Reif- und Lawn-Tennisspielern. Hefter das Sausen des Windes, über das Brausen der Flut klang das Helle Quieken der Kinderstimmen, das Aufkreischen der jungen Mädchen, wenn eine überkecke Welle ihre Füße netzte, und das Murmeln und Summen der verständigen Leute, die, in zusammengerückten Strandkörben sitzend, leise miteinander flüsterten von der Wirtschaft, von zu Haus, von den kleinen Sorgen und Interessen, die sie ganz erfüllten, die sie begleitet hatten an das unendliche Meer, die sie nicht von sich abthun konnten, auch nicht auf Augenblicke, so wenig, daß sie es nicht einmal in ihrem Behagen erschütterte, das unaufhörliche, triumphierende Wogenrauschen, das zu sprechen Samstag dm 15. Mär). WO mm Zr fAHn.7 Golt, du lieber Frühlingswind! Du darfst bei mir nicht säumen! Flieg fort, flieg fort in den Wald geschwind, Da liegt noch alles in Träninen. Die Blätter in den Knospen weck', Sie sollen säuselnd sprießen I Und hilf den Veilchen im Dornenversteck, Die Aeuglcin aufzuschlicßen. Und sag' den Vöglein im ganzen Wald, Der Winter sei zerronnen, Daß jeder Bulch und Wipfel schallt! Und heiße rieseln die Bronnen. Red Witz. schien: „Ich war dabei, als Gott am siebenten Schöpfuugs- morgen die Welt gut hieß. Ich habe an diese Küste geschlagen, ehe Wikinger s-.e auf schnellen Schiffen besuchten. Germanikus, der daher zog, um des Barns Niederlage zu rächen, hat mir einen Teil seiner Legionen abgeben müssen. Ich schlug an diese Küste, als die Insel noch Festland war, und meine Wellen rollten schwer von den Leichen der Menschen und Lasttiere. Ich werde auch dann mein Wasser noch fröhlich heben und senken in Ebbe und Flut, wenn von dir und deinem Hoffen, Wünschen, Streben und Thun nicht die leiseste Spur auf diesem Erdball zurückblieb, du thöricht dich aufblasender Tropfen im Ozean des Lebens!" Auf der Ecke einer Bank hockte ein zerlumpter Junge, der die nackten braunen Füße mit einer Art Siegerstolz auf hem weichen Rückenfell eines toten Seehunds hwum- baumeln ließ. Tas Tier lag im Sand mit zerschossenen Hinterfüßen und blutiger Schläfe. In dem sanften, klugen Gesicht und unter den langen Wimpern d r wie im Schmerz zusammengezogenen Lider war etwas wie ein Ausdruck trauriger Verwunderung zurückgeblieben, verständnisloser Verwunderung darüber, wieso er, der jedem gern seinen Platz gönnte, auf und in der weiten See, der nichts sich zugeeignet hatte, als ein paar Fischchen für seinen Hunger und ein wenig Sonnenschein, ein klein wenig von der blendenden Fülle, die auf die öde Sandbank niederbrannte, ohne ein grünes Hälmchen hervorzulocken, ein paar Helle warme Strahlen nur, bereit nicht Mensch, noch Tier, noch Pflanze begehrten, wieso er den bittern, herben Schmerz, die qualvolle, vorzeitige Auslöschung aus dem Reich des Lebendigen verdient habe? Vielleicht war ein flüchtiges Erinnern au sein t. ues Weibchen, an das kleine, noch fangende Kälbchen im Augenblick des Sterbens durch sein Gehirn gezogen. Aber er hatte sich ergeben. Mit der Würde und Sammlung, die das Tier int Tode auszeichnet, lag er da. Ein Tröpfchen noch sickernden Blutes färbte den Saud als letzte Spur, die er zurückließ auf der Erde, bis der nächste Windstoß auch diese Spur verwehte, auslöschte, vertilgte auf immerdar. Ter braune Bursch aber, der seinen Fuß auf den Rücken des nicht von ihm erlegten stemmte, trug in den kecken, mitleidslosen Augen, int Ausdruck um den breiten lachenden Mund die ganze, dem Menschen eingeborene Lust zu Mord und Totschlag zur Schau, während Tämchen in Jockeymützen und gelben Schuhen neugierig durch den losen Sand herantrippelten, kleine, geputzte Buben die aufgespießten Tünenschmetterlinge verächtlich aus den Händen warfen, um vom Mord solch eines großen Geschöpfes zu träumen, und Männer in Südwestern und weißen Strandkappen eifrig erzählten, wie reich ihre Jagdbeute einst gewesen war. Ter Junge hatte ein Tellerchen neben sich stehen. Er bettelte. In unbewußtem schneidendem Hohn ließ er die hochgebildete Gesellschaft den widrigen Anblick bezahlen, den er ihr bereitete. Aber es ohrfeigte ihn keiner dafür. Derjenige, welcher das Tier erlegt hatte, stand noch in Tirolerhut und Lodenjoppe, die das See wasser arg mit- genommen hatte, im Kreise einer Gesellschaft, aufgeregt berichtend, wie es gewesen war, wie sie auf der Sandbank wartend, lauernd gelegen hatten, die Büchsen rm Anschlag, wie der Seehund anfgetaucht war und Weeder untergetaucht, nud wie sie ihn endlich überlisteten, alle Einzelheiten des Fanges. Plötzlich deutete er lebhaft nach der Art Hühnerstiege, welche zur Bequemlichkeit der Badegäste von den Dünen zum Strand hinab angelegt worden war, und neben der, im tiefen Sand watend, weil er vorsichtig den von Gott geschaffenen Dünen williger vertraute, als dem Werk von Menschenhand, jetzt ein Mann in Schifsertracht herabkam, mit kurzem, ergrauendem Vollbart und goldenen Ohrringen in den sehr großen Ohren. „Sehen Sie, das ist der alte Seebär selbst! Kommen Sie! Kommen Sie! Es wird Ihnen Spaß machen, ihn kennen zu lernen." „Wer ist der Mann denn?" „Wer er ist? Tobias? Tobias Dresden! Ter alte Seehundsjäger, die größte Sehenswürdigkeit der Insel." lind auf die Jagdbeute deutend, redete er den Alten an. „Nun, Tobias! Heut sind wir mal nicht umsonst losgesegelt! Ein prächtiges Stück! Was?" ' Ter Mann sah den Durchnäßten an, in einer Art Lächeln seine weißen, viereckigen Zähne zeigend. Dann schüttelte er bedächtig den Kopf. Man konnte seine Jahre schwer bestimmen. Der Körper war kraftvoll. Ans dem Gesicht, das Wind. Sonne und Wasser gebräunt und gekerbt hatten, wie die Schale einer Walnuß, schaute ein Paar hellblauer, scharfer Augen. „Snack'sches Volk, die Herrschaften!" O, warum denn? Weil wir auf Seehundsjagd gehen? „Tat 's so. Kain schlng Abel tot, nich? Von der Zeit an is teilt Frieden mehr bei den Menschen nnd beim Vieh auch nich." „Sieh mal! Sie sind ja ordentlich bibelfest!" „Mag ich wohl sein, Herrens! Ich hab' ein, die is all hundert un fiftig Jahre alt. In der lesen wir jeden Abend 'n Kapitel, Bro'er un ick." „Einen Bruder haben Sie auch?" „Jo, en jongeren Bro'er." „Aber verheiratet sind Sie nicht?" „9tee, nee, bün ick nich. §e ook nich. Man he is noch jong." „Und in dieser hundertfünfzig Jahre alten Bibel steht etwas von Seehundsjagden?" „'s steht 'r in: „Tn sollst nicht töten, und: Wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden." „Seehundblut soll damit auch wohl nicht gemeint sein?" ■ _L.l _J-J „Weiß ich nich, Herrens. In Gott's Wort steht: Blut." „Das ist einzig! — Aber wenn Sie's so streng nehmen — der Gauner gönnt bloß unsereinem die Felle nicht! — Sie selbst schießen doch Seehunde, Freundchen!" "Im Winter, wenn kein einziger Kurgast auf der Insel ist, der Sie dazu verführt! Viele Seehunde!" „Jo, beete, beete Seehunden." „Sehen Sie mal! Und das ist keine Sünde?" Tobias Breeden schaute den Frager mit seinen hellen Augen treuherzig pfiffig an. „Ick sied' jem ut, Herrens." „Was?!" Er meinte, die feinen Herren hätten ihn nicht ver- standen, und wiederholte stockernsthaft: „Ich sied'r den Thran raus, 't Fett, berstahn Se? Tas gibt viel Geld in Norden." „Und weil's Geld bringt, darum ist's kein Unrecht? Sie sind ja ein richtiger Jesuwiter, Alterchen!" „Jk bün en armen Kerl", sagte Tobias Breeden, rückte seine Mütze und ging seines Wegs, unerschütterlich überzeugt, daß einem armen Mann zu seinem Unterhalt der Seehund Fell und Leben lassen muß, aber nicht reichen Leuten zum Spaß. So trennten sie sich, jeder Teil durchdrungen bott der ausgemachten Störrigkeit des andern. „Snack'sches Volk," murmelte der Schiffer, während er den mit dem Steigen der Flut immer lockerer werdenden Strand entlang watete. „Snack'sches Volk." Seine ölgetränkten schweren Stiesel beengten ihn. Er hockte aus den Boden nieder, und zog sie samt den Strümpfen aus. Die nackten Füße mit den hervortretenden Ballen hinterließen eine charakteristische Spur im Sande. Breedens wohnten nicht im Torf. Ihr Haus lag eine halbe Stunde abseits mit einigen andern auf einem Dünenarm. Besonders dicht bewachsene Thäler mit zum Teil seltenen Pflanzen zeichneten dieses Stück der Insel aus. Auch fanden sich hier in die Dünen eingeschnittene Vertiefungen, Gärten genannt, in denen allerlei Gemüse, besonders Kartoffeln, gediehen. Grasbewachsene Wälle schützten sie bor Versandung. Denn unablässig strich der! Nordwest über die Insel, nnd was er fassen konnte, Baum, Strauch oder Kraut, dem blies er das Lebenslicht aus, es peitschend mit stechenden Sandkörnern, es überschüttens begrabend unter den trockenen, sengenden Wellen, die er! daher wälzte. Aber die Dünen hoben abwehrend ihre breiten Rücken ihm entgegen, und von ihrer Umwallung geschützt, wagten fröhliche Pflanzenkinder dre Blumenaugen aufznschlagen zum belebenden Sonnenstrahl, ^edes Thal hatte seine besondere Farbe, dre wechselte mit der Jahreszeit. Hier kleideten zahllose wilde Stiefmütterchen die Abhänge in ihr warmes Veilchenblau. Dort leuchtete der Sand golden von ganzen Lagern von gelbem Wiesenschaumkraut und gelbem Klee, dort zog sich ctn brennend roter Teppich durch die Niederung, gewebt aus hundert- tausend Sternblümchen des Tausendgüldenkrauts Werts Thäler überspannt das feinblättrige Dünenroschen mit seinen dunkelgrünen Ranken nnd seinen zarten, vergänglichen Blüten: andre überwucherte der Sanddorn. Unter dem einförmigen Graugrün feiner Matter schimmerten Büschel blasser Orchideen und die matblumenhaste Ptrula hervor. , . Tobias Breeden ließ die Badezelte im Rucken und wandte sich landeinwärts. Jetzt zeichneten ferne Fuße keine Spur mehr. Er versank ber jedem Schrrtt brs über die Knöchel im tiefen Sand des Fahrwegs. Mchchtvohl trat er nicht seitwärts, erfüllt von der fast abergläubischen Verehrung aller Jnselfriesen für die Pflanzendecke, dre ihre Schutzwälle, die Dünen, zusammenhalt. Schon grüßte der erste Dachgiebel der kleinen Kolonie über die Höhe. Dies Häuschen lag etwas.vorgeschoben. Es gehörte der Witwe eines Schiffers, Marinka ^urgens, von den Krtrgästen einfach Mutter Marinka genannt, und war tote alle auf der Insel sauber, ja kokett,, als toars aus der Spielschachtel genommen. Ein Bachteinhaus nut leuchtend rotem Ziegeldach, dessen Färbenglut durch kern Atom Kohlenstaub je gedämpft wurde. Dre Thur tn der Mitte, grün angestrichen; zwet Fenster rechts, zwet Fenster links, ein kleiner Giebel obenauf. Zur Bequemlichkeit der Sommergäste, die gern einen Seehundschnaps oder eilte Tasse dicklichen Kaffees bei Mutter Marrnka tranken, hatte die Witwe zwei vorn offene Holzkasten an der Vorderseite des Häuschens anbringen lassen als ^hutz vor der Sonnenglut und dem schneidenden Nordwest. An der Hinterthür des Häuschens blieb Tobias Breeden stehen. Ein Mädchen scheuerte da einen Milcheimer. Er sah ihr zu, steckte die eine Hand in die ^a,che und Pfiff. Eigentlich wollte er ihr gern etwas sagen. Nur siel, ihm nichts ein. Zu dumm, daß man reden muß, um es einem Menschen zu verdeutlichen, wenn, man etwas auf ihn halt. Tie Leute schnacken ohnehin zu viel, besonders die^Frauensleute. Na, aber so ein junges Ting verlangt das za wohl! Tas Mädchen sah den Alten stehen, scheuerte, als gält's die Seligkeit, und sagte nichts. „Süh, Ebba, do büst jo", rang sich der Schisser endlich ab. Es klang sehr freundlich. Ja, Tobias. Ta bin ich. Da bm ich alle Abend. „Jo, Ebba, do bist Tu. Un so is't god." „Mag sein, auch nich." m , "Doch, Ebba, doch. Büst en flinke Deern. Laut man sien." Tat's wat. Ick fegg, dat's wat." „'ne Bütt voll blanke Dahlers war' mehr." „Tas eine holt's andre. Flink sin is 'n Brutschatz> Ebba." , ., „ „Tie Freiersleute rechnen es da man inch für. „Verständige wohl. Ick bin veertig Johr'n in der Welt herümmerstrokt von'n eenen En' bet to n annern, kannst mi glöven: blanke Erbdahlers, de kann een licht verdohn. Man wat he is, dat blift he, un jeder is sines. — 169 Die Geisterkutsche. Novellette von A. Scho eb eI. (Nachdruck verboten.) Die beiden Herren saßen nach einem gemütlichen Familjendmer im Rauchzimmer. „Aber, das ist doch wohl nicht möglich, lieber Freunds — das ist doch Wohl nicht möglich!" Der Baron rückte ein wenig zur Seite, erschreckt und verblüfft. Gleich, darauf trat das gewohnte behagliche Lächeln auf sein offenes, frisches Gesicht. Der Angeredete, ein bekannter Arzt, und dem Hause des Barons eng verbunden, nickte dreimal mit einem starren, kalten Ernst. „Es ist so. Ich glaube an Geister." „Geheimrat!" „An böswillige, schädliche, schändliche Geister." „Davon haben Sie ja noch nie gesprochen." „Weil ich noch nicht danach gefragt worden bin!" „Sie, der aufgeklärteste Mann des Jahrhunderts, Mediziner, Psychologe —" „Trotz alledem!" „Wer dafür müssen Sie mir eine Erklärung geben, eine bündige, stichhaltige Erklärung, hören Sie, Doktor?" Der Baron wagte es noch immer nicht, seinen früheren Platz einzunehmen. Der Arzt zündete sich eine frische Zigarre an. Nach einem eigentümlichen Schweigen, wahrend dessen in der Seele des alten Mannes ein geheimer Kampf sich abspielen Glückes Schmied." Er schob ein Priemchen Tabak in den Mund. „Heft Niklas nich seihn, Ebba?" „De sitt 't wol all bi Ji to Hnus." Jk gah denn ok. Ebba, hm — Niklas —" Er lachte, er zwinkerte mit den Augen und schüttelte die Stiefel in seiner Hand. He? Wat nu?" „Ich weiß nich, was Du sagen willst." „Nu ja, nu ja, Du weetst't nich. Kann Warden as 't schall. Un as't anners würd, harr ik'r ook nix gegen. Nee, gor nix. Un Flinkheet is wol 'n Brutschatz, Ebba. Dat lat man sin." Er nickte ihr zu und watete, sein Priemchen kauend, weitbeinig über den Dünenkamm, unter dessen zertretenen Sandhaferbüschen überall der nackte weiße Sand hervorquoll. Sein Haus lag etwa einen Büchsenschuß entfernt. Rechts und links neben der Thür blühten ein paar Sonnenblumen. Sonst war das Vorgärtchen wüst, versandet. Ueber dem Eingang stand ein Spruch! „Bis hieher hat uns Gott geführt. Er Helf' weiter. Amen." Und darunter: „Dies Haus hat gebaut Fan Tobias Breeden und seine Ehefrau Anna Katharina Jansen. 1789." Tobias mußte sich bücken, um unter dem Thürbälken durch auf die mit Backsteinen ausgelegte Diele zu gelangen, die das Hans quer durchschnitt; die Thür am andern Ende führte auf den Hof. Rechts lag die Stube, eine Stube nach Urväterart, ein Schaustück, das kein Gast, der die Insel besuchte, in Augenschein zu nehmen versäumte. Der Raunr war niedrig, die Decke von drei schweren Balken getragen. Bis zur Fensterhöhe zog sich Holztäfelung. Von da ab aufwärts bekleidete eine billige Tapete die Wände; doch wurde ihr stilwidriges grelles Blau beinahe völlig verdeckt durch hunderterlei Raritäten, Flinten, Netze, Bilder, Haussegen, den mächtigen Kleiderschrank, der auf seiner einen Thür in erhabenem Schnitzwerk Adam und Eva und den Baum der Erkenntnis von einem Blumenkranz umschlossen trug, und auf der andern des Herrn Himmelfahrt. Der Thür gegenüber lag die Feuerstätte, eine einfache Eisenplatte, auf Backsteinen eine halbe Spanne über den Stubenboden erhöht. Ein mächtiger Rauchfang wölbte seinen Mantel darüber, und die Rückwand war zum Schutze gegen die Flamme mit Kacheln bekleidet, die auf weißem Grunde blaue Segelschiffe, Windmühlen und Kühe zeigten. Eine sehr kunstvolle holländische Uhr tickte in altersbraunem Gehäuse. Sie wies außer der Zeit das jedesmalige Mondviertel auf einem blauen, sternbesäeten Himmel über dem Zifferblatt. Vor den Fenstern stand ein Tisch, beladen mit Bernsteinsplitterchen, Muscheln, Möven- eiern, eigenartigen Tanggebilden —, Strandgut, das Tobias und sein Bruder bei ihren Wanderungen anflafen, und an weniger geschickte Raritätensucher verkauften. (Fortsetzung folgt.) mochte, begann er mit einer tiefen, seltsamen Sftmme zu erzählen: „Das ist nun alles lange her, ein Jahrzehnt und länger. Die ganze Sache lag in einem Winkel meines Herzens begraben, dort, wo die traurigen Geheimnisse unseres Lebens ruhen, wissen Sie. Wer heute ist jene Erinnerung, jener elende Spuk ans Licht gestiegen." Er legte die. Zigarre nieder und blickte seinen Gefährten aus klaren, blauen, vom Alter kaum gebleichten Augen an. „Die Gräfin M. ist tot", sagte er dann fest, laut und sehr sicher, mit einem gewissen zitternden Triumph im Klang seiner Stimme. Der Baron sprang auf, drehte fich einmal um sich selbst, als habe ihn ein Schuß getroffen, und setzte sich dann, fassungslos. „Die schöne Cölestine! Tot", stammelte er erbleichend. „Aber ich habe sie noch vorgestern aus dem Balle der Landschaft getroffen —" „Ganz recht. Sie trug den berühmten Perlenschmuck ihrer Vorgängerin und weiße Seide. In diesem Anzuge besuchte sie auch gestern ein Fest und stürzte sich gegen Morgen nach der Heimkehr aus einem Fenster van Schloß M. Ick) selber habe sie gesehen. Die Perlen, ihr weißes Kleid und das schwarze Haar waren rot von Blut. Man hat sie an derselben Stelle gefunden, wo, hm —, am Todestage der verstorbenen Gräfin —" „Doktor! Ein gräßlicher Zusammenhang muß bestehen zwischen dem Schicksal dieser beiden Frauen —" „Gräfin Cölestine lag zerschmettert auf derselben Stelle, wo in der Sterbestunde ihrer Vorgängerin die Geisterkutsche hielt." Der Baron blickte sich scheu um. Von neuem stiegen ihm Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit seines Gastes auf. Seine Lippen erzitterten, aber er wagte es nicht, eine Frage zu thun. Der Arzt sprach weiter, mit gesenkten Lidern, jetzt ohne den Triumph in der Stimme. , „Ich habe die erste Gräfin M. schon in ihren Kinderjahren gekannt. Sie war das sanfteste Geschöpf, dem ich je begegnet bin, von einer zarten, elfenhaften Schönheit. Die Adern schimmerten wie ein Netz durch ihre Haut, und ihre Augen hätten, mein' ich, im Finstern leuchten müssen. Ihr Herz zeigte sich schwach und zerbrechlich, keinen Stürmen gewachsen. Eigentlich, hätte sie niemals heiraten dürfen, aber seit fie als siebzehnjähries Mädchen den Grafen M. kennen gelernt, war sie derartig blind begeistert für diesen schönen Don Juan ,der hauptsächlich um ihr unermeßliches Vermögen warb, daß es einem Todesurteil für die arme Marie gleichgekommen wäre, wenn ich die in Aussicht genommene Vermählung verhindert hätte. Und wie es häufig vorkomüit bei derartigen Leiden, die jeder ärztlichen Vorhersage zu spotten scheinen, die junge Frau blühte auf, eine leichte Rote belebte ihr holdes Gesicht, und das Herzleiden machte keine weiteren Fortschritte. Sie durfte sogar gesellig leben, hierin den Wünschen ihres Mannes folgend, den sie anbetete, und der seine bösen Leidenschaften zu unterdrücken schien, seit er einen solchen Schatz zur Seite hatte. Der Baron konnte sich nicht enthalten, ein wenig boshaft zu lächeln. „Gehaßt scheinen Sie die junge Gräfin nicht zu haben, Geheimrat", warf er ein. „Ich hätte bereitwilligst mein Leben gegeben, um das ihre zu retten! Sie glich in ihrer sanften Anmut meiner verstorbenen Tochter, dem einzigen Kinde, das id), je besessen, und wurde nicht müde, mit mir von dem verklärten Liebling zu sprechen. Sie hatte allerlei kleine Unvollkommenheiten in die Ehe hinübergenommen, die sie nur reizender machten. Sie blieb scheu, furchtsam, verschüchtert, und konnte sich von einem blinden Werglauben nicht losreißen. Sie stöberte gern in alten Chroniken und muß auf diese Weise auch von einer gespenstischen Erscheinung Kenntnis erhalten haben, welche sich den Bewohnern von Schloß M. von Zeit zu Zeit zeigen sollte, von der Geisterkutsche." „Von was für einer Kutsche, Doktor?" „Von der Geisterkutsche. Sobald dem gräflichen Geschlecht M. ein Todesfall bevorsteht, soll in der Nacht vor Dein Hauptportal des einsam gelegenen Schlosses eine offene Kalesche vorrollen, — unhörbar, gespenstisch. Die schwarzen Pferde, mit welchen fie bespannt ist, zeigen sich, durchwein helles Wiehern an ,im Fond erhebt sich eine weiße Gestalt, winkt dreimal, — und fort jagt die Kutsche, ohne daß man auch nur einen Laut vernimmt." 160 „Wer das ist ja Wahnsinn, Doktorl" „Werden Sie das weiter behaupten, wenn ich Ihnen durch einen Eid bekräftige, daß ich selber die Kutsche mit diesen meinen Augen gesehen habe?" Der Baron schüttelte unmutig den Kopf, — sein alter Freund fuhr fort: „Im fünften Jahre ihrer Ehe begann Gräfin Marie zu kränkeln, aus einer geheimnisvollen Ursache, die sie mir und jedermann verbarg. Eine fürchterliche Angst prägte sich in ihren Zügen aus, und als sie zum Liegen kam, bat sie mich, ihr zu erlauben, daß sre iHv großes düsteres Schlafzimmer mit einem heiteren gelben Salon vertauschen dürfte, dessen Fenster über dem Schloßportal gelegen waren. Ich hatte kein Arg, und freute mich ihrer Uebersiedelung in den sonnigen, Hellen Raum. Durch einen Zufall kam ich auch hinter den Grund ihrer Krankheit. Sie litt an einer qualvollen Eifersucht, infolge des häufigen Zusammenseins des Grafen mit einer schönen Abenteuerin, die seit kurzem in der Gegend aufgetaucht war, und durch ihren Luxus und ihre Ueberspanntheit viel von sich reden machte. Insgeheim sagte man ihr eine böse Vergangenheit Mtd ungeheure Schulden nach. Sie nannte sich Marquise v. L. und hatte einen reizenden Landsitz, nicht fern vor: Schloß M., gepachtet. Die häufige Wwesenheit des Grafen Vvtl seiner Häuslichkeit brachte man mit der schönen Frau in Verbindung, die in der That fesselnd wirkte durch ihre herrliche Gestalt, die feurigen Augen und das blitzende Raubtiergebiß»" „Cölestine v. S." stammelte der Baron, und schob finster die Brauen zusammen. „Mehrere Monate waren verstrichen, — das arme, kranke Herz der kleinen Gräfin zuckte und zitterte wie das eines geängstigten Vögelchens, — sie schwand dahin gleich einem Schatten. Ihr Gatte behandelte sie nicht roh und gleichgültig, er widmete ihr manche Stunde, aber Marias feines Empfinden spürte, daß etwas anders geworden sei, sie fühlte, daß der leidenschaftlich Geliebte mit seinen Gedanken fern von ihr weilte, wenngleich er an ihrem Lager sah. Gegen das Leid, das ihr Herz brach, gab es kein medizinisches Präparat." „Da wurde ich eines Nachts durch den Reitknecht des Grafen herausgeklingelt. Der Fuchs, den ich für die Besuche bei meiner ländlichen Klientel zu benutzen pflegte, war rasch gesattelt, und mit dem Sturmwind um die Wette jagten wir über die Heide. Schloß M. lag da gleich einer phantastischen Burg, lange Epheuranken wehten gespenstisch von Söllern und Erkern wie Trauerfahnen, und die Fenster blinkten im Mondlicht. Die Ahnung von etwas Schauerlichem wollte mich beschleichen." .Ich fand die Gräfin in einem mir unerklärlich^ Zustand, in Schweiß gebadet, zitternd und mit Thränen in den Augen. „Doktor", flüsterte sie mir zu, „ich weiß nicht, ob es ein Traum war, oder eine Halluzination, aber ich habe die Geisterkutsche gesehen, — sie ist gekommen, mich zu holen, fort von Edgar, dahin, wo man auf ewig verschwindet!" Und sie schluchzte herzzerreißend. Ich verwünschte innerlich den gelben Salon mit seiner Lage über dem unheimlichen Portal. „Wer erst jetzt beginnt die Geisterstunde", sagte ich unter einem Versuch zu scherzen auf die Kaminuhr weisend, die in diesem Augenblick mit einer besonders Hellen Stimme die zwölfte Stunde auszurufen begann. Als der Klang verstummt toar, ertönte ein durchdringendes Wiehern vor dem nur für festliche Gelegenheiten reservierten Hauptporial, und ehe ich es hindern konnte, war Gräfin Maria aus dem Bett gesprungen und ans Fenster geeilt. Sie that einen gellenden, markmrch- dringenden Schrei. Mit ihr erblickte ich durch die bis zur Erde reichende Scheibe eine offene Kalesche mit Rappen bespannt. Eine weiße Gestalt erhob sich im Fond, winkte dreimal zu unserem Fenster herauf, dann stob das unheimliche Gefährt davon, ohne Hufgeklapper, ohne Räder- geroll." „Gräfin Maria sank in meine Arme, Dienerinnen eilten herbei, man holte den Grafen aus seinem Zimmer. „Ich muß sterben!" wiederholte die Unglückliche fortwährend mit riesigen Pupillen ihren Gatten anstarrend. Die unnatürliche Erregung über den unerklärlichen Vorgang zog ihr einen Herzkrampf zu. Noch ehe es eins schlug, war sie tot!" Der alte Mann senkte den Kopf. Er seufzte tief und schwer. Dann sprach er leise weiter. „Der Graf gab sich einem Schmerze hin, unter dessen Heftigkeit ich das bös« Gewissen ahnte. In mir hatte sich ein Verdacht erhoben, der imnier stärker wuchs und mir unäbweislich erschien, als nach Wlauf von anderthalb Jahren der Graf fraji ganz plötzlich im Ausland mit jener Schönheit Cölestine vermählte, die seit der Witwentrauer M.'s aus hiesiger Gegend verschwunden gewesen war. Nichts in der Welt könnte mir die Gewißheit umfloßen, daß jene Elende, bekannt mit Marias abergläubischer Furchtsamkeit, eine schändlich« Komödie in Szene gesetzt, und selber aus jener Geisterkalesche hervorgewinkt hat, um den Tod ihrer Nebenbuhlerin zu beschleunigen, nach deren Namen itni> Vermögen es sie längst gelüstete. Die Pferdehufe mochten mit Dämpfern, die Wagen-, räder mit Gummireifen versehen gewesen sein. Ein« Mörderin war jene schöne Frau, und nremand auf der Erde konnte sie richten!" Die Stimme des alten Mannes nahm wieder jenen ehernen Klang an, mit welchem er zuerst von dem Ende der Unseligen berichtet hatte. „Nun hat sie selber Gericht gehalten über ihre finstere That!" Der Baron atmete schwer. „Gräfin Cölestine galt für eine glückliche, beneidenswerte Frau, ihre Schönheit leuchtete förmlich, — Schloß M. hallte von Festen wieder!" Der Arzt faltete seine Hände. Wer blickt in die Seelen? Wer sagt uns, durch welche heimliche Folter die Verbrecherin' dazu getrieben wurde, ihre Schuld dort zu sühnen, an eben der Stelle, wo diese Schuld begann?" Die beiden Männer schwiegen lange. Dann sagte der ältere, der Arzt: „Und nun werden Sie mich nicht länger für unzurechnungsfähig halten, lieber Freund, wenn ich Ihnen noch einmal erMre, daß ich fest an böse, schädliche und schändliche Geister glaube, freilich »richt an die zurückkehrenden Seelen unserer ftilleit Toten, sondern an unheilstiftende, in ihrer Bosheit auch das Heiligste mißachtende Geister unter den Lebenden! Sie sind die wahnen, schreckenden Gespenster, vor denen wir uns hüten sollen, die ihr Wesen tit lichtscheuen Stunden treiben, die unser Inneres mit Grauen füllen, die bctrlauf ausgehen, Glück zu zertreten —" Der Baron seufzte. „Und die sich uns nahen in gaukelnder Gestalt, lächelrck» verführerisch, wie jene Cölestine --" Er senkte den Kopf und schloß die Äugen, als sähe auch er ein Gespenst vor sich auftauchen, schön und lockend aber, die Hände gefüllt mit böser Saat. ,_L... Preisrätsel.*) Rösselsprung. (Nachdruck verboten.) tra der wie tert dir heit see gen hei gen Mensch die feuch den mit zu wird er le . le fra er ti ben U tert bu ters schmerz lerne wci dein sich gm willst schäf auch ti eig dich IC sen gen nen be ben kräf du edel *) Lösungen sind mit Aufschrift: „PreiSräisel-Lösuttg" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Girßentk Famllienblället!" einznsenden. Auflösung der Charade in vor. Nr.: Pomade. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn UniverfitiitS-Buch- und Cteindrnckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.