Montag den 14. Kult. Nr. 103. 1902. chj l würtoor am M M BT| **frrKi rte ruvf W\\\W$dö ■Mi (Nachdruck verboten.) Manneswert. Roman von Marie Stahl. (Fortsetzung.) Paul Lehmigke stand auf und schloß die Balkonthür, durch welche ein breiter, goldener Strom der Mvrgensvnne flutete. „Verzeihen Sie, es wird warm." Als er Traute wieder gegenübersaß, hatte sein Gesicht Wieder den früheren geschäftsmäßigen Ausdruck. „Der Vorschlag, den ich Ihnen jetzt machen werde, betrifft ebenso sehr mein Interesse wie das Ihre, und ich bitte, im Auge zu behalten, daß für uns beide nur das Geschäftsinteresse ausschlaggebend ist, weshalb wir uns gegenseitig nie weiter verpflichtet sein werden, als der Kontrakt uns bindet. Wenn Sie die Pflichten dieses Kontraktes übernehmen und erfiillen wollen, sind Sie mir weiter nicht den geringsten Dank schuldig, ebenso wie ich, wenn ich meinen entsprechenden Verpflichtungen nachkomme, Ihnen weiter nichts schulde. Ich schicke dies voraus, um uns gegenseitig vollkommene Freiheit zu wahren." Er machte eine kleine Pause, aber da Traute nichts erwiderte, sondern mit einiger Spannung auf ihn blickte, fuhr er fort: „Ich weiß nicht, ob Sie gehört haben, daß ich außer Brantikow das große Forstgut Kienberg käuflich erworben Und dort an der Neiße eine Papierfabrik gebaut habe. Kienberg liegt an der schlesischen Grenze, zu weit von der Bahn entfernt, um das Holz preiswert auf den Magkt zu bringen, weshalb ich die Fabrik baute. In dem Kontor dieser Fabrik ist neben dem Geschäftsführer der Platz eines Sekretärs für die Korrespondenz frei und diese Stellung wollte ich Ihnen antragen. Ich setze voraus, daß Sie die englische und französische Sprache genügend beherrschen, um Geschäftsbriefe übersetzen und schreiben zu können?" Traute bejahte dies. „Gut. Im übrigen würden Sie sich unter der Leitung des Geschäftsführenden bald einarbeiten. Sie würden täglich die Bureaustunden einzuhalten haben und außer freier Wohnung und Kost monatlich fünfzig Mark Gehalt beziehen, doch ist eine Steigerung in Zukunft nicht ausgeschlossen. Mas nun Ihre Frau Mutter und Schwester betrifft, so habe ich für dieselben ebenfalls Beschäftigung in Kienberg. Meine Fran nnd ich sind zu sehr an Brantikow und Leipzig gefesselt, um die nötige Aufsicht in Kienberg führen zu können, doch habe ich eingesehen, daß ich die Hauswirtschaft nicht ohne eine Spitze lassen kann. Ich denke, Ihr Fräulein Schwester würde diese Stellung ausfüllen können. Ich würde ihr ein eingehendes Programm ihrer Pflichten liefern, das ihre Kräfte und Kenntnisse kaum übersteigen wird, da es sich hauptsächlich um die Führung der Kässe und Wirtschaftsbücher und um eine bestimmte Kontrolle handelt. .Sie würde dafür außer freier Station ebenfalls fünfzig Mark monatlich erhalten. Selbstverständlich können Sitz beide nicht ohne Ihre Frau Mutter leben, diese kann auch nach Belieben Sie oder Ihre Schwester in Ihrer Thätig- keit unterstützen, wofür id) auch ihr freie Kost und Wohnung biete. Sie braucht dieses Anerbieten keinesfalls als eine Wohlthat anzusehen, ich habe das Gehalt für Sie und Ihre Schwester danach berechnet, und da mir alles au einer endsprechenden Vertretung meiner Frau liegt, könnte ich nicht zwei junge, unverheiratete Damen allein an die Spitze diefeH Haushaltes stellen. Die unanfechtbare Autorität muß meinen Beamten und Leuten gegenüber in jeder Beziehung gewahrt werden. Mit mir persönlich werden Sie wenig zu thun haben. Ich werde int Jahre ein paar Mal auf einen Tag nach Kienberg kommen, gewöhnlich zu Quartalsschluß, aber nicht öfter. Annehmlichkeiten und Zerstreunngen wird Ihnen das einsame, entlegene Forstgut allerdings nicht viel bieten, aber vielleicht wird Ihnen ernste Arbeit und das Bewußtsein der Selbständigkeit einen Ersatz dafür ge* währen. Jedenfalls überlegen Sie reiflich. In drei Tagen werde ich kommen, mir eine entscheidende Antwort M holen." „Ich brauche keine Bedenkzeit, idj brauche nicht drei Minuten zur Ueberlegung", rief Traute eifrig und ohne ihre Freude zu verhehlen. „Ich bin Ihnen so dankbar. Ich nehme Ihren Vorschlag sofort für mich an! Es war seit langer Zeit mein heißester Wunsch, durch eigene Arbeit frei zu werden, frei von dieser drückenden Misere, von den unerträglichen Demütigungen der Hilflosigkeit und Abhängigkeit! Es ist mir ganz gleich, ob ich in einer Waldeinsamkeit oder in einer Wüste leben soll, wenn ich nur arbeiten und frei werden darf! Sie ahnen nicht, wie qualvoll die Hilflosigkeit dieser letzten Jahre war, die jedem das Recht gab, uns mit Nichtachtung zu behandeln, und uns Vorwürfe zu machen! O, wie dankbar bin ich Ihnen!" Traute hatte angefangen, heftig zu schluchzen und sie griff in ihrer Erregung nach Paul Lehmigkes .Hand. Sie fühlte in diesem Augenblick nichts als unbegrenzte Hochf- achtung vor dem Mann, der stark und teilnahmsvoll genug war, um sie aus ihrem Elend retten zu wollen. Aber er, der sie unverwandt, fast starr angesehen hatte, während sie mit fliegenden Worten und glänzenden Augen sprach, entzog ihr seine Hand und sagte ablehnend: „Sie vergessen, daß von. Dank zwischen uns gar keine Rede ist. Wir wollen uns nicht mit lästigen und unnützen Illusionen aufhalten. Es freut mich, wenn Ihnen mein Vorschlag gelegen kommt, int übrigen habe ich nur meinen eigenen Vorteil im Auge. Die Mißstände in Kienberg waren mir längst ein Dorn int Auge, und alle Versuche, ihnen abzuhelfen, scheiterten bis jetzt. Ich war darauf und drjan, das Gut wieder zu verkaufen, trotzdem die Fabrik anfängt zu rentieren, denn ich kann keinerlei Unordnung ertragen. Es muß sich nun freilich erst zeigen, ob Sie und Ihre Schwester der Aufgabe gewachsen sein werden, aber tch wetß, Ste haben eine harte Schule durchgemacht, und tch habe etmges 4IÖ Zutrauen zu Ihrem guten Willen und Ihren Fähigkeiten. Kon Ihrer Frau Mutter erwarte ich allerdings weiter nichts, als daß sie Ihnen der erforderliche Schutz ist." -„Wollen Sie jetzt gleich-mit Mama sprechen?" „Nein, ich habe jetzt keine Zeit. Bereiten Sie sie erst auf meine Pläne vor. Ich komme heute abend wieder." Nachdenklich ging Paul Lehmigke durch den Johannapark nach der Stadt zurück. Der Sommerchorgen war heiß und staubig, und über der Stadt lagerte eine rötlich graue Dunstschicht. Ueber die versengten Rasenflächen des Parks strich der vrennenve Atem des jungen Tages wie ein Seufzen nach Erfrischung. Lebmigke blickte finster vor sich nieder. Er hätte jetzt gern den Kontrakt mit Traute rückgängig gemacht. Warum hatte er sich von seiner Frau dazu überreden lassen? Ja, Alma selbst hatte ihn auf die Idee gebracht. Er bemühte sich vergeblich das Leitmotiv ihrer Handlungs- weise zu finden, denn sentimentale Anwandlungen von Mitleid oder Großmut waren sonst nicht ihre Sache. Als sie ihm bei seiner Rückkehr von Trautens Besuch erzählte, und er jede weitere Rücksicht auf Herrn Belten kurz nblehnte, hatte sie, wie einer plötzlichen Eingebung folgend den Vorschlag, vb die Familie Velten nicht vielleicht in Kienberg nutzbar zu machen sei, leicht hingeworfen. Es »kÄme ja dort weniger auf Intelligenz und Tüchtigkeit, als -auf eine ehrenhafte, zuverlässige Autorität an. Auch diesen Vorschlag hatte er verworfen. Er wollte nichts mit einem unfähigen Manne wie Velten zu thun haben, und die Kosten, die ganze Familie zu erhalten, beliefen sich doich wohl zu hoch für einen Aufseherposten. Da kam die Todesnachricht aus Leipzig und zugleich die .Kunde aus Kienberg, daß der Schreiber in der Fabrik davongelaufen sei, und daß die Wirtschafterin sich mit dem Administrator geprügelt nnd infolgedessen gekiindigt habe. Es stchien, niemand hielt es dort in der Einsamkeit aus. Infolge dieser Nachrichten erwog Lehmigke den Botz- schlag seiner Frau noch einmal und fand, daß er ihn unter der jetzigen Lage der Dinge zu seinem Vorteil verwirklichen könne. Auch das Mitleid sprach mit. Er konnte jetzt ohne Gefahr für seine Seelenruhe Mitleid mit Traute haben. In den letzten vier Jahren waren jene Frühlingstriebe seines Gemütslebens abgestorben und verdorrt. Die Ehe Und seine umfassende Thätigkeit hatten selbst die Wurzeln Mit 'Stumpf und Stiel ausgerottet. So wenigstens schien es' ihm. Durch seine Ehe war ihm die Frau als Spezies ganz Nebensache geworden, ja, sie war ihm sogar verleidet. Und durch seine Thätigkeit, die alles in ihm aufbrauchte, was an Kraft und Lebensfülle in seiner Natur war, blieb ihm das Leben interessant und der Mühe wert. Er hatte Traute vergessen. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Meilenweit nichts als schlanke, ragende Fichtenstämme Und in den schwärzlich grünen Kronen ein leises- melodisches Sausen. Zwischen die silbernen Säulen der Bäume hatte der weiche, feuchte Sommerab'end seine graublauen Dämmerschleier gehängt, und nach einem Regentag lag ein lauwarmer, sternenloser Himmel schwer über den Wipfeln. Tiefer, immer tiefer in den Wald hinein ging die Fahrt. In der offenen, altmodischen Halbchpise, die langsam durch die sandigen, schmalen Wege schwankte, befanden sich drei Damen in tiefer Trauer, Frau Belten mit ihren Töchtern, dre sich bereits heute, am ersten Juli, nach Kienberg begaben, das fortan ihr Aufenthalt sein sollte. Die letzte Eisenbahnstation Rietschen, wo sie Herrn Leh- tnigkes Fuhrwerk abholte, lag noch gut zwei Meilen von Kienberg entfernt, und die Fahrstraße führte mitten durch den großen Forst. I Paul Lehmigkes Anerbieten hatte zwar nicht bei allen | Familienmitgliedern so ungeteilten Beifall gefunden wie bei Traute, aber es war doch angenommen worden. Es i sand sich eben nichts Besseres. Frau Belten erwog ernstlich, ob ihre Töchter, eine künftige Frau von Lodenstein und eine Gräfin Stauffen, die gebotenen Stellungen annehmen dürften, aber zum Glück hatten die Töchter ein besseres Einsehen ihrer Lagen. .Selbitz Hulde hätte in den Tagen des Zusammenlebens mit den Tanten solche Furcht vor dem Beistände der Verwandten bekommen, daß ihr Lehmigkes Aners! bieten wie eine Rettung erschien, und sie auch Egons Ab!- Neigung dagegen zu überwinden wußte. Die Tanten redeten entschieden zu. Es war eine große Erleichterung für sie, daß sie die Verwandten nicht zu er-, halten brauchten. Und nach einer Geschäftskonferenz mit Herrn Lehmigke, die ihnen Hoffnung auf Rettung eines Teiles ihrer ge- opferten Gelder ließ- hatten sie unbedingtes Vertrauen zu diesem. Es blieb noch ein Stein des Anstoßes auf dem neu gebahnten Wege, das war Armin. Es stellte sich heraus/ daß er nicht nur gänzlich verbummelt und unfähig, sein Examen zu machen, war, sondern er hatte Schulden von einigen Tausend Mark und war schwer in seiner Gesundheit geschädigt. Was sollte nun werden? Die Tanten rangen die Hände- und Frau Belten wurde krank vor Kummer. All die nützlichsten Betrachtungen, die Tante Bertha! über die schädlichen Extravaganzen des Korpslebens anstellte, und all die eindringlichsten Strafpredigten, die sie ihrer Schwägerin wegen ihrer Affenliebe M diesem hoff-, nungsvollen Sohn hielt, kamen leider zu spät. Man wandte sich an Herrn Lehmigke und fragte diesen um Rat, in der Hoffnung, er würde auch hier helfen. Frau Belten hätte sich durchaus nicht gewundert, wenn er ihv bereitwillig versichert hätte, er würde es sich zur Ehre anrechnen, ihrem Sohn M helfen. Sie hielt immer noch an den alten Wahnvorstellungen ihrer Standesvorzüge fest und konnte ihre veränderte Lebenslage nur bis zu einem' gewissen Punkt, bis zu dem leeren Beutel begreifen. Der neu angeknüpfte Verkehr mit Herrn Lehmigke bedeutete für sie immer noch eine Herablassung von ihrer Seite . Traute war sehr dagegen gewesen, Herrn Lehmigke mit ihres Bruders Angelegenheiten zu behelligen, und es zeigte? sich, daß sie die einzige war, die ihn richtig beurteilte. Er verhielt sich durchaus ablehnend und wollte nichts damit zu thun haben. Endlich kam die Sache vorläufig durch Onkel Lothar zur Erledigung, der seinen Neffen zu sich beorderte,- damit er sich während der großen Sommerferien bei ihm aus dem Lande kräftigen und mit ihm das weitere für seine? Zukunft beraten könne. Wer Armin ging zu diesem Onkel wie in eine Strafverbannung, und sein Schicksal wie der Abschied von ihm lagen seiner Mutter und seinen Schwestern schwer auf der Seele. Es war eine schweigsame Fahrt am ersten Juli durch den dämmernden Fichtenwald. Wieder ein Verlust der Heimat, wieder ein Wandern hinaus ins Ungewisse! Und man hatte ein Grab zurückgelassen, und eine große Niederlage. Den Zusammenbruch der Existenz und Armins Schiffbruch. Frau Belten lehnte müde tief in der Wagenecke und hüllte sich fröstelnd in ihren Mantel. Sie war gebrochen an Leib und Seele. Ein einziger großer Trost war ihr geblieben, daß sie unschuldig litt. Sie hatte keine Ahnung- wo der Irrtum ihres Lebens lag. Es gab eine Erklärung für ihr Martyrium, die weiter kein Nachdenken erforderte, sondern nur Glauben, nämlich daß Gott diejenigen züchtigt, die er liebt. Traute hatte sich zu dem Kutscher gesetzt, Um die Gegend besser übersehen zu können und weil der dritte? Platz in der Hal'bkutsche sehr eng und unbequem war. Ihr! Herz war voll und ihr Gemüt sehr erregt. Es galt ja, ein ganz neues Leben anzusangen! Ehe sie Leipzig verließ, hatte sie Camill Staufsen den Abschiedsbrief geschrieben. Der Schmerz war heftig gewesen. Es war nicht so leicht, mit der Erinnerung au die? Süßigkeit unh :Wonne dieser ersten Liebe fertig zu werdeu, wie sie sich gedacht hatte bei dem ersten heroischen Entschluß. Aber die Schwermut, die noch über ihter Seele hing, glich der Stimmung dieses Sommerabends. Da war nichts Trostloses, nichts von der großen Oede Und häßlichen Leere- die ein Sturm im Herbst hinterläßt. Nein, hinter den Thränenschleiern dieses dunklen Abends, der auf ein Gewitter gefolgt war, verbarg sich das reiche, vollblühende, heiß pulsierende Leben des jungen Sommertages, das einer neu ästfgehenden Sonne entgegenharrt. Endlich hätte der Forst ein Ende, jetzt kam eine Birken- Mee Mer freies Feld, ein Brausen wie Orgelklang und gedämpfter Trommelwirbel drang an ihr Ohr, man fuhr Mer eine große Brücke, unten donnerte ein Wasserfall Über Lin Wehr. Noch eine kurze Strecke Wegs! über ein holpriges Steinpflaster, dann blitzten ein paar verstreute Lichter auf und der Wagen rasselte in ein offenes Hosthor. Ein feüchtwarmer Tun,st aus Wehställen und von massenhaft nassem Laub Und Kohl schlug den Ankommenden entgegen. Dunkel und verschwommen, zum Teil ganz hinter den großen, schwarzen Blätrerhaufen riesiger Baumgruppen versteckt, ragten die Umrisse des Gehöfts aus der Nacht heraus. Jetzt brach ein Lichtstrom aus einer Thür, in dem Line.Veranda aus roten Backsteinen mit einer Freitreppe auftauchte. Und aus dieser Veranda, mitten in dem Licht- strom, unter den breiten Blättern eines Nußbaumes, die sich blaßgrün, fast weiß gegen die schwarze Nacht albhoben, stand ein Mann, den Traute heute nicht erwartet hatte, hier zu sehen, Paul Lehmigke. Geblendet von dem ungewohnten Licht, das von einer Stalllaterne aus der Veranda und von einer Lampe aus dem Hause kam, und etwas schwindelig von der langen Fahrt, taumelte Traute von ihrem hohen Sitz herunter. Als Paul Lehmigke ihr hilfreich die Hand reichte, hielt sie dieselbe fest und sagte wärm mit unverkennbarer! Freude: „O, tote gut, daß Sie hier sind, es wäre unheim- li,ch gewesen, hier unter lauter Fremde zu kommen." „Ich dachte, es ses Lesser, Sie persönlich in Ihren neuen Berus einzuführen", war die trockene Erwiderung und Paul Lehmigke war in Wahrheit einzig und allein aus dem Grunde gekommen, um den Damen von vornherein seinen Leuten gegenüber eine autoritative Stellung zu sichern. Als aber Traute ihn so herzlich begrüßte. Und die Ankunft der Damen plötzlich Leben und Bewegung in das öde, leere Haus brachte, fühlte er ein Wohlbehagen sich in seinem Innern erwärmen, das ihn in eine seltsam angeregte Stimmung versetzte. Wieder übte der Takt und das harmonische Wesen verfeinerter Lebensart der drei Damen einen Zauber aus ihn aus, den er kaum hätte definieren können, aber um so wohlthuender empfand. Er war etwas besorgt gewesen, daß der neue Wohn- brt einen höchst deprimierenden Eindruck auf die ver- wöhnien Damen machen würde, aber diese waren entschlossen i, alles von der besten Seite anzusehen. Hulde Und Traute aus Grundsatz und Eifer für das neu zu beginnende Leben, und Frau Velten aus Höflichkeit und Takt- aefühl. Sie nannten alles gemütlich., urbehaglich! und idyllisch, selbst die häßliche Borderdiele mit dem Lackstei- Nerneu Fußboden, den weißgekalkten Wänden, die mit Jagdtrophäen und uralten, verdorrten Erntekronen geschmückt waren, die bäuerisch niedrigen Zimmer mit den grellbunten Tapeten, den unge strichen en Dielen und geschimacklos bemalten Decken, in denen Oelfarbe, Kleister und frisch gescheuerte Fußböden den muffigen Geruch der unbewohnten Räume nur teilweise betäubten. „Wie herrlich", sagte Frau Velten, „hier ist Platz für all unsere Möbel, selbst für meine großen Wäscheschränke! M« «emütlich werden wir uns hier ein» richten I" (Fortsetzung folgt.) Vom Weltfrieden der Tiere. Von Arnold Rohde. Nachdruck verboten. Die Welt ist vollkommen überall. Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual. Der Mensch ist nicht der natürliche Feind der Tiere; erst die grausame Kultur hat ihn dazu gemacht. In bet Wildnis, an wenig besuchten Statten nähern sich viele Tiere, obwohl sie den Menschen ohne weiteres als oen, Stärkeren erkennen müssen, noch ganz zutraulich, ihrem tückischen Feinde, und häufig sind es gerade Die Vögel, welche in anderen Gegenden schleunigst beim Nahen des Menschen entfliehen, weil sie ganz genau lvissen, was sie von ihm zu halten haben. , Als die Weißen zuerst die Inseln der südlichen Hemisphäre besuchten, fanden sie die Tiere daselbst ganz furchtlos. Manche Vögel, wie Pinguine und Albatrosse schenkten dem Menschen, der doch ein ganz neues Wesen für sie darstellte, nicht einmal die geringste Aufmerksamkeit. Man ivollte das Nest des Älbätroß photographieren, und mußte den brütenden Vogel erst mit Gewalt vom Neste wegdrängen, um die Mer sichtbar zu machen. Er pickte da nur nach dem Mndringling, als wenn er diesen damit verscheuchen könnte. Die merkwürdige Furchtlosigkeit der Albatroß-Arten, welche um so sonderbarer ist, da diese Vögel Flugkünstler ersten Ranges sind, und die Reisenden ans den Weltmeeren im eleganten Fluge fast wochenlang begleiten, ist schon sehr häufig von Beobachtern geschildert worden. Schon Plinius erzählt, die Vögel hätten die Hellenen besonders lieb; aber seinen Zusatz, daß sie andere Menschen mit Geschrei verfolgten, kann man nur als dichterische Erfindung betrachten. Man nannte sie damals Diomedes-Vögel, denn die Fabel erzählte, daß sie durch Verwandelung der Gefährten des Diomedes entstanden seien. Dem Vogel fehlt es nicht an einem geeigneten Werkzeug, sich zu verteidigen, wenn er angegriffen wird; denn er besitzt nicht nur mächtige Flügel, sondern einen großen, kräftigen Raubtierschnabel. Aber es scheint, daß er die Tücke der Menschen gar nicht begreifen will. Die Matrosen machen sich häufig den Spcch den gemeinen Albatroß, wenn er das Schiff umkreist, mit einer Angel zu fangen, und aufs Deck zu ziehen, wobei sie als Köder ein Stück Fleisch oder Speck benutzen. Er läßt sich dann alle Neckereien ruhig gefallen, und erst wenn es ihm gar zu ungemütlich wird, beginnt er sich mit seinem Schnabel zur Wehr zu setzen, genau wie ein treuer Haushund, der eine ganze Portion Spaß vertragen kann, aber doch auch einmal zubeißt, wenn es gar zu toll wird. Läßt man den gekränkten Älbätroß aber frei, so geht er doch wieder an die Angel — so grenzenlos vertrauensselig ist das Tier. Noch furchtloser benehmen sich die Tiere auf ihren Nistplätzen. In einem vom Baron Walter Rothschild herans- gegebenen Werke erzählt Heinrich! Palmer, er habe beim! Betreten der Insel Laysan, welche zu den einsamen, nordwestlich von den Sandwich-Jnseln gelegenen Koralleninseln gehört, eine so ungeheuer große, unübersehbare Schar dieser dichtgelagerten Vögel gesehen, daß er durch dieses ganz ungewöhnliche Schauspiel völlig frappiert gewesen. Die Vögel blieben sämtlich ruhig an ihrem Platze sitzen. Als dann Palmer in Begleitung des Direktors Freeth von der Guano-Gesellschaft den Brutplatz besuchte, mußte ein Junge vorausgeschickt werden, um durch die dichten Vogelscharen einen Weg zu bahnen, denn das ganze weit ausgedehnte Terrain war buchstäblich mit Albatrossen gepflastert. Es war der weißbrüstige Bogel, welchem sein grenzenloses Zutrauen zum Menschen — denn er läßt sich von diesem mit Händen greifen — den Namen „Dummkopf" eingetragen hat. Darwin erzählt, daß auch die Tauben auf einer von ihm besuchten Insel garnicht begreifen wollten, daß fie im Menschen einen Feind zu sehen hätten. Die Vögel konnten weitergeschoben werden, ehe sie sich rührten, und versuchten sogar, sich den Menschen auf den Kopf zu setzen. Im Kerguelen-Land flogen die Vögel in einem der aus- gedehnten Krähenhorste nicht empor, wenn Menschen kamen, sondern verteidigten vielmehr ihr Gebiet und pickten auch wirtlich so heftig auf die Eindringlinge los,, daß sie diese zum Rückzug zwangen. Hätten sie je zuvor einen Menschen gesehen, wären sie gewiß nicht so mutig gewesen. Der große Alk, welcher früher sehr häufig an der nordöstlichen Küste Amerikas vorkam, hakte so großes Vertrauen zu dem Menschen, daß er mit einem Knüttel niedergeschlagen werden konnte. Charles F. Holder weiß noch von einer Reihe ähnlicher Beobachtungen zu berichten. Vor einigen Jahren besuchte er eine Stelle an einem im Meere gelegenen Felsenriff Floridas, wo eine Seeschwalbe nistete, und fand die Vögel bemerkenswert zähm; sie befanden sich in so großer Anzahl -auf dem Felsen, daß sie eine schwarze Wolke über demselben bildeten, welche zu Zeiten in einer Entfernung von drei Kilometern sichtbar war. Als er landete war das Geschrei der Taufende von Vögeln so laut und hielt so lange an, daß die menschliche Stimme kaum vernehmlich wär, ferbft wenn man laut rief. , Als Holder dann einmal aus Leibeskräften schrie,, schwiegen die Vögel sämtlich einen Augenblick, augenscheinlich, um zu horchen, worauf das fürchterliche Getöse von neuem begann. Diese Vögel wären so zahw, und flogen so dicht an seinen Kopf heran, daß er sie fast, berühren konnte, ja, 412 hie brütenden Tierchen rührten sich, ostmM nicht bon der Stelle, und ließen sich streicheln. An den Stiften der Avalon Bay auf der Insel Santa Catalina, Kalifornien, spielt sich täglich folgende Szene ad. Scharen von Möven folgen täglich den Dampfern auf eine Entfernung von 20 Seemeilen. Diejenigen, welche ermüden, ruhen auf der goldenen Kugel der Mastspitze aus. Eine große Anzahl dieser Möven lebt das ganze Jahr hindurch in Avalon mit AWtiahme der Brutzeit, wo sie sich an eine weniger besuchte Stifte begeben. Die Vögel sind außerordentlich zahm, und es bildet einen Zeitvertreib der Reifenden und Touristen, die Möwen zu füttern, welche herbeikommen und sich um das Futter streiten. In der Beschreibung einer der älteren Expeditionen längs der kalifornischen Küste erwähnt der Pater Torque- mada auch die Zahmheit der Raben von Catalina. Dieselben hatten allerdmgs alle Veranlassung zur Furchtlosigkeit. Die Eingeborenen hegten nämlich eine gewisse Ver- ärung für die Vögel, und töteten sie memals. Die schlauen ^schöpfe machten sich das zu Nutze, und schnappten buchstäblich den Frauen die Fische aus der Hand, wenn dieselben auf dem Ktistensand gereinigt wurden. Vielleicht nahmen die Vorfahren der heutigen Möwen von Avalon sich ein Beispiel an diesen zahmen Vögeln, um ihre Furchtlosigkeit späteren Generationen zu vererben. Die Vögel warten alltägliche auf die Abfälle des Fifch- S. Die Fische werden am Strand gereinigt, und jeder l von den Vögeln fortgetragen, welche ein ausgezeichnetes Sanitäts-Korps darstellen. Mchts entgeht ihren scharfen Augen, und die Küsten der Insel werden durch die Scharen dieser Möwen sauber gehalten. Die Seelöwen, welche hier eine« Lagerplatz! haben, sind ebenso zahm, und gleichfalls sehr schätzenswerte Geschöpfe. Sie lassen Boote ziemlich dicht herankommen, und lassen sich in größter Gemütsruhe photographieren. Nachmittags nach, der Rückkehr der Fischer kommen sie in die Bucht, und holen sich die Fische, welche auf den Grund des Meeres gefallen find, und von den Möwen nicht erreicht werden können. Einige der Seelöwen sind so beharrliche daß sie den Booten folgen, und geschickt den Köder von der Angel nehmen, ohne sich daran festzuhaken. Ein Seehund pflegte sich im Wasser aufzurichten, und über den Köder herzufallen, sobald derselbe ins Wasser geworfen wurde. Einer der Seelöwen wurde schließlich so zahm, daß er einem Fischer die Fische aus der Hand schnappte, welche dieser wusch. Dies ist vielleicht der Thatsache zuzuschreiben, daß die Tiere geschützt find; niemand darf sie schießen, oder in irgend einer Weise belästigen. Die Furchtlosigkeit des Büffels bildete die Ursache, daß er mit solcher Leichtigkeit ausgerottet werden konnte. Die Tiere standen oft bei der Annäherung des Menschen still, und liefen erst davon, wenn es zu spät war. Viele Elche verloren ihr Leben aus übergroßem Vertrauen zu zu den Menschen. In Florida fand Holder, daß an gewissen, selten von Menschen besuchten Plätzen die Krabben außerordentlich zahm waren, während sie an anderen belebteren Küsten sehr furchtsam waren. An einer Stelle, wo die Krabben vermutlich nie zuvor einen Menschen gesehen hatten, flohen sie nicht, sondern standen ruhig still, und wenn Holder sich in den Sand legte, so dauerte es nicht lange, bis sie in Scharen um ihn herumkrabbelten, augenscheinlich durch Neugier getrieben. Der Walfisch wird gewöhnlich für ein sehr furchtsames Tier gehalten, doch haben sich diese ungeheuren Geschöpfe auch vielfach ganz furchtlos erwiesen. So schloß sich ein Walfisch einmal an der pacifischen Küste einem Schiff an, welches soeben San Francisco verlassen hatte, und folgte ihm fast bis Süd-Amerika. Man versuchte alles Mögliche, um das Tier zu vertreiben; doch der Walfisch zog die Gesellschaft vor, und verzog sich erst, als das Schiff einen seichten Hafen anlief. Eine bekannte Iacht- gesellschaft war einmal gezwungen, bei völliger Windstille in den südkalifornischen Gewässern stillzuliegen und stundenlang spielten vier oder fünf große Walfische um das Fahrzeug herum. Die von den Tieren emporgeschleuderten Wasserstrahlen waren außerordentlich unangenehm, während die zitternden Bewegungen, das Heben und Senken des Schiffes, wenn die Ungetüme den Kiel streiften, nicht wenig zum Unbehagen und zur Nervosität der Reisenden beitrugen. Fische scheinen selten furchtlos zu fein. Einem besonders bemerkenswerten Beispiel von Zahmheit bei Fischen begegnete Holder an der Küste Floridas bei einem alten, abgestorbenen Korallenriff von ziemlicher Größe. Während der Ebbezeit versuchte er einmal von seinem Boot aus mehrere Rindenkorallen zu erlangen, welche an dem Ko- rallenzweig sich befanden, als zu seinem nicht geringen Erstaunen mehrere kleine Rüsselstsche dicht an seine Hand' heraufkamen, und sich von ihm wiederholt berühren ließen.. Die kleinen gepanzerten Fische zeigten nie die geringste Furcht. Auch die Seebarben sind sehr zahm; sie lassen sich durch Menschen garnicht beunruhigen, und werden deshalb mit dem Wurfnetz sehr leicht gefangen. Es wäre nun sehr thöricht anzunehmen, daß die Furchtlosigkeit vor dem Menschen nur diesen wenigen Tier- geschlechtern angeboren sei. Man kann nur glauben, daß diese Tiere verhältnismäßig spät den Menschen als Feind! kennen gelernt haben, und daß noch viele Generationen dahin gehen müssen, um sie zu überzeugen, daß der Ktilturmensch ihres Vertrauens durchaus nicht würdig ist. Vielleicht werden sie zu spät zu dieser Einsicht gelangen,, wenn die iWstenz ihres Geschlechtes bedroht ist, wenn nur noch wenige ihres Geschlechtes übrig geblieben siudh vermischtes. Fürsten als Grundbesitzer. König Albert von Sachsen war von den deutschen Fürsten der fünftreichste Grundbesitzer,, denn er besaß insgesamt 61 Güter mit einem Wald- und Feldaroal von 31000 Hektar. Kaiser Wilhelm besitzt nach der neuesten amtlich beglaubigten Zusammenstellung der fürstlichen Besitzungen in Preußen als reichster Grundbesitzer nicht weniger als 83 Güter int Gesamtumfang von 98 746 Hektar und 661631 Mark Grundsteuer-Reinertrag.. Es folgen dann der Fürlst von Pleß mit 75 Gütern (50112 und 324 042 Mark Grundsteuer-Reinertrag), der Herzog von Ujest mit 52 Gütern (39 742 Hektar und 233 701 Mark Grundsteuer-Reinertrag), der Herzog von Ratibor mit 51 Gütern (33 096 Hektar und 274 627 Mark Grundsteuer-Reinertrag). Die übrigen fürstlichen Fideikommißbesitzer begnügen sich mit einer weit geringeren Anzahl von Besitztümern. Wie man säumige Zahler eiufängt, dieses große Geheimnis hat der Inhaber einer großen Londoner Schnei- derfirma herausgebracht. „Sie haben in meiner Rechnung einen Fehler gemacht", mit diesen Worten trat dieser Tage ein junger Mann erregt in seinen Laden. „Das ist un- möglich", versicherte der Schneider sanft. „Es ist aber so", antwortete der junge Mann heftig, „sehen Sie hier — 40 Mark zu viel." Der Geschäftsinhaber verglich die Rechnung mit feinen Büchern. „Sie haben recht, mein Herr," gab er dann zu. „Ich werde 40 Mark abziehen/ und . . . wieviel sagten Sie doch, daß Sie darauf bezahlen wollten?" Der junge Mann wurde rot, hustete und holte endlich einen Hundertmarkschein hervor.... „Das wirkt jedes Mal", sagte der Schneider vertraulich zu einem, der dabei gestanden. „Nichts bringt einen Mann zu solcher Eile, als wenn man ihin zu viel auf die Rechnung setzt. Wenn ein Kunde mit den Zahlungen zurückbleibt und sich fernhält, schicke ich ihm eine zu hohe Rechnung. Er kommt mit der größten Eile, um den Fehler verbessern zu lassen, und ein wenig Diplomatie thut das! Uebrige. Das Beste aber ist, daß es seine Gefühle durchaus nicht so verletzt, wie wenn man das Geld von ihm einziehen ließe. . ."__ Telegraphenrätsel. .--. . männlicher Vorname. . — . fremdes Tier. — ... — Himmelskörper. ...-- Behälter. .--,--Nebenfluß des Rheins .. — . . mäbrischer Fluß. ...-- Amtskleid. ...--- König der Ostgoten. ...---europäisches Königreich. Statt der Striche und Punkte sind Buchstaben zu setzen, so daß Wörter von der beigefügten Bedeutung entstehen. Die auf die Punkte fallende» Buchstaben müssen, im Zusammenhang gelesen, ein Sprichwort ergeben. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Alte Bekanntschaft. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrvckerei (Pietsch Erben) in Gießen.