Freitag den 14. November. |Wr 1902. — Nr. 169. NN «MWH NW L'MG' (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel- (Fortsetzung.) „Ja, er ist gerettet worden, aber, bemerke ich Ihnen, ohne Zuthun und Hilfe meiner Agentur. Die Aktien stehen also für mich bedeutend schlechter, als wenn ich hätte z.B. sagen können: Die Schuldige war das Kammermädchen Minna, die ich habe überwachen lassen." „Das können Sie immerhin noch sagen. Herr von Sempach wird darüber sehr glücklich sein. Fräulein Bertha Rakenius oder irgend eine andere kann zwar immer rufen: „Er ist den Abend des Verbrechens bei mir gewesen" — aber sie wird nicht mehr erreichen, als im Verstand der Herren Geschworenen ein großes Durcheinander hervorzubringen und wahrscheinlich den Freispruch herbeizuführen. Sie wird es aber nicht erreichen können, die ganze Welt davon zu überzeugen, und Ihr Klient wird aus dem ganzen Prozeß nicht mehr mit seiner früheren makellosen Ehre hervorgehen. Wenn es uns aber gelingen würde, den Schuldigen zu finden —" „Haben Sie auf jemand Verdacht?" „Den Ihrigen: Verdacht gegen jenes Stubenmädel. And wissen Sie, weshalb ganz besonders? Weil sie den Angeklagten, den sie in der Untersuchung schwer belastet und beschuldigt hat, in der Gerichtssitzung nicht angegriffen, sondern geschont hat. Ich habe mir dabei gleich gedacht: Halt! Die Kleine hat's mit der Angst!" „Die Freunde des Herrn von Sempach hatten dasselbe Gefühl wie Sie. Trotzdem muß ich Ihnen mitteilen, daß wir an dem Mädchen nichts Verdächtiges entdecken konnten. Ihre Aufführung ist eine tadellose und musterhafte." „Wer hat Sie dessen versichert? Wer hat sie beobachtet?" .>>■ ->'.Einer meiner Beamten, ein intelligenter, heller Mrksche." „Neu im Amte?" „Ja." „Jung?" „Etliche dreißig Jahre/* „Ein hübscher Junge?" z/92id)t "und das Mädchen ist auch hübsch, wie ich den Zeitungen entnommen habe?" „Sie hat ganz sympathische Züge." „Na ja! Hab' mir's ja gedacht. Anstatt für Sie KU arbeiten, arbeitete er auf eigene Rechnung. Er hatte den Auftrag, den Beobachter und Polizeispitzel zu spielen, er aber spielte lieber mit der Liebe. Gestatten Sie mir die Bemerkung, mein sehr verehrter Herr Sanftleben, daß, eine kolossale Unvorsichtigkeit ist, ein hübsches Mädchen von einem hübschen und noch jungen Bursche« beobachten und bewachen zu lassen." „Ich will Ihnen mit gleichem Borwurf erwidern« Menn Sie mir, anstatt in Monte-Carlo zu bleiben und! mit ihrem System in die Luft zu fliegen, nach Berlin! gefolgt wären, wie ich Sie gebeten hatte, wäre Minna! entschieden besser bewacht gewesen." „Da die Verhandlung glücklicherweise auf einen anderen Termin verschoben ist, habe ich immer noch Zeit genug, mich ans Werk zu machen. Ich sagte Ihnen bereits, ich brauche Arbeit, um mich erstens von meinen Verlusten zu erholen, und zweitens, um das verdammte! Roulette, das mir noch im Schädel brummt, zu ven gessen." „Schön also! Arbeiten Sie! Nur müssen Sie sich zuerst mit dem andern in Verbindung setzen." „Mit dem Verliebten? — Schön. Wie heißt er? Wo wohnt er?" „Er heißt Hesekiel, und wohnt unter dem Namen Neumann in der Augsburgerstraße." „Und die Kammerfrau?" „Sie wohnen zusammen; er hat sie als Stuben.'« mädchen ausgenommen." „Schau, schau! Das ist ja gar nicht übel. — Also werde ich sie bei ihm treffen?" „Auf alle Fälle." „Mir wäre es ganz recht, sie zu sehen. Ist sie eine Verbrecherin, so kenne ich sie vielleicht wieder. Gott, ich habe ja so viele gekannt! — Ich eile also unverzüglich in die Augsburger Straße. Ich bilde mir ein, von dieser Seite zu gewinnen. — Das Glück schuldet mir nach dem Pech, das ich die ganze Zeit hindurch gehabt habe, eine. Revanche." 65. Kapitel. Müller wollte eben an der Thüre Hesekiels klingeln, als er bemerkte, daß dies ganz überflüssig war, denn er brauchte nur die Thür aufzustoßen — ein Schloß saß nicht daran. Der frühere Kriminalinspektor umging gerne, wenn es irgendwie anging, jede Anmeldung und liebte, es, seine Leute zu überraschen; hinterher gab er ihnen dann die nötige Aufklärung und entschuldigte sich. Kaum aber hatte er zwei Schritte in den Korridor! gethan, als sich eine zweite Thür, die ebenfalls ohne Schloß war, öffnete und in ihrem Rahmen ein Mann erschien. Es war Hesekiel. Enttäuscht und erschreckt prallte er vor dem Anblick des Fremden zurück. Er hatte vermutlich jemand ganz anderes erwartet. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?" fragte er in unwirschem Ton. Anstatt einer Antwort stellte Müller Gegenfragen. „Ganz recht. Ich bin doch fünf Treppen, rechts, bei Herrn Neumann?" „Ja, ich bin Neumann. Was wünschen Sie?"- „Ich möchte gern", erwiderte Müller mit der größte« 674 also überzeugen, ob sie in ihrem irgendwelche Verdachtsgründe, eine nicht der eigentliche Grund —" Bette war?" „Hatten Sie also Furcht?" „Nein, das war stammelte Hesekiel verlegen. „Ach so. Ganz richtig. Ich verstehe. Tie Thur war also verschlossen. Sie klopften zuerst lerse an, dann immer »stärker. Sie hat — natürlicherweise — nicht geantwortet. Dann also sahen Sie sich gezwungen, das Schloß auszuheben. Nicht wahr?" "Und "^ie fanden die Elster nicht mehr in ihrem Nest — nein Pardon, der Ausdruck paßt nicht hierher — in ihrem Bette, wollte ich sagen." des Vorzimmers." „Sie schlief wohl im Vorzimmer?" „Nein, aber in einer Kabuse, die an dasselbe stoßt und deren Thüre sie immer offen ließ." , „Sie wollten sich also überzeugen, ob sie tn ihrem Sanftmut, „wenn Sie nichts dagegen haben, mit dem Mädchen reden, das in Ihren Diensten steht, mit Fraulein „So, Sie kommen also ihretwegen! Sie kommen Uso ihretwegen!" wiederholte Hesekiel zweimal und durchbohrte Müller mit verdachterfüllten, beinahe drohenden „Verlange ich denn etwas Unbilliges? Liegt denn in meiner Frage etwas so Besonderes? Ich komme aus ihrer Heimat und — —" , „ , „So? Aus ihrer Heimat? Wirklich?" memte Hesekiel voll Ironie. „Nun, wenn Sie von dort kommen, werden Sie auch nicht mehr so bald zurückkehren . . . Jetzt halte ich Sie. Ich halte Sie gefangen." Dann stürzte er, um die Worte zur That zu machen, auf die Eingangsthüre los, stemmte sich gegen dieselbe und rief: „Sie werden mir nicht mehr herausgehen." „Ich verlange auch nichts Besseres", antwortete der Detektive mit unverwüstlicher Ruhe. „Im Gegenteil, ich wünsche sogar hineinzugehen. In Ihrem Vorzimmer ist es nämlich verdammt kalt. Die Thüren schließen schlecht. Tas ist zwar kein Wunder; denn jeder fehlt das Schloß." „Tas hat auch seinen Grund", zischte Hesekiel zwischen seinen Zähnen hervor. „Gehen Sie nur hinein, treten Sie nur ein! Gehen Sie zuerst! Wir werden uns drinnen viel besser auseinandersetzen." Müller, in aller Seelenruhe auf die Stubenthür zugehend, öffnete sie und trat ein. Hesekiel folgte ihm auf dem Fuße. Er hatte nicht übel Lust, sich aus den Fremden zu stürzen. t c „Ta bin ich nun", begann Müller, sich umwendend. „Aber ich sehe Minna nicht. Und sie ift es allein, die ich zu sehen wünsche." „Sie wissen recht gut, daß sie nicht mehr hier ist." „Was? Sie ist nicht mehr da? Machen Sie keine schlechten Witze." „Sie ist diese Nacht jedenfalls durchgebrannt, um Sie aufzusuchen. — Sie — Sie — Ihr habt Euch jedenfalls gekreuzt, und nun kommen Sie heute morgen daher, sie abzuholen." „Wirklich? Haben Sie wirklich diese Meinung? Na, zu schlau sind Sie gerade nicht —" und mit leiser Stimme, sich ihm nähernd, fügte er bei: „für einen Beamten der Agentur Sanftleben." „Was sagen Sie?" „Daß Sie gar nicht Neumann heißen, sondern Hesekiel. Sie sind hier im Auftrage Ihres Direktors und Herrn von Sempachs. — Sie sehen, daß ich im Laufenden bin." „Ja, wer sind Sie denn?" „Ich heiße Müller, bin gewesener Kriminalinspektor, verabschiedet, nicht aber stellenlos." „Ah, Sie sind es, den — —" „— Herr Sanftleben im vorigen Monat aus Monte- Carlo mit nach Berlin bringen wollte. Ganz recht. Da ich nicht in der Lage war, seiner Aufforderung nachzukommen, hat er mich durch Ihre werte Person ersetzt, und ich sehe jetzt, wie schlecht er damit gefahren ist. — Habe ich Sie recht verstanden, so haben Sie ihren Vogel aus feinem Nest entwischen lassen?" „Ja. Sie ist diese Nacht verschwunden. — Aber sie kommt vielleicht wieder zurück. Sie hat alle ihre Effekten zurückgelassen." „Ja. Sie haben schon recht, — warten Sie nur darauf. — Ah, daß ich gerade um ein paar Stunden zu spät kommen mußte! Das hat man davon, wenn man mit einem Bummelzug und in dritter Klasse zurückkehrt ! — Hütte ich nur im letzten Moment noch eine volle Nummer gezogen, wäre ich gestern früh in Berlin angekommen, mit dem Schnellzug, wäre in den Justizpalast geeilt, hätte der Verhandlung beiwohnen, und jedenfalls die falsche Minna entlarven können. — Ah! Sie ist entwischt! Und haben Sie das nicht kapiert, Herr Hesekiel, daß sie, um durchzubrennen, nur die Nacht benutzen wird?" „Weshalb?" „Weil ihr der Zwischenfall bei der Sitzung, der Aufschub des Urteils auf einen neuen Termin unzweifelhaft einen gewaltigen Schrecken eingejagt haben dürfte." „Mein Gott", gestand Hesekiel voll Naivetät, „ich hielt sie für unschuldig." „Na ja. Da haben wir's. Ich habe ja keinen Augenblick daran gezweifelt. Sie hatte Sie vollkommen um» aarut. — Ja, sehen Sie, mein lieber Freund, in diesem Geschäft muß mau den hübschen Mädchen mißtrauen. Entwerfen Sie mir einmal, ich bitte, das Bild dieser Zauberin. Denn so viel werden .Sie wohl einsehen, daß wir sie suchen wollen." „O ja, — überall, — überall! Ich will sie wieder-, inden, ich will mich rächen!" Müller lächelte und begann zu fragen: "Nein^b k^E? von schlanker, hübscher, niedlicher Gestalt." „Noch ganz jung?" „Etwa zweiundzwanzig." „Brünett?" „Nein, rothaarig." , v,, „ , „Vielleicht gefärbt? — Es giebt auch falsche Rothaarige." , ,, „Nein, nein, ihr Haar stimmt mit ihrem Teint iiber- ein; denn sie hat Sommersprossen." „Sieh da, sieh da! Also Sommersprossen! — Haben Sie an Ihr nicht eine besondere Eigenschaft oder Angewohnheit bemerkt?" „Nein, ich kann mich nicht entsinnen." „Na, denken Sie mal gut nach." „Ja, ich glaube, daß ich auf ihrer Wange eine kleine Narbe bemerkt habe." „Ah, eine Narbe auf der Wange!" „Ich kann es nicht bestimmt behaupten. Denn seit ihrer Krankheit trug sie stets ihren Kopf in ein Tuch gehüllt." „ , „Dann können Sie überzeugt sein, daß sie eine Narbe gehabt hat. — Auf welcher Wange? Auf der rechten vielleicht?" , . , „Ja, wenn sie eine hatte, so war sie auf der rechten. — Erkennen Sie diese Person?" „Nein — noch nicht. — Wie sind ihre Zahne?" „Sehr schön, blendend weiß, etwas zugespitzt." „Gespitzt! — Noch eine letzte Frage! — Erzählen Sie mir etwas von ihrer Zunge." „Von ihrer Zunge?" fragte Hesekiel überrascht. „Na ja. — Erschrecken Sie nur nicht gleich so. Fuhr sie sich damit nicht öfters Über die Lippen sehen Sie mal her — beiläufig so?" „Ja, ja, Sie haben recht. — Ich habe diese Angewohn- heit auch bemerkt. — Also, Sie wissen, wer Minna ist?" „Nein, nein, ich suche bloß — das ist alles. Ich bemühe mich, die Bilder aller dieser Gaunerinnen, die ich bereits gekannt habe, an mir Revue passieren zu lassen, und irgend eine Aehnlichkeit zu entdecken. — Um wieviel Uhr, glauben Sie, hat sie dieses Haus verlassen?" „Ich denke, gegen fünf Uhr morgens.", „Sie hat die Schlösser ausgehoben, wie ich sehe? „Nein — das that ich; denn sie hatte mich ein» gefcE),Ioffen.$a$en die Rolle gewechselt. Sie waren also derjenige, der bewacht wurde, Herr Hesekiel. Und wie haben Sie ihr Verschwinden entdeckt?" „Ich konnte diese ganze Nacht nicht schlafen. — Ich war aufgeregt, voller Unruhe " „Zu viel Imagination." „Gegen vier Uhr früh schlich ich mich an die Thure 675 „Sie hatte sich nicht einmal niedergelegt. Sofort stürzte ick nach der Eingangsthüre in der Meinung, sie sei vielleicht eben erst weggegangen, und ich könne sie noch einholen. Doch diese Thür war doppelt versperrt, und den Schlüssel davon mußte sie mitgenommen haben." „Etwas sehr stark. Und das zweite Schloß erlebte das Schicksal des ersten. Sie haben es also ebenso ausgehoben wie das andere?" „Nur mit größerer Anstrengung. Es hat zu sehr Widerstand geleistet. Zum Glück hatte ich ein gutes Stemmeisen, das der vorige Mieter in seiner Wohnung zurückgelassen hatte." „Das war ein vorsichtiger Mann. Und als Sie die Thüre geöffnet hatten, was thaten Sie dann?" „Ich erkundigte mich sofort bei der Portiersfrau, die mir entgegenrief: ,Was, sie ist noch nicht zurück? Ich habe ihr in der Nacht geöffnet; denn sie wollte ja sür Cie einen Arzt holen!'" „Brillanter Einfall! Der hätte gerade noch gefehlt." Hesekiel kam sich vor wie ein Schuljunge in Gegenwart Müllers, des gewesenen Kriminalinspektors, der allen einen Berufskollegen wohl bekannt war, so daß er sich tillschweigend, ohne ein Wort zu entgegnen, ruhig ver- potten ließ. Sein Mißerfolg, und der große Fehler, dessen er sich schuldig gemacht hatte, machten ihn ganz klein, und drückten ihn ganz zu Boden. „Und Sie haben es nicht einmal für notwendig befunden, Herrn Sanftleben davon zu benachrichtigen?" fragte Müller. „Ich durfte doch meinen Posten nicht verlassen. Ich sagte mir immer noch, daß sie zurückkehren würde." „Na, dann erwarten Sie sie auch nur in aller Ruhe weiter. Ich gehe direkt auf die Agentur. Auf die baldige Ehre, Sie wiederzusehen, Herr Hesekiel." (Fortsetzung folgt.) Wagner und die Frauen. Richard Wagner ist nie ein Don Juan gewesen, im Gegensatz zu seinem Freunde Liszt, der das weibliche Geschlecht nicht immer nach dessen innerm Werte einschätzte. Seine Paschahaften Zerstreuungen in Wien im Anfänge der sechziger Jahre mit den seidenen Schlafröcken, mit den verschiedenen Stilen des toten und lebenden Inventars feiner Wohnung bildeten eine Laune seiner ausschweifenden Phantasie, und seiner durch russische Konzerte reichgespickten Börse. Wagner liebte die Frau, aber nicht die Frauen, und kaum eine ist unter den wenigen zu finden, denen er sich näherte, die nicht seiner würdig gewesen wäre. Noch mehr als den großen Goethe trieb ihn eine Art feinsten künstlerischen Instinkts, unter den Frauen nur die geeigneten Modelle für seine Gestalten zu suchen. Weniger ein Hang war es für das schöne Geschlecht, als eine tiefwurzelnde Verehrung für die opfermutige Liebst des Weibes, eine Sehnsucht, das Jdealweib in höchster Vollkommenheit zu erblicken, was bei seinen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht maßgebend war. Darum hat denn auch Wagner eine Sieglinde, eine Brünnhilde, etne Kun dry und vor allem eine Isolde wahrhaft erschaffen. Das sind Frauengestalten, die vom außermusikalischen Gesichtspunkt aus noch viel zu wenig gewürdigt worden sind. Hieran tragen die fanatischen Lobpreisungen eines Chamberlains nicht weniger Schuld, wie unsere Primadonnen, deren Verständnis meist kaum für die großen Umrisse genügt. Wir suchen auf dem Gebiete des Dramas ganz vollendete Darsteller des Hamlet, des Faust, Torquato Tasso mit der Laterne; und dennoch sind die Schauspieler meist im Besitz einer litterarischen Vorbildung, während bei Sängern und Sängerinnen die Stimme und der äußere theaterfähige Zuschnitt für ihre Zulassung zum Theater entscheiden. Wir ziehen mit 'Absicht männliche Charaktere zum Vergleich heran. Tenn im Gegensatz zu unfern großen Dichtern, deren Frauencharaktere meist nur den Geschlechtscharakter des Weibes in immer neue Formen wandeln, versenkt Wagner in seine späteren Frauengestalten eine Intelligenz, eine Feinnervigkeit und eine innere Triebkraft, durch die sie ihre männlichen Mitspieler überragen und durch die, um ein modernes Wort im umfassenden Sinne zu gebrauchen, die Frauen die wahren Chauffeusen seiner Musikdramen werden. Wer diese Gestalten beweisen naturgemäß, daß Wagner im Verkehr mit Frauen von jeder Flatterhaftigkeit und Oberflächlichkeit entfernt war. Bestimmend sür seinen künstlerischen Lebensweg waren nämlich drei Frauen, seine noch lebende Witwe, dann seine erste Gattin, die Schauspielerin Marie Planer, endlich Frau Mathilde Wesendonck, und wenn wir bedenken, daß er die oben genannten Bühnencharaktere, von der Kundry abgesehen, zu der Zeit schuf, wo er im Wiesen- donckschen Hause verkehrte, so können wir den Einfluß grade dieser Frau auf den Dichterkomponisten nicht hoch genug bemessen. Seine frühe Heirat mit der Planer war ein Mißgriff. Die Gattin stand dem Wlerfluge ihres Mannes verständnislos oder gar widerstrebend gegenüber; es wurmte sie, daß er nicht weiter um des lieben Effektes und des Geldes willen Opern geschaffen hätte wie den Rienzi. Kinder, zur Ablenkung und Ausgleichung dieses geistigen Gegensatzes, waren keine vorhanden. Es gereicht Wagner zur Ehre, daß er sich trotzdem nicht als „Ueber- künstler" fühlte, der kaltlächelnd Hut und Mantel nimmt und seine Frau ihrem Schicksal überläßt. Tie Trennung des Zusammenlebens vollzog sich im beiderseitigen Einverständnis, und er hörte nicht auf, für die Planer bis an ihr Lebensende zu sorgen; sie hat sogar noch kurz vor ihrem Tode ein geharnischtes Wort zu Gunsten ihres Richards ergriffen. Und so war es unausbleiblich, daß sich Wagner von einer so überlegenen, ihn in allen Plänen und Erzeugnissen verstehenden Frau wie Mathilde Wesendonck trotz aller Hindernisse ungemein lebhaft angezogen fühlte. Frau Wesendonck war an einen Rechtsanwalt verheiratet, hatte bereits Kinder, und dachte nicht daran, ihre Ehe zu lösen. Daraus folgte, daß das Einverständnis mit Wagner ein geistiges bleiben mußte, wie es denn auch für jeden Kenner des Tristan klar ist, daß nur, aus einer leidenschaftlichen Sehnsucht, aber nicht aus einem glücklichen Ergebnis ein Werk voll der tiefsten Weltabkehr- ung und der sehnsüchtigsten Lebensverneinung entstehen konnte. Ein ursprünglich in der „Tägl. Rundschau" veröffentlichter Brief Wagners an seine Schwester macht soeben die Runde durch die deutsche Presse. Er verbreitet in vielfacher Hinsicht gegenüber den bisherigen, ziemlich vagen Vermutungen ein neues Licht, in dessen Strahlen die Beteiligten eigentlich nur gewinnen. Wir übergehen den Passus, der über Wagners Gattin handelt, und geben den Hauptinhalt über die Beziehungen mit Frau Wesendonck wieder. „Genf, 20. August 58. Meine liebe Kläre! . . Was mich seit sechs Jahren erhalten, getröstet und namentlich auch gestärkt hat, an Minnas Seite, trotz der enormen Differenzen unseres Charakters und Wesens, auszuhalten, ist die Liebe jener jungen Frau, die mir anfangs und lange zagend, zweifelnd, zögernd und schüchtern, dann aber immer bestimmter und sicherer sich näherte. Da zwischen uns nie von einer Vereinigung die Rede sein konnte, gewann unsere tiefe Neigung den traurig wehmütigen Charakter, der alles Gemeine und Niedere fernhält, und nur in dem Wohlergehen des andern den Quell der Freude erkennt. Sie hat seit der Zeit unserer ersten Bekanntschaft die unermüdlichste und feinfühlendste Sorge für mich getragen, und alles, was mein Leben erleichtern konnte, auf die mutigste Weise ihrem Manne abgewonnen. Dieser konnte der offenen Unumwundenheit seiner Frau gegenüber nicht anders, als bald in wachsende Eifersucht verfallen. Ihre Größe bestand nun darin, daß sie stets ihren Mann von ihrem Herzen unterrichtet hielt, und ihn allmählich bis zur vollsten Resignation auf sie bestimmte. Mit welchen Opfern und Kämpfen dies nur geschehen konnte, läßt sich leicht ermessen; was ihr diesen Erfolg ermöglichte, konnte nur die Tiefe und Erhabenheit ihrer, von jeder Selbstsucht fernen, Neigung sein, die ihr die Kraft gab, ihrem Manne sich in solcher Bedeutung zu zeigen, daß dieser, wenn sie endlich mit ihrem Tode drohen konnte, von ihr abstehen, und seine unerschütterliche Liebe zu ihr dadurch bewähren mußte, daß er sie selbst in ihrer Sorge für mich unterstützte. Es galt ibm endlich, sich die Mutter seiner Kinder zu erhalten, uno um dieser willen — die ja uns beide auch am unüberwindlichsten trennten — fügte er sich in seine entsagende Stellung. So, während er von Eifersucht verzehrt war, wußte sie ihn wieder so für mich zu interessieren, daß er — wie Du weißt —r mich oft unterstützte; als es endlich galt, mir nach Wunsch ein Häuschen mit Garten zu verschaffen, war sie es, die es mit den unerhörtesten Kämpfen über ihn gewann, für mich das schöne Grundstück neben dem {einigen zu kaufen. Das wundervollste aber ist, daß ich — 676 — Sikdakiiou: .Gurt Plato — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitiitS'Eu.ch- und Eteindruckerei (Pietsch Erden) in «Ließen. Ueberall, Zeitschrift für Heer und Marine. Vertag: Boll und Pickardt, Berlin NW. 5. Jahrgang. Das 6. Heft enthält u. a. folgende Aufsätze: Das preußische Feld-Sanitätswesen einst und jetzt. Bon Hans Degen- hart. Tie Manöver der vereinigten englischen Kanal- und Kreuzerflotten im Mittelländischen Meere. Bon F. Sch. Tie neuen Kviegsärtikel für das Heer. Bon H. v. Feld berg. Eine lange Seereise und Minnerungen an Kommodore "en. Aus der Telegraphenräts el. (Nachdruck verboten.) Albers. (Fortsetzung.) Bon Betto persischen Armee. Bon Generalmajor v. Zepelin. Schutz gegen Unterseeboote. Bon Karl v. Bruchhausen. Am Konak. Militär-Roman aus der Herzegowina. (Fortsetzung.) Bon H. A. Revel. Ter Preis! des äußerst, reichhaltigen Heftes beträgt nur 30 Pfg. wirken. Alles — bis auf eines. „Teuerste Else, lieben Sie mich?" „O, Georg —" „Nicht wahr, ein klein wenig?" „Nun — ja, Georg." . „Und wenn wir uns heiraten, so wird Tein Bater Uns eine Wohnung einrichten?" ,-Ja, Georg." „Und mich als Teilhaber nehmen?"^ „Ja, Georg." „Und Deine Mutter würde tricht zu uns kommen, außer wenn ich sie einlade?" „Nein, Georg." „Und auch Deine Geschwister nicht?" „Aber gewiß nicht, Georg." „Und der alte Herr würde natürlich meine Schulden bezahlen?" „Natürlich, Georg." Liebling, willst Tu mich heiraten?" „Nein, Georg." Lttterarisches. wirunskleiden? In dem bekannten Verlag von H u g « Kteiniü in Berlin ist in der Sammlung populär-medi. driften soeben ein neues Werk von Geh. Sai Die Striche und Punkte entsprechen den einzelnen Beichstabeit der nachstehend in anderer Reihenfolge angeführten Wörter. Diese Wür er find so zu ordnen, daß die auf die Punkte treffenden Buchstaben tm Zusammenhang gelesen einen Sinnspruch ergeben. Dante - Erz - Geier - Genthin - Kern - Mast — Reue - Wten (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr.r Gut Ding will gute Weile haben. nie eine Ahnung vou diesen Kämpfen hatte. Wie pflegen wtrunsere Haut und wre sollen für ^ick bestand- tbr Mann mußte sich, ihr zu wir uns kleiden? In dem bekannten Verlag von Hua» J r AS tfi und unbefangen zeigen; nicht Stetnitz in Berlin ist in der Sammlung vopulär-meLi- finstere Miene durfte mich aufklärem nicht ein Haar zintscher Schriften soeben ein neues Werk von Geh. San.-Rat diuüte^Eir ^gekrümmt werden -heiter und wolkenlos mußte Tr. Koch über die Pflege der Haut und Kleidung erschienen, übe? mL de? Himmel sich wölben sanft und weich sollte „Da die unversehrte Haut uns den besten Schutz gegen d e mein Schritt sein wo ch ging. Diesen unerhörten Erfolg mannigfachen Bakterien bretet und außerdem auch als Z diese herrliche Liebe des reinsten, edelsten Weibes; Atmungsorgan ettte sehr wichtige Funktion ausübt so rst bst se Liebe die stets unausge prochen zwischen uns ihre Pflege von der allergrößten Wichtigkeit für die Ge- blieb mL sich endlich auch offen enthülleri, als ich sundheit Les gesamten Organismus." Der Preis des Buches, vor'm Jahr den Tristan dichtete, und ihr gab. Ta zum I ist nur 1 Mark. ___________. erstenmal wurde sie machtlos und erklärte nur, nun I t , sterben zu müssen! Bedenke, liebe Schwester, was mir Weihnachtsbncher. diese Liebe sein mußte nach einem Leben von Mühen und I Ter Verlag von Fr. Wrlh. Grünow in Leipzig Leiden, von Aufregungen und Opfern, wre dem mermgen! $at nbermatg eine Reihe trefflicher Romane und Er- — Doch wir erkannten sogleich, daß an eine Vereinigung I ,^g£^^aen herausgegeben, die insbesondere der Damenwelt zwischen uns nie gedacht werden dürfe: somit resignrerten I empfohlen werden können. Ter hohe sittliche Wert, der wir, jedem selbstsüchtigen Wunsche entsagend, litten, dul- bie£e $ßerFe auszeichnet, die prächtige Tarstellungsweise, beten, aber — liebten uns! —" Man kann nur im Zweifel endlich das Milieu des nordischen Volkslebens, das überall fein, wen man mehr zu bewundern hat, Wagner oder seine fo charakterisiert ist, werden diesen Romanen sehr Freundin, und man darf gerade 6et entern der roman- I ba£b b£e£e Freunde werben. Bor uns liegen: . tischsten modernen Frauencharaktere feststellen, daß er seme « Dokton Duttmüller und sein Freund." Eine Ä=r>< W tief in das E-d-eich d-r »>rk-,ch-°tt #«». »g-nwa-t »on F" tz «»der s. («t. ---------- Band. Fein gebunden 7 Mark.) — Wir haben in Fritz ötzvmiicbtes« I Anders einen ganz meisterhaften Kenner und Maler des rermilUH«» r .. I Volkslebens vor uns, der seine Beobachtungen und Schilde- Ein strenges Gesetz gegen Junggesellen ist nach ® m(t einem so köstlichen Humor und einer so er- Berichten englischer Blätter vor kurzem rn emem Staate 1 s^iterudeu Satire darbietet, daß auch der grämlichste Rheu-- der Argentinischen Republik verkündet worden. Das Herrats- I £)e£ ber Lektüre ein fröhliches, urkräftiges Behagen alter in Argentinien beginnt mit 20 Jahren. Wenn etn I TOUr, Seine Gestalten, so wunderfeltsam sie uns Mann von der Zeit an bis zum 30. Jahre unverheiratet I - ,ulrei£en anmuten, haben Fleisch und Blut! Wir bleibt, muß er monatlich 20 Mark bezahlen. In den BeDba({)ten tntr ihr Leben und Treiben, nein, wir nächsten fünf Jahren wächst die Abgabe um 100 Prozent. I - - | ££)C innerstes Wesen und Sinnen. Und mit den Zwischen 35 und 50 Jahren zahlt er eine monatliche Geld- klonen werden einzelne Schattenseiten unseres öffent- strafe von 80 Mark, von 50 bis 75 Zähren 120 Mark monat- staatlichen, kommuttalen, sozialen und kirchlichen lich, und erst nach 75 Jahren wird die Abgabe auf 40 Mk. Se£'en§ ,-0 £r[)Ctrf witzig und treffend skizziert und gegeißelt, jährlich ermäßigt. Nach dem 80. Jahr bezahlt der ^ung- I b~ |eb'er Leser dem treuherzigen, schalkhaften und geist- geselle nichts mehr. Witwer dürfen drei ^ahre trauern, Verfasser dankbar sein wird. und müssen sich dann wieder verheiraten. Wer in emem 1 ~ $lc Sonne des Siljethals", Pili Ola. Ä&JV«. W “SA I Meisterin in der Schilderung von Menschen aus einem Gusse, I von kraftvollen, zweifelsfreien Charakteren, die ein Glanz von Klarheit und Helligkeit umgiebt, und die durch ihre Reinheit und Unwandelbarkeit imstande find, Zerrissenheit I und Verbitterung anderer zu heilen. . . . Nicht einen fluch- I tigen Genuß, sondern mit reiner Freude an der künstlerischen I Meisterschaft der Erzählung, verbunden mit starker ethischer I Anregung, wird ihren Büchern jeder danken, der sich tn | stiller Stunde in sie vertieft. Endlich die köstliche Erzählung von K. G. Bröndstedr I „Wie er ein Mann wurde." (Ein Band. Fein gebunden I 4,50 Mk). Tas ganze Buch ist ein Prachtwerk durch und I durch. Ein Humor, eine Frische und Gesundheit der Lebens- I anschauung, eine Kunst und ein Behagen der Darstellung, I eine Stimmungsreihe von den zartesten Seelenvorgangen ; I bis zur erschütternden Tragik hinauf, die einzig und wahr- | haft von Gottes Gnaden sind. Und dabei alles rein und I klar, sodaß es auch die Jugend ohne Schaden in die Hand I bekommen kann. Wir können die vorstehenden Werke ganz, besonders für den Weihnachtstifch empfehlen. Ihre äußere Ausstattung ist elegant und gediegen, sodaß sie ein hervorragender Schmuck für jede Bibliothek sind.