Mittwoch den 15. Januar. 1902. — Nr. 8. 3 4 cc große Mann geht seiner Zeit voraus, f Der Kluge geht mit ihr auf allen Wegen, 1 Der Schlaukopf beutet sie gehörig aus, Der Dummkopf stellt sich ihr entgegen. Bauernfeld. Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) „In meiner grenzenlosen Vereinsamung", fuhr Marita fort, „beschwor ich Gott und die seligste Jungfrau um einen Lichtblick, um die Hilfe einer einzigen befreundeten Seele, die mir raten, mich unterstützen könnte — da kam mir der Gedanke an Dich, teure Stefanie, und an Deine herzlichen Worte in Deinem letzten Bries, worin Du mir Deinen Eintritt in deni Kloster zu Wien mitteiltest. Freilich waren Jahre seitdem verflossen, doch Ihr friedlichen, genug- samen Seelen wechselt und verlaßt nicht so leicht, wie wir lebensdurstige Weltkinder, eine einmal erkorene Stätte. Diese Hoffnung trieb mich her, auf gut Glück bis zur Klosterpforte; hätte ich Dich nicht gefunden, ich würde wohl an Eurer Schwelle zusammengebrochen sein!" „Und unsere Schwestern hätten sich freundlich Deiner angenommen , liebe Marita. Abgesehen davon, daß sie niemanden, dein sie helfen können, trostlos ziehen lassen, K Du ja noch besondere Rechte hier als einstiger Zög- j des Ordens. Wie glücklich aber bin ich, daß Du Dich unserer gemeinsamen Jugendzeit, und Deiner alten Stefanie erinnert — nun darf ich Dich trösten, und pflegen, damit Du arme Clarita wieder Mut itnb Kraft gewinnst." „Ja, querida, Du hast Recht, Mut und Kraft thut mir not; denn es liegt ein weiter, dunkler Weg vor mir!" „Rede jetzt nicht davon, teure Freundin, zunächst bedarfst Du der Erholung nach all' dem großen Kummer." Clarita sc mttelte den Kopf. „Nein, Stefanie, laß mich reden — laß mich Dir gleich alles sagen, was bereits in meiner Seele zum Entschluß gereift ist. Ich werde meinen Gatten suchen, und sollte ich bis nach Sibiriens Eisregionen wandern müssen. Wir gehören zu einander, Freud und Leid mit einander zu tragen, haben wir vor Gottes Altar gelobt. Freilich, liebe Stefanie, weiß ich ks jetzt — es war ein Gott vergessener Leichtsinn, mit dem wir uns die Trauung erschlichen, und meine teuren Freunde täuschten. Don Jose würde nimmer in die Ver- heunlichung unserer Vermählung gewilligt haben, und ich stunde heute einer fremden, kalten Welt anders gegenüber tote eine arme Frau, die selbst ihr Recht wird er- rstmpfen müssen. Doch ist es meine eigene Schuld. Alexis würde sich in alle Forderungen Don Joses gefügt haben, — hätte ich darauf bestanden, aber meiner leidenschaftlichen uscheu Liebe bangte vor dem Scheiden — vor ungin-.chseni Warten! Ich wollte keine Trennung von wenigen Wochen oder Monden ertragest, und nun — sind Alexis und ich geschieden, getrennt fast ohne Hoffnung auf Wiedersehen vor dem Tode! Meine Strafe ist schwer, doch gerecht. Indem ich mich derselben beuge, lebt tröstend das Bewußtsein in mir auf, den Folgen des beguügeiicit Fehlers mutig begegnen, meine jetzige Pflicht treu erfüllen zu wollen. Ich gehöre zu Alexis. Ich muß Klarheit über sein Schicksal haben. Unt diese zu gewinnen werde ich nach Petersburg zur ersten Quelle gehen in Alexis' Elternhaus. Sein älterer Bruder, seine Stiefmutter, seine Freunde — sie müssen mir helfen, ihn zu retten, und sollte ich mit meinen Bemühungen bis zum Zar bringen müssen. Gott wirb mir helfen Alexis' Unschuld an den Dag zu bringen — er hat fein Verbrechen begangen. Ich weiß bas geling, und tollte alle Welt ihn für schuldig halten, ich vertraue ihm!" Es lag etwas Ergreifendes in dieser festen Zuversicht der armen, verlassenen Frau. Stefanie vermochte kaum, ihre Thränen zurückzuhalten über die bittern Zweifel, die sich ihr aufbrängten; verzeihlicherweise traute sie dem- jentgen wenig, von bent sie thaisächlich nur das eine wußte, wie unsagbar leichtsinnig und unbedacht er einem jungen, ihm völlig vertrauenden Wesen gegenüber gehandelt, dessen Schutz und Stütze er sein mußte. Allerdings erkannte er in den letzten selbst geschriebenen Zeilen diese seine Schuld an. Dies versöhnte wohl in etwa das milde Herz der Klosterfrau, aber ihre unbestochene Vernunft schob doch leise eine Frage über die Glaubwürdigkeit von Herrn und Diener ein. Daß letzterer nicht auf» zufindeu war, blieb verdächtig, und dadurch nur allzu leicht der ganze Bericht. War die arme Clarita am Ende nur das Opfer einer schmählichen Jntrigue? Konnte jene, Alexis Ornatoff nicht lediglich ein Betrüger, ein Abeni teurer sein, der die schöne, vermögende Clarita betröget belogen, und endlich schmählich verlassen, um sich durch ein geschickt ersonnenes Märchen ihrer zu entledigen? Sfe» ruhten indes auch die gemachten Mitteilungen auf Wahrheit, blieb es da anderseits undenkbar, daß jener unbedachte, heißblütige Mann im Augenblick heftigen Zornes wirklich ein, Verbrechen begangen hatte? Was aber hieß dies für seine junge Gattin? Sein Name war der ihre — dessen Schimpf ihr Schimpf, selbst abgesehen von der Gefahr, welcher sich möglicherweise die Frau des Verbrechers aussetzte, wenn sie unbekannt mit den Verhältnissen und Landessitten nach Rußland ging, und sich einer Familie aufdrängte, in die sie sich eingeschlichen, und welche sie vielleicht nimmer anerkennen würde? Nicht klar, nur im Fluge, blitzähnlich zogen solche Zweifel durch Stefanie's Sinn, und wie sehr sie sich auch 30 Miete, denselben irgend welche Worte zn leihen, so las die scharssichtige Clarita solche doch in den reinen, kmd- lichen Zügen, denen Verstellung sremd war „Du trauest meinem Alexis nicht völlig!" sagte sie daher plötzlich kummervoll. „Du kennst ihn eben nicht, sonst wäre das unmöglich." . „Wüßtest Du, wie wir uns liebten, Du hattest kernen Raum sirr Zweifel. Ich kenne keinen solchen. Doch zu Deiner Beruhigung, liebe Stefanie — steh unfern Trauschein — die Trauung ist legal vollzogen, sre rst unanfechtbar, und unlöslich, wir sind ja berde katholisch, denn Alexis ist in der Religion seiner polnischen Amtier aetauff — Da ist das Dokument, sowie Geburts- und Todesschein unseres Kindes, endlich hier Alexis Briese mit seiner vollen Namensunterschrist Alexis Jwanowrtsch Orna- toff. Auch meine persönlichen Papiere sind alle rn guter Ordnung, dazu überhebt rnein Vermögen mich jeglicher materiellen Sorge. Rein, aus Grund dieses alles fürchtete ich die Welt nicht, zweifle nicht an ihrer Anerkennung meines Rechts. Doch frage ich danach nicht einmal, es handelt sich mir vorab darum, Alexis' Geschick zu ergründen —■ dabei möchte ich ihn aber um feinen Preis schädigen, oder etwa feine Sache gefährden durch ein vorzeitiges Bekenntnis unserer Vermählung. Jcy weiß nicht, manchmal erfaßt mich eine wilde Furcht, gerade diese möchte die Grundursache seines Unglücks sein. Jeden- salls ist sie die indirekte Veranlassung — denn um meinetwillen, um mich nicht einsam zu lassen, entfloh er vor der Verhaftung — nicht aus Schuldbewußtsein. Es galt aber wohl dafür, und brachte ihn in eine Lage, die enfletzlich schwierig sein mußte, da er in dieser unsere Vermahlung nickt bestaunt geben wollte. Wie er darüber geschwiegen, will auch ich schweigen — besonders da unser Kind ja nicht mehr lebt. Alexis selbst soll es Vorbehalten bleiben — mich den Ornatoff's als seine Gattin vorzustelten. Ich nahe mich diesen nur als Fremde, so Alexis Nutzen das nicht anders erfordert. Dies muh ich ergründen, und zunächst in Petersburg selbst Erkundigungen einziehen. Dazu amiga, mußt Du mir behilflich sein, ^ch weist die weitverzweigten Verbindungen Eures Ordenshau^es reichen in die Welt, in die dortigen gebildeten und hohen Kreise, ja so ziemlich in die Aristokratie aller Länder hinein. Verschaffe mir Empfehlungen für Petersburg, verhilf mir zu einer vornehmen Protektorm tu der dortigen feinen Gesellschaft, zu der die Ornatoff's Unzweifelhaft gehören. Das wird meinen Weg sehr erleichtern." Die arme Clarita sprach von dem allen so entschieden, so sicher, als sei sie bereits auf dem Wege — ihre Wangen brannten dazu, und ihre Augen funkelten in unheimlichem Glanze. ' „Laß uns noch nicht vom Scheiden reden' — bat deshalb Stefanie innig — „selbstverständlich werden wir Dir helfen, soweit wir das können, vorerst aber bleibst Du bei uns, und dann — Du darfst Donna Frasqmtta, Deine mütterliche Freundin, wie Deinen treuen Vormund Don Jose nicht völlig vergessen. Sie werden Dir gleichfalls raten und helfen auf alle Fälle, selbst wenn Du nicht lieber zu ihnen zurückkehren, und es Don Jose überlasten willst, über das Geschick Deines Gatten Aufklärung fiu suchen? —" . r , r Clarita lieh die Freundin kaum aussprechen, hastig wehrte sie mit der Hand ab; denn ihre Stimme kämpfte mit leisem Schluchzen, ehe sie sagen konnte: „Nein, Stefanie — ich kann nimmer zurückkehren zu der verlassenen Heimstätte. Donna Frasquillo, ist tot, ste überlebte meinen Undank nicht lange. Vor einem Jahre ging sie hinüber in eine bessere Welt. Es war die letzte Mitteilung, die mir Don Jose sandte, danach ist auch er jur mich verschollen. Er ist wieder zur See gegangen, um dort zu leben und zu sterben. Indes, queriba, selbst wenn die traute Heimstätte noch bestände — für mich wäre sie so fest verschlossen, wie es mir unmöglich ist, Don Jose zu mir zu rufen, damit er mir beistehe, und den Gatten suchen helfe!" „So hat er Dir Deine rasche, eigenmächtige Handlungsweise noch nicht verziehen?" sagte Stefanie betrübt, indem sie gleich ermutigend beifügte: „Doch das darf Dich nicht schrecken: er wird vergeben, und Dir helfen, so Du ihm Dein Leid bekennst — Don Jose ist ein edler Mann!" _ ,. „Ja, er ist ein edler Mann; darin hast Du recht, Stefanie. Er hat mir längst verziehen; sein Herz kennt gegen mich keinen Zorn — nur Liebe! Ja, solch' heiße Liebe, wie ich es nimmer geahnt, ich lernte es erst verstehen und begreifen, als ich selbst liebte, und Donna! Frasquitta's Klage mir verriet, daß ich ihres Joses Lebeus- glück zerstört hatte. Durchaus hochherzigen Sinnes, hat er dem kindlichen Mädchen nie die Natur feiner Gefühle verraten, sich lieber selbst so lange verbannt, bis ich nach seiner Meinung alt genug sein würde, um mich selber zu verstehen, und unbeeinflußt wählen zu können. So war er, und ich —t ich dankte ihm mit einer aller Dankbarkeit, allem Vertrauen spottenden Heimlichkeit! Doch wie bitter auch sem Schmerz sein mußte, er lieh ihm keine Worte, er hatte solche für mich nicht mehr. — Du siehst jetzt wohl, teure Stefanie, wie wenig ich jenen Freund bitten kann, mir den Gatten zu suchen, der mich seinem Schutze entzog.- Nein, wüßte ich auch, in welchem Weltteile Don ^ose zufinden sei, mein Stolz, wie die Liebe zu meinem Gatten,- würde nicht dulden, ihm eine andere Mitteilung zu senden, als bereits geschehen ist. Von Breslau aus sandte ich dem Marseiller Bankhaus, das meine Geldgeschäfte besorgt, unb etwaige Korresponbenz mit Don Jose nach Möglichkeit vermittelt, ein Schreiben für biesen, worin ich ihm bert Tod meines Kindes, unb unsere Reise nach Rußland an- zeiqte. — Dabei muh es vorläufig bleiben. Don ^ose A Hilfe anzurufen, liegt unter den gegebenen Verhältnissen außer meiner Macht. Ich rechne nur auf Demen- Beistand, Stefanie; wWst Du mich tadeln?" „Ich glaube, wir find beide jetzt zu tadeln , ent« qeqnete Schwester Stefanie ausweichend. „Du, weil Du Dich zu wenig schonest, ich, daß ich Dich! so lange reden! ließ Doch, nun ist's Dir vielleicht leichter, unb ich bin bankbar. Deine Sorgen mit Dir teilen zu dürfen." Das gute Nönnchen hatte recht. Clarita war's leichter! ums Herz. Während sie sprach, war ihr selbst ihre Lage klarer, das, was sie unternehmen wollte, faßbarer, deul-i licher, und damit ihr bedrücktes Gemüt freier gewordem- Als Antwort auf Stefcmie's liebreiche Worte, in denen sich der ganze Reichtum eines treuen, teilnehmenden HerzenA widerspiegelte, glitt einmal wieder ein schwaches, liebliches! Lächeln über Claritas durchsichtiges Antlitz, dessen Schqu- heit Harm und Kummer ein eigenes Gepräge verliehen hatte. Die sanfte Stefanie sah es mit Besorgnis, und wohl im Hinblick auf die weite Reise nach Rußland, von der die Leidende so sicher sprach, dachte sie schmerzlich bewegt: Arme, schöne Clarita — ich glaube. Du bist auf dem Wege zu dem Lande, wo alles, selbst etn gebrochenes Herz Ruhe finden kann.' VI. Ich muß ihn finden. Zwei Freunde stehen Hand in Hand- Und nehmen Abschied still; Der eine zieht in fernes Land, Wie es sein Schicksal will, Behüt' Dich Gott! Nun muh er gehen! Wer weih, ob sie sich Wiedersehen! Altes Lied., Tage und Wochen waren vergangen, seit Clarila'H Lebensschifflein getrieben durch die Hochflut des Leidens! in dem friedlichen Klosterhafen Anker geworfen. Die dort herrschende Ruhe und Stille that ihr ungemein wohl nach all' bett Stürmen seelischer Erregung, die ihren Geist und Körper gebeugt und geschwächt, aber nicht gebrochen, wie Stefanie in schwesterlicher Sorge befurchtet hatte: sie irrte sich darin, ba sie die frische Kraft und Elastizuat vou Clarila's Jugend unterschätzt. Diese wahrte ihr Recht.- Wenngleich langsam, so erholte Clarita sich doch, und nicht allein ihre geschwächte Gesundheit erstarkte, auch ihre geistige Kraft und Leistungsfähigkeit kehrte gestählt zurück Mit ihr wuchs die Entschiedenheit, mit welcher dm junge Frau den innern Blick auf etn bestimmtes Ziel gerichtet hielt. Keine Emwendung, keine Freundessorge, keine Befürchtung vermochte es, sie zu beirren. Aus alle Vorstellungen ihrer Freundin hatte fle nur die eme zuversichtliche Antwort: „Stefanie — ich muß Alexis finden. All' mein Leben soll ein Wandern sein nach Dir, etn Ringen mit der Welt um Dich! - ich will nicht rasten, bis den Tod ich oder Dich gefunden! sprachen dazu gleichsam 31 ihre seelenvollen Augen, die, sobald sie nur ihres Gatten Namen nannte, einen Ausdruck annahmen, als ob sie über die Gegenwart hinwegschauend in weite Ferne blickten. Dies behinderte aber nicht, daß sie zwischendurch die Gegenwart aufs beste nutzte; denn ihr Plan hatte eine feste Gestaltung, eine bestimmte Form angenommen. Sie wollte nach Petersburg gehen, angeblich um dort Musikunterricht zu erteilen, um wenn nötig, vermittels dieses Vorwandes entweder in das Ornatosf'sche Haus selbst, oder doch in Kreise und Verhältnisse zu gelangen, wo sie Näheres über ihren Gatten und dessen Familienverhältnisse erfahren konnte. Nach Alexis Schilderungen mußte seiner Stiefmutter dort in den Kreisen der vornehmen Gesellschaft zu begegnen sein, vielleicht auch seinem älteren Bruder Wladimir, dem nunmehrigen Familrenhaupt. In dieser Eigenschaft mochte derselbe seine vagen Streifereien durch die Welt aufgegeben haben, um in Petersburg oder aus dem Gute im Innern des Landes zu bleiben. Wo immer es sei, sie wollte den einen oder die andere schon finden; sie sollten ihr Rede stehen. In Wladimir einen Helfer zu finden, darauf hoffte ihr ganzes Herz, dennoch mahnte eine dunkle, unbestimmte Ahnung sie zur Vorsicht. Alexis hatte ihre Vermählung verschwiegen, seine Handlungsweise beeinflußte auch jetzt noch die der vertrauenden, liebenden Frau. Um seinetwilley muhte alles ertragen werden; seinetwegen wollte sie, obgleich reich genug, um unabhängig zu sein; dennoch gegebenen Falles eine abhängige Stellung annehmen; ja um seinetwillen würde sie selbst nicht verschmähen, List gegen Jntrigue zu setzen, wenn eine solche, wie sie zuweilen annahchr, Alexis ins Verderben geführt hatte. —. Seinetwegen galt es, jeder Gefahr mutig trotzen, und endlich falls alle ihren Gatten verlassen hatten, ihü wirklicher Schuld zeihend, dann wollte sie allein an seine Unschuld glauben, und sich als seine Gattin bekennen, um sein Geschick mit ihm teilen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.) Und ist es denn nicht eigentlich sonderbar, daß allein wir Deutsche Schriftzeichen mit spitzen Formen schreiben? Di-' fleißigsten Schreiber waren die Mönche in den mittelalterlichen Klöstern. Sie schrieben tagaus, tagein, und um schneller zu schreiben, um Zeit zu sparen, um nicht so oft absetzen zu müssen, ersetzten sie die runde Schrift durch eine spitze und eckige. So entstand die deutsche Schrift, von der wir auch in unseren Tagen der Schreibmaschine- nicht lassen wollen- Im Altdeutschen finden wir häufig die Lautverbindung uo- Das „uo" schien den Abschreibern überflüssig zu sein. Um Raum zu sparen, wurde „o" über u gesetzt, und um schneller zu schreiben, schrieb man später nicht mehr das! ganze „o", sondern nur die untere Rundung: unser u» Häkchen, das nur in der deutschen Sprache vorkommt. In dm Zeiten Karls des Großen und der Ottonenj besorgten unsere Urväter die wichtigsten Geschäfte unter freiem Himmel; der Gerichtstag, der Reichstag fürchtete nicht das Licht der Sonne- Der freie Platz vor oder hinter dem Hause, den wir Hof nennen, und dem gewöhnlich geringe Achtung zu teil wird, war einstens der angesehenste Ort im Gehöfte- So hatte der König seinen prächtigen „Hof". Und wer zum „Hofe" des Königs sich einzufinden hatte, blickte gering» schätzend auf die anderen herab, so nicht „zu Hofe fahren"-, durften. „Fahren" freilich bedeutete nur gehen, wie wir! noch von „fahrenden Schülern und Sängern" sprechen, die doch blos auf Schusters Rappen reisten. Nur die Großen und Edlen konnten „zu Hofe fahren", und aus dieser „Hof» fahrt" erwuchs ihre Geringschätzung der anderen Sterb» nchen- Diese schlechte Eigenschaft besitzt heute auch so mancher, der gerade nicht zu einer Hossahrt auserwählt ist; In so alte Zeiten greift auch das Wort „vornehm" zurück. Im Frieden lebten die ■ deutschen Stämme ohne Anführer. Und im Kriege zog nur der vor dem Volke, vor dem Heere her, — der am besten den Weg und den Feind kannte. Dem „Herzog" wurden auf dem Schlachtfeld wohl Ehren erwiesen; im Frieden aber galt er kaum mehr als die anderen Krieger. Wer irrt Kampfe sich am mutigsten hervorgethan hatte, dem stand auch billigerweise der größt« Anteil an der Beute zu: er durfte seinen Anteil aussuchen, vor den andern nehmen, war mithin ein „Vornehmer";; Aus der Zeit des Rittertums sind manche Wörter! zu uns herübergekommen, die ihre Bedeutung verändert, haben. Wenn ein Ritter (Reiter) an einem Wirtshause zwar trinken, aber nicht absteigen wollte, so hatte er es gewiß sehr eilig; daher blieb er im Steigbügel oder im „Stegreif"^ Und so reden auch wir aus dem „Stegreif", wenn wir" gewissermaßen im Vorübergehen eine Rede halten, ohne daß wir gerade zu Pferde sitzen- Wir „heben" auch „die Tafel auf", und doch bleibt die Tafel an Ort und Stelle. Ursprünglich aber war die Tafel nur aus stützende Gestelle gelegt uird wurde nach dem Essen wirklich aufgehoben und an die Wand gelehnt- Iw dieser Bedeutung des Beendigens heben wir eine Sitzung, einen Beschluß auf. Nicht alle kampffähigen Männer konnten Ritter fein.' Die, so kein Pferd ihr Eigen nannten, mußten zu Fuße kämpfen, und hatten sie selbst kein Schwert, so führten sie eine eisenbeschlagene Stange, einen Spieß!- Daher; hießen sie! „Spießbürger". War der Spieß gar zu lang und schwer,- so schleppten wohl mehrere „Spießgesellen" daran- Beiden Ausdrücken hastet heute ein verächtlicher Beigeschmack an- In der Ritterburg waren das Herrenhaus und bad' Frauenhaus zwei verschiedene Gebäude. Der Raum, in dem sich die weiblichen Familienmitglieder aushielten, f)iefe das „Frauenzimmer". Erst im neunzehnten Jahrhundert ist dies! Wort in der Achtung so gesunken- In Lessings „Minna von Barnhelm" kommt noch oft ein „niedliches Frauenzimmer» chen" vor- Wenn wir vor den Namen eines weiblichen Wesens den Titel „Iran" setzen, so meinen wir regelmäßig ein verheiratetes Weib- Ursprünglich aber hieß Frau: Herrin und galt als ehrfurchtsvoller Titel auch für Unverheiratete- IM Nibelungenliede heißt die Jungfrau Kriemhilde hochachtungsvoll Frau Krimhild. So man dich also, munterer Backfisch, einmal Frau nennt, brauchst du es nicht gerade übel zu nehmen! Wer wie steht es eigentlich mit dem „Backfisch!"? Die noch nicht ausgewachsenen Fische, die mit großen, vollwertigen Fischen zugleich im Netze gefangen werden, taugen blos zum Sprachwandlmgen. Plauderei von Dr- L. Wiering. (Nachdruck verboten.) „Muttersprache, Mutterlaut! Wie so wonnesam, so traut! Will noch weiter mich vertiefen In den Reichtum, in die Pracht; Ist mir's doch- als wenn mich riefen Väter aus der Gräbesnacht! (M- v. Schenkendorf.) Au die „Väter" in der „Grabesnacht" hat unser feuchtfröhlicher Scheffel wohl nur so nebenbei gedacht, als er Tacitus in die „Germania" schreiben ließ: (sie liegen auf Bärenhäuten - // Und auch wir umschreiben mit diesem Ausdruck nur das anrüchige Wort „Faulheit". Ju den alten Zeiten aber, von denen Scheffel singt, war das Liegen auf der „Bärenhaut" eine wohlverdiente Ruhe- Denn der „Bärenhäuter" hatte sich dies Lager selbst erkämpft; und wenn er im Urwalde der Jagd ftöhnen wollte, so mußte er sich erst einen Weg „einschlagen", mit Axt und Beil das dichte Gezweig durchschlagen- Sobald wir einen „Weg ein» schlagen", so haben wir es viel leichter- Uns wird ja so Vieles leicht- Wie einfach und behende schreiben wir leine „illustrierte" Karte- In grauer Vorzeit aber war das Schreiben — das Ritzen in die Baumrinde — eine mühsame Beschäftigung. Das englische Wort für „schreiben": to write zeigt noch die Verwandtschaft mit >,ritzen". Mit der Bedeutung für Zeichnung finden wir dies Wort auch heute noch in: Umriß, Grundriß/ Aufrißi- Nicht geringe Qual machte das „Lesen". Die „weisen Frauen" schnitten Stäbe aus Buchenholz in bestimmten Formen Und legten sie dann in verschiedenen Weisen zu einander. Diese „Buchstaben" wurden aufgelesen oder „gelesen". In Aehrenlese, Weinlese lebt noch dieser Sinn. Wir freilich brauchen unsere Buchstaben nicht mehr zusammenzuholen. Nichtsdestoweniger wird den ABC-Schützen das Lesen doch schwer. Ihnen macht ja auch! bas Schreiben Plage, zumal fte gar „zweierlei Schrift" lernen müssen- Gebackenwerden. Darum bezeichnet man die erst „werdenden" Größen, die schier noch nichts sind und doch schon gern etwas sein wollen, als „Backfische". Und blane Strümpfe magst du schon tragen, namentlich selbstgestrickte; daraus wird dir niemand einen Vor- wurf machen; wohl aber, wenn du es so treibst, wie eine gewisse Gesellschaft von gelehrten englischen Damen im sechszehnten Jahrhundert. Klug reden konnten diese Damen wohl, nimmer Gescheidtes thun: sie füllten ihre Zeit mit Wortgefechten über gelehrte Gegenstände aus, die niemals eine praktische Bedeutung bekamen. Galten sie dadurch schon als wenig nützlich, so wurden sie noch durch den einzigen Herrn, der dieser Vereinigung angehörte, lächerlich: er trug nämlich Strümpfe von auffallend blauer Farbe. Danach wurden diese Damen und nachher alle gleichgesinnten „Blaustrümpfe" genannt- Anrüchig ist jetzt auch das Wort „Dirne", — plattdeutsch Kosename: mein Deren, Dern — entstanden, aus Dienerin, wie Maid aus Magd- Grimms Märchen vom Rotkäppchen beginnt: „Es war einmal eine kleine, süße Dirne-" ; Bei dem Namen „Braut" aber hebt wohl em Singen und Klingen in deinem Herzen an, lieber Backfisch? Da merke dir denn, daß im Althochdeutschen nicht die, so heiraten wollte, sondern die, so eben geheiratet hatte, also die „junge Frau" ,Braut' genannt wurde- Mach' denn schnell „Hochzeit!" Das ist „hohe Zeit"- Alle Feste hießen hohe Zeiten, höchgezlten im Nibelungenliede, obwohl es nicht immer ein neugebackenes Ehepaar gab- Zwischen zwei „hohen Zeiten", zwischen Weihnachten und Ostern, liegt die Fastenzeit, die den Fleischgenuß verbietet-- Che dem Fleische aber Lebewohl gesagt wird: carue vale, wird in der „Fastnacht" viel gezecht und geschmaust und allerlei Spaß getrieben; denn jede Narrheit und Faselei ist erlaubt- Daher hieß der Abend Faselabend oder Fasteläbend, Fastelnacht, Fastnacht. In früheren Zeiten waren die Feiertage dichter ge- säet- Da hörte man den ganzen Tag die Glocken „bimmeln" oder „bummeln". Leichtlebige Leute gaben sich der Stimmung hin und fingen auch an, zu „bummeln", ohne Ziel durch die Straßen zu schlendern. Eine allgemein bekannte Weise erscholl bald von diesen Leuten, und weil ihre Arbeit nur darin bestand, die Gassen mit den Absätzen zu hauen, so hieß man diese Nichtsthuer und später deren Lieder „Gassen- haner"- Andere Zeiten, andere Sitten. Daß man auf nur zwei Rädern so schnell und so sicher durch die Straßen und seldein fahren kann, das hätten unsere Großväter nicht für möglich gehalten, und daß die Damen in „Pumphosen" das Rad besteigen, will jetzt noch manchem schwerfälligen Spießbürger als „verkehrte Welt" .erscheinen. Dennoch aber weiß ich keinen Geistlichen zu nennen, der von der Kanzel herab gegen den „Teufel", der in den „Pumphosen "steckt, geeifert hätte. Im Mittelalter freilich war es einmal so- Nach dem gewerblichen Aufschwung der Städte entfalteten Männlein und Meiblein eine gar bedenkliche (?) Kleiderpracht. Damals widerfuhr einem prachtliebenden Fürsten das Unglück, daß beim Jagen durch dorniges Gebüsch seine Hosen viele senkrechte Schlitze davontrugen- Die' Hofleute ahmten dies künstlich nach, und so entstand die Mode, die Beinkleider mit senkrechten Schlitzen zu versehen, und diese Schlitze durch ein besonderes, innen angebrachtes Futter in möglichst auffallenden Farben zu schließen- So war es der Prunkliebe des einzelnen überlassen, an der Weite und Länge und Zahl der ausgefütterten Falten-zu zeigen: Wer's lang hat, läßt's lang hängen- Dieser Pomp mit den Beinkleidern schuf den Ausdruck „Pumphosen", und gab Veranlassung, wider den argen „Hosenteufel" loszulegen- So habeu uns denn ein Dutzend alltägliche Wörter ein Stück Kulturgeschichte erzählt und den Satz erhärtet, daß wie in der Natur, so auch in der lebendigen Sprache ein ewiges Werden und Vergehen herrscht- Mir geben vorstehenden vergnüglichen Wortklaubereien ünseres geschätzten Mitarbeiters gern Raum- Glaubt dieser oder jener unserer werten gelehrten und ungelehrten Leser es besser zu wissen, möge er mit seiner Weisheit nicht Hinterm Berge halten- D. R. Parfüm als Desinfektionsmittel. Der chemische Grundstoff aller Parfüms ist bekanntlich ein essenzielles Oel, das entweder auf natürlichem Wege aus den Blättern und Blüten oder künstlich durch chemische Zusammensetzung gewonnen wird- In jedem Fall ist ein olches Oel, wie ein Hygieniker im „Lancet" ausführt, ein kräftiger Keimtöter, und besitzt in nicht geringem! Grade desinfizierende Eigenschaften, ebenfalls wie die Karbolsäure. Es ist wohl bekannt, daß diese Oele den Sauerstoff der Luft anziehen, und mit ihm eine unbeständige Verbindung eingeheu, so daß sie den Sauer- tofs leicht wieder abgeben, und dadurch desinfizierend wirken. Fichtennadelöl, das Oel des Eukalyptus und Terpentin wirken recht kräftig in diesem Sinne, und auf dieser Thatsache beruht wahrscheinlich die gesunde Beschaffenheit der Luft in Nadelwäldern und Eukalyptus-Gehölzen. Die Anwendung von Parfüm wird von vielen Frauen sicherlich, übertrieben und gilt bei Männern als weibisch; dieses Urteil wird von den meisten Leuten unterschrieben werden- Und doch entsteht die natürliche Frage, warum wir Nicht unsere Umgebung durch angenehme Gerüche für die Nase gefälliger machen sollten, ebenso Ivie wir das Auge durch Farben, das Ohr durch musikalische Töne erfreuen- Jeder Sinn leidet unter unangenehmen Eindrücken, und es ist kein Grund eiuzusehen, warum wir ihn nicht davor schützen sollten- Aber die Benutzung des Parfüms im Taschentuch, wo es am häufigsten zu finden ist, kann, wie gesagt, noch einen wichtigeren Zweck erfüllen als den, dem Geruchsinn zu schmeicheln- Das Taschentuch kanu besonders leicht zum Sitz von Krankheitserregern werden, die aus Nase und Mund darauf übertragen werden, und der Gebrauch eines antiseptischen Taschentuches ist daher ganz nach dem Sinne der modernen Gesundheitspflege. Es sollte also sogar empfohlen werden, das Taschentuch zu parfümieren, weil der Geist des Parfüms und die darin aufgelösten essenziellen Oele die etwaigen schädlichen Keime töten, statt daß wir die Leute verurteilen,, die durch ein parfümiertes Taschentuch unauffällig die Verbreitung ansteckender Keime verhindern- Gsnieznuützsges. Die Lüftung unserer Zimmer. Eine gute Ventilation unserer Wvhnräume ist in hygienischer Beziehung von größtem Werte. Das beste und einfachste Mittel dafür ist, zumal int Winter, ein gut ziehender Schornstein. Es genügt nicht allein, daß, wenn das Feuer im Ofen brennt, die im Schornstein emporsteigende, Wärme für Luft-Erneuerung im Zimmer sorgt, indem sie die nahe am Fußboden befindliche schlechte Luft fortwährend durch die Ofenthür absaugt, sondern ein guter Schornstein soll das Zimmer auch dann ventilieren, wenn der Ofen nicht geheizt wird. Zu diesem Zwecke hat uns die Technik neuerdings einen ausgezeichneten Schornstein- Aussatz geliefert, welcher, ohne drehbar zu sein, den aus beliebiger Richtung kommenden Wind derart auf- fängt, daß er im obersten Teile des Schornsteins senkrecht emporsteigen muß, und so fortwährend die Luft aus dem Schornstein absaugt. Bei offenstehenden Ofenthüren werden die Zimmer hierdurch ganz vorzüglich, ventiliert., Eine ausgezeichnete Slbbildung dieses neuen Schornstein-Aufsatzes finden unsere Leser in der 9. Auflage des sehr preiswerten, vom kaiserlichen Gesundheitsamt herausgegebenen „Gesundh eitsbüchlein". Homogramm. • • ® ® ® ® 1. männlicher Vorname. G O G H ® 2. Nagetier. @ @ ® @ © 3. Himmelskörper. • • • Di- Buchstaben BBB, EE, FE, II, NN, BRRR, 88, TT, W sind nach dem Muster obiger Figur derart zu ordnen daß die drei wagerechte» Reihen gleichlautend mit den drei senkrechten sind und Wörter von der beigefügten Bedeutung bilden. (Auflösung in nächster Nummer.) * Auflösung des Wortspiels in vor. Nr.: a. Hacke/Ostern, Base, Plan, Esche, Dom. 1). Jacke, Astern, Nase, Ulan, Asche, Rom. Januar. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Br üb-'scheu UniverMtS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.